Die schwarze Spinne

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Textdaten
Autor: Jeremias Gotthelf
Titel: Die schwarze Spinne
Untertitel:
aus: Bilder und Sagen aus der Schweiz. 1. Band. S. 1–112
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1842
Verlag: Jent & Gaßmann
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Erscheinungsort: Solothurn
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Originalherkunft:
Quelle: Google und Commons
Kurzbeschreibung:
Auch in: Jeremias Gotthelf: Ausgewählte Werke in 12 Bänden. Herausgegeben von Walter Muschg. Diogenes, Zürich 1978. Bd. 10. S. 1–102
Text auch als E-Book (EPUB, MobiPocket) erhältlich
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Die schwarze Spinne.

Ueber die Berge hob sich die Sonne, leuchtete in klarer Majestät in ein freundliches aber enges Thal und weckte zu fröhlichem Leben die Geschöpfe, die geschaffen sind an der Sonne ihres Lebens sich zu freuen. Aus vergoldetem Waldessaume schmetterte die Amsel ihr Morgenlied, zwischen funkelnden Blumen in perlendem Grase erscholl der sehnsüchtigen Wachtel eintönend Minneruf, über dunkle Tannen tanzten brünstige Krähen ihren Hochzeitreigen oder krächzten zärtliche Wiegenlieder über die dornichten Bettchen ihrer ungefiederten Jungen.

In der Mitte der sonnenreichen Halde hatte die Natur einen fruchtbaren, beschirmten Boden eingegraben; mitten drinn stand stattlich und blank ein schönes Haus, eingefaßt von einem prächtigen Baumgarten, in welchem noch einige Hochäpfelbäume prangten in ihrem späten Blumenkleide; halb stund das vom Hausbrunnen bewässerte üppige Gras noch, halb war es bereits dem Futtergange zugewandert. Um das Haus lag ein sonntäglicher Glanz, den man mit einigen Besenstrichen, angebracht Samstag Abends zwischen Tag und Nacht, nicht zu erzeugen vermag, der ein Zeugniß ist des köstlichen Erbgutes angestammter Reinlichkeit, die alle Tage gepflegt werden muß, der Familienehre gleich, welcher eine einzige unbewachte Stunde Flecken bringen kann, die Blutflecken gleich, unauslöschlich bleiben von Geschlecht zu Geschlecht, jeder Tünche spottend.

Nicht umsonst glänzte die durch Gottes Hand erbaute Erde und das von Menschen Händen erbaute Haus im reinsten Schmucke; über beide glänzte heute ein Stern am blauen Himmel, ein hoher Feiertag. Es war der Tag, an welchem der Sohn wieder zum Vater gegangen, zum Zeugniß, daß die Leiter noch am Himmel stehe, auf welcher Engel auf- und niedersteigen und die Seelen der Menschen, wenn sie dem Leibe sich entwinden und ihr Heil und Augenmerk beim Vater droben war und nicht hier auf Erden; es war der Tag, an welchem die ganze Pflanzenwelt dem Himmel entgegenwächst und blüht in voller Ueppigkeit, dem Menschen ein alle Jahre neu werdendes Sinnbild seiner eigenen Bestimmung. Wunderbar erklang es über die Hügel, man wußte nicht woher das Klingen kam, es tönte wie von allen Seiten; es kam von den Kirchen her draußen in den weiten Thälern; von dort her kündeten die Glocken, daß die Tempel Gottes sich öffnen Allen, deren Herzen offen seien der Stimme ihres Gottes.

Ein reges Leben bewegte sich um das schöne Haus. In des Brunnens Nähe wurden mit besonderer Sorgfalt Pferde gestriegelt, stattliche Mütter umgaukelt von lustigen Füllen; im breiten Brunnentroge stillten behaglich blickende Kühe ihren Durst und zweimal mußte der Bube Besen und Schaufel nehmen, weil er die Spuren ihrer Behaglichkeit nicht sauber genug weggeräumt. Herzhaft wuschen am Brunnen mit einem handlichen Zwilchfetzen stämmige Mägde ihre rothbrächten Gesichter, die Haare in zwei Knäuel über den Ohren zusammengedreht, trugen mit eilfertiger Emsigkeit Wasser durch die geöffnete Thüre und in mächtigen Stößen hob sich gerade und hoch in die blaue Luft empor aus kurzem Schornsteine die dunkle Rauchsäule.

Langsam und gebeugt ging an einem Hakenstock der Großvater um das Haus, sah schweigend dem Treiben der Knechte und Mägde zu, streichelte hier ein Pferd, wehrte dort einer Kuh ihren schwerfälligen Muthwillen, zeigte mit dem Stecken dem unachtsamen Buben noch hier und dort vergessene Strohhalme und nahm dazu fleißig aus der langen Weste tiefer Tasche das Feuerzeug, um seine Pfeife, an der er des Morgens trotz ihres schweren Athems so wohl lebte, wieder anzuzünden.

Auf rein gefegter Bank vor dem Hause neben der Thüre saß die Großmutter, schönes Brod schneidend in eine mächtige Kachel, dünn und in eben rechter Größe jeden Bissen, nicht so unachtsam wie Köchinnen oder Stubenmägde, die manchmal Stücke machen an denen ein Wallfisch ersticken müßte. Wohlgenährte stolze Hühner und schöne Tauben stritten sich um die Brosamen zu ihren Füßen, und wenn ein schüchternes Täubchen zu kurz kam, so warf ihm die Großmutter ein Stücklein eigends zu, es tröstend mit freundlichen Worten über den Unverstand und den Ungestüm der andern.

Drinnen in der weiten reinen Küche knisterte ein mächtiges Feuer von Tannenholz, in weiter Pfanne knallten Kaffeebohnen, die eine stattliche Frau mit hölzerner Kelle durcheinander rührte, nebenbei knarrte die Kaffeemühle zwischen den Knieen einer frischgewaschenen Magd, unter der offenen Stubenthüre aber stund, den offenen Kaffeesack noch in der Hand, eine schöne etwas blasse Frau und sagte: „Du, Hebamme, röste mir den Kaffee heute nicht so schwarz, sie könnten sonst meinen, ich hätte das Pulver sparen mögen. Des Göttis (Pathen) Frau ist gar grausam mißtreu und legt einem alles zu Ungunsten aus. Es kömmt heute auf ein halb Pfund mehr oder weniger nicht an. Vergiß auch ja nicht das Weinwarm zu rechter Zeit bereit zu halten. Der Großvater würde meinen, es wäre nicht Kindstaufe, wenn man den Gevatterleuten nicht ein Weinwarm aufstellen würde, ehe sie zur Kirche gehen. Spare nichts daran, hörst du. Dort in der Schüssel auf der Kachelbank ist Safran und Zimmet, der Zucker ist hier auf dem Tische, und nimm Wein, daß es dich dünkt, es sei wenigstens halb zu viel; an einer Kindstaufe braucht man nie Kummer zu haben, daß sich die Sache nicht brauche.“

Man hört, es soll heute die Kindtaufe gehalten werden im Hause, und die Hebamme versieht das Amt der Köchin ebenso geschickt, als früher das Amt der Wehmutter; aber sputen muß sie sich, wenn sie zu rechter Zeit fertig werden und am einfachen Herde Alles kochen soll, was die Sitte fordert.

Aus dem Keller kam mit einem mächtigen Stück Käse in der Hand ein stämmiger Mann, nahm vom blanken Kachelbank den ersten besten Teller, legte den Käse darauf und wollte ihn in die Stube auf den Tisch tragen von braunem Nußbaumholz. „Aber Benz, aber Benz, rief die schöne blasse Frau, wie würden sie lachen, wenn wir keinen bessern Teller hätten an der Kindstaufe.“ Und zum glänzenden Schrank aus Kirschbaumholz, Buffert genannt, ging sie, wo hinter Glasfenstern des Hauses Zierden prangten. Dort nahm sie einen schönen Teller, blau gerändert, in der Mitte einen großen Blumenstrauß, der umgeben war von sinnigen Sprüchen, z. B.:

O Mensch faß in Gedanken,
Drei Batzen gilt z’Pfund Anken.
 ----
Gott gibt dem Menschen Gnad,
Ich aber wohn’ im Maad.
 ----
In der Hölle, da ist es heiß,
Und der Hafner schafft mit Fleiß.
 ----
Die Kuh, die frißt das Gras,
Der Mensch, der muß ins Grab.
 ----

Neben den Käse stellte sie die mächtige Züpfe, das eigenthümliche Berner Backwerk, geflochten wie die Zöpfe der Weiber, schön braun und gelb aus dem feinsten Mehl, Eiern und Butter gebacken, groß wie ein jähriges Kind und fast ebenso schwer; und oben und unten pflanzte sie noch zwei Teller. Hochaufgethürmt lagen auf denselben die appetitlichen Küchlein, Habküchlein auf dem einen, Eierküchlein auf dem andern. Heiße dicke Nidel stund in schön geblümtem Hafen zugedeckt auf dem Ofen und in der dreibeinigen glänzenden Kanne mit gelbem Deckel kochte der Kaffee. So harrte auf die erwarteten Gevatterleute ein Frühstück, wie es Fürsten selten haben und keine Bauern auf der Welt als die Berner. Tausende von Engländern rennen durch die Schweiz, aber weder einem der abgejagten Lords noch einer der steifbeinichten Ladies ist je ein solches Frühstück geworden.

„Wenn sie nur bald kämen, es wäre alles bereit, seufzte die Hebamme. Es geht jedenfalls eine gute Zeit, bis alles fertig ist, und ein jedes seine Sache gehabt hat, und der Pfarrer ist grausam pünktlich und gibt scharfe Verweise, wenn man nicht da ist zu rechter Zeit.“ „Der Großvater erlaubt auch nie das Wägeli zu nehmen, sagte die junge Frau. Er hat den Glauben, daß ein Kind, welches man nicht zur Tause trage, sondern führe, träge werde und sein Lebtag seine Beine nie recht brauchen lerne. Wenn nur die Gotte (Pathin) da wäre, die versäumt am längsten, die Göttene machen es kürzer und könnten immerhin nachlaufen.“ Die Angst nach den Gevatterleuten verbreitete sich durchs ganze Haus. „Kommen sie noch nicht?“ hörte man allenthalten; in allen Ecken des Hauses schauten Gesichter nach ihnen aus, und der Türk bellte aus Leibeskräften, als ob er sie herbeirufen wollte. Die Großmutter aber sagte: „Ehemals ist das doch nicht so gewesen, da wußte man, daß man an solchen Tagen zu rechter Zeit aufzustehen habe und der Herr Niemanden warte.“ Endlich stürzte der Bub in die Küche mit der Nachricht: die Gotte komme.

Sie kam, schweißbedeckt und beladen wie das Neujahrkindlein. In der einen Hand hatte sie die schwarzen Schnüre eines großen blumenreichen Wartsäckleins, in welchem, in ein fein weißes Handtuch gewickelt, eine große Züpfe stach, ein Geschenk für die Kindbetterin. In der andern Hand trug sie ein zweites Säcklein und in demselben war eine Kleidung für das Kind, nebst etwelchen Stücken zu eigenem Gebrauch, namentlich schöne weiße Strümpfe, und unter dem einen Arme hatte sie noch eine Drucke mit dem Kränzchen und der Spitzenkappe mit den prächtigen schwarzseidenen Haarschnüren. Freudig tönten ihr die Gottwilchen (in Gott willkommen) entgegen von allen Seiten und kaum hatte sie Zeit von ihrer Bürde eine abzustellen, um den entgegengestreckten Händen freundlich zu begegnen. Von allen Seiten langten dienstbare Hände nach ihren Lasten und unter der Thüre stand die junge Frau und da ging ein neues Grüßen an, bis die Hebamme in die Stube mahnte: sie könnten ja drinnen einander sagen, was der Brauch sei.

Und mit handlichen Manieren setzte die Hebamme die Gotte hinter den Tisch, und die junge Frau kam mit dem Kaffee, wie sehr auch die Gotte sich weigerte und vorgab, sie hätte schon gehabt. Des Vaters Schwester thäte es nicht, daß sie ungegessen aus dem Hause ginge, das schade jungen Mädchen gar übel, sage sie. Aber sie sei schon alt und die Jungfrauen (Mägde) möchten auch nicht zu rechter Zeit auf, deßwegen sei sie so spät; wenn es an ihr allein gelegen hätte, sie wäre längstens da. In den Kaffee wurde die dicke Nidel gegossen, und wie sehr die Gotte sich wehrte und sagte, sie liebe es gar nicht, warf ihr doch die Frau ein Stück Zucker in denselben. Lange wollte es die Gotte nicht zulassen, daß ihretwegen die Züpfe angehauen würde, indessen mußte sie sich doch ein tüchtiges Stück vorlegen lassen und essen. Käse wollte sie lange nicht, es hätte dessen gar nicht nöthig. Sie werde meinen, es sei nur halbmagern und deßhalb schätze sie ihn nicht, sagte die Frau, und die Gotte mußte sich ergeben. Aber Küchli wollte sie durchaus nicht, die wüßte sie gar nicht wohin thun, sagte sie. Sie glaube nur, sie seien nicht sauber und werde an bessere gewöhnt sein, erhielt sie endlich zur Antwort. Was sollte sie anders machen als Küchli essen? Während dem Nöthen aller Art hatte sie abgemessen in kleinen Schlucken das erste Kacheli ausgetrunken und nun erhob sich ein eigentlicher Streit. Die Gotte kehrte das Kacheli um, wollte gar keinen Platz mehr haben für fernere Gutthaten, und sagte: Man solle sie doch in Ruhe lassen, sonst müßte sie sich noch verschwören. Da sagte die Frau: Es sei ihr doch so leid, daß sie ihn so schlecht finde, sie hätte doch der Hebamme dringlichst befohlen, ihn so gut als möglich zu machen, sie vermöchte sich dessen wahrhaftig nicht, daß er so schlecht sei, daß ihn Niemand trinken möge, und an der Nidle sollte es doch auch nicht fehlen, sie hätte dieselbe abgenommen, wie sie es sonst nicht alle Tage im Brauch hätte. Was sollte die arme Gotte anders machen, als noch ein Kacheli sich einschenken lassen?

Ungeduldig war schon lange die Hebamme herumgetrippelt und endlich bändigte sie das Wort nicht länger, sondern sagte: Wenn ich dir etwas helfen kann, so sage es nur, ich habe wohl Zeit dazu. „He, pressire doch nicht“, sagte die Frau. Die arme Gotte aber, die rauchte wie ein Dampfkessel, verstand den Wink, versorgte den heißen Kaffee so schnell als möglich, und sagte zwischen den Absätzen, zu denen der glühende Trank sie zwang: „Ich wäre schon lange z’weg, wenn ich nicht mehr hätte nehmen müssen, als ich hinunter bringen kann, aber ich komme jetzt.“ Sie stund auf, packte die Säcklein aus, übergab Züpfe, Kleidung, Einband, ein blanker Neuthaler eingewickelt in den schön gemahlten Taufspruch, und machte manche Entschuldigung, daß alles nicht besser sei. Darein aber redete die Hausmutter mit manchem Ausruf, wie das keine Art und Gattung hätte, sich so zu verköstigen, wie man es fast nicht nehmen dürfte, und wenn man das gewußt hätte, so hätte man sie gar nicht ansprechen dürfen.

Nun ging auch das Mädchen an sein Werk, verbeiständet von der Hebamme und der Hausfrau, und wendete das Möglichste an, eine schöne Gotte zu sein von Schuh und Strümpfen an, bis hinauf zum Kränzchen auf der kostbaren Spitzenkappe. Die Sache ging umständlich zu, trotz der Ungeduld der Hebamme, und immer war der Gotte die Sache nicht gut genug, und bald dieß bald das nicht am rechten Ort. Da kam die Großmutter herein und sagte: „Ich muß doch auch kommen und sehen wie schön unsere Gotte ist.“

Nebenbei ließ sie fallen, daß es schon das zweite Zeichen geläutet habe und beide Götteni draußen in der äußern Stube seien. Draußen saßen allerdings die zwei männlichen Pathen, ein alter und ein junger, den neumodischen Kaffee, den sie alle Tage haben konnten, verschmähend, hinter dem dampfenden Weinwarm, dieser alterthümlichen, aber guten Bernersuppe, bestehend aus Wein, geröstetem Brod, Eiern, Zucker, Zimmet und Safran, diesem eben so alterthümlichem Gewürze, das an einem Kindstaufschmaus in der Suppe, im Voressen, im süßen Thee vorkommen muß. Sie ließen es sich wohlschmecken, und der alte Götti, den man Vetter nannte, hatte allerlei Späße mit dem Kindbettimann, und sagte ihm: Daß sie ihm heute nicht schonen wollten und nach dem Weinwarm zu schließen, gönne er es ihnen, daran sei nichts gespart, man merke, daß er seinen zwölfmäßigen Sack letzten Dienstag dem Boten mit nach Bern gegeben um ihm Safran zu bringen. Als sie nicht wußten, was der Vetter damit meine, sagte er: Letzthin habe sein Nachbar Kindbetti haben müssen; da habe er dem Boten einen großen Sack mitgegeben und 6 Kreuzer mit dem Auftrage: er solle ihm doch in diesem Sacke für 6 Kr. von dem gelben Pulver bringen, ein Mäß oder anderthalbes, von dem man an den Kindstaufen in allem haben müsse, seine Weiber wollten es einmal so haben.

Da kam die Gotte hinein, wie eine junge Morgensonne, und wurde von den Mitgevattern Gottwilchen geheißen und zum Tisch gezogen, und ein großer Teller voll Weinwarm vor sie gestellt und den sollte sie essen, sie hätte wohl noch Zeit, während man das Kind zurecht mache. Die arme Gotte wehrte sich mit Händen und Füßen, behauptete, sie hätte gegessen für manchen Tag, und könne nicht mehr schnaufen. Aber da half alles nichts. Alt und Jung war mit Spott und Ernst hinter ihr, bis sie zum Löffel griff, und seltsam, ein Löffel nach dem andern fand noch sein Plätzchen. Doch da kam schon wieder die Hebamme mit dem schön eingewickelten Kinde, zog ihm das gestickte Käppchen an mit dem rosenrothen Seidenbande, legte dasselbe in das schöne Deckbettlein, steckte ihm das süße Lulli ins Mäulchen und sagte: Sie begehre Niemand zu versäumen und hätte gedacht, sie wolle Alles zurecht machen, man könne dann immer gehen, wann man wolle. Man umstand das Kind und rühmte es wie billig, und es war auch ein wunderappetitlich Bübchen. Die Mutter freute sich des Lobes und sagte: „Ich wäre auch so gerne mit zur Kirche gekommen und hätte es Gott empfehlen helfen, und wenn man selbst dabei ist, wenn das Kind getauft wird, so sinnet man um so besser daran, was man versprochen hat. Zudem ist es mir so unbequem, wenn ich noch eine ganze Woche lang nicht vor das Dachtraufe darf, jetzt wo man alle Hände voll zu thun hat mit dem Anpflanzen.“ Aber die Großmutter sagte: So weit sei es doch noch nicht, daß ihre Sohnsfrau wie eine arme Frau in den ersten acht Tagen ihren Kirchgang thun müsse, und die Hebamme setzte hinzu, sie hätte es gar nicht gerne, wenn junge Weiber mit den Kindern zur Kirche gingen. Sie hätten immer Angst, es gehe daheim etwas Krummes, hätten doch nicht die rechte Andacht in der Kirche und auf dem Heimweg pressirten sie zu stark, damit ja nichts versäumt werde, erhitzten sich, und gar Manche sei übel krank geworden und gar gestorben. Da nahm die Gotte das Kind im Deckbette auf die Arme, die Hebamme legte das schöne weiße Tauftuch mit den schwarzen Quasten in den Ecken über das Kind, sorgfältig den schönen Blumenstrauß an der Gotte Brust schonend, und sagte: „So geht jetzt in Gottes heiligen Namen.“ Und die Großmutter legte die Hände in einander und betete still einen inbrünstigen Segen. Die Mutter aber ging mit dem Zuge hinaus bis unter die Thüre und sagte: „Mein Bübli, mein Bübli, jetzt sehe ich dich drei ganze Stunden nicht, wie halte ich das aus!“ Und alsobald schoß es ihr in die Augen, rasch fuhr sie mit dem Fürtuch darüber und ging ins Haus.

Rasch schritt die Gotte die Halde ab den Kirchweg entlang, auf ihren starken Armen das muntere Kind, hintendrein die zwei Götteni, Vater und Großvater, deren keinem in Sinn kam, die Gotte ihrer Last zu entledigen, obgleich der jüngere Götti in einem stattlichen Maien auf dem Hute das Zeichen der Ledigkeit trug, und in seinem Auge etwas leuchtete wie großes Wohlgefallen an der Gotte, freilich alles hinter der Blende großer Gelassenheit verborgen.

Der Großvater berichtete, welch schrecklich Wetter es gewesen sei, als man ihn zur Kirche getragen, vor Hagel und Blitz hätten die Kirchgänger kaum geglaubt mit dem Leben davon zu kommen. Hintenher hätten die Leute ihm allerlei geweissaget, dieses Wetters wegen; die Einen einen schrecklichen Tod, die Anderen großes Glück im Kriege; nun sei es ihm gegangen in aller Stille wie den Andern auch, und im fünf und siebenzigsten Jahre werde er weder frühe sterben noch großes Glück im Kriege machen. Mehr als halben Weges waren sie gegangen, als ihnen die Jungfrau nachgesprungen kam, welche das Kind nach Hause zu tragen hatte, sobald es getauft war, während Eltern und Gevatterleute nach alter schöner Sitte noch der Predigt beiwohnten. Die Jungfrau hatte auch anwenden wollen nach Kräften, um auch schön zu sein; ob dieser handlichen Arbeit hatte sie sich verspätet und wollte jetzt der Gotte das Kind abnehmen; aber diese ließ es nicht, wie man ihr auch zuredete. Das war eine gar zu gute Gelegenheit dem schönen ledigen Götti zu zeigen, wie stark ihre Arme seien und wie viel sie erleiden möchten. Starke Arme an einer Frau sind einem rechten Bauer viel anständiger als zarte, als so liederliche Stäbchen, die jeder Bysluft, wenn er ernstlich will, auseinander wehen kann; starke Arme an einer Mutter sind schon vielen Kindern zum Heil gewesen, wenn der Vater starb, und die Mutter die Ruthe allein führen, alleine den Haushaltungswagen aus allen Löchern heben mußte, in die er gerathen wollte.

Aber auf einmal ist’s, als ob Jemand die starke Gotte an den Züpfen halte, oder sie vor den Kopf schlage; sie prallt ordentlich zurück, gibt der Jungfrau das Kind, bleibt dann zurück und stellt sich, als ob sie mit dem Strumpfband zu thun hätte. Dann kömmt sie nach, gesellt sich den Männern bei, mischt sich in die Gespräche, will den Großvater unterbrechen, ihn bald mit diesem bald mit jenem ablenken von dem Gegenstand, den er gefaßt hat. Der aber hält, wie alte Leute meist gewohnt sind, seinen Gegenstand fest, und knüpft unverdrossen den abgerissenen Faden immer neu wieder an. Nun macht sie sich an des Kindes Vater, und versucht diesen durch allerlei Fragen zu Privatgesprächen zu verführen; allein der ist einsylbig und läßt den angesponnenen Faden immer wieder fallen. Vielleicht hat er seine eigenen Gedanken, wie jeder Vater sie haben sollte, wenn man ihm ein Kind zur Taufe trägt, und namentlich das erste Bübchen. Je näher man der Kirche kam, desto mehr Leute schlossen dem Zuge sich an, die Einen warteten schon mit den Psalmenbüchern in der Hand am Wege, andere sprangen eiliger die engen Fußwege hinunter, und einer großen Prozession ähnlich, rückten sie ins Dorf.

