Der Bundschuh zu Lehen im Breisgau
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Der
Bundschuh zu Lehen
im Breisgau,
und
der arme Konrad zu Bühl;
zwei Vorboten
des deutschen Bauernkrieges.
aus den Quellen bearbeitet
von
Dr. Heinrich Schreiber.
Freiburg im Breisgau.
Im Verlag der Wagner’schen Buchhandlung.
1 8 2 4.
[II]
Vorwort.
Zwar kann bei Empörungen des gemeinen Mannes, wie wir ihn im sechzehnten Jahrhundert in Deutschland finden, nicht von Charakteren oder Thaten die Rede seyn, wie sie sich in Bewegungen der Völker des Altertums auszeichnen, und den Forscher wenigstens durch ein großartiges, erfreuendes oder schreckendes Bild, für seine Mühe entschädigen. Doch ist auch diese Geschichte keineswegs, wie man wohl bei flüchtiger Ansicht glauben möchte, ein flaches Einerlei von alltäglicher Gemeinheit und niedern Bestrebungen und Leidenschaften; auch hier treten Helden oft in der entschiedensten und merkwürdigsten Haltung auf, und ziehen an dem Blicke vorüber; nur ihre Stellung ist verändert, ihre Rednerbühne sind Schenken oder abgelegene Fluren, und der Kreis ihrer Wirksamkeit umfaßt anfänglich nur benachbarte ärmliche Hütten, bis er sich endlich auch über ganze Länder verbreitet. [V] Was solchen Männern überhaupt an physischer Größe oder an moralischer Hoheit abgeht, ersetzen sie gewöhnlich durch jene rasch überwältigende Zuversicht, oder jene langsam berückende Schlauheit, welche stets den Schwächling beherrschen, den Unentschiedenen ermuthigen, den Trotzigen stählen, einfache Redlichkeit und Frömmigkeit aber nach und nach so umstricken, daß sie sich ;noch ganz anzugehören, und nur ihren Pfad zu verfolgen scheinen, während sie längst die sichere Beute eines Verführers geworden sind. Da es sich bei den nachfolgenden historischen Umrissen des Bundschuhes im Breisgau (1513), und des armen Konrad in der Markgrafschaft (1514), durchaus um die strengste Begründung handelte, hielt es der Verfasser für nöthig, die Quellen selbst, aus denen er geschöpft hatte, und deren Originalien sich sämmtlich im Archive der Stadt Freiburg befinden, in den Beilagen anzuschließen; oder, wenn man will, diese als Hauptgegenstand, und seinen Text nur als Einleitung zu demselben, als Vereinigungspunkt der in den [VI] Beilagen zerstreut liegenden ausführlicheren Züge zu betrachten. Ohne Zweifel wird die, unserm jetzigen Hochdeutsch sehr nahe kommende Sprache des sechzehnten Jahrhunderts; dem Leser um so weniger Schwierigkeiten machen, da die Hauptwörter überall mit großen Anfangsbuchstaben gedruckt, und die Unterscheidungszeichen gehörigen Ortes beigefügt sind. Die von Panzer, S. 370 u. ff. seiner Annalen der ältern deutschen Litteratur; aufgeführten gleichzeitigen Druckschriften über den Bundschuh, sind dem Verfassers; ungeachtet des sorgfältigsten Nachforschens nach denselben, nie zu Gesicht gekommen. Was S. 27 der vaterländischen Blätter v. J. 1812 über deckt Bundschuh gesagt, S. 306 des Freiburger Wochenblattes von demselben Jahre abgedruckt, und S. 488 daselbst erweitert wurde, kann nur als eine kurze Notiz angesehen werden.
Von jeher hatte es auch in Deutschland unter dem gemeinen Volke Unzufriedene gegeben, aber ihre Ansprüche, Klagen oder Streitigkeiten beschränken sich nur auf ein gewisses Gebiet, und ließen außerhalb desselben Alles unangefochten. Gegen Ende des fünfzehnten Jahrhunderts änderte sich jedoch hierin die Lage der Dinge. In dem Maße, in welchem Fürsten, Adel, höhere Geistlichkeit und Städte engere Verbindungen knüpften, schien auch der gemeine Mann auf dem Lande nicht mehr vereinzelt in seiner Herrschaft stehen zu wollen, sondern sich, dessen vielleicht unbewußt, näher an seinen Nachbar anzuschließen, und an dem Schicksale, an den Wünschen und Bestrebungen von Seinesgleichen [2] in Deutschlands überhaupt, gleichgültig welchem Herrn sie angehörten; einen Antheil zu nehmen, wie man ihn bisher noch nicht bemerkt hatte. Unverkennbar äußerte die nun seit mehr als anderthalb Jahrhunderten errungene und siegreich behauptete Freiheit der schweizerischen Eidgenossen besonders in den angränzenden Gegenden, sehr großen Einfluß. Sie hatte gelehrt, was vereinigte Kraft des gemeinen Mannes bei gehöriger Ausdauer zu bewirken vermag und war daher diesem nicht weniger Lockung als Ermunterung und Hoffnung geworden; So mußte notwendig nach und nach jedes einzelne Ereigniß einen entschiedeneren allgemeinern Charakter gewinnen, da sich in ihm mehr oder minder das Wünschen und Streben einer ganzen Volksklasse entweder wirklich aussprach oder doch vorbereitete. Einer der wichtigsten jetzt beinahe ganz vergessenen Vorfälle dieser Art ist eine Meuterei des gemeinen Mannes im Elsaß[WS 1], worin bereits Zwecks und Mittel des späteren Bauernkrieges vollkommen zu erkennen sind. Es war nämlich, erzählen Herzogs edelsasser Chronik (S. 162.) und der Stadt Freiburg[WS 2] handschriftliches großes Buch» (S.144.) übereinstimmend, im Jahre 1493, als im Elsaß eine geheime Verbindung angezettelt zu werden anfieng. Theilnehmer aus Schlettstadt[WS 3], Sulz[WS 4], Dambach[WS 5], Epfich[WS 6], Andlau[WS 7], Stotzheim[WS 8], Kestenholz[WS 9], Tiefenthal[WS 10], Scherweiler[WS 11] und andern Orten, nicht nur gemeine Leute, sondern auch Männer, welche mit städtischen Aemtern bekleidet waren, verpflichteten sich mit Eiden, und wählten zu ihren Zusammenkünften den wilden unwegsamen Hungerberg[WS 12]. Hier nahmen sie die Neulinge unter den schrecklichsten Drohungen, wenn [3] sie ausplaudern würden, auf; hier ernannten sie Hauptleute, und entwarfen folgende Bundesartikel. Erstens, geistlich und rothweilisch Gericht abzuthun, und Niemanden eine Schuld zu erstatten. Zweitens, Zoll, Umgeld, und andere Beschwerungen abzustellen. Drittens, Steuer zu geben nach eigenem Gefallen (keiner mehr denn vier Pfenning.) Viertens, die Juden zu tödten; und ihnen ihr Gut zu nehmen. Fünftens, keinem Geistlichen mehr als eine Pfründe zu 40 oder 50 fl. zu lassen, auch ferner nicht mehr zu beichten[1]. Da die Beschwerenden wohl einsahen, daß sie sich nur durch eine auffallende That hinreichenden Anhang erwerben könnten , richteten sie ihre Augen auf Schlettstadt[WS 13]; das zuerst von ihnen überfallen, und durch dessen Schatz ihre Macht vermehrt werden sollte. Dann wollten sie noch einige umliegende Städtchen und Dörfer in ihren Bund bringen, und ein Panner mit dem Bundschuh[2] aufwerfen, damit ihnen der gemeine Mann zu1iefe. Leicht wäre dann, glaubten sie, das [4] ganze Elsaß eingenommen, besonders durch Hülfe der Eidgenossen, die man herbei rufen müsse. Wer wider sie wäre, sollte erschlagen werden, und der Ueberfall auf Schlettstadt in der Charwoche vor sich gehen. „Aber Gott der Herr hat’s verhindert,“ fügt Herzog schließlich bei; und das große Buch erzählt weiter, wie der Anschlag verrathen, ein Stadtmeister von Schlettstadt, dieser Meuterei schuldig; auf seiner Flucht nach Basel angehalten und geviertheilt, Mehrere enthauptet, Andere des Landes verwiesen, und an Händen und Fingern verstümmelt worden. Ueberallhin wurden die Flüchtlinge mit größter Strenge verfolg und vergebens da und dort in Schutz genommen. Ein reisiger Knecht, genannt Schützen - Ulrich von Andlau[WS 14], hatte sich zu Ebnet[WS 15] bei Freiburg im Gerichte des edeln David von Landeck zu sichern gesucht, und war wirklich hier im herrschaftlichen Schlosse selbst aufgenommen worden. Aber auch hieher verfolgten ihn, auf Schlettstadts Anfoderung die von Freiburg, deren Bürger der Gutsbesitzer war, dem zugleich von Seite des Landvogts ein dringendes Schreiben zugeschickt wurde. Vergebens sträubte er sich lange, seinen Schützling auszuliefern, und veranlaßte sogar zu Gunsten desselben mehrere, von zahlreichem AdeP.be- suchte, stürmische Lamdgerichte: das Recht gewann endlich auch hier seinen