Der fromme Tagelöhner und der habgierige Nachbar

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Autor: Friedrich Lorentz
Titel: Der fromme Tagelöhner und der habgierige Nachbar
Untertitel:
aus: Aus dem Märchenschatz der Kaschubei, S. 10–12
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1930
Verlag: Fuchs & Cie.
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Erscheinungsort: Danzig
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Quelle: Pomorska Digitale Bibliothek, Commons
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Der fromme Tagelöhner und der habgierige Nachbar.

In einem Dorfe lebte ein armer Tagelöhner der war sehr fromm. Wenn er auch bisweilen nichts zu essen hatte, so arbeitete er doch an Sonntagen und Festtagen nicht, um den Feiertag nicht zu entheiligen. Eines Sonntages ging er zur Kirche und sah auf dem Wege einen Sack voll Geld liegen. Er wollte ihn schon aufheben und mitnehmen, aber da dachte er: „Heute ist Sonntag, da darf ich mich nicht mit dem Sacke schleppen. Mag er bis morgen liegen!“

Er ging zur Kirche und sah auf dem Rückwege wieder den Sack voll Geld, aber er hob ihn nicht auf, denn es war Sonntag! Die anderen Leute hoben den Sack auch nicht auf, denn sie sahen keinen Sack, sondern eine tote Katze. Der Tagelöhner kam nach Hause und erzählte seiner Frau von dem Sacke.

„Du Narr,“ sagte die, „hättest du das Geld nicht aufheben können? Dann hätten wir nicht mehr zu arbeiten gebraucht.“

Der Tagelöhner hatte einen sehr habgierigen und nichtswürdigen Nachbarn, der kam auch aus der Kirche, sah die tote Katze, wie der Sack allen Menschen erschien und dachte: „Ich fasse die Katze am Schwanz, schleppe sie bis zum Dorf und werfe sie dem frommen Tagelöhner durchs Fenster in die Stube. Dann werde ich sehen, ob er nicht arbeiten wird, denn er muß doch das Aas hinausschaffen“

Der Tagelöhner und seine Frau sprachen noch von dem Gelde, als der Nachbar zum Fenster kam, ihnen die tote Katze vor die Füße warf und fortlief. Der Tagelöhner und seine Frau erschraken sehr, aber bald bemerkten sie, daß ihnen der Sack voll Geld in die Stube geworfen war. Sie ließen [11] ihn bis zum Montag liegen, dann verwahrten sie das Geld im Keller.

Jetzt ging es ihnen gut. Der Nachbar konnte nicht verstehen, daß der arme Tagelöhner plötzlich so viel Geld besaß, er fragte nach und erfuhr, daß er selbst der Urheber des Glückes war, das der Tagelöhner erfahren hatte. Darüber ärgerte er sich sehr und dachte sich einen Streich aus, um selbst das Geld zu bekommen.

Er schlachtete seinen Bullen, wickelte sich am Abend in die Haut des Bullen, ging zu dem Tagelöhner und sagte: „Ich bin der Teufel aus der Hölle, du siehst doch meine Hörner und meinen Schwanz, hole das Geld und gib es mir, sonst drehe ich dir den Hals um.“

Die Frau weinte und bat ihren Mann, er solle doch das Geld aus dem Keller holen. Aber der Mann tat es nicht. Der Nachbar sagte: „Ich komme noch zweimal, und wenn ihr mir am dritten Tage das Geld nicht gebt, drehe ich euch beiden den Hals um.“

Am anderen Abend kam der habgierige Nachbar wieder in der Bullenhaut zum Tagelöhner, aber der gab ihm auch diesmal das Geld nicht, obgleich die Frau ihn flehentlich bat, es zu geben.

Am dritten Tage nach dem Mittagessen kam ein Wanderer zu dem Tagelöhner und bat um ein Nachtlager. Der Tagelöhner behielt ihn auch über Nacht und gab ihm in der Kammer ein Bett. Am Abend legte er sich nieder und schlummerte ein. Es dauerte nicht lange, da kam der habgierige Nachbar in der Bullenhaut und rief: „Ich bin der Teufel aus der Hölle, gebt mir das Geld, oder ich drehe euch beiden den Hals um!“

Die Frau weinte, aber in diesem Augenblick öffnete sich die Kammertür, der Wanderer trat in die Stube und sagte: „Guten Abend, Kollege! Ich bin auch ein Teufel aus der Hölle, wir können beide zusammen nach Hause gehen.“

[12] Mit diesen Worten faßte er den habgierigen Nachbarn an der Kehle, riß ihm die Bullenhaut ab und flog mit ihm zur Hölle. Dem Tagelöhner aber ging es sein ganzes Leben lang gut.