Die blutige Rache einer jungen Frau

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Textdaten
Autor: unbekannt
Titel: Die blutige Rache einer jungen Frau
Untertitel:
aus: Vorlage:none
Herausgeber: Verlag von Wilhelm Jurany
Auflage: 3. Auflage
Entstehungsdatum: 1838 (Englische Übersetzung)
Erscheinungsdatum: 1847 (Deutsche Übersetzung)
Verlag: Verlag von Wilhelm Jurany
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Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer: „Sloth“ (ins Englische), Adolf Böttger (ins Deutsche)
Originaltitel: Wang Chiao-luan pai nien ch'ang hen
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: E-Text von ngiyaw-eBooks, Scan Google
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[Ξ]
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[1]
Wang Keaou Lẅan Pih Nëen Chang Hăn
oder die
BLUTIGE RACHE
EINER JUNGEN FRAU.
CHINESISCHE ERZAEHLUNG.
Nach der in Canton 1839 erschienenen Ausgabe von Sloth übersetzt


von


ADOLF BOETTGER.
Dritte, wohlfeile Auflage.




LEIPZIG,
Verlag von Wilhelm Jurany.
1847.
[2]
Wang Keaou Lẅan Pih Nëen Chang Hăn
oder
die blutige Rache
einer jungen Frau.




Chinesische Erzählung.

[3] Während am Himmel die Sonne[1] kreist, und der Mond[2] seinen Lauf vollbringt –

Ersteht auf Erden ein Menschengeschlecht, indess ein anderes schwindet.

Was in verflossenen Jahren der Ort der Freude war, ist jetzt ein verödeter Hügel –

Ein Augenblinken wandelt das Recht in Unrecht, den Sieg in Sturz und Niederlage! –

Aus dem Geräusch und Getümmel der Welt suche weislich die Ruhe zu gewinnen.

So überklug Du auch scheinen magst, erinnere Dich zuweilen, ein Narr zu sein.

Schmachte nicht nach Schwelgerei, häufe nicht Reichthum!

Nimmst Du dies zu Herzen, so werden Deine Lebenstage frei von Kummer und Trübsal verfliessen!

[4] In der Provinz Keangse, dem Foo District von Jaouchow, dem Heen District von Yutseen, in dem Dorfe Changlo lebte ein Mann, vom Volke Changyih genannt. Dieser Mann handelte mit verschiedenen Artikeln, und da er eines Tages seiner Geschäfte halber in die Hauptstadt des Heen-Districts musste und die Nacht schneller hereinbrach, als er dieselben beendet, suchte er eine Schlafstelle in einer ausserhalb der Stadt gelegenen Herberge. Besagte Herberge war aber schon voll Leute, und er fand daher kein Unterkommen. Zufällig sah er in einer Seitennische ein festverschlossenes Gemach, was unbewohnt schien; daher wandte sich Changyih an den Wirth und sagte: Lieber Freund! warum öffnet ihr nicht dies Zimmer und weist es mir an? Der Wirth erwiderte: In diesem Zimmer, werther Herr, sind Geister oder Teufel, und ich wage nicht Gäste darin zu beherbergen!

Changyih entgegnete ihm: Gleichviel! selbst wenn Geister oder Teufel darin wären; was scheren die mich, sollt’ ich mich etwa vor ihnen fürchten?

Der Wirth hatte darauf kein Wort mehr zu sagen und willigte ein; er schloss die Thür auf, nahm eine Lampe und einen Kehrbesen, und übergab beides Changyih. Dieser ging in das Zimmer, stellte die Lampe standhaften Muthes auf den Boden und machte sie so hell als möglich.

Mitten im Zimmer stand eine zerbrochene Bettstelle, auf welcher der Staub in dicken Haufen aufgespeichert lag; er nahm ganz [5] ruhig seinen Besen und fegte sie rein, schlug dann die Bettdecke in die Höh, liess sich noch etwas Reis und Wein kommen, verzehrte dies und legte sich, nachdem er die Thür wieder verschlossen und sich entkleidet hatte, sorglos zur Ruhe. Im Traume sah er eine wunderschöne Frau in reicher, stattlicher Kleidung, die auf ihn zuschritt und sich seinem Kissen anempfahl. Fortträumend umarmte er sie, und als er erwachte, war – ’s ist seltsam zu sagen – das Weib noch an seiner Seite wie vorher. Changyih fragte, wer sie sei, und sie erwiederte: „Ich bin das Weib eines Nachbars, und weil mein Mann auswärts ist, fürchtete ich mich allein zu schlafen, so werden wir uns wohl gegenseitig drein fügen. Für jetzt sprich aber kein Wort mehr, späterhin wirst Du Alles erfahren.“ Changyih fragte sie nicht wieder, und als es heller Tag war, nahm das seltsame Weib Abschied; die Nacht darauf kam sie wieder, und beide Theile erlustirten sich wie das erste Mal. So ging es drei auf einander folgende Nächte fort, als der Wirth, der seines Gastes des Kaufmanns Changyih Musse gewahrte, zufällig im Gespräch des Umstandes gedachte, dass früher sich in jenem Zimmer eine Frau erhängt habe, und dass sich seitdem häufig seltsame Dinge darin ereigneten. „Doch,“ fügte er hinzu, „scheint ja jetzt Alles ganz ruhig zu sein.“ Changyih bewahrte das eben Gehörte tief in seinem Busen, und als die Nacht kam und mit ihr das Weib, stellte er ihr die Frage und sprach: „Heute hat mir der Wirth gesagt, dass in diesem Zimmer der Geist eines Weibes umgehe, das sich selbst erhängte, und ich vermuthe, Du bist dieses Weib!“

[6] Ohne das geringste Zeichen von Scham zu verrathen und ohne Verlangen, die Wahrheit zu verbergen, antwortete ihm das Weib ganz fest: ich bin’s in der That, und keine Andere! Aber Du, mein Lieber, kannst ganz ausser Sorge sein, da es durchaus nicht meine Absicht ist, Dir wehe zu thun.

Changyih ersuchte sie, ihm gefälligst die Geschichte ihres Lebens mitzutheilen, welche Bitte sie ihm mit folgenden Worten gewährte:

„Früher war ich ein öffentliches Mädchen, und mein Familienname war Muh. Mein Rang in dem Hause der Freude war Nummer zweiundzwanzig, und deshalb nannte man mich gewöhnlich Fräulein Neen urh[3]. Ich hatte eine Liaison mit einem Mann aus Yutseen District Namens Yang chuen, und wir standen im traulichsten Verhältniss zu einander. Er versprach, mich zu heirathen und in sein Haus zu nehmen; im Vertrauen darauf gab ich ihm mein kleines Privatvermögen, das aus hundert Goldstücken bestand[4]. Mein falscher Liebhaber ging aber davon und als er nach drei Jahren nicht zurückgekehrt war, suchte die alte Besitzerin der Wirthschaft meine Neigung zu bändigen und zwang mich, einen andern Geliebten anzunehmen; da ich nun keinen Ausweg wusste, ihren lästigen Bewerbungen zu entgehen und nicht stark genug war, die Plagen, die mich niederwarfen, [7] auszuhalten, erhing ich mich und starb! – Der Ort, wo meine Brüder wohnten, wurde an andere Leute verkauft, die ihn jetzt in ein Gasthaus umwandelten; in früheren Zeiten war dies mein Zimmer, und da mein Geist nicht gestorben ist, pflegt er es noch wie ehedem zu besuchen. Yang chuen ist aus dem nämlichen District, aus dem Du stammst, vielleicht kennst Du ihn?“ Changyih erwiederte, dass er ihn sehr gut kenne. „Und wo ist er jetzt, und was treibt er?“ frug das Weib. Changyih erwiderte: „Voriges Jahr hat er seine Wohnung an das Südthor der Hauptstadt Jaouchow verlegt, wo er geheirathet und einen Laden eröffnet hat. Sein Geschäft blüht überdies und geht auf die beste Art!“ – Das Weib seufzte tief auf, machte aber sonst keine weitere Bemerkung.

Zwei Tage später, als Changyih heimkehren wollte, sagte sie zu ihm: „Ich habe ein heftiges Verlangen, lieber Freund, Dir zu folgen und mit Dir zusammen zu leben, aber ich weiss nicht, ob Du dies zufrieden bist oder nicht?“ Changyih entgegnete: „Ei, wenn Du im Stande bist mich zu begleiten, was sollte ich denn dagegen haben?“ Darauf erwiederte die Frau: „Nun dann würdest Du wohl so gütig sein, und ein kleines hölzernes Täfelchen bereit halten mit der Aufschrift: Dies ist die Tafel des Geistes der Fräulein Neen urh. Diese kannst Du in Deine Reisetasche stecken; wenn Du sie dann heraus nimmst und mich rufst, werde ich Dir augenblicklich erscheinen.“

Unser Freund Changyih versprach Alles dies genau zu befolgen. Seine Genossin sagte ferner zu ihm: „Ich habe fünfzig Silberthaler [8] unterhalb des Bettes vergraben, wovon Niemand etwas weiss; nimm sie und verwende sie nach Belieben. Changyih grub den Grund auf und fand in der That einen Krug mit fünfzig Silberthalern gefüllt, worüber sein Herz lustig und guter Dinge ward; und so verging die Nacht. Nächsten Tages hatte er das Täfelchen des Geistes mit der besprochenen Aufschrift versehen, versteckte es sorgfältig, nahm vom Wirth Abschied und trat die Reise in die Heimath an. Als er sein Haus erreicht hatte, erzählte er all diese Vorfälle seinem Weibe. Die gute Hausfrau war Anfangs mit dem Abentheuer nicht eben so ganz zufrieden, als sie aber die fünfzig Silberthaler erblickte, kehrte ihre bessere Laune zurück und vertrieb jede Spur von Missbehagen. Changyih hatte die Tafel der Neen urh auf die östliche Mauer gestellt, sein Weib nahm sie in Scherz und rief den Geist an, und siehe da! im hellen Tageslichte spazierte Fräulein Neen urh hervor und machte der guten Frau vom Hause eine tiefe Verbeugung. Das arme Weib war erst arg erschrocken, als sie sich aber an den Anblick des Gespenstes gewöhnt hatte, verlor sich dieser Eindruck gänzlich.

In der Nacht, als sich Changyih mit seiner Ehehälfte zur Ruhe begab, legte sich die Fremde zu ihnen, und das Seltsamste dabei war, dass das Bett weder enger noch schmäler zu sein schien.

Nach ungefähr zehn Tagen sagte die gespenstige Dame zu Changyih: „Ich habe eine alte Schuld in der Hauptstadt des Districtes aussenstehen, vielleicht thätest Du mir den Gefallen und triebest sie mit mir ein? Unser Freund Changyih in der Hoffnung, [9] für sich selbst Nutzen daraus zu ziehen, sagt es ihr sogleich zu. Er miethete deshalb ein Boot und stellte das Täfelchen sorgfältig mitten hinein. Die Fremde reiste mit ihm den Tag über, die Nächte schlief sie bei ihm, da sie in der That den Verkehr mit Leuten von Fleisch und Blut nicht zu scheuen schien.

Nachdem sie einige Tage gefahren waren, gelangten sie an das Südthor der Jaouchow Hauptstadt, wo das Weib sagte: „Ich werde jetzt in Yangchuens Wohnung gehen, die alte Schuld einzufordern.“ Changyih wollte sie eben noch fragen, was sie damit meine, als sie sich bereits auf dem Lande befand. Er folgte ihr, und sah sie ganz deutlich in einen Laden treten, der als er ihn näher betrachtete, in der That zum Hause Yangchuens gehörte. Er wartete eine Zeit lang, sie kam nicht wieder. Plötzlich sah er die ganze Dienerschaft Yangchuens in einen Zustand von Angst und Schrecken, – und gleich darauf horte er ein klägliches Schreien und Weinen. Er fragte nach der Ursache dieses Auftritts bei einem Burschen im Laden, der ihm Folgendes mittheilte:

„Ach,“ sagte er, „mein Herr Yangchuen war ganz gesund, es hat ihn bisher nichts angefochten, als ihm auf einmal irgend ein verwünschter Geist oder Teufel entgegentrat, denn das Blut stürzte ihm aus allen neun Löchern des Leibes – er ist todt!“

Changyih zweifelte nicht, dass Neen urh ihn getödtet habe, schlich ganz still nach seinem Boote, nahm das Täfelchen, und rief ungestüm den Geist an, aber der liess sich weder hören noch sehen.

[10] Changyih begriff nun, dass die alte Schuld in der Hauptstadt in der Rache bestand, die das Weib an Yangchuen auf Erden genommen hatte als Lohn für sein treuloses Betragen gegen sie.

Ein poetischer Vers sagt daher ganz treffend:

Wang Kwei[5] wendete jeglichem Gefühl für das Gute den Rücken, und zog daher die tödtliche Rache der Götter auf sich selbst herab.

Le yih[6] sündigte gegen sein Gewissen, und dafür wurde sein Wesen umgewandelt.

Lies diese kleine Geschichte von Yangchuens grausamem Benehmen, und das Schicksal, das ihn ereilte –

Und Du wirst finden, dass der Kaiserliche Himmel den herzlos Liebenden nimmer beschützt.

Wir haben so eben erzählt, wie Fräulein Neen urh selbst im Tode nicht ruhte, um die ihr zugefügte Schmach tödtlich zu ahnden; aber dann erwähnten wir auch, dass ihr Geist sie wirklich rächte; das Letztere ist sehr seltsam und kann keineswegs verbürgt werden.

Jetzt wollen wir aber eine alte Geschichte erzählen unter dem Titel: „Die blutige Rache des Fräulein Keaou Lẅan Wang,“ deren zugefügtes Unrecht auf weit natürlicherem Wege geahndet wurde. Diese Geschichte ereignete sich weder unter der Tang-Dynastie, [11] noch auch unter der Sung-Dynastie, sondern sie trug sich in unsern oder unserer Väter Zeiten zu.

Im ersten Regierungsjahre des Kaisers Teenschun[7] empörten sich die Meaoutsze Barbaren von Kwangse und verursachten eine grosse Verwirrung. Überall wurden Truppen abgesandt, die Rebellen zu unterjochen oder zu vertilgen, und darunter war auch ein Chehwouy[8] Namens Wang chung von der Lingan Militärstation, der eine Division Chekeang[9] Soldaten anführte, aber nicht zur rechten Zeit eingetroffen war; es wurde deshalb an den Kaiser berichtet, in Folge dessen er zu einem Tseenhoo[10] degradirt wurde.

Da ihn ferner seine Pflichten in den Mittelpunkt der Militärstation Nanyang in der Provinz Honan riefen, so nahm er seine Familie mit sich an den Ort seiner officiellen Bestimmung.

Wang chung war ein angehender Sechziger und hatte nur einen Sohn, Namens Wang pew, der als ein muthiger und verschlagner Bursche bekannt, von dem Vicekönig und seinen Leuten in dem Heere als eine Art Kadet zurückbehalten wurde.

Ausserdem besass er noch zwei Töchter, die älteste hiess Keaou Lẅan und die jüngere Keaou fung.

[12] Lẅan war etwa achtzehn Jahr alt, Fung etwa zwei Jahre jünger. Fung war ausser dem Hause erzogen worden, und da sie in ihrer Kindheit schon einem Vetter mütterlicher Seite verlobt war, so stand Lẅan ganz allein, ohne irgend Jemand zur Ehe versprochen zu sein.

Kapitain Wang hatte sein jetziges Weib, Frau Chow, nach dem Tode seines ersten Weibes geheirathet und Frau Chow besass eine ältere Schwester, die in die Familie Tsaou heirathete, jetzt aber als sehr arme Witwe in das Haus ihrer Schwester als Begleiterin ihrer Nichte Keaou Lẅan genommen worden war, und von der ganzen Familie nicht anders als Tante Tsaou genannt wurde. Lẅan hatte von Kindheit an eifrig in Büchern und Historieen gelesen, sie verstand die Feder zu führen und mit classischer Feinheit zu schreiben. Da sie überhaupt die Lieblingstochter war, so hatte man die grösste Sorgfalt bei der Wahl eines Lebensgefährten für sie im Auge; dies war der Grund, weshalb sie, ob wohl schon völlig mannbar, noch nicht verlobt war. Oft pflegte sie zu seufzen, wenn sie in dem reinen Abendwinde stand, oder dem klaren Monde die eisige Kälte der Keuschheit zu klagen, zu der sie bestimmt schien. Tante Tsaou stand auf vertrautem Fusse mit ihr und kannte die Gefühle ihres Herzens, aber ausser ihrer Tante ahnte keine Seele, selbst ihre Eltern nicht, eine Sylbe davon.

Eines Tages am Tsingming Fest[11] ging sie in den hinteren [13] Theil des Gartens, begleitet von ihrer Tante und ihrer Dienerin, um sich auf der chinesischen Schaukel oder sonst auf eine Art zu vergnügen. Gerade in ihrer höchsten Ausgelassenheit und Freude, gewahrten sie plötzlich an einer Öffnung der Gartenmauer einen sehr schönen jungen Mann, der maulbeerfarbige Kleidung, und auf dem Haupte eine Mütze oder ein Tuch der Tang-Dynastie trug; er beugte sich vor und schaute zu, wobei er unaufhörlich: Bravo! Bravo! rief.

Keaou Lẅan überkam eine seltsame Unruhe, ihr ganzes Gesicht ward scharlachroth, und hinter ihre Tante sich verbergend ging sie mit ihr augenblicklich in das süss duftende[12] Zimmer, wohin ihnen die Dienerin gleichfalls folgte. Der junge Gelehrte sah jetzt Niemand im Garten, und sprang rasch über die Mauer. Er fand die Schaukel noch in Bewegung und ein erquickender, die Sinne umnebelnder Wohlgeruch athmete noch über den Ort.

Im höchsten Staunen und Wundern, wer die junge Schöne wohl sein möge, erblickte er auf einmal etwas im Grase liegen, er nahm es auf und fand, dass es ein Halstuch von duftiger Gaze war, drei Ellen lang und mit der feinsten Stickerei verziert. Der junge Mann eignete sich diesen Schatz zu, als wär’ es die köstlichste Perle der Welt; und da er Fusstritte in der Nähe hörte, so sucht er eiligst den Ausgang aus dem Garten, wie er den Eingang gefunden. Dann stellte er sich wieder an die Mauerspalte und [14] siehe da! bald trat die Dienerin in den Garten und suchte das gazene Halstuch. Wie sie nun so hin- und herging, und hier und da und überall hinguckte und stöberte bis zur Ermüdung, da lächelte endlich unser lieblingswürdiger Wildfang und sagte zu ihr:

„Mein holdes Mädchen, das Halstuch ist bereits in gutem Verwahrsam; weshalb willst Du Dich so abmühen und länger unnöthig darnach suchen?“

Die Dienerin blickte auf, erkannte in dem Redner einen Sewtsae[13] und trat näher:

„Ei tausendmal gesegnet junger Herr! Ich vermuthe, dass der junge Herr das Tuch aufgehoben hat und wenn es so ist, bitte ich, mir es wieder zu geben, meine Dankbarkeit würde grenzenlos sein!“

Der junge Mann fragte darauf: „Sagt mir erst, wem dies schöne Tuch von Gaze gehört!“

Die Dienerin erwiderte: „Es gehört meinem jungen Fräulein.“

„So? nun wenn es eurem jungen Fräulein gehört, so muss euer junges Fräulein auch selbst zu mir kommen und sich das Tuch ausbitten, dann werd’ ichs ihr zurückgeben.“

„Aber sagt mir nur, wo ihr wohnt, junger Herr?“

Dieser gab ihr zur Antwort: „Mein Familienname ist Chow, mein Eigenname Ting chang, gebürtig aus dem Wookeangheen-District, im Foo-District von Soochow. Mein Vater ist Professor[14] [15] am hiesigen Collegium, und seiner Stellung und seines Amtes wegen, wohnt er jetzt hier, zwischen unserm Hause und eurer edeln Wohnung ist nur eine Scheidewand.“ (Die Militärstation und das Collegium standen in einer Linie und waren fast mit einander verbunden: die erstere nannte man den östlichen öffentlichen Hof, und das letztere den westlichen öffentlichen Hof, und jenseits des Gartens war ein Streifen unbebauten Landes, das dem Collegium zugehörte.)

Die Dienerin rief freudig aus: „So ist ja der edle junge Herr unser ganz naher Nachbar! Ich muss mich schämen, dass ich euch nicht früher kannte! Ich will gleich meinem jungen Fräulein eure Bedingung mittheilen, unter der ihr das Tuch ausliefern wollt!“

Der junge Mann aber sagte: „Dürfte ich wohl so dreist sein, nach den holden Namen des jungen Fräuleins und ihrer hübschen Dienerin zu fragen?“

Das Mädchen erwiderte: „Meines jungen Fräuleins Name ist Keaou Lẅan, sie ist der Liebling meines greisen Herrn; eure niedere Sclavin ist ihre Busenfreundin und mein Name ist Minghea[15].

[16] Ting chang sprach darauf: „Ich habe einen kleinen poetischen Versuch zu Hause, dürft ich wohl mein hübsches Mädchen damit belästigen, es ihrem jungen Fräulein von mir einzuhändigen? Ich werde euch auch dann das gazene Tuch sogleich mitgeben!“

Minghea wollte erst den Auftrag nicht übernehmen, da aber ihre grösste Sorge dahin ging, das Tuch wieder zu erlangen, so willigte sie endlich ein.

Der junge Gelehrte wandte sich nun in den verbindlichsten Worten mit der Bitte an sie, ein Weilchen zu warten, und damit lief er davon, kehrte aber in Kurzem wieder mit einem Bogen pfirsich-geblümten Papiers, gefaltet in die Form eines Fangsching oder Parallelogramms.

Minghea nahm das Papier und sagte: „Gut, und wo ist das gazene Halstuch?“

Ting chang erwiederte ihr lachend: „Das gazene Halstuch ist ein zu kostbares Ding, steht über jeden Preis! es zu erhalten war nicht leicht, wie vermöchte ichs daher, so leicht euch es hinzugeben? Wenn mein liebes, hübsches Mädchen meine Poesie annimmt und diese ihrem jungen Fräulein zur Ansicht einhändigt, und mir eine Antwort darauf bringt, dann – dann will ich das kostbare Pfand ausliefern.“ Minghea konnte nichts weiter sagen, trollte sich fort und eiligst zu ihrer Herrin. –

Im Grund hat nur ein duftges Tuch von Gaze
Mein Lied von der blutigen Rache hervorgebracht!

