Der Soldat und der Jude

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Autor: Friedrich Lorentz
Titel: Der Soldat und der Jude
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aus: Aus dem Märchenschatz der Kaschubei, S. 12–16
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Erscheinungsdatum: 1930
Verlag: Fuchs & Cie.
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Erscheinungsort: Danzig
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Quelle: Pomorska Digitale Bibliothek, Commons
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Der Soldat und der Jude.

Es war einmal ein polnischer Soldat, der vier Jahre im Heere gedient hatte. Als er ausgedient hatte, wurde er entlassen und bekam drei Groschen. So ging er in die Welt. Seine Kleider waren zerrissen, die Schuhe hatten große Löcher, und die Mütze auf dem Kopfe sah aus, als ob die Vögel unter dem Himmel darin ihr Nest gebaut hätten.

Unterwegs begegnete er einem Juden, der einen gut gefüllten Geldgurt umgebunden hatte. Er blieb stehen und sagte zu dem Juden: „Sieh nur, Jude, wie abgerissen ich bin! Und ich bin doch ein polnischer Soldat und habe vier Jahre dem Vaterlande gedient. Gib mir ein paar Groschen, damit ich mir ein Wams und heile Schuhe verschaffen kann!“ Aber der Jude begann zu jammern: „Ai, wai! Ich bin noch ärmer als du. Ich habe nicht einmal einen zerbrochenen Pfennig in der Tasche.“

Der Soldat sah wohl, daß der Gurt des Juden mit Geld vollgestopft war, aber er tat, als ob er nichts bemerkt hätte, und sagte zu dem Juden: „Wenn du nichts hast, dann sind wir beide Bettler. Komm dort unter das Wegkreuz, wir wollen beten, daß der Herr Jesus sich erbarmen und uns aus der Not helfen wolle. Vielleicht erbitten wir uns einen Gurt voll Geld.“

Der Jude wollte nicht unter das Wegkreuz gehen, um zu beten, aber als der Soldat anfing, zornig zu werden, ging er hin und kniete nieder. Und der Soldat kniete hinter ihm.

Der Soldat bekreuzigte sich, der Jude nahm seine Riemen heraus und band sie sich um die Hände, dann band er sich einen Knoten auf die Stirn und [13] fing an zu winken und auf seine Weise zu beten. Unterdessen hob der Soldat einen kleinen Stein auf und warf ihn gegen den Stamm des Kreuzes. Dann fragte er den Juden: „Hörtest du etwas?“ „Nein, ich habe nichts gehört,“ antwortete der Jude. „Dann wollen wir weiter beten.“ Nach einer Weile hob der Soldat wieder heimlich einen Stein auf, warf ihn gegen das Kreuz und fragte den Juden: „Hörtest du etwas?“ „Nein, ich habe nichts gehört,“ antwortete der Jude.

So beteten sie noch ein Weilchen, dann warf der Soldat zum dritten Male ein Steinchen gegen den Stamm des Kreuzes und fragte den Juden: „Hast du etwas gehört, Jude?“ Der Jude hatte auch diesmal nichts gehört. Doch der Soldat stand auf und sagte: „Aber ich habe wohl gehört, daß uns ein Zeichen gegeben wurde. Steh’ auf, der liebe Gott hat dich erhört und dir einen ganzen Gurt voll Geld geschenkt. Komm jetzt, dort auf dem Stein wollen wir es uns teilen.“

Der Jude erschrak sehr, aber er konnte es nicht bestreiten, denn der Soldat sah, daß er einen Gurt voll Geld hatte, obgleich er früher behauptete, nichts zu haben. Gern oder ungern schüttete er den Gurt auf den Stein aus, und sie teilten sich das Geld.

Dem Juden aber war es leid, daß er die Hälfte von seinem Geld hingeben mußte, und er dachte hin und her, wie er wohl das Verlorene zurückbekommen könne.

Als sie mit der Teilung fertig waren, fragte er darum den Soldaten sehr freundlich: „Wohin willst du jetzt gehen, Soldat?“ „Ich gehe in die Welt“, antwortete der Soldat, „denn ich habe keine Heimat, weder Vater noch Mutter, weder Weib noch Kind, weder Bruder noch Schwester, weder Acker noch Vieh. Ich gehe mein Glück suchen.“ „Dann komm mit mir“, antwortete der Jude, „ich gebe dir Essen und Trinken und ein Bett, um dich auszuschlafen. Und wenn du dich ausgeruht hast, kannst du weitergehen.“

[14] Der Soldat nahm die Einladung gern an und ging mit dem Juden in sein Haus. Dort rief dieser seine Frau, und befahl ihr, aufs beste zu braten und zu kochen. Als die Jüdin den Tisch gut bestellt hatte und der Soldat sich anschickte zu essen, sagte der Jude, daß er Geschäfte in der Stadt habe, und ging fort. Der Soldat aß und trank, denn er war sehr hungrig.