Gang, und dem Meuterer wurden die zwei Finger, die er zum ehrlosen Eid emporgehoben hatte, abgehauen. Kaum war ein Jahrzehend vorübergegangen, so sah man denselben Verrath; dieselben Anschläge in andern Gegenden wiederkehren. So zettelte sich auch im Dorfe Untergrombach[WS 16], bei Bruchsal[WS 17] im Bisthum Speier[WS 18], während des Jahres 1505 eine neue Verschwörung an. [5] Aber auch hiebei wurde nicht blos auf die nähere Umgegend Rücksicht genommen, sondern der Plan in möglichster Ausdehnung entworfen. In allen Landen sollte der gemeine Mann aufgeregt, und zur Theilnahme bewogen werden, der Bund selbst zählte bereits bei 7000 Männern und 400 Weibern. Sie würden, war ihre Hauptk1age, so sehr beschwert, daß die vierte Stunde der Arbeit nicht ihnen angehöre; daher auch ihre Artikel eine größere Ausdehnung gewannen. Vorerst, schworen sie das Joch der Leibeigenschaft abzuschütteln, und sich mit dem Schwert in der Hand selbst zu befreien; dann solle alle Obrigkeit aufgehoben werden, und, wer sich ihnen widersetzte, des Todes seyn frei seyn, und nicht den Fürsten und Herrschaften allein Fischen, Jagen, Vogeln, Wald und Weide sollten frei seyn, und nicht Fürsten und Herrschaften allein zustehen. Eben so wenig sol1te Jemand die Macht haben, Zins und Zehnden, Zoll oder Schatzung einzutreiben. Auch den Stiftern und Klöstern war der Untergang verheissen. Dennoch fehlte es diesem Bunde an religiösem, den gutmüthigen Schwächling leicht täuschenden Flitterwerk nicht. Wer demselben angehörte, hatte die Pflicht auf sich, täglich fünf Pater noster und eben so viele Ave Maria mit gebogenen Knien zu sprechen. Auch waren U. L. Frau und St. Johann Evangelist zur Hauptlosung geworden; eine andere gab auf die Frage: „Loset (hört), was ist es jetzt für ein Wesen?“ die Antwort: „wir können nicht vor Pfaffen und dem Adel genesen.“ Wie ihre Vorgänger die Elsässer Sch1ettstadt, hatten diese Speierer Bruchsal zum Ueberfall im Auge, nach dessen Einnahme sogleich in die Markgrafschaft Baden gerückt werden sollte. In keinem Orte, hatten [6] sie beschlossen; 1änger als 24 Stunden zu verziehen, sondern immerdar voranzueilen, bis sie alles Land eingenommen hätten; denn sie trugen gute Hoffnung, daß überall Bürger und Bauern, auch ungezwungen schon aus Liebe zur Freiheit ihnen zufallen würden. Auch diese Meuterei kam nicht zum Ausbruche, sondern wurde, ehe sie reif war, in der Beicht aufgedeckt Ihrer wegen wurden drei Tage zu Schlettstadt gehalten, auf denen die kaiserlichen Räthe, des Pfalzgrafen; des Bischofs und der Stadt Straßburg[WS 19], des Herzogs zu Würtemberg[WS 20], der Grafen zu Hanau[WS 21], Bitsch[WS 22] Rapoltstein[WS 23] auch der Stadt Colmar[WS 24] und anderer Städte und Herren Gesandte zugegen waren. Indessen benützten viele der Rädelsführer die Gelegenheit sich flüchtig zu machen; Andere, derer man habhaft werden konnte, wurden aufs schärfste bestraft.[3] Als Absenker dieser Speierer - Verschwörung kann die acht Jahre später; nämlich im Jahre 1513 erfolgte Meuterei Breisgauischer Bauern; welche den eigentlichen Gegenstand dieser Untersuchung ausmacht und vorzugsweise den Namen des Bundschuhs führt, betrachtet werden. Ohne Zweifel lag auch hier der Brennstoff schon vorbereitet, aber es bedurfte doch der Funken, ihn zu entzünden, und diese wurden nun durch einen Flüchtling des Unterländer - Bundes überallhin ausgestreut. Joß Fritz[WS 25] nämlich, aus Untergrombach selbst, hatte, um dem Tode zu entgehen, seine Heimath verlassen und anfänglich, wie es scheint , den Schwarzwald zur Zuflucht gewählt. Hier wohnte er bald da [7] Bald dort (zu Villingen[WS 26], Horb[WS 27] etc.[4] ), und verehelichte sich auch mit einem Weibe (einer Els Schmidin[WS 28]) aus Lenzkirch[WS 29] oder Stockach[WS 30][5] Später erst mag er sich in das Breisgau gewagt haben, wo e in dem nur eine Stunde von der Stadt Freiburg entlegenen Dorfe Lehen[WS 31] das damals dem edeln Balthasar von Blumeneck[WS 32] angehörte,[6] nicht nur Aufnahme und Sicherheit fand, sondern auch, um sich seinen Unterhalt zu verschaffen, den Dienst als Bannwart[WS 33] erhielt.[7] Sein Aeusseres zeichnete ihn vorteilhaft unter Seinesgleichen aus. Er trug mehrere Kleider, gewöhnlich einen schwarzen französischen Rock und weisse Beinkleider, zugleich zierte ihn ein silberner Fingerring. Auf dem linken Arme bemerkte man zunächst der Hand ein schwarzes Muttermal.[8] Schon früher, wie ihn die Berichte nennen, der rechte Ursacher einer, „hatte er sich kaum einiges Zutrauen erworben, als er auch in seinem neuen Aufenthaltsorte darauf sann die alten Ränke wieder anzuknüpfen und sich zum Haupte der Mißvergnügten aufzuwerfen. Verschmitzt im höchsten Grade, fand er leicht das Mittel, den einfältigen Landmann, der sich in seinen Verhältnissen gedrückt fühlte, zu berücken. Kam er mit seinen Nachbarn zusammen, so nahm er anfänglich mit großer Scheinheiligkeit das Wort, und klagte, daß Gotteslästern, Zutrinken, Wuchern, Ehebrechen, und andere Laster so sehr überhand nähmen, und von den Obern nicht bestraft würden; daß aber auch der Druck von Seite der Herrschaften so groß sei, daß man zuletzt ein schweres [8] End erwarten, und der gemeine Mann selbst ein Einsehen nehmen müsse. Mit solchen süßen, und, wie die Berichte sich ausdrücken, „vom Teufel selbst eingeflüsterten Reden, die er oft und abwechselnd wiederholte, und bei denen er sich ganz einfältig stellte,“ wußte er nach und nach die Bauern, „die ihre Güter höher als sie im Werthe waren versetzt, und ihre Gemüther auf viel Zehrung und wenig Arbeit gestellt hatten“, an sich zu ziehen, und sich einen nicht geringen Anhang zu verschaffen.[9] Im Jahre 1513 fieng Joß Fritz an, seine Plane bestimmter zu entwickeln, und sich Einzelnen, die er für empfänglicher hielt, oder deren Einfluß für ihn besonders wichtig war, näher anzuschließen. Anfänglich waren es nur Andeutungen, Winke, die er fallen ließ. „Willst du uns, Nachbar, auch helfen zur göttlichen Gerechtigkeit? Du siehst ja, wie es uns geht, und daß wir heute um dieß, morgen um das andere kommen, und daß man uns nicht belassen will bei unsern alten Bräuchen, Rechten und Herkommen. - Aber schweigen must du, und niemanden etwas vertrauen!“ Fie1 dann die Antwort „man wolle gern helfen, wozu man Glimpf, Fug, Ehre und Recht habe;“ da hatte der Verführter schon gewonnenes. Spiel; und den gutmüthigen aber verdrossenen Nachtbar weiter. beschwatzend, versicherte er; „Sie wollten nur dem leben, was göttlich, ziemlich und bil1ig sei, und die großen Wucherer, und was nicht göttlich und billig sei, abthun; und so einer gezinset, und die bezahlten [9] Zinse dem Hauptgut gleichgekommen, sollten sie fürder nicht mehr entrichtet werden. Dann wollten sie auch künftig ihren Herren und Obern im Jahre nicht mehr als einen Frontag leisten, und es versuchen, sich selbst bei ihren Rechten, Bräuchen und alten Herkommen zu handhaben, deren sie von ihrer Herrschaft gewaltiglich und ohne Recht entsetzt seien. Denn, ( fügte er, um seiner Rede durch einen Beweis noch mehr Nachdruck zu geben, bei ), der Nachbar wisse wohl, wie sie der Wirthschaft halb mit ihrem Junker lange Zeit zu Ensisheim[WS 34] gerechtet, daß jeder Hintersäß zu Lehen frei und ohne Beschwer Wirthschaft treiben dürfe; daß aber ihr Junker darauf keine Rücksicht genommen, sondern sie gegen Brief, Siegel und erlangte Rechte davon gedrängt, und die Wirthschaft andern Personen um Geld verliehen. ——— Dergleichen Gewalt und Hochmuth hätten sie seither ertragen müssen!