Zunächst der Kirche stand das Wirthshaus, zwei Häuser, die so oft in naher Beziehung stehen und Freud und Leid mit einander theilen und zwar in allen Ehren. Dort stellte man ab, machte das Bübchen trocken und der Kindbettimann bestellte eine Maaß, wie sehr auch alle einredeten: er solle doch das nicht machen, sie hätten ja erst gehabt was das Herz verlangt und möchten weder Dickes noch Dünnes. Indessen als der Wein einmal da war, tranken doch alle, vornehmlich die Jungfrau; die wird gedacht haben, sie müsse Wein trinken, wenn Jemand ihr Wein geben wolle und das geschehe durch ein langes Jahr durch nicht manchmal. Nur die Gotte war zu keinem Tropfen zu bewegen, trotz allem Zureden, das kein Ende nehmen wollte, bis die Wirthin sagte: Man solle doch nachlassen mit dem Nöthigen, das Mädchen werde ja zusehens blässer und Hoffmannstropfen thäten ihm nöther als Wein. Aber die Gotte wollte deren auch nicht, wollte kaum ein Glas bloßes Wasser, mußte sich endlich einige Tropfen aus einem Riechfläschchen aufs Nastuch schütten lassen, zog unschuldigerweise manchen verdächtigen Blick sich zu und konnte sich nicht rechtfertigen, konnte sich nicht helfen lassen. An gräßlicher Angst litt die Gotte und durfte sie nicht merken lassen. Es hatte ihr Niemand gesagt, welchen Namen das Kind erhalten solle, und den die Gotte nach alter Uebung dem Pfarrer, wenn sie ihm das Kind übergibt, einzuflüstern hat, da derselbe die eingeschriebenen Namen, wenn viele Kinder zu taufen sind, leicht verwechseln kann.

In der Hast, ob den vielen zu besorgenden Dingen und der Angst, zu spät zu kommen, hatte man die Mittheilung dieses Namens vergessen, und nach diesem Namen zu fragen, hatte ihr ihres Vaters Schwester, die Base, ein für alle Mal streng verboten, wenn sie ein Kind nicht unglücklich machen wolle; denn sobald eine Gotte nach des Kindes Namen frage, so werde dieses zeitlebens – neugierig.

Diesen Namen wußte sie also nicht, durfte nicht darnach fragen, und wenn ihn der Pfarrer auch vergessen hatte, und laut und öffentlich darnach fragte, oder im Verschuß den Buben Mädeli oder Bäbeli taufte, wie würden da die Leute lachen und welche Schande wäre dieß ihr Lebenlang! Das kam ihr immer schrecklicher vor; dem starken Mädchen zitterten die Beine wie Bohnenstauden im Winde, und vom blassen Gesichte rann ihm der Schweiß bachweise. Jetzt mahnte die Wirthin zum Aufbrechen, wenn sie vom Pfarrer nicht wollten angerebelt werden; aber zur Gotte sagte sie: „Du Meitschi stehst das nicht aus, du bist ja weiß wie ein frischgewaschenes Hemd.“ Das sei vom Laufen, meinte diese, es werde ihr wieder bessern, wenn sie an die frische Luft komme. Aber es wollte ihr nicht bessern, ganz schwarz schienen ihr alle Leute in der Kirche und nun fing noch das Kind zu schreien an, mörderlich und immer mörderlicher. Die arme Gotte begann es zu wiegen in ihren Armen, heftiger und immer heftiger, je lauter es schrie, daß Blätter stoben von ihrem Maien an der Brust. Auf dieser Brust ward es ihr enger und schwerer, laut hörte man ihr Athemfassen. Je höher ihre Brust sich hob, um so höher flog das Kind in ihren Armen, und je höher es flog, um so lauter schrie es, und je lauter es schrie, um so gewaltiger las der Pfarrer die Gebete. Die Stimmen prasselten ordentlich an den Wänden und die Gotte wußte nicht mehr wo sie war; es sauste und brauste um sie wie Meereswogen und die Kirche tanzte mit ihr in der Luft herum. Endlich sagte der Pfarrer „Amen“, und jetzt war der schreckliche Augenblick da, jetzt sollte es sich entscheiden, ob sie zum Spott werden sollte für Kind und Kindeskinder; jetzt mußte sie das Tuch abheben, das Kind dem Pfarrer geben und den Namen ihm ins rechte Ohr flüstern. Sie deckte ab, aber zitternd und bebend, reichte das Kind dar, und der Pfarrer nahm es, sah sie nicht an, frug sie nicht mit scharfem Auge, tauchte die Hand ins Wasser, netzte des plötzlich schweigenden Kindes Stirne und taufte kein Mädeli, kein Bäbeli, sondern einen Hans Uli, einen ehrlichen wirklichen Hans Uli. Da wars der Gotte als ob nicht nur sämmtliche Emmenthaler Berge ihr ab dem Herzen fielen, sondern Sonne, Mond und Sterne, und aus einem feurigen Ofen sie Jemand trage in ein kühles Bad; aber die ganze Predigt durch bebten ihr die Glieder und wollten nicht wieder stille werden. Der Pfarrer predigte recht schön und eindringlich, wie eigentlich das Leben der Menschen nichts anders sein solle als eine Himmelfahrt; aber zu rechter Andacht brachte es die Gotte nicht, und als man aus der Predigt kam, hatte sie schon den Text vergessen. Sie mochte gar nicht warten, bis sie ihre geheime Angst offenbaren konnte und den Grund ihres blassen Gesichtes. Viel Lachens gab es und manchen Witz mußte sie hören über die Neugierde und wie sich die Weiber davor fürchten und sie doch allen ihren Mädchen anhängten, während sie den Buben nichts thäte. Da hätte sie nur getrost fragen können. Schöne Haberacker, niedliche Flachsplätze, herrliches Gedeihen auf Wiese und Acker zogen aber bald die Aufmerksamkeit auf sich und fesselten die Gemüther. Sie fanden manchen Grund langsam zu gehen, stille zu stehen, und doch hatte die schöne steigende Maisonne allen warm gemacht, als sie heim kamen, und ein Glas kühlen Weins that Jedermann wohl, wie sehr man sich auch dagegen sträubte. Dann setzte man sich vor das Haus, während in der Küche die Hände emsig sich rührten, das Feuer gewaltig prasselte. Die Hebamme glühte wie Einer der Drei aus dem feurigen Ofen. Schon vor eilf rief man zum Essen, aber nur die Diensten, speiste die vorweg, und zwar reichlich, aber man war doch froh wenn sie, die Knechte namentlich, einem aus dem Wege kamen.

Etwas langsam floß den vor dem Hause Sitzenden das Gespräch, doch versiegte es nicht; vor dem Essen stören die Gedanken des Magens die Gedanken der Seele, indessen läßt man nicht gerne diesen innern Zustand inne werden, sondern bemäntelt ihn mit langsamen Worten über gleichgültige Gegenstände. Schon stand die Sonne überm Mittag, als die Hebamme mit flammendem Gesicht, aber immer noch blanker Schürze, unter der Thüre erschien und die allen willkommene Nachricht brachte, daß man essen könnte, wenn alle da wären. Aber die Meisten der Geladenen fehlten noch und die schon früher nach ihnen gesandten Boten brachten wie die Knechte im Evangelium, allerlei Bescheid, mit dem Unterschied jedoch, daß eigentlich alle kommen wollten, nur jetzt noch nicht; der Eine hatte Werkleute, der Andere Leute bestellt und der Dritte mußte noch wohin, – aber warten solle man nicht auf sie, sondern nur fürfahren in der Sache. Räthig war man bald, dieser Mahnung zu folgen, denn wenn man allen warten müßte, sagte man, so könne das gehen bis der Mond käme; nebenbei freilich brummte die Hebamme: es sei doch nichts dümmeres als ein solches Wartenlassen, im Herzen wäre doch jeder gerne da und zwar je eher je lieber, aber es solle es Niemand merken. So müsse man die Mühe haben alles wieder an die Wärme zu stellen, wisse nie, ob man genug habe, und werde nie fertig. War aber schon der Rath wegen den Abwesenden schnell gefaßt, so war man doch mit den Anwesenden noch nicht fertig, hatte bedenkliche Mühe sie in die Stube, sie zum Sitzen zu bringen, denn Keiner wollte der Erste sein, bei diesem nicht, bei jenem nicht. Als endlich alle saßen, kam die Suppe auf den Tisch, eine schöne Fleischsuppe mit Safran gefärbt und gewürzt und mit dem schönen weißen Brod, das die Großmutter eingeschnitten, so dick gesättigt, daß von der Brühe wenig sichtbar war. Nun entblößten sich alle Häupter, die Hände falteten sich und lange und feierlich betete jedes für sich zu dem Geber jeder guten Gabe. Dann erst griff man langsam zum blechernen Löffel, wischte denselben am schönen weißen Tischtuch aus und ließ sich an die Suppe, und mancher Wunsch wurde laut, wenn man alle Tage eine Solche hätte, so begehrte man nichts anders. Als man mit der Suppe fertig war, wischte man die Löffel am Tischtuch wieder aus, die Züpfe wurden herumgeboten, jeder schnitt sich sein Stück ab, und sah zu wie die Voressen an Safranbrühe aufgetragen wurden, Voressen von Hirn, von Schaffleisch, saure Leber. Als die erledigt waren in bedächtigem Zugreifen, kam in Schüsseln hoch aufgeschichtet das Rindfleisch, grünes und dürres, jedem nach Belieben, kamen dürre Bohnen und Kannenbirenschnitze, breiter Speck dazu und prächtige Rückenstücke von dreizentnerigen Schweinen, so schön roth und weiß und saftig. Das folgte sich langsam alles, und wenn ein neuer Gast kam, so wurde von der Suppe her alles wieder aufgetragen und jeder mußte da anfangen, wo die Andern auch, Keinem wurde ein einziges Gericht geschenkt. Zwischendurch schenkte Benz, der Kindbettimann, aus den schönen weißen Flaschen, welche eine Maaß enthielten und mit Wappen und Sprüchen reich geziert waren, fleißig ein. Wohin seine Arme nicht reichen mochten, trug er andern das Schenkamt auf, nöthete ernstlich zum Trinken, mahnte sehr oft: „Machet doch aus, es ist dafür da, daß man ihn trinkt“, und wenn die Hebamme eine Schüssel hineintrug, so brachte er ihr sein Glas und andere brachten die ihren ihr auch, so daß, wenn sie allemal gehörig hätte Bescheid thun wollen, es in der Küche wunderlich hätte gehen können. Der jüngere Götti mußte manche Spottrede hören, daß er die Gotte nicht besser zum Trinken zu halten wisse; wenn er das Gesundheit machen nicht besser verstehe, so kriege er keine Frau. „O, Hans Uli werde keine begehren“, sagte endlich die Gotte, „die ledigen Bursche hätten heut zu Tage ganz andere Sachen im Kopf als das Heirathen, und die Meisten vermöchten es nicht einmal mehr.“ „He“, sagte Hans Uli, „das dünke ihn nichts anders. Solche Schlärpli, wie heut zu Tage die meisten Mädchen seien, geben gar theure Frauen, die Meisten meinten ja, um eine brave Frau zu werden, hätte man nichts nöthig als ein blau seidenes Tüchlein um den Kopf, Händschli im Sommer und gestickte Pantöffeli im Winter. Wenn einem die Kühe fehlten im Stalle, so sei man freilich übel geschlagen, aber man könne doch ändern; wenn man aber eine Frau habe, die einem um Haus und Hof bringe, so sei es austubacket, die müsse man behalten. Es sei einem daher nützlicher, man sinne anderen Sachen nach als dem Heirathen und lasse Mädchen, Mädchen sein.“ „Ja, ja, du hast ganz recht“, sagte der ältere Götti, ein kleines, unscheinbares Männchen in geringen Kleidern, den man aber sehr in Ehren hielt und ihm Vetter sagte, denn er hatte keine Kinder, wohl aber einen bezahlten Hof und 100,000 Schweizerfranken am Zins, „ja, du hast recht,“ sagte der, „mit dem Weibervolk ist gar nichts mehr. Ich will nicht sagen, daß nicht hie und da noch Eine ist, die einem Hause wohl ansteht, aber die sind dünn gesäet. Sie haben nur Narrenwerk und Hoffart im Kopf, ziehen sich an wie Pfauen, ziehen auf wie sturme Störche, und wenn eine einen halben Tag arbeiten soll, so hat sie drei Tage lang Kopfweh und liegt vier Tage im Bett, ehe sie wieder bei ihr selber ist. Als ich um meine Alte buhlte, da war es noch anders, da mußte man noch nicht so im Kummer sein, man kriege statt einer braven Hausmutter nur einen Hausnarr oder gar einen Hausteufel.“ „He, he, Götti Uli“, sagte die Gotte, die schon lange reden wollte, aber nicht dazu gekommen war, „es würde einen meinen, es seien nur zu deinen Zeiten rechte Baurentöchter gewesen. Du kennst sie nur nicht und achtest dich der Mädchen nicht mehr, wie es so einem alten Manne auch wohl ansteht; aber es gibt sie noch immer so gut als zur Zeit, wo deine Alte noch jung gewesen ist. Ich will mich nicht rühmen, aber mein Vater hat schon manchmal gesagt, wenn ich so fortfahre, so[1] thue ich noch die Mutter selig durch, und die ist doch eine berühmte Frau gewesen. So schwere Schweine wie voriges Jahr, hat mein Vater noch nie auf den Markt geführt. Der Metzger hat ihm manchmal gesagt: er möchte das Meitschi sehen, welches die gemästet habe. Aber über die heutigen Buben hat man zu klagen; was um der lieben Welt willen ist dann mit diesen? Tubacken, im Wirthshaus sitzen, die weißen Hüte auf der Seite tragen und die Augen aufsperren wie Stadtthore, allen Kegelten, allen Schießeten, allen schlechten Meitschene nachstreichen, das können sie; aber wenn einer eine Kuh melken oder einen Acker fahren soll, so ist er fertig, und wenn er ein Werkholz in die Finger nimmt, so thut er dumm wie ein Herr oder gar wie ein Schreiber. Ich habe mich schon manchmal hoch verredet, ich wolle keinen Mann, oder ich wisse denn für gewiß wie ich mit ihm fahren könne, und wenn schon hie und da noch einer ein Bauer abgibt, so weiß man doch noch lange nicht, was er für ein Mann wird.“ Da lachten die Andern gar sehr, trieben dem Mädchen das Blut ins Gesicht und das Gespött mit ihm: Wie lange es wohl meine, daß man einen auf die Probe nehmen müsse, bis man für gewiß wisse was er für ein Mann werde. So unter Lachen und Scherz nahm man viel Fleisch zu sich, vergaß auch die Kannenbirenschnitze nicht, bis endlich der ältere Götti sagte: „Es dünke ihn, man sollte einstweilen genug haben und etwas vom Tische weg, die Beine würden unter dem Tische ganz steif und eine Pfeife schmecke nie besser, als wenn man zuvor Fleisch gegessen hätte.“ Dieser Rath erhielt allgemeinen Beifall, wie auch die Kindbettileute einredeten: man solle doch nicht vom Tische weg; wenn man einmal davon sei, so bringe man die Menschen fast nicht mehr dazu. „Habe doch nicht Kummer, Base“, sagte der Vetter, „wenn du etwas Gutes auf den Tisch stellst, so hast du mit geringer Mühe uns wieder dabei, und wenn wir uns ein wenig strecken, so geht es um so handlicher wieder mit dem Essen.“

Die Männer machten nun die Runde in den Ställen, thaten einen Blick auf die Bühne, ob noch altes Heu vorhanden sei, rühmten das schöne Gras und schauten in die Bäume hinauf, wie groß der Segen wohl sein möge, der von ihnen zu hoffen sei.

Unter einem der noch blühenden Bäume machte der Vetter Halt und sagte: „da schicke es sich wohl am besten abzusitzen und ein Pfeifchen anzustecken, es sei gut kühl da, und wenn die Weiber wieder etwas Gutes angerichtet hätten, so sei man nahe bei der Hand.“

Bald gesellte sich die Gotte zu ihnen, die mit den andern Weibern den Garten und die Pflanzplätze besehen hatte. Der Gotte kamen die andern Weiber nach, und eine nach der andern ließ sich nieder ins Gras, vorsichtig die schönen Kittel in Sicherheit bringend, dagegen ihre Unterröcke mit dem hellen rothen Rande der Gefahr aussetzend, ein Andenken zu erhalten vom grünen Grase.

Der Baum, um den die ganze Gesellschaft sich lagerte[2], stand oberhalb des Hauses am sanften Anfang der Halde. Zuerst ins Auge fiel das schöne neue Haus; über dasselbe weg konnten die Blicke schweifen an des jenseitigen Thales Rand, über manchen schönen reichen Hof und weiterhin über grüne Hügel und dunkle Thäler weg.

„Du hast da ein stattlich Haus, und Alles ist gut angegeben dabei“, sagte der Vetter, „jetzt könnt ihr auch sein darin und habt Platz für Alles; ich konnte nie begreifen, wie man sich in einem so schlechten Hause so lange leiden kann, wenn man Geld und Holz genug zum Bauen hat, wie ihr zum Exempel.“ „Vexier nicht, Vetter“, sagte der Großvater, „es hat von Beidem nichts zu rühmen; dann ist das Bauen eine wüste Sache, man weiß wohl wie man anfängt, aber nie wie man aufhört, und manchmal ist einem noch dies im Wege oder das, an jedem Orte etwas anderes.“

„Mir gefällt das Haus ganz ausnehmend wohl“, sagte eine der Frauen. „Wir sollten auch schon lange ein neues haben, aber wir scheuen immer die Kosten. Sobald mein Mann aber kommt, muß er dieses recht besehen, es dünkt mich, wenn wir so eins haben könnten, ich wäre im Himmel. Aber fragen möchte ich doch, nehmt es nicht für ungut, warum da gleich neben dem ersten Fenster, der wüste schwarze Fensterposten (Bystel) ist, der steht dem ganzen Hause übel an.“ – Der Großvater machte ein bedenkliches Gesicht, zog noch härter an seiner Pfeife und sagte endlich: „Es hätte an Holz gefehlt beim Aufrichten, kein anderes sei gleich bei der Hand gewesen, da habe man in Noth und Eile einiges vom alten Hause genommen.“ „Aber“, sagte die Frau, „das schwarze Stück Holz war ja noch dazu zu kurz, oben und unten ist es angesetzt, und jeder Nachbar hätte euch von Herzen gerne ein ganz neues Stück gegeben.“ „Ja, wir haben es halt nicht besser g’sinnet und durften unsere Nachbaren nicht immer von neuem plagen, sie hatten uns schon genug geholfen mit Holz und Fahren“, antwortete der Alte.

„Hör, Aetti“, sagte der Vetter, „mache nicht Schneckentänze, sondern gib die Wahrheit an und aufrichtigen Bericht. Schon Manches habe ich raunen hören, aber Punktum das Wahre nie vernehmen können. Jetzt schickte es sich so wohl, bis die Weiber den Braten z’weg haben, du würdest uns damit so kurze Zeit machen, darum gib aufrichtigen Bericht.“ Noch manchen Schneckentanz machte der Großvater, ehe er sich dazu verstund; aber der Vetter und die Weiber ließen nicht nach bis er es endlich versprach, jedoch unter dem ausdrücklichen Vorbehalt, daß ihm dann lieber wäre, was er erzähle, bliebe unter ihnen und käme nicht weiter. So etwas scheuen gar viele Leute an einem Hause, und er möchte in seinen alten Tagen nicht gerne seinen Leuten böses Spiel machen.

„Allemal wenn ich dieses Holz betrachte“, begann der ehrwürdige Alte, „so muß ich mich verwundern, wie das wohl zuging, daß aus dem fernen Morgenlande, wo das Menschengeschlecht entstanden sein soll, Menschen bis hieher kamen, und diesen Winkel in diesem engen Graben fanden, und muß denken, was die, welche bis hieher verschlagen oder gedrängt wurden, alles ausgestanden haben werden, und wer sie wohl mögen gewesen sein. Ich habe viel darüber nachgefragt, aber nichts erfahren können, als daß diese Gegend schon sehr früh bewohnt gewesen, ja Sumiswald, noch ehe unser Heiland auf der Welt war, eine Stadt gewesen sein soll; aber aufgeschrieben steht das Nirgends. Doch das weiß man, daß es schon mehr als sechshundert Jahre her ist, daß das Schloß steht, wo jetzt der Spital ist, und wahrscheinlich um dieselbe Zeit stund auch hier schon ein Haus, und gehörte sammt einem großen Theil der Umgegend zu dem Schlosse, mußte dorthin Zehnten und Bodenzinse geben, Frohndienste leisten, ja die Menschen waren Leibeigen und nicht eigenen Rechtens, wie jetzt jeder ist, sobald er zu Jahren kömmt. Gar ungleich hatten es damals die Menschen, und nahe bei einander wohnten Leibeigene, welche die besten Händel hatten und solche, die schwer, fast unerträglich, gedrückt wurden, ihres Lebens nicht sicher waren. Ihr Zustand hing jeweilen von ihren Herren ab; die waren gar ungleich und doch fast unumschränkt Meister über ihre Leute und diese fanden Keinen, dem sie so leichtlich und wirksam klagen konnten. Die, welche zu diesem Schlosse gehörten, sollen es schlimmer gehabt haben zu Zeiten als die Meisten, welche zu andern Schlössern gehörten. Die meisten andern Schlösser gehörten einer Familie, kamen von dem Vater auf den Sohn, da kannten der Herr und seine Leute sich von Jugend auf, und gar Mancher war seinen Leuten wie ein Vater. Dieses Schloß kam nämlich frühe in die Hände von Rittern, die man die Teutschen nannte, und der, welcher hier zu befehlen hatte, den nannte man den Comthur. Diese Obern wechselten nun, und bald war Einer da aus dem Sachsenland und bald Einer aus dem Schwabenland; da kam keine Anhänglichkeit auf und ein jeder brachte Brauch und Art mit aus seinem Lande.

Nun sollten sie eigentlich in Polen und im Preußenlande mit den Heiden streiten, und dort, obgleich sie eigentlich geistliche Ritter waren, gewöhnten sie sich fast an ein heidnisch Leben und gingen mit andern Menschen um, als ob kein Gott im Himmel wäre, und wenn sie dann heim kamen, so meinten sie noch immer, sie seien im Heidenland und trieben das gleiche Leben fort. Denn die, welche lieber im Schatten lustig lebten als im wüsten Lande blutig stritten, oder die, welche ihre Wunden heilen, ihren Leib stärken mußten, kamen auf die Güter, welche der Orden, so soll man die Gesellschaft der Ritter genannt haben, in Deutschland und in der Schweiz besaß, und thaten jeder nach seiner Art und was ihm wohlgefiel. Einer der Wüstesten soll der Hans von Stoffeln gewesen sein, aus dem Schwabenlande, und unter ihm soll es sich zugetragen haben, was ihr von mir wissen wollt, und was sich bei uns von Vater auf den Sohn vererbet hat.

Diesem Hans von Stoffeln fiel es bei, dort hinten auf dem Bärhegenhubel ein großes Schloß zu bauen; dort, wo man noch jetzt, wenn es wild Wetter geben will, die Schloßgeister ihre Schätze sonnen sieht, stand das Schloß. Sonst bauten die Ritter ihre Schlösser über den Straßen, wie man jetzt die Wirthshäuser an die Straßen baut, beides um die Leute besser plündern zu können, auf verschiedene Weise freilich. Warum aber der Ritter dort auf dem wilden wüsten Hubel in der Einöde ein Schloß haben wollte, wissen wir nicht, genug er wollte es, und die Bauern welche zum Schloß gehörten, mußten es bauen. Der Ritter fragte nach keinem von der Jahreszeit gebotenen Werk, nicht nach dem Heuet, nicht nach der Ernte, nicht nach dem Säet. So und so viel Züge mußten fahren, so und so viel Hände mußten arbeiten, zu der und der Zeit sollte der letzte Ziegel gedeckt, der letzte Nagel geschlagen sein. Dazu schenkte er keine Zehntgarbe, kein Mäß Bodenzins, kein Fasnachthuhn, ja nicht einmal ein Fasnachtei; Barmherzigkeit kannte er keine, die Bedürfnisse armer Leute kannte er nicht. Er ermunterte sie auf heidnische Weise mit Schlägen und Schimpfen, und wenn einer müde wurde, langsamer sich rührte oder gar ruhen wollte, so war der Vogt hinter ihm mit der Peitsche, und weder Alter noch Schwachheit ward verschont. – Wenn die wilden Ritter oben waren, so hatten sie ihre Freude dran, wenn die Peitsche recht knallte, und sonst trieben sie noch manchen Schabernack mit den Arbeitern; wenn sie ihre Arbeit muthwillig verdoppeln konnten, so sparten sie es nicht, und hatten dann große Freude an ihrer Angst, an ihrem Schweiß.