Der Jude aber hatte besondere Absichten. Er ging nicht in die Stadt auf Geschäfte, sondern geradewegs zum Schlosse, wo der Starost wohnte. Dort ließ er sich zum Starosten führen und beklagte sich über den Soldaten: „Großmächtiger Herr Starost! Wai, was mir geschah! Ich war auf dem Handel und ging ruhig meines Weges, da fiel mich ein polnischer Soldat an und nahm mir die Hälfte meines Geldes.“

„Wie sah er aus?“ fragte der Starost. „Abgerissen wie eine Vogelscheuche“, antwortete der Jude. „Der Rock voller Löcher, die Schuhe klaffen voneinander, und die Mütze auf dem Kopfe sieht aus, als ob die Vögel unter dem Himmel darin ihr Nest gebaut hätten. Nichts an ihm ist heil, außer der Haut, die er mit auf die Welt gebracht hat.“

„Da du ihn so gut beschreibst, werden wir ihn schon auffinden. Weißt du vielleicht, wohin er mit dem Gelde gegangen ist?“

„Er ist bei mir im Hause“, antwortete der Jude, „und ißt und trinkt.“

„Dann führe ihn her, der Galgen wartet schon auf ihn.“

Der Jude dankte dem Herrn Starosten schön und ging, um den Soldaten zu holen. Der wischte sich gerade den Mund ab, denn es hatte ihm gut geschmeckt. Der Jude sagte sehr freundlich zu ihm: „Unser Herr Starost hat gehört, daß ein polnischer Soldat hier in der Stadt ist. Er würde dich gerne sehen und sich mit dir von deinen Kriegen unterhalten. Darum bittet er, daß du zu ihm kommst.“

[15] „Ich komme gern“, antwortete der Soldat, „aber wie kann ich zu einem so großen Herrn gehen, wenn ich so abgerissen bin?“

„O, darum habe keine Sorge“, antwortete der Jude, „ich gebe dir ein neues Wams.“ „Und ein Kamisol auch?“ „Auch!“ „Auch eine neue Mütze?“ „Auch eine Mütze gebe ich dir“, sagte der Jude, und holte ein neues Wams, Kamisol und Mütze aus dem Schrank.

Als sich der Soldat die Sachen angezogen hatte, sah er aus wie ein Graf. Aber dann forderte er vom Juden neue Schuhe. „Auch Schuhe gebe ich dir“, sagte der Jude. Er holte ganz neue herbei und wichste sie schön, der Soldat zog sie an und sagte: „Jetzt könnte ich zum Herrn Starosten gehen, aber auf dem Hofe ist es schmutzig, und da könnte ich mir die blanken Stiefel beschmutzen, ich muß durchaus ein Pferd haben.“ Der Jude holte sein bestes Pferd aus dem Stalle, putzte es mit Striegel und Bürste und legte ihn den Sattel auf.

Der Soldat bestieg das Pferd und sagte: „Jetzt kann ich vor dem Herrn Starosten erscheinen.“ Er ritt zum Schlosse, wie ein großer Herr, und der Jude ging zu Fuß hinterher. Der Starost stand gerade vor seinem Schlosse, als der Soldat angeritten kam. Dieser stieg ab und verbeugte sich höflich vor dem Starosten, und der dankte ihm. Aber der Jude zeigte mit dem Finger auf den Soldaten und sagte: „Das ist er!“

„Du bist wohl verrückt geworden“, antwortete der Starost, „der Herr sollte dir das Geld genommen haben? Du sagtest doch, daß das ein abgerissener Landstreicher gewesen sei.“

„Aber er ist es doch“, rief der Jude, „ich selbst habe ihm ja den neuen Rock gegeben.“ „Dem Juden ist es nicht richtig im Kopf“, sagte jetzt der Soldat, „er ist fähig, zu behaupten, daß auch Wams und Mütze und Schuhe, die ich an mir habe, ihm gehören!“ „So wahr Gott im Himmel ist“, schrie der Jude, „das ist alles mein!“ „Er wird sogar [16] sagen, Herr Starost, daß das Pferd, auf dem ich reite, sein Eigentum sei.“

„Ich schwöre“, schrie der Jude, „daß auch das Pferd mein ist!“

„Du bist verrückt, Jude, oder betrunken“, sagte der Starost. „Zuerst behauptetest du, daß ein zerlumpter Kerl dich beraubt habe, und jetzt beschuldigst du diesen Herrn? Geh’ nach Hause und schlafe dich aus, und wenn du noch mal sagst, daß der Herr dir dein Geld nahm, dann wird es dir schlecht gehen! Reisen Sie mit Gott weiter“, sagte er dann zum Soldaten, ging auf sein Schloß zurück und schloß hinter sich die Türe. Der Jude jammerte laut, denn er hatte nicht nur die Hälfte von seinem Gelde, sondern auch die Sachen, die er dem Soldaten gegeben hatte, und das Pferd verloren, und durfte nichts sagen.

Der Soldat aber ritt in die Welt, und es ging ihm gut, denn er war hübsch und besaß ein Pferd und viel Geld.