Die Geschichte einer Hausfreundin

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Autor: unbekannt
Titel: Die Geschichte einer Hausfreundin
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aus: Die Gartenlaube, Heft 31, S. 492–496
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1867
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Elias Howe und seine Nähmaschine
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Die Geschichte einer Hausfreundin.


Vor etwa dreißig Jahren lebte in Boston ein sonderbarer Kauz, Davis mit Namen, der durch die auffallende Art seiner Kleidung und mehr noch durch seine paradoxe und bilderreiche Redeweise zu einer Stadtmerkwürdigkeit geworden war. Nichtsdestoweniger war das Original ein höchst geschickter Mechaniker, dessen nautische Instrumente namentlich sich eines bedeutenden Rufes erfreuten. Er hatte die Technik mit verschiedenen werthvollen Erfindungen bereichert und gern erholten sich andere Mechaniker bei Erfindung und Verbesserung von Maschinen bei ihm Raths.

So kamen auch 1839 zwei Bürger Bostons zu ihm, in großer Verlegenheit. Jahre lang hatten sie sich gequält, eine Strickmaschine zu erfinden, hatten der Eine, ein Opticus, all’ sein Wissen und Können, der Andere, ein Capitalist, ein gut Stück Vermögen daran gesetzt, hatten auch schließlich einen Apparat zu Stande gebracht, aber alle ihre Bemühungen, ihn in Gang zu setzen und arbeiten zu lassen, blieben umsonst. Da sollte nun Davis wieder einmal helfen. Kopfschüttelnd hörte er eine Zeitlang die Erklärungen des Erfinders an, welchen das gesammte Personal der Werkstatt umstand, dann platzte er in seiner gewohnten wunderlichen Manier plötzlich mit der Frage heraus:

„Aber um Gotteswillen, Mann, was plagt Ihr Euch mit Eurer Strickmaschine? Warum macht Ihr denn nicht lieber eine Nähmaschine?“

„Wenn ich’s nur könnte!“ erwiderte seufzend der Capitalist; „aber es geht nicht.“

„Freilich geht’s,“ sagte Freund Davis, „freilich, und Ihr sollt sehen, daß es geht; ich werde gleich selbst eine Nähmaschine construiren.“

„Schön, Mr. Davis,“ antwortete lächelnd der Andere; „thut’s und Ihr seid ein gemachter Mann.“

Bei diesem Gespräch hatte indeß die Sache ihr Bewenden. Davis’ Bemerkung wurde für das genommen, was sie in der That blos war, eine seiner bekannten paradoxen Behauptungen, und es fiel ihm niemals ein, die Erfindung einer Nähmaschine auch nur zu versuchen.

Unter seinen Arbeitern aber, welche der Scene beigewohnt, [494] befand sich ein junger Mann vom Lande, ein gewisser Elias Howe, der unlängst erst bei Davis als Gehülfe eingetreten war, damals etwa zwanzig Jahre alt. Auf ihn machte die Bemerkung, daß man durch die Erfindung einer Nähmaschine zum reichen Manne werden könne, einen gewaltigen Eindruck. Es war ein grübelnder Kopf, dieser Howe, der selbst schon über allerhand Erfindungen getiftelt hatte, allein nichts weniger als praktisch, dazu trotz seines Alters noch läppisch und kindisch und vor Allem ein Feind jedweder anstrengenden Arbeit. Die Energie, mit welcher ein Watt, ein Stephens und andere Erfinder auf ihr Ziel lossteuerten, fehlte ihm total; allein die Nähmaschine, an die er vorher niemals nur gedacht hatte, wurde gewissermaßen zur fixen Idee bei ihm. Er träumte blos von seiner Maschine; er schlenderte bei den Schneidern umher und sah wieder und immer wieder der Procedur des Nähens mit einer Aufmerksamkeit zu, daß die Leute an seinem Verstande zu zweifeln begannen. Sie lachten laut auf, wenn er seufzend die Haufen zugeschnittener Tuchstreifen betrachtete, die sämmtlich eines und desselben Stiches bedurften, um sich zu Kleidern zusammenzufügen, und klagte, daß eine so einfache, so wenig Kraftaufwand erfordernde Manipulation nicht mittels einer Maschine bewerkstelligt werden könnte, – indeß das Ideal seiner Träume, seines Brütens und Grübelns zu verwirklichen legte er keine Hand an.