Endlich war das Schloß fertig, fünf Ellen dick die Mauren, Niemand wußte, warum es da oben stand, aber die Bauren waren froh, daß es einmal stand, wenn es doch stehen mußte, der letzte Nagel geschlagen, der letzte Ziegel oben war.

Sie wischten sich den Schweiß von den Stirnen, sahen mit betrübtem Herzen sich um in ihrem Besitzthum, sahen seufzend wie weit der unselige Bau sie zurückgebracht. Aber war doch ein langer Sommer vor ihnen und Gott über ihnen, darum faßten sie Muth und kräftig den Pflug, und trösteten Weib und Kind, die schweren Hunger gelitten, und denen Arbeit eine neue Pein schien.

Aber kaum hatten sie den Pflug ins Feld geführt, so kam Botschaft, daß alle Hofbauren eines Abends zur bestimmten Stunde im Schlosse zu Sumiswald sich einfinden sollten. Sie bangten und hofften. Freilich hatten sie von den gegenwärtigen Bewohnern des Schlosses noch nichts Gutes genossen, sondern lauter Muthwillen und Härte, aber es dünkte sie billig, daß die Herren ihnen etwas thäten für den unerhörten Frohndienst, und weil es sie so dünkte, so meinten viele, es dünke die Herren auch so, und sie werden an selbem Abend ihnen ein Geschenk machen oder einen Nachlaß verkünden wollen.

Sie fanden sich am bestimmten Abend zeitig und mit klopfendem Herzen ein, mußten aber lange warten im Schloßhofe, den Knechten zum Gespött. Die Knechte waren auch im Heidenlande gewesen. Zudem wird es gewesen sein wie jetzt, wo jedes halbbatzige Herrenknechtlein das Recht zu haben meint, gesessene Bauren verachten zu können und verhöhnen zu dürfen.

Endlich wurden sie in den Rittersaal entboten; vor ihnen öffnete sich die schwere Thüre; drinnen saßen um den schweren Eichentisch die schwarzbraunen Ritter, wilde Hunde zu ihren Füßen, und obenan der von Stoffeln, ein wilder mächtiger Mann, der einen Kopf hatte wie ein doppelt Bernmäß, Augen machte wie Pflugsräder, und einen Bart hatte wie eine alte Löwenmähne. Keiner ging gerne zuerst hinein, einer stieß den andern vor; da lachten die Ritter, daß der Wein über die Humpen spritzte und wüthend stürzten die Hunde vor; denn wenn diese zitternde, zagende Glieder sehen, so meinen sie, dieselben gehören einem zu jagenden Wilde. Den Bauren aber ward nicht gut zu Muthe, es dünkte sie, wenn sie nur wieder daheim wären und einer drückte sich hinter den andern. Als endlich Hunde und Ritter schwiegen, erhob der von Stoffeln seine Stimme und sie tönte wie aus einer hundertjährigen Eiche. „Mein Schloß ist fertig, doch noch eins fehlt, der Sommer kömmt und droben ist kein Schattengang. In Zeit eines Monates sollt ihr mir einen pflanzen, sollt einhundert ausgewachsene Buchen nehmen aus dem Münneberg, mit Aesten und Wurzeln, und sollt sie mir pflanzen auf Bärhegen und wenn eine einzige Buche fehlt, so büßt ihr mir es mit Gut und Blut. Drunten steht Trunk und Imbiß, aber morgen soll die erste Buche auf Bärhegen stehn.“ Als von Trunk und Imbiß einer hörte, meinte er, der Ritter sei gnädig und gut gelaunt, und begann zu reden von ihrer nothwendigen Arbeit und dem Hunger von Weib und Kind und vom Winter, wo die Sache besser zu machen wäre. Da begann der Zorn des Ritters Kopf größer und größer zu schwellen und seine Stimme brach los wie der Donner aus einer Fluh und er sagte ihnen: Wenn er gnädig sei, so seien sie übermüthig. Wenn im Polenlande einer das nackte Leben habe, so küsse er einem die Füße, hier hätten sie Kind und Rind, Dach und Fach, und doch nicht satt. Aber gehorsamer und genügsamer mache ich euch, so wahr ich Hans von Stoffeln bin, und wenn in Monatsfrist die hundert Buchen nicht oben stehen, so lasse ich euch peitschen bis kein Fingerlang mehr ganz an euch ist, und Weiber und Kinder werfe ich den Hunden vor.

Da wagte keiner mehr eine Einrede, aber auch keiner begehrte von dem Trunk und Imbiß; sie drängten sich, als der zornige Befehl gegeben war, zur Thüre hinaus, und jeder wäre gerne der Erste gewesen, und weit hin folgte ihnen des Ritters donnernde Stimme nach, der andern Ritter Gelächter, der Knechte Spott, der Rüden Geheul.

Als der Weg sich beugte, vom Schlosse sie nicht mehr konnten gesehen werden, setzten sie sich an des Weges Rand und weinten bitterlich, Keiner hatte einen Trost für den Andern, und Keiner hatte den Muth zu rechtem Zorn, denn Noth und Plage hatten den Muth ihnen ausgelöscht, so daß sie keine Kraft mehr zum Zorne hatten, sondern nur noch zum Jammer. Ueber 3 Stunden weit sollten sie durch wilde Wege die Buchen führen mit Aesten und Wurzeln den steilen Berg hinauf; und neben diesem Berge wuchsen viele und schöne Buchen, und die mußten sie stehen lassen. In Monatsfrist sollte das Werk geschehen sein, zwei Tage drei, den dritten vier Bäume, sollten sie schleppen durchs lange Thal, den steilen Berg auf, mit ihrem ermatteten Vieh. Und über alles dieses war es der Maimond, wo der Bauer sich rühren muß auf seinem Acker, fast Tag und Nacht ihn nicht verlassen darf, wenn er Brod will und Speise für den Winter.

Wie sie da so rathlos weinten, Keiner den Andern ansehen, in den Jammer des Andern sehen durfte, weil der Seinige schon über ihm zusammenschlug, und keiner heim durfte mit der Botschaft, keiner den Jammer heim tragen mochte zu Weib und Kind, stund plötzlich vor ihnen, sie wußten nicht woher, lang und dürr ein grüner Jägersmann. Auf dem kecken Baret schwankte eine rothe Feder, im schwarzen Gesichte flammte ein rothes Bärtchen, und zwischen der gebogenen Nase und dem zugespitzten Kinn, fast unsichtbar, wie eine Höhle unter überhangendem Gestein, öffnete sich ein Mund und frug : „Was gibt es, ihr guten Leute, daß ihr da sitzet und heulet, daß es Steine aus dem Boden sprengt und Aeste ab den Bäumen?“ Zweimal frug er also, und zweimal erhielt er keine Antwort.

Da ward noch schwärzer des Grünen schwarz Gesicht, noch röther das rothe Bärtchen, es schien darin zu knistern und zu sprezeln, wie Feuer im Tannenholz; wie ein Pfeil spitzte sich der Mund, dann that er sich auseinander und frug ganz holdselig und mild: „Aber ihr guten Leute, was hilft es euch, daß ihr da sitzet und heulet? Ihr könnet da heulen bis es eine neue Sündfluth gibt, oder euer Geschrei die Sterne aus dem Himmel sprengt; aber damit wird euch wahrscheinlich wenig geholfen sein. Wenn euch aber Leute fragen, was ihr hättet, Leute, die es gut mit euch meinen, euch vielleicht helfen könnten, so solltet ihr statt zu heulen, antworten und ein vernünftig Wort reden, das hülfe euch viel mehr.“ Da schüttelte ein alter Mann das weiße Haupt und sprach: „Haltet es nicht für ungut, aber das, worüber wir weinen, nimmt kein Jägersmann uns ab, und wenn das Herz einmal im Jammer verschwollen ist, so kommen keine Worte mehr heraus.“

Da schüttelte sein spitziges Haupt der Grüne und sprach: „Vater, ihr redet nicht dumm, aber so ist es doch nicht. Man mag schlagen was man will, Stein oder Baum, so gibt es einen Ton von sich; es klaget. So soll auch der Mensch klagen, soll alles klagen, soll dem ersten Besten klagen, vielleicht hilft ihm der erste Beste. Ich bin nur ein Jägersmann, wer weiß, ob ich nicht daheim ein tüchtiges Gespann habe, Holz und Steine oder Buchen und Tannen zu führen?“

Als die armen Bauren das Wort Gespann hörten, fiel es ihnen allen ins Herz, ward da zu einem Hoffnungsfunken, und alle Augen sahen auf ihn und dem Alten ging der Mund noch weiter auf; er sprach: „Es sei nicht immer richtig dem Ersten, dem Besten zu sagen, was man auf dem Herzen hätte, da man ihm es aber anhöre, daß er es gut meine, daß er vielleicht helfen könne, so wolle man kein Hehl vor ihm haben. Mehr als zwei Jahre hätten sie schwer gelitten unter dem neuen Schloßbau, kein Hauswesen sei in der ganzen Herrschaft, welches nicht bitterlich im Mangel sei. Jetzt hätten sie frisch aufgeathmet, in der Meinung, endlich freie Hände zu haben zur eigenen Arbeit, hätten mit neuem Muth den Pflug ins Feld geführt, und soeben hätte der Comthur ihnen befohlen, aus im Münneholz gewachsenen Buchen in Monatsfrist beim neuen Schloß einen neuen Schattengang zu[3] pflanzen. Sie wüßten nicht wie das vollbringen in dieser Frist, mit ihrem abgekarrtem Vieh, und wenn sie es vollbrächten, was hülfe es ihnen? Anpflanzen könnten sie nicht und müßten nachher Hungers sterben, im Fall die harte Arbeit sie nicht früher tödtete. Diese Botschaft dürften sie nicht heimtragen, möchten nicht zum alten Elend noch den neuen Jammer schütten.“

„Da machte der Grüne ein gar mitleidiges Gesicht, hob drohend die lange, magere, schwarze Hand gegen das Schloß empor und vermaß sich zu schwerer Strafe gegen solche Tyrannei. Ihnen aber wolle er helfen. Sein Gespann, wie keines sei im Lande, solle vom Kilchstalden an, diesseits Sumiswald, ihnen alle Buchen, so viele sie dorthin zu bringen vermöchten, auf Bärhegen führen, ihnen zu lieb, den Rittern zum Trotz und um geringen Lohn.

„Da horchten hoch auf die armen Männer bei diesem unerwarteten Anerbieten. Konnten sie um den Lohn einig werden, so waren sie gerettet, denn bis an den Kilchstalden konnten sie die Buchen führen, ohne daß ihre Landarbeit darüber versäumt und sie zu Grunde gingen. Darum sagte der Alte: „So sag an, was du verlangst, auf daß wir mit dir des Handels einig werden mögen.“ Da machte der Grüne ein pfiffig Gesicht; es knisterte in seinem Bärtchen und wie Schlangenaugen funkelten sie seine Augen an, und ein gräulich Lachen stand in beiden Mundwinkeln als er ihn von einander that und sagte: „Wie ich gesagt, ich begehre nicht viel, nicht mehr als ein ungetauftes Kind.“

„Das Wort zuckte durch die Männer wie ein Blitz, wie eine Decke fiel es von ihren Augen, und wie Spreu im Wirbelwinde stoben sie auseinander.

„Da lachte hell auf der Grüne, daß die Fische im Bache sich bargen, die Vögel das Dickicht suchten und grausig schwankte die Feder am Hute und auf und nieder ging das Bärtchen.

„„Besinnet euch, oder suchet bei euren Weibern Rath, in der dritten Nacht findet ihr hier mich wieder!““ so rief er den Fliehenden mit scharf tönender Stimme nach, daß die Worte in ihren Ohren hängen blieben, wie Pfeile mit Widerhaken hängen bleiben im Fleische.

„Blaß und zitternd an der Seele und an allen Gliedern stäubten die Männer nach Hause; keiner sah nach dem andern sich um, keiner hätte den Hals gedreht, nicht um alle Güter der Welt. Als so verstört die Männer daher gestoben kamen, wie Tauben vom Vogel gejagt zum Taubenschlag, da drang mit ihnen der Schrecken in alle Häuser, und alle bebten vor der Kunde, welche den Männern die Glieder also durcheinander warf.

„In zitternder Neugierde schlichen die Weiber den Männern nach, bis sie dieselben an den Orten hatten, wo man im Stillen ein vertraut Wort reden konnte. Da mußte jeder Mann seinem Weibe erzählen, was sie im Schloß vernommen, das hörten sie mit Wuth und Fluch; sie mußten erzählen, wer ihnen begegnet, was er ihnen angetragen. Da ergriff namenlose Angst die Weiber, ein Wehgeschrei ertönte über Berg und Thal, einer Jeden ward, als hätte ihr eigen Kind der Ruchlose begehrt. Ein einziges Weib schrie nicht den Andern gleich. Das war ein grausam handlich Weib, eine Lindauerin soll es gewesen sein, und hier auf dem Hofe hat es gewohnt. Sie hatte wilde schwarze Augen und fürchtete sich nicht viel vor Gott und Menschen. Böse war sie schon geworden, daß die Männer dem Ritter nicht rundweg das Begehren abgeschlagen; wenn sie dabei gewesen, sie hätte ihm es sagen wollen, sagte sie. Als sie vom Grünen hörte und seinem Antrage und wie die Männer davon gestoben, da ward sie erst recht böse, und schalt die Männer über ihre Feigheit, und daß sie dem Grünen nicht kecker ins Gesicht gesehen, vielleicht hätte er mit einem andern Lohne sich auch begnügt, und da die Arbeit für das Schloß sei, würde es ihren Seelen nichts schaden, wenn der Teufel sie mache. Sie ergrimmte in der Seele, daß sie nicht dabei gewesen, und wäre es nur, damit sie einmal den Teufel gesehen und auch wüßte, was er für ein Aussehen hätte. Darum weinte dieses Weib nicht, sondern redete in seinem Grimme harte Worte gegen den eigenen Mann und gegen alle andern Männer.

„Des folgenden Tages, als in stilles Gewimmer das Wehgeschrei verglommen war, saßen die Männer zusammen, suchten Rath und fanden keinen. Anfangs war die Rede von neuem Bitten bei dem Ritter, aber Niemand wollte bitten gehen, keinem schien Leib und Leben feil. Einer wollte Weiber und Kinder schicken mit Geheul und Jammer, der aber verstummete schnell als die Weiber zu reden begannen, denn schon damals waren die Weiber in der Nähe, wenn die Männer im Rathe saßen. Sie wußten keinen Rath, als in Gottes Namen Gehorsam zu versuchen, sie wollten Messen lesen lassen, um Gottes Beistand zu gewinnen, wollten Nachbaren um nächtliche geheime Hülfe ansprechen, denn eine offenbare hätten ihnen ihre Herren nicht erlaubt, wollten sich theilen, die Hälfte sollte bei den Buchen schaffen, die andere Hälfte Haber säen und des Viehes warten. Sie hofften auf diese Weise und mit Gottes Hülfe täglich wenigstens 3 Buchen auf Bärhegen hinauf zu schaffen; vom Grünen redete Niemand; ob Niemand an ihn dachte, ist nicht verzeichnet worden.

„Sie theilten sich ein, rüsteten die Werkzeuge, und als der erste Maitag über seine Schwelle kam, sammelten die Männer sich am Münneberg und begannen mit gefaßtem Muthe die Arbeit. Im weiten Ringe mußten die Buchen umgraben, sorgfältig die Wurzeln geschont, sorgfältig die Bäume, damit sie sich nicht verletzen, zur Erde gelassen werden. Noch war der Morgen nicht hoch am Himmel, als drei Buchen zur Abfahrt bereit lagen, denn immer drei sollten zusammen geführt werden, damit man auf dem schweren Weg mit Hand und Vieh sich gegenseitig helfen könne. Aber schon stund die Sonne im Mittag und noch waren sie mit den drei Buchen nicht zum Walde hinaus, schon stand sie hinter den Bergen und noch waren die Züge nicht über Sumiswald hinaus; erst der neue Morgen fand sie am Fuße des Berges, auf dem das Schloß stand, und die Buchen sollten gepflanzet werden. Es war, als ob ein eigener Unstern Macht hätte über sie. Ein Mißgeschick nach dem andern traf sie: die Geschirre zerrissen, die Wagen brachen, Pferde und Ochsen fielen oder weigerten den Gehorsam. Noch ärger ging es am zweiten Tage. Neue Noth brachte immerfort neue Mühe, unter rastloser Arbeit keuchten die Armen und keine Buche war noch oben, keine vierte Buche über Sumiswald hinausgeschafft.

„Der von Stoffeln schalt und fluchte; je mehr er schalt und fluchte, um so größer ward der Unstern, um so stättiger das Vieh. Die andern Ritter lachten und höhnten, und freuten sich gar sehr über das Zappeln der Bauren, den Zorn des von Stoffeln. Sie hatten gelacht über des von Stoffeln neues Schloß auf dem nackten Gipfel. Da hatte der geschworen: in Monatsfrist müßte ein schöner Laubgang droben sein. Darum fluchte er, darum lachten die Ritter, und weinen thaten die Bauren.

„Eine fürchterliche Muthlosigkeit erfaßte diese, keinen Wagen hatten sie mehr ganz, keinen Zug unbeschädigt, in zwei Tagen nicht drei Buchen zur Stelle gebracht, und alle Kraft war erschöpft.

Nacht war es geworden, schwarze Wolken stiegen auf, es blitzte zum ersten Male in diesem Jahre. An den Weg hatten sich die Männer gesetzt, es war die gleiche Beugung des Weges, in welcher sie vor drei Tagen gesessen waren, sie wußten es aber nicht. Da saß der Hornbachbaur, der Lindauerin Mann, mit zwei Knechten und andere mehr saßen auch bei ihnen. Sie wollten da auf Buchen warten, die von Sumiswald kommen sollten, wollten ungestört sinnen über ihr Elend, wollten ruhen lassen ihre zerschlagenen Glieder.

Da kam rasch, daß es fast pfiff wie der Wind pfeift, wenn er aus den Kammern entronnen ist, ein Weib daher, einen großen Korb auf dem Kopfe. Es war Christine, die Lindauerin, des Hornbachbauren Eheweib, zu dem derselbe gekommen, als er einmal mit seinem Herrn zu Felde gezogen war. Sie war nicht von den Weibern die froh sind, daheim zu sein, in der Stille ihre Geschäfte zu beschicken, und die sich um nichts kümmern als um Haus und Kind. Christine wollte wissen was ging, und wo sie ihren Rath nicht dazu geben konnte, da ginge es schlecht, so meinte sie.

Mit der Speise hatte sie daher keine Magd gesandt, sondern den schweren Korb auf den eignen Kopf genommen und die Männer lange gesucht umsonst; bittere Worte ließ sie fallen darüber, sobald sie dieselben gefunden. Unterdessen war sie aber nicht müßig, die konnte noch reden und schaffen zu gleicher Zeit. Sie stellte den Korb ab, deckte den Kübel ab, in welchem der Hafermuß war, legte das Brod und den Käse zurecht, und steckte jedem gegenüber für Mann und Knecht die Löffel ins Muß, und hieß auch die andern zugreifen, die noch speislos waren. Dann frug sie nach der Männer Tagewerk und wie viel geschaffet worden in den zwei Tagen? Aber Hunger und Worte waren den Männern ausgegangen, und keiner griff zum Löffel und keiner hatte eine Antwort. Nur ein leichtfertig Knechtlein, dem es gleichgültig war, regne oder sonnenscheine es in der Ernte, wenn nur das Jahr umging und der Lohn kam, und zu jeder Essenszeit das Essen auf den Tisch, griff zum Löffel und berichtete Christine, daß noch keine Buche gepflanzet sei, und alles gehe als ob sie verhext wären.

Da schalt die Lindauerin, daß das eitel Einbildung wäre und die Männer nichts als Kindbetterinnen; mit Schaffen und Weinen, mit hocken und heulen, werde man keine Buchen auf Bärhegen bringen. Ihnen würde nur ihr Recht widerfahren, wenn die Ritter ihren Muthwillen an ihnen ausließen; aber um Weib und Kinder willen müsse die Sache anders zur Hand genommen werden. Da kam plötzlich über die Achsel des Weibes eine lange schwarze Hand und eine gellende Stimme rief: „Ja, die hat Recht.“ Und mitten unter ihnen stand mit grinsendem Gesicht der Grüne, und lustig schwankte die rothe Feder auf seinem Hute. Da hob der Schreck die Männer von dannen, sie stoben die Halde auf wie Spreu im Wirbelwinde.

Nur Christine, die Lindauerin, konnte nicht fliehen, sie erfuhr es, wie man den Teufel leibhaftig zu sehen kriegt, wenn man ihn an die Wand mahlt. Sie blieb stehen wie gebannt, mußte schauen die rothe Feder am Baret, und wie das rothe Bärtchen lustig auf- und niederging im schwarzen Gesichte. Gellend lachte der Grüne den Männern nach, aber gegen Christine machte er ein zärtlich Gesicht und faßte mit höflicher Geberde ihre Hand. Christine wollte sie wegziehen, aber sie entrann dem Grünen nicht mehr, es war ihr als zische Fleisch zwischen glühenden Zangen. Und schöne Worte begann er zu reden und zu den Worten zwitzerte lüstern sein roth Bärtchen auf und ab. So ein schön Weibchen habe er lange nicht gesehen, sagte er, das Herz lache ihm im Leibe; zudem habe er sie gerne muthig, und gerade die seien ihm die liebsten, welche stehen bleiben dürften, wenn die Männer davon liefen. Wie er so redete kam Christinen der Grüne immer weniger schreckhaft vor: mit dem sei doch noch zu reden, dachte sie, und sie wüßte nicht warum davon laufen, sie hätte schon viel Wüstere gesehen. Der Gedanke kam ihr immer mehr: mit dem ließe sich etwas machen, und wenn man recht mit ihm zu reden wüßte, so thäte er einem wohl einen Gefallen, oder am Ende könnte man ihn übertölpeln wie die andern Männer auch. Er wüßte gar nicht, fuhr der Grüne fort, warum man sich so vor ihm scheue, er meine es doch so gut mit allen Menschen, und wenn man so grob gegen ihn sei, so müsse man sich nicht wundern, wenn er den Leuten nicht immer thäte, was ihnen am liebsten wäre. Da faßte Christine ein Herz und antwortete: Er erschrecke aber die Leute auch, daß es schrecklich wäre. Warum habe er ein ungetauft Kind verlangt, er hätte doch von einem andern Lohn reden können, das komme den Leuten gar verdächtig vor, ein Kind sei immer ein Mensch und ungetauft eins aus den Händen geben, das werde kein Christ thun. „Das ist mein Lohn an den ich gewohnt bin, und um anderen fahre ich nicht, und was frägt man doch so einem Kinde nach, das noch Niemand kennt. So jung gibt man sie am liebsten weg, hat man doch noch keine Freude an ihnen gehabt und keine Mühe mit ihnen. Ich aber habe sie je jünger je lieber, je früher ich ein Kind erziehen kann auf meine Manier, um so weiter bringe ich es, dazu habe ich aber das Taufen gar nicht nöthig und will es nicht.“ Da sah Christine wohl, daß er mit keinem andern Lohne sich werde begnügen wollen; aber es wuchs in ihr immer mehr der Gedanke: das wäre doch der Einzige der nicht zu betrügen wäre.