Unsre junge Schöne Keaou Lẅan fühlte von dem Augenblick [17] an, wo sie zuerst den herrlichen Jüngling[16] sah (obwohl sie sich innerlich schämte, von ihm erblickt worden zu sein), das Wörtchen „Liebe“ tief in ihrem Busen brennen. Ob auch ihr Mund keine Sylbe verrieth, flüsterte doch ihr Herz in der grössten Aufregung: „Ach! welch ein wunderschöner, artiger, junger Mann! Hätte ich solch einen Mann zum Gatten, würde ich als ein geschicktes Mädchen nicht umsonst gelebt haben.“

Mitten in dieser Träumerei sah sie plötzlich in leidenschaftlicher Hast ihre Minghea in das Haus eilen. Keaou Lẅan fragte sie sogleich: Hast Du mein gazenes Tuch oder nicht?

Minghea seufzte tief auf: Ach es ist ein sonderbares Geschäft! Das Tuch ist in den Händen eines jungen Herrn Chow, der im westlichen Hofe wohnt, es ist der nämliche hübsche, junge Mann in den maulbeerfarbigen Kleidern, der an der Mauerspalte stand und immer „bravo“ rief.

Nun gut, aber verlangtest Du es nicht von ihm? das wäre ganz recht gewesen!

Minghea darauf: Das könnt ihr wohl denken, und ich hab’ ihn auch so weit, dass ers mir wieder geben will.

Und warum gab er es Dir nicht gleich?

Warum? antwortete Minghea, er sagte mir, dass sein Familienname [18] Chow sei, und sein Eigenname Tingchang gebürtig aus Wookeangheen in Soochow foo, dass sein Vater Professor am hiesigen Collegium und jetzt hier sein Amt verwalte, dass zwischen unsern beiden Häusern nur eine Scheidewand sei, und dann fügte er auch noch hinzu, dass das gazene Halstuch meines jungen Fräuleins, das junge Fräulein sich selbst holen müsse!

Und was antwortetest Du ihm darauf?

Ich sagte ihm, ich würde meinem jungen Fräulein seinen Willen kund thun – aber denkt euch! auf einmal meint er: Ich habe ein paar Verschen für das Fräulein, womit ich euch belästigen muss, um sie ihr einzuhändigen; bringt ihr mir Antwort darauf, geb ich euch das Gazetuch zurück!

Indem Minghea dies sprach, zog sie das pfirsich geblümte Liebesbriefchen hervor und überreichte es ihrer Herrin.

Keaou Lẅan fühlte sich ganz entzückt darüber, sie brach es auf, und fand darin eine poetische Strophe von vier Zeilen, jede Zeile aus sieben Buchstaben bestehend. Sie war aber folgenden Inhalts:

Das Tuch, das sich der Schönheit entwunden, athmet den duftigsten Hauch –

Der Himmel bestimmte es einem Bewunderer, der bekannt ist mit dem Gefühle der Liebe! Mit höchster Verehrung send ich Dir diese Verse, die unsre gegenseitigen Gefühle aussprechen mögen. Und ich hoffe, das Tuch in den Scharlachfaden zu wandeln, der mich in die Geheimnisse Deiner bräutlichen Kammer führt![17]

[19] Wäre nun Keaou Lẅan ein Mädchen gewesen, das sich selbst beherrscht hätte, so würde sie das gazene Tuch verloren gegeben haben als eine Sache, die kaum der Rede werth ist; sie würde die Verse ins Feuer geworfen und ihrer Dienerin gesagt haben, dass sie künftig solche Freiheiten ihr nicht ungestraft hingehen lasse, – hätte sie so gehandelt, dann mein’ ich, wäre die ganze Sache harmlos vorübergegangen!

Aber Lẅan, wie schon oben bemerkt, war erstens wie eine Melone in der Reife – sie war mannbar, und doch nicht verheirathet, sie war ein Mädchen, das die Liebe kannte und nach Genuss schmachtete; dann war sie aber auch voll Geist und Talent, was sie durchaus nicht in dunkler Verborgenheit begraben wollte – sie nahm deshalb eines der feinsten blumigsten Papiere, und schrieb in acht Zeilen ihre Antwort:

Rein ist mein Wesen wie ein Jaspis ohne Flecken. –

Ich stamme aus einem hohen Hause, dessen Abkömmlinge Generale und Minister waren. –

In der Stille des Abends blick’ ich in den Mond mit meiner Mutter. –

[20] Am Tage hab’ ich nichts weiter zu thun, als die Blumen anzuschauen –

Der reine bläuliche Wootung Baum erlaubt nur dem seltnen Phönix auf seinen Zweigen zu ruhn –

Und der keusche smaragdfarbene Bambus – wie kann er zugeben, dass ihn die schmutzige Krähe beflecke!

Ich sende dies dem Waisen ähnlichen Fremdling aus einem andern Theile des Landes –

Damit er nicht störe den Frieden seiner Seele, indem er hofft, was unerreichbar ihm! –

Minghea nahm diese Strophen und begab sich damit in den Garten, wo Tingchang sehnsüchtig ihrer harrte.

Hier, mein Herr, sagte sie zu ihm, sendet Euch mein junges Fräulein eine Antwort, die mich aber nichts weniger erwarten lässt, als von euch das gazene Tuch zu erhalten.

Tingchang empfing die poetischen Zeilen und durchlas sie; je mehr er las, desto mehr bewunderte er Keaou Lẅans Talente und um so mehr war er entbrannt, sie zu besitzen. Er sagte deshalb zu Minghea: „Gedulde Dich ein Weilchen, meine Beste, denn dieses Schreiben Deiner jungen Herrin erfordert eine Erwiderung.“ Somit zog er sich in seine Bibliothek zurück, wo er folgende Strophe in vier Zeilen schrieb:

Wenn ich am Thore eines hohen Hauses wohne, hat es mein günstiges Geschick so gefügt –

Da ich ein waisenähnlicher Fremdling bin, so bin ich wahrlich des Mitleids werth. –

[21] Wenn Du einwilligst, dass der männliche und weibliche Phönix[18] auf dem nämlichen Zweige ruhe. –

Wird die ganze Nacht hindurch der Klang ihrer freudvollen Gesänge in den neunten Himmel steigen! –

Und wo bleibt das Tuch! rief Minghea aus, ihr seid also nicht Willens, mirs zurückzugeben, und fertigt mich mit so einer Poesie ab! Die soll ich überbringen? Schickt wen ihr wollt. – Ich nehme sie nicht an – ich nicht! –

Tingchang zog darauf eine goldne Haarnadel aus seinem Ärmel und sagte: „Mein allerliebstes, hübsches Mädchen, ich bitte dich dies als ein kleines Zeichen meiner hohen Achtung anzunehmen und hoffe auf Deine grosse Güte, mit der Du Deinem jungen Fräulein meine herzlichsten Grüsse überbringen wirst.“ Minghea gelüstete nach der goldnen Nadel, und ohne ein Wort zu sagen, nahm sie das Gedicht und händigte es ihrer Herrin ein. – Keaou Lẅan ward nach Lesung der Zeilen betrübt und bekümmert, und schien gar nicht damit einverstanden. Minghea suchte zu erforschen, ob irgend ein Wort oder ein Ausdruck in dem Schreiben vorhanden, wodurch das Zartgefühl ihres Fräuleins beleidigt worden. Keaou Lẅan aber sagte: „Der junge Gelehrte ist ein leichtfertiger und spöttischer Bursche, seine Verse suchen mich nur lächerlich zu machen.“

[22] „Ei!“ sagte Minghea, „mein junges Fräulein besitzt ja so ausgezeichnete Talente! Wär’ es nicht gut gethan, wenn Ihr ihm einige Zeilen senden würdet, worin Ihr ihn tüchtig ausscheltet, damit seine Erwartungen gänzlich niedergeschlagen werden?“

„Nein,“ antwortete Keaou Lẅan; „das junge Volk ist wild und leichtsinnig; ausschelten würde nicht viel fruchten; indess kann’s nicht schaden, wenn ich ihm einen guten Rath ertheile!“ Bei diesen Worten griff sie nach einem reich geblümten Papier und schrieb folgende acht Zeilen:

„Ich stand allein, vor der Halle, im grünen Schatten des keuschen Bambus –

Als mein Mädchen mir Deine Zeilen brachte – warum so tief ihr Sinn?

Dein ganzes Trachten scheint nur auf verbotene Freuden zu gehen –

Und Dein Herz hegt nur unzüchtige Gedanken – [19]

Wie kann einem kleinen Knaben erlaubt sein, den Zweig des duftigen Ölbaums zu brechen? [20]

Oder dem rauhen Morgenwind, in den perlengeschmückten Vorhängen ungestüm zu wehen?

Ich rath’ Euch, junger Mann, nicht in kindischen Träumen zu schwelgen –

[23] Sondern Euch aufzurichten, die Bücher zu ergreifen und Euch in das Collegium des höchsten Grades empor zu schwingen.“ –

Von nun an ging es hin und her, Gedicht um Gedicht, Antwort auf Antwort, bis nach und nach ihre gegenseitige Liebe reifte und ihr brieflicher Verkehr unaufhörlich wurde. Minghea’s Fuss kam selten aus dem Garten, und Tingchang’s Augen verliessen kaum die Mauerspalte. Die Poesieen, die daraus hervorgingen, sind wegen ihres bänderreichen Umfangs unmöglich hier mitzutheilen.

Es war gerade in der Jahreszeit, wo das Twan yang[21] Fest gefeiert ward und Capitain Wang gab ein kleines Familienmahl im Gartenpavillon. Tingchang ging auf und nieder an seinem Lieblingsorte; denn er wusste recht wohl, dass das junge Fräulein selbst im Garten war, aber er konnte sie weder sehen, noch unter vier Augen sprechen, noch vermochte selbst Minghea ihm nur ein Wort des Trostes zuzubringen.

Während er so in der grössten Unruhe und Verlegenheit war, begegnete er unerwartet einem Soldaten der Militärstation Namens Sinkew. Nun war dieser Sinkew auch ein sehr geschickter Zimmermann; und deshalb nicht nur in der Militärstation als eine Art Polizeisergeant beschäftigt, sondern er war auch häufig in dem Collegium als Handwerksmann thätig. Tingchang traf also diesen Sinkew, schrieb ein Verschen und siegelte es sorgfältig ein; dann [24] gab er dem Soldaten Geld zu einem Glas Wein und vertraute ihm den Brief an, um ihn an die Dienerin Minghea zu bestellen.

Sinkew war, sobald er Geld erhielt, ein zuverlässiger braver Kerl, der seine Schuldigkeit dafür pünktlich that. Er erlauschte nächsten Morgen eine gute Gelegenheit, wo er den Brief in Mingheas Hände drückte, die ihrerseits ihn wiederum ihrer jungen Herrin zukommen liess. Keaou Lẅan erbrach und durchflog das Schreiben, das folgendermaassen eingeleitet war: „An dem Feste Twan yang suchte mein Blick mein junges Fräulein Keaou Lẅan in dem Garten, und da er sie nicht fand, flüsterte mein Mund folgende Verse:

„Ich habe den theilweis gefärbten Faden gesponnen, mit dem ich hoffte, unser Schicksal zusammen zu knüpfen –

Ich habe den vollen Becher geleert, gewürzt mit dem Chang-poo Blat[22]; womit ich mich Dir zu verpfänden glaubte –

Aber Wolken trennen den Strom unserer gegenseitigen Gefühle, ich sehe sie nicht, die Wonne meiner Augen – [23]

Und gleich der schönen Sonnenblume wendet sich umsonst mein Herz nach dem Gott des Tages!“

Am Ende des zarten Briefchens standen die Worte: „Chow Tingchang von Sungling, Schreiber Dieses, sendet Dir seine besten Grüsse.“

[25] Keaou Lẅan las den Liebesbrief und legte ihn auf ein Buch. Dann kämmte sie ihr Haar, ohne noch eine Antwort geschrieben zu haben, als auf einmal unvermuthet Tante Tsaou in das süssduftende Zimmer trat, und den poetischen Brief gewahrend mit grossem Staunen und Verwundern ausrief: „Ach! Fräulein Keaou, wenn Du diese Heimlichkeiten im westlichen Hinterhause[24] pflegst, weshalb nimmst Du nicht die Herrin vom östlichen Pfade zu Deiner Leitung? Wie konntest Du nur jemals dies vor mir verbergen wollen?“

Keaou Lẅan erwiderte sanft erröthend: „Wenn wir uns auch einige Reime zugesendet haben, so ist die Sache doch nicht weiter gegangen! Wär’ es anders, würde ich es nicht vor meiner theuern Tante zu verbergen wagen.“

Tante Tsaou machte dann die Bemerkung, dass der junge Gelehrte Chow ein Sewtsae der Keang nan Provinz sei und fügte deshalb hinzu:

„Eure achtbaren Familien sind sich ja ganz ebenbürtig, warum sollte man da nicht einen Zwischenträger[25] wünschen, um die Sache ins Gleis zu bringen? Ihr würdet ein herrliches Ehepärchen fürs Leben werden, und würde das Dir nicht ganz annehmbar sein?“

[26] Keaou Lẅan brachte ihren Kopfputz zurecht und sagte: „Ja!“ und als ihre Toilette beendet war, schrieb sie folgende acht Zeilen als Antwort:

„Achtzehn Jahre lebte ich verborgen, in den tiefsten Geheimnissen des Harems –

Der Ruf oder der Blick der Zerstreuung durfte nie durch die perlengeschmückten Vorhänge dringen!

Wer weiss, dass meine gestickten Bettdecken warm sind und Wohlgeruch athmen? oder wer weiss das Gegentheil?

Denn unter meinen kostbaren Vorhängen, kühl wie der Frühling, pflege ich allein zu schlafen!

Wenn ich wache, fürcht’ ich den Ton des einsamen Kuckuks zu hören, als erinnere er mich an mein eheloses Schicksal –

Wenn ich schlafe, fühl’ ich bekümmert, wie sich gepaarte Schmetterlinge meinen Träumen verweben, die viel glücklicher sind, denn ich! –

Mein Lieber, wenn Du wirklich ein Gefühl von Mitleid und Zuneigung besitzest –

So wirst Du wohl thun, den Zwischenträger zu senden, um zu rechter Zeit ein Wort zu sprechen!“

Kaum erhielt Tingchang diese Poesieen, so bediente er sich des Namens seines Vaters, und indem er eine Lüge schmiedetet, nahm er Chaou heo kew (den Prüfer) an, um zu Capitän Wang zu gehen, und ihn um die Ehre seiner Verwandschaft durch Heirath anzugehen.

[27] Ob nun auch Capitän Wang eine hohe Meinung von des jungen Gelehrten Talenten und persönlichen Eigenschaften hatte, so war doch Keaou Lẅan sein heissgeliebtes Kind, von dem er sich unmöglich trennen konnte; sie war in der Literatur bewandert, er bereits ein alter Mann; jedes öffentliche Zeugniss, jeden Brief, der auf dem Militärbüreau einging, zeigte und berieth er mit ihr; er vermochte nichts ohne sie zu thun; auch gönnte er dem Gedanken nicht Raum, dass sie fern von ihm in einem entlegenen Theile des Landes wohnen solle; kurz er zauderte und entschloss sich nie, seine Tochter Jemanden zur Gattin zu versprechen.

Tingchang ahnte, dass ihm seine Bewerbung bei dem Capitän nicht glücken würde, und sein Herz fühlte nur zu sehr die tiefe Wunde. Diese Empfindungen riefen in ihm folgenden Brief an das junge Fräulein hervor, überschrieben:

„Dein Freund und junger Bruder Tingchang von Sungling sendet Dir dies rohe Gekritzel mit den herzlichsten Grüssen –

Vom ersten Augenblick an, als ich Dein holdes Antlitz erblickte, kannte meine irrende Seele keine Ruhe mehr. Mann und Frau sind schon in einem frühern Leben für einander bestimmt; bis zum Tode bleiben sie sich treu; der Zwischenträger sagte mir, dass keine Zeit vermögend wäre – – meine Göttin bleibe noch in den tiefsten Geheimnissen des süssduftenden Zimmers, und ich gleiche dem Kaiser Taetsung aus der Tang-Dynastie[26], als er im Traume den Palast des Mondes verliess, und um die Nymphe [28] Changgo vergebens warb! oder wenn ich den Blumengarten zu durchwandern wünsche, bin ich wie der Bräutigam Keen new[27] der getrennt von seiner Braut durch die Milchstrasse, fruchtlos schmachtet nach der versagten Chihneu! Wenn Du noch Monate und Tage zögerst, so muss Dein armer Liebender sterben, jung, ohne Namen, unwissend und unbekannt; und wenn er Dich nicht erwerben kann, schliesst selbst der Tod seine Augen nicht in Frieden!

Mit grosser Mühe habe ich ein Verschen von acht Zeilen zusammengebracht, für das ich einen Blick des Mitleids aus Deinen schönen Augen erhoffe!“

Die Poesie lautete folgendermassen:

Kein glücklicher Tag ist unserer Hochzeit bestimmt, um meine wunden Gefühle zu heilen!

Ach! die Frühlingszeit des Lebens ist tausend Goldstücke werth! –

Wenn mich die Sorge beim Denken überfällt, so ertränk’ ich sie in drei Becher Weines –

Wenn mich der Gram überwältigt, greif ich zur Laute und singe den Blumen ein Lied vor!

Meine Geliebte ist wohl auf! beschäftigt mit den tiefen Geheimnissen des Harems –

Aber ich! – mitten in der Stille des Schweigens klage ich meinen einsamen Vorhängen meinen Kummer! –

[29] Meine Liebe! diesen Abend in der Dämmerung, wenn der Mond so trüb’ und einsam ist wie wir –

Wirst Du mein Herz erhören und erleichtern, indess wir einander die Hände drücken!“

Keaou Lẅan hatte dies kaum durchlesen, als sie auch schon folgenden Brief als Erwiderung schrieb. Als Überschrift diente: „Keaou Lẅan, der Liebling des Hauptes der Militärstation, sendet Dir dieses zierlose Schreiben mit den besten Grüssen.

Wenn die blanke Lilie die Oberfläche der kristallenen Welle berührt, und die Gewebe der Sommerfäden spielend an meine Vorhänge fliegen – lausche ich vor dem Pavillon dem Ostwinde[28] und bete den klaren Mond an; und höre von fern die Töne des einsamen Kuckuks[29]! Oder ich steh unter dem Fenster, färbe meine Augenbrauen und suche dann meine traurigen Tage hinzubringen, indem ich Yuen und Yang sticke[30]. Eben als ich meine Toilette unmuthig beendet, legte man plötzlich Dein Gedicht auf den duftigen Tisch. Jetzt erst beginne ich Deine Gefühle zu verstehen, und dass ich die grenzenlos geliebte Herrin Deines Herzens bin. Ach! die unglückliche Schönheit ist zu bemitleiden, die durch Kummer ihren schrankenlos liebenden Geliebten tödtet! Wenn Deine Briefe kommen, so verdoppeln sie nur [30] meine innere Unruhe und so oft ich Deine Verse erhalte, so oft steigert sich mein Gefühl der Einsamkeit! Lass künftighin davon ab, über die östliche Mauer zu springen oder die Übung zu erlernen, Blumen zu stehlen; sieh lieber in den Nordstern, den Ort, woher die Ehre fliesst und steige auf ein Herz, um den duftigen Ölzweig zu pflücken[31]. Da Du keinen Zwischenträger genommen, so bestrebe Dich, die Geliebte in Deinen Büchern zu finden, wie meine Liebe für Dich in ihren Verschluss zurückgekehrt ist. Bitte, erkundige Dich bei meinem Boten um Nichts. Achtungsvoll erwiedere ich Deine brennenden Zeilen, in der Hoffnung, dass Du mir verzeihen wirst.“ Die beiliegende Poesie war folgende:

„Der Herbstmond und die Frühlingsblumen sind auch nicht ohne ihre Liebe[32]. Sie wissen auch, dass ihr Werth höher steht, als tausend Goldstücke!

Aber Du musst das Betragen von Han Seang tsze erlernen und Dich bemühen, in das azurne verschlossne Gemach zu kommen[33].

Erröthend musst Du an der östlichen Mauer die Laute der zeichengebenden Tsuy hören[34].

Meine thörichten Gedanken löse ich fortan in Äther auf. –

[31] Und Deine reizenden Verse sing ich mir nur in meinen Träumen vor! –

In diesem Leben können wir nur platonisch Bruder und Schwester sein.

So bleib ich bis zum Tode, wo wir uns mit der heissesten Leidenschaft lieben werden! –“

Nachdem Tingchang den Brief durchgelesen hatte, jubelte und seufzte er abwechselnd; aber als er an die Stelle kam: „In diesem Leben können wir nur platonisch Bruder und Schwester sein,“ fasste er plötzlich einen Plan. „Ei!“ rief er aus, „ehe noch Changkungs Heirath mit Fräulein Tsuy[35] zu Stande kam, hatten sie, wie man erzählt, ja auch eine geheime Liebschaft als Bruder und Schwester! Nun hat Mutter Wang ja den nämlichen Familiennamen, wie ich selbst (nämlich Chow), warum soll ich sie nicht besuchen und bitten, meine Adoptivtante[36] zu werden. – Ich könnte dann als ein Verwandter der Familie kommen und gehen und daraus den besten Vortheil ziehen!“

Nachdem er diesen Plan gemacht hatte, bediente er sich eines falschen Vorwands bei seinem Vater, indem er sagte, dass der Raum des Collegiums zu eingeschränkt und begrenzt wäre, dass die Schüler dort fortwährend so lärmten, kurz, dass er den hinteren Garten der Militärstation nöthig habe, wenn er seine Studien vollenden wolle.

[32] Professor Chow eröffnete daher seine Meinung darüber dem Capitain Wang. Der alte Soldat gab seine Einwilligung und bemerkte, dass, da sie von gleichem Range wären, der Sohn des Professors daselbst wohnen und bei ihm speisen möge, da er ihn nicht damit belästigen wolle, die Speisen herüberzuschicken.

Der alte Herr Chow dankte dem andern Herrn von ganzem Herzen, kehrte nach Haus und erzählte dies umständlich seinem Sohne. Tingchang sagte darauf: „Obwohl ich diesen Beweis der grössten Güte des Herrn Wang annehmen möchte, so fühle ich doch, da er weder ein Verwandter, noch ein alter Freund von uns ist, ein inneres Widerstreben, den guten Herrn so zu belästigen. Das Beste wäre wohl für Ihren Sohn, dass er ein artiges Geschenk oder irgend Etwas hinüberbrächte und die Frau Chow bäte, dass sie seine Adoptivtante würde. So leben dann Tante und Neffe in ein und demselben Hause, und das wird sich ganz wunderhübsch ausnehmen!“

Der Professor Chow war ein närrischer Mann. Sein ganzes Bestreben ging nur darauf, irgend woraus einen Vortheil zu ziehen, darum bemerkte er blos: „Sehr wohl, mein Sohn mag darin ganz handeln, wie es ihm beliebt.“

Tingchang suchte eine Person auf, die das Nämliche dem Herrn Wang und seiner Gattin mittheilen musste, und nachdem er einen günstigen Tag im Kalender aufgesucht hatte[37], nahm er [33] die feinsten, buntesten seidenen Zeuge und ein Geschenk in Geld zu Bücherkäufen[38], schrieb dann seine Visitenkarte, worauf er sich selbst den Neffen der Frau vom Hause nannte und ging darauf in ihre Wohnung, um seine Verwandtschaft anerkannt zu wissen. O, seine Grüsse waren höchst demüthig! – und seine Verwandtschaft war wirklich eine äusserst nahe Verwandtschaft!

Der alte Herr Wang war, wie schon bemerkt, ein ganz militärischer Mann[39] und liebte Nichts mehr, als Schmeichelei. Er ersuchte den jungen Mann in das Privatzimmer zu treten, und rief seine Frau und Familie, um dessen Bekanntschaft zu machen. Tante Tsaou wurde auch als Tante erkannt, und Keaou Lẅan wurde seine schöne Nichte, und sie alle erwiederten ihre Verbeugungen und Knixe zu gleicher Zeit. Der alte Herr Wang gab ein kleines Mahl in der hintern Halle, und wie dies gebräuchlich ist, wenn ein Verwandter zugegen, so sass die ganze Familie an einer Tafel[40]. Tingchang und Keaou Lẅan waren in ihrem Herzen ganz vergnügt. Ihre verliebten Blicke kamen und gingen über die Tafel; doch ihre Seligkeit lässt sich unmöglich beschreiben. Als das kleine Fest endete, stand ihr Glück auf dem höchsten Punkt.

[34] Bei ihrer Hochzeit, ob sie sich da einander lieben oder hassen, ist ein Geheimniss, dem wir nicht nachforschen. –

Aber, welche Schritte der Liebende nahm, als ein Fremder und als ein Verwandter, das wollen wir jetzt genauer kennen lernen. –


* * *


Nächsten Tag brachte Herr Wang die Bibliothek in Ordnung und empfing seinen adoptirten Neffen Tingchang, damit er darin seinen Studien obliege. Zu gleicher Zeit aber hatte er Sorge getragen, allen Verkehr zwischen den innern und äussern Zimmern abzuschneiden. Desshalb legte er die erstern unter Schloss und Riegel und den Frauen des Hauses war der Besuch des Blumengartens streng verboten. Tingchang’s Speisen und andere nöthige Dinge wurden ihm von aussen gereicht, so dass ein Verkehr, obwohl sie nur eine Familie bildeten, weder mündlich noch brieflich gepflegt werden konnte.

Lasst uns jetzt einen Blick auf Keaou Lẅan werfen. Ihre Tugend glich zwar noch der Rinde der Fichte, aber ihre zarten Neigungen stiegen empor. Diese waren nur noch mehr erhöht worden durch das zärtliche Liebäugeln bei Tische, und wie konnte sie jetzt den peinlichen Gedanken ertragen, dass in dem Garten ihr männlicher Phönix weile und sie so fern von ihm – grausam getrennt! – Da ihr Kummer im Anfange keinen Ableiter hatte, verwandelte er sich bald in Abspannung, die wiederum eine [35] Krankheit herbeiführte. Des Morgens fühlte sie Frost und Abends ein brennendes Fieber; die Speisen gaben ihr keine Kraft und vergebens berief ihr Vater Wahrsager und Ärzte[41]; keiner vermochte ihr Hilfe zu bringen. Tingchang ging mehreremal in die innere Halle, um sich nach ihrem Befinden zu erkundigen, aber der alte Herr Wang liess nur seine Grüsse dem jungen Fräulein bringen; unter keiner Bedingung erlaubte er ihm, selbst das Zimmer zu betreten. Tingchang gebrauchte aber bald eine List, um zu seinem Zwecke zu kommen und sagte, dass, als er früher zu Keang Nan lebte, habe er manche Kenntniss der Heilkunst gewonnen; er könnte nicht wissen, was seiner schönen Nichte fehle, aber würde es ihm einmal erlaubt, ihren Puls zu fühlen, so wollte er es augenblicklich wissen. Herr Wang sprach deshalb mit seiner Frau darüber und Minghea theilte es ihrer jungen Herrin mit, worauf denn Tingchang in das süssduftende Zimmer geführt wurde. Der Gelehrte sass an Keaou Lẅans Bette, unter dem Vorwand, ihren Puls zu fühlen. Er fühlte auch ein Wenig, aber, als Herr Wang und seine Gattin zugegen waren, fand er keine Gelegenheit, irgend ein geheimeres Gespräch anzuknüpfen, er sagte blos: „Nimm Dich ja recht in Acht, meine theure Nichte;“ und verliess das Zimmer. Draussen machte er ihrem Vater die Bemerkung, dass das Unwohlsein seiner schönen Nichte bloss durch Ärger und Verdruss erzeugt wäre und fügte hinzu: „Ihr müsst sie in irgend ein geräumiges Zimmer bringen, wo sie Gelegenheit hat, herumzuspaziren und so [36] wieder ihre Kräfte zu stärken; auch muss ihre weibliche Gesellschaft durchaus für ihre Erhaltung sorgen, so dass sie ganz aus diesem langweiligen Einerlei der Schwäche gebracht wird, die sie aufzehrt. Eine andere Arzenei für ihre Krankheit giebt es nicht. Der alte Herr Wang glaubte Tingchang aufs Wort, und hatte jetzt viel weniger Gelegenheit, als je, ihm zu misstrauen; darum gab er ihm in ganz schlichten Worten zur Antwort, er habe im Hause kein geräumiges Zimmer, noch irgend ein Gemach der Art, ausser dem hinteren Pavillon im Garten. Das war nun aber eben der Punkt, auf welchen Tingchang zielte, und er erwiderte: „Wenn meine schöne Nichte irgend nur wünschen könnte, in den hintern Garten spaziren zu gehen, so fürchte ich, dass ihres Neffen Anwesenheit ihr zur Last fallen möchte; ich bitte deshalb, wieder in mein Haus ziehen zu dürfen.“

„Nein,“ sagte Herr Wang, „Ihr steht ja wie Bruder und Schwester, warum soll ich da Argwohn hegen oder Euch ein Hinderniss in den Weg legen?“ Noch am selben Tage liess er die hintere Thür öffnen, und händigte den Schlüssel dazu der Tante Tsaou ein. Ausserdem wünschte er sie als Begleiterin ihrer Nichte, und ersuchte sie, sie ganz nach Belieben herumschwärmen zu lassen. Auch Minghea wurde ihr zur Aufwartung gegeben und ihr streng befohlen, nicht einen Schritt von ihrer Herrin zu weichen. Durch alle diese Vorsichtsmassregeln, welche er durchaus für vortrefflich hielt, beruhigte sich das Gemüth des alten Mannes.

Wir müssen unsern Lesern wieder ins Gedächtniss rufen, dass das fortwährende Denken an ihren Geliebten, den jungen Chow, [37] die Krankheit der Keaou Lẅan herbeigeführt hatte. Als aber dieser ihren Puls gefühlt hatte und ihr seitdem erlaubt war, durch den Garten nach Belieben zu schweifen, in Begleitung von Leuten, denen sie ihr unbegrenztes Vertrauen schenken konnte, fühlte sie sich so gestärkt, dass ihr Unwohlbefinden fast in einem Moment wich; sie ging jetzt beständig nach dem Pavillon in den Garten, wo sie Tingchang häufig sah. Sie spazierten neben einander, sie sassen neben einander, und manchmal besuchte sie ihn auf eine Tasse Thee bei seinen Studien, bis sie endlich nach und nach die strenge Kette, welche Gesetz und Sitte zwischen die Geschlechter in China[42] legt, brachen, Seite an Seite sassen, einander die Hände drückten und unzählige, aber wohl bisher noch unschuldige Beweise der brennendsten Liebe gaben.

Tingchang nahm zuletzt die Gelegenheit wahr und beschwor sie, ihm nur einen Augenblick in dem süssduftenden Zimmer zu gewähren.

Keaou Lẅan warf einen verstohlenen Blick auf den Ort, wo ihre Tante Tsaou stand und antwortete mit bangem Flüstern: „Der Schlüssel ist in ihrem Besitz, mein Bruder muss sie selbst darum bitten.“ Tingchang verstand sogleich ihre Meinung, kaufte nächsten Tag zwei Stück der feinsten Seidenzeuge und ein Paar goldene Armspangen, und beauftragte Minghea, die Geschenke [38] der Tante Tsaou einzuhändigen. Die gute Frau eilte zu ihrer Nichte und sagte zu ihr: „Der junge Herr Chow hat mir ein wunderhübsches Geschenk geschickt; ich glaube sicher, ich errathe, was er damit will!“

„Ei,“ sagte Keaou Lẅan, „es ist ein junger, unbedachter Mensch und darum nicht ohne Fehler; ich vermuthe, durch sein Geschenk will er meiner gütigen Tante Nachsicht erbitten.“

Tante Tsaou erwiderte: „Was Euch beiden jungen Leuten so sehr am Herzen liegt, weiss ich vollkommen; aber wie Ihr auch immer mit einander verkehren mögt, ich werde es nie, nie verrathen.“ Mit diesen Worten nahm sie den Schlüssel und überreichte ihn Minghea.

Lẅan’s Herz war hoch erfreut und sie schrieb sogleich folgende Strophe an Tingchang:

„Im Geheimen sehreibe ich diese Worte und sende sie meinem Herrn. –

Aber öffne nicht unbedacht Deine Lippen fremdem Ohr. –

Diese Nacht wird die Thür des duftigen Zimmers nicht verschlossen sein –

Und wenn der Mond die Schatten der Blumen ändert, komm, mein Geliebter! –

Als Tingchang diese Zeilen erhielt, konnte er sich vor Freude kaum fassen.

Sobald zu dunkeln begann und des Wächters erste Trommel [39] ertönte[43], schlich er verstohlnen, langsamen Schrittes in das Innere des Hauses, und, da die hintere Thür angelehnt war, schlüpfte er seitwärts hindurch. Von jenem Tage an, wo er in ihrem Schlafzimmer ihren Puls fühlte und durch den Garten zurückkehrte, hatte er nur eine ganz schwache Rückerinnerung der Örtlichkeit behalten. Deshalb schritt er jetzt mit der grössten Vorsicht vorwärts – bis ihm endlich die Strahlen einer Lampe leuchteten und Minghea, an der Thür stehend, seiner wartete. Sogleich beeilte er seine Schritte und trat bald darauf in das Zimmer des jungen Fräuleins. Tingchang machte ihr eine tiefe Verbeugung und wollte sie eben in seine Arme drücken, als ihn Lẅan von sich stiess und Minghea befahl, ihre Tante Tsaou zu rufen, damit sie bei ihm bleibe.

Des jungen Mannes Hoffnungen waren furchtbar getäuscht und all die Bitterkeit getäuschter Liebe erhob sich gespenstig vor seinen Augen, er schalt sie und warf ihr die Sinnesänderung vor, und kaum konnte er seinen Thränen wehren. Lẅan sah seinen Zustand und sprach: „Ich bin ein tugendhaftes Mädchen, und Sie, mein Herr, sind, wie ich glaube, kein Wüstling. Nur die Jugend besitzt Gaben und Kräfte und das Mädchen die Schönheit. Das mögen die Gründe sein, weshalb wir uns so leidenschaftlich lieben. Ich habe Dich heimlich in mein Zimmer eingelassen und halte mich jetzt ganz für die Deine, und Du hast mich ganz in Deiner Gewalt; würde es aber nicht eine traurige Rückkehr werden [40] für das unbegrenzte Vertrauen, das ich in Dich setzte! Nein, Du musst hier in Gegenwart der allsehenden Götter schwören, mit mir zu leben als Mann und Weib, bis unsere beiden Häupter vom Alter gebleicht werden! Wenn Du aber irgend etwas Anderes erzielst, obwohl es mir schwer wird, so werde ich doch nicht einwilligen!“ Sie sprach diese Worte mit dem grössten Ernste, und kaum hatte sie geendet, als Tante Tsaou eintrat. Diese Frau ging sogleich auf Tingchang zu und dankte ihm für das hübsche Geschenk, welches er ihr am vergangenen Tage geschickt hatte. Der junge Mann hingegen beschwor sie, jetzt die Rolle eines Unterhändlers zu spielen und Lẅan mit ihm zu vereinigen. Er legte den heiligsten Eid ab, der treueste und liebendste Gatte zu werden, und seine Betheuerungen, wenn sie falsch waren, flossen wie ein Strom von seinem Munde. Darauf wandte sich Tante Tsaou mit folgenden Worten an Beide: „Geliebter Neffe und Nichte, da Ihr wünscht, dass ich den Unterhändler spiele, so mag die feierliche Handlung damit beginnen, dass Ihr ganz bündig vier Abschriften eines Heirathscontraktes aufsetzt. Die erste Abschrift verbrennen wir vor Himmel und Erde[44], um die guten und bösen Geister zu Zeugen unseres Vorhabens anzurufen. Die zweite werdet Ihr mir als Unterhändlerin überlassen zum Beleg, wenn irgend in künftigen Tagen Eure Liebe erkalten sollte; eine Abschrift möge Jedes von Euch als ein Pfand an sich nehmen, dass Ihr [41] dereinst die bräutlichen Becher trinken und die anderen Formen einer gesetzlichen Ehe nachholen wollet. Wenn das Weib den Mann täuscht, mag sie der schnelle Blitz tödten! Wenn der Mann die Frau täuscht, mögen zahllose Pfeile seinen Körper treffen – und dereinst wird er oder sie die Strafe ihrer Verbrechen in der Stadt der Todten erhalten; in der Hölle der Finsterniss[45] auf immer und ewig.“

Die Tante Tsaou sprach diesen Fluch in einem höchst rührenden und feierlichen Tone, dass Tingchang sowohl, wie Lẅan die andächtigste Ehrfurcht im Herzen fühlten. Mit wechselseitiger Zärtlichkeit gingen sie nun daran, die verschiedenen Heirathskontrakte niederzuschreiben, die sie darauf feierlich beschwuren; sie knieeten mit demüthiger Verehrung vor Himmel und Erde und sprachen sodann ihren herzlichsten Dank der Tante Tsaou aus, worauf diese liebliche Früchte und süssen Wein reichte, einen Becher auf ihr Wohl trank und ihnen die frohesten Tage als Mann und Frau wünschte[46]. Dieses vergnügte Zusammensein dauerte bis zum dritten Trommelruf (Mitternacht), wo Tante Tsaou Abschied nahm, der junge Mann Hand in Hand mit Lẅan das hochzeitliche Lager bestieg und die Freuden der Ehe genoss, die zu bekannt sind, als dass sie weiterer Erörterung bedürften. Zwischen [42] drei und fünf Uhr des Morgens mahnte Lẅan ihren Geliebten sich zu erheben, und ertheilte ihm folgenden strengen Befehl:

„Da ich mich Dir jetzt ganz fürs Leben ergeben habe, so darfst Du niemals, niemals meiner Gutmüthigkeit den Rücken kehren! Erinnere Dich, dass die allsehenden Götter über uns herrschen. Schwer ist es, ihrem durchbohrenden Blick zu entgehen! Sobald es angeht, werde ich Minghea zu Dir senden, die Dich erwarten und hierher geleiten soll. Lass Deine Zunge nie leichtsinnig handeln; Du würdest dadurch nur boshafte Verleumdungen anderer Leute hervorrufen.“

Tingchang versprach, Wort für Wort zu halten, wie sie ihm befohlen, und da er noch zögerte und unschlüssig war, sich von ihr zu trennen, rief sie hastig nach Minghea und beauftragte sie, ihn in den Garten zu führen.

Am selben Tage sandte Lẅan ihrem Geliebten noch die zwei folgenden Stanzen, jede von acht Zeilen:

* * * * * * * * * * * *

* * * * * * * * * * * *[47]

Tingchang schrieb seine Antwort in der nämlichen Weise.

Seit dieser Zeit war Lẅan vollkommen von ihrer Krankheit genesen, und der Schlüssel der hinteren Thür glich einem unbespannten Bogen, da er zu Nichts weiter nöthig war. Jeden dritten oder fünften Tag gab Lẅan sicher Minghea den Befehl, den [43] Geliebten zu rufen, und, da sie so häufig zusammenkamen, so befestigte sich ihre Liebe von Tage zu Tage.

Ein halbes Jahr mochte wohl vergangen sein, als Professor Chows öffentliche Stellung erhöht und er nach dem Go-me-District und der Provinz Szechuen berufen wurde. Die heftige Neigung Tingchangs zu seiner Lẅan war in dieser Zeit so gestiegen, dass er unter keiner Bedingung sie verlassen konnte, um seinen Vater zu begleiten. Er gab daher als Entschuldigung vor, dass er unwohl sei, dass er fürchte, von dem Ungemach auf dem Wege nach Szechuen befallen zu werden[48], dass überhaupt noch gar nicht seine Erziehung beendet, dass Lehrer und Schüler so freundlich mit einander stünden, kurz, er bat, ihn noch am Ort zu lassen, wo er den Wissenschaften so vortheilhaft obliegen könne. Professor Chow war gewohnt, auf alle Vorstellungen seines Sohnes einzugehen; es gab wohl Nichts in der Welt, was der junge Mann nicht behauptet hätte, und der alte nicht zugegeben; als nun sein Vater seine Reise antrat, gab Tingchang ihm blos ein kleines Stück Weges über die Stadt hinaus das Geleit und kehrte „auf der Liebe leichten Schwingen“ zu der Herrin seines Herzens zurück. Die arme Lẅan fühlte den tiefsten Dank für ihren Geliebten, dass er zurückgeblieben war und am nämlichen Tage lud sie ihn wieder zu einer heimlichen Zusammenkunft, wo die glühenden Flammen ihrer Neigung zusammenschlugen.

[44] Es war wohl wieder über ein halbes Jahr vergangen, und die Poesieen, die sie mit einander wechselten, waren während der Zeit so zahlreich geworden, dass es durchaus unmöglich ist, sie alle hier aufzuführen.

Eines Tages, als Tingchang zufällig in der Peking-Zeitung blätterte, las er, dass sein Vater, dem das Klima von Go-mee nicht zusagte, dem Kaiser sein Unwohlsein gemeldet und um Erlaubniss gebeten hatte, in seine Heimath zurückzukehren. Tingchang war lange Zeit nicht in seine Heimath gekommen; – einerseits stachelte ihn die grösste Sehnsucht, seine Eltern noch einmal zu sehen, auf der andern Seite hielt ihn die feste Liebe für Lẅan an dem Orte, wo er lebte und er konnte kaum dem Gedanken Raum geben, sich von ihr getrennt zu wissen. So quälte er sich in diesen Zweifeln, welchem Wunsch er folgen solle von Tag zu Tage, und die Zeichen des Grames lagen nur zu deutlich in seinem ganzen Wesen. Lẅan forschte und drang in ihn, bis sie endlich die Ursache seines Kummers entdeckte, und, als sie gerade Wein ihm vorsetzte, mit folgenden Worten sich zu ihm wandte: „Die Liebe des Mannes und Weibes ist tief, wie die See und das Meer, aber der hohe Himmel selbst kann nicht mit dem Bande der angeborenen Liebe verglichen werden, die Vater und Sohn vereinigt. Wenn Du, nach einem heimlichen Liebesverhältniss lüstern, die ernstern Pflichten, welche Du Deinen Eltern schuldest, vernachlässigen solltest, würdest Du dadurch nicht nur gegen das Gefühl verstossen, welches Dich als Sohn leiten soll, sondern Du würdest mich auch veranlassen, zu vergessen, was ich Dir als Weib [45] schuldig bin.“ Auch Tante Tsaou that ein Gleiches und mahnte den jungen Mann an seine Pflicht. „Diese verstohlenen Stelldicheins,“ sagte sie, „die Ihr jetzt geniesset, können nicht in dem nämlichen Lichte betrachtet werden, wie eine gesetzmässige Ehe, welche Euer Schicksal auf ewig vereinigen würde. Das Beste für Euch, junger Mann, wäre, Ihr ginget sobald als möglich in Eure Heimath, und wenn Ihr die nöthigen Zeichen der Achtung Euern Eltern gezollt habt, so berathet mit ihnen und kommt dann mit einem Mal Euren ehelichen Pflichten nach. So werdet Ihr mit sorgender Eile Euren Schwur lösen und Euch dadurch von der ängstlichen Sorge des getrennten Zustandes Eurer Liebe befreien.“

Da Tingchangs Herz noch unentschlossen war, so ersuchte Keaou Lẅan ihre Tante, jeden Umstand, welcher mit des jungen Tingchangs Wunsch, in die Heimath zurückzukehren, zusammenhing, wohl zu merken und ihn ganz bündig ihrem Vater mitzutheilen. Denselben Tag fiel wieder das Twanchangfest, und der alte Herr Wang hatte ein kleines Abschiedsmahl zu Ehren seines Neffen veranstaltet und ihn ausserdem mit einer ansehnlichen Summe versehen, um seine Reise bestreiten zu können. Unter diesen Umständen erlaubte Tingchangs Gefühl für Anstand, nicht länger zu zögern oder fernere Entschuldigungen zu suchen. Er konnte nichts Anderes thun, als sein Gepäck in Ordnung bringen und seine Lenden zur Reise gürten. – In der Nacht hielt Lẅan Wein in dem duftigen Zimmer bereit und sandte eine Einladung an Tingchang. Sie wiederholten alle ihre früheren Schwüre und feierten aufs neu ihren Hochzeitstag. Tante Tsaou [46] sass an ihrer Seite; sie sprachen die liebe lange Nacht hindurch, und der balsamische Schlaf senkte sich nicht auf ihre Augen.