So vergingen Jahre. Howe hatte sich selbst als Mechaniker etablirt, allein sein Geschäft wollte nicht vorwärts. Sorgenvoll saß er auf seinem elenden Dachstübchen und wußte oft nicht, wie er für seine hungernde Familie Brod schaffen sollte. Unablässig aber brütete er über seiner Maschine und mußte gar manchmal von seinen Bekannten, ja von seinem eignen Weibe den Vorwurf hören, daß er wohl Besseres thun könne, die Noth der Seinigen zu lindern, als unaufhörlich Hirngespinnsten nachhängen, bei denen doch nun und nimmermehr etwas herauskommen werde.

Und wirklich schien nichts dabei herauskommen zu wollen. Monatelang folgte er falscher Fährte, von der Ansicht ausgehend, daß die Maschine blos nachzuahmen brauche, was er seine Frau täglich mit der Hand thun sah, und daß dazu nichts weiter erforderlich sei, als eine an beiden Seiten zugespitzte Nadel mit dem Oehr in der Mitte, die sich den zu nähenden Zeugstücken entlang bewegen und bei jeder Bewegung den Faden durchziehen müsse. Endlich, nachdem er sich Hunderte von Stunden fruchtlos mit dieser Idee beschäftigt und seinen letzten Dollar an ihre Verwirklichung gewandt hatte, kann ihm 1844 plötzlich der Gedanke, ob es denn auch nothwendig, daß die Maschine die Manipulation der Hand nachahme, ob denn nicht ein anderer Stich möglich sei. Das war die Krisis der Erfindung. Er fiel jetzt darauf, zwei Fäden zu nehmen und den Stich mittels eines Webschiffes und einer gebogenen Nadel mit dem Oehr an der Spitze zu bewerkstelligen, und wußte sofort, daß er nunmehr erreicht hatte, was so lange all’ sein Denken und Sinnen, sein Streben und Mühen gewesen war. Schon im October des genannten Jahres konnte er durch ein rohes Modell von Holz und Draht sich selbst überzeugen, daß die von ihm construirte Maschine wirklich nähte. Wie aber vermochte er Andern die gleiche Ueberzeugung zu verschaffen, wenn er nicht im Stande war, eine mit der Genauigkeit eines Uhrwerks arbeitende Maschine aus Stahl und Eisen herzustellen? Und zur Anschaffung dieser Materialien besaß er keinen Heller!

