Der Wille zum Stil/1
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[23] THEO VAN DOESBURG „DER WILLE ZUM STIL“1 Neben dem Problem der wirtschaftlichen und ökonomischen Neugestaltung Europas nimmt das Kunstproblem eine wichtige Stelle ein. Inwieweit diese beiden Probleme miteinander innerlich verknüpft sind, kommt hier nicht in Frage; nur eins wissen wir, daß sowohl die Lösung des ökonomischen Problems wie die des Kunstproblems außerhalb individueller Einstellung liegt, und das ist ein Gewinn. Es bedeutet nämlich, daß die Vorherrschaft des Individuums (das renaissancistische Lebensgefühl) gebrochen ist. 1 Vortrag gehalten in Jena, Weimar und Berlin. [24] Sehen wir das Gesamtbild unseres heutigen Lebens nur mit unseren Augen an, so können wir die Folgerung ziehen, daß dieses Gebilde einen chaotischen Charakter trägt, und es kann uns nicht wundern, daß diejenigen, welche sich in diesem scheinbaren Chaos unwohl fühlen, der Welt entfliehen oder sich in geistigen Abstraktionen verlieren wollen. Doch jedenfalls muß es uns klar sein, daß diese Flucht vor der Wirklichkeit ein ebenso großer Irrtum ist wie jene Anlehnung an den reinsten Materialismus. Weder die Flucht in das Mittelalter, noch der von verschiedenen Kunsthistorikern empfohlene Wiederaufbau des Olympos kann und die Lösung bringen. Unsere Zeit hat eine andere Mission zu erfüllen als die des Mittelalters und des Hellenismus. Um die Aufgabe unserer Zeit richtig zu verstehen, ist es notwendig, daß wir nicht nur mit unseren Augen, sondern vielmehr mit unseren innerlichen Sinnesorganen die Lebensstruktur erfassen. Haben wir einmal die Synthese des Lebens aus der Tiefe unseres Wesens gewonnen und als Inhalt von Kultur und Kunst anerkannt, so wird es uns nicht schwer fallen an Hand von Dokumenten, die uns die Tradition liefert, der Lösung des Problems näher zu kommen. Nicht wir allein ringen um die Lösung des Kunstproblems, sondern viele Generationen haben darum gerungen. Die Bestätigung hierfür finden wir in allen bedeutenden Werken der Tradition. Mögen diese Kunstäußerungen für unsere optischen Empfindungen auch noch so verschieden sein, für unsere innerlichen Sinneswerkzeuge erscheint jede menschliche Schöpfung nur als die Oberfläche eines sich in unserem Wesen abspielenden Kampfes. [25] Prinzip, das Negative und Positive, das Statische und Dynamische, das Horizontale und das Vertikale — es sind die unveränderlichen Elemente, auf denen der Widerspruch unseres Lebens beruht, und welche sich in der Veränderlichkeit zeigen. Die Aufhebung dieses Kampfes, der Ausgleich dieser Extreme, die Aufhebung der Polarität ist Inhalt des Lebens, ist elementarer Gegenstand der Kunst. In diesem Ausgleich, welcher sich in der Kunst als Harmonie oder vitale Ruhe kund gibt, liegt das Kriterium für die wesentliche Bedeutung jedes Kunstwerks. Nicht zwar für das Kunstwerk als Sonderausdruck, sondern für die Kunst als Gesamtausdruck eines Volkes, für einen Stil. Jedes Kulturvolk hat sich mit diesen grundlegenden Wahrheiten, die weit über das Persönliche hinausgehen, auseinander gesetzt. Die Physiognomie jeder Kunstperiode zeigt am deutlichsten, inwieweit es den Menschen gelungen ist, einen Ausdruck zu schaffen, einen Stil, ein Gleichgewicht zwischen obengenannten Gegensätzen. Bei einem Volk überwiegt das natürliche Element, die Spontanität bei einem anderen überwiegt das geistige Element, die Kontemplation nur selten ist durch Beherrschung dieser Zweiheit das Gleichgewicht da. [26] Das ganze Evolutionssystem beruht auf zunehmender geistiger Vertiefung, welche die Umwertung aller Werte verursacht. In dieser kurzen Auseinandersetzung habe ich das grundlegende meiner Kunstanschauung zusammengefaßt. Ich komme jetzt auf meine schematische Darstellung zurück, folgendes ergibt sich:
[27] Bei den Romanen gewahren wir eine starke Annäherung an das Natürliche, während in der darauf folgenden Epoche des Mittelalters sich das genaue Gegenteil — Hinneigung zum Geistigen — zeigt. Wir haben uns nur in das Wesen der nur in ihre Form verschiedenen Philosophien und Religionen zu versenken, um diese Polaritätsgedanken als den Sinn des Lebens zurückzufinden. — Sie sind die symbolische Vorstellung von einer Wahrheit, deren Verwirklichung unsere Aufgabe ist, und vielleicht hat keine Zeit den Kampf von Natur und Geist so bestimmt zum Ausdruck gebracht wie die unserige. Es handelt sich hier nicht um das, was wir in philosophischer Beziehung unter Natur und Geist zu verstehen haben. Es genügt, wenn wir in der Wirklichkeit unsere eigene Existenz zwei einander ergänzende Prinzipien als Inhalt aller unserer Handlungen zurückfinden. [28] schöpferische Tätigkeit offenbart, beweist, daß die geistige Potenz die Natur als den anderen Teil ihrer selbst, als ihren Kontrast empfindet. So ist das Verhältnis des Künstlers zu seiner Innen- und Umwelt ein Konstrastverhältnis. Ich habe es für nötig gehalten, meinen Vortrag mit dieser kurzen metaphysischen Einführung zu beginnen, damit das wahre