Als die Stunde des Aufbruchs erschien, bat Lẅan ihren Geliebten, ihr den Ort seines Aufenthaltes zurückzulassen. Tingchang fragte nach dem Grund. „Ich habe keinen,“ sagte Lẅan; „ausser im Fall, wenn Du nicht bald zurückkämest, möchte ich vielleicht einige Zeilen an Dich senden.“ Tingchang griff nach einem Bleistift und schrieb Folgendes nieder:

„Wenn ich an meine Verwandten denke, tausend Meilen entfernt , muss ich zurückkehren nach Soochow. –

Meine Familie wohnt in Wookeangstadt des siebzehnten Kreises. –

Dir müsst fragen nach der Mündung des Shwang Yangflusses in der südlichen Ma. –

Und ganz nah an der Yenling-Brücke steht das Haus von Woo, dem Kornaufseher. –“

Tingchang sagte ferner zur nähern Erklärung: „Der Name unserer Familie ist eigentlich Woo und einer meiner Vorfahren war in alten Zeiten als Kornaufseher wegen der Art und Weise sehr berühmt, mit welcher er das ihm anvertraute Getraide verwaltete. Deshalb nennt man uns gewöhnlich die Familie des Woo, des Kornverwalters. Chow ist der Name einer andern Familie, von der wir adoptirt wurden. Obgleich ich Dir, Geliebte, den Wunsch erfüllte und Dir die Wohnung aufschrieb, so ist es doch ganz unnöthig, da Du das heftige Verlangen kennst, das mich zu Dir zurück treibt. Von Dir getrennt werden die Tage mir [47] Jahre scheinen; die längste Zeit meines Fernseins ist ein Jahr; die kürzeste ungefähr ein halbes; dann werde ich, meines Vaters Einwilligungskarte in den Händen, rückkehren und Dich als meine liebe Braut heimführen! So wahr ich lebe, niemals, niemals werde ich meine Schönheit des Harems der Sorge und dem Argwohn überlassen!“

Nach dieser Rede umarmten sie sich und weinten. Die Nachtlichter waren herabgebrannt, die neidischen Strahlen des Tageslichts säumten die sich theilenden Wölkchen im fernen Osten, als Lẅan ihren Geliebten aus dem Garten begleitete. Wir theilen hier eine Strophe von acht Zeilen folgenden Inhalts mit:

Tingchang.

An einander gefesselt durch gegenseitige Neigung, wie der Fisch an das Wasser, so sind wir untrennbar für einander geschaffen. –

Aber ach, wenn ich gedenke meiner fernen Eltern, so muss ich mich von Dir reissen! –

Keaou Lẅan.

Wer wird nun in künftigen Zeiten im Blumengarten mit mir in den klaren Mond blicken? In dem duftigen Zimmer kümmere ich mich nicht mehr um das Schachspiel.

Tingchang.

Fürcht’ ich doch nur, wenn Du so ferne von mir weilst, dass Deine Liebe erkalten könne!

[48] Ich hege keine Angst, keine Sorge, dass mein wissenschaftliches Streben noch nicht am Ziele, mich schreckt nur, wenn mein Glück bei Dir gemindert wird.

Keaou Lẅan.

Ich härme mich schweigend, aber die Gefühle meines Herzens nehmen lebendigen Theil an Allem, was vorgeht. Obgleich mich der Gram bei dem Gedanken der Trennung niederbeugt, so zwing ich mich doch und zeige einen Blick der Ergebung und Zufriedenheit.

Bald darauf brach der Tag an und das Pferd, welches den Geliebten seiner Braut entführen sollte, stand schon an der Thüre gesattelt und gezäumt. Der alte Wang hielt in der innern Halle schon Wein in Bereitschaft, und sein Weib und die anderen Frauen versammelten sich dort, um den Abschiedstrunk zu theilen. Tingchang machte eine Verbeugung und nahm Abschied. Lẅan sah wohl ein, dass der Gram sie überwältigte, und dass sie kaum die Thränen bergen konnte. Sie schlich sich deshalb verstohlen in ihr Zimmer, zog ein Stück schwarze Seide hervor (die gewöhnlich bei solchen Gelegenheiten gebraucht wird), und schrieb darauf ein Gedicht von acht Zeilen. Dieses gab sie Minghea und beauftragte sie, den günstigen Augenblick abzupassen, wenn Tingchang das Pferd besteige, um es ihm geheim in die Hand zu drücken. Als der damit Beglückte ein Stück geritten war, brach er es auf und las, wie folgt:

[49] „Wir haben uns einander liebend die Hände gedrückt und sassen Seit an Seite. –

Und jetzt sind wir gezwungen zu scheiden. Wie kann ich zwei Thränenströme hindern! –

Vor Deinem Pferde, Geliebter, wird Dir jener traurige Abschiedsort vorschweben[49]. Mein Herz wird vor Dir hergehen, wie die weissen Wolken droben! –

Ich werde der Keuschheit leben, so fest, so streng, wie die unglückliche Keang[50] [51].

Wenn Dein Ziel erreicht ist, wende eilig Dein Haupt und lenke Deine Schritte hierher. –

Denn Dein armes Mädchen des Harems ist schwach und unfähig, den so arg gestörten Schlaf zu erdulden. –“

Als Tingchang diese Zeilen gelesen hatte, flossen seine Thränen aufs Neue und während er seinen einsamen Weg verfolgte, knüpfte sein Geist an die kleinsten Dinge, die ihm begegneten, Erinnerungen seiner Liebe. Während der ganzen Reise waren seine Gedanken kaum einen Augenblick mit etwas Anderem als mit seiner geliebten Lẅan beschäftigt!

Aber wir wollen nicht abschweifen. Nach wenigen Tag kam er in seiner Heimath, Wookeang, an, wo er seine Eltern wiedersah und Alles in den lautesten Jubel über seine Ankunft ausbrach.

[50] Sein Vater hatte gerade zu dieser Zeit eine ehelige Verbindung seines Sohnes im Sinn mit einer Familie desselben Ortes, nämlich mit der von Wei, einer sehr angesehenen Familie, und hatte ängstlich auf die Rückkehr seines Sohnes gewartet, um die Hochzeitsgeschenke zu besorgen und die Heirath zu beschliessen. Als sein Sohn dies erfuhr, war er eben nicht sehr erfreut darüber, erkundigte sich jedoch über das Nähere und erfuhr später, dass Fräulein Wei eine unvergleichliche Schönheit sei und ihr Vater, der ein Amt im Staate bekleidete, ein ungeheures Vermögen besitze, wesshalb die reicheste Mitgift seiner warte. Die Schätze zogen ihn an, sowie nicht minder das junge, schöne Mädchen; mit einem Worte, er vergass seine früheren Schwüre. Nach einem halben Jahre hatte Fräulein Wei seine Geliebte verdunkelt, als Mann und Frau lebten sie in den glücklichsten Verhältnissen; kurz, er wusste nicht mehr, dass jemals eine Keaou Lẅan Wang für ihn gelebt hatte!

Er kannte nur sie, seine neue und schöne Braut. –

Er kümmerte sich nicht um seine frühere Liebe, welche ängstlich seine Rückkehr erwartete! –

Gönnen wir nun auch ein Wort der armen, verlassenen Keaou Lẅan Wang. Damals, als sie ihrem Geliebten den Rath gab, zu den Seinigen heimzukehren, wurde sie von Gefühlen geleitet, welche nur ein tugendhaftes und verständiges Mädchen besitzt. Doch kaum war er gegangen, so konnte sie sich vor Sorgen und Angst nicht lassen! Am Tage fühlte sie sich trostlos und verlassen – des Nachts war sie unglücklich und einsam – ihr eigener [51] Schatten war bei der bleichen Lampe ihr einziger Gefährte, und unter den Vorhängen war jetzt Keiner, mit dem sie das sanfte Geflüster der Liebe theilen konnte. Wenn sie den Herbstmond oder die Frühlingsblumen sah, so waren ihre Träume vernichtet, und ihr Geist fühlte sich beängstet.

Ein Jahr war bereits vergangen, und sie hatte noch nicht die geheimste Kunde von ihrem fernen Geliebten erhalten. Eines Tages kam Minghea in grösster Hast auf sie zugesprungen und rief: „Schwester! Schwester! Ich kann Euch sagen, Ihr könnt jetzt ganz gut einen Brief an Euren Gatten Chow absenden; wollt Ihr nicht?“ Lẅan fragte sie: „Woher weisst Du diese erwünschte Gelegenheit?“ Minghea antwortete: „So eben hat es mir Sinkew gesagt. Ein Mann ist nämlich mit einem öffentlichen Schreiben von der Militärstation zu Lingan angekommen. Nun ist doch Lingan, wie Ihr wisst, in dem Heenchow-District, und bei seiner Heimkehr kommt er durch Wookeang, und so ist dies die passendste Art, einen Brief dorthin zu senden.“[52] Keaou Lẅan sagte: „Da wir eine so gute Gelegenheit für einen Brief haben, so kannst Du es Sinkew sagen, dass er den Boten nicht gleich fortlässt.“

Darauf schrieb sie in grösster Geschwindigkeit einen Brief, worin sie die Qualen der Trennung schilderte und mahnte ihn, sobald als möglich nach Nankeang zurückzukehren, um ihrem [52] Heirathskontrakte nachzukommen, weil dadurch ihr Gemüth besänftigt würde, indem sie eine Ehe für das Leben durch das Wissen und die Einwilligung der Eltern von beiden Seiten bestätigt sehe. Da der Brief sehr lang war, so theilen wir ihn hier nicht mit. Den Schluss des Briefes bildeten zehn Verse, von denen wir bloss die ersten hier anführen wollen:

„Seit wir schieden am Twanyangfest, habe ich zu meinem Befremden Nichts wieder von Dir gehört. –

In zwei verschiedenen – Ländern sehen wir uns nur, wenn wir in den klaren Mond blicken[53]. –

Aus Pflichtgefühl zu Deinen Eltern liessest Du meines Vaters Haus. –

Werde nicht Deiner Leidenschaften Sklave durch Wein und durch die Schönen der Stadt Woo. –

In den Thurm der herumschweifenden Genien werfe ich Loose, um zu sehen, wann wir uns wieder nach so langer Trennung begegnen werden. –

Vor dem Pavillon forsche ich, den Mond verehrend, wie lange wir leben und wann wir sterben[54]. –

Ich sende Dir dies mit dem Wunsche, dass Du aus Deiner Gleichgiltigkeit erwachen mögest. –

[53] Und komm hierher und theile die geringe Kost, bereitet von Deiner treuen Gattin. –“

Folgende acht Zeilen waren auf den Umschlag geschrieben:

„Ich ersuche den Träger, diesen Brief in dem öffentlichen Hofe in Woo abzugeben. –

Die Familie ist von dem grössten Ansehen, werth, darauf stolz zu sein. –

Ihre Vorfahren wohnten eine lange Zeit in dem Hause eines gewissen Kornverwalters. –

Und der hochgestellte Vater verwaltet jetzt das Amt eines Senuhwa[55]. –

Wenn Du erst den östlichen Theil des Gebäudes kennst, wirst Du nicht fern vom westlichen sein. –

Nur nimm Dich in Acht, dass Du nicht fehlgehest, und etwa mich dem nördlichen Ma statt dem südlichen Ma. –

Begegnest Du Einem auf dem Wege, frage: Bitte, mein Herr, in welchem hübschen kleinen Dorfe ist denn die Brücke von Yenling?“

Lẅan nahm zwei silberne Haarnadeln und gab sie dem Träger als Geschenk für Besorgung des Briefes[56].

Sieben Monate nach Absendung dieses Briefes war noch keine Sylbe darauf als Antwort erfolgt. Es war gerade zu Anfang des [54] Jahres, als man durch Erkundigungen erfuhr, dass in der Militärstation ein Herr Chang, ein Kaufmann, war, welcher in die Stadt Soochow reiste, um Güter einzukaufen. Keaou Lẅan schickte durch Sinkew ein paar goldene Blumen Herrn Chang zum Geschenk und liess ihn zu gleicher Zeit um die Gefälligkeit ersuchen, einen Brief für sie zu besorgen. Der Inhalt desselben war ganz der nämliche, wie der frühere und auch wieder mit zehn Versen versehen, von denen wir die ersten hier folgen lassen:

„Der Frühling lächelt wieder in jedes Menschenherz, und die ganze Natur ist frisch und heiter. –

Nur sie in dem duftigen Zimmer trägt Kummer im Gemüth um einen fernen Geliebten. –

Der Ostwind ist in der That rauh und unstät, aber Du bist noch unzuverlässiger als er. –

Der klare Mond ist voll und rund, aber, ach, mein Glück ist fern von seiner Fülle! –

Da unsere Liebe schon vereinigt ist, kannst Du, wenn Du es wünschest, leicht die Einwilligung Deiner Eltern erhalten. –

Aber unter dem ganzen Himmelszelte habe ich keinen Gedanken, den Phönix zu bevollmächtigen[57]. –

Diese peinlichen Gefühle, die mein Herz aufreiben, wem soll ich sie enthüllen? –

[55] Ich sende sie Dir, mein Geliebter – magst Du sie bedächtig und sorgfältig prüfen. –“

Auf den Umschlag standen diese vier Zeilen:

„Nicht fern von Soochow ist Wookeang –

Und da lebt Einer, Namens Woo, dessen Vorfahr vor Alters Kornverwalter am Südma gewesen. –

Ich schärfe meinem Boten ein, dass er wohl Acht habe –

Und sich nach meinem Geliebten erkundige. –“

Der Kaufmann Chang war ein ehrbarer Mann, ein Mann von Wort; kaum hatte er seine Gütereinkäufe beendet, welche seinen Besuch zu Soochow bedingt hatten, als er sich nach Wookeang begab, um den Brief eigenhändig zu übergeben. – Als er dort auf der langen Brücke stand und sich nach dem Weg erkundigte, traf es sich, dass in demselben Augenblicke gerade Chow Tingchang selbst vorüberging. Kaum hatte dieser des Kaufmanns Honan-Accent gehört, und die Frage nach dem Hause des Kornverwalters Woo, so sagte ihm eine Ahnung, dass ihm dieser Mann sicher einen Brief von Keaou Lẅan bringen würde. Daher war er ängstlich, der Brief könne in andere Hände gerathen, wodurch das Geheimniss seiner früheren Verheirathung leicht ruchbar würde. Deshalb machte er dem Kaufmann eine tiefe Verbeugung, nannte seinen Namen, und bat, ihn in das nächste Wirthshaus zu begleiten, um dort freundlichst ein Gläschen Wein mit ihm zu trinken. Hier erbrach er den Brief, und, nachdem er ihn wohl erwogen, liess er sich von dem Wirthe Papier, Federn und Dinte geben, schrieb eine sehr eilige Antwort, [56] indem er beiläufig sich entschuldigte, dass seinem Vater nicht ganz wohl sei, und er eben Ärzte erwarte und Arzenei besorgen müsse, was auch der Grund wäre, welcher die glückliche Zeit ihres Wiedersehns verzögert hätte; doch hoffe er bald das Vergnügen zu haben, sie von Angesicht zu Angesicht zu sehen, und bäte sie nur, sich nicht mit peinigenden Gedanken herumzuschlagen. Auf der Rückseite des Briefes bemerkte er, dass er das Schreibmaterial sich auf dem Wege geborgt habe, was auch die Kürze seines Briefes verursache etc. etc. etc. Er nähme jedoch ihre grosse Güte in Anspruch, ihn desshalb zu entschuldigen.

Herr Chang kehrte im Laufe weniger Tage nach Wangkeang zurück, wo er den Brief an Sinkew abgab, der ihn wiederum seinem jungen Fräulein Lẅan einhändigte.

Das unglückliche junge Mädchen riss den Brief auf, verschlang den Inhalt mit hastiger Gier und, obwohl nichts Näheres über ihres Geliebten Rückkehr darin stand, so hatte sie doch noch Hoffnung – und diese diente ihr, wie „gemalte Kuchen, um den Hunger zu stillen oder der Anblick von Pflaumen, um den Durst zu befriedigen“[58].

Nach drei oder vier Monaten indessen, als sie nicht ein Wort von ihrem Geliebten vernahm, liess die Standhaftigkeit Lẅans nach, und in ihrer Verzweiflung wendete sie sich an ihre Tante Tsaou: „Tingchangs Worte haben mein Ohr getäuscht –“ Ihre Tante fiel ihr aber gleich in die Rede: „Sein geschriebener [57] Schwur ist in meinem Besitz und droben ist der forschende Blick des Himmels! Denkst Du, dass von allen Menschen Chow allein nicht fürchtet zu sterben!“ – –

Eines Tages brachte man zufällig die Nachricht, dass ein Mann aus ihrem Geburtsorte Lingan angekommen sei. Es war ein besonderer Bote, der die freudige Nachricht brachte, dass Keaou fung, Lẅans jüngere Schwester eines hübschen Knaben genesen sei.

Die arme Lẅan, indem sie dieses verschiedene Schicksal verglich, seufzte nur tiefer auf, als gewöhnlich; jedoch fühlte sie noch eine Art Freude, dass durch die Rückkehr des Boten ihr eine gute Gelegenheit an die Hand gegeben war, mit der sie ihrem treulosen Geliebten einen andern Brief zusenden könne. Das dritte Mal, dass sie ihm schrieb und dennoch ohne Erfolg!

Auch hatte sie zehn Strophen beigefügt, von denen die letzte lautete:

„Immer und immer wiederhole ich meinem Geliebten, dass er keine Gelegenheit zur Rückkehr unbenutzt lasse. – Erlebten wir selbst hundert Jahr als Mann und Frau, sag’ an, wie lange ist das? –

Die Tochter aus der Wangfamilie ist die Braut des Sohns aus der Chowfamilie. –

Der bürgerliche Knabe hat das Mädchen aus militärischem Blute errungen! –

Drei Umhegungen der Gefühle meines Herzens habe ich den azurnen Vögeln eingehändigt. –

[58] Und zehntausend Sorgen liegen auf meinen Augenbraunen! –

Ein einziger kleiner Brief seit einer so langen Reise kann nicht Alles verscheuchen, was ich fühle. –

Ach, solang wir in zwei fernen geschiedenen Ländern weilen, ist mein Kummer grösser, denn je.“

Auf den Umschlag waren diese vier Zeilen:

„Ich ersuche den Träger diesen Brief zu nehmen, und ihn in der Stadt Wookeang abzugeben –

Im Hause eines gewissen Kornverwalters des südlichen Ma, dessen Name die Achtbarkeit selbst ist. –

Wenn sich auf Deiner Reise keine Gelegenheit bietet, Erkundigungen einzuziehen –

So halte nur mit Deinem Boote ein Weilchen an der Yenling-Brücke. –“

Seit dieser Zeit blieben die Ruhekissen der armen, schlaflosen Lẅan verlassen; sie kümmerte sich nicht mehr um ihre Erhaltung, ihre Reize flohen und ihre Jaspis gleiche Schönheit entwich allgemach! Sie wählte nur dunkele Winkel, wo sie schweigend und allein ihr unglückliches Loos beweinte, bis sie nach und nach die Schmerzen getäuschter Liebe aufs Krankenlager warfen. Ihre Eltern wünschten jetzt eine vortheilhafte Heirath für sie zu finden, aber Lẅan willigte keineswegs in irgend einen Vorschlag dieser Art. Sie liebte vielmehr, in langen Fasten sich zu peinigen und sich dem Dienste Foo’s (Buddha) zu widmen. Eines Tages sagte Tante Tsaou zu ihr: „Nun glaube ich wahrlich selbst, dass Chow nimmer wiederkehren wird. Befolge meinen Rath, häng [59] Dich nicht an das Bischen Treue und verscheuche nicht die Aussichten, welche noch in der Frühlingszeit des Lebens vor Dir ausgebreitet liegen. Lass Dir von Deinem Vater einen andern Gatten erwählen.“ Lẅan erwiderte: „Ein menschliches Wesen ohne Treue ist ein Thier. Ich wünsche lieber, dass Chow mich täuscht, als dass ich je versucht würde, die allsehenden Götter zu täuschen.“

Die Zeit verging zusehends und ehe man es noch gedacht hatte, waren drei Jahre entschwunden. Eines Tages sagte Lẅan zu ihrer Tante: „Ich habe die Nachricht erhalten, dass Herr Chow in eine andere Familie geheirathet hat, indess bin ich noch nicht überzeugt, ob es wahr oder nicht wahr ist; es ist jetzt nun an drei Jahr und er ist nicht zurückgekehrt[WS 1]. Ach, nur zu sehr fürchte ich, dass sein Herz sich geändert hat, und dass er mich nicht mehr liebt. Doch bis ich nicht Gewissheit erfahre, werde ich nicht Alles für verloren geben.“ Tante Tsaou erwiderte: „Warum lässt Du nicht Sinkew selbst eine Reise nach Wookeang machen? Gib ihm einen kleinen Geldzuschuss für seine Ausgaben auf dem Wege, und wenn des jungen Chows Gesinnung treu geblieben, lass Sinkew auf ihn warten, so können sie beide zusammen zurückkehren. Sag, ist das nicht der beste Plan?“

„Wahrlich, das ist in der That ein ausgezeichneter Plan,“ sagte Lẅan, „er entspricht ganz meinen Wünschen. Ich muss Euch daher bitten, meine gütige Tante, ein paar Zeilen zu schreiben, worin Ihr ihm ohne Zeitverlust hierher zurückzureisen, einschärft. Das wird ganz rathsam sein.“ Darauf setzte sich Keaou [60] Lẅan nieder und schrieb ihm einen Gesang in alter Weise. Folgendes ist ein kurzer Auszug daraus:

„Ach, noch erinnere ich mich sehr wohl des glücklichen Tages, des Tingmingfestes – jetzt längst vergangen –

Als ich Dir zufällig zum ersten Mal begegnete und unsere gegenseitige Bekanntschaft sich anknüpfte! –

Dann folgten die Freuden unschuldiger Liebeleien und unsere Briefchen kamen und gingen wechselsweise, –

Bis tiefere Liebe in meinem Busen entflammte; ach, ich denke daran unaufhörlich! –

Die goldene Kette an des Herrschers Thor[59] gab unseren vereinigten Kräften nach, –

Und Hand in Hand, Seite an Seite, schweiften wir durch den gemalten Thurm!