Zum Glück hatte er in Cambridge einen ehemaligen Schulcameraden, einen Holz- und Kohlenhändler, Namens George Fisher, der vor Kurzem durch Erbschaft zu einem kleinen Vermögen gelangt war. Mit diesem Freunde hatte er oftmals von der Idee gesprochen, die ihn erfüllte, und es war ihm gelungen, jetzt, wo er seine Gedanken gewissermaßen greifbar produciren konnte, Fisher für die Sache zu interessiren, so daß derselbe darauf einging, sich zur Ausbeutung der Erfindung mit ihm zu verbinden. Der einstige Mitschüler gab nicht nur das zur Anschaffung von Werkzeug und Material erforderliche Geld her, sondern nahm auch Howe und dessen Familie in sein Haus und an seinen Tisch auf. Dafür wurde er Miteigenthümer des Patentes, falls die Maschine eines solchen würdig erachtet ward. Fisher war übrigens der einzige Mensch, der in die Projecte seines Freundes Vertrauen setzte; alle Andern, Howe’s eigene Frau nicht ausgenommen, verlachten den Erfinder als einen Träumer und Pläneschmied und überhäuften ihn mit Hohn und Vorwürfen. Es ist eben die alte Geschichte, wie sie mehr oder weniger leider alle Erfinder, alle Wohlthäter und Reformatoren der Menschheit zu erzählen haben. – Emsig arbeitete Howe den Winter von 1844 zu 1845 an seiner Maschine, die so klar vor dem Auge seines Geistes stand, daß er durch kleine Störungen und Hemmnisse, wie sie nicht ausbleiben konnten, in der Verfolgung seines Zieles kaum abgehalten wurde. Im April nähte er die erste Naht mit seinem Apparat und Mitte Mai stand das Werk vollendet. Im Juli endlich gingen die sämmtlichen Nähte zweier vollständiger Anzüge, des einen für ihn selbst, des anderen für seinen Freund und Theilhaber Fisher, aus seiner Maschine hervor – Nähte, die sich nachmals so bewährten, daß sie die Kleider selbst überdauerten; Diese erste Nähmaschine, welche den Ocean zu wiederholten Malen gekreuzt und in unterschiedlichen Gerichtshöfen als stummer, aber unwiderleglicher Zeuge fungirt hat, ist noch heute in Howe’s Geschäftslocal auf dem Broadway New-Yorks zu sehen, und alle unparteiischen Sachkenner, die sie in Augenschein genommen und ihre Leistungen geprüft haben, gestehen zu, daß kein anderer Erfinder jemals mit dem ersten Versuche, gleichsam auf den ersten Wurf die Idee seiner Erfindung alsbald so vollkommen und praktisch brauchbar verwirklicht hat, wie Howe mit seiner Nähmaschine. Es ist ein kleines Ding, diese erste Nähmaschine, eine Schachtel von kaum anderthalb Kubikfuß kann sie bequem beherbergen, und seitdem sind eine Menge von Veränderungen und Verbesserungen an dem Apparate gemacht worden, allein – darüber sind sämmtliche Fabrikanten einig – von all’ den siebenhundert verschiedenen Nähmaschinensystemen, die gegenwärtig existiren, ist kein einziges, welches im Wesentlichen nicht auf Howe’s Urmaschine basirte, wie dies auch viele Rechtssprüche einstimmig bestätigt haben.

Die Maschine war also erfunden und stand leibhaftig und arbeitend da, die eigentliche Leidensgeschichte, eine Leidensgeschichte à la Ressel und Bauer, sollte für Howe und seinen Gesellschafter jedoch erst ihren Anfang nehmen. Nachdem der Apparat seine ersten Stiche vortrefflich vollführt hatte, begab sich Howe zu einem ihm bekannten Schneider nach Boston, der die neue Erfindung praktisch probiren, auf ihr einige Kleidungsstücke nähen und dann ein öffentliches Urtheil über den Befund abgeben sollte. Allein der Mann wollte sich dazu nicht herbeilassen. Jetzt wanderte unser Erfinder mit seiner Maschine von Schneider zu Schneider, doch kein einziger war zu dem Versuche zu gewinnen. Die edlen Ritter von der Nadel erblickten in der Nähmaschine, wenn diese, was ihnen indeß unmöglich schien, ihre Aufgabe löste, nur den sicheren Ruin ihres Gewerbes und beharrten bei dieser ihrer Ansicht volle zehn Jahre hindurch, trotzdem, daß Howe ihnen Gelegenheit gab, sich von den Leistungen des Apparats durch den Augenschein zu überzeugen, und ihnen klar und bündig darlegte, daß ihr Geschäft nicht darunter leiden, vielmehr einen ganz überraschenden Aufschwung nehmen werde. Er hatte in einem großen Confectionsgeschäfte seine Maschine aufgestellt und erbot sich, damit jedwede Naht zu fertigen, die man ihm vorlegen würde. Ein zweifelnder Schneider nach dem andern erschien mit zu nähenden Kleidungsstücken und sah, wie die umfänglichen Nähte in einer Geschwindigkeit von zweihundert fünfzig Stichen in der Minute hergestellt wurden, mithin fast sieben Mal so schnell, als sich die Arbeit durch Menschenhand bewirken ließ. So nähte Howe vierzehn Tage lang von früh bis Abend für alle Welt, ergötzte auch wohl das Publicum durch Ausführung von allerhand Kunst- und Decorationsstichen und durch besondere Bravourstücke seiner Maschine. Endlich forderte er fünf der flinksten und geschicktesten Arbeiterinnen des Etablissements zu einem Wettnähen mit ihm heraus. Zehn Nähte von gleicher Länge wurden hergerichtet; davon sollte fünf die Maschine, die übrigen die fünf Mädchen herstellen. Der Geschäftsinhaber, welcher, die Uhr in der Hand, als Kampfrichter fungirte, versicherte eidlich, daß die Nähterinnen schneller gearbeitet, als gewöhnlich und als sie überhaupt nur eine Stunde es auszuhalten vermöchten – und dennoch war Howe mit seinen fünf Nähten eher fertig, als die Mädchen mit den ihrigen und seine Arbeit die sauberste und haltbarste, die man sehen konnte, wie dies ein Sachverständiger, selbst Schneider, beschworen hat.