Verhältnis des Künstlers zur Natur geklärt wird. Der große Unterschied zwischen den Künstlern der Vergangenheit und den Künstlern der Gegenwart besteht eben darin, daß die letzteren sich über dieses Verhältnis vollkommen im klaren sind. Sie stehen als bewußte schöpferische Menschen in der Welt, während die alten Künstler, die Verehrer des Unbewußten, gezwungen waren, sich auf eine intuitive tierische Spontanität zu verlassen. Das Gefühlsmoment überwiegt meistens in ihren Werken und zwar in der Form einer tragischen Gestalt. (Beispiel: Sasatto [Sienesische Schule]: Johannes der Täufer.) Im Tragischen zeigt sich am stärksten das Kampfmoment, das heißt der Wille zur Überwindung der Natur. Das Tragische in der Kunst ist der psychologische Ausdruck des unvollkommenen zerrissenen Menschen, der glaubte, daß die großen Gegensätze, welche er sich primitiv als Diesseits und Jenseits, als Himmel und Erde, als das Gute und Böse dachte, niemals in vollständige Harmonie zu bringen war. [29] an eine überwiegend seelische und symbolische Lebensauffassung aufgetreten war. Wir müssen uns darüber klar werden, daß in all diesen Kunstwerken der Vergangenheit die Synthese des Lebens vorhanden ist als Gleichnis und niemals als Gestalt. [30] Diese experimentellen Kunstäußerungen bewegen sich auf Grund einer noch unvollkommenen dualistischen Lebensauffassung zwischen Gefühl und Intellekt. Weder Gefühl allein, noch Intellekt allein können uns die Lösung des Kunstproblems bringen. Der große Wert dieser experimentellen Kunstäußerungen besteht vor allem darin, daß sie die Kraft der reinen Ausdrucksmittel (für die Malerei die Farbe — für die Plastik das Volume — für die Architektur der Raumkörper — für die Musik die reinen Klänge usw.) gefunden haben. Damit haben sie die Dualität zwischen Bildform und Bildinhalt aufgehoben. Für eine klare Einsichtgewinnung in das Kunstproblem, ist es nötig, daß wir an den Kunstwerken der Vergangenheit nachprüfen, wie dieser Lebensinhalt in die künstlerische Komposition übertragen wird. Dieser Lebensinhalt trat nämlich gleichnishaft oder illusionsmäßig-verhüllt in Erscheinung. [31] Hell und Dunkel. (Beispiel: Rembrandt: Jüdische Braut.) In dem Beispiel, das ich hier gewählt habe, wird die Lebenssynthese durch anschauliche Vorstellung noch stärker ausgedrückt. Im Zusammenhang meines Vertrags bekommt dieses Gemälde Rembrandts die Bedeutung eines übernationalen Gestaltungswillens. Schon in dieser Entwicklungsphase der Malerei werden die sekundären Bildelemente (das Gegenständliche) zu primären Gestaltungselementen, d. h. die farbigen Gegenstände werden der malerischen Komposition untergeordnet. Im Impressionismus wird das Rembrandt-Prinzip zum System. (Beispiel: Manet: Frühstück im Freien.) Das Gegenständliche bekommt eine noch geringere Bedeutung, an Stelle von Lichtkontrasten wie bei Rembrandt ergeben sich Farbkontraste wie bei Manet. Die Betonung der Kontraste wurde immer bestimmter, wie sich das am deutlichsten bei diesem Bild von Manet zeigt, wo eine immer wechselnde Wirkung von hellen und dunklen Farben die gesamte Komposition durchzieht. Aus dem übernationalen Gestaltungswillen späterer Kunstperioden kann auf eine allgemeine künstlerische Gestaltungsnotwendigkeit, die in früheren Perioden unbestimmter auftritt, geschlossen werden. Der Kampf um unmittelbaren Ausdruck setzt bei van Gogh sehr stark ein. (Beispiel: van Gogh: Arlesienne.) Mit brutaler Sicherheit zwingt er sein Kontrasterlebnis in die Bildfläche hinein. In geschlossener, fester Formstruktur versucht er die Zweiheit zu überwinden, das Statische und das Dynamische in Ausgleich zu bringen und den Geist die Materie zu übertragen. Diese Überwindung der Dualität (das Lebensgefühl des zerrissenen, unvollkommenen Menschen der Vergangenheit) war aber nicht möglich ohne Vernichtung der Naturillusion, ohne Durchbrechung der geschlossenen Form, ohne Überwindung von Form überhaupt. Die geschlossene Form wird von nun an für das neue Stilwollen als Hemmung empfunden. Bei den Künstlern nach van Gogh, wie z. B. bei van der Leck und Picasso (Beispiele: a) Bettler und b) Harlekin), wird die Form absichtlich umgestaltet und [32] der flächenhaften Komposition untergeordnet. Hierdurch bekommt die immer nur negativ behandelte Bildfläche ihre wahrhafte Bedeutung. Infolge der neuen wissenschaftlichen und technischen Erweiterung des Gesichtskreises tritt in Malerei und Plastik neben dem Raumproblem noch ein anderes wichtiges Problem: das Zeitproblem auf. War in früheren Kunstperioden das Raumproblem durch perspektivisches Formennebeneinander behandelt, so würde das Zeitproblem durch Figurennacheinander einer Erlösung näher gebracht, Exakter Ausdruck, wirklicher Ausgleich zwischen raumlichen und zeitlichen Momenten war nur durch Mekanisierung der Bildfläche möglich. Die Bildflächenmekanisierung wurde schon durch verschiedene Künstler, wie Rousseau und van der Leck, vorbereitet. (Beispiel: a) Brücke und b) Vorbeiziehende Artillerie.) (Schluß folgt.) |