“[10] Mit solchem Eingange begnügte sich Joß Fritz gewöhnlich für’s Erste, und überließ es dem Angeköderten, sich nach und nach selbst mit seinem Gewissen und. sittlichen Gefühle abzufinden. Erwartete er, daß dieses geschehen sei, oder näherte sich ihm der betrogene Nachbar von selbst, so knüpfte er seine Mittheilungen wieder da an, wo er aufgehört hatte, indem er fortfuhr, über den Druck der Herrschaft und die Ungerechtigkeit des rothweilischen und geistlichen Gerichtes zu schmähen. Nur Pabst und Kaiser, versicherte er, seien von Gott gesetzte Obrigkeiten; Holz, Feld, Wassers, Vögel, Fische, Gewild und alles dergleichen, sei Armen und Reichen gemein; ihnen gebühre der Überfluß, in [10] welchen Klöster und Geistliche schwelgen u. s. w. Kurz, er wußte (versichern die einstimmenden Berichte) „den geblendeten Zuhörern seine Ansichten so süß vorzutragen, daß ihrer jeglicher von Stund an selig und reich zu seyn wähnte.[11] Auch an treuen Gehilfen für seine Plane fehlte es dem schändlichen Verführer nicht. Während mit ihm zu Lehen ein Bäkerknecht aus Etschland[WS 35] Hieronymus mit Namen, der bei dem Müller diente, und durch weite Wanderschaften, ( von denen er viel zu erzählen wußte, ) in Ansehen stand, die nächsten Nachbarn bearbeitete,[12] hatte den auswärtigen Verkehr vorzugsweise ein Abentheurer übernommen , welchen die Urkunden Ve1tin oder Stoffel von Freiburg[WS 36] nennen der aber größtentheils zu Waldkirch im Wirthshause bei der Probstei saß, und von hier aus in alle Gegenden, bis nach Ehingen[WS 37] in Schwaben[WS 38], seine Streifereien machte. Er ritt ein weisses Roß, hatte einen weissen mit schwarzem Sammt belegten Mantel um sich geworfen und trug einen silbernen Strahl im Barett[13] Joß Fritz selbst unternahm da und dorthin kleinere und größere Reisen, thei1s um selbst Theilnehmer zu gewinnen, theils um sich von der Wirksamkeit seiner Unterhändler zu versichern. Längs des Kinzigthales[WS 39] waren bereits mehrere Wirthe ins Einverständniß gezogen, und ihre Häuser zu geheimen Zusammenkünften bestimmt. Im nächsten Dörflein ob Haslach[WS 40], in der Vorstadt zu Wolfach[WS 41], in der Schenke beim alten Bergwerke, beim Jörg von Ulm mit dem Eisenring um den Hals waren sichere [11] Versammlungsstuben. Hand in Hand mit diesen Wirthen wirkten herumziehende Hausierer, Sprecher und Pfeifer Zu Offenburg[WS 42] gewährten Klaus Krantz und Stoffel Zimmermann den Verschworenen Aufnahme aus Bolspach[WS 43] unter Offenburg warben Kilian Ratz und ein Abentheurer Alexander genannt, dessen schwarzes Barett ein vergoldeter Pfenning, und dessen Seite ein Schlachtschwert zierten. Bis nach Bretten[WS 44] und in den Hauptsitz der Verschwörung von 1505 verzweigte sich auf dem diesseitigen Ufer des Rheines die Verbindung; und die ausführlichen Aufzeichnung der Theilnehmer erwähnt sogar eines Edelmannes, der auf dem untersten Schlosse bei Dertingen[WS 45] sitze, und mit Joß von Bretten, einem der eifrigsten Beförderer des Bundes im Wirthshause beim Kloster zu Dertingen Zusammenkünfte halte.[14] Auch auf dem jenseitigen Ufer des Rheines fand die Verschwörung in einem großen Theile der Dorfschaften des Elsasses zahlreiche Anhänger.[15] Nicht minder wurde um den Kaiserstuhl und durch die Markgrafschaft der gemeine Mann schwierig gemacht.[16] Selbst Geistliche waren da und dort dieser Meuterei nicht abgeneigt; und Johannes Pfarrer in Lehen erklärte sogar dieselbe ( nach Versicherung eines Gefangenen ) für ein „göttliches Ding, denn die Gerechtigkeit würde dadurch befördert werden und Gott selbst wolle es. Auch habe man in der Schrift gefunden, daß es Fortgang gewinnen müsse.“[17] Wo endlich Ueberredung nicht ausreichte, suchte man sich der Gewalt zu bedienen; und die Urkunden [12] geben sogar Nachricht von einem Anfall auf öffentlicher Straße, wobei das Leben des Angefallenen sehr bedroht war, blos um den Bund zu erweitern.[18] Wesentliche Dienste leisteten hiebei die ,Bettler, deren man sich besonders für die Zukunft, beim eigentlichen Ausbruche der Verschwörung bedienen wollte. Sie wurden zu diesem Zwecke unter zehn Hauptleute vertheilt, denen bereits zweitausend Gulden zugesagt waren, wenn sie zur gehörigen Zeit im Elsaß, in der Markgrafschaft und dem Breisgau Feuer einlegen, und sich auf eine bestimmte Kirchweihe oder einen gelegenen Jahrmarkt mit 2000 Mann zu Elsaßzabern[WS 46] einfinden, und das Städtchen besetzen würden.[19] Da Joß Fritz, als die Seele des ganzen Unternehmens, von allen Seiten so geneigte Aufnahme seines verrätherischen Gesinnungen fand, säumte er auch zu Hause nicht länger, die Maske abzuwerfen, und die unglücklichen Bethörten mit der ganzen Schändlichkeit seines Vorhabens bekannt zu machen. Er erklärte ihnen jetzt mit runden Worten, daß es sich um einen Bundschuh handle, und lud sie zu weitern nächtlichen Verhandlungen auf die Hartmatte[WS 47] einEine abgelegene Strecke Hartfeldes bei Lehen, jenseits der Dreisam[WS 48], am Wege von Lehen nach Mundenhofen[WS 49] längs des Waldes.</ref>. Hier kamen anfänglich nur Wenige zusammen; aber Joß Fritz stellte neuerdings vor: „wie ihr Vorhaben göttlich, ziemlich und recht sei, da sie nichts handeln wollten als was die heilige Schrift enthalte, und was an sich selbst göttlich, billig und recht sei.[20] [13] Ja er selbst und Hieronymus „als die Geschicktesten“ erboten sich, alle Anschläge ihres Vo1rhabens wegen aus der heiligen Schrift niederzuschreiben und den Verschworenen vorzulesen, und durchaus nichts anderes vorzunehmen, als was göttlich, ziemlich und billig wäre.[21] Sogar von Wiedergewinnung des heiligen Grabes durch den Bundschuh wußte Joß Fritz seine Mitverschworenen träumen zu lassen.[22] So entstanden nach und nach in den folgenden Versammlungen und bei einer größeren Anzahl von Theilnehmern die Bundesartikel, welche zwar nicht in allen Aussagen wörtlich und in gleicher Anzahl vorkommen, aber dem Wesentlichen nach in Folgendem übereinstimmen: Erstens, den allerheiligsten Vater den Pabst, und den allergnädigsten Herrn den Kaiser, und vorab Gott, sonst aber keinen andern Herrn anzuerkennen. Zweitens, um Schuld nur vor dem eigenen Richter an dem Orte, da Jeder gesessen ist, zu stehen. Drittens, die rothweilischen Briefe nicht ferner zu leiden, sondern gänzlich abzuthun Viertens, die geistlichen Gerichte nur in geist1ichen, nicht aber in Schuldsachen zu dulden. Fünftens nur so lange Zinse zu geben, bis diese dem Hauptgut gleichgekommen. Sechstens, bei Zinsen, da ein Gulden Geld unter zwanzig Gulden Hauptgut steht, zu handeln, was das göttliche Recht anzeigt und unterweiset. Siebentens, jedem Priester, der zwei oder drei [14] Pfründen hat, eine zu nehmen und damit einen andern Priester, der keine Pfründe hat, zu versehen. Achtens, Vogeln, Fischen, Holz und Wald frei und al1gemein zu machen. Neuntens, a1le unbi1lige Steuern und Zölle abzuthun. Zehntens, einen beständigen Frieden in der ganzen Christenheit zu bewirken, und alle, welche sich da wider setzen zu erschlagen; dem aber, der je zu kriegen Lust hätte, Geld zu geben und ihn an die Türken und Ungläubigen zu schicken. Elftens, Jeden, der dem Bund zufalle, mit Leib und Gut zu sichern, wer sich ihm widersetzte, zu strafen, nämlich zu erschlagen. Zwölftens, Kaiserlicher Majestät; sobald der Haufe zusammenkommt, der gemeinen Gesellschaft Vorhaben zuzuschreiben, und sofern ihre Majestät den Bund nicht annehmen würde, zu den Schweizern zu rücken.[23]