Merkwürdig, auch solch’ zweifelloses Resultat konnte Niemanden zur Anschaffung einer Nähmaschine bestimmen, weder Fabriken noch Schneider! Die Mehrzahl der letzteren mochte sich zumeist vor dem Widerstand ihrer Gesellen fürchten, alle aber scheuten die großen Kosten des Apparats. Denn 1845 konnte Howe die Maschine nicht unter dreihundert Dollars liefern, und ein größeres [495] Kleider- oder Wäschgeschäft hätte vielleicht dreißig bis vierzig Maschinen aufstellen müssen.

Wie schmerzlich diese Erfahrungen auch waren, unsern jungen Erfinder beugten sie nicht nieder. Zunächst galt es nun, das Patent auf seine Erfindung zu erwerben. Abermals schloß er sich in seine Mansarde ein und construirte eine neue Maschine für das Patentamt. Mit ihr und mit den nöthigen Zeichnungen und Documenten in der Tasche machten sich die beiden Associés nach Washington auf den Weg. Sie erhielten das Patent, die Maschine wurde öffentlich ausgestellt, wurde viel angestaunt und gepriesen – von materiellen Erfolgen war indeß wiederum nicht die Rede, und tiefbetrübt und sorgenschwer zogen die jungen Männer aus der Bundesstadt wieder nach Hause.

Fisher hatte jetzt allen Muth verloren. Monate lang hatte er den Erfinder und dessen Familie erhalten, hatte das Geld für zwei Maschinen hergegeben, die Auslagen für die Reise nach Washington und für das Patent bestritten, hatte in Summa mehr als zweitausend Dollars der Sache geopfert und erblickte auch nicht die entfernteste Aussicht, daß die Erfindung jemals nur einigen Gewinn abwerfen werde. Die beiden Freunde trennten sich denn; Fisher betrachtete das aufgewandte Capital als unwiederbringlich verloren und Howe kehrte in seines Vaters, eines ehemaligen Sägemüllers, Haus zurück, ärmer und unglücklicher, als er je gewesen war.