Darum sagte sie: wenn aber einer etwas verdienen wolle, so müßte er sich mit dem Lohne begnügen, den man ihm geben könne, sie aber hätten gegenwärtig in keinem Hause ein ungetauft Kind und in Monatsfrist gäbe es keins, und in dieser Zeit müßten die Buchen geliefert sein. Da schwänzelte gar höflich der Grüne und sagte: „Ich begehre das Kind gar nicht zum Voraus. Sobald man mir verspricht, das Erste zu liefern ungetauft, welches geboren wird, so bin ich schon zufrieden.“ Das gefiel Christine gar wohl. Sie wußte, daß es in geraumer Zeit kein Kind geben werde in ihrer Herren Gebiet. Wenn nun einmal der Grüne sein Versprechen gehalten und die Buchen gepflanzet seien, so brauche man ihm gar nichts mehr zu geben, weder ein Kind noch etwas anders; man lasse Messen lesen zu Schutz und Trutz und lache tapfer den Grünen aus, so dachte Christine. Sie dankte daher schon ganz herzhaft für das gute Anerbieten und sagte: es sei zu bedenken und sie wolle mit den Männern darüber reden. „Ja“, sagte der Grüne, „da ist gar nichts mehr weder zu denken noch zu reden. Für heute habe ich euch bestellt, und jetzt will ich den Bescheid; ich habe noch an gar vielen Orten zu thun und bin nicht blos wegen euch da. Du mußt mir zu oder ab sagen, nachher will ich von dem ganzen Handel nichts mehr wissen.“ Christine wollte die Sache verdrehen, denn sie nahm sie nicht gerne auf sich, sie wäre sogar gerne zärtlich geworden um Stündigung zu erhalten, allein der Grüne war nicht aufgelegt, wankte nicht, jetzt oder nie, sagte er. Sobald aber der Handel geschlossen sei um ein einzig Kind, so wolle er in jeder Nacht so viel Buchen auf Bärhegen führen, als man ihm vor Mitternacht unten an den Kilchstalden liefere, dort wollte er sie in Empfang nehmen. — „Nun, schöne Frau, bedenke dich nicht“, sagte der Grüne, und klopfte Christine holdselig auf die Wange. Da klopfte doch ihr Herz, sie hätte lieber die Männer hineingestoßen, um hintendrein sie schuld geben zu können. Aber die Zeit drängte, kein Mann war da als Sündenbock, und der Glaube verließ sie nicht, daß sie listiger als der Grüne sei, und wohl ein Einfall kommen werde, ihn mit langer Nase abzuspeisen. Darum sagte Christine: Sie für ihre Person wolle zugesagt haben, wenn aber dann später die Männer nicht wollten, so vermöchte sie sich dessen nicht, und er solle es sie nicht entgelten lassen. Mit dem Versprechen, zu thun was sie könne, sei er hinlänglich zufrieden, sagte der Grüne. Jetzt schauderte es Christine doch an Leib und Seele, jetzt meinte sie, komme der schreckliche Augenblick, wo sie mit Blut von ihrem Blute dem Grünen den Akkord unterschreiben müsse. Aber der Grüne machte es viel leichtlicher und sagte: Von hübschen Weibern begehre er nie eine Unterschrift, mit einem Kuß sei er zufrieden. Somit spitzte er seinen Mund gegen Christinens Gesicht und Christine konnte nicht fliehen, war wiederum wie gebannt, steif und starr. Da berührte der spitzige Mund Christinens Gesicht, und ihr war als ob von spitzigem Eisen das Feuer durch Mark und Bein fahre, durch Leib und Seele; und ein gelber Blitz fuhr zwischen ihnen durch und zeigte Christine freudig verzerrt des Grünen teuflisch Gesicht, und ein Donner fuhr über sie, als ob der Himmel zersprungen wäre.

Verschwunden war der Grüne und Christine stand wie versteinert, als ob tief in den Boden hinunter ihre Füße Wurzeln getrieben hätten in jenem schrecklichen Augenblick. Endlich war sie ihrer Glieder wieder mächtig, aber im Gemüthe brauste und sauste es ihr, als ob ein mächtiges Wasser seine Fluthen wälze über thurmhohe Felsen hinunter in schwarzem Schlund. Wie man im Donner der Wasser die eigene Stimme nicht hört, so ward Christine der eigenen Gedanken sich nicht bewußt im Tosen, das donnerte in ihrem Gemüthe. Unwillkürlich floh sie den Berg hinan, und immer glühender fühlte sie ein Brennen an ihrer Wange, da wo des Grünen Mund sie berührt; sie rieb, sie wusch, aber der Brand nahm nicht ab.

Es ward eine wilde Nacht. In Lüften und Klüften heulte und toste es, als ob die Geister der Nacht Hochzeit hielten in den schwarzen Wolken, die Winde die wilden Reigen spielten zu ihrem grausen Tanze, die Blitze die Hochzeitfackeln wären und der Donner der Hochzeitsegen. In dieser Jahreszeit hatte man eine solche Nacht noch nie erlebt.

In finsterem Bergesthale regte es sich um ein großes Haus und viele drängten sich um sein schirmend Obdach. Sonst treibt im Gewittersturm die Angst um den eigenen Herd den Landmann unter das eigene Dach, und sorgsam wachend so lange das Gewitter am Himmel steht, wahret und hütet er das eigene Haus. Aber jetzt war die gemeinsame Noth größer als die Angst vor dem Gewitter. Diese trieb sie in diesem Hause zusammen, an welchem vorbeigehen mußten die, welche der Sturm aus dem Münneberg[4] trieb, und die, welche von Bärhegen sich geflüchtet. Den Graus der Nacht ob dem eigenen Elend vergessend, hörte man sie klagen und grollen über ihr Mißgeschick. Zu allem Unglück war noch das Toben der Natur gekommen. Pferde und Ochsen waren scheu geworden, betäubt, hatten Wagen zertrümmert, sich über Felsen gestürzt, und schwer verwundet stöhnte Mancher in tiefem Schmerze, laut auf schrie Mancher dem man zerrissene Glieder einzog und zusammenband.

In das Elend hinein flüchteten sich auch in schauerlicher Angst die, welche den Grünen gesehen, und erzählten bebend die wiederholte Erscheinung. Bebend hörte die Menge, was die Männer erzählten, drängte sich aus dem weiten dunkeln Raume dem Feuer zu, um welches die Männer saßen und wenn der Wind durch die Sparren fuhr oder Donner über dem Hause rollte, so schrie laut auf die Menge, und meinte, es breche durchs Dach der Grüne, sich zu zeigen in ihrer Mitte. Als er aber nicht kam, als der Schreck vor ihm verging, als das alte Elend blieb und der Jammer der Leidenden lauter wurde, da stiegen allmälig die Gedanken auf, die den Menschen, der in der Noth ist, so gerne um seine Seele bringen. Sie begannen zu rechnen wie viel mehr werth sie Alle seien als ein einzig ungetauft Kind, sie vergaßen immer mehr, daß die Schuld an einer Seele tausendmal schwerer wiege als die Rettung von tausend und abermal tausend Menschenleben.

Diese Gedanken wurden allmählig laut und begannen sich zu mischen als verständliche Worte in das Schmerzensgestön der Leidenden. Man fragte näher nach dem Grünen, grollte, daß man ihm nicht besser Rede gestanden; genommen hätte er Niemand und je weniger man ihn fürchte, um so weniger thue er den Menschen. Dem ganzen Thale hätten sie vielleicht helfen können, wenn sie das Herz am rechten Orte gehabt hätten. Da begannen die Männer sich zu entschuldigen. Sie sagten nicht, daß es sich mit dem Teufel nicht spaßen lasse, daß, wer ihm ein Ohr leihe, bald den ganzen Kopf ihm geben müsse, sondern sie redeten von des Grünen schrecklicher Gestalt, seinem Flammenbarte, der feurigen Feder auf seinem Hute, einem Schloßthurm gleich, und dem schrecklichen Schwefelgeruch, den sie nicht hätten ertragen mögen. Christinens Mann aber, der gewöhnt worden war, daß sein Wort erst durch die Zustimmung seiner Frau Kraft erhielt, sagte: sie sollten nur seine Frau fragen, die könne ihnen sagen, ob es Jemand hätte aushalten mögen, und daß die ein kuraschirtes Weib sei, wüßten Alle. Da sahen alle nach Christine sich um, aber Keiner sah sie. Es hatte Jeder nur an seine Rettung gedacht, und an Andere nicht, und wie jetzt Jeder am Trockenen saß, so meinte er, die Andern säßen eben so. Jetzt erst fiel Allen bei, daß sie Christine seit jenem schrecklichen Augenblicke nicht mehr gesehen, und ins Haus war sie nicht gekommen. Da begann der Mann zu jammern und alle Andern mit ihm, denn es ward ihnen Allen, als ob Christine allein zu helfen wüßte. Plötzlich ging die Thüre auf und Christine stand mitten unter ihnen, ihre Haare trieften, roth waren ihre Wangen und ihre Augen brannten noch dunkler als sonst in unheimlichem Feuer. Eine Theilnahme, derer Christine sonst nicht gewohnt war, empfieng sie, und Jeder wollte ihr erzählen, was man gedacht und gesagt, und wie man Kummer um sie gehabt. Christine sah bald, was Alles zu bedeuten hatte und verbarg ihre innere Glut hinter spöttische Worte, warf den Männern ihre übereilte Flucht vor und wie Keiner um ein arm Weib sich bekümmert, und Keiner sich umgesehen, was der Grüne mit ihr beginne. Da brach der Sturm der Neugierde aus, und Jeder wollte zuerst wissen, was nun der Grüne mit ihr angefangen, und die Hintersten hoben sich hoch auf, um besser zu hören und die Frau näher zu sehen, die dem Grünen so nahe gestanden. Sie sollte nichts sagen, meinte Christine zuerst, man hätte es nicht um sie verdient, als Fremde sie übel geplaget im Thale, die Weiber ihr einen übeln Namen angehängt, die Männer sie allenthalben im Stiche gelassen, und wenn sie nicht besser gesinnet wäre als Alle und wenn sie nicht mehr Muth als Alle hätte, so wäre noch jetzt weder Trost noch Ausweg da. So redete Christine noch lange, warf harte Worte gegen die Weiber, die ihr nie hätten glauben wollen, daß der Bodensee größer sei als der Schloßteich, und je mehr man ihr anhielt, um so härter schien sie zu werden, und stützte sich besondes darauf, daß, was sie zu sagen hätte, man ihr übel auslegen, und wenn die Sache gut käme, ihr keinen Dank haben werde, käme sie aber übel, so lüde man ihr alle Schuld auf und die ganze Verantwortung.

Als endlich die ganze Versammlung vor Christine wie auf den Knieen lag, mit Bitten und Flehen und die Verwundeten laut aufschrien und anhielten, da schien Christine zu erweichen und begann zu erzählen, wie sie Stand gehalten und mit dem Grünen Abrede getroffen; aber von dem Kusse sagte sie nichts, nichts davon, wie er sie auf der Wange gebrannt, und wie es ihr getoset im Gemüthe. Aber sie erzählte, was sie seither gesinnet im verschlagenen Gemüthe. Das Wichtigste sei, daß die Buchen nach Bärhegen geschafft würden; seien die einmal oben, so könne man immer noch sagen, was man machen wolle, die Hauptsache sei, daß bis dahin, so viel ihr bekannt, unter ihnen kein Kind werde geboren werden.

Vielen lief es kalt den Rücken auf bei der Erzählung, aber daß man dann noch immer sehen könne, was man machen wolle, das gefiel Allen wohl.

Nur ein junges Weibchen weinte gar bitterlich, daß man unter seinen Augen die Hände hätte waschen können, aber sagen that es nichts. Ein alt ehrwürdig Weib dagegen, hochgestaltet und mit einem Gesichte, vor dem man sonst sich beugen oder vor ihm fliehen mußte, trat in die Mitte und sprach: Gottvergessen wäre es gehandelt, auf das Ungewisse das Gewisse stellen und spielen mit dem ewigen Leben. Wer mit dem Bösen sich einlasse, komme vom Bösen nimmer los, und wer ihm den Finger gebe, den behalte er mit Leib und Seele. Aus diesem Elend könne Niemand helfen als Gott, wer ihn aber verlasse in der Noth, der versinke in der Noth. Aber dießmal verachtete man der Alten Rede und schweigen hieß man das junge Weibchen, mit Weinen und Heulen sei einem dießmal nicht geholfen, da bedürfe man Hülfe anderer Art, hieß es.

Räthig wurde man bald die Sache zu versuchen. Bös könne das kaum gehen im bösesten Falle; aber nicht das erste Mal sei es, daß Menschen die schlimmsten Geister betrogen, und wenn sie selbst nichts wüßten, so fände wohl ein Priester Rath und Ausweg. Aber im finstern Gemüthe soll mancher gedacht haben, wie er später bekannte: gar viel Geld und Umtriebe wage er nicht eines ungetauften Kindes wegen.

Als der Rath nach Christinens Sinn gefaßt wurde, da war es als ob alle Wirbelwinde über dem Hause zusammenstießen, die Heere der wilden Jäger vorübersausten; die Pfosten des Hauses wankten, die Balken bogen sich, Bäume splitterten am Hause, wie Speere auf einer Ritterbrust. Blaß wurden drinnen die Menschen, Grauen überfiel sie, aber den Rath lösten sie nicht; bei grauendem Morgen begannen sie seine Ausführung.

Schön und hell war der Morgen. Gewitter und Hexenwerk verschwunden, die Aexte hieben noch einmal so scharf als sonst, der Boden war locker und jede Buche fiel gerade wie man sie sonst haben wollte, kein Wagen brach mehr, das Vieh war willig und stark und die Menschen geschützt vor jedem Unfall, wie durch unsichtbare Hand. Nur eines war sonderbar. Unterhalb Sumiswald führte damals noch kein Weg ins hintere Thal; dort war noch Sumpf, den die zügellose Grüne bewässerte, man mußte den Stalden auf durchs Dorf fahren, an der Kirche vorbei.

Sie fuhren wie an den frühern Tagen immer drei Züge auf einmal, um einander helfen zu können mit Rath, Kraft und Vieh, und hatten nun nur durch Sumiswald zu fahren, außerhalb des Dorfes den Kirchstalden ab, an dem eine kleine Kapelle stand; unterhalb desselben auf ebenem Wege hatten sie die Buchen abzulegen. Sobald sie den Stalden auf waren und auf ebenem Wege gegen die Kirche kamen, so ward das Gewicht der Wagen nicht leichter, sondern schwerer und schwerer, sie mußten Thiere vorspannen, so viele sie deren hatten, mußten unmenschlich auf sie schlagen, mußten selbst Hand an die Speichen legen, dazu scheuten die sanftesten Rosse, als ob etwas Unsichtbares vom Kirchhofe her ihnen im Wege stehe, und ein dumpfer Glockenton, fast wie der verirrte Schall einer fernen Todtenglocke, kam von der Kirche her, daß ein eigenthümlich Grauen die stärksten Männer ergriff und jedesmal Menschen und Thiere bebten, wenn man gegen die Kirche kam. War man einmal vorbei, so konnte man ruhig fahren, ruhig abladen, ruhig zu frischer Ladung wieder gehen.

Sechs Buchen lud man selbigen Tages neben einander ab an die abgeredete Stelle, sechs Buchen waren am folgenden Morgen zu Bärhegen oben gepflanzet, und durchs ganze Thal hin hatte Niemand eine Achse gehört, die sich umgedreht um ihre Spule, Niemand der Fuhrleute üblich Geschrei, der Pferde Wiehern, der Ochsen einförmig Gebrüll. Aber sechs Buchen standen oben, die konnte sehen, wer wollte, und es waren die sechs Buchen, die man unten an dem Stalden hingelegt hatte, und nicht andere.

Da war das Staunen groß im ganzen Thale und die Neugierde regte sich bei Männiglich. Absonderlich die Ritter nahm es Wunder, welche Pacht die Bauern geschlossen und auf welche Weise die Buchen zur Stelle geschafft würden. Sie hätten gerne auf heidnische Weise den Bauern das Geheimniß ausgepreßt. Allein sie sahen bald, daß die Bauern auch nicht Alles wüßten, da sie selbst halb erschrocken waren. Zudem wehrte der von Stoffeln. Dem war es nicht nur gleichgültig, wie die Buchen nach Bärhegen kommen, im Gegentheil, wenn nur die Buchen heraufkommen, so sah er gerne, daß die Bauern dabei geschont wurden. Er hatte wohl gesehen, daß der Spott der Ritter ihn zu einer Unbesonnenheit verleitet hatte, denn wenn die Bauern zu Grunde gingen, die Felder unbestellt blieben, so hatte die Herrschaft den größten Schaden dabei; allein was der von Stoffeln einmal gesagt hatte, dabei blieb es. Die Erleichterung, welche die Bauern sich verschafft, war ihm daher ganz recht, und es war ihm auch ganz gleichgültig, ob sie dafür ihre Seelen verschrieben; denn was gingen ihn der Bauern Seelen an, wenn einmal der Tod ihre Leiber genommen. Er lachte jetzt über seine Ritter und schützte die Bauern vor ihrem Muthwillen. Diese wollten den Handel doch ergründen und sandten Knappen zur Wache; die fand man des Morgens halb todt in Gräben, wohin eine unsichtbare Hand sie geschleudert.

Da zogen zwei Ritter hin nach Bärhegen; es waren kühne Degen, und wo ein Wagniß zu bestehen gewesen im Heidenland, da hatten sie es bestanden. Am Morgen fand man sie erstarrt am Boden, und als sie der Rede wieder mächtig waren, sagten sie, ein rother Ritter mit feuriger Lanze hätte sie niedergerannt. Hie und da konnte eine neugierige Weibsseele sich nicht enthalten, wenn es Mitternacht war, durch eine Spalte oder Lucke nach dem Wege im Thale zu sehen. Alsbald wehete ein giftiger Wind sie an; das Gesicht schwoll auf, Wochen lang konnte man weder Nase noch Augen sehen, den Mund mit Mühe finden. Da verging den Leuten das Spähen, und kein Auge sah mehr zu Thale, wenn Mitternacht über demselben lag.

Einmal aber kam plötzlich einen Mann das Sterben an; er bedurfte des letzten Trostes, aber Niemand durfte den Priester holen, denn Mitternacht war nahe und der Weg führte am Kilchstalden vorbei. Da lief ein unschuldig Bübchen, Gott und Menschen lieb, aus Angst um den Vater ungeheißen Sumiswald zu. Als es gegen den Kilchstalden kam, sah er von dort die Buchen auffahren vom Boden, jede von zwei feurigen Eichhörnchen gezogen und nebenbei sah es reiten auf schwarzem Bocke einen grünen Mann, eine feurige Geisel hatte er in der Hand, einen feurigen Bart im Gesichte, und auf dem Hute schwankte glutroth eine Feder. So sei der Zug gefahren hoch durch die Lüfte über alle Egg weg, und schnell wie ein Augenblick. Solches sah der Knabe, und Niemand that ihm was.

Noch waren nicht drei Wochen vergangen, so stunden neunzig Buchen auf Bärhegen, machten einen schönen Schattengang, denn alle schlugen üppig aus, keine einzige verdorrte. Aber die Ritter und auch der von Stoffeln ergingen sich nicht oft darin, es wehte sie allemal ein heimlich Grauen an; sie hätten von der Sache lieber nichts mehr gewußt, aber Keiner machte ihr ein Ende, es tröstete ein Jeder sich: fehle es, so trage der Andere die Schuld.

Den Bauern aber wohlete es mit jeder Buche, welche oben war, denn mit jeder Buche wuchs die Hoffnung, dem Herrn zu genügen, den Grünen zu betrügen; er hatte ja kein Unterpfand, und war die Hunderteste einmal oben, was frugen sie dann dem Grünen nach? Indessen waren sie der Sache noch nicht sicher; alle Tage fürchteten sie, er spiele ihnen einen Schabernack und lasse sie im Stiche. Am Urbanustage brachten sie ihm die letzten Buchen an den Kilchstalden und Alt und Jung schlief wenig in selber Nacht; man konnte fast nicht glauben, daß er ohne Umstände und ohne Kind oder Pfand die Arbeit vollende.

Am folgenden Morgen, lange vor der Sonne, waren Alt und Jung auf den Beinen, in Allen regte sich die gleiche neugierige Angst; aber lange wagte sich Keiner auf den Platz, wo die Buchen lagen; man wußte nicht, lag dort eine Beize, für die, welche den Grünen betrügen wollten.

Ein wilder Küherbub, der Ziger von der Alp gebracht, wagte es endlich, sprang voran und fand keine Buchen mehr, und keine Hinterlist that auf dem Platze sich kund. Noch trauten sie dem Spiele nicht; ihnen voraus mußte der Küherbub nach Bärhegen. Dort war Alles in der Ordnung, hundert Buchen standen in Reih und Glied, keine war verdorret, Keinem aus ihnen lief das Gesicht auf, Keinem that ein Glied weh. Da stieg der Jubel hoch in ihren Herzen und viel Spott gegen den Grünen und gegen die Ritter floß. Zum dritten Mal sandten sie aus den wilden Küherbub und ließen dem von Stoffeln sagen: es sei auf Bärhegen nun Alles in der Ordnung, er möchte kommen und die Buchen zählen. Dem aber ward es graulicht und er ließ ihnen sagen, sie sollten machen, daß sie heimkämen. Gerne hätte er ihnen sagen lassen, sie sollten den ganzen Schattengang wieder wegschaffen, aber er that es nicht, seiner Ritter wegen, es sollte nicht heißen, er fürchte sich; aber er wußte nicht um der Bauern Pacht und wer sich in den Handel mischen könnte.

Als der Kühersbub den Bescheid brachte, da schwollen die Herzen noch trotziger auf; die wilde Jugend tanzte im Schattengange, wildes Jodeln hallte von Kluft zu Kluft, von Berg zu Berg, hallte an den Mauern des Schlosses Sumiswald wieder. Bedächtige Alte warnten und baten, aber trotzige Herzen achten bedächtiger Alten Warnung nicht; wenn dann das Unglück da ist, so sollen es die Alten mit ihrem Zagen und Warnen herbeigezogen haben. Die Zeit ist noch nicht da, wo man es erkennt, daß der Trotz das Unglück aus dem Boden stampft. Der Jubel zog sich über Berg und Thal in alle Häuser, und wo noch eines Fingers lang Fleisch im Rauche hing, da ward es gekocht, und wo noch eine Hand groß Butter im Hafen war, da wurde geküchelt.

Das Fleisch ward gegessen, die Küchli schwanden, der Tag war veronnen, und ein anderer Tag stieg am Himmel auf. Immer näher kam der Tag, an welchem ein Weib ein Kind gebären sollte; und je näher der Tag kam, um so dringlicher ward die Angst wieder: der Grüne werde sich wieder künden, fordern was ihm gehöre, oder ihnen eine Beize legen.

Den Jammer jenes jungen Weibes, welches das Kind gebären sollte, wer will ihn ermessen? Im ganzen Hause tönte er wieder, ergriff nach und nach alle Glieder des Hauses, und Rath wußte Niemand, wohl aber, daß dem, mit dem man sich eingelassen, nicht zu trauen sei. Je näher die verhängnißvolle Stunde kam, um so näher drängte das arme Weibchen sich zu Gott, umklammerte nicht mit den Armen allein, sondern mit dem Leibe und der Seele und aus ganzem Gemüthe die heilige Mutter bittend um Schutz um ihres gebenedeiten Sohnes willen. Und ihr ward immer klarer, daß im Leben und Sterben in jeder Noth der größte Trost bei Gott sei, denn wo der sei, da dürfe der Böse nicht sein, und hätte keine Macht.

