Die Schöpfung der Alpenrose
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Einst in einer warmen Sommernacht, als der Mond einen sanfteren Tag in die Thäler herabgoß, ruhte die Göttin auf kühlem Moos in einer Kristallgrotte, die in einer bogenförmigen Oeffnung das leise Helldunkel aufnahm. Rankendes Epheu kletterte an dem Gestein herauf, und fiel über die Wölbung wie ein Netz herunter, vom Nachthauch muthwillig gehoben. Die leichte Gebirgluft stieg mit den Wohlgerüchten der Kräuter, wie eine Wolke von Opferduft, in der stillen Nachtfeyer der Schöpfung zu der Göttin empor. Paar und Paar ruhten die Thiere des Feldes und die Bewohner des Waldes im Schlummer. [172] Die wohltthätige Göttin segnete die Schlafenden, und vergaß den Himmel auf der Erde. Jezt tönte vom hohen Gipfel des Gebirges, in dessen Schooß die Kristallgrotte glänzte, eine leise Klage herab, wie wenn die Nachtigall im Erlenbusch den verlornen Liebling betrauert. „Verhülle dich, o Mond, und traure mit mir! Verlöscht, ihr blinkenden Sterne! Silberstrom rausche im Dunkeln! Ach! all’ ihr Zeugen unsrer Liebe, trauert mit der unglücklichen Ida! – Leise Lüfte, die ihr im Kranze des Todtenopfers säuselt, verstummt! Ach! ihr säuseltet auch in der bräutlichen Krone! Teude, Teude! Wo bist du? Schwebst du dort über dem Haupte der Jungfrau? Du, der immer höher strebte, wo noch kein Sterblicher gewandelt war, bis du in den Abgrund stürztest! Nimm mich mit dir, mein Trauter, mein Bräutigam! Ach! Du suchtest köstliche Kristallen, um deine Braut am Hochzeittage zu schmüken, [173] und fandest den Tod, blutig an schimmernden Klippen zerschmettert! Teude, sieh! ich bin bräutlich geschmückt mit Lerchenbaum-Sprößlingen, und mit dem Gewande, das mit deinem Blute gepurpurt ist. Komm Geliebter! Die kleinen Elfen schweben im Ringelreih’n dort über dem Abgrund; lieblich singt der Vogel der Nacht in den Klüften mein Brautlied. Teude, du kömmst! Ich sehe dich wandeln dort unten neben dem Strom! O eile„! – Aber das Dunstbild ihres Gehirns zerfloß, und sie sank ohnmächtig auf den frischen Erdhügel hin, der Teudes Körper verbarg. Ihr Auge starrte in die Dunkelheit hinaus; ihr gepreßtes Herz suchte in vollen Schlägen einen Ausweg, und konnte nicht brechen; denn mächtig zog das junge ungeschwächte Leben die Bande zusammen, die den Geist an den Körper fesseln. Erbarmend stand die Göttin des Lebens und der Liebe neben der Leidenden; sie winkte Erlösung – und [174] sanft liessen die Bande des Lebens nach. Wie aus tiefem Schlummer entschwebte der befreyte Geist der schönen Hülle, die hingedehnt und kalt auf dem Hügel ruhte. „Entblühe dem Tode, liebliche Blume„! rief mit silberner Stimme die Göttin. Da schoß im Stral des Mondes ein grüner Strauch auf, ganz Duft und Frische vom Stamm bis in die Blätter. Purpurblüten entglühten unter schützenden Dornen. Schnell stieg die Göttin empor; in ihren Armen die halbträumende Ida, die bey Walhallas Göttertafel an der Seite des Geliebten zu neuer Wonne erwachte. Am andern Morgen suchten die Hirtinnen die unglückliche Liebende. Sie fanden sie nicht; aber über der Gruft blühte die liebliche Alpenrose allein auf dem nackten Felsen, den sonst nur Moos bekleidete; auch war die göttliche Fremde verschwunden. Lieblichste unter den Blumen, die Helvetiens reiner Himmel nährt! Dein würziger Duft erquickte [175] mich in der dürren Hitze überhängender Felsstirnen. Deine einfache Schönheit erfreute mich, wenn die übrige Pflanzenwelt erstarb. Liebliche Blume! Auch hier noch am Ufer des kalten Beltes, unter nördlichem Himmel, duftest du mir süsse Erinnerung aus thauigem Kelche der Wehmut. |