Fröhlich nahmen wir dann die azurne Fiber[60] und banden unsere Schicksale auf Leben und Tod zusammen, –

Und schwuren bei den Hügeln und schwuren bei den Seen, dass wir uns unermesslich lieben wollten, –

Aber wie sich die weissen Wolken in der Ferne zerstreuen und das grüne Gras bald schwindet, –

[61] So hieltest Du, an Deine Verwandten denkend, für nöthig, unser Liebesband zu trennen! –

Plötzlich bemerkte ich, dass Dein pfirsich-blumiges Gesicht die Farbe des Frühlings verlor[61]; –

Mit Kummer ersah ich, dass in dem Briefe, mir durch die wilde Gans[62] gesendet, traurige Klänge ertönten. –

Obwohl mein Herr fortzog, so wurde doch nicht der Phönixwagen bereitet, einen Anderen zu freien, –

Und meine Sorge war grösser, als wenn Vater und Bruder mich verlassen, die Barbaren zu unterjochen; –

Mit Seufzen und mit weinender Stimme, als wollte das Herz mir brechen, –

Drückte ich Deine Hand, hing ich mich an Dein Gewand, und mahnte Dich an den geschworenen Eid! –

Mit Dir führte ich die Zusammenkunft des männlichen und weiblichen Phönix aus[63]. –

Zügle, o, ich ersuche Dich, Deine Leidenschaften bei den Blumen von Soochow[64].–

Seit Du ferne bist, legt sich meine Stirn in Falten und verfinstern sich meine Augenbrauen. –

[62] Ich kümmere mich nicht mehr um Schminke und Schönheitsmittel, und mein Haupt ist, Besen gleich, verwildert. –

Braut und Bräutigam in getrennten Ländern – o peinlich ist der Gedanke! –

Wer blickt jetzt mit mir in den schneeweissen Mond, oder auf die im Winde wogenden Blumen? –

O, wehe dem Gatten und der Gattin, in der Lenzzeit der Jugend und Schönheit –

Träumen sie vergebens den Traum vom Schmetterling und von der Rose[65]. –

Während ich in dem Winde stehe oder in den Mond starre, gibt es keinen Ersatz für meine Einbildung, –

Kalt und freudlos ist mein Kissen, und die Träume der Nacht ängstigen mich! –

Einmal des Nachts träumte ich, dass mein Geliebter um eine Andere buhle, –

Und, als ich am Morgen erwachte, hatte, ohne zu wissen, der Gram mein jugendliches Gesicht gealtert! –

Wir schwuren, dass die Götter unsere Untreue mit ihrem Donner bestrafen möchten und mit dem rächenden Blitze, –

Und die Göttin Heuen neu rief unsern Schwur durch alle neun Himmel aus! –

[63] Da Du nur in Deine Heimath kehrtest und nicht zu den Strömen des Hades, –

Warum ist es so schwer, Dich wieder zu sehen oder von Dir zu hören? –

Meines Geliebten Liebe ist falsch, ach, meine nur zu treu! –

Jetzt send’ ich Dir diesen Brief wieder zu, um Dir die rosige Farbe meines Herzens zu zeigen[66]. –

Ach, die arme, erröthende Blume, die dreimal sieben Sommer geduftet –

Still und einsam ist ihr duftendes Gemach und unerträglich ihre peinlichen Gedanken! –“

Tante Tsaou hatte in ihrem Briefe ganz besonders den Zustand ihrer Nichte geschildert, in welchen sie die Qual des beständigen Denkens an ihn gebracht hatte, der ihr jede Hoffnung vernichtete. Beide Sehreiben wurden dann mit einem Umschlag versehen, auf welchem die Worte standen:

„An ein erhabenes und bedeutendes Haus, gleich des ersten Ministers Palaste; –

Korninspektors dazu, der herrscht über das südliche Ma; –

Du brauchst mit dem Boot nicht zu halten, noch begegnende Leute zu fragen, –

Aber, wo eine Brücke über den Fluss Yenling führt, da ist es das erste Haus. –“

[64] Sinkew hatte kaum den Brief erhalten, als er auch seine Reise antrat. Am Tage wanderte er, des Nachts schlief er, bis er wohlbehalten zu Wookeang ankam, und bei der Yenling-Brücke Halt machte. Da er fürchtete, dass, wenn er seinen Brief irgend einem Andern anvertraue, er leicht den beabsichtigten Zweck verfehlen möchte, entschloss er sich, ihn keinem Andern als Chow Tingchang selbst zu geben.

Als Tingchang Sinkew erblickte, färbte sich sein Gesicht scharlachroth; ohne ihn über irgend Etwas weiter zu befragen, nahm er den Brief, steckte ihn in den Ärmel und ging rasch in das Haus. Kurze Zeit darauf sandte er einen Diener mit folgender mündlichen Antwort an Sinkew:

„Mein Herr,“ sagte der Knabe, „hat die Tochter des Herrn Wei geheirathet, des Tung-foo-Magistrates, und es mag wohl schon drei Jahr her sein; – Der Weg nach Wangkeang ist sehr weit, und schwerlich wird er je dahin zurückkehren. Und da ein Brief sehr schwierig zu schreiben ist, so überlässt er es Euch, diese mündliche Botschaft von ihm zu überbringen. Dieses kleine duftige Gazetuch, das früher Fräulein Lẅan gehörte, sowie diesen Bogen Papier, worauf ein Heirathskontrakt steht, bittet er Euch, ihr zurückzugeben, damit sie durchaus nicht mehr an ihn denke. – Der Herr hätte Euch gern ein Mittagsbrod gegeben, nur fürchtet er, dass der alte Herr, sein Vater Euch ausfragen und darüber erstaunt und zornig werden möchte. Drum sendet er Euch lieber diese fünf Silberstücke für die Reisekosten und [65] hofft, dass Ihr Euch das nächste Mal eine so weite Reise um Nichts ersparen werdet.“

Diese Worte brachten Sinkew in den furchtbarsten Zorn; er wollte das Geld nicht annehmen, sondern warf es mit Unwillen auf den Boden, näherte sich dem grossen Thor, und schrie mit lauter Stimme: „Du kaltblütiger, niederträchtiger Schurke! Die wilden Thiere, das Raubgevögel ist nicht so wie Du! Wehe, Du hast das sich zu sehr hingebende Herz meiner jungen Herrin Lẅan betrogen, aber der hohe Himmel wird niemals Dir seinen Schutz verleihen ob der Schändlichkeit, die Du begangen!“ – Bei diesen Worten überwältigte ihn sein Gefühl und er weinte laut auf. Die Vorbeigehenden fragten ihn nach der Ursache seines Jammers und Sinkew erzählte die ganze Geschichte mit der grössten Genauigkeit, so dass sich in kurzer Zeit der Ruf von Tingchangs Ehrlosigkeit und Büberei durch die ganze Stadt und Nachbarschaft von Wookeang verbreitete, und ehrbare Leute sich seiner schämten und ihn verachteten. Sehr wahr ist das Sprüchwort:

„Wenn Du im gewöhnlichen Leben Nichts begehst, was Dein eigen Gewissen erschüttert, dann brauchst Du in der weiten Welt keinen Menschen zu fürchten, der die Zähne Dir knirschte!“

Als nun Sinkew wieder in Wangkeang angekommen war und Minghea begegnete, heulte er laut auf, ohne sich beruhigen zu können. Minghea sagte zu ihm: „Ihr habt gewiss etwas Schlimmes auf Eurer Reise erlebt, oder hilf Himmel! ist vielleicht mein junger Herr Chow gestorben!“ Sinkew schüttelte nur seinen Kopf, [66] holte tief Athem und erzählte dann alle Einzelnheiten seines Besuchs und Tingchangs Auftrag, dass er weiter keine Antwort sende, ausser, dass er das gazene Tuch und den Heirathskontrakt zurückschicke, damit Lẅan seiner nicht mehr denken möge. Um Alles in der Welt, ich mag meine junge Gebieterin nicht sehen, fügte Sinkew hinzu und, die Thränen aus seinen Augen wischend, seufzte er tief auf und verliess das Haus.

Minghea verhehlte ihrer Herrin das eben Gehörte keineswegs, sondern sie wiederholte Alles bis auf das Kleinste, was ihr Sinkew erzählt hatte. Die unglückliche Lẅan, als sie das duftige, gazene Tuch sah, das Pfand der Liebe aus vergangenen, glücklicheren Tagen, erkannte nur zu wohl daran, dass die Geschichte Sinkews nicht erdichtet war. Das Gefühl der Wuth erstickte fast ihre Frauenbrust, während ein edler Unwille auf ihrem zarten Gesicht leuchtete. Sie liess ihre Tante bitten, in dem duftigen Gemach ihrer zu harren, um ihr diese traurigen Begebnisse ausführlich zu erzählen. Tante Tsaou ermahnte und tröstete sie, ihr hartes Loos mit Geduld zu ertragen; aber Lẅan achtete nicht ihres freundlichen Rathes. Drei Tage und Nächte lag sie zerknirscht in Thränen; nahm das kleine, gazene Tuch, wandte es um und wieder um: Ach, wie manche Erinnerungen glücklicherer Augenblicke brachte es jetzt ihrem gebrochenen Herzen! Sie machte sogar einen Versuch, sich umzubringen, aber, tiefer nachdenkend, sagte sie: „Ich, Keaou Lẅan, die geliebte Tochter einer berühmten Familie, ich war nicht ohne Schönheit und die Welt sagte sogar, ich besässe Talente. Sollte ich so schweigend und unbeachtet [67] in Vergessenheit übergehen? Würde ich nicht dadurch meinem herzlosen Geliebten noch eine grosse Gunst erweisen?“ – Hierauf entwarf sie zwei und dreissig Strophen und deutete darin an, dass sie nahe daran wäre, sich das Leben zu nehmen. Dann verfasste sie noch eine Ode oder ein Lied auf die ewige Rache, die Tingchang bedrohe. Folgendes ist ein Theil des Gedichtes:

„Als ich an meiner Thüre lehnte und bekümmert und schweigend an vergangene Bilder dachte, –

Seufzte ich; ach, mein Traum des ehelichen Glückes ist verschwunden, so schnell wie ein Lächeln! –

Liebe in der Jugend regte die Adern der Leidenschaft auf und streifte die grünen, zarten Blüthen meines Herzens ab; –

Jetzt folgt die Wuth, wie ein reissender Strom und verdorrt diese grünen Blüthen mit dem Roth der Rache. –

Sagte ich doch, mein Herr wird zurückkehren, treu seinem Versprechen, wie der Frühling zu seiner Zeit; –

Aber ach, jetzt fühl’ ich nur zu wohl, dass „Alles Eitelkeit“ ist![67]

Ich wende mein Haupt, ich lehne mich an das Geländer, dem qualvollen Ort unseres langen Abschiedes –

Und alle meine Sorgen für zehntausend Jahre, ich lege sie an das Thor des falschen, grausamen Ostwindes[68]!“ –

[68] Das Übrige des Gedichtes ist nicht aufgeschrieben, aber ihre Ode auf die Rache lautet so:

„Dieses Gedicht der ewigen Rache, auf wessen Betrieb entwerf ich es? –

Ach, wenn ich den Anfang bedenke, betrübt sich mein Herz! –

Am Morgen denke ich darüber nach, des Abends erwäge ich es in meinem Gemüthe; der peinliche Gedanke verlässt mich nimmer und nimmer mehr. –

Ich hebe mir diesen Heirathskontrakt auf, um die Herzlosigkeit seiner Liebe zu erklären. –

Meine Familie wohnte ursprünglich in dem Distrikte Lingan –

Und meine Vorfahren, die ihrem Fürsten treulich dienten, wurden besprengt mit dem Thau der kaiserlichen Huld; –[69]

Später, als mein Vater schon ein Greis war, beging er ein Versehen in der militärischen Ordnung –

Und wurde herabgesetzt zum Posten eines Kapitäns der Militärstation zu Nan Yang. –

In der tiefsten Einsamkeit des Harems wurde Keaou Lẅan geboren und erzogen. –

Noch hatte sie nie einen Schritt aus der väterlichen Halle gewagt, –

[69] Warum musste ich ihn sehen! im Alter von zweimal neun Jahren als mein verderblicher Stern mir erschien! –

Ich folgte meinen Gefährtinnen, jungfräulich uns zu belustigen; –

Wir wollten eben unser letztes Kunststück auf der chinesischen Schaukel beenden, –

Als ich plötzlich aufgeschreckt wurde durch die Stimme des jungen Gelehrten aus einer Ecke der Mauer –

Und, verwirrt voll Scham, rückkehrte ich sogleich in das duftige Zimmer. –

In Furcht und Angst suchte ich mein gazenes Halstuch –

Wer fand es? Das Tuch war in Eurem Besitz, Herr! –

Vergebens sandte ich die Dienerin, es zu holen, unzählige Male; –

Ich musste Euch nur danken, o Herr, dass Ihr es zum Gegenstand Eurer Lieder erwähltet; –

Unruhe und der beständige Gedanke an Euch erzeugte langwierige Krankheit. –

Als Ihr so gütig waret, meine Mutter zu besuchen, und Euch als meinen Bruder vorzustellen. –

Die Verse, die von Euch kamen, und die ich Euch sandte, sie hauchten die Sprache der Liebe. –

Und fürchtend, dass unsere gegenseitige Leidenschaft auf Abwege uns führen möchte, –

Flochten wir unser Haar in einen ehelichen Knoten und schwuren uns treu zu sein, so lange, als die Berge beständen. –

[70] Doch selbst damals nicht unbedingt uns trauend, obwohl wir schwuren bei Bergen und Seen, –

Ersuchten wir Tante Tsaou die Rolle des Unterhändlers zu spielen, als Zeuge, dass Mann wir und Ehweib. –

Unser Hochzeitskontrakt wurde ausgeschrieben und wir brachten eine Abschrift davon in brennender Flamme den Göttern! –

So unser Sein in heiliger Ehe verbindend, erfüllten wir nur das Geschick des hohen, gewaltigen Himmels. –[70]

Nur ein kurzes, halbes Jahr genossen wir unsere Liebe, süss, o süss und lieblich wie der frischeste Honig. –

Da gedachte mein Geliebter seiner Eltern, und plötzlich verfiel er in Krankheit. –

Nicht ertrug es mein Herz, dass mein Herr mit Sorge belastet; –

Darum gab ich Dir den Rath, rückzukehren in Deine Heimath –

Und schärfte Dir damals noch ein: „Du reisest jetzt in die Stadt von Soochow, in die berühmte –

In den Strassen, wo die Schönheit lebt, lausche nicht den Stimmen der Syrenen! –[71]

[71] Aber sobald Du gesehen Deiner Mutter Antlitz[72], so kehre Dein Haupt wieder hieher; –

Denn erinnere Dich wohl, dass Deine Braut in dem duftigen Zimmer einsam ist, einer Waise gleich.

Gütig und wohlüberlegt bemerkte ich meinem scheidenden Geliebten: –

„Solltest Du Deine alte Liebe vergessen und eine Andere heirathen, so steht es ganz in Deiner Macht;“

Aber wie konnte ich nur heimlich denken, dass Du, als Du schiedest, jemals die Rückkehr vergessen würdest? –

Ach, es ist besser, plötzlich zu sterben, als so Deiner zu gedenken und sich von Tage zu Tage zu härmen! –

Es kam Einer und sagte, Du wärest wieder verheirathet; –

O wie oft suchte ich es zu glauben; aber es war schwer, es zu beweisen. –

Erst später, als Sinkew in Deine Heimath und wieder zurückreiste, –

Erfuhr ich, dass Mann und Frau so einträchtig lebten, wie in den Tagen der Herrin Wankeun[73]. –

Dafür hasse ich Dich tödtlich, Herzloser, Ehrvergessener, der Du bist! –

Das Schicksal, das durch die Ehe auf tausend Meilen Getrennte [72] verbindet, ist schwerlich wegzuleugnen und zu vertilgen. –

Der Liebe, die Du dereinst genossen, kehrst Du jetzt den Rücken, –

Und die Wonne, die Du dereinst gekostet, wo, ach, wo weilt sie jetzt? –[74]

Frage nicht, ob meine Sorgen gross oder gering sind. –

Es gibt keinen Ort in der Runde, der nicht meine traurigen Gesänge wiederhallte! –

Ich habe über fünftausend Bogen des feinsten Papieres[75] beschrieben; –

Ich habe dreihundert der besten, chinesischen Pinsel[76] verbraucht!

Deine Geliebte des Harems ist schwach, – obwohl sie Schönheit umfängt, so ist sie doch ohne Kraft. –

Auf die schöne Zeit, wo wir uns fanden, blicke ich jetzt nur mit Ekel und Unwillen zurück. –

Nutzlos werde ich jetzt meine acht Zeichen nehmen, und sie in dem Tszeping[77] zu enträthseln suchen. –

[73] Umsonst werde ich vergangenes, jetztiges und künftiges Leben betrachten –

Und aus dem Chow Yih das Geschick befragen[78]. –

Wenn ich zurückblicke und alle Einzelnheiten unserer Geschichte von Anfang an durchgehe, –

So finde ich in unserer Liebe vergangener Tage, dass ich Dir niemals wehe gethan. –

Da Deine Neigung leicht und unbeständig ist, wie die flatternden Wolken, –

O, wie viel besser war es, hätten wir uns nie gesehen und nie geliebt[79]. –

Der Finke und die Schwalbe paaren sich, –

Warum schuf mich der Himmel allein, ohne Gatten zu leben? –

Meine Schwester Keaou fung, zwei Jahre jünger als ich, –

Hat bereits vor zwölf Monaten einen Sohn geboren. –

Beschämt fühle ich, dass ich zu leicht mich an Dich wegwarf. –

Du magst Dich darüber freuen, aber mein verwaistes Herz ist voller Sorgen! –

[74] Was ist aus den feierlichen Eiden geworden, die Du mir in frühern Jahren geschworen? –

Erhebe Dein Haupt nur drei Ellen hoch, und die Götter und Geister sind um Dich! –

Du bist noch dem südlichen Flusse gegangen, ich verweile an dem nördlichen. –

Tausend Meilen – Gebirge dazwischen – trennen uns von einander –

Aber wäre es möglich, dass zwei Flügel plötzlich aus meinen Schultern hervordringen könnten –

Würde ich nach Wookeang fliegen und mich au Deine Seite stellen! –

Unsere früheren Zusammenkünfte kannte nur der Himmel, die Erde, Du und ich, –

Aber jetzt wird unzähliges Volk das traurige Ende unserer Liebe beweinen. –

Ich war eingeschlossen in die Verborgenheit des Harems eines Kriegers, als eine Schönheit von tausend Stück Gold[80], –

Als der Himmel mich mit lächelndem Gesicht Deiner Schurkerei überliess! –

Mit Verabscheuung blicke ich auf Dein nichtswürdiges Benehmen und kehre nun zur Stadt der Todten. –

[75] Viel besser wäre es, hätte der kaiserliche Himmel mich nimmer erschaffen. –

Von jetzt an, wo ich diesen Brief dem Freunde meiner Jugend sende, –

Erwarte ich, dass keine Antwort meines Vaters Lager erreiche! –

Ach, die Arme aus der Familie der Helden, die vor Alters Eisenwaffen trugen! –

Als Mädchen wurde sie erzogen in dem duftigen Zimmer, lieblich, wie eine Blume, –

Sie besass einige Kenntniss der Wissenschaften und der Musik –

Und kehrt jetzt nach einem Leben kurzer Freude zu dem gelben Sande des Hades[81] zurück! –

Vermittelst zwölf Ellen weisser Gaze, herabhängend von einem hohem Balken, –

Das Auge schliessend, wird mein Geist fliessen in den unermesslichen Raum. –

Wenn die Kunde ruchbar wird, dass Keaou Lẅan sich erdrosselt hat, –

O, wie wird dann die hartherzige Welt[82] über das Unglück der armen Wang von Lingan lachen! –

[76] Beschämt fühle ich, dass ich nicht wie ein weises und tugendhaftes Mädchen handelte, –

In sofern ich die Gunst des Harems einem Elenden so leicht zu besitzen erlaubte! –

Meine Schuld der übelbelohnten Liebe ist gezahlt und ich kehre jetzt zu den neun Strömen; –

Aber selbst an den neun Strömen werde ich Dir nicht verzeihen. –

Früher liebtest Du mich zärtlich; ach, jetzt ist es nicht mehr so: –

Jetzt hass’ ich Dich, Ehrloser, und mein Hass ist so tief, wie die See! –

Meine Gedanken und Gefühle für Dich waren voll Lieb’ und Güte, –

Wer hätte geargwohnt, dass Dein Herz einer wilden Bestie gliche! –

Ich nehme jetzt wiederum ein Stück von dem Stoff, wie das verhängnissvolle gazene Tuch, –

Und sende es Dir mit der nöthigen Sitte, wie weit Du auch immer entfernt seist! –

Ich seufze bei dem Gedanken, dass unsere Bekanntschaft mit einem so nichtigen Ding begann, und auch damit endet. –

Todtschlag kann man entschuldigen, aber schwer ist es, Verrätherei der Liebe zu verzeihen! –

Alle meine früher wiederholten Befehle lösen sich nun! –

[77] Alle meine zahllosen Sorgen verflossener Tage enden für immer mit diesem! –

Wenn Du Dich gern erinnern möchtest der traurigen Geschichte unserer Liebe, –

Lies, bis Du genug hast, diesen Brief der unglücklichen Keaou Lẅan! –“

Nachdem sie ihre Briefe und Poesieen schön abgeschrieben hatte, wünschte sie wieder Sinkew damit zu beauftragen. Aber der Soldat runzelte die Stirn, knirschte mit den Zähnen und wollte unter keiner Bedingung darauf eingehen.

Es waren also alle Wege abgeschnitten, ihre Briefe an Tingchang abzusenden, als zufällig zu dieser Zeit ihr Vater sehr am Phlegma litt und Keaou Lẅan damit beauftragte, an seiner Stelle einige öffentliche Schreiben und Zeugnisse für ihn auszufertigen. Bei der Durchsicht dieser Papiere fand sie eins, das einen Soldaten, aus dem Wookeang-Distrikt gebürtig, betraf, der dieses Quartier verlassen und sich zu der Militärstation ihres Vaters zu Nan Yang geschlagen hatte. Lẅans Herz fasste sogleich folgenden Plan; sie nahm ihren ganzen frühern Briefwechsel, sammt der erst jüngst verfassten Poesie, den Abschied vom Leben betreffend, und ihr Gedicht, „die ewige Rache,“ brachte dies Alles in Ordnung , so dass es einen kleinen Band bildete, nahm dann die beiden Abschriften ihres Heirathskontraktes, legte sie mit in das Paket und gab dem Ganzen die Form eines öffentlichen Mandarinendokuments, siegelte es und schrieb aussen darauf: „Kapitän Wang, welcher das Siegel der Militärstation von Nan Yang verwahrt, [78] sendet dies an den Hauptmagistrat von Wookeang in dem kaiserlichen Distrikt von Soochow, um es zu eröffnen in dem öffentlichen Gerichtssaal.“

Nachdem sie dies gethan, bevollmächtigte sie damit einen Boten, ohne dass ihr Vater Wang nur ein Wort davon wusste.

Denselben Abend nahm Keaou Lẅan ein Bad. Nachdem sie ihre Kleider gewechselt, hiess sie Minghea gehen und mit dem Auftrage, Thee zu besorgen, verliess Minghea das Zimmer. Kaum war das Mädchen hinaus, so verschloss sie die Thür, stellte sich auf einen Stuhl, nahm eine weisse Schärpe, warf sie über einen Balken und knüpfte sie fest; dann befestigte sie das duftige Gazetuch, die Ursache aller ihrer Schmerzen, um ihren Hals, band es durch einen Knoten an die weisse Schärpe, stiess den Stuhl unter sich weg und – im Augenblick darauf hingen ihre Füsse in der freien Luft und ihr Geist verhauchte im Äther[83], während ihre Seele die Wohnung der Todten suchte, in dem zarten Alter von einundzwanzig Jahren!

Ein kleines, gazenes Tuch begann und endete ihr trauriges Loos. Dies schuf Seaouho und es vernichtete auch Seaouho[84].

Nachdem Minghea den Thee aufgegossen hatte, wollte sie ihn ihrer Herrin bringen, als sie die Thür fest verschlossen fand. Sie pochte einige Male, aber, als durchaus nicht geöffnet wurde, rannte sie in der grössten Angst zu der Tante Tsaou und benachrichtigte [79] sie davon. Diese kam sogleich mit der Mutter Chow herbeigeeilt und, da die Zimmerthür mit Gewalt geöffnet war – o, Worte können den Schrecken und das Entsetzen nicht beschreiben, das sich ihrer bemächtigte, als sie dies traurige Schauspiel vor ihren Augen sahen. Der alte Herr Wang hatte kaum das grässliche Ereigniss gehört, als er auch selbst schon in das Zimmer eilte. Es wäre unnöthig, die traurigen Scenen zu schildern, die darauf folgten. Weder der alte Herr, noch seine Gattin wussten, weshalb ihre geliebte Tochter diese rasche That begangen hatte. Die Nothwendigkeit heischte jedoch die schnellsten Schritte, den Körper zu beerdigen. Ein Sarg wurde herbeigeschafft, und die einst so liebenswürdige und geliebte Lẅan unter Thränen und Klagen des ganzen Hauses dem stillen Grabe übergeben.


Nun haben wir nur noch zu berichten, dass Se. Würden Keue, die Hauptmagistratsperson des Wookeang-Distrikts das Dokument von der Militärstation zu Nan Yang erhielt. Nach Durchlesung desselben war er nicht wenig erstaunt, da er seit Menschengedenken niemals von einem so ungewöhnlichen Falle gehört hatte. Zur nämlichen Zeit war Se. Würden Chaou der Tuy Kwan[85] im Gefolge des kaiserlichen Censors Fanche (welcher diesen Theil des Landes wegen einer näheren Besichtigung durchreiste), in den Distrikt von Wookeang gekommen; Keue the Che heen, hatte den [80] Ehrentitel eines Tsinsze[86] in dem nämlichen Jahre mit Chaou dem Tuy Kwan, erhalten, und da sie sehr vertraut mit einander standen, so theilte Se. Würden Keue dieses seltsame Ereigniss seinem Kameraden Chaou mit. Als dieser den Fall sorgfältig geprüft hatte, hielt er ihn für so eigenthümlich, dass er ihn zu der Kenntniss des Censors selbst zu bringen wagte. Se. Excellenz Fan nahm die Gedichte und den Heirathskontrakt, ging sie mehreremals durch, bis er sie ganz genau kannte und bis ins Einzelne dieses sonderbaren Falles eingeweiht war. Er bedauerte in tiefster Seele das Talent der Keaou Lẅan, die eines besseren Schicksals werth war und fühlte gegen die Grausamkeit des Chow Tingchang den grössten Abscheu. Darauf gab er Sr. Würden Chaou den Befehl, heimlich dem Tingchang nachzuspüren und schon den nächsten Tag wurde er ergriffen und in des Censors öffentlichen Hof zum Verhör gebracht, welches Se. Excellenz Fan höchsteigen übernahm. Tingchang leugnete zuerst hartnäckig die Wahrheit des Ganzen, als ihm aber der Heirathskontrakt zum Beweis vorgelegt wurde, wagte er kein Wort zu erwidern. Se. Excellenz gerieth in den grössten Zorn und befahl den Gerichtsdienern, ihm fünfzig tüchtige Hiebe mit dem Bambus zu geben und ihn sodann ins Gefängniss zu bringen. Zu gleicher Zeit fertigte er ein Schreiben an die Militärstation von Nan Yang aus, um zu erfahren, ob Keaou Lẅan sich in der That erdrosselt habe. Einige Tage darauf kam die Antwort, welche der armen Lẅan zu frühes Ende [81] nebst den Einzelnheiten bestätigte; worauf der kaiserliche Censor Fan den Tingchang aus dem Gefängnisse führen und zum zweiten Male vor den Gerichtshof stellen liess. Hier wendete er sich mit wuthschnaubender Stimme an ihn: „Mit Leichtsinn oder Beschimpfung gegen die Tochter eines Mandarins von Stande verfahren, ist ein Verbrechen. Einem Weibe bereits verlobt sein und doch eine andere heirathen, ist ein zweites Verbrechen. Ehebrecherischen Umgang führen, der den Tod des einen betreffenden Theiles nach sich zieht, ist ein drittes Verbrechen. In Eurem Heirathskontrakt steht geschrieben: „Wenn der Mann das Weib hintergeht, sollen zahllose Pfeile seinen Körper treffen. In Ermangelung der Pfeile,“ fügte er mit erhobener Stimme hinzu, „sollst Du mit Stöcken gleich einem Hunde todtgeschlagen werden, so dass Du als Beispiel allen ehrlosen Schurken in Zukunft dienen mögest!“ Dabei gab er mit lauter Stimme den umstehenden Gerichtsdienern ein Zeichen; diese griffen nach ihren Bambusknütteln, stürzten herbei und schlugen mit wildem Lärmen den unglücklichen Verbrecher, von dessen Körper die Stücke nach allen Richtungen in der Halle umherflogen. Im nächsten Augenblick bezeichnete nur ein blutiger hässlicher Klumpen den Körper des Verräthers der armen unglücklichen Lẅan.


In der Stadt billigte man allgemein diese Bestrafung als gerechten Lohn für die herzlose, frühere Grausamkeit Tingchangs. Als sein Vater, der alte Chow, diese schreckliche Nachricht vernahm, verschied er plötzlich vor Gram und Entsetzen und nicht lange nachher [82] gab die Tochter Wei's, welche Tingchang geheirathet hatte, ihre Hand einem Andern. –

Leser! Warum musste er dem Reichthum und der Schönheit einer zweiten Braut den Hof machen und seinen frühern Eid schimpflich brechen?? Was war die natürliche Folge davon? Es gibt eine Strophe, welche so lautet:

Die Mann und Weib für eine Nacht geworden, die sollen Mann und Weib für immer bleiben! –

Was kannst Du für einen Gewinn erwarten, wenn Du eines zarten Mädchens leichtgläubiges Herz täuschest?

Solltest Du etwa meinen, dass keine Rache den falschen und grausamen Liebhaber erwarte? –

Bitte, so liess diese Geschichte der blutigen Rache, die sich in vergangenen Zeiten ereignete.


Ende.



[83]
Noten.


Note A. – Wang Kwei wendete jeglichem Gefühl; siehe Seite 10.

Da Wang Kwei sein Streben nach hohen akademischen Ehren vereitelt sah, zog er sich in höchster Erbitterung zurück, und begab sich mit einem Freunde in das Haus einer jungen und schönen Buhlerin, um daselbst Kummer und Täuschung im Weine zu ertränken. Das schöne Mädchen, Namens Kwei Ying, stand mit Wang Kwei auf dem vertrautesten Fusse. Eines Tages sagte sie zu ihm: „Mein Lieber, sei nur recht thätig und gehe dann auf Reisen; die Kosten dazu will ich gern tragen.“ Wang Kwei erwartete demgemäss die reichsten dreijährigen Prüfungen und ehe er seine Reise antrat, gingen sie zusammen in den Tempel des „Gottes der See,“ wo sie sich gegenseitig auf Leben und Tod treu zu sein schwuren. Doch kaum hatte er das Glück, eine Anstellung bei der Regierung zu erhalten, als er auch schon den früheren Eid vergass. Kwei Ying sandte ihm verschiedene Briefe, ohne darauf eine Antwort zu erhalten, bis das junge Mädchen zuletzt erfuhr, dass ihr Geliebter bei der Gerichtsbank angestellt war; sie sandte [84] desshalb einen Boten in sein Gericht mit einer Bittschrift an ihn, in welche sie eine Skizze ihres eigenen Lebens eingeflochten hatte. Wang Kwei errieth sehr wohl den Inhalt der Bittschrift, und ohne weitere Umstände befahl er zornig, den Boten aus dem Hofe zu weisen. – Als dieses Verfahren der jungen Schönen hinterbracht wurde, nahm sie ein Messer und durchschnitt sich die Kehle. Eines Tages, als Wang Kwei am Wenigsten solch einen Besuch erwartete, stand plötzlich der Geist Kwei Yings vor ihm, dem jungen Mädchen so gleich, wie der Geist von Hamlets Vater dem seinigen. Wang Kwei schrie vor Schreck auf. „Ich will einen buddhistischen Priester auftragen, zahllose Gebete für Deine Seele zu sprechen, um Deiner Seele über den gelben Strom (Styx) zu helfen, und ihr einen lieblichen Aufenthalt in Keih Lo Kwo (Elysium oder Paradies) zu verschaffen; nur lass mich in Ruhe!“ – „Nein,“ rief erbittert der Geist Kwei Yings, „Du bist so ein herzloser Schurke, dass Nichts, als Dein Tod meine Rache stillen kann!“ Kurze Zeit darauf war plötzlich Wang Kwei gestorben.

Note B. – Le yih sündigte gegen sein Gewissen etc. Seite 10.

Le yih war gebürtig aus dem Distrikt der in früherer Zeit Lung se genannt wurde, jetzt aber einen Theil der modernen Provinz Shen se bildet, und war ungefähr dreissig Jahr alt, als sich die folgende Geschichte mit ihm ereignete. Er war als ein Tsinsze angestellt, seine Familie genoss die höchste Achtung und seine [85] Talente hatten von Jugend auf die grösste Aufmerksamkeit erregt, da seine Schriften an Schönheit unübertroffen waren. Als er wegen der dreijährigen Prüfungen nach der Stadt Chan gan (Peking) reiste, wurde er durch eine Kupplerin, Paou die Elfte, mit einem jungen Freudenmädchen von ausgezeichneter Schönheit, Namens Seaou yuh (der kleine Jaspis), bekannt. Sie genossen heimlich die Freuden der Liebe, und, da Seaou yuh sich sehr gewandt in Poesie, Schönschreiben, Musik etc. zeigte, so verbanden sie sich bald durch einen feierlichen Eid, dass sie sich nie anderwärts verheirathen wollten. Le yih ging darauf in die Prüfungen und beim Scheiden stellte er seiner Geliebten einen Termin seiner Rückkehr fest. Als er aber das Ziel seines Ehrgeizes erreicht hatte und als Mandarin angestellt war, verheiratheten ihn seine Eltern an eine Andere, in Folge dessen das Band seiner früheren Liebe zerrissen wurde. Seaou yuh nahm ihren Kopfputz ab und sandte ihn durch einen Boten, um zu erfahren, wie die Sachen stünden. Zufällig hörte eine Art von Abenteurer ihre Geschichte und er fand Mittel und Wege, Le yih mit Seaou yuh zusammen zu bringen. Das junge Mädchen drückte seine Hand, zerfloss in Thränen und starb an gebrochenem Herzen. Seit dieser Zeit ging ein eigenthümlicher Wechsel in Le yihs Wesen vor. Sobald er eine Frau erblickte, wandte er sich mit Abscheu und Missbehagen ab. – Dreimal war er verheirathet und doch wollte ihm kein Weib anstehen und bei seinem Tode wagte Niemand sich ihm zu nähern. So war er zum Einsiedler verdammt als Vergeltung für seine frühere Grausamkeit.

[86] Note BB. – Wenn Du einwilligst, dass der männliche und weibliche Phönix etc. S. 21.

Die hier gebrauchten Zeichen, „Lẅan“ und „Fung,“ bedeuten beide den männlichen Phönix, und wenn das Zeichen „Fung“ in Verbindung mit „Hwang“ gebracht wird, muss es auch so übersetzt werden. Aber eigenthümlicher Weise kann man es, wenn das nämliche Zeichen mit „Lẅan“ verbunden steht, nur mit weiblich übersetzen. So ist in der chinesischen Höflichkeitssprache der Ausdruck „Tan Lẅan shwang Fung twan yuen“ das vollkommene Glück des Bräutigams und seiner zwei Frauen; so ist der Titel eines sehr wohlbekannten chinesischen Stückes „San Fung Lẅan,“ welches man nur übersetzen kann: Die drei Bräute und ihr Bräutigam (wenigstens ist dies der Inhalt des Stückes.) Kurz, der wahre Sinn unseres Textes ist: „Wenn Du nur einwilligst, dass ich (der junge Mann ist durch das Zeichen Lẅan ausgedrückt) ruhe auf einem Lager mit Dir (das junge Mädchen durch das Zeichen Fung ausgedrückt), dann etc.“

Note C. – Wie kann einem kleinen Knaben erlaubt sein etc. S. 22.

Der Kaiser Taetsung von der Tang-Dynastie etc. S. 27.

Sieh lieber in den Nordstern, den Ort woher die Ehre fliesst etc. S. 30.

Der Kaiser Ming von der Tang-Dynastie, gewöhnlich Taetsung genannt, war ein sehr grosser Freund der Ruhe und des Vergnügens. Eines Abends bei vollem Herbstmonde, – der [87] ganze Baldachin des Himmels war klare, blaue Luft – ging Taetsung im Mondenschein spazieren, begleitet von einem Taou-Priester, Namens Lo kung yuen, der ein berühmter Zauberer war. Der Taoupriester warf seinen Stab hin und augenblicklich verwandelte er sich in eine lange Brücke. Auf dieser schritten sie fort, bis sie in einen prächtigen Palast kamen, wo der duftige Ölbaum schlank über alle Maasen wuchs, von Zweigen und Blättern reichlich beschattet, deren balsamischer Wohlgeruch ihre Sinne umnebelte. Taetsung fragte seinen Führer: „Wo sind wir?“ Der Taoupriester antwortete: „Im Palast des Mondes.“ Als Taetsung wieder auf die Erdenwelt versetzt war (zu Deutsch: Als er aus dem Traume erwachte), baute er eine Halle, der ganz ähnlich, die er im Mond gesehen hatte, pflanzte daselbst den Ölbaum, und, wenn später ein junger Gelehrter die höchsten akademischen Ehren erhielt, liess er ihn diesen sublunarischen Palast des Mondes betreten und einen Zweig von besagtem Baume brechen, welche Handlung desshalb mit – den grössten Erfolg in irgend einer Wissenschaft erringen – gleichbedeutend ist.

Als Taetsung im Palast des Mondes war, sah er die schöne Nymphe Chang goo (Diana), und bei seiner Rückkehr sehnte er sich, sie als Genossin auf Erden zu besitzen. Dies bedeutet in China dasselbe, als eine Unmöglichkeit erhoffen.

Seitwärts vom Tempel des Mondes waren in gehöriger Ordnung Sterne ausgestreut, welche das chinesische nördliche Sternbild darstellen. Einen jungen Gelehrten zu eifrigem Bemühen rathen, nach demselben zu blicken, hat die nämliche [88] Bedeutung, als ihm anrathen, einen Zweig vom duftigen Ölbaum des Mondes zu pflücken.

Note D. – Und Dein Herz hegt nur unzüchtige Gedanken etc. S. 22.

Ich rath’ Euch, junger Mann, nicht in kindischen Träumen zu schwelgenS. 22.

Wörtlich: Ich würde Euch anempfehlen, nicht der Träume von Yang tae zu gedenken. In alten Zeiten ging einmal Seang, der Herrscher des Staates Tsoo, in der Gegend von Kaoutang, spazieren, und, da er sehr ermüdet war, schlief er bei hellem Tage ein. Im Traum sah er ein wunderschönes Weib sich ihm nähern, welches er im Schlafe umarmte. Das Weib sagte zu ihm: „Ich wohne in Yang tae (wörtlich: dem sonnigen Erdboden) in Woo shan (wörtlich: Gebirge der Zauberer); Morgens bin ich eine Wolke, Abends bin ich Regen etc.“ Als der Kaiser Seang aus seinem Traum erwachte, erzählte er die Geschichte, und seitdem braucht man den Ausdruck „Wolke“ und „Regen,“ um den Umgang beider Geschlechter auszudrücken. Siehe „Dr. Morrisons Dictionary, Zeichen yun und yu.“

Note E. – Aber Wolken trennen den Strom etc. S. 24.

Folgende Sagen knüpfen sich an den Seang keang, oder wörtlich: den aufschäumenden, brausenden Fluss. Man erzählt dass Ching keaou foo die Gewohnheit hatte, beständig an den Ufern des Seang keang zu schweifen. Einst sah er ein paar Nymphen, glänzend gekleidet und über alle Vergleichung schön, welche zwei klare Perlen, dick wie Taubeneier, an ihren Gürteln [89] trugen. Ching keaou foo hatte sie kaum gesehen, als er sich auch schon in sie verliebte, ohne zu wissen, dass sie Genien waren. Er wünschte ihre Perlen zu besitzen und bat sie darum und erhielt sie auch von ihnen. Er verwahrte die Perlen an seiner Brust, aber einen Augenblick später fehlten sie ihm, und die göttlichen Nymphen waren in Luft zergangen und vergebens suchte er nach ihnen. Auch erzählt man, dass, als der gute Kaiser Shun auf einem Orte, Namens Tsang woo, gestorben war, seine Beischläferin Seang (Seangfe) an den Ufern des Seang keang sass, wo sie so bitterlich weinte, dass sie das Schilf mit ihren Thränen benetzte, welches an den Ufern des Flusses wuchs. Sie starb auch später an diesem Orte.

Der Text lässt mehr als eine Auslegung zu, aber der Gedanke ist: Einen geliebten Gegenstand zu erringen suchen und es doch nicht im Stande sein. Ein berühmter chinesischer Dichter, Le keun yuh, sagt, von einer schönen Nymphe sprechend: Die Schleppe ihres Kleides, welche sie nachzog, war sechsmal so gross wie das Seang keang-Wasser und der Kopfputz, mit dem sie spielte, war das Gebirge Woo in einer Wolke. Die Meinung des Dichters ist: Erstens, des Mädchens Schönheit durch diese Vergleiche auszuschmücken, und zweitens, dass sie unerreichbar sei oder nur in der Einbildung lebe, gleich Ching keaou foos Genien, oder gleich der Schönen, welche in Woo shan wohnte; s. Note D.

Note F. – Der Bräutigam Keen-new, der etc. S. 28.

Dies bezieht sich auf die Sternbilder Chih-neu (Lyra) und Keen-new oder New-lang (Steinbock). Koo-sze-yuen sagt: [90] Im Osten der Milchstrasse ist das Sternbild Chih-neu, der Enkelin von Teen te (Herrscherin der Sterne). Sie war sehr fleissig und fertigte jährlich viele Stücke kostbaren Gewebes. Sie war so in ihre Weberei vertieft, dass sie sich selbst zu schmücken vergass. Teen te bedauerte ihr einsames Leben und verheirathete sie desshalb an Keen-new, einem Sternbild im Süden der Milchstrasse. Als sie verheirathet war, verwandte sie keinen Fleiss mehr auf die Arbeit. Die Herrscherin, ungehalten darüber, befahl ihr, sich in ihren früheren Aufenthalt zu begeben, und seit dieser Zeit war es ihr nur einmal im Jahre erlaubt, ihren Gemahl zu besuchen, welches am siebenten Tage des siebenten Mondes geschieht. Chih-neu wird jetzt von unverheiratheten Frauen verehrt, um die Kunst des Stickens leichter zu erlernen.

Note G. – Du musst das Benehmen von Han Seang tsze etc. S. 30.

Han lang oder Han Seang tsze lebte während der Tang-Dynastie. Sein ganzes Wesen war platonisch. Um Wein, Frauen und Reichthum kümmerte er sich nicht und verfolgte sein System bis zu den lächerlichsten Extremen. Er sass gewöhnlich in seinem Arbeitszimmer, welches Tsing so keue oder das azurne, verschlossene Gemach genannt wurde, und gab sich ganz den Wissenschaften und Büchern hin. Eines Tages sandte, wie man sich erzählt, seine Mutter, die für Nachkommenschaft sehr besorgt war, sein Weib in das Arbeitszimmer nebst einigen Überkleidern, da das Wetter ausserordentlich kalt war. Der eigentliche Grund der Matrone war aber, einen ehelichen Beischlaf herbeizuführen; [91] Han Seang tsze merkte sogleich die Geschichte[WS 2] und jagte das Weib fort. Er verfolgte während seines Lebens die Lehren der Taousekte und erlangte einen grossen Ruf als Seher und Prophet. Nach dem Tode wurde er unter die acht Genien versetzt.

Note H. – Die Laute der zeichengebenden Tsuy etc. S. 30.

Tsuy ist die Heldin der berühmten chinesischen Novelle, Namens „Se seang yo“ oder Geheimnisse des westlichen Hauses. Dieses junge Mädchen, die auch Tsuy ying ying und Shwang wan genannt wird, besass hohe Schönheit und Bildung. Sie begleitete ihre Mutter, um ihres Vaters Todtenbahre zu bewachen im Poo-kew sze (Tempel der allgemeinen Seligkeit), als „der Zufall es haben wollte,“ dass der junge Gelehrte Chang kung, nach Anderen Kwan suy auf einer Bildungsreise begriffen, des Weges kam. Ein Blick aus Tsuys Auge, und Geist und Seele waren ihm bezaubert. Er wurde von diesem Augenblicke an des jungen Mädchens eifrigster Verehrer. Er miethete das Nebenhaus des Tempels, unter dem Vorwande, seine Studien zu vollenden. Aber der eigentliche Grund war, das Antlitz und die Gestalt, die sein Herz erfüllte, wieder sehen zu können. Zufällig besetzte zur nämlichen Zeit ein berüchtigter Bandit, Namens Sun fe hoo (wörtlich: der Enkel des fliegenden Tigers), den Tempel mit seiner Bande und wünschte die junge Tsuy zu entführen. In dieser äussersten Noth erklärte die Mutter, dass Derjenige, welcher die Belagerung aufheben könne, als Lohn ihre Tochter zum Weibe haben solle. Chang kung sandte desshalb einen buddhistischen Priester, der den [92] Händen der Belagerer entging, mit einem Briefe an seinen Freund, den General Pih ma (das weisse Ross), welcher sogleich mit seinen Truppen herbeieilte und die Belagerung aufhob. Als dieser Dienst geleistet war, brach die Mutter Tsuys ihr Versprechen an Chang kung; sie stellte ein Gastmahl an, führte den jungen Mann zu ihrer Tochter und erklärte ihnen, dass sie bloss wie Bruder und Schwester, keineswegs aber anders zu einander stünden. Chang kung wurde über diesen argen Betrug krank und, als er zufällig ein vertrautes Mädchen der jungen Tsuy, Namens Hung neang, traf, beauftragte er sie mit einem Brief an ihre Herrin. Diesen Brief hatte Chang kung in Folge eines Spaziergangs an der östlichen Mauer, wo Tsuy wohnte, geschrieben. Er hatte sie nämlich auf der Laute spielen hören und die Worte des Gesanges schienen ihm eine Einladung in ihr geheimes Zimmer zu sein. Als er sich zu ihr schlich, wandte sich das junge Mädchen schnell ab und schalt ihn mit kurzen Worten aus: „Meinst Du, weil wir wie Bruder und Schwester zusammen stehen, dass wir die Regeln des Anstandes nicht zu beachten brauchen?“ Chang kung zog sich auf diese Mahnung in sein Zimmer zurück, wo seine Krankheit einen ernsteren Charakter annahm. Die junge Tsuy war aber ein kleines, schlaues Ding und obgleich sie ihm diese abschlägige Antwort gegeben, so liebte sie ihn doch von Herzen und fühlte Kummer und Unwillen darüber, dass ihre Mutter dem jungen Mann das Versprechen gebrochen. Sie schlüpfte daher bei einer günstigen Gelegenheit in des kranken Jünglings Schlafzimmer, wo sie ihm die treuesten Gefühle ihrer Brust offenbarte. Der Strom ihrer Liebe floss [93] indess nicht so sanft hin. Chang kung ging in die Hauptstadt, um sich den dreijährigen Prüfungen zu unterziehen, und sie sahen sich niemals wieder. Die Geschichte endet abgerissen. Es wird blos noch gesagt, dass sie sich später anderweitig verheirathet haben. –

Es gibt aber noch eine andere Sage, welche Chang kung die höchsten Ehren erhalten und bei seiner Rückkehr Tsuy heirathen lässt, wo sie denn, wie die Geschichten gewöhnlich enden, ganz glücklich als Mann und Frau zusammenleben und Tsuy wird oft als Bild der kindlichen Liebe genannt.

Note I. – Wie die unglückliche Keang etc. S. 49.

Es gibt wenigstens zwei oder drei berühmte Frauen Keang in der chinesischen Geschichte. Eine von ihnen, welche Ching Keang (Jungfrau) genannt wurde, war die königliche Concubine des Chaou, Kaisers von Tsaou. Eines Tages ging ihr Herr zu seinem Vergnügen aus und liess das Mädchen in den Tseen-Söller (Söller der emporsteigenden Wasser). Sie waren vorher schon übereingekommen, dass, wenn der Kaiser die Königin Keang auf seinen Spaziergängen als Gefährtin wünsche, er ihr ein Billet durch einen Boten senden würde, ohne welches sie nicht den Palast verlassen dürfe. Aber, da an diesem Tage die Wasser des Flusses reissend emporschwollen, sandte er einen Diener mit dem Befehl an sie, das Haus sogleich zu verlassen, weil sie sonst ertrinken müsste. In seiner grossen Eile aber vergass er das Billet zu schicken (wörtlich: der kleine Streifen Bambus). Sie verlangte dies von dem Boten und, da dieser es nicht vorzeigen konnte, [94] so folgte sie den früheren Befehlen des Kaisers au pied de la lettre. Doch während sie sich hartnäckig weigerte, den Platz zu verlassen, ertrank sie.

Eine andere Frau dieses Namens war das Weib des Kung pih, Fürsten von Wei. Da ihr Herr zeitig starb, wünschten sie ihre Eltern wieder zu verheirathen, aber sie bestand hartnäckig darauf, ihre Keuschheit zu bewahren und verfasste einige Strophen unter dem Titel „Pih chow she,“ in welchen sie sich das weibliche Gelübde auflegte, niemals wieder zu heirathen.

Dann lebte aber auch noch zur Zeit des Kwang Han eine Frau, die wegen ihrer kindlichen Liebe berühmt war. Sie war das Weib eines gewissen Keang she. Ihre Schwiegermutter pflegte Wasser aus einem Flusse zu trinken, der sieben chinesische Meilen von ihrem Hause entfernt war, und das arme Weib (nämlich Keang shes Weib) hatte jeden Morgen nach dem Hahnenrufe die Pflicht auf sich, es eigenhändig aus dem Strome zu holen. Da der Schnee manchmal dick auf der Erde lag und das Wetter stürmisch und rauh war, so konnte sie es nicht so regelmässig bringen, wesshalb sie ihr Mann eine faule, nachlässige Schlampe nannte und ihr die Thüre wiess. Das arme Weib ging in eines Nachbars Haus und ernährte sich von Spinnen und Weben und zuweilen sandte sie ihrer grausamen Schwiegermutter durch die alte Frau, bei der sie wohnte, die Ergebnisse ihres Webstuhls. Als Keang she dies hörte, nahm er sie wieder ins Haus, worauf sogleich ein Quell von dem nämlichen Geschmack, wie der des Flusses, an der Seite ihres Hauses hervorfloss. Ihre kindliche [95] Liebe wurde so belohnt, indem sie nun nicht mehr nöthig hatte, die früheren langen Wanderungen anzutreten.

Ausserdem hiess die Königin des berühmten Wan wang auch Keang. Eines Tages nahm sie ihren Kopfputz ab, fiel auf die Knie vor ihrem Herrn und verlangte Bestrafung. Wan wang sagte, sie habe kein Verbrechen begangen, wesshalb er sie auch nicht bestrafen könne, darauf erwiderte sie, dass sie wohl ein Verbrechen begangen, in sofern sie die Ursache sei, wesshalb der König so lange Frühmorgens im Bette läge und durch diese üble Gewohnheit bliebe mancher Kummer des Volkes unberücksichtigt, Wan wang verstand den Wink und stand künftighin früher auf. S. Gonsalves Arte China. Nr. 15.

Keaou Lẅans Anspielung bezieht sich wahrscheinlich auf die erste dieses Namens.

Note K. – S. 49.

Min Tsze Keen war ein Schüler des Confucius und berühmt wegen seiner kindlichen Liebe. Als seine Mutter starb, heirathete sein Vater ein anderes Weib, die ihm noch einen Sohn gebar. (Manche sagen, dass sein Weib ihm zwei Söhne gebar.) Sein Vater war ein Kutscher von Profession und Minkeen pflegte ihn zu begleiten, um den nöthigen Umgang mit der Peitsche zu erlernen, oder pflegte seinen Vater die Schiebekarre mit fortzuhelfen. Eines Tages sah sein Vater, dass der arme Junge vor Kälte zitterte und sagte desshalb zu ihm: „Ei, Junge, Du hast ja ein nettes, mit Kattun gefüttertes Kleid an; wie kommt es, dass Du so kalt bist, wie ein Eiszapfen.“ Als er ihn aber näher untersuchte, [96] sah er, dass sein Anzug blos aus Stroh und Blättern ausgestopft war, und dass seine Stiefmutter ihm das kattune Kleidchen für ihr eigenes Kind genommen habe. Sein Vater gerieth in die grösste Wuth und wollte sein Weib wegen dieser Parteilichkeit und Ungerechtigkeit aus dem Hause werfen; aber Min Tsze Keen beschwur seinen Vater mit Thränen in den Augen und sagte: „So lange die Mutter hier ist, wird nur ein Kind frieren, aber wenn Du sie fortschickst, so werden wir alle beiden verlassen und verwaist dastehen. Sein Vater überlegte diese Worte genauer und minderte seinen Zorn. Seine Stiefmutter fühlte sich dem Knaben wegen seiner Gutmüthigkeit dankbar verpflichtet und behandelte später beide Knaben mit gleicher Güte. Confucius sagt zu seinem Lobe: Wer ist der fromme Sohn – ei – es ist Min Tsze Keen.

Note L. – Die Tage der Frau Wan Keun etc. S. 71.

Cho Wan Keun war eine schöne Frau und besass empfehlende Talente. Ihres Vaters Name war Cho Wang sun. Er war ein reicher und edler Mann zur Zeit der Han-Dynastie und liebte den Umgang mit gelehrten Leuten. Eines Tages gab der alte Herr ein Fest und lud Sze ma Seang joo dazu ein. Nun war gerade Wan Keun Witwe geworden. Sie spielte die Laute oder Harfe bewunderungswürdig, was Seang joo sehr wohl wusste. Als er daher etwas berauscht war forderte er seine Harfe und spielte darauf die Weise: „Der Phönix ruft sein Weibchen,“ um ihre Leidenschaft zu erregen. Wan Keun war sehr verliebter Natur und sehr erfreut, dieses Lied zu hören. Sie verstand recht gut, was er wollte und um Mitternacht begab sie sich in Seang joos [97] Zimmer, wo sie sich zu heirathen übereinkamen. Sze ma Seang joo nahm seine eigenen Kleider und gab sie Wan Keun, worauf sie (à la Gretna Green) nach Ching too foo der Hauptstadt von Sze chuen, Seang joo’s Geburtsort flüchteten. Sie lebten daselbst sehr glücklich, liebten beide leidenschaftlich Lieder singen und, wenn ihre Kehlen trocken wurden von diesem geistigen Genusse, verschmähten sie nicht ein Glas guten Weins zu trinken.

Note M. – Ihr Geist verhauchte in Äther, während ihre Seele etc. S. 78.

Die wörtliche Übersetzung dieser Stelle ist: Ihre drei Geister oder drei Zehntel des Geistes flutheten frei und blendend; ihre sieben Seelen oder sieben Zehntel der Seele sanken in die Verborgenheit. Zwei Zeilen eines Gedichts drücken den nämlichen Sinn aus:

San hwan meaou meaou kwei shwuy foo

Tseih pih yew yew juh ming too.

Ihre drei Zehntel des Geistes, fluthend im ewigen Raume, kehrten zu der Stadt des Wassers. Ihre sieben Zehntel der Seele gingen traurig den Weg zu der Wohnung der Todten! Der Ausdruck hwan, hier mit Geist übersetzt, wird erklärt als zu yang gehörig, d. h. der edlere oder männliche Bestandtheil des Wesens, während der Ausdruck pih, mit Seele übersetzt, zu yin gehört, d. h. dem weniger edlen oder weiblichen Bestandtheile der Natur. Bei diesen verschiedenen Begriffen, mag sich der Leser der Worte Πνευµα und Ψυχη erinnern, im Paul. 1. Epist. a. d. Cor. 15. Cap., was auch mit Geist und Seele zu übersetzen ist. Warum die [98] Anzahl drei von dem einen und sieben von dem andern, oder vielmehr, warum die menschliche Seele soll aus drei Zehnteln des ätherischen Wesens bestehen, und sieben Zehnteln irdischen Wesens, kann ich nicht begreifen, habe auch nie einen Chinesen gefunden, der genauer darüber nachgedacht hätte. Wenn irgend ein Leser sich genauer hierüber wie auch über andere einzelne Denkungsweisen der Chinesen zu unterrichten geneigt sein sollte, so bitte ich ihn Dr. Morrisons Dictionary zur Hand zu nehmen und ihn auf die Zeichen: hwan, pih, shin, ling, yin, yang, ke, le, taou, yih, sin etc. und in des nämlichen Mannes englischen und chinesischen Diction. auf die Worte: Seele, Geist, Gott, Teufel, Himmel, Hölle etc. zu verweisen.

Note N. – Dies schuf Seaou ho und es vernichtete auch Seaou ho. S. 78.

Seaou ho war der erste Minister des ersten Herrschers der Han-Dynastie, nach seinem Tode Kaou tsoo genannt. Als er den Thron bestieg, entwarf er drei Bücher Gesetze, aber er konnte das Werk nicht beenden und liess den Theil des Gesetzbuches ungeschrieben, welcher zwischen strengeren oder gelinderen Strafen entschied. Der Kaiser bevollmächtigte Seaou ho dies zu thun und dieser führte es in einer solchen Weise aus, dass sein kaiserlicher Herr ihn des wärmsten Beifalls versicherte. Aber als der unglückliche Gesetzentwerfer sein Werk ins Reine schrieb und es für den Druck bereitete, rief seine Mutter ihn mehrere Mal zu Tische, da der Reis kalt würde. Er war aber so in die Arbeit vertieft und wünschte sie zu beenden, dass er ganz gedankenlos [99] antwortete, ohne zu wissen, was. Ein Weilchen darauf, da das Werk beendet war, rief ihn seine Frau zu Tische, worauf er sich sogleich einstellte. Seine Mutter fragte ihn: „Warum kamst Du nicht gleich als ich Dich rief.“ Seaou ho erwiderte: „Ich war eben bei dem Unterschied zwischen leichten und strengen Strafen.“ „Nun sag einmal,“ meinte die alte Frau, „was erwartet einen Sohn, der auf sein Weib hört und seiner Mutter nicht gehorcht?“ „Enthauptung,“ antwortete ganz unschuldig Seaou ho. Seine Mutter, die durchaus nicht glaubte, dass der Scherz so tragisch enden würde, erzählte diese Geschichte dem Kaiser. Dieser fühlte sich dadurch ausserordentlich ergriffen und wünschte dass er Seaou ho verzeihen könnte. Aber fürchtend, dass, wenn er den ersten Verletzer des Gesetzes begnadige, seine Gesetze künftighin nicht beachtet würden, so liess er den von den Sternen übel berathenen Kopf des Seaou ho von seinem Körper auf dem Markte trennen. Dieses blutige und grausame Beispiel war ganz wohl darauf berechnet, das Volk vor ähnlichen Scherzen zu bewahren, als auch die Gesetze in Achtung zu erhalten; der europäische Leser mag sich des ehernen Stieres erinnern, welchen der geschickte Perillus dem Tyrannen Phalaris zum Geschenk machte.



[100]
Nachwort
des englischen Übersetzers.


Die folgende Erzählung ist dem elften Bande von „kin boo ke kwan Merkwürdigkeiten alter und neuer Zeiten,“ in 12 Bänden, entnommen. Dieselbe Geschichte findet man auch abgekürzt im Tsing she oder Geschichte der Leidenschaften, (10 Bände) im siebenten Band, 16. Abtheilung (welche die Leidenschaft der Rache enthält), unter dem Titel: Chow Ting chang.

Die Geschichte wurde zuerst ganz wörtlich übersetzt, aber bei Durchlesung derselben fürchtete der Übersetzer, dass die merkwürdige Kürze und Abgerissenheit einem fremden Leser ganz ungeniessbar sein würde, zumal, da sie an manchen Stellen völlig unverständlich ist; er schrieb sie daher von Neuem, behandelte den Originaltext freier, besonders hinsichtlich der Übertragung gewisser Ausdrücke, die, obwohl sie bei den Chinesen gäng und gäbe sind, doch ein europäisches Ohr beleidigen dürften, [101] und eine Stelle, welche nicht anders wiedergegeben werden konnte, liess er ganz weg.

Der Übersetzer fühlte sich in Verlegenheit, in welche Art des Styles er dies kleine Werk classificiren solle. Nach dem gelehrten P. Prémare gibt es zwei Arten von Schreibarten oder Sprachen, nämlich die eine, welche er nennt „antiqua illa, quae in veteribus libris conservatur,“ und die andere: „lingua mandarina prout in ore hominum politorum versatur.“ Den nämlichen Unterschied macht Dr. Gonsalvez; nämlich: „O estilo vulgar mandarim e classico geral“ und „Abel Remusat,“ nämlich: style antique et style moderne. Das folgende Werk ist gewiss nicht im klassischen Style gehalten, noch auch in der Mandarinensprache, prout in ore hominum politorum versatur, vielmehr in der Dialogform, der sich Shakspeare in seinen Stücken bedient, wie wir im gewöhnlichen Leben reden. Könnte man beide vereinigen, und diesen Styl den halbklassischen (bastardklassisch) nennen, so würde die Bezeichnung vielleicht genauer sein. Der Übersetzer wählte die folgende Geschichte wegen seines coup d’essai, theils, weil ihm die Art gefiel, mit welcher der Plan durchgeführt ist, theils, weil die vielen dem Werke verwobenen Poesieen diese Geschichte als eine der schwierigsten der Sammlung hinstellen. Dass man ihm nicht den Vorwurf mache, er überschätze die Schwierigkeit hinsichtlich der Übersetzungen aus chinesischen Poesieen, so [102] verweist er auf den Ausspruch eines der ersten, ja vielleicht des allerersten Sinologen seiner Zeit.

„Die Schwierigkeiten (lyrische Stellen zu übersetzen) die Prémare bezeichnet und Davis zuerkennt, entspringen theils aus den Redefiguren, die den drei Naturreichen entlehnt sind, oder aus den Vergleichungen, deren Beziehungen man nur mit Hilfe einer Menge zwischenliegender, vermittelnder Ideen und besonderer Kenntnisse enträthseln kann, die man weniger aus Büchern, als aus dem Verkehr mit Gelehrten erlangt; theils entspringen sie aus den Anspielungen, die sich auf Gebräuche, Aberglauben, Sagen, Volksgeschichten, Dichtungen der Fabel und Mythologie oder auf fantastische Meinungen der Chinesen beziehen.

Diese der chinesischen Poesie eigenthümlichen Hindernisse treten niemals demjenigen hemmend in den Weg, der sich in China aufhält, da sich ihm daselbst alle Quellen der Erläuterung darbieten, sowohl in dem Verkehr selbst, als auch in den hundert und zweihundert Bände starken Wörterbüchern, die bei uns gar nicht existiren.

Die Lage der europäischen Sinologen ist bei weitem nicht so günstig und der jetzige Stand unserer Kenntnisse lässt das Verständniss chinesischer Poesie noch auf lange Zeit in weiter Aussicht. Man besitzt zwar in Europa, sagt Mr. Davis, hinlängliche Mittel, um die prosaischen Schriften verständlich zu machen; aber [103] so lang man nicht ein Wörterbuch über chinesische Poesie besitzt, (ein Werk, dessen Bedürfniss unsere Zeit lebhaft fühlt) geht das Studium dieser Literatur noch über die Kräfte europäischer Sinologen.“ M. Stanislas Julien préface de l’histoire du Cercle de Craie.

Diese Stelle zeugt nicht nur für die grosse Schwierigkeit chinesische Poesieen zu übertragen, sondern sie zielt auch auf die hoffnungslose Lage europäischer Sinologen, verglichen mit ihren glücklichern Collegen die ihren

„englischen Hauch auf China’s Boden athmen!“

Derselbe Autor sagt, in der „Vorrede des Übersetzers, zu seiner Zusammenstellung der vorzüglichsten chinesischen Abhandlungen über die Kultur der Maulbeerbäume und Seidenraupen (Paris 1837):

„Wäre dieses Werk in Peking übersetzt worden von irgend einem Missionär, dem alle Hilfsmittel und der Beistand chinesischer[WS 3] Gelehrten zu Gebote stehen, so würde sich ihr durchaus keine Schwierigkeit entgegengestellt haben, und sie würde eben so fehlerfrei und vollendet erscheinen, wie die eines englischen Werkes, die unter Aufsicht der einsichtvollsten Männer Grossbrittaniens zu London herausgegeben wurde.

Die Stellung eines europäischen Sinologen ist bei weitem nicht so vortheilhaft wie die der alten Missionäre zu Peking, denen wir [104] so brauchbare Arbeiter verdanken. Fortwährend hat er, und ohne Hilfsquellen, mit den Schwierigkeiten der umfassendsten und complicirtesten Sprache zu kämpfen, deren Hindernisse sich unendlich häufen, wenn der Text von Kunstausdrücken strotzt, und sich die Schwierigkeiten eines ihm völlig unbekannten Gegenstandes mit denen der Sprache vereinen.“

Dass die fremden Missionäre, welche sich in Peking aufhielten, die Sprache und Literatur des Landes erlernen konnten, wie die gebildetsten Einwohner selbst sie besitzen, glaube ich; dass wir, die wir in Canton[WS 4] leben, bei Weitem begünstigter sind, unsere Forschungen zu verfolgen, als der einsame Gelehrte in seinem Studierzimmer zu Paris oder Berlin, der Niemanden um Rath fragen kann, will ich gern zugeben, und dennoch ist unsere Lage nicht ganz so günstig, wie es der gelehrte Sinologe zu glauben scheint. Wir sind nicht von „gens de lettres“ umgeben, wie jene Missionäre zu Peking, wir haben nicht freien Zutritt zu ihren gelehrten Schätzen, wie diese Leute, und wir werden nicht mit der Achtung angesehen, welche sie, wenigstens eine Zeitlang, vom Throne genossen. O nein! unser chinesischer Umgang besteht in Hong-Kaufleuten, Linguisten, Compradores[WS 5] und Coolies[WS 6], Leute, welche auf kein literarisches Verdienst Anspruch machen, Leute, welche nicht können, wenn sie wollen, und nicht dürfen, wenn sie könnten; diese bringen uns unsere wissenschaftliche Bildung, und [105] während sie unser Brod essen, hassen und verachten sie uns gewöhnlich! Dies wird jedem Fremden, der sich nach China begibt, mehr oder weniger begegnen. Schreiber Dieses hatte während eines Aufenthaltes von fast fünf Jahren nur dreimal, und das auch nur durch Zufall, mit Personen gesprochen, welche von Profession Leute der Literatur (lettrés Chinois) genannt werden können. Zweie von diesen Gelegenheiten beruhten auf Geschäftssachen und schlossen daher jede genauere Unterhaltung aus. Die dritte war bei einem Hongkaufmann, den ein Han lin (académicien) als Freund besuchte. Dieser gelehrte Chinese liess sich herab, einige wenige Fragen zu stellen, lachte aber mit ungläubiger Miene, als er hörte, dass das Englische eben so gut, wie das Chinesische seine Poesie besitze, und schien sich ordentlich zu ärgern, als ihm versichert wurde, dass unsere barbarische Sprache eben so gut ein Wan chang (Thesis oder Homilie) bilden könne. Dabei muss ich noch bemerken, dass dieser Herr, als er mit dem Schreiber Dieses zusammentraf, sich für einen Kaufmann ausgab, weil er es wahrscheinlich unter der Würde eines Gelehrten hielt, seine Lippen durch ein genaueres Gespräch mit einem verachteten Fremden zu verunreinigen; mit einem Worte, die gebildeten, gelehrten Chinesen betrachten uns und unser Streben und Alles, was mit uns zusammenhängt, mit der grössten Verachtung.

Was die Sëen sang oder Lehrer betrifft, welche unsere Hongs [106] besuchen, um uns die Elemente ihrer Sprache zu lehren, so konnte ich nicht einen einzigen Sewtsae herausfinden oder Einen, der die niedrigste Stufe ihrer literarischen Leiter erklommen hatte. Manche von ihnen würden kaum von einem Chinesen angenommen werden, seinen Kindern die ersten Anfangsgründe beizubringen. Der Schreiber Dieses kann sich wohl damit brüsten, einen der talentvollsten Leute zur Seite gehabt zu haben, einen Mann, der bereits in Canton als der Übersetzer von Äsops Fabeln bekannt war, und seiner Bildung die verdiente Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, müssen wir sagen, dass Jedermann mit der Übersetzung jener Fabeln zufrieden war, das heisst, wer hinlängliche Bildung sie zu lesen und zu verstehen, besass. Und dennoch ist seine Kenntniss beschränkt. Da ich Gelegenheit hatte, ihn während der Übersetzung dieser wenigen Bogen beständig um Rath zu fragen, so war es mir doch ausser allem Spass, als er mir die Erklärungen der wichtigsten Stellen ganz ins Blaue hinein machte; denn die heute mir gegebene Erläuterung sah morgen ganz anders aus, und als ich ihn des Widerspruchs zieh, pflegte er blos zu sagen, „dass jeder Leser chinesischer Poesieen diese auf eigene Art lesen würde, und dass Jedermann eine verschiedene Auslegung habe; quot homines tot sententiae.“ Ich schlug daher Herrn Davis Weg ein, nämlich verschiedene Sëen sang besonders so befragen, aber dies machte mir nur neues Ärgerniss. Ihre [107] Meinungen waren ganz ungereimt, und es kostete mir mehr Mühe zu erwägen, zu wählen und zu vereinigen, als die Stelle nach meinem eigenen, unklaren Begriff ihres Inhalts herauszuschreiben. Deshalb ist es nur zu wahrscheinlich, dass ich mehr als einmal in meiner Übertragung geirrt habe.

Canton, den 25. December 1838.

N. B. Ich will nur noch bemerken, dass ich den Namen der Heldin nicht nach chinesischer Weise Wang Keaou Lẅan, sondern nach europäischer Keaou Lẅan Wang geschrieben habe, da mir die Worte durch diese Stellung besser zu klingen scheinen.



[108]
Nachwort
des deutschen Übersetzers.


Ihr kennt die Geschichte von Loths Frau; die zur Salzsäule geworden, in Ewigkeit ihre Blicke nur rückwärts wirft – mit ihr ist das chinesische Reich zu vergleichen, jenes Reich mit dem Riesenkörper und der Zwergseele im Winkel der Erde, mit seinen Wüsten und buchtlosen Meeren, mit seinen Gebirgen und Mauern, die sich als colossales Bollwerk aufthürmen, und wie sich an den Bergen knirschend die grünen Wellenhäupter brechen, so zerschellt an den Mauern die Macht der Feinde, wenn sie von Raubsucht getrieben ein Volk zur Knechtschaft zwingen wollen, bei welchem Cultur und Sitte, Wissenschaft und Kunst, sowie Ideen und Vorstellungen sich seit Jahrtausenden unverändert im steten Kreislauf bewegen und erhalten. Jenes Land, das Herder treffend mit einer eingesargten Mumie vergleicht, bemalt mit Hieroglyphen und gehüllt in glänzende Seide, was ist es mit seinen vierhundert Millionen Bewohnern? eine Welt für sich, ein erstarrtes Glied am Körper der Menschheit; eine Insel, die der Geist unsres allgewaltigen Jahrhunderts noch nicht mit seinen Träumen und Hoffnungen bevölkert.

Peking, Canton, Singapore, die Theegârten des Kaisers im [109] himmlischen Centralreiche, die Porzellanthürme und gelben Dächer, die Mandarinen und Laternenträger, die Pagoden, die geschorenen Häupter mit den langen Zöpfen, die kleinen Füsschen der schönen Welt und die Palankine, Junken und Opium, Alles dies zaubert uns den grossen Staat vor, dessen Beherrscher über ein Drittheil der Menschheit seinen Zepter schwingt.

Aber nicht ewig soll die Nacht währen, die sich über dies Reich erstreckt. Wie die Wogen der brausenden Nordsee an Albions Kreidefelsen schlagen, gährend und grollend, als wollten sie das Festland unterwühlen und in die Tiefe verschlingen, so schlagen schon die Wogen der europäischen Kultur an die Gestade und Herzen von China.

Es musste ein kriegerisches, eroberndes Volk auftreten, um den stillen See, der seiner Stille wegen in der Schwüle verdunstete, aufzuwühlen und zu reinigen; denn allzu lange genoss das chinesische Reich der Ruhe, und ward durch nichts aus seiner Lethargie geschreckt. Dieser politische Sturmwind rüttelte an den Pforten des sogenannten himmlischen Reiches, als im Jahre 1840 Englands Seemacht einen Streifzug gegen China unternahm und somit dem europäischen Handel eine Strasse bahnte, auf welcher auch die Wissenschaft ihre ersten Boten sendet und uns erkennen lässt, dass der darin wehende Hauch kein Opiumrausch ist.[WS 7] Obwohl die chinesische Literatur im Verhältniss zu den andern asiatischen eine vielseitige genannt werden kann, und Werke schon seit 950 vor Christus xylographirt und gedruckt wurden, so ist doch unsre Kenntniss derselben nur auf sehr wenige beschränkt, [110] und diese sind dem Sprachunkundigen unverständlich (da nur ein geringer Theil übersetzt worden) in den Bibliotheken zu London, Paris, München und Berlin aufbewahrt. Um so grösser war unsre Freude, eine ächt chinesische Novelle (dem „Kin Koo Ke Kwan Merkwürdigkeiten alter und neuer Zeit entnommen) in einer von grosser Liebe und Anstrengung zeugenden englischen Übertragung vorzufinden, die im Jahre 1839 zu Canton von einem Engländer unter dem Pseudonym Sloth unternommen und nur in wenig Exemplaren für seine dortigen Freunde gedruckt ward. Der Güte des Herrn F. S. Burkhardt, der sich selbst längere Zeit in China aufhielt, verdankt der Verleger die Mittheilung eines Exemplars.

Das Werkchen selbst besteht aus einer Hauptnovelle, deren Einleitung eine kleine Erzählung ähnlichen Inhaltes bildet, und deren rascher Fortgang durch einen Brief- oder vielmehr Liebesgedichtwechsel zweier Liebenden poetisch angenehm aufgehalten wird. Das Ende ist höchst tragisch und lässt nach den naiven, kindlichen, ja manchmal aus Güte und Blödsinn an’s Unwahrscheinliche grenzenden Stellen (ich meine hier vorzüglich die Figur des Professors, Vater des Helden unsrer Geschichte) einen erschütternden Eindruck zurück. Dadurch unterscheidet sich diese Erzählung indess recht drastisch von den andern gewöhnlichen Romanen des bürgerlichen Lebens der Chinesen, da diese meistens (in beigefügten Anmerkungen findet man die Bestätigung dieser Behauptung) mit dem günstigen Ausgange enden, dass der Held die Reichsexamina glücklich besteht, vom Kaiser ein Belobigungsschreiben empfängt und siegreich das Herz seiner geliebten Dame [111] erobert. Auch pflegt gemeiniglich der Träger der von Liebesphrasen strotzenden Geschichte ein Ausbund aller nur erdenklichen Artigkeiten und Tugenden zu sein, welches Muster unsre Erzählung hinzustellen verschmäht, da sie lieber einen verschmitzten, galanten Abentheurer geben will, der leichtfertig, genusssüchtig, ein chinesischer Don Juan die heiligsten Liebeseide schwört und bricht, beides um seiner Sinnlichkeit und seinem momentanen Wohlbehagen Genüge zu leisten.

Ich hab’ es mir bei der Übersetzung angelegen sein lassen, die oft berechnete Präcision und Kürze des Ausdrucks so wörtlich als möglich wiederzugeben, damit die von dem Engländer unverwischte chinesische Steifheit und Ungelenkigkeit hervortrete und die oft damit bezweckte komische Wirkung nicht verloren gehe.

Absichtlich hab’ ich deshalb auch Satz für Satz übertragen, die für Europäer fast unverständlichen Bilder und unklar ausgesprochenen Sentenzen in ihrer dunkeln Umhüllung gelassen, wo eine leichte Wendung – jedoch auf Gefahr des Originalsinns – sie zum verständlichen Ausspruch hätte klären können. Ein chinesischer Shawl – und strotzt er von den plumpsten buntesten Farben und Charakteren, erhält seinen Werth durch seine originelle Färbung, indess man sich des nachgemachten – wenn auch einförmigen schämen würde. Möge man in dieser Übertragung lieber die linke Seite eines ächt chinesischen Shawls erblicken, als ihn für einen aufgeputzten Pseudochinesen erklären.

Leipzig, den 27. Februar 1846.

Adolf Böttger.


[112]
Druck von Otto Wigand in Leipzig.


Anmerkungen des Übersetzers

  1. Wörtlich „die goldene Krähe.“
  2. Wörtlich „das Kaninchen von Jaspis.“
  3. Neen urh braucht man in chines. Schriftsprache für zweiundzwanzig, gewöhnlich urh shih urh.
  4. Pikkin, weisses Gold i. e. hundert Silberthaler (tael, an Werth 1 Thlr. 10 Ngr.).
  5. Siehe Note A zu Ende.
  6. Siehe Note B zu Ende.
  7. Der Kaiser Teenschun aus der Ming-Dynastie bestieg den Thron im Jahre 1458.
  8. Ungefähr der Rang eines Obrist.
  9. Die Chekeang Truppen werden für die verweichlichsten im ganzen Reiche gehalten.
  10. Kapitain von tausend Mann.
  11. Ein bewegliches Fest, an dem die Chinesen den Gräbern ihrer Vorfahren Achtung erweisen. Es fällt gewöhnlich in den dritten Monat.
  12. Das Privatzimmer eines chinesischen Mädchens wird so genannt; gewöhnlich Schlafkammer.
  13. Ein chinesischer Baccalaureus.
  14. Sze Keaou ist eine Art Prüfer und Beurtheiler der Sewtsae; in jedem Heen-District ist Einer. Um die Umschreibung zu vermeiden haben wir in dem Texte Professor übersetzt. [Wikisource: Anmerkung von der nächsten Seite übertragen.]
  15. Manche der chinesischen Dienerinnen sind sehr gebildet, und leben oft in dem vertrautesten Umgang mit ihren Herrinnen. Einige sind Kinder angesehener Familien, die aus Mangel und Armuth dazu gezwungen sind, ihre Töchter als Sclavinnen zu verkaufen; andere werden von alten Unterhändlerinnen gekauft und in verschiedenen Dingen unterrichtet und gebildet.
  16. In China wird es einem jungen Mädchen für unschicklich ausgelegt, wenn sie von einer Person den andern Geschlechts gesehen wird. Diese Form ist indess oft verletzt worden und die jungen Chinesinnen lassen sich eben so gern sehen, wie ihre europäischen Schwestern, d. h. wenn sie sich im Besitz ungewöhnlicher Reize wissen.
  17. Anspielung auf eine frühere, jetzt veraltete Sitte, nach welcher am Hochzeitsabend die Braut den Bräutigam zum Brautbett führt an einem Scharlachfaden von Seide, dem Sinnbilde der zarten Liebesbande. Es mag auch auf den Scharlachfaden anspielen, mit welchem der Sage nach Yue laou oder der alte Mann des Mondes die Schicksale des Mannes und Weibes an einander knüpft.
  18. Sinnbild der ehelichen Liebe bei den Chinesen. Der Ausdruck männlich und weiblicher Phönix wird oft auch von Liebenden gebraucht, obwohl die Hochzeitsceremonien noch gar nicht zwischen ihnen vollzogen sind. Siehe Note BB zu Ende.
  19. Siehe Note C zu Ende.
  20. Siehe Note D zu Ende.
  21. Der fünfte Tag des fünften Monats, ein grosser chinesischer Feiertag.
  22. Der Wein, den man am Twan yang Feste trinkt, ist gewürzt; man glaubt damit die bösen Geister zu bannen.
  23. Siehe Note E zu Ende.
  24. Dies spielt auf eine sehr wohlbekannte chinesische Novelle an, Namens Se seang, worin die Intriguen der Fräulein Tsuy erzählt werden. Siehe Note H zu Ende.
  25. In China werden alle Heirathen durch Zwischenträger geschlossen, die einen sehr achtungswerthen Stand ausmachen, und bei jeder Heirath unumgänglich nothwendig sind. –
  26. Siehe Note C am Ende.
  27. Siehe Note F am Ende.
  28. Der Ostwind bezeichnet die Untreue des Geliebten.
  29. Der Kuckuk ist das Sinnbild für diejenigen, die ohne eine Lebensgenossin gefunden zu haben, ihr Leben hinbringen.
  30. Yuen und Yang oder Mandarin-Entrich und Ente (eine eigene Art Haubenente in China) auch die Embleme der Ehe.
  31. S. Note c. am Ende.
  32. Im Original endet Keaou Lẅan’s Poesie mit den nämlichen Charakteren, wie die von Tingchang; aber sie weiss dabei kunstvoll diesen Buchstaben einen ganz andern Sinn unterzulegen.
  33. S. Note g. zu Ende.
  34. S. Note h. zu Ende.
  35. S. Note h. zu Ende.
  36. Ein sehr häufiger Fall in China.
  37. Die Chinesen berathen, gleich den Römern, Wahrsager, bevor sie irgend ein wichtiges Geschäft unternehmen.
  38. Dies möchte wohl ein europäisches Gefühl beleidigen, aber es ist unabänderliche Sitte in China.
  39. Das Militär steht in China nicht in so hohem Ansehen, als in den meisten europäischen Ländern.
  40. Gewöhnlich essen die chinesischen Frauen allein.
  41. Bei den Chinesen ist es gebräuchlich, beide um Rath zu fragen.
  42. So streng ist in China die Sitte, dass einem Manne nicht einmal erlaubt ist, einen Brief einem Mädchen selbst einzuhändigen. Er muss ihn auf einen Tisch oder Stuhl legen, und sie ersuchen, ihn wegzunehmen. Das Händedrücken à l’anglaise ist dort ein Gräuel.
  43. Die erste Wache ist zwischen sieben bis neun Uhr.
  44. Eine eigenthümliche chinesische Sitte, von den Bhuddisten eingeführt.
  45. Im Originale Fungtoo. Dies ist ein Gefängniss, welches mit der Hölle der Mühlsteine zusammenhängt, über welche Taeschanwang, einer der zehn Könige des Hades, nach der Bhuddistenlehre gesetzt ist. Die Seelen der Todten mögen aus den andern neun Höllen gerettet werden, aber wenn sie erst im Fungtoo sind, ist ihnen jede Rettung versagt.
  46. Solche heimliche Heirathen kommen in China sehr oft vor.
  47. Wir wagen nicht diese Zeilen unsern zartfühlenden Lesern mitzutheilen.
  48. Szechuen ist eine gebirgige Provinz im westlichen China und das dortige Klima sehr austrocknender Natur.
  49. Der Abschiedsort ist im Chinesischen emblematisch ausgedrückt durch den langen Pavillon etc. etc. etc.
  50. S. Note i. zu Ende.
  51. S. Note k. zu Ende.
  52. Es giebt keine Posten in China, wenigstens nicht solche, wie die europäischen.
  53. Der Mond wird oft poetisch der Spiegel von Jaspis genannt. Liebende, die getrennt sind, sehen, oder bilden sich doch wenigstens ein, das Bild des Andern darin zu erblicken.
  54. Selbst die aufgeklärtesten und wohlerzogensten Chinesen sind nicht ganz frei von diesem Aberglauben.
  55. Ein alter Mandarin, ungefähr dem modernen Cheheen gleich.
  56. Dieser Brieflohn wird gewöhnlich Weingeld oder Trinkgeld genannt etc.
  57. d. h.: Es ist nicht mein Geschäft, noch liegt es in meiner Macht, den Unterhändler zu werben, sondern das ist Deine Sache.
  58. Eine gewöhnliche chinesische Ausdrucksweise.
  59. Die Thür des Harems.
  60. Unser seidenes Haar. Unter den Chinesen herrscht die Sitte, dass, wenn sie einen Knaben und ein Mädchen in der frühesten Jugend mit einander verloben, sie eine Haarlocke von Beiden in einen Wasserbehälter werfen. Wenn die zwei Haarlocken sich gegenseitig anziehen und umwinden, so wird es als ein gutes Omen angesehen, für ein böses hingegen, wenn sie sich abstossen.
  61. Mit der Farbe des Frühlings meinen sie dasselbe, was wir unter einem „Bild von Gesundheit und Glück“ verstehen.
  62. Bei den Chinesen ist die wilde Gans der Briefbote, wie es bei den Alten die Taube war.
  63. Nämlich die Heirath.
  64. i. e. les filles de joie von Soochow.
  65. Bezieht sich auf die ehelichen Freuden und Rechte.
  66. So viel wie ein aufrichtiges Herz, weil man sagt, dass das Herz eines schlechten Menschen schwarz ist.
  67. Im Original: „Sih she kung,“ wörtlich: das Ausschmücken und Färben ist eitel. Gewöhnlich von den Buddhisten wie oben gebraucht.
  68. Bei den Chinesen ist der Ostwind das Sinnbild der treulos Liebenden.
  69. Der Sinn dieser Zeile ist: Die Bildnisse meiner Vorfahren werden in der kaiserlichen Gallerie aufbewahrt.
  70. Die Chinesen haben ein Lieblingsprüchwort dafür: Mann und Frau, die für einander bestimmt sind, werden zusammenkommen und wären sie tausend Meilen entfernt; doch die das Geschick nicht für einander bestimmt, sie werden sich nimmer vereinen, und ständen sie sich noch so nahe. –
  71. Wörtlich: In den Strassen der Blumen lausche nicht den Tönen offner Sinnlichkeit.
  72. Wörtlich: Die Miene des Mitleids. Das Gesicht des Vaters dagegen wird gewöhnlich die Miene der Strenge genannt.
  73. Siehe Note l. zu Ende.
  74. Anspielung auf den Traum des Schmetterlings und der Rose.
  75. Wörtlich: Gestickte Baumrinde.
  76. Wörtlich: Zu Pfriemen gespitztes Haar.
  77. Ein berühmtes Werk über Glücksprechen. Die 8 Zeichen, auf welche Lẅan hier anspielt, bezeichnen das Jahr, den Monat, den Tag und die Stunde ihrer Geburt.
  78. Ein berühmtes Werk über Wahrsagung.
  79. Einen ähnlichen Gedanken hat Burns ausgesprochen in den Versen:

    Hätten wir uns nie so mächtig
    Lieb gehabt, so unbedächtig,
    Nie getrennt und nie gesprochen,
    Wär’ uns nie das Herz gebrochen.

  80. Wenn die Chinesen artig von ihren Töchtern sprechen wollen, so nennen sie sie gewöhnlich ihre tausend Stück Gold.
  81. Die Chinesen haben eine grosse Menge Ausdrücke für die Wohnung der Geschiedenen.
  82. Wörtlich: Die ganze Stadt.
  83. S. Note m. zu Ende.
  84. S. Note n. zu Ende.
  85. Eine alte Civilwürde, gleich dem modernen Chefoo-ship.
  86. Ein Titel, ungefähr gleichbedeutend mit unserm Doktor der Rechte.


Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: „zurückgehrt“
  2. Vorlage: „die sogleich Geschichte“
  3. Vorlage: „chinesicher“
  4. Kanton: Stadt im Süden von China
  5. Komprador: Vermittler
  6. Kuli: Tagelöner, Träger
  7. Siehe Erster Opiumkrieg