Immer deutlicher trat der Glaube vor ihre Seele, daß wenn ein Priester des Herrn mit dem Allerheiligsten, dem heiligen Leibe des Erlösers bei der Geburt zugegen wäre, und bewaffnet mit kräftigen Bannsprüchen, so dürfte kein böser Geist sich nahen, und alsobald könnte der Priester das neugeborne Kind mit dem Sakramente der Taufe versehen, was die damalige Sitte erlaubte, dann wäre das arme Kind der Gefahr für immer entrissen, welche die Vermessenheit der Väter über dasselbe gebracht. Dieser Glaube stieg auch bei den andern auf, und der Jammer der jungen Weiber ging ihnen zu Herzen, aber sie scheuten sich, dem Priester ihre Pacht mit dem Satan zu bekennen, und Niemand war seither zur Beichte gegangen, und Niemand hatte ihm Rede gestanden. Er war ein gar frommer Mann, selbst die Ritter des Schlosses trieben keinen Kurzweil mit ihm, denn er sagte ihnen die Wahrheit. Wenn einmal die Sache gethan sei, so könne er sie nicht mehr hindern, hatten die Bauern gedacht; aber jetzt war doch Niemand gern der Erste, der es ihm berichtete, das Gewissen sagte ihnen wohl warum?

Endlich drang einem Weibe der Jammer zu Herzen; es lief hin und offenbarte dem Priester den Handel und des armen Weibes Wunsch. Gewaltig entsetzte sich der fromme Mann, aber mit leeren Worten verlor er die Zeit nicht; kühn trat er für eine arme Seele in den Kampf mit dem gewaltigen Widersacher. Er war einer von denen, die den härtesten Kampf nicht scheuen, weil sie gekrönt werden wollen mit der Krone des ewigen Lebens und weil sie wohl wissen, es werde Keiner gekrönt, er kämpfe dann recht.

Ums Haus, in welchem das Weib ihrer Stunde harrte, zog er den heiligen Bann mit geweihtem Wasser, den böse Geister nicht überschreiten dürfen, segnete die Schwelle ein, die ganze Stube und ruhig gebar das Weib, und ungestört taufte der Priester das Kind. Ruhig blieb es auch draußen, am klaren Himmel flimmerten die hellen Sterne, leise Lüfte spielten in den Bäumen. Ein wihernd Gelächter wollten die Einen gehört haben von ferne her; die Andern aber meinten, es seien nur die Käuzlein gewesen an des Waldes Saum.

Alle, die da waren aber freuten sich höchlich, und alle Angst war verschwunden, auf immer wie sie meinten; hätten sie den Grünen einmal angeführt, so konnten sie es immer thun mit dem gleichen Mittel.

Ein großes Mahl ward zugerichtet, weit her wurden die Gäste entboten. Umsonst mahnte der Priester des Herrn von Schmaus und Jubel ab, mahnte zu zagen und zu beten, denn noch sei der Feind nicht besiegt, Gott nicht gesühnt. Es sei ihm im Geiste, als dürfe er ihnen keine Buße zur Sühnung auferlegen, als nahe sich eine Buße gewaltig und schwer aus Gottes selbsteigener Hand. Aber sie hörten ihn nicht, wollten ihn befriedigen mit Speise und Trank. Er aber ging betrübt weg, bat für die, welche nicht wüßten, was sie thäten, und rüstete sich mit Beten und Fasten zu kämpfen als ein getreuer Hirt für die anvertraute Herde.

Mitten unter den Jubelirenden ist auch Christine gesessen, aber sonderbar stille mit glühenden Wangen, düstern Augen, seltsam sah man es zucken in ihrem Gesichte. Christine war bei der Geburt zugegen gewesen als erfahrne Wehmutter, war bei der plötzlichen Taufe zu Gevatter gestanden mit frechem Herzen ohne Furcht, aber wie der Priester das Wasser sprengte über das Kind und es taufte in den drei höchsten Namen, da war es ihr, als drucke man ihr plötzlich ein feurig Eisen auf die Stelle, wo sie des Grünen Kuß empfangen. In jähem Schrecken war sie zusammen gezuckt, das Kind fast zur Erde gefallen und seither hatte der Schmerz nicht abgenommen, sondern ward glühender von Stunde zu Stunde. Anfangs war sie stille gesessen, hatte den Schmerz erdrückt und heimlich die schweren Gedanken gewälzet in ihrer erwachten Seele, aber immer häufiger fuhr sie mit der Hand nach dem brennenden Fleck, auf dem ihr eine giftige Wespe zu sitzen schien, die ihr einen glühenden Stachel bohre bis ins Mark hinein. Als keine Wespe zu verjagen war, die Stiche immer heißer wurden, die Gedanken immer schrecklicher, da begann Christine ihre Wange zu zeigen, zu fragen, was darauf zu sehen sei, und immer von Neuem frug Christine, aber Niemand sah etwas, und bald mochte Niemand mehr mit dem Spähen auf den Wangen die Lust sich kürzen. Endlich konnte sie noch ein altes Weib erbitten; eben krähte der Hahn, der Morgen graute, da sah die Alte auf Christinens Wange einen fast unsichtbaren Fleck. Es sei nichts, sagte die Alte, das werde schon vergehen, und ging weiter.

Und Christine wollte sich trösten, es sei nichts und werde bald vergehen; aber die Pein nahm nicht ab und unmerklich wuchs der kleine Punkt und alle sahen ihn und frugen sie: was es da schwarzes gebe in ihrem Gesichte? Sie dachten nichts besonders, aber die Reden fuhren ihr wie Stiche ins Herz, weckten die schweren Gedanken wieder auf, und immer und immer mußte sie denken, daß auf den gleichen Fleck der Grüne sie geküßt, und daß die gleiche Glut, die damals wie ein Blitz durch ihr Gebein gefahren, jetzt bleibend in demselben brenne und zehre. So wich der Schlaf von ihr, das Essen schmeckte ihr wie Feuerbrand, unstät lief sie hiehin, dorthin, suchte Trost und fand keinen, denn der Schmerz wuchs immer noch, und der schwarze Punkt ward größer und schwärzer; einzelne dunkle Streifen liefen von ihm aus, und nach dem Munde hin schien sich auf dem runden Flecke ein Höcker zu pflanzen.

So litt und lief Christine manchen langen Tag und manche lange Nacht, und hatte keinem Menschen die Angst ihres Herzens geoffenbaret, und was sie vom Grünen auf diese Stelle erhalten; aber wenn sie gewußt hätte, auf welche Weise sie dieser Pein los werden könnte, sie hätte Alles im Himmel und auf Erden geopfert. Sie war von Natur ein vermessen Weib, jetzt aber ganz erwildet in wüthendem Schmerze.

Da geschah es, daß wiederum ein Weib ein Kind erwartete. Dießmal war die Angst nicht groß, die Leute wohlgemuth, sobald sie zu rechter Zeit für den Priester sorgten, meinten sie, des Grünen spotten zu können. Nur Christine war es nicht so. Je näher der Tag der Geburt kam, desto schrecklicher ward der Brand auf ihrer Wange, desto mächtiger dehnte der schwarze Punkt sich aus; deutliche Beine streckte er von sich aus, kurze Haare trieb er empor, glänzende Punkte und Streifen erschienen auf seinem Rücken, und zum Kopfe ward der Höcker, und glänzend und giftig blitzte es aus demselben, wie aus zwei Augen hervor. Laut auf schrien Alle, wenn sie die giftige Kreuzspinne sahen auf Christines Gesicht, und voll Angst und Grauen flohen sie, wenn sie sahen, wie sie fest saß im Gesichte aus demselben herausgewachsen. Allerlei redeten die Leute, der Eine rieth dieß, der Andere ein anderes, aber Alle mochten Christine gönnen, was es auch sein mochte, und Alle wichen ihr aus, und flohen sie, wo es nur möglich war. Je mehr die Leute flohen, desto mehr trieb es Christine ihnen nach; sie fuhr von Haus zu Haus; sie fühlte wohl der Teufel mahne sie an das verheißene Kind, und um das Opfer den Leuten einzureden mit unumwundenen Worten, fuhr sie ihnen nach in Höllenangst. Aber das kümmerte die Andern wenig; was Christine peinigte, that ihnen nicht weh; was sie litt, hatte, nach ihrer Meinung, sie verschuldet, und weil sie ihr nicht mehr entrinnen konnten, so sagten sie zu ihr: „Da siehe du zu. Keiner hat ein Kind verheißen, darum gibt auch Keiner eins.“ Mit wüthender Rede setzte sie dem eigenen Manne zu. Dieser floh wie die Andern, und wenn er nicht mehr fliehen konnte, so sprach er Christine kaltblütig zu, das werde schon bessern, das sei ein Malzeichen, wie gar viele deren hätten, wenn es einmal ausgewachsen sei, so höre der Schmerz auf und leicht sei es dann abzubinden.

Unterdessen aber hörte der Schmerz nicht auf, jedes Bein ward ein Höllenbrand, der Spinne Leib die Hölle selbst, und als des Weibes erwartete Stunde kam, da war es Christine als umwalle sie ein Feuermeer, als wühlten feurige Messer in ihrem Mark, als führen feurige Wirbelwinde durch ihr Gchirn. Die Spinne aber schwoll an, bäumte sich auf, und zwischen den kurzen Borsten hervor quollen giftig ihre Augen. Als Christine in ihrer glühenden Pein nirgends Theilnahme, die Kreisende wohl bewacht fand, da stürzte sie einer Wirbelsinnigen gleich den Weg entlang, den der Priester kommen mußte.

Raschen Schrittes kam derselbe der Halde entlang, begleidet vom handfesten Sigrist; die heiße Sonne und der steile Weg hemmten die Schritte nicht, denn es galt eine Seele zu retten, ein unendlich Unglück zu wenden, und von entferntem Kranken kommend, bangte dem Priester vor schrecklicher Säumniß. Verzweifelnd warf Christine sich ihm in den Weg, umfaßte seine Knie, bat um Lösung aus ihrer Hölle, um das Opfer des Kindes, das noch kein Leben kenne, und die Spinne schwoll noch höher auf, funkelte schrecklich schwarz in Christines roth angelaufenem Gesichte und mit gräßlichen Blicken glotzte sie nach des Priesters heiligen Geräthen und Zeichen. Dieser aber schob Christine rasch zur Seite, und schlug das heilige Zeichen; er sah da den Feind wohl, aber er ließ den Kampf, um eine Seele zu retten. Christine aber fuhr auf, stürmte ihm nach und versuchte das Aeußerste; doch des Sigristen starke Hand hielt das wüthende Weib vom Priester ab und zur Zeit noch konnte er das Haus schützen, in geweihte Hände das Kind empfangen und in die Hände dessen legen, den die Hölle nie überwältigt. Draußen hatte unterdessen Christine einen schrecklichen Kampf gekämpfet. Sie wollte das Kind ungetauft in ihre Hände, wollte hinein ins Haus, aber starke Männer wehrten es.

Windstöße stießen an das Haus, der fahle Blitz umzüngelte es, aber die Hand des Herrn war über ihm; es wurde das Kind getauft und Christine umkreiste vergeblich und machtlos das Haus. Von immer wilderer Höllenqual ergriffen stieß sie Töne aus, die nicht Tönen glichen einer Menschenbrust; das Vieh schlotterte in den Ställen und riß von den Stricken; die Eichen im Walde rauschten auf, sich entsetzend.

Im Hause begann der Jubel über den neuen Sieg, des Grünen Ohnmacht, seiner Helfershelferin vergeblich Ringen; draußen aber lag Christine von entsetzlicher Pein zu Boden geworfen, und in ihrem feurigen Gesichte begannen Wehen zu kreisen, wie sie noch keine Wöchnerin erfahren auf Erden, und die Spinne im Gesichte schwoll immer höher auf und brannte immer glühender durch ihr Gebein.

Da war es Christine, als ob plötzlich das Gesicht ihr platze, als ob glühende Kohlen geboren würden in demselben, lebendig würden, ihr gramselten über das Gesicht weg, über alle Glieder weg, als ob alles an ihr lebendig würde und glühend gramsle über den ganzen Leib weg. Da sah sie in der Blitze fahlem Scheine langbeinig giftig, unzählbare schwarze Spinnen laufen über ihre Glieder, hinaus in die Nacht, und den entschwundenen liefen langbeinig giftig, unzählbare andere nach. Endlich sah sie keine mehr den frühern folgen, der Brand im Gesichte legte sich, die Spinne ließ sich nieder, ward zum fast unsichtbaren Punkte wieder, schaute mit erlöschenden Augen ihrer Höllenbrut nach, die sie geboren hatte, und ausgesandt, zum Zeichen, wie der Grüne mit sich spassen lasse.

Matt, einer Wöchnerin gleich, schlich Christine nach Hause, wenn schon die Glut so heiß nicht mehr brannte auf dem Gesichte, die Glut im Herzen hatte nicht abgenommen; wenn schon die matten Glieder nach Ruhe sich sehnten, der Grüne ließ ihr keine Ruhe mehr; wen er einmal hat, dem macht er es so.

Drinnen im Hause aber da jubelten sie und freuten sich, und hörten lange nicht, wie das Vieh brüllte und tobte im Stalle. Endlich fuhren sie doch auf, man ging nachzusehen, schreckensblaß kamen die wieder, die gegangen waren, und brachten die Kunde, die schönste Kuh liege todt, die Uebrigen tobten und wütheten, wie sie es nie gesehen. Da sei es nicht richtig, etwas Absonderliches walte da. Da verstummte der Jubel, Alles lief nach dem Vieh, dessen Gebrüll erscholl über Berg und Thal, aber Keiner hatte Rath. Gegen den Zauber versuchte man weltliche und geistliche Künste; aber alle umsonst; ehe noch der Tag graute, hatte der Tod das sämmtliche Vieh im Stalle gestreckt. Wie es aber hier stumm wurde, so begann es da zu brüllen und dort zu brüllen; die da waren, hörten wie in ihre Ställe die Noth gebrochen, wehlich das Vieh seine Meister zu Hülfe rief in seiner grausen Angst.

Als ob die Flamme aus ihrem Dache schlüge eilten sie heim, aber Hülfe brachten sie keine; hier wie dort streckte der Tod das Vieh; Wehgeschrei von Menschen und Thieren erfüllten Berge und Thäler, und die Sonne, welche das Thal so fröhlich verlassen, sah in entsetzlichem Jammer hinein. Als die Sonne schien, sahen endlich die Menschen, wie es in den Ställen, in denen das Vieh gefallen war, wimmle von zahllosen schwarzen Spinnen. Diese krochen über das Vieh, das Futter, und was sie berührten, war vergiftet, und was lebendig war, begann zu toben, ward bald vom Tode gestreckt. Von diesen Spinnen konnte man keinen Stall, in dem sie waren, säubern, es war als wüchsen sie aus dem Boden herauf; konnte keinen Stall, in dem sie noch nicht waren, vor ihnen behüten, unversehens krochen sie aus allen Wänden, fielen Haufenweise von der Diele. Man trieb das Vieh auf die Weiden, man trieb es nur dem Tode in den Rachen. Denn wie eine Kuh auf eine Weide den Fuß setzte, so begann es lebendig zu werden am Boden, schwarze lange Spinnen sproßten auf, schreckliche Alpenblumen, krochen auf am Vieh, und ein fürchterlich wehlich Geschrei erschallt von den Bergen nieder zu Thale. Und alle diese Spinnen sahen der Spinne auf Christinens Gesicht ähnlich wie Kinder der Mutter, und solche hatte man noch keine gesehen.

Das Geschrei der armen Thiere war auch zum Schlosse gedrungen, und bald kamen ihm auch Hirten nach, verkündend, daß ihr Vieh gefallen von den giftigen Thieren, und in immer höherm Zorne vernahm der von Stoffeln, wie Herde um Herde verloren gegangen, vernahm, welchen Pacht man mit dem Grünen gehabt, wie man ihn zum zweitenmale betrogen und daß die Spinnen so ähnlich seien wie Kinder der Mutter, der Spinne in der Lindauerin Gesicht, die mit dem Grünen den Bund gemacht alleine, und nie rechten Bericht darüber gegeben. Da ritt der von Stoffeln in grimmem Zorn den Berg hinauf und donnerte die Armen an, daß er nicht um ihretwillen Herde um Herde verlieren wolle, um was er geschädigt worden, müßten sie ersetzen, und was sie versprochen, das müßten sie halten, was sie freiwillig gethan, das müßten sie tragen. Schaden leiden ihretwegen wolle er nicht, oder leide er, so müßten sie ihn büßen tausendfältig. Sie könnten sich vorsehen. So redete er zu ihnen, unbekümmert um das, was er ihnen zumuthete, und daß er sie dazu getrieben, fiel ihm nicht bei, und was sie gethan, rechnete er ihnen zu.

Den Meisten schon war es aufgedämmert, daß die Spinnen eine Plage des Bösen seien, eine Mahnung, den Pacht zu halten, und daß Christine Näheres darum wissen müßte, ihnen nicht Alles gesagt hätte, was sie mit dem Grünen verhandelt. Nun zitterten sie wieder vor dem Grünen, lachten seiner nicht mehr, zitterten vor ihrem weltlichen Herren; und wenn sie jenen befriedigten, was sagte der geistliche Herr dazu, erlaubte er es, und hätte dann der keine Buße für sie? So in der Angst versammelten sich die Angesehensten in einsamer Scheuer, und Christine mußte kommen und klaren Bescheid geben, was sie eigentlich verhandelt.

Christine kam verwildert, rachedurstig, aufs neue von der wachsenden Spinne gefoltert.

Als sie das Zagen der Männer sah und keine Weiber, da erzählte sie Punktum, was ihr begegnet: wie der Grüne sie schnell beim Worte genommen und ihr zum Pfande einen Kuß gegeben, den sie nicht mehr geachtet als andere. Wie ihr jetzt auf selbigem Fleck die Spinne gewachsen sei unter Höllenpein vom Augenblicke an, als man das erste Kind getauft. Wie die Spinne, eben als man das zweite Kind getauft und den Grünen genarrt, unter Höllenpein die Spinnen geboren in ungemessener Zahl; denn narren lasse er sich nicht ungestraft, wie sie es fühle in tausendfachen Todesschmerzen. Jetzt wachse die Spinne wieder, die Pein mehre sich, und wenn das nächste Kind nicht des Grünen werde, so wisse Niemand, wie gräßlich die einbrechende Plage sei, wie gräßlich des Ritters Rache.

So erzählte Christine und die Herzen der Männer bebten, und lange wollte Keiner reden. Nach und nach kamen aus den angstgepreßten Kehlen abgebrochene Laute hervor, und wenn man sie zusammensetzte, so meinten sie gerade was Christine meinte, aber kein Einzelner hatte seine Einwilligung gegeben in ihren Rath. Nur einer stand auf und redete kurz und deutlich: das Beste schiene ihm, Christine todt zu schlagen, sei einmal die todt, so könnte der Grüne an der Todten sich halten, hätte keine Handhabe mehr an den Lebendigen. Da lachte Christine wild auf, trat ihm unter das Gesicht und sagte: er solle zuschlagen, ihr sei es recht, aber der Grüne wolle nicht sie, sondern ein ungetauft Kind, und wie er sie gezeichnet, eben so gut könne er die Hand zeichnen, die an ihr sich vergreife. Da zuckte es in des Mannes Hand, der allein geredet, er setzte sich und hörte schweigend dem Rathe der Andern. Und abgebrochen, wo Keiner Alles sagte, sondern Jeder nur etwas, das wenig bedeuten sollte, kam man überein, das nächste Kind zn opfern, aber Keiner wollte seine Hand bieten dazu, Niemand das Kind an den Kilchstalden tragen, wo man die Buchen hingelegt hatte. Zum allgemeinen Besten, wie sie meinten, den Teufel zu brauchen, hatte Keiner sich gescheut, aber persönliche Bekanntschaft mit ihm zu machen begehrte Keiner. Da erbot sich Christine willig dazu; denn hat man einmal mit dem Teufel zu thun gehabt, so kann es das zweite Mal wenig mehr schaden. Man wußte wohl, wer das nächste Kind gebären sollte, aber man redete nichts davon und der Vater desselben war nicht zugegen.

Verständigt mit und ohne Worte, ging man auseinander.

Das junge Weib, welches in jener grauenvollen Nacht, wo Christine Bericht vom Grünen brachte, gezaget und geweinet hatte, sie wußte damals nicht warum, erwartete nun das nächste Kind. Die frühern Vorgänge machten sie nicht getrost und zuversichtlich; eine unnennbare Angst lag auf ihrem Herzen, sie konnte sie weder mit Beten noch Beichten wegbringen. Ein verdächtiges Schweigen schien ihr, sie zu umringen, Niemand sprach von der Spinne mehr; verdächtig schienen ihr alle Augen, die auf ihr ruhten, schienen ihr zu berechnen die Stunde, in welcher sie ihres Kindes habhaft werden, den Teufel versöhnen könnten.

So einsam und verlassen fühlte sie sich gegen die unheimliche Macht um sich; keinen Beistand hatte sie als ihre Schwiegermutter, eine fromme Frau, die zu ihr stund, aber was vermag eine alte Frau gegen eine wilde Menge. Sie hatte ihren Mann; der hatte alles Gute wohl versprochen; aber wie jammerte der um sein Vieh und gedachte so wenig des armen Weibes Angst! Es hatte der Priester verheißen, zu kommen, so schnell und so früh zu kommen als man ihn verlange, aber was konnte begegnen vom Augenblicke an, da man gesandt, bis daß er kam, und das arme Weib hatte keinen zu verlässigern Boten als den eignen Mann, der ihm Schutz und Wache sein sollte; und sie wohnte dazu noch mit Christine in einem Hause und ihre Männer waren Brüder und keine eigenen Verwandte hatte sie; als Waise war sie ins Haus gekommen! Man kann sich des armen Weibes Herzensangst denken, nur im Beten mit der frommen Mutter fand sie einiges Vertrauen, das allsobald wieder schwand, sobald sie in die bösen Augen sah.

Unterdessen war die Krankheit noch immer da; sie unterhielt den Schrecken. Freilich nur hie und da fiel ein Stück, nur selten zeigten sich die Spinnen. Aber sobald bei Jemand der Schreck nachließ, sobald irgend einer dachte oder sagte: das Uebel lasse von selbsten nach und man sollte sich wohl bedenken, ehe man an einem Kinde sich versündige, so nahm Christinens Höllenpein zu, die Spinne blähte sich hoch auf, und dem der so gedacht oder geredet, kehrte mit neuer Wuth der Tod in seine Herde ein. Je näher die erwartete Stunde kam, um so mehr schien die Noth wieder zuzunehmen, und sie erkannten, daß sie bestimmte Abrede treffen müßten, wie sie des Kindes sicher und sonder Fehl sich bemächtigen könnten. Den Mann fürchteten sie am meisten, und Gewalt gegen ihn zu brauchen, war ihnen zuwider. Da übernahm Christine ihn zu gewinnen, und sie gewann ihn. Er wollte um die Sache nicht wissen, seinem Weibe zu Willen sein, den Priester holen, aber nicht eilen, und was in seiner Abwesenheit vorgehe, darnach wolle er nicht fragen; so fand er sich mit seinem Gewissen ab; mit Gott wollte er sich durch Messen abfinden, und für des armen Kindes Seele sei vielleicht auch noch etwas zu thun, dachte er, vielleicht gewinne der fromme Priester es dem Teufel wieder ab, dann seien sie aus dem Handel, hatten das Ihre gethan und den Bösen doch geprellt. So dachte der Mann, und jedenfalls, es möge nun gehen, wie es wolle, so hätte er an der ganzen Sache keine Schuld, sobald er nicht mit selbst eigenen Händen dabei thätig sei.

So war das arme Weibchen verkauft, und wußte es nicht, hoffte mit Bangen nach Rettung; und beschlossen im Rathe der Menschen war der Stoß in sein Herz – aber was der droben beschlossen hatte, das deckten noch die Wolken, die vor der Zukunft liegen.