Doch Mütter und Erfinder geben ihre Kinder so leicht auf. Hatte Amerika die Erfindung verworfen, so entschloß sich Howe, sie nun England anzubieten. Unter pecuniärer Beihülfe seiten seines Vaters schickte er im October des nächsten Jahres seinen Bruder Amasa mit einer Nähmaschine nach London, und ein englischer Fabrikant, ein gewisser William Thomas, der in seiner Koffer-, Regenschirm- und Schuhmanufactur in Cheapside nahezu zweitausend Arbeiter und Arbeiterinnen beschäftigte, war der Erste, welcher die Bedeutung der neuen Erfindung begriff und ein Stück Geld daran wagte. Freilich machte er selbst ein ausgezeichnetes Geschäft dabei, Amasa Howe aber ein außerordentlich schlechtes. Für zweihundert fünfzig Pfund Sterling erwarb Ersterer nicht nur die mitgebrachte Maschine, sondern zugleich das Recht, in seinem Etablissement so viele andere aufstellen zu können, wie er in seinem Geschäft bedürfe. Außerdem wurde noch ausdrücklich stipulirt, daß Thomas sich für England die Erfindung patentiren lassen dürfe, dem eigentlichen Erfinder aber von jeder verkauften Maschine drei Pfund Sterling abgeben solle. Er zögerte auch nicht, das Patent zu lösen, und seitdem hat Thomas von jeder der in England fabricirten oder eingeführten Nähmaschinen durchschnittlich seine vier Pfund Sterling als Tribut erhoben und so mit einer Capitalanlage von zweihundert fünfzig Pfund im Laufe der Zeit eine Million Dollars realisirt, während Howe von den ihm zugesicherten drei Pfund niemals einen Heller besehen. Zugleich machte Thomas noch den Vorschlag, Howe solle zu ihm kommen, seine Maschine auf das Nähen von Corsetten und dergleichen einrichten und außer den Auslagen für Werkstatt, Werkzeug und Materialien den glänzenden Gehalt von wöchentlich drei Pfund Sterling beziehen.

Mit diesem Anerbieten reiste Amasa nach Amerika heim. Hier war noch Alles beim Alten; kein Mensch wollte von der neuen Erfindung etwas wissen, die von Thomas gezahlten zweihundertfünfzig Pfund, welche Amasa nach Hause gesandt hatte, waren längst aufgezehrt und andere Aussichten eröffneten sich Howe nirgend. So nahm er denn den Antrag des Engländers an, wie erbärmlich und demüthigend er auch war, fuhr mit seinem Bruder als Zwischendeckpassagier im Februar 1847 nach London und ließ seine Familie kurz darauf dorthin nachkommen. Nach manchem vergeblichen Versuche, nach acht Monaten ununterbrochener Arbeit war es ihm geglückt, seine Maschine den Zwecken der Corsettenfabrikation anzupassen, und Thomas zeigte sich hocherfreut. Allein der Mohr hatte nun seine Schuldigkeit gethan und konnte gehen. Thomas nahm den Ton des Geldmanns gegen den armen Teufel von Arbeiter an, Howe opponirte wider solches Gebahren und der Engländer benutzte mit Vergnügen diese Handhabe, den lästigen Erfinder, aus welchem jetzt nichts mehr herauszupressen war, mit guter Manier los zu werden.

Die Noth, der sich nun Howe, seines Dienstes entlassen, preisgegeben sah, war grenzenlos. Der englische Boden, der ihm nichts als Enttäuschungen gebracht hatte, brannte ihm unter den Füßen; doch woher die Mittel zur Heimfahrt nehmen? Nichts Anderes blieb ihm übrig, als seine kostbare erste Maschine und die Documente seines Patents zu verpfänden! Mit nicht völligen drei Schillingen im Beutel, dem einzigen baaren Vermögen, das er besaß, landete er nach einer Abwesenheit von zwei Jahren im April 1849 vor New-York. Zu einigem Troste fand er wenigstens bald Beschäftigung, obschon nur als simpler Arbeiter in einer Maschinenbauanstalt. Sein Gemüth war ganz umdüstert; er sah aus wie ein lebensmüder alter Mann und mit jedem Tage schwand ihm mehr und mehr die Hoffnung, seine Erfindung noch einmal zur Geltung zu bringen und sich und seinen Kindern nutzbar machen zu können. Zudem, wie die Natur ja selten zwei außerordentliche Gaben in einem und demselben Individuum vereinigt; wie der Mann, welcher eine weittragende Erfindung macht, selten auch der ist, der ihr beim Publicum Eingang zu verschaffen versteht; wie jeder Watt seinen Boulton braucht: so besaß auch unser Howe nicht die nöthige Thatkraft zu dem schwierigen Werke, seiner Maschine, die ohnedies noch zwei- bis dreihundert Dollars kostete und auf der man sich erst einschulen mußte wie auf einem Clavier, zum allgemeinen Gebrauche zu verhelfen. Andern vielmehr war es vorbehalten, das Volk vom Segen dieses ausgezeichneten arbeitssparenden Geräthes zu überzeugen, der Maschine den Platz zu sichern, welcher ihr gebührt und den sie jetzt einnimmt, als eine unentbehrliche Gehülfin und Hausfreundin des Menschen.

Zu seinem Erstaunen gewahrte Howe bei seiner Rückkunft nach Amerika, daß unterdessen die Nähmaschine gewissermaßen berühmt worden war, wenn auch ihr Erfinder vergessen schien. Mehrere geschickte Mechaniker, die seine Erfindung gesehen oder auch nur von ihr gehört und[WS 1] gelesen, hatten sich an der Construction von Nähmaschinen versucht und zum Theil auf Howe’s Grundlage weiter gebaut. In New-York und an anderen Orten der Vereinigten Staaten waren Nähmaschinen öffentlich ausgestellt, in Boston dergleichen bereits in verschiedenen Etablissements in Thätigkeit, freilich sämmtlich noch sehr primitiver Art.

Mittellos wie Howe war, wollte er sich doch nicht dergestalt die Früchte seiner Erfindung entreißen lassen. Sofort begann er den Rechtsstreit gegen die Usurpatoren. Mit einem Darlehen von hundert Dollars, das er nach unsäglicher Mühe auftrieb, löste er zunächst seine in England sammt der Patenturkunde verpfändete Maschine wieder ein, und später fand er in einem gewissen Bliß einen Speculanten, der, allerdings nur gegen eines Andern Bürgschaft, Fisher’s Antheil an dem Patente übernahm. Nunmehr konnte er den Proceß gegen jene Eindringlinge führen und gewinnen, und noch vor Ablauf des Jahres 1850 sehen wir ihn bereits in der Herstellung von vierzehn neuen Maschinen begriffen.

Da trat plötzlich ein anderer Mitbewerber in die Schranken, der Howe’s Interessen auf das Bedenklichste zu gefährden drohte, ein Mann, der alles Das hatte, was ihm selbst fehlte, kühne, rastlose Thatkraft und zähe Ausdauer, und schließlich es wurde, welcher dem Publicum die neue Erfindung aufzwang. Seines Zeichens ursprünglich Schauspieler und Theaterdirector, in Wahrheit ein Abenteurer, der sich bereits in den verschiedenartigsten Berufszweigen und Unternehmungen, bisher jedoch ohne großes Glück, umhergetrieben hatte, war er darauf gekommen, auch einmal den Erfinder zu spielen und zwar – so hat er nachmals vor Gericht beschworen – erfand er 1850 eine Tranchirmaschine, mit welcher er sich nach Boston begab. Bei dem Kurzwaarenhändler, der ihm dieselbe abnahm, sah er zum ersten Male in seinem Leben einige Nähmaschinen, die zur Ausbesserung dahin gebracht worden waren, und der Kaufmann warf beiläufig die Bemerkung hin, wie schade es sei, daß diese Maschinen zu so wenigen Verrichtungen gebraucht werden könnten. „Wäre diesem Uebelstande abzuhelfen,“ meinte er, „alsdann ließe sich wohl ein Geschäft damit machen.“

Der Andere sah sich den Mechanismus genau an und brachte ihn die ganze Nacht nicht wieder aus dem Sinn, so daß er schon am andern Morgen im Stande war, die Zeichnung einer verbesserten Nähmaschine vorzulegen. Seine Skizze – das hat er ferner eidlich betheuert – enthielt drei völlig neue Grundgedanken und fand den Beifall des Geschäftsmannes, dem er die Anregung dazu verdankte. Ohne Weiteres streckte ihm derselbe fünfzig Dollars zur Construction der verbesserten Nähmaschine vor, und mit einem Feuereifer ging der ehemalige Mime an das Werk, der Niemand anders war, als Isaac Merritt Singer, derselbe, welcher gewöhnlich [496] als der eigentliches Erfinder der Nähmaschine gilt, der jetzige Crösus von New-York, der im Augenblick ganz Paris durch den Glanz, und die Originalität seiner Equipagen in Staunen versetzt.

Nach eilf Tagen, während welcher sich Singer fast keinen Schlaf gönnte, war die Maschine vollendet und am Morgen darauf, nachdem er noch einige kleine Mängel an dem Mechanismus seines Apparates abgestellt, reiste er mit seiner Schöpfung nach New-York ab, um hier sich ein Patent auszuwirken.

Groß waren auch für ihn die Schwierigkeiten, unsäglich die Hindernisse, ehe er seine Maschine durchsetzte, allein seine unerschütterliche Energie, seine rastlose Thätigkeit überwanden dies Alles. Er wußte sich Geldmittel zu verschaffen, er associirte sich mit seinem Bostoner Gönner, annoncirte Tag für Tag in allen amerikanischen Zeitungen, ließ gehörig die Reclame arbeiten, er reiste, er sandte Agenten durch die Staaten der Union und stellte seine Maschine auf Messen und Jahrmärkten in Städten und Dörfern aus. Mehrmals stand er am Rande des bürgerlichen Ruins, immer aber raffte er sich wieder empor und von Jahr zu Jahr wuchs sein Wohlstand. Lange freilich blieb seine Existenz eine sehr bescheidene; er hatte ein kleines Magazin in Broadway, und kein Mensch in der Welt hätte ihm damals prophezeit, daß nach Verlauf von zwölf Jahren Singer tausend Nähmaschinen in der Woche mit einem täglichen Reingewinn von tausend Dollars verkaufen würde. Er ist der wahre Pionier für den Absatz von Maschinen überhaupt geworden und hat diesen Zweig des Verkehrs angebahnt für Alle, welche ihm auf dem nämlichen Gebiete nachgefolgt sind.

Natürlich konnten die Bestrebungen und Erfolge Singer’s der Aufmerksamkeit des ursprünglichen Erfinders nicht entgehen. Howe klagte auf Verletzung seines Patents und ein langwieriger Rechtsstreit entspann sich. Singer führte alle seine Thatkraft und alle seine Mittel in’s Feld; er ließ die Patentämter von Amerika, von England und Frankreich nach einem etwaigen frühern Erfinder der Nähmaschine durchstöbern – denn einen solchen aufzufinden kam es hauptsächlich an – er schlug alle möglichen Encyklopädien nach, er versuchte sogar den Beweis, daß die Chinesen schon vor Jahrhunderten die Nähmaschine gekannt hätten, ja er entdeckte selbst in New-York einen gewissen Hunt, der bereits 1832 eine Nähmaschine erfunden haben wollte, er spürte auch noch Bruchstücke dieser Maschine in irgend einer Rumpelkammer auf – allein der unumstößliche Beweis einer Priorität der Erfindung ließ sich trotzdem nicht führen. Aus den Fragmenten konnte keine Maschine zusammengestellt werden; Hunt mußte bekennen, daß er mit seiner Maschine nie habe wirklich nähen können, und Howe wurden vom Gericht die Ehre der Erfindung und die daraus entspringenden Vortheile förmlich zugesprochen, sein Patent ward erneuert und erkannt, daß fortan sämmtliche Nähmaschinenfabrikanten ihm steuerpflichtig, d. h. sie und wer dergleichen Apparate nach den Vereinigten Staaten einführte, ihm fünf Dollars (seit 1860 nur noch einen Dollar) per Maschine zu zahlen verbunden sein sollten.

Von da an wandte sich das Geschick des Erfinders, der jetzt, neun Jahre nach der Vollendung seiner ersten Maschine, durch den Tod seines Associés zudem sich den alleinigen Besitz seines Patentes hatte erwerben können. Von wenigen hundert Dollars stieg seine Jahreseinnahme allmählich bis zu zweimalhunderttausend Dollars. Im Ganzen hat ihm die Nähmaschine schon mehr als eine Million siebenmalhunderttausend Dollars eingebracht und wenn, im September des laufenden Jahres, sein Patent erlischt, wird an der runden Summe von zwei Millionen kaum noch etwas fehlen. Indeß sind die pecuniären Opfer, welche ihn die Verfechtung seines Rechts gekostet, so bedeutende gewesen, daß er noch bei Weitem nicht zu den ersten der jetzt lebenden Nähmaschinenkönigen zählt.

Und solcher Nähmaschinenkönige giebt es bereits eine ganze Reihe. Wie Pilze schossen die Verbesserer, oder, wie man es bezeichnet, die Erfinder neuer Systeme von Nähmaschinen auf, denn diese waren eben ein Bedürfniß der Zeit und jede Erfindung ist das Product der letztern. Ungefähr zwanzig Häuser ersten Ranges befassen sich mit der Herstellung von Nähmaschinen, darunter auch unter andern die Firmen Grover und Baker und Wheeler und Wilson, deren Fabrikate in Deutschland allgemein bekannt und benützt sind.

Fast Alles, was nur die Nadel verrichten kann, das vollbringt auch die Nähmaschine, wie sie jetzt verbessert und in ihren Leistungen erweitert ist. Amtliche Untersuchungen haben dargethan, daß die durch sie bewirkte Arbeitsersparniß allein in den Vereinigten Staaten jährlich einen Werth von neunzehn Millionen Dollars repräsentirt und daß die Totalsumme der von ihr verrichteten Arbeit schon 1863 über dreihundertundvierzig Millionen Dollars betrug. Eine gute Näherin macht durchschnittlich fünfunddreißig Stiche in der Minute, die schnellsten Nähmaschinen können bis zu dreitausend die Minute leisten. Nun gehören zu einem soliden Hemde etwa sechsundzwanzigtausend Stiche; was für eine Ersparniß an Zeit und Arbeit gewährt mithin die Nähmaschine! Die Nähte an einem Männerhute kosten der Hand etwa fünfzehn Minuten, der Maschine blos eine. Ein einziges Mädchen kann mit Hülfe der letztern ebenso viele Knabenmützen nähen, wie zehn Männer dies mit der Hand vermögen. Bei feinern Kleidungsstücken ist selbstverständlich die Ersparniß nicht so groß; wenn die Fertigung eines eleganten Männerpaletots sechs Tage anhaltenden Handnähens erheischt, so braucht die Nähmaschine indeß immer nur drei dazu. Im Allgemeinen erspart sie dem Schneider von zwölf Stunden durchschnittlich vier. Wo es sich endlich um bloßes Säumen handelt, leistet eine speciell zu diesem Behufe construirte Maschine so viel wie fünfzig fleißige Mädchen!

Unser Nationalwohlstand ist folglich diesem kleinen Apparate mit seinem einfachen Mechanismus hundert und tausend Mal mehr schuldig geworden, als vielen andern Erfindungen von anscheinend weit imposanterem Charakter. Die Nähmaschine ist der wahre Socialdemokrat, der praktische Communist; sie ist es, welche den Arbeiter so stattlich kleidet wie den Millionär, sie, die Behagen gießt auch in die kleinste Wohnung und Tausenden namentlich von Arbeiterinnen zu einem menschenwürdigen Dasein verholfen hat, und darum gebührt auch dem armen Mechaniker von Boston der Kranz, mit dem wir die Stirn der Wohlthäter der Menschheit schmücken.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: ünd