Joß Fritz wurde daher in einer besondern nächtlichen Versammlung auf der Hartmatte als Hauptmann des Bundschuhes erwählt, und ihm Jacob Hauser ein schöner junger Mann, als Fähnrich zugeordnet. Vergebens suchte sich dieses des Amtes zu entschlagen, da er der Geschäfte eines Fähnrichs kein Wissen trage, dazu unbekleidet sei, und kein Vermögen besitze, sich besser zu kleiden; man entgegnete ihm, sobald der Handel angehe, werde er bekleidet werden, und ließ [15] somit die Wahl bestehen. Ohne sich zu weigern, nahmen Hans Stüblin und Hans Geiger die Stellen als Weibel an; wobei ihnen bemerkt würde, daß sie von diesen Aemtern keine Be1ohtnung zu erwarten; sondern Alles allein um Gottes willen zu thun hätten.[24] Zugleich redete man in dieser Versammlung auch von dem Wortzeichen, woran sich die Verbündeten erkennen möchten. Der Hauptmann brachte das alte Speierische mit einer kleinen Veränderung in Vorschlag „Gott grüß dich Gesell, was hast du für ein Wesen? — Der arm Mann in der Welt mag nicht mehr genesen!“ Die Versammelten nahmen es an. Nebst den Genanten befanden sich damals noch auf der Hartmatte der Bäkerknecht Hieronymus, Kilius Meyer, Hans Freuder, Hans und Karius Heitz, Konrad Enderlin, und Peter Stüblin, sämtlich von Lehen; Ciriak Stüblin und Konrad Brun von Betzenhausens[WS 50]; Hans Hummel, ein Schneider ans Schwaben, und Jakob ein fremder Gesell aus der Ortenau.[25][WS 51] Mehr Mühe als diese Ernennungen machte dem neuen Hauptmann das Herbeischaffen eines geeigneten Fähnleins; theils wegen der Kosten die es verursachte theils wegen der Gefahr, die mit seiner Bestellung verbunden war. Die Verschworenen waren nämlich gröstentheils sehr arme verschuldete Leute, von denen kaum Einer oder der Andere einen sogenannten dicken Pfenning[WS 52] zur Beisteuer entrichten konnte. Kiliuss Meyer sah sich genöthiget, um seinen Antheil bezahlen zu können, fünf Viertel Wein einem Brodbäker zu Freiburg zu verkaufen, und das daraus erlößte Geld, einen halben Gulden, dem Hauptmann zu übergeben.[26] [16] Konrad Enderlin aber weigerte sich dessen, da er es nicht vermöge; worauf ihm Kilius Meyer von Zorn glühend, in der Versammlung zurief: „Du must’s vermögen, kannst du doch deinem Junker die Steuer geben!“ Diese heftige Aufforderung veranlaßte den; Angegriffenen zu erwiedern: „Wohlan, nimmt es diesen Weg, daß ich Steuern geben muß; so will ich eher sehen, daß ich sie meinem Junker gebe,“ mit welchen Worten er davongieng.[27] Noch größere Schwierigkeiten verursachte die Bestellung des Fähnleins; wurde diese nicht höchst vorsichtig betrieben, so konnte schon dadurch das ganze Unternehmen verrathen werden. Joß Fritz fand es daher nöthig, einen in Freiburg völlig ungekannten Mitverschworenen, auf den er sich aber verlassen konnte, die Einleitung der Sache zu übergeben; Dieser wendete sich an einen beim Prediger-Kloster wo1nhaften Maler, Namens Friedrich, dem er nach vielen Umschweifen sein Ansinnen, ein Fähnlein mit einem Bundschuh zu erhalten, eröffnete. Der Maler erschrack aufs heftigste, und wieß den Bauern mit der Ermahnung fort, ihn mit solcher Arbeit unbekümmert zu lassen, Und sich selbst vor so bösen Sachen zu hüten, damit er nicht gestraft werde. Zugleich setzte er den Rath von diesem Vorfall in Kenntniß. Da ihm jedoch der Bauer unbekannt war, und er daher nicht angeben konnte, wo ein so verderbliches Feuer loszubrechen drohe, konnte der Rath vorerst nichts thun, als die Umsässen in geheim auffordern, ein fleissiges Aufsehen zu haben, und die Stadt selbst in bessern Vertheidigungsstand setzen.[28] [17] Unterdessen wurde Joß Fritz durch den ersten mißlungenen Versuch von seinem Vorhaben nicht abgeschreckt. Ein anderer Maler von Freiburg, Theodosius mit Namen, war eben damals in der Kirche zu Lehen mit Arbeit beschäftigt; diesen faßte nun Joß Fritz ins Auge Er führte ihn nach einem fröhlichen Abendtrunke, in Gesellschaft des Altvogts von Lehen Hans Enderlin, in einen Baumgarten, wo er ihm eröffnete, daß ein fremder Gesell ein Fähnlein von ihm gemalt haben möchte. Als der Maler eine nähere Angabe verlangte, gab Joß Fritz als Hauptgegenstand desselben den Bundschuh an; worauf auch. dieser Maler sich erklärte, daß er nicht a11er Welt Gut nehmen möchte, ein solches Fähnlein zu machen. Nun hie1t Joß Fritz still, und betheuerte dem erschrockenen Künstler: „die Worte, die sie hier an ihn gestellt hätten, seien Niemanden, denn der Luft und der Erde geöffnet; und wo er der Maler, ausplaudere, müsse es ihm zu schwer werden.“ Hiedurch wurde der Maler noch mehr verwirrt, und da er besorgte, es möchte vie1leicht ein Anschlag auf ihn gemünzt seyn, um ihm die Bezahlung, welche er an die Kirche zu fodern hatte, vorenthalten zu können, verschwieg er auch diesen ganzen Vorgang bis zur Zeit, da der Bundschuh schon von andern Seiten her den Stadthäuptern angezeigt worden.[29] „So fern ( fährt hier der Hauptbericht über diese Vorgänge fort ) Joß Fritz nur einige Ehrbarkeit oder Gottesfurcht in seinem Herzen gehabt, so hätte er nun billig bedacht, wie er einst zu Bruchsal entwichen, wie ihm auch jetzt zum andern Male versagt worden, das Fähnlein zu malen, und damit solch sein unredlich [18] boshaft Vorhaben zurückgeschlagen; aber er ist in dieser Erzbüberei ganz ertrunken gewesen, und nun zum dritten Male zugefahren.[30] Dießmal war er auch in seinem Unternehmen glücklicher. Auf einem neuen Streifzüge wußte er nämlich zu Heilbronn einen Maler zu beschwatzen: er habe in einer großen Schlacht ( darin er wirklich gewesen ), versprochen, eine Fahrt gen Achen zu thun, und dort unsrer lieben Frau ein Fähnlein zu bringen. Darauf solle neben einem Crucifix U. L. Frauen und St. Johannes Bildniß, und unter demselben ein Bundschuh angebracht seyn. Als auch dieser Maler wegen des Bundschuhes Argwohn schöpfen wollte, und fragte, was damit gemeint sei, fuhr Joß Fritz treuherzig fort: er sei eines Schuhmachers Sohn aus Stein im Schweizerland, sein Vater halte auch Wirthschaft, und führe wie männig1ich bekannt fei einen Bundschuh im Schilde; damit man nun erkennen möge, daß das Fähnlein von ihm sei, wolle er seines Vaters Zeichen beifügen lassen. Mit dieser Antwort beruhigte sich der Maler, und lieferte in Bälde das Fähnlein, das Joß Fritz nun freudig mit sich nach Lehen herauftrug. [31] Ein Mitverschworner, Jakob Hauser, bekannte im Gefängnisse, von dem Hauptmann gehört zu haben, nebst dem Crucifix und unser Frauen und St. Johann des Täufers Bildniß seien auch auf diesem Fähnlein noch der Papst und Kaiser, und ein Unter dem Kreuze knieender Bauersmann nebst einem Bundschuh und der Inschrift angebracht gewesen: „Herr stand ( steh ) deiner göttlichen Gerechtigkeit bei!“; auch Kilius Meyer wollte auf dem Fähnlein« diese Vorstellungen gesehen [19] haben, und sich dabei erinnern, daß es auf der Kehrseite blau gewesen. [32] Die Verschworenen hegten große Erwartungen von diesem Bundeszeichen; denn sie hofften, der gemeine Mann würde, sobald nur einmal das Fähn1ein flöge ihnen von allen Seiten zufallen, und ihr Unternehmen unterstützen,[33] Der Hauptmann trug es daher auch wie ein Heiligthum größtentheils selbst unter dem Brusttuche mit sich herum, und in einer neuen Versammlung auf der, Hartmatte wurde beschlossen wenn dem Bunde Uebels zustöße, das Fähn1ein hinter dem A1tvogte zu Lehen niederzulegen, wo es Jeder wieder finden könne.[34] Während der Abwesenheit des Hauptmanns wären auch die Zurückgebliebenen nicht müßig gewesen. In besondern Zusammenkünften verabredeten sie sich, in Freiburg selbst Anhang für ihr Unternehmen, und in jeder Zunft wo möglich Einen oder Zwei zu gewinnen, welche dann weiter werben würden. Namentlich erklärte Hans Stüdlin: er habe einen Vetter in Freiburg bei dem Brüderlin gesessen und Schwarz - Kaspar genannt, der wäre alt und seine Tage ein Kriegsknecht gewesen; wenn sie diesen bekommen könnten; würde er ihnen leicht einen großen Anhang verschaffen.[35] Doch geht aus keiner Aussage hervor, daß ihre Vorschläge wirklich ins Leben getreten und von Erfolg gewesen sind. Ueberhaupt war jetzt die Verschwörung dem Punkte ihrer Reife nicht mehr ferne, und die Verschwornen schwankten nur in ihren Meinungen, welche Stadt, [20] ob Freiburg, Breisach[WS 53] oder Endingen[WS 54] man zuerst überfallen solle.[36] ") Man verschob die Entscheidung bis zur nächsten Kirchweihe zu Biengen[WS 55] (Sonntag 9. Oktober) wo sich, ohne Verdacht zu erregen, die Verschwornen in großer Anzahl versammeln, und vielleicht sogleich das Fähnlein fliegen lassen konnten.[37] Mit den E1sässern war schon im Voraus verabredet worden, daß sie, sobald die Verschwörung im Breisgau zum offenen Ausbruche käme, bei Burgheim[WS 56] den Rhein übersetzen und dem diesseitigen Haufen zufal1en so11ten.[38] Zugleich schickte man Abgeordnete den Simonswald hinauf, um über den Schwarzwald hin zu werben;[39] auch nach Freiburg schlichen sich fortwährend geheime Kundschafter, welche die Hut der Thore und Thürme besichtigten und nach Lehen verrieten. Ja ein verwegener Bettler warf sogar in dieser letzten Zeit Feuer in ein Haus oder in einen Stall zu Freiburg, damit die Bürger dahin zusammenlaufen, und die Bundschuher, bei vemachläßigter Thorhut ihren Anschlag um so leichter ausführen möchten.[40] Man war übrigens fest entschlossen, das ganzes Vorhaben, sobald sich die Häufen versammelt hätten, kaiser1icher Majestät schriftlich zu eröffnen; und falls es deren Genehmigung nicht erhielte, zu den Schweizern zu rücken. Damit stand wohl auch die vorgeschlagene Aenderung des Fähnleins in Verbindung, die Meisten stimmten nämlich dafür das weiße Kreuz abzuthun, und einen Adler daraufmalen zu lassen.[41] Allein jetzt war auch der Zeitpunkt gekommen, in [21] welchem die Verschwörung plötzlich aufgedeckt und unterdrückt wurde. Hatte gleich Freiburg, nach Versicherung der Berichte,[42] schon früher Erkundigungen eingezogen, so scheint es doch bisher nur unbestimmte Andeutungen, und Markgraf Philipp von Baden erst zu Anfang des Oktobers (1513) die ersten zuverläßigen Eröffnungen durch Hans Mantz von Wolfenweiler[43][WS 57]und Michael Hanser von Schal1stadt[44][WS 58] Ms) erhalten zu haben. Zu gleicher Zeit kommen auch in den Rathsbüchern der Stadt Freiburg die ersten Spuren des Bundschuhes vor. In der Sitzung vom 3ten Oktober finden sich nämlich Gallin Mantz und Martin Zimmermann, beide von Wolfenweiler, mit dem Zusatze: „daß sie vom Bundschuh wissen,“ eingetragen. Ob der Rath diese Nachricht durch den Markgrafen oder auf einem andern Wege erhalten habe, ist nicht beigefügt. In der nämlichen Sitzung wurde noch mehreres wegen des Bundschuhes verabredet, und vor Allem erkannt, das Nöthige zur Sicherung der Stadt zu thun. Die Thürme wuerden mit Büchsen und Leuten versehen, und den Thorschließern aufgetragen, stets mit Harnisch und Gewehr bei der Hand zu« seyn, und auf Bescheid der Herren zu warten. Unter jedem (äußern) Thore wurden zwei geharnischte Wächter unter dem (innern) Predigerthore einer aufgestellt. Zugleich brachte man auf den Zünften die Sturmordnung in Erinnerung. Die Neuenburg und die Schneckenvorstadt erhielten eigene Fahnen, bestimmte Hauptleute und Versammlungsplätze; auch mehrere Waibel wurden ernannt.[45] [22] Den Bauern, welche jetzt mehr als je ihr Hauptaugenmerk auf Freiburg richteten, entgiengen diese Vorkehrungen nicht. Noch desselben Tages verbreitete sich zu Lehen die Nachricht, der Bund sei ausgekommen und Freiburg gewarnt worden; worauf mehrere Verschworne zur Bettzeit auf der Hartmatte zusammen kamen, und, nun eben so feig und unentschieden als bisher hinterlistig ihren Handel ganz zu unterdrücken sich entschlossen. In Abwesenheit des Hauptmanns nahm Kilius Mayer allen Gegenwärtigen das Gelübde der tiefsten Verschwiegenheit über Alles ab, was je von ihrem Handel verabredet worden.[46] Ohne Zögern setzte Markgraf Philipp auch die kaiserliche Regierung zu Ensisheim[WS 59] in Kenntniß, gab ihr den Rath, den zwei Abgeordneten, welche den Bundschuh über den Wald ausbreiten sollten den Weg zu unterreiten und erklärte sich bereitwil1ig, die schuldigen Unterthanen seines Vaters sogleich einzusetzen; wobei er jedoch besorge, daß ihrer Viele flüchtig würden.[47] Auch von Freiburg aus, gingen in geheim Bothen an die benachbarten Städte. Bürgermeister und Rath von Neuenburg[WS 60] danken schon des folgenden Tages für die getreue Warnung die sie zu hohem Dank empfangen, mit dem Erbieten dieselbe in gleichen und andern Fällen freundlich zu erwiedern. Zugleich erwähnen sie einer, ihnen von Rötteln[WS 61] her zugekommenen Nachricht, daß sich eine große Versammlung der Bauern in einer der nächsten Nächte zu Thiengen[WS 62] , Biengen oder Mengen[WS 63] oder vielleicht in allen drei Dörfern einfinden werde, ohne daß man wisse, wohin sie sich fürs erste zu wenden gedenke [23] Auch dürften den Herren der Regierung zu Ensisheim diese Vorgänge; unverborgen seyn, da Hans von Schönau[WS 64] und B1icker Landschad noch Nachts spät den Rhein übersetzt, und es merken lassen, diese Sachen anzubringen[48] Offenbar hieng nun bei dem völligen Mangel an stehenden Truppen in diesen Gegenden , Von der Haltung Freiburgs das meiste ab, durch furchtloses und kräftiges Einschreiten der androhenden großen Versammlung aller Verschwornen vorzubeugen und der Rädelsführer habhaft zu werden. Glückte gleich Letzteres der Stadt nur utwo1lkommen, so scheint ihr doch das Erste gelungen zu seyn. In einem nächtlichen Ausfal1e rückten nämlich, wie eine Chronik erzählt, 200 bewaffnete Bürger nach Lehen, und bemächtigten sich mehrerer Verschworenen.[49] Obgleich die Bedeutenderen unter diesen schon geflohen waren, und ihren Weg wie ihr Hauptmann und sein Gehülfe Hieronymus in die Schweiz eingeschlagen hatten, so scheinen doch noch Joß Fritzen Frau der Altvogt Enderlin und einige andere in die Hände der Bürger gefallen zu sein[50] Des folgenden Morgens wurde auch Marx Stüdlin von Munzingen[WS 65] aus der Dorfkirche, wohin er sich geflüchtet hatte, hervorgezogen und eingesetzt.[51] Auf gleiche kräftige Weise schritt, auch der Markgraf [24] ein, und überschickte schon unterm 12. Oktober Matern Weinmann’s von Mengen Aussage mit der Bitte, ihm gegenseitig die Namen der gemachte Gefangenen mitzutheilen. Er fügt diesem Briefes unter Anderm bei, daß Marx Stüdlin, der nun zu Freiburg sitze, dem Weinmann eröffnet habe: der Vogt im Glottertha1e[WS 66], auch Elevi Jäcklin von Munzingen und Viele am Kaiserstuhle[WS 67] und in der March[WS 68] seien in der Sache verwickelt, er habe aber doch keinen vom Kaiserstuh1e oder aus der March mit Namen nennen können.[52] Auch von Straßburg und Villingen kamen bald ( 15. u. 16. Oktober ) höchst theilnehmende Schreiben, wovon besonders das Letztere durch seinen herzlichen Ton anspricht, aber zugleich beweiset, wie die Aufregung des Volkes schon über den Wald sich Zu verbreiten angefangen hatte.[53] Sogar Schlettstadt wendete sich in diesen „wilden Läufen“ (unterm 18. Oktober), gewarnt durch hohe Personen in ängstlichem Tone an Freiburg und bat um beruhigende Nachrichten.[54] Die Verfügungen der kaiserl. Regierung zu Ensisheim auf die ihr von Seite des Markgrafen gemachten Mittheilungen erfolgten höchst langsam. Erst unterm 13. Oktober, als bereits die entscheidenden Schritte geschehen waren, ließ sie ein allgemeines Mandat gegen die Bundschuher ausfertigen, das den 18. Oktober zu Freiburg ankam. Der Stadtschreiber daselbst bemerkte deßhalb auf [25] der Abschrift, die er davon zu nehmen hatte: „wäre vor zehn Tagen wohl gekommen.“[55] Um so erfreuender war für Freiburg die Zuschrift aus Basel vom 22. Oktober, worin die Gefangennehmung zweier der bedeutenderen Verschworenen des Kilius Meyer und Jakob, Hauser gemeldet wurde.[56] Beide waren, noch zeitig genug gewarnt, von Lehen entwichen, und zu Sewen[WS 69] ob Basel[WS 70] mit Joß Fritz; dem Bäkerknecht Hieronymus und Augustin Enderlin zusammengetroffen. Von hier hatten sie sich auf den Tag nach Zürch[WS 71] begeben wollen, waren aber auf dem Felde zwischen Sewen und Liestal[WS 72] gefangen worden, während der Hauptmann und die Uebrigen« entrannen,[57] In Bälde schickten zur Beschleunigung des Urtheils über diese Gefangenen; sowohl die kaiserl. Regierung, als die Stadt Freiburg Gesandte nach Basel, welche dem dortigen Rathe den ganzen Handel des Bundsschuhes erläutern und ans Herz legen mußten. Endlich erfolgte auch unterm 22. Dezember die Verurtheilung beider Unglücklichen, anfänglich zur Axt, nachmals aus Gnade zum Schwert.[58] Mit größtem Eifer war inzwischen auch die Spur des entflohenen Bundschuh - Hauptmannes und seiner Mitgesel1en sowohl von Seite der Regierung als von Seite Freiburgs weiter verfolgt worden. Zu gleicher Zeit ( 22. Oktober ) trafen der kaiserl. Rath Rudolph von Blumeneck und die Rathsbotschaft von Freiburg zu Schaffhausen[WS 73] ein, und trugen hier ihre Werbung dem Rathe vor. Die Folge davon war, [26] daß noch desselben Tages Augustin Enderlin und Thoman Müller, beide von Lehen im Gebiete dieser Stadt ergriffen und gefänglich eingebracht wurden.[59] Joß Fritz hatte auch hier sich glücklich durchzuhelfen gewußt, und trieb sich nach später Berichten mit noch Einem ( wahrscheinlich seinem treuen Gehülfen Hieronymus) in der Gegend von Zurzach[WS 74]umher.[60] Gegen die Gefangenen gieng man nach übereinstimmenden Grundsätzen mit der abschreckendsten Strenge zu Werk Der Altvogt Hans Enderlin, sein Sohn, Konrad Brun, Ciriak Stüblin und Marx Stüdlin wurden geviertheilt; dem Matern Weinmann und andern minder Schuldigen wurde der Kopf abgeschlagen.[61] Bernhard Enderlin verlor das vordere Gelenke an den Schwurfingern;[62] eben so später Simon Striblin von Lehen der zu Waldkirch gefangen saß.[63][WS 75] Vom Elsasse her fehlen die Berichte, aber• ohne Zweifel traf sie dort dasselbe Loos. Denn als man zu Gunsten der Verschworenen das Gerücht auszustreuen sich bemühte, kaiserl. Majestät habe befohlen, künftig keinen Bundschuher mehr einzuziehen und an Leib oder Leben zu strafen, ohne vorerst bei derselben die Anzeige gemacht zu haben: erklärte die Regierung zu Ensisheim dieses Vorgehen für eine Lüge, und machte unterm 16. November neuerdings den Willen. und die Meinung [27] des Kaiser bekannt, daß jeder Bundschuher allenthalben gefänglich eingezogen, peinlich erfragt, dann vor Recht gestellt, auf sein Bekenntniß angeklagt, und nach aller Strenge an Leib und Leben gestraft werdet solle.[64] Schon einige Tage zuvor- ehe die Regierung diese Bekanntmachung erließ (Sonntag den 13. Nov.) hatte der Rath zu Freiburg sämmtliche Zünfte zusammen berufen, um ihnen in einem ernsten Vortrage die ganze schändliche Verschwörung des Bundschuhes von Anfang bis zu Ende vor Augen zu stellen, und Jeden aufs schärfste abzumahnen, dieselbe in Scherz oder Ernst mit Wort oder That in Schutz zu nehmen. Zugleich wird beigefügt, daß der Rath am Gehorsam und am der Willfährigkeit der Bürger in diesen Sachen großes Gefallen trage, und bereits ein ausführlicher Bericht über alle bisherige Vorfälle an den Kaiser selbst abgegangen sei.[65] Mit voller Beruhigung konnte die Stadt der landesherrlichen Antwort entgegensehen, da sie bei ihren Maßregeln die Umsicht, Kraft und Gerechtigkeitsliebe bewiesen hatte , welche nöthig waren, um nicht nur augenblicklich eine schon zum Ausbruch reife Verschwörung zu unterdrücken, sondern auch die bereits im Allgemeinen höchst aufgeregten unruhigen und neuerungssüchtigen Gemüthern vor ähnlichen Unternehmungen zurückzuschrecken. Unterm 23. Dezember traf endlich das Schreiben ein, welches die vollste Zufriedenheit des Kaisers mit allen Vorkehrungen so wie mit der bewiesenen Anhänglichkeit und Treue Freiburgs ausspricht, und für die Stadt [28] nicht minder ehrenvoll als höchst ermunternd wurde.[66] Wie mußte es ihre Liebe für den verehrten Maximilian vermehren, der nun zwar ferne die Neige seiner Tage durchlebte; den sie aber oft als ritterlichen Prinzen beherbergt, als mildesten Landesvater verehrt, und endlich im Glanze des Reichstages in ihren Mauern bewundert hatte! So strenge Gerechtigkeit Freiburg gegen die eingebrachten Gefangenen ergehen ließ, so mild bewies es sich wieder gegen die reuigen Gemeinden von Lehen und Betzenhausen, denen es aufs neue im nächsten Maimonat den Waidgang auf seinem Grund und Boden gegen die altherkömm1iche Anerkennung des städtischen Eigenthums durch einen Schilling - Pfenning und ein Huhn verlieh[67] Doch sollte auch, mit vollstem Rechte, die bösartige Verschlossenheit dieser Gemeinden gegen ihre Wohlthäterin, die Stadt, nicht ganz der Vergessenheit übergeben werden. Noch unterm 7. Dez. 1513 verfügte der Rath: „daß die von Lehen und Betzenhausen, zum Gedächtnis, daß der mördliche Handel bei ihnen entsprungen, und sie doch die Stadt nie gewarnt, fernerhin kein Gewehr länger als Eine halbe Elle durch die Stadtthore. hereintragen dürfen. Auch sollen die Zol1er hievon unterrichtet, und diese Verfügung lediglich nie aberkannt werden.[68] Hatten indessen auch die zweckmäßig ergriffenen und fortgeführten Maßregeln auf längere Zeit die Ruhe in diesen Gegenden befestigt, so brach dafür, wie aus einer weithin mit verborgener Glut unterzogenen [29] Fläche, schon im nächsten Frühlinge dieselbe Flamme an einer andern Stelle aus. Zu Schorndorf[WS 76] im Herzogthum Würtemberg nämlich hatte schon seit einiger Zeit ein armer aber lustiger Gesel1e, Konrad genannt, eine Bruderschaft gestiftet, welche anfänglich weiter nichts als eine Veranlassung geben zu wol1en schien, eines verschuldet oder unverschuldet kümmerlichen Lebens noch dadurch möglichst froh zu werden, daß man dieses Leben selbst zum Gegenstande feines Scherzes machte. In der Regel wurden Leute ohne, oder von sehr geringem Vermögen in die Gesellschaft aufgenommen. Man nannte sie von ihrem Stifter den armen Konrad, wobei man jedoch nicht vergaß, schon bedeutsamer mit dem Aehnlichklange des Wortes: „den Armen kein Rath“ zu spielen. An der Spitze der Brüderschaft stand ein von ihr erwählter Vogt, der dem Neuaufgenommenen einige Stücke Feldes am Hungerberg, in der Fehlhalde oder am Bettelrain anwies. Die Regierung sah gleichgültig über diese scheinbaren Thorheiten hinweg, die jedoch immer zahlreichere Anhänger fanden. Die bedeutendsten darunter waren die Beutelspacher, und an ihrer Spitze ein verschwenderischer arbeitscheuer Mensch, Gaiß -Peter genannt, der bei vier unerzogenen Kindern ganz ohne Vermögen war; und eine sehr bittere aufrührerische Zunge hatte. Bald nahm jedoch auch diese Verbindung eine höchst bedenkliche und gefährliche Richtung. Denn, als sich Herzog Ulrich zur Deckung seiner Schulden des Mittels bediente, Maß und Gewicht zu verringern, wagte es Gaiß - Peter am Osterabende (den 15. April), da man das neue Gewicht zum erstenmale brauchen wo1lte, [30] mit seinen Gesellen in die Metzig seines Ortes einzudringen, einem derselben das neue Gewicht anzuhängen, und es unter Trommeln und Pfeifen der Rems zuzutragen, um hier nach alter Sitte an demselben das Gottessgericht der Wasserprobe zu üben. Gleiches wiederholte er an andern Orten, wobei er sich rühmte, der arme Konrad zu seyn; und versicherte, wenn die Bruderschaft zusammenzöge, würde sich bald mehr Volk zu ihm schlagen; da es an solchen Gesellen, die Güter im Hungerberg und in der Fehlha1de besäßen, nicht mangle. Solche Vorgänge veranlaßten wirklich eine Menge von Zusammenrottungen, und einen allgemeinen Ausbruch der Unzufriedenheit, welcher nur durch die schleunigste Aufhebung des neuen Gewichtes und durch große Beschränkungen, die sich der Herzog auf dem nächsten Landtage gefallen ließ, gesteuert werden konnte. Noch unterm 25. Juli 1614 schrieb Markgraf Philipp von Baden an die Stadt Freiburg, sein Oheim und Schwager Herzog Ulrich habe seinen Vater und ihn aufs ernstlichste um Hülfe gegen aufrührerische Unterthanen angesucht; worauf sie einen Beistand zu Fuß aus den Herrschaften Rötteln[WS 77]; Sausenburg[WS 78], Badenweiler[WS 79] und der Markgrafschaft Hochberg[WS 80] abgehenlassen. Die Stadt möge daher als freundliche und vertraute Nachbarin zu diesen Herrschaften. und Wohnungen der Unterthanen ein treues fleißiges Aufsehen tragen.[69] [31] Wie sehr diese Vorsorge des Markgrafen an ihrer Stelle war, zeigte sich bald; denn noch immer zogen verdächtige Leute unter mancherlei Mummereien umher. Bald gaben sie sich für Priester, Stationierer Und Heiligthumführer aus, bald hatten sie ihre Gesichter übermalt, oder sonst unkenntlich gemacht, so daß ihr zahlreiches Erscheinen in den Gemeinden höchst bedenklich werden mußte.[70] Zudem drohte nun auch der arme Konrad seine giftigen Wurzeln ins Badische herüber zu treiben. Die ersten Spuren desselben ließen sich zu Bühl[WS 81] und in der Umgegend bemerken. Wie jetzt allenthalben war auch da der gemeine Mann unzufrieden und aufgeregt, und die leichteste Veranlassung genügte, ihn einem Verführer in die Arme zu werfen - den weiter nichts als die Unverschämtheit bemerkbar machte, mit der er seine Obrigkeit zu höhnen sich erfrechte. Es war im Sommer 1514 , als der herrschaftliche Vogt von Bühl die gewöhnliche Frohn im sogenannten Hartgraben anordnete. Die Pflichtigen erschienen zur gehörigen Zeit, nur ein gewisser Gugel - Bastian von Bühl traf mit einigen Gesellen erst um 10 oder 11 Uhr ein, als die Arbeit beinahe geschehen war. Er hatte die Stunden bis dahin im Wirthshause gesessen, und sich ungescheut grobe Schmähungen gegen den Vogt und die Verfügungen der Regierung erlaubt. Einzelne Frohner, Auf welche die Arbeit verstärkt zurückfie1 , fiengen an über das lange Ausbleiben dieser Gesellen zu murren, und von Bestrafung zu sprechen. Kaum hörte Gugel - Bastian dieses, [32] so flüsterte er mit den Seinigen zusammen und die Frohner erhielten einen Wink zu schweigen, wenn sie sich nicht in blutigen Streit verwickeln wollten. Leicht ließ sich, voraussehen daß ein solches Betragen nicht ungeahndet bleiben werde. Als daher Gugel - Bastian einige Tage darauf ( Samstag nach Pfingsten ) mit einem andern Bühler, Hans Degenhard, tagwerkte, war er neugierig, von diesem zu erfahren warum doch der Bürgermeister und das Gericht beim Vogt so viel ein- und ausgingen, ob es sich vielleicht um das Frohnen im Hartgraben handle Dieser erwiederte: er wisse es nicht, worauf Gugel - Bastian beifügte: er rathe dem Vogt, des Handels müssig zu gehen, denn wenn man einen von ihnen einsetze, so würden sie in den Thurm brechen und ihn wieder befreien; sie seien die Stärkeren und hätten schon ihren Anschlag gemacht. Hiebei blieb es nicht; sondern Gugel - Bastian hatte sogar die Frechheit, mit etwa 62 seines Gelichters unter Trommeln und Pfeifen vor des Vogts Haus zu ziehen und ihn zu Rede zu stellen, ob er sie wegen des unterlassenen Frohnens angeschrieben habe oder nicht. Hierauf ging der Zug noch 2 Tage auf gleiche Weise unter Trommeln und Pfeifen umher. Je größere Schu1d Gugel - Bastian durch sein Betragen auf sich lud, desto mehr mußte es ihm daran gelegen seyn, seinen Anhang zu vergrößern und dadurch die Obrigkeit in Furcht zu setzen; Ein erwischtes Mittel hiezu bot ihm der sogenannte Blüwelbach, der aus dem Bühlerthale hervorfließt, und als ein der Herrschaft seit den ältesten Zeiten eigenthümliches Bannwasser[WS 82] von dieser um einen bestimmten jährlichen Zins [33] ausgeliehen wurde. Gugel - Bastian gab vor, dieser Bach sei ursprünglich eine Allmende[WS 83] gewesen, und lud nun alle Anwohner, nah und fern ein, denselben in seiner Gesellschaft Mittwoch 23. vor dem Fronleichnamstage ( den 14, Juni ) auszufischen. Jetzt zeigte sich besonders die Lust, und Thätigkeit dieses Mannes in Durchsetzung bösartiger Entwürfe. Er selbst gieng von Nachbar zu Nachbar, und suchte. den Einen durch Lockungen, den Andern durch Drohungen zu gewinnen. Diesen versicherte er, die Thalbewohner von Altschweier[WS 84] und Kappel[WS 85] seien sämmtlich auf ihrer Seite, und würden den Bach von oben herab, wie sie von unten hinauf fischen; der Amtmann von Stollhofen[WS 86] habe versprochen, mit 300 Mann Antheil zu nehmen; und selbst die von Achern würden zuziehen, sofern man ihnen zu Hülfe käme, die Mehlwage zu brechen. und abzuthun: jenen, die in seinen Plan einzugehen sich weigerten, drohte er mit seinen Gesellen durch das Haus hin und her zu gehen. Auch andere unruhige Köpfe wirkten mit ihm; so zog E1sen - Bernhard mit Kreide einen Ring, alle, welche mit fischen wollten, auffodernd hinein zu stupfen. „Und, bekannte nachmals Gugel - Bastian selbst, ihrer haben, viel gestupft, und sind nach Bühl gekommen.“ Der Vogt schlug, da er aller Hilfsmittel entblößt war; den vernünftigsten Weg ein, das Fischen ungehindert vor sich gehen zu lassen:„denn, versicherte Gugel - Bastian, hätte ihnen der Vogt das Fischen wehren wollen, so hätten sie nichts um ihn gegeben, sondern Gewalt gebraucht.“ Auch hiemit noch nicht zufrieden, sann Gugel - Bastian darauf, unter seinen Anhängern eine engere Verbindung herzustellen, und seiner Meuterei eine bestimmte Verfassung zugeben. Er wendete sich deshalb an den [34] Bürgermeister von Bühl mit dem Ansinnen, die Gemeindglocke läuten zu lassen; denn es seien etliche Artikel die man der Gemeinde vortragen müsse. Auf die Frage des Bürgermeisters, was es für Artikel seien? fügte Gugel - Bastian weiter bei: Es werde sich um die neue Ordnung und das Rüggericht[WS 87] handeln; worauf der Bürgermeister entgegnete: jetzt könne die Gemeinde nicht versammelt werden , da sie theils zu Achern[WS 88] theils auf dem Felde zerstreut sei; er solle sich bis des folgenden Tages gedulden , und indessen in dem Thale Heimbürger auffodern, ihre Beschwerden der Gemeinde von Bühl wissen zu lassen. Kein Auftrag konnte Gugel - Bastian willkommner seyn, als dieser; er eilte deshalb von Heimbürger zu Heimbürger mit seiner Auffoderung, und wies schon im Voraus jeden darauf hin was er für Beschwerden vorbringen solle. Gugel - Bastian selbst scheint nichts Schriftliches zur Hand gehabt zu haben; doch geht aus einem besondern den Zeugenaussagen beigelegten Zettel hervor, daß sich die Wünsche der Unzufriedenen in folgenden Punkten vereinigten: Erstens, so einem in seinem Weinberg ein Gewild schadet, soll er Macht haben, es zu scheuchen, zu schiessen oder zu fangen, wie er's umbringen mag; und so er's umbringt, soll er’s ohne zu freveln für sich selbst behalten dürfen, und nur wenn er will, dem Vogt davon verehren. Zweitens soll die neue Erbordnung, da ein Ehegemahl das andere nicht erben soll, abgethan seyn. Drittens, soll einer eine schwangere Frau habe, soll er auch ungefrevelt ein Essen Fisch aus dem Bach fangen dürfen. Viertens, soll man den Zoll zu Steinbach und [35] Bühl nicht anders zu geben haben , als wie vor Jahren: nämlich vom Fuder 5 Pfenninge, da man jetzt 6 Plappart[WS 89] gebe. Und so einer einen Vierling oder etwas Wein in das Ried führe, um ihn in seinem Hause zu trinken, davon soll er eben so wenig Zoll geben, als von der Frucht, die er aus dem Ried führe, um sie im Herbst durch Wein zu entgelten. Fünftens, wolle man den Futter - Haber ringern, und fernerhin nicht mehr so viel geben als bisher. Sechstens, , soll das Rüggericht nicht so scharf seyn; namentlich ein guter Nachbar den andern in brüchigen Händeln nicht mehr also angeben müssen, wie bisher. Siebentens, sollen die Gültbriefe[WS 90], deren Zinse dem Hauptgut gleichgekommen, abgethan seyn. Achtens, wollen sie nicht mehr im Graben frohnen; es sei denn, man überlasse ihnen die Weide darin um den Zins, der jetzt davon fällt. Noch mehr verfeh1te sich Gugel - Bastian durch seine von ihm selbst gestandene Versuche, einen armen Konrad zu bewerkstel1igen. Er hatte hiezu eine abgelegene Stelle am sogenannten Hessenbach gewählt , und daselbst seine Genossen auf den ersten Sonntag nach Pfingsten gegen Einbruch der Nacht versammelt; Voll Selbstvertrauen und blinder Zuversicht, daß ihm sein Unternehmen nicht mißlingen könne , trat er hier auf, und begann mit den Worten: „Plan ihr Gesellen; ihr habt gesehen und gehört, wie ich mit dem Vogt geredet; nun will ich der arme Kuntz (Konrad) seyn!“ Darauf zog er einen Ring, und begerte von den Anwesenden; jeder solle ihm die Treue geben, mit ihm zu genesen und zu sterben; dann wollten sie die neuen Ordnungen und das Rüggericht aufheben, und auch [36] das Recht mit dem Bach und dem Fischen wieder in alten Stand bringen. Da jedoch diese erste Auffoderung keine günstige Aufnahme fand; und vielmehr in diesem entscheidenden Augenblicke jede Zunge gelähmt schien; glaubte Bastian ein leichteres Zeichen zum Ausdrucke der gemeinsamen Zustimmung verlangen zu müssen, und fuhr deßha1b fort: „Wem dieses Unternehmen gefal1e und lieb sei, der solle eine Hand aufheben!“ Einige thaten es, andere nicht. Diese Unentschlossenheit von Vielen der Anwesenden scheint den Sprecher betroffen gemacht, und ihn zu dem weitern für ihn sehr ungünstigen Vorschläge veranlaßt zu haben , zwei Männer, einen von Bühl und einen von Altschweier, zu ziehen, welche ihm rathen sollten, wie er sich zu halten habe. Zwar gieng der Erstere, Luden Klaus , ganz in Bastians Gesinnung ein, und trug mit demselben übereinstimmend vor: „man müsse demnächst gen Achern ziehen und daselbst die Wage zerschlagen, so würden alsdann die von Achern, vierhundert stark, mit ihnen herabziehen Und den Bach fischen helfen, wie sie bereits dieser Sache miteinander einig geworden wären.“ Allein der zweite dieser Gewählten, Jünger Bernhard , zerstörte ganz den Eindruck wieder, welchen seines Vorgängers freche Ermunterung gemacht haben möchte: indem er versicherte: „ihn dünke der ganze Handel nicht gut, und es wäre wohl besser; vorerst ihrer Beschwerden halb ihrem gnädigen Herren und dem Vogt ein gütliches Ansuchen zu übergeben.«“ Auf diesen besonnenen Rath scheint sich auch die damalige Versammlung aufgelößt zu haben. Wenige nur ihrer Leidenschaft Gehör gebende unruhige Köpfe [37] blieben bei Bastian zurück, und sahen sich bald so verlassen, daß Bechten - Wolf voll Grimm ausrief: „Wi11 es so zugehen, so bleiben unser nicht viele bei einander; wir wollen aber Einen gewöhnen, daß sich der Andere daran stoßt, wir wollen Einem einen Degen oder eine Hellebarde durch den Leib stoßen!“ Auch Bastians Lockung, mit ihm einen freundlichen Schlaftrunk zu Ottersweier[WS 91] zu nehmen, scheint nicht gefruchtet zu haben. Doch war hiemit die Sache nichts weniger als abgethan, und Gugel - Bastian brachte bald in Erfahrung, daß sich auch Conrad von Altschweier als Armen Kuntzen aufwerfe.[71] Bei diesen höchst bedenklichen Vorfällen und Aufregungen sah sich Markgraf Philipp genöthigt, durch plötzliches Einschreiten mit bewaffneter Hand die ausgleitenden Unterthanen wieder zur Besinnung und Pflicht zurückzuführen. Er ließ daher von seinen Truppen Bühl überfallen, und Mehrere von denjenigen, welche sich besonders verdächtig gemacht hatten, einsetzen. Gugel - Bastian selbst entfloh, und mag sich einige Zeit in der Irre herumgetrieben haben, bis er den Freiburgern in die Hände fiel, und von ihnen gefangen genommen wurde. Schon unterm 16. August dankt der Markgraf der Stadt Freiburg für die ihm durch Gugel - Bastians Gefangennehmung bewiesene Freundschaft, und meldet ihr zugleich , wie ihn ange1angt habe, daß sich an demselben Tage, da er zu Bühl eingefallen, Bastian oder von seiner Gesellschaft und Andere von fremder Herrschaft [38] auf achthundert, bei einem Dörfchen ob Achern , Onspach[WS 92] genannt, hätten versammeln und rathschlagen wollen; welche Versammlung nun durch seinen Einfall verhindert worden sei.[72] Zehn Tage später (den 26. August) wurden vor dem Gerichte zu Bühl die Zeugen gegen Gugtel - Bastian abgehört, und ihre Aussagen nach Freiburg geschickt; die Geständnisse des Gefangenen stimmen damit vollkommen überein. Beide Aktenstücke giengen nun auch an den Markgrafen, der unterm 12. September die Stadt Freiburg bittet, „sie möge von Obrigkeit wegen gegen Bastian gelübrende Strafe, wie diese nach Gelegenheit der Sache ziemlich und recht erscheine, verfügen, und sie nach bestehender Ordnung, so seine Hausfrau Kindes genesen, vollziwhen lassen, damit dass Uebel gestraft werde.“[73] Unterm 5. Oktober wurde zu Recht erkannt, dem Gefangenen das Haupt abzufchlagen.[74] Hatte man nun gleich aufs Neue versucht, durch vereinigte Handhabung strenger Gerechtigkeit seinen Abscheu gegen jede aufrührerische Bewegung an Tag zu legen und den gemeinen Mann dadurch, wo nicht zur Besinnung; zu bringen, doch in Furcht zu erhalten: so schien man dennoch fortwährend mit einer Hyder[WS 93] zu kämpfen, deren da und dort abgeschlagene Häupter immer verdoppelt und gewaltiger emporschossen. Zwar bemerkt man nun die nächstfo1genden Jahre hindurch keine auffallenden gewaltsamen Bewegungen; aber die scheinbare Ruhe, welch man jetzt wahrnimmt, gleicht ganz der dumpfen Schwülee vor Gewittern, in welcher sich die Wolken immer mehr mit dem [39] verderblichen Feuer laden, das dann plötzlich aus ihnen hervorbricht. Das Herumziehen schlechten Gesindels währte fort, und mancher auf einige Zeit ver5cheuchte Bundschuher kam wieder aus seinem Sch1upfwinkel hervor und säete neues Unkraut. Auch Joß Fritz und einige seiner Gesellen ließen sich wieder blicken, anfänglich bei Zurzach,[75] nachmals schienen sie im Dunkel wie giftige Schlangen auf dem Walde umhergeschlichen zu seyn.[76] Die Frau des Joß Fritz trieb sich auf ihr Läugnen freigelassen und ein üppiges Leben führend, wohl nicht ohne Verbindung mit ihrem Manne, von Ort zu Ort.[77] Die Obrigkeit stand dieser Umzügler wegen in grossen Sorgen, und vermuthlich waren sie es, welche im Sommer 1517 neue Versammlungen von Mißvergnügten auf dem Kniebis[WS 94] veranlaßten, die dem aufmerksamen Freiburg nicht entgiengen.[78] Bisweilen fielen auch Einige der Gerechtigkeit in die Hände. So wurden mehrere zu Rötteln[WS 95] hingerichtet einer der ärgsten Verräther, Mörder und Mordbrenner wurde von Breisach eingefangen, und mit dem qualvollsten Tode bestraft [79] Höchst auffallen muß es auch, in einer zu Anfang des folgenden Jahres (1518) an den Kaiser selbst gerichteten Klagschrift der Bergleute zu Todtnau[WS 96] die Stelle zu lesen, daß sich in einem Zwiste der Bergleute und Bauern einer der letztem in offener Trinkstube die Aeußeruug erlaubt habe: „sie (die Bauern) sollten [40] sich nicht drücken lassen, er wolle die Schweizer über das Gebirg bringen, wann sie wollten.“ Der Kaiser empfiehlt unterm 9. April d. J. diesen Gegenstand der Regierung zu Ensisheim zur ernsthaften Untersuchung; und, falls es nöthig seyn sollte, und etwas Bedeutenderes vorfie1e, zum Berichte an die Regierung zu Inspruck.[80][WS 97] So trat unter höchst beunruhigenden Vorzeichen das dritte Jahrzehend des sechzehnten Jahrhunderts ein. Mit tiefer Besorgniß mußte ihm jeder entgegensehen, der nur in Etwas den Gang und die Richtung großer Erscheinungen zu würdigen verstand. Kaum vermochte sich noch im ganzen Süden von Deutschland die bestehende Ordnung und das längst herkömmliche Recht, auf dem Lande, gegen Unzufriedenheit und Neuerungssucht zu behaupten; von beiden Seiten hatten die umwälzenden und« verhindernden Maßregeln ihre höchste Spannung gegen einander erreicht: es waren zwei ungeheure Wagschalen die sich zwar noch, aber kaum im Gleichgewicht hielten; fiel noch mehr Gewicht in die eine so mußte die andere weit hinaufgeschleudert werden, und wilde Gesetzlosigkeit und jede Art von Frevel tobten im Gefolge unnennbaren Elendes entfesselt umher. [Bearbeiten] Anlagen
[Bearbeiten] Anmerkungen des Autors
[Bearbeiten] Anmerkungen WS
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