Es war ein gewitterhaftes Jahr und die Erndte gekommen; alle Kräfte wurden angespannt, um in den heitern Stunden das Korn unter das sichere Dach zu bringen. Es war ein heißer Nachmittag, schwarze Häupter streckten die Wolken über die dunkeln Berge empor, ängstlich ums Dach flatterten die Schwalben, und dem armen Weibchen ward so eng und bang allein im Hause, denn selbst die Großmutter war draußen auf dem Acker zu helfen mit dem Willen mehr als mit der That. Da zuckte zweischneidend der Schmerz ihr durch Mark und Bein, es dunkelte vor ihren Augen, sie fühlte das Nahen ihrer Stunde, und war allein. Die Angst trieb sie aus dem Hause; schwerfällig schritt sie dem Acker zu, aber bald mußte sie sich niedersetzen; sie wollte in die Ferne die Stimme schicken, aber diese wollte nicht aus der beklemmten Brust. Bei ihr war ein klein Bübchen, das erst seine Beinchen brauchen lernte, das nie noch auf eignen Beinen auf dem Acker gewesen war, sondern nur auf der Mutter Arm. Dieses Bübchen mußte das arme Weib als ihren Boten brauchen, wußte nicht, ob es den Acker finden, ob seine Beinchen dahin es tragen würden. Aber das treue Bübchen sah, in welcher Angst die Mutter war, und lief und fiel und stand wieder auf, und die Katze jagte seine Kaninchen, Tauben und Hühner liefen ihm um die Füße, stoßend und spielend sprang sein Lamm ihm nach; aber das Bübchen sah Alles nicht, ließ sich nicht säumen und richtete treulich seine Botschaft aus.

Athemlos erschien die Großmutter, aber der Mann säumte; nur das Fuder solle er noch ausladen, hieß es. Eine Ewigkeit verstrich, endlich kam er, und wiederum verstrich eine Ewigkeit, endlich ging er langsam auf den langen Weg, und in Todesangst fühlte das arme Weib, wie ihre Stunde schneller und schneller nahte.

Frohlockend hatte Christine draußen auf dem Acker Allem zugesehen. Heiß brannte wohl die Sonne zu der schweren Arbeit, aber die Spinne brannte fast gar nicht mehr und leicht schien ihr der Gang in den nächsten Stunden. Sie trieb fröhlich die Arbeit und eilte mit dem Heimgehn nicht, wußte sie doch, wie langsam der Bote war. Erst als die letzte Garbe geladen war, und Windstöße das nahe Gewitter verkündeten, eilte Christine ihrer Beute zu, die ihr gesichert war; so meinte sie. Und als sie heimging, da winkte sie bedeutungsvoll manchem Begegnenden; sie nickten ihr zu, trugen rasch die Botschaft heim; da schlotterte manches Knie und manche Seele wollte beten in unwillkürlicher Angst, aber sie konnte nicht.

Drinnen im Stübchen wimmerte das arme Weib und zu Ewigkeiten wurden die Minuten, und die Großmutter vermochte den Jammer nicht zu stillen, mit Beten und Trösten. Sie hatte das Stübchen wohl verschlossen und schweres Geräthe vor die Thüre gestellt. So lange sie allein im Hause waren, war es noch dabei zu sein, aber als sie Christine heimkommen sahen, als sie schleichende Tritte an der Thüre hörten, als sie draußen noch manch andern Tritt hörten und heimliches Flüstern, kein Priester sich zeigte, kein anderer treuer Mensch, und näher und näher der sonst so ersehnte Augenblick trat, da kann man sich denken, in welcher Angst die armen Weiber schwammen, wie in siedendem Oele, ohne Hülfe und ohne Hoffnung. Sie hörten, wie Christine nicht von der Thüre wich; es fühlte das arme Weib ihrer wilden Schwägerin feurige Augen durch die Thüre hindurch, und sie brannten sie durch Leib und Seele. Da wimmerte das erste Lebenszeichen eines Kindes durch die Thüre, unterdrückt so schnell als möglich, aber zu spät. Die Thüre flog auf von wüthendem vorbereiteten Stoße, und wie auf seinen Raub der Tiger stürzt, stürzt Christine auf die arme Wöchnerin. Die alte Frau, die dem Sturm sich entgegenwirft, fällt nieder; in heiliger Mutterangst rafft die Wöchnerin sich auf, aber der schwache Leib bricht zusammen, in Christinens Händen ist das Kind; ein gräßlicher Schrei bricht aus dem Herzen der Mutter, dann hüllt sie in schwarzen Schatten die Ohnmacht.

Zagen und Grauen ergriff die Männer, als Christine mit dem geraubten Kinde heraus kam. Das Ahnen einer grausen Zukunft ging ihnen auf, aber keiner hatte Muth, die That zu hemmen, und die Furcht vor des Teufels Plagen war stärker, als die Furcht vor Gott. Nur Christine zagte nicht; glühend leuchtete ihr Gesicht, wie es dem Sieger leuchtet nach überstandenem Kampfe; es war ihr, als ob die Spinne in sanftem Jucken ihr liebkose; die Blitze, die auf ihrem Wege zum Kilchstalden sie umzüngelten, schienen ihr fröhliche Lichter, der Donner ein zärtlich Grollen, ein lieblich Säuseln der racheschnaubende Sturm.

Hans, des armen Weibes Mann, hatte sein Versprechen nur zu gut gehalten. Langsam war er seines Weges gegangen, hatte bedächtig jeden Acker beschaut, jedem Vogel nachgesehen, den Fischen im Bache abgewartet, wie sie sprangen und Mücken fingen vor dem eintretenden Gewitter. Dann juckte er vorwärts, rasche Schritte that er, einen Ansatz zum Springen nahm er; es war etwas in ihm, das ihn jagte, das ihm die Haare auf dem Kopfe emportrieb; es war das Gewissen, das ihm sagte, was ein Vater verdiene, der Weib und Kind verrathe; es war die Liebe, die er doch noch hatte zu seinem Weibe und seiner Leibesfrucht. Aber dann hielt ihn wieder ein anderes, und das war stärker als das erste, es war die Furcht vor den Menschen, die Furcht vor dem Teufel und die Liebe zu dem, was dieser ihm nehmen konnte. Dann ging er wieder langsamer, langsam wie ein Mensch, der seinen letzten Gang thut, der zu seiner Richtstätte geht. Vielleicht war es auch so; weiß doch gar mancher Mensch nicht, daß er den letzten Gang thut; wenn er es wüßte, er thäte ihn nicht, oder anders.

So war es spät geworden, ehe er auf Sumiswald kam. Schwarze Wolken jagten über den Münneberg her; schwere Tropfen fielen, versengten im Staube, und dumpf begann das Glöcklein im Thurme die Menschen zu mahnen, daß sie denken möchten an Gott und ihn bitten, daß er sein Gewitter nicht zum Gerichte werden lasse über sie. Vor seinem Hause stand der Priester, zu jeglichem Gange gerüstet, damit er bereit sei, wenn sein Herr, der über seinem Haupte daher fuhr, zu einem Sterbenden oder einem brennenden Hause oder sonst wohin ihn rufe. Als er Hans kommen sah, erkannte er den Ruf zum schweren Gange, schürzte sein Gewand und sandte Botschaft seinem läutenden Sigrist, daß er sich ablösen lasse am Glockenstrang und sich einfinde zu seinem Begleit. Unterdessen stellte er Hans einen Labetrunk vor, so wohlthätig nach raschem Laufe in schwüler Luft, dessen Hans nicht bedürftig war; der Priester ahndete die Tücke des Menschen nicht. Bedächtig labte sich Hans. Zögernd fand der Sigrist sich ein, und nahm gerne Theil an dem Tranke, den Hans ihm bot. Gerüstet stand vor ihnen der Priester, verschmähend jeden Trank, den er zu solchem Gang und Kampf nicht bedurfte. Er hieß ungerne von der Kanne weggehen, die er aufgestellt, ungerne verletzte er die Rechte des Gastes; aber er kannte ein Recht, das höher war als das Gastrecht, das säumige Trinken fuhr ihm zornig durch die Glieder.

Er sei fertig, sagte er endich, ein bekümmert Weib harre, und über ihm sei eine grauenvolle Unthat, und zwischen das Weib und die Unthat müßte er stehen mit heiligen Waffen, darum sollten sie nicht säumen, sondern kommen, droben werde wohl noch etwas sein, für den, der den Durst hier unten nicht gelöscht. Da sprach Hans, des harrenden Weibes Mann: es eile nicht so sehr, bei seinem Weibe gehe jede Sache schwer. Und alsobald flammte ein Blitz in die Stube, daß Alle geblendet waren, und ein Donner brach los überm Hause, daß jeder Pfosten am Hause, jedes Glied im Hause bebte. Da sprach der Sigrist, als er seinen Segenspruch vollendet: Hört wie es macht draußen, und der Himmel hat selbst bestätigt, was Hans gesagt, daß wir warten sollen, und was nützte es, wenn wir gingen, lebendig kämen wir doch nimmer hinauf, und er selbst hat ja gesagt, daß es bei seinem Weibe nicht solche Eile habe. Und allerdings stürmte ein Gewitter daher, wie man in Menschengedenken nicht oft erlebt. Aus allen Schlünden und Gründen stürmte es heran, stürmte von allen Seiten, von allen Winden getrieben über Sumiswald zusammen; und jede Wolke ward zum Kriegesheer und eine Wolke stürmte an die andere, eine Wolke wollte der andern Leben, und eine Wolkenschlacht begann und das Gewitter stund, und Blitz auf Blitz ward entbunden, und Blitz auf Blitz schlug zur Erde nieder, als ob sie sich einen Durchgang bahnen wollten durch der Erde Mitte auf der Erde andere Seite. Ohne Unterlaß brüllte der Donner, zornesvoll heulte der Sturm, geborsten war der Wolken Schooß, Fluthen stürzten nieder, aber seiner Gefährten wegen zauderte er. Als so plötzlich und gewaltig die Wolkenschlacht losbrach, da hatte der Priester dem Sigristen nicht geantwortet, aber sich nicht niedergesetzt, und ein immersteigendes Bangen ergriff ihn, ein Drang kam ihn an, sich hinauszustürzen in der Elemente Toben; da ward ihm als höre er durch des Donners schreckliche Stimme eines Weibes markdurchschneidenden Wehruf; der Donner ward ihm plötzlich zu Gottes schrecklichem Scheltwort seiner Säumniß; er machte sich auf, was auch die beiden andern sagen mochten. Er schritt, gefaßt auf Alles, hinaus in die feurigen Wetter, in des Sturmes Wuth, der Wolken Fluth; langsam, unwillig kamen die Beiden ihm nach.

Es sauste und brauste und tosete, als sollten diese Töne zusammenschmelzen zur letzten Posaune, die der Welten Untergang verkündet, und feurige Garben fielen über das Dorf, als sollte jede Hütte auflammen; aber der Diener dessen, der dem Donner seine Stimme gibt und den Blitz zu seinem Knechte hat, hat sich vor diesem Mitknechte des gleichen Herrn nicht zu fürchten, und wer auf Gottes Wegen geht, kann getrost Gottes Wettern das Seine überlassen. Darum schritt der Priester unerschrocken durch die Wetter dem Kilchstalden zu. Aber nicht in gleichem Muthe folgten ihm die andern, denn nicht am gleichen Orte war ihr Herz; sie wollten nicht den Kilchstalden ab, nicht in solchem Wetter, nicht in später Nacht, und Hans hatte noch einen besondern Grund, warum er nicht wollte. Sie baten den Priester umzukehren, auf andern Wegen zu gehen, Hans wußte nähere, der Sigrist bessere, beide warnten vor den Wassern im Thale, der aufgeschwollenen Grüne. Aber der Priester hörte nicht, achtete ihrer Rede nicht; von einem wunderbaren Drange getrieben, eilte er auf den Flügeln des Gebetes dem Kilchstalden zu, sein Fuß stieß an keinen Stein, sein Auge ward durch keinen Blitz geblendet; bebend und weit hinter ihm, gedeckt, wie sie meinten, durch das Heiligste, das der Priester selbsten trug, folgten Hans und der Sigrist ihm nach.

Als sie aber hinaus kamen vor das Dorf, wo ins Thal hinunter der Stalden sich senkt, da steht der Priester plötzlich still und schirmt mit der Hand die Augen. Unterhalb der Kapelle schimmert in des Blitzes Schein eine rothe Feder, und des Priesters scharfes Auge sieht aus grünem Haage hervorragen ein schwarzes Haupt, und auf diesem schwankt die rothe Feder. Und wie er noch länger schaut, sieht er am jenseitigen Abhange in schnellstem Laufe, wie gejagt von des Windes wildestem Stoße, daher fliegen eine wilde Gestalt dem dunkeln Haupte zu, auf dem einer Fahne gleich die rothe Feder schwankte.

Da loderte im Priester auf der heilige Kampfesdrang, der, den Bösen ahnend, über die kömmt, die Gott geweihten Herzens sind, wie der Trieb über das Samenkorn kömmt, wenn das Leben in dasselbe dringt, wie er in die Blume dringt, wenn sie sich entfalten soll, wie er über den Helden kömmt, wenn sein Feind das Schwert erhebt. Und wie der Lechzende in des Stromes kühle Fluth, wie der Held zur Schlacht, stürzte der Priester den Stalden nieder, stürzte zum kühnsten Kampf, drang zwischen den Grünen und Christine, die eben das Kindlein in des andern Arme legen wollte, mitten hinein, schmetterte zwischen sie die drei höchsten heiligen Namen, hält das Heiligste dem Grünen ans Gesicht, sprengt heiliges Wasser über das Kind und trifft Christine zugleich. Da fährt mit fürchterlichem Wehegeheul der Grüne von dannen, wie ein glutrother Streifen zuckt er dahin, bis die Erde ihn verschlingt; vom geweihten Wasser berührt, schrumpft mit entsetzlichem Zischen Christine zusammen, wie Wolle im Feuer, wie Kalk im Wasser, schrumpft zischend, Flammen sprühend zusammen, bis auf die schwarze, hochaufgeschwollene, grauenvolle Spinne in ihrem Gesichte, schrumpft mit dieser zusammen, zischt in diese hinein, und diese sitzt nun giftstrotzend trotzig mitten auf dem Kinde, und sprüht aus ihren Augen zornige Blicke dem Priester entgegen. Dieser sprengt ihr Weihwasser entgegen, es zischt wie auf heißem Steine gewöhnliches Wasser; immer größer wird die Spinne, streckt immer weiter ihre schwarzen Beine aus über das Kind, glotzt immer giftiger den Priester an; da faßt dieser in feuriger Glaubenswuth nach ihr mit kühner Hand. Es ist als wenn er griffe in glühende Stacheln hinein, aber unerschüttert greift er fest, schleudert das Ungeziefer weg, faßt das Kind, und eilt mit ihm sonder Weile der Mutter zu.

Und wie sein Kampf zu Ende war, stillte sich auch der Kampf der Wolken, sie eilten wieder in ihre dunkeln Kammern; bald flimmerte in stillem Sternenlicht das Thal, in dem kurz vorher die wildeste Schlacht getobet, und fast athemlos ereilte der Priester das Haus, in welchem an Mutter und Kind die Frevelthat begangen worden.

Dort war die Mutter noch ohnmächtig, mit dem gellenden Schrei hatte sie ihr Leben fortgesendet; neben ihr saß betend die Alte, sie baute noch auf Gott, daß er mächtiger sei als der Teufel böse. Mit dem Kinde brachte der Priester der Mutter auch das Leben zurück. Als sie erwachend das Kindlein wieder sah, durchfloß sie eine Wonne, wie sie nur die Engel im Himmel kennen, und auf der Mutter Armen taufte der Priester das Kind im Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes; und jetzt war es entrissen des Teufels Gewalt auf immer, bis es sich ihm freiwillig übergeben wollte. Aber vor dem hütete es Gott, in dessen Gewalt jetzt seine Seele übergeben worden, während der Leib von der Spinne vergiftet blieb.

Bald schied seine Seele wieder, und wie mit Brandflecken war das Leibchen gezeichnet. Die arme Mutter weinte wohl, aber wo jeder Theil wieder dahin gehet, wo er hin gehöret: zu Gott die Seele, zur Erde der Leib, da findet sich der Trost ein, früher dem, später jenem.

Sobald der Priester sein heilig Amt verrichtet hatte, begann er ein seltsam Jucken zu fühlen in Hand und Arm, womit er die Spinne weggeschleudert. Kleine schwarze Flecken sah er auf der Hand, sichtbarlich wurden sie größer und schwollen auf; Todesschauer rieselte ihm durchs Herz. Er segnete die Weiber und eilte heim; die heiligen Waffen wollte er als getreuer Streiter wieder dahin bringen, wo sie hin gehörten, damit sie einem andern nach ihm zur Hand seien. Hoch auf schwoll der Arm, schwarze Beulen quollen immer höher auf; er kämpfte mit des Todes Mattigkeit, aber er erlag ihr nicht.

Als er an den Kilchstalden kam, da sah er Hans, den gottvergeßnen Vater, von dem man nicht wußte wo er geblieben, mitten im Wege auf dem Rücken liegen. Hochgeschwollen und brandschwarz war sein Gesicht, und mitten auf demselben saß groß und schwarz und grausig die Spinne. Als der Pfarrer kam, blähte sie sich auf, giftig bäumten sich die Haare auf ihrem Rücken, giftig und sprühend glotzten ihre Augen ihn an, sie that wie die Katze, wenn sie sich rüstet zu einem Sprunge in ihres Todfeindes Gesicht. Da begann der Priester einen guten Spruch und hob die heiligen Waffen und die Spinne schrack zusammen, kroch langbeinig vom schwarzen Gesichte, verlor sich in zischendem Grase. Darauf ging der Pfarrer vollends heim, stellte das Allerheiligste an seinen Ort, und während wilde Schmerzen den Leib zum Tode rissen, harrte in süßem Frieden seine Seele ihres Gottes, für den sie recht gestritten in kühnem Gotteskampfe, und lange ließ Gott sie nicht harren.

Aber solch süßer Friede, der still des Herrn harret, war hinten im Thale, war oben auf den Bergen nicht.

Von dem Augenblicke an, als Christine mit dem geraubten Kinde den Berg hinunter gefahren war dem Teufel zu, war heilloser Schreck in alle Herzen gefahren. Während dem fürchterlichen Ungewitter bebten die Menschen in den Schrecken des Todes, denn ihre Herzen wußten wohl, wenn Gottes Hand vernichtend über sie komme, so sei es mehr als wohlverdient. Als das Gewitter vorüber war, lief die Kunde von Haus zu Haus, wie der Pfarrer das Kindlein zurückgebracht und getauft, aber kein Hans, keine Christine gesehen worden.

Der grauende Morgen fand lauter bleiche Gesichter, und die schöne Sonne färbte sie nicht, denn Alle wußten wohl, daß nun erst das Schreckliche kommen werde. Da hörte man, daß mit schwarzen Beulen der Pfarrer gestorben, man fand Hans mit schrecklichem Gesichte, und von der gräßlichen Spinne, in die Christine verwandelt worden, hörte man seltsam verwirrte Worte.

Es war ein schöner Erndtetag, aber keine Hand rührte sich zur Arbeit; die Leute liefen zusammen, wie man es pflegt, am Tage nach dem Tage, an welchem ein großes Unglück begegnet ist. Sie fühlten erst jetzt in ihren bebenden Seelen so recht was es heiße, von irdischer Noth und Plage mit einer unsterblichen Seele sich loskaufen zu wollen; fühlten, daß ein Gott im Himmel sei, der alles Unrecht, das armen Kindern, die sich nicht wehren können, angethan wird, fürchterlich räche. So stunden sie bebend zusammen, und jammerten, und wer bei den Andern war, der durfte nicht mehr heim, und doch war Zank und Streit unter ihnen, und Einer gab dem Andern Schuld, und Jeder wollte abgemahnt und gewarnt haben, und Jeder hatte nichts darwieder, daß Strafe die Schuldigen treffe, sich und sein Haus wollte aber Jeder ohne Strafe. Und wenn sie in diesem schrecklichen Harren und Streiten ein neu unschuldig Opfer gewußt hätten, es wäre Keiner gewesen, der nicht an demselben gefrevelt, in der Hoffnung, sich selbst zu retten.

Da schrie mitten im Haufen Einer entsetzlich auf, es war ihm, als sei er in einen glühenden Dorn getreten, als nagle man mit glühendem Nagel den Fuß an den Boden, als ströme Feuer durch das Mark seiner Gebeine. Der Haufe fuhr auseinander, und alle Augen sahen nach dem Fuße, gegen den die Hand des Schreienden fuhr. Auf dem Fuße aber saß schwarz und groß die Spinne und glotzte giftig und schadenfroh in die Runde. Da starrte Allen zuerst das Blut in den Adern, der Athem in der Brust, der Blick im Auge, und ruhig und schadenfroh glotzte die Spinne umher, und der Fuß ward schwarz und im Leibe wars, als kämpft zischend und wüthend Feuer mit Wasser; die Angst sprengte die Fesseln des Schreckens, der Haufe stob auseinander. Aber in wunderbarer Schnelle hatte die Spinne ihren ersten Sitz verlassen, und kroch diesem über den Fuß und jenem an die Ferse, und Glut fuhr durch ihren Leib und ihr gräßlich Geschrei jagte die Fliehenden noch heftiger. In Windeseile, in Todesschrecken, wie das gespenstige Wild vor der wilden Jagd, stoben sie ihren Hütten zu, und Jeder meinte hinter sich die Spinne, verrammelte die Thüre, und hörte doch nicht auf zu beben in unsäglicher Angst.

Und einen Tag war die Spinne verschwunden, kein neues Todesgeschrei hörte man, die Leute mußten die verrammelten Häuser verlassen, mußten Speise suchen fürs Vieh und für sich, sie thaten es mit Todesangst. Denn wo war jetzt die Spinne, und konnte sie nicht hier sein und unversehens auf den Fuß sich setzen? Und wer am vorsichtigsten niedertrat und mit den Augen am schärfsten spähte, der sah die Spinne plötzlich sitzend auf Hand oder Fuß, sie lief ihm übers Gesicht, saß schwarz und groß ihm auf der Nase, und glotzte ihm in die Augen, feurige Stacheln wühlten sich in sein Gebein, der Brand der Hölle schlug über ihn zusammen, bis der Tod ihn streckte.

So war die Spinne bald nirgends, bald hier, bald dort, bald im Thale unten, bald auf den Bergen oben; sie zischte durchs Gras, sie fiel von der Decke, sie tauchte aus dem Boden auf. Am hellen Mittage, wenn die Leute um ihr Habermuß saßen, erschien sie glotzend unten am Tisch, und ehe die Menschen vom Schrecken auseinander gesprengt, war sie allen über die Hände gelaufen, saß oben am Tisch auf des Hausvaters Haupte, und glotzte über den Tisch, über die schwarz werdenden Hände weg. Sie fiel des Nachts den Leuten ins Gesicht, begegnete ihnen im Walde, suchte sie heim im Stalle. Die Menschen konnten sie nicht meiden, sie war nirgends und allenthalben, konnten im Wachen vor ihr sich nicht schützen, waren schlafend vor ihr nicht sicher. Wenn sie am sichersten sich wähnten unterem freien Himmel, auf eines Baumes Gipfel, so kroch Feuer ihnen den Rücken auf, der Spinne feurige Füße fühlten sie im Nacken, sie glotzte ihnen über die Achsel. Das Kind in der Wiege, den Greis auf dem Sterbebette schonte sie nicht; es war ein Sterbet, wie man noch von keinem wußte, und das Sterben daran war schrecklicher, als man es je erfahren; und schrecklicher noch als das Sterben war die namenlose Angst vor der Spinne, die allenthalben war und nirgends, die, wenn man am sichersten sich wähnte, einem todtbringend plötzlich in die Augen glotzte.

Die Kunde von diesen Schrecken war natürlich alsobald ins Schloß gedrungen, und hatte auch dorthin Schreck und Streit gebracht, so weit er bei den Regeln des Ordens stattfinden konnte. Dem von Stoffeln machte es bange, daß auch sie eben so heimgesucht werden möchten, wie früher ihr Vieh, und der verstorbene Priester hatte manches geäußert, welches ihm jetzt die Seele aufrührte. Er hatte ihm manchmal gesagt, daß alles Leid, welches er den Bauern anthue, auf ihn zurück fahre; aber er hatte es nie geglaubt, weil er meinte, Gott werde einen Unterschied zu machen wissen zwischen einem Ritter und einem Bauer, hätte er sie doch sonst nicht so verschieden erschaffen. Aber jetzt war ihm doch Angst, es gehe nach des Priesters Wort, gab harte Worte seinen Rittern und meinte, es käme jetzt schwere Strafe ihrer leichtfertigen Worte wegen. Die Ritter aber wollten auch nicht Schuld sein, und Einer schob es dem Andern zu, und wenn es auch Keiner sagte, so meintens doch Alle, das gehe eigentlich nur den von Stoffeln an, denn wenn man es recht nehme, so sei der an Allem Schuld. Und neben diesem sahen sie einen jungen Polenritter an, der hatte eigentlich die meisten leichtfertigen Worte über das Schloß gesprochen, und den von Stoffeln am meisten zum neuen Bau und vermessenen Schattengange gereizt. Der war noch sehr jung, aber der wildeste von Allen, und wenn es eine vermessene That galt, so war er voran; er war wie ein Heide und fürchtete weder Gott noch Teufel. Der merkte wohl, was die Andern meinten, aber ihm nicht sagen durften, merkte auch ihre heimliche Angst. Darum höhnte er sie und sagte, wenn sie vor einer Spinne sich fürchteten, was sie dann gegen Drachen machen wollten? Dann wappnete er sich gut und ritt ins Thal hinauf, sich vermessend, nicht zurückkehren zu wollen, bis sein Stoß die Spinne hingestreckt, seine Faust sie zerdrückt.

Wilde Hunde sprangen um ihn her, der Falke saß ihm auf der Faust, am Sattel hing die Lanze, lustig bäumte sich das Pferd; halb schadenfroh, halb ängstlich sah man ihn aus dem Schlosse reiten und gedachte der nächtlichen Wache auf Bärhegen, wo die Kraft der weltlichen Waffen gegen diesen Feind so schlecht sich bewährt hatte.

Er ritt am Saume eines Tannenwaldes dem nächsten Gehöfte zu, scharfen Auges spähend um und über sich. Als er das Haus erblickte, Leute darum, rief er den Hunden, machte das Haupt des Falken frei, lose klirrte in der Scheide der Dolch. Wie der Falke die geblendeten Augen zum Ritter kehrte, seines Winkes gewärtig, prallte er ab der Faust und schoß in die Luft, die hergesprungenen Hunde heulten auf und suchten mit dem Schweife zwischen den Beinen das Weite. Vergebens ritt und rief der Ritter, seine Thiere sah er nicht wieder. Da ritt er den Menschen zu, wollte Kunde einziehen, sie stunden ihm, bis er nahe kam. Da schrien sie gräßlich auf und flohen in Wald und Schlucht, denn auf des Ritters Helm saß schwarz, in übernatürlicher Größe die Spinne und glotzte giftig und schadenfroh ins Land. Was er suchte, das trug der Ritter und wußte es nicht; in glühendem Zorne rief und ritt er den Menschen nach, rief immer wüthender, ritt immer toller, brüllte immer entsetzlicher, bis er und sein Roß über eine Fluh hinab zu Thale stürzten. Dort fand man Helm und Leib, und durch den Helm hindurch hatten die Füße der Spinne sich gebrannt, dem Ritter bis ins Gehirn hinein, den schrecklichsten Brand ihm dort entzündet, bis er den Tod gefunden.

Da kehrte der Schreck erst recht ein ins Schloß; sie schlossen sich ein und fühlten sich doch nicht sicher; sie suchten nach geistigen Waffen, fanden aber lange Niemand, der sie zu führen wußte und zu führen wagte. Endlich ließ sich ein ferner Pfaffe locken mit Geld und Worte; er kam und wollte ausziehen mit heiligem Wasser und heiligen Sprüchen gegen den bösen Feind. Dazu aber stärkte er sich nicht mit Gebet und Fasten, sondern er tafelte des Morgens früh mit den Rittern, und zählte die Becher nicht und lebte wohl an Hirsch und Bär. Dazwischen redete er viel von seinen geistigen Heldenthaten, und die Ritter von ihren weltlichen, und die Becher zählte man sich nicht nach und die Spinne vergaß man. Da löschte auf einmal alles Leben aus, die Hände hielten erstarrt Becher oder Gabel, der Mund blieb offen, stier waren alle Augen auf einen Punkt gerichtet; nur der von Stoffeln trank den Becher leer und erzählte an einer Heldenthat im Heidenlande. Aber auf seinem Kopfe saß groß die Spinne und glotzte um den Rittertisch, und der Ritter fühlte sie nicht. Da begann die Gluth zu strömen durch Gehirn und Blut, gräßlich schrie er auf, fuhr mit der Hand nach dem Kopfe, aber die Spinne war nicht mehr dort, war in ihrer schrecklichen Schnelle den Rittern allen über ihre Gesichter gelaufen, keiner konnte es wehren; einer nach dem andern schrie auf, von Gluth verzehrt, und von des Pfaffen Glatze nieder glotzte sie in den Gräuel hinein, und mit dem Becher, der nicht aus seiner Hand wollte, wollte der Pfaffe den Brand löschen, welcher loderte vom Kopfe herab durch Mark und Bein. Aber dieser Waffe trotzte die Spinne und glotzte von ihrem Throne herab in den Gräuel, bis der letzte Ritter den letzten Schrei ausgestoßen, am letzten Athemzuge geendet.

Im Schlosse blieben nur wenige Diener verschont, die nie Hohn mit den Bauern getrieben; sie erzählten, wie schrecklich es gegangen. Das Gefühl, daß den Rittern ihr Recht geschehen, tröstete aber die Bauern nicht, der Schreck ward immer größer, gräßlicher. Mancher suchte zu fliehen. Die Einen wollten das Thal verlassen, aber gerade die fielen der Spinne zu. Auf dem Wege fand man ihre Leichname. Andere flohen auf die hohen Berge, aber droben vor ihnen war die Spinne, und wenn sie sich gerettet glaubten, so saß ihnen die Spinne im Nacken oder im Gesicht. Das Unthier ward immer boshafter, immer teuflischer. Es überraschte nicht mehr unerwartet, brannte nicht mehr unversehens den Tod ein; es saß vor dem Menschen im Grase, hing über ihm am Baume, glotzte giftig ihn an. Dann floh der Mensch, so weit seine Füße ihn trugen, und stund er athemlos stille, so saß die Spinne vor ihm, und glotzte giftig ihn an. Floh er abermal, und mußte er abermals die Schritte hemmen, so saß sie wieder vor ihm, und konnte er nicht mehr fliehen, dann erst kroch sie langsam an ihn heran und gab ihm den Tod. Da versuchte wohl Mancher in der Verzweiflung Widerstand, und ob die Spinne nicht zu tödten sei; warf zentnerige Steine auf sie, wenn sie vor ihm im Grase saß, schlug mit Keulen, mit Beilen nach ihr; aber Alles war umsonst, der schwerste Stein erdrückte sie nicht, das schärfste Beil verletzte sie nicht, unversehens saß sie dem Menschen im Gesicht, unversehrt kroch sie an ihn heran. Flucht, Widerstand, alles war eitel. Da ging alles Hoffen aus, und Verzweiflung füllte das Thal, saß auf den Bergen.

Ein einziges Haus hatte das Unthier bis dahin verschont, und war nie in demselben erschienen; es war das Haus, in welchem Christine gewohnt, aus welchem sie das Kindlein geraubet. Ihren eigenen Mann hatte sie auf einsamer Weide angefallen; dort fand man seinen Leichnam gräßlich zugerichtet, wie keinen andern, seine Züge zerrissen in unaussprechlichem Schmerze; an ihm hatte sie ihren gräßlichsten Zorn ausgelassen, das gräßlichste Wiedersehen dem Ehemanne bereitet. Aber wie es zuging, hat Niemand gesehen.

Zum Hause war sie noch nicht gekommen; ob sie es bis zuletzt sparen wollte, oder ob sie sich scheute davor, das errieth man nicht.

Aber nicht weniger als an andern Orten war die Angst dort eingekehrt.

Das fromme Weibchen war genesen, und es zagte nicht für sich, aber fast sehr um sein treues Bübchen und dessen Schwesterchen, und wachte über sie Tag und Nacht, und die treue Großmutter theilte ihre Sorgen und Wachen. Und gemeinsam beteten sie zu Gott, daß er ihnen ihre Augen offen halten möchte zur Wache, daß er sie erleuchten und stärken möchte zur Rettung der unschuldigen Kindlein.

Oft war es ihnen, wenn sie wachten lange Nächte durch, als sehen sie die Spinne glimmen und glitzern im dunkeln Winkel, als glotze sie zum Fenster hinein, dann ward ihre Angst groß, denn sie wußten keinen Rath, wie vor der Spinne die Kindlein schützen, und um so brünstiger baten sie Gott um seinen Rath und Beistand. Sie hatten allerlei Waffen zur Hand gelegt, aber wie sie hörten, daß der Stein seine Schwere, das Beil seine Schärfe verliere, sie wieder bei Seite gelegt. Da kam es der Mutter immer deutlicher vor, immer lebendiger in den Sinn: wenn Jemand es wagen würde, die Spinne mit der Hand zu fassen, so vermöchte man sie zu überwältigen. Sie hörte auch von Leuten, die, als der Stein nichts half, mit der Hand sie zu erdrücken versuchten, allein vergeblich. Ein gräßlicher Gluthstrom, der durch Hand und Arm zuckte, tilgte jede Kraft und brachte den Tod ins Herz. Es kam ihr auch vor, zu erdrücken vermöchte sie die Spinne nicht, aber sie erfassen dürfte sie wohl, und so viel Kraft würde ihr Gott verleihen, dieselbe irgend wohin zu thun, sie unschädlich zu machen. Sie hatte schon oft gehört, wie kundige Männer Geister eingesperrt hätten in ein Loch in Felsen oder Holz, welches sie mit einem Nagel zugeschlagen, und so lange den Nagel Niemand ausziehe, müsse der Geist gebannt im Loche sein.

Gleiches zu versuchen drängte der Geist sie immer mehr. Sie bohrte ein Loch in das Bystal, das ihr am nächsten lag zur rechten Hand, wenn sie bei der Wiege saß, rüstete einen Zapfen, der scharf ins Loch paßte, weihte ihn mit geheiligtem Wasser, legte einen Hammer zurecht, und betete nun Tag und Nacht zu Gott um Kraft zur That. Aber manchmal war das Fleisch stärker als der Geist, und schwerer Schlaf drückte ihr die Augen zu, dann sah sie im Traume die Spinne, glotzend auf ihres Bübchens goldenen Locken, dann fuhr sie aus dem Traume, fuhr nach des Bübchens Locken. Dort aber war keine Spinne, ein Lächeln saß auf seinem Gesichtchen, wie Kindlein lächeln, wenn sie ihren Engel im Traume sehen; der Mutter aber glitzerten in allen Ecken der Spinne giftige Augen, und auf lange wich der Schlaf von ihr.

So hatte sie auch einmal nach strengem Wachen der Schlaf überwältigt, und dicht umnachtete er sie. Da war es ihr, als stürze der fromme Priester, der in der Rettung ihres Kindleins gestorben, herbei aus weiten Räumen und rufe aus der Ferne her: Weib, wache auf, der Feind ist da! Dreimal rief er so, und erst beim dritten Mal rang sie sich aus des Schlafes engen Banden; aber wie sie die schweren Augenlieder mühsam hob, sah sie langsam, giftgeschwollen die Spinne schreiten übers Bettlein hinauf, dem Gesichte ihres Bübchens zu. Da dachte sie an Gott und ergriff mit rascher Hand die Spinne. Da fuhren Feuerströme von derselben aus, der treuen Mutter durch Hand und Arm bis ins Herz hinein; aber Muttertreue und Mutterliebe drückten die Hand ihr zu, und zum Aushalten gab Gott die Kraft. Unter tausendfachen Todesschmerzen drückte sie mit der einen Hand die Spinne ins bereitete Loch, mit der andern den Zapfen davor und schlug mit dem Hammer ihn fest.

Drinnen sauste und brauste es, wie wenn mit dem Meere die Wirbelwinde streiten, das Haus wankte in seinen Grundfesten, aber fest saß der Zapfen, gefangen blieb die Spinne.

Die treue Mutter aber freute sich noch, daß ihr Kindlein gerettet, dankte Gott für seine Gnade, dann starb sie auch den gleichen Tod wie Alle, aber ihre Muttertreue löschte die Schmerzen aus, und die Engel geleiteten ihre Seele zu Gottes Thron, wo alle Helden sind, die ihr Leben eingesetzt für Andere, die für Gott und die Ihren Alles gewagt. Nun war der schwarze Tod zu Ende. Ruhe und Leben kehrten ins Thal zurück. Die schwarze Spinne ward nicht mehr gesehen zur selben Zeit, denn sie saß in jenem Loche gefangen, wo sie jetzt noch sitzt.“

„Was, dort im schwarzen Holz?“ schrie die Gotte, und fuhr eines Satzes vom Boden auf, als ob sie in einem Ameisenhaufen gesessen wäre. An jenem Holze hatte sie gesessen in der Stube. Und jetzt brannte sie der Rücken; sie drehte sich, sie schaute hinter sich, fuhr mit der Hand auf und ab, und kam nicht aus der Angst: die schwarze Spinne sitze ihr im Nacken. Auch den Andern waren die Herzen zugeklemmt, als der Großvater schwieg. Es war ein banges Schweigen über sie gekommen. Spott mochte Niemand wagen, der Sache beistimmen auch nicht gerne; es hörte Jeder lieber auf das erste Wort des Andern, um darnach die eigene Rede richten zu können, so verfehlte man sich am wenigsten. Da kam die Hebamme, die schon mehrere Male gerufen hatte, ohne Antwort zu bekommen, hergelaufen, ihr Gesicht brannte hochroth, es war, als ob die Spinne auf demselben herumgekrochen wäre. Sie begann zu schmählen, daß Niemand kommen wolle, wie laut sie auch rufe. „Das sei ihr doch auch eine wunderliche Sache; wenn man gekochet habe, so wolle Niemand zum Tisch, und wenn dann Alles nicht mehr gut sei, so solle sie Schuld sein an Allem, sie wisse wohl wie es gehe. So fettes Fleisch wie drinnen stehe, könne Niemand mehr essen, wenn es kalt geworden; dazu sei es noch gar ungesund.“ Nun kamen die Leute wohl, aber gar langsam, und Keiner wollte der Erste bei der Thüre sein, der Großvater mußte voran. Es war dießmal nicht sowohl die übliche Sitte, nicht den Schein haben zu wollen, als möge man nicht warten, bis man zum Essen komme, es war das Zögern, das Alle befällt, wenn sie am Eingang stehen eines schauerlichen Ortes, und doch war drinnen nichts schauerliches. Hell glänzten auf dem Tische, frisch gefüllt, die schönen Weinflaschen, zwei glänzende Schinken prangten, gewaltige Kalbs- und Schafbraten dampften, frische Züpfen lagen dazwischen, Teller mit Tateren (Torten), Teller mit dreierlei Küchlene waren dazwischen gezwängt, und auch die Kännchen mit dem süßen Thee fehlten nicht. So wars ein schönes Schauen, und doch achteten sich Alle desselben wenig, aber Alle sahen sich um mit ängstlichen Augen, ob nicht die Spinne aus irgend einer Ecke glitzere oder gar vom prangenden Schinken herab sie anglotze mit ihren giftigen Augen. Man sah sie nirgends, und doch machte Niemand die üblichen Komplimente: was man doch sinne, noch so viel aufzustellen; wer das doch essen solle, man habe bereits mehr als zu viel, sondern Alle drängten sich an die untern Ecken des Tisches, Niemand wollte hinauf.

Umsonst mahnte man die Gäste nach oben und zeigte auf die leeren Plätze, sie stunden unten wie angenagelt; vergebens schenkte der Kindbettimann ein und rief, sie sollten doch kommen und Gesundheit machen, es sei eingeschenkt! Da nahm derselbe die Gotte beim Arme und sagte: Sei du das Witzigeste und gieb das Exempel. Aber mit aller Kraft, und die war nicht klein, sperrte sich die Gotte und rief: Nicht um tausend Pfund sitze ich mehr da oben. Es gramselt mir den Rücken auf und nieder als führe man mit Nesseln daran herum. Und säße ich dort vor dem Bystal, so fühlte ich die schreckliche Spinne sonder Unterlaß im Nacken. Daran bist du Schuld, Großvater, sagte die Großmutter, warum bringst du solche Dinge aufs Tapet. So etwas trägt heut zu Tag nichts mehr ab, und kann dem ganzen Hause schaden. Und wenn einst die Kinder aus der Schule kommen und weinen und klagen, die andern Kinder hielten ihnen vor, ihre Großmutter sei eine Hexe gewesen und in’s Bystal gebannt, so hast du es dann.

Sei ruhig, Großmutter, sagte der Großvater, man hat heut zu Tag Alles bald wieder vergessen, und behält nichts mehr lange im Gedächtniß wie ehedem. Man hat die Sache von mir haben wollen und es ist besser die Leute vernehmen Punktum die Wahrheit, als daß sie selbst etwas ersinnen; die Wahrheit bringt unserm Hause keine Unehr. Aber kommt und sitzet, seht, vor den Zapfen will ich selbsten sitzen. Bin ich doch schon viel tausend Tage da gesessen ohne Furcht und ohne Zagen und darum auch ohne Gefährde. Nur wenn böse Gedanken in mir aufstiegen, die dem Teufel zur Handhabe werden konnten, so war es mir, als schnurre es hinter mir, wie eine Katze schnurret, wenn man sich mit ihr anläßt, ihr den Balg streicht, ihr behaglich wird, und mir fuhr es den Rücken auf seltsam und absonderlich. Sonst aber hält sie sich mäusestill da innen, und so lange man hier Außen Gott nicht vergißt, muß sie warten da Innen.

Da faßten die Gäste Muth und setzten sich, aber ganz nahe zum Großvater rückte Niemand. Jetzt endlich konnte der Kindbettimann vorlegen, legte ein mächtiges Stück Braten seiner Nachbarin auf den Teller, diese schnitt ein Stückchen davon ab, und legte den Rest auf des Nachbars Teller, ihn mit dem Daumen von der Gabel streifend. So ging das Stück um, bis einer sagte: er denke, er behalte es, es sei noch mehr, wo das gewesen sei; ein neues Stück begann die Runde. Während der Kindbettimann einschenkte und vorlegte, und die Gäste ihm sagten, er hätte heute einen strengen Tag, ging die Hebamme herum mit dem süßen Thee, stark gewürzt mit Safran und Zimmet, bot Allen an und fragte: wer ihn liebe, solle es nur sagen, er sei für Alle da. Und wer sagte, er sei Liebhaber, dem schenkte sie Thee in den Wein und sagte: sie liebe ihn auch, man möge den Wein viel besser ertragen, er mache einem nicht Kopfweh. Man aß und trank. Aber kaum war der Lärm vorbei, der allemal entsteht, wenn man hinter neue Gerichte geht, so ward man wieder stille, und ernst wurden die Gesichter, man merkte wohl, alle Gedanken waren bei der Spinne. Scheu und verstohlen blickten die Augen nach dem Zapfen hinter des Großvaters Rücken, und doch scheute Jeder sich, wieder davon anzufangen. Da schrie laut auf die Gotte und wäre fast vom Stuhle gefallen.

Eine Fliege war über den Zapfen gelaufen, sie hatte geglaubt, der Spinne schwarze Beine gramselten zum Loche heraus, und zitterte vor Schreck am ganzen Leibe. Kaum ward sie ausgelacht; ihr Schreck war willkommener Anlaß, von neuem von der Spinne anzufangen, denn, wenn einmal eine Sache unsere Seele recht berührt hat, so kommt dieselbe nicht so schnell davon los.

„Aber hör mal Vetter, sagte der ältere Götti, ist die Spinne seither nie aus dem Loche gekommen, sondern immer darin geblieben seit so vielen hundert Jahren.“ „Eh, sagte die Großmutter, es wäre besser man schwiege von der ganzen Sache, man hätte ja den ganzen Nachmittag davon geredet.“ „Eh Mutter, sagte der Vetter, laß deinen Alten reden, er hat uns recht kurze Zeit gemacht, und vorhalten wird Euch das Ding Niemand, stammet ihr ja nicht von Christine ab. Und du bringst unsere Gedanken doch nicht von der Sache ab, und wenn wir nicht von ihr reden dürfen, so reden wir auch von nichts anderm, dann gibts keine kurze Zeit mehr. Nun Großvater, rede, deine Alte wird es uns nicht vergönnen.“ „He wenn ihr es zwingen wollet, so zwinget es meinethalben, aber gescheidter wäre es gewesen, man hätte jetzt von etwas Anderm angefangen und besonders jetzt auf die Nacht hin“, sagte die Großmutter.

Da begann der Großvater, und alle Gesichter spannten sich wieder: „Was ich weiß, ist nicht mehr viel, aber was ich weiß, will ich sagen, es kann sich vielleicht in der heutigen Zeit Jemand ein Exempel daran nehmen, schaden würde es wahrhaftig vielen nichts.

Als die Leute die Spinne eingesperrt wußten, sie ihres Lebens wieder sicher waren, da soll es ihnen gewesen sein, als seien sie im Himmel und der liebe Gott mit seiner Seligkeit mitten unter ihnen, und lange ging es gut. Sie hielten sich zu Gott und flohen den Teufel, und auch die Ritter, die frisch eingezogen waren ins Schloß, hatten Respekt vor Gottes Hand und hielten milde die Menschen und halfen ihnen auf.

Dieses Haus aber betrachteten alle mit Ehrfurcht, fast wie eine Kirche. Anfangs schauderte es sie freilich, wenn sie es ansahen, den Kerker der schrecklichen Spinne sahen und dachten, wie leicht sie da losbrechen und das Elend von vornen anfangen könnte mit des Teufels Gewalt. Aber sie sahen bald, daß da Gottes Gewalt stärker sei als die des Teufels, und aus Dank gegen die Mutter, die für Alle gestorben, halfen sie den Kindern und bauten ihnen unentgeltlich den Hof, bis sie ihn selbsten arbeiten konnten. Die Ritter wollten ihnen bewilligen, ein neues Haus zu bauen, damit sie vor der Spinne sich nicht zu fürchten hätten, oder diese durch Zufall im bewohnten Hause los komme, und viele Nachbarn wollten ihnen helfen, die der Scheu vor dem Unthier, vor dem sie so schrecklich gezittert, nicht los werden konnten. Aber die alte Großmutter wollte es nicht thun. Sie lehrte ihre Enkel: hier sei die Spinne gebannt durch Gott Vater, Sohn und heiligen Geist, so lange diese drei heiligen Namen gelten in diesem Hause, so lange in diesen drei heiligen Namen an diesem Tische gegessen und getrunken werde, so lange seien sie vor der Spinne sicher und diese fest im Loche, und kein Zufall mache etwas an der Sache.

Hier an diesem Tische, hinter ihnen die Spinne, werden sie nie vergessen, wie nöthig ihnen Gott und wie mächtig er sei; so mahne sie die Spinne an Gott und müsse dem Teufel zum Trotz, ihnen zum Heil werden. Ließen sie aber von Gott, und wäre es hundert Stunden von da, so könnte die Spinne sie finden oder der Teufel selbst. Das faßten die Kinder, blieben im Hause, wuchsen gottesfürchtig auf, und über dem Hause war der Segen Gottes.

Das Bübchen, welches so treu an der Mutter gewesen, so treu die Mutter an ihm, wuchs auf zu einem stattlichen Manne, der lieb war Gott und Menschen, und Gnade bei den Rittern fand. Darum ward er auch gesegnet mit zeitlichem Gut, und vergaß Gott nie darob, ward nie geizig damit; er half Andern in ihren Nöthen, wie er wünschte, daß ihm geholfen werde in der letzten Noth; und wo er zu schwach zu eigener Hülfe war, da ward er ein um so kräftiger Fürsprecher bei Gott und Menschen. Er ward gesegnet mit einem weisen Weibe, und zwischen ihnen war ein unergründlicher Friede, darum blühten fromm ihre Kinder auf, und beide fanden spät einen sanften Tod. Seine Familie blühte fort in Gottesfurcht und Rechtthun.

Ja über dem ganzen Thale lag der Segen Gottes, und Glück war in Feld und Stall, und Friede unter den Menschen. Die schreckliche Lehre war den Menschen zu Herzen gegangen, sie hielten fest an Gott; was sie thaten, thaten sie in seinem Namen, und wo Einer dem Andern helfen konnte, da säumte er nicht. Vom Schlosse her ward ihnen kein Uebel, aber viel Gutes. Immer weniger Ritter wohnten dort, denn immer härter ward der Streit im Heidenlande und immer nöther jede Hand, die fechten konnte; die aber, welche im Schlosse waren, mahnte täglich die große Todtenhalle, in der die Spinne an Rittern wie an den Bauern ihre Macht geübt, daß Gott mit gleicher Kraft über Jedem sei, der von ihm abfalle, sei er Bauer oder Ritter.

So schwanden viele Jahre in Glück und Segen, und das Thal ward berühmt vor allen andern. Stattlich waren ihre Häuser, groß ihre Vorräthe, manch Geldstück ruhte im Kasten, ihr Vieh war das schönste zu Berg und Thal, und ihre Töchter waren berühmt Land auf und Land ab, und ihre Söhne gerne gesehen überall. Und dieser Ruhm welkte nicht über Nacht, wie dem Jonas seine Schattenstaude, sondern er dauerte von Geschlecht zu Geschlecht; denn in der gleichen Gottesfurcht und Ehrbarkeit wie die Väter lebten auch die Söhne von Geschlecht zu Geschlecht. Aber wie gerade in den Birnbaum, der am flüssigsten genähret wird, am stärksten treibt, der Wurm sich bohrt, ihn umfrißt, welken läßt und tödtet, so geschieht es, daß, wo Gottes Segenstrom am reichsten über die Menschen fließt, der Wurm in den Segen kömmt, die Menschen bläht und blind macht, daß sie ob dem Segen Gott vergessen, ob dem Reichthum, den, der ihn gegeben hat, daß sie werden wie die Israeliten, die, wenn Gott ihnen geholfen, ob goldenen Kälbern ihn vergaßen.

So wurden, nachdem viele Geschlechter dahingegangen, Hochmuth und Hoffart heimisch im Thale, fremde Weiber brachten und mehrten beides. Die Kleider wurden hoffärtiger, Kleinode sah man glänzen, ja selbst an die heiligen Zeichen wagte die Hoffart sich, und statt daß ihre Herzen während dem Beten inbrünstig bei Gott gewesen wären, hingen ihre Augen hoffärtig an den goldenen Kugeln ihres Rosenkranzes. So ward ihr Gottesdienst Pracht und Hoffart, ihre Herzen aber hart gegen Gott und Menschen. Um Gottes Gebote bekümmerte man sich nicht; seines Dienstes seiner Diener spottete man; denn wo viel Hoffart ist oder viel Geld, da kömmt gerne der Wahn, daß man seine Gelüsten für Weisheit hält, und diese Weisheit höher als Gottes Weisheit. Wie sie früher von den Rittern geplagt worden waren, so wurden sie jetzt hart gegen das Gesinde und plagten dieses; und je weniger sie selbst arbeiteten, um so mehr mutheten sie diesem zu, und je mehr sie Arbeit von Knechten und Mägden forderten, um so mehr behandelten sie dieselben wie unvernünftiges Vieh; und daß diese auch Seelen hätten, die zu wahren seien, dachten sie nicht. Wo viel Geld oder viel Hoffart ist, da fängt das Bauen an, Einer schöner als der Andere, und wie früher die Ritter bauten, so bauten jetzt sie, und wie früher die Ritter sie plagten, so schonten sie jetzt weder Gesinde noch Vieh, wenn der Bauteufel über sie kam. Dieser Wandel war auch über dieses Haus gekommen, während der alte Reichthum geblieben war.

Fast zweihundert Jahre waren verflossen, seit die Spinne im Loche gefangen saß; da war ein schlau und kräftig Weib hier Meister; sie war keine Lindauerin, aber doch glich sie Christine in vielen Stücken. Sie war auch aus der Fremde, der Hoffart, dem Hochmuthe ergeben, und hatte einen einzigen Sohn; der Mann war unter ihrer Meisterschaft gestorben. Dieser Sohn war ein schöner Bube, hatte ein gutes Gemüth und war freundlich mit Mensch und Vieh; sie hatte ihn auch gar lieb, aber sie ließ es ihn nicht merken. Sie meisterte ihn jeden Schritt und Tritt und keiner war ihr recht, den sie ihm nicht erlaubt, und längst war er erwachsen und durfte nicht zur Kameradschaft und an keine Kilbi, ohne der Mutter Begleit. Als sie ihn endlich alt genug glaubte, gab sie ihm ein Weib aus ihrer Verwandtschaft, eins nach ihrem Sinn. Jetzt hatte er zwei Meister statt nur einen, und beide waren gleich hoffärtig und gleich hochmüthig, und weil sie es waren, so sollte auch Christen es sein, und wenn er freundlich war und demüthig, wie es ihm so wohl anstund, so erfuhr er, wer Meister sei.

Schon lange war das alte Haus ihnen ein Dorn im Auge, und sie schämten sich seiner, da die Nachbarn neue Häuser hatten und doch kaum so reich als sie waren. Die Sage von der Spinne und was die Großmutter gesagt, war damals noch in Jedermanns Gedächtniß, sonst wäre das alte Haus längst schon eingerissen worden, aber Alle wehrten es ihnen. Sie nahmen aber dieses Wehren immer mehr für Neid, der ihnen kein neues Haus gönne. Zudem ward es ihnen immer unheimeliger im alten Hause. Wenn sie hier am Tische saßen, so war es ihnen entweder als schnurre hinter ihnen behaglich die Katze, oder als ginge leise das Loch auf und die Spinne ziele nach ihrem Nacken. Ihnen fehlte der Sinn, der das Loch vermachte, darum fürchteten sie sich immer mehr, das Loch möchte sich öffnen. Darum fanden sie einen guten Grund, ein neues Haus zu bauen, in welchem sie die Spinne nicht zu fürchten hätten, wie sie meinten. Das alte wollten sie dem Gesinde überlassen, das ihrer Hoffart oft im Wege war, so wurden sie räthig.

Christen that es sehr ungern, er wußte, was die alte Großmutter gesagt, und glaubte, daß der Familiensegen an das Familienhaus geknüpfet sei, und vor der Spinne fürchtete er sich nicht, und wenn er hier oben am Tische saß, so schien es ihm, er könne am andächtigsten beten. Er sagte, wie er es meinte, aber seine Weiber hießen ihn schweigen; und weil er ihr Knecht war, so schwieg er auch, weinte aber oft bitterlich, wenn sie es nicht sahen.

Dort oberhalb des Baumes, unter welchem wir gesessen, sollte ein Haus gebaut werden, wie keiner eines hätte in der ganzen Gegend.

In hoffärtiger Ungeduld, weil sie keinen Verstand vom Bauen hatten und nicht warten mochten, bis sie mit dem neuen Hause hochmüthig thun konnten, plagten sie beim Bauen Gesinde und Vieh übel, schonten selbst die heiligen Feiertage nicht, und gönnten ihnen auch des Nachts nicht Ruhe, und kein Nachbar war, der ihnen helfen konnte, daß sie zufrieden waren, dem sie nicht Böses nach gewünscht, wenn er nach unentgeltlicher Hülfe, wie man sie schon damals einander leistete, wieder heim ging, um auch zu seiner Sache zu sehen.

Als man aufrichtete und den ersten Zapfen in die Schwelle schlug, so rauchte es aus dem Loche herauf, wie nasses Stroh, wenn man es anbrennen will; da schüttelten die Werkleute bedenklich die Köpfe, und sagten es heimlich und laut, daß der neue Bau nicht alt werden werde, aber die Weiber lachten darüber, und achteten des Zeichens sich nicht. Als endlich das Haus erbaut war, zogen sie hinüber, richteten sich ein mit unerhörter Pracht und gaben als sogenannte Hausräuchi eine Kilbi, die drei Tage lang dauerte, und Kind und Kindeskinder noch davon erzählten im ganzen Emmenthal.

Aber während allen dreien Tagen soll man im ganzen Hause ein seltsam Surren gehört haben, wie das einer Katze, welcher es behaglich wird, weil man ihr den Balg streicht. Doch die Katze, von welcher es kam, konnte man trotz alles Suchens nicht finden, da ward Manchem unheimlich, und trotz aller Herrlichkeit lief er Mitten aus dem Feste. Nur die Weiber hörten nichts oder achteten sich dessen nicht, mit dem neuen Hause meinten sie alles gewonnen.

Ja, wer blind ist, sieht auch die Sonne nicht, und wer taub ist, hört auch den Donner nicht. Darum freuten die Weiber des neuen Hauses sich, wurden alle Tage hoffärtiger, dachten an die Spinne nicht, sondern führten im neuen Hause ein üppiges, arbeitsloses Leben mit putzen und essen; kein Mensch konnte es ihnen treffen, und an Gott dachten sie nicht.

Im alten Hause blieb das Gesinde alleine, lebte wie es wollte, und wenn Christen dasselbe auch unter seiner Aufsicht haben wollte, so duldeten die Weiber es nicht, und schalten ihn, die Mutter aus Hochmuth hauptsächlich, das Weib aus Eifersucht zu meist. Daher war drunten keine Ordnung und bald auch keine Gottesfurcht, und wo kein Meister ist, geht es so durchweg. Wenn kein Meister oben am Tische sitzt, kein Meister draußen und drinnen die Zügel hält, so meint sich bald der der Größte, welcher am wüstesten thut, und der der Beste, welcher die ruchlosesten Reden führt.

So ging es zu im Hause drunten, und das sämmtliche Gesinde glich bald einer Rudel Katzen, wenn sie am wüstesten thun. Von beten wußte man nichts mehr, hatte darum weder vor Gottes Willen, noch vor seinen Gaben Respekt. Wie die Hoffart der Meisterweiber keine Grenzen mehr kannte, so hatte der thierische Uebermuth des Gesindes keine Schranken mehr. Man schändete ungescheut das Brod, trieb das Habermuß über den Tisch weg mit den Löffeln sich an die Köpfe, ja, verunreinigte viehisch die Speise, um boshaft den Andern die Lust am Essen zu vertreiben. Sie neckten die Nachbarn, quälten das Vieh, höhnten jeden Gottesdienst, läugneten alle höhere Gewalt und plagten auf alle Weise den Priester, der strafend zu ihnen geredet hatte; kurz sie hatten keine Furcht mehr vor Gott und Menschen und thaten alle Tage wüster. Das wüsteste Leben führten Knechte und Mägde, und doch plagten sie einander wie nur möglich, und als die Knechte nicht mehr wußten, wie sie auf neue Art die Mägde quälen konnten, da fiel es einem ein, mit der Spinne im Loche die Mägde zu schrecken oder zahm zu machen. Er schmiß Löffel voll Habermuß oder Milch an den Zapfen, und schrie, die drinnen werde wohl hungerig sein, weil sie so viele hundert Jahre nichts gehabt.

Da schrien die Mägde gräßlich auf und versprachen alles was sie konnten, und selbst den andern Knechten graute es. Da das Spiel sich ungestraft wiederholte, so wirkte es nicht mehr, die Mägde schrien nicht mehr, versprachen nichts mehr, und die andern Knechte begannen es auch zu treiben. Nun fing der an mit dem Messer gegen das Loch zu fahren, mit den gräßlichsten Flüchen sich zu vermessen, er mache den Zapfen los, und wolle sehen was drinnen sei, und sie müßten einmal auch was neues sehn. Das weckte neues Entsetzen, und der Bursche, der das that, ward Allen Meister, und konnte zwingen was er wollte, besonders bei den Mägden.

Das soll aber auch ein seltsamer Mensch gewesen sein, man wußte nicht woher er kam. Er konnte sanft thun wie ein Lamm, und reißend wie ein Wolf; war er alleine bei einem Weibsbilde, so war er ein sanftes Lamm, vor der Gesellschaft aber war er wie ein reißender Wolf und that als ob er Alle haßte, als ob er über Alles aus wolle mit wüsten Thaten und Worten; solche sollen den Weibsbildern aber gerade die liebsten sein. Darum entsetzten sich die Mägde öffentlich vor ihm, sollen ihn aber doch, wenn sie alleine waren, am liebsten von Allen gehabt haben. Er hatte ungleiche Augen, aber man wußte nicht von welcher Farbe, und beide haßten einander, sahen nie den gleichen Weg, aber unter langem Augenhaar und demüthigem Niedersehen wußte er es zu verbergen. Sein Haar war schön gelockt, aber man wußte nicht war es roth oder falb; im Schatten war es das schönste Flachshaar, schien aber die Sonne darauf, so hatte kein Eichhörnchen einen röthern Pelz. Er quälte wie Keiner das Vieh. Dasselbe haßte ihn auch darnach. Von den Knechten meinte ein Jeder, er sei sein Freund, und gegen Jeden wies er die Andern auf. Den Meisterweibern war er unter Allen alleine recht; er alleine war oft im obern Hause, dann thaten unten die Mägde wüst; so bald er es merkte, steckte er sein Messer an den Zapfen und begann sein Drohen, bis die Mägde zum Kreuze krochen. Doch behielt dieses Spiel auch nicht lange seine Wirkung. Die Mägde wurden dessen gewohnt und sagten endlich: thue es doch, wenn du darfst, aber du darfst nicht.

Es nahte Weihnacht, die heilige Nacht. An das, was dieselbe uns weihet, dachten sie nicht; ein lustiges Leben hatten sie abgerathen in derselben. Im Schlosse drunten hauste ein alter Ritter nur, und der bekümmerte sich wenig mehr um das Zeitliche; ein schelmischer Vogt verwaltete Alles zu seinem Vortheil. Um ein Schelmenstück hatten sie diesem edlen Ungarwein abgehandelt, neben welchem Lande die Ritter in großem Streite lagen; des edlen Weines Kraft und Feuer kannten sie nicht. Ein fürchterliches Unwetter kam herauf, mit Blitz und Sturm, wie selten sonst um diese Zeit, keinen Hund hätte man unter dem Ofen hervorgejagt. Zur Kirche zu gehen hielt sie das Unwetter nicht ab, sie wären bei schönem Wetter auch nicht gegangen, hätten den Meister alleine gehen lassen; aber es hielt andere ab, die Kirche zu besuchen; sie blieben allein im alten Hause beim edlen Weine.

Sie begannen den heiligen Abend mit Fluchen und Tanzen, mit wüstern und ärgern Dingen; dann setzten sie sich zum Mahle, wozu die Mägde Fleisch gekocht hatten, weißen Brei und was sie sonst Gutes stehlen konnten. Da ward die Rohheit immer gräßlicher, sie schändeten alle Speisen, lästerten alles Heilige; der genannte Knecht spottete des Priesters, theilte Brod aus und trank seinen Wein, als ob er die heilige Messe verwaltete, taufte den Hund unterm Ofen, trieb es bis es angst und bange den Andern wurde, wie ruchlos sie sonst auch waren. Da stach er mit dem Messer ins Loch und fluchte, er wolle ihnen noch ganz andere Dinge zeigen. Als sie darob nicht erschrecken wollten, weil er das Gleiche schon manchmal getrieben, und mit dem Messer gegen den Zapfen kaum viel abzubringen war, so griff er in halber Raserei nach einem Bohrer, vermaß sich aufs schrecklichste, sie sollten es erfahren, was er könne, büßen ihr Lachen, daß ihnen die Haare zu Berge stünden, und drehte mit wildem Stoße den Bohrer in den Zapfen hinein. Laut aufschreiend stürzten Alle auf ihn zu; aber ehe Jemand es hindern konnte, lachte er wie der Teufel selbst, that einen kräftigen Ruck am Bohrer. Da bebte von ungeheurem Donnerschlag das ganze Haus, der Missethäter stürzte rücklings nieder; ein rother Gluthstrom brach aus dem Loche hervor, und mittendrin saß groß und schwarz aufgeschwollen im Gifte von Jahrhunderten die Spinne und glotzte in giftiger Lust über die Frevler hin, die versteinert in tödtlicher Angst kein Glied bewegen konnten, dem schrecklichen Unthiere zu entrinnen, das langsam und schadenfroh ihnen über die Gesichter kroch, ihnen einimpfte den feurigen Tod. Da erbebte das Haus von schrecklichem Wehgeheul, wie hundert Wölfe es nicht auszustoßen vermögen, wenn der Hunger sie peinigt. Und bald erscholl ein ähnliches Wehgeschrei aus dem neuen Hause, und Christen, der eben den Berg heraufkam von der heiligen Messe, meinte, es seien Räuber eingebrochen, und seinem starken Arme trauend, stürzte er den Seinen zu Hülfe. Er fand keine Räuber, aber den Tod; mit diesem rangen Weib und Mutter und hatten schon keine Stimme mehr in den hochaufgelaufenen schwarzen Gesichtern; ruhig schlummerten seine Kinder und gesund und roth waren ihre muntern Gesichter. Es stieg in Christen die schreckliche Ahnung dessen auf, was geschehen war; er stürzte ins untere Haus, dort sah er die Diensten alle verendet, die Stube zur Todtenkammer geworden, geöffnet das schauerliche Loch im Bystal, in des scheußlich entstellten Knechtes Hand den Bohrer und auf des Bohrers Spitze den schrecklichen Zapfen. Jetzt wußte er was da geschehen war, schlug die Hände über dem Kopfe zusammen, und wenn die Erde ihn verschlungen hätte, so wäre es ihm recht gewesen. Da kroch etwas hinterem Ofen hervor, schmiegte sich ihm an; entsetzt fuhr er zusammen, aber es war nicht die Spinne, es war ein armes Bübchen, das er um Gotteswillen ins Haus genommen und unter dem ruchlosen Gesinde gelassen hatte, wie es ja auch jetzt viel geschieht, daß man Kinder um Gotteswillen nimmt und sie dem Teufel in die Hände spielt. Das hatte keinen Theil genommen an den Gräueln des Gesindes, war erschreckt hinter den Ofen geflohen; es allein blieb von der Spinne verschont, und konnte nun den Hergang erzählen.

Aber noch während das Bübchen erzählte, scholl durch Wind und Wetter Angstgeschrei von andern Häusern her. Wie in hundertjähriger aufgeschwellter Lust flog die Spinne durch die Thalschaft, las zuerst die üppigsten Häuser sich aus, wo man am wenigsten an Gott dachte, aber am meisten an die Welt, daher von dem Tode am wenigsten wissen mochte.

Noch war es nicht Tag geworden, so war die Kunde in jeglichem Hause: die alte Spinne sei losgebrochen, gehe aufs Neue todtbringend um in der Gemeinde; schon lägen Viele todt und hinten im Thale fahre Schrei auf Schrei zum Himmel auf von den Gezeichneten, die sterben müßten. Da kann man sich denken, welch Jammer im Lande war, welche Angst in allen Herzen, was das für eine Weihnacht war in Sumiswald. An die Freude, die sie sonst bringt, konnte kein Mensch denken, und solcher Jammer kam vom Frevel der Menschen. Der Jammer aber ward alle Tage größer, denn schneller, giftiger als das frühere Mal war die Spinne jetzt. Bald war sie zu vorderst, bald zu hinderst in der Gemeinde, auf den Bergen, im Thale erschien sie zu gleicher Zeit. Wie sie früher meist hier Einen, dort Einen gezeichnet hatte zum Tode, so verließ sie jetzt selten ein Haus, ehe sie Alle vergiftet; erst wenn Alle im Tode sich wanden, setzte sie sich auf die Schwelle und glotzte schadenfroh in die Vergiftung, als ob sie sagen wollte: sie sei es und sei doch wieder da, wie lange man sie auch eingesperrt.

Es schien als ob sie wüßte, ihr sei wenig Zeit vergönnt, oder als ob sie sich viele Mühe sparen wollte, sie that, wo sie konnte, Viele auf einmal ab. Darum lauerte sie am liebsten auf die Züge, welche die Todten zur Kirche geleiten wollten. Bald hier, bald dort, am liebsten unten am Kilchstalden, tauchte sie mitten in den Haufen auf, oder glotzte plötzlich vom Sarge herab auf die Begleitenden. Da fuhr dann ein schreckliches Wehgeschrei aus dem begleitenden Zuge zum Himmel auf, Mann um Mann fiel nieder, bis der ganze Zug der Begleitenden am Wege lag und rang mit dem Tode; bis kein Leben mehr unter ihnen war, und um den Sarg ein Haufen Todte lag, wie tapfere Krieger um ihre Fahne liegen, von der Uebermacht erfaßt. Da wurden keine Todten mehr zur Kirche gebracht, Niemand wollte sie tragen, Niemand geleiten, wo der Tod sie streckte, da ließ man sie liegen.

Verzweiflung lag überem ganzen Thale. Wuth kochte in allen Herzen, strömte in schrecklichen Verwünschungen gegen den armen Christen aus; an Allem sollte jetzt er Schuld sein.

Jetzt auf einmal wußten Alle, daß Christen das alte Haus nicht hätte verlassen, das Gesinde nicht sich selbst überlassen sollen. Auf einmal wußten Alle, daß der Meister für sein Gesinde mehr oder minder verantwortlich sei, daß er wachen solle über Beten und Essen, wehren solle gottlosem Leben, gottlosen Reden und gottlosem Schänden der Gaben Gottes. Jetzt war Allen auf einmal Hoffart und Hochmuth vergangen, sie thaten diese Laster in die unterste Hölle hinunter, und hätten es kaum Gott geglaubt, daß sie dieselben noch vor wenig Tagen so schmählich an sich getragen; sie waren Alle wieder fromm, hatten die schlechtesten Kleider an, und die alten verachteten Rosenkränze wieder in den Händen, und überredeten sich selbst, sie seien immer gleich fromm gewesen, und an ihnen fehlte es nicht, daß sie Gott nicht das Gleiche überredeten. Christen allein unter ihnen Allen sollte gottlos sein, und Flüche wie Berge kamen von allen Seiten auf ihn her. Und war er doch vielleicht unter Allen der Beste; aber sein Wille lag gebunden in seiner Weiber Willen, und dieses Gebundensein ist allerdings eine schwere Schuld für jeden Mann, und schwerer Verantwortung entrinnt er nicht, weil er anders ist, als Gott ihn will. Das sah Christen auch ein, darum war er nicht trotzig, pochte nicht, gab sich schuldiger dar, als er war; aber damit versöhnte er die Leute nicht, erst jetzt schrien sie einander zu, wie groß seine Schuld sein müsse, da er so viel auf sich nehme, so weit sich unterziehe, er ja selbst bekenne, er sei nichts werth.

Er aber betete Tag und Nacht zu Gott, daß er das Uebel wende; aber es ward schrecklicher von Tag zu Tag. Er ward es inne, daß er gut machen müsse, was er gefehlt, daß er sich selbst zum Opfer geben müsse, daß an ihm liege, die That, die seine Ahnfrau gethan. Er betete zu Gott, bis ihm so recht feurig im Herzen der Entschluß empor wuchs, die Thalschaft zu retten, das Uebel zu sühnen, und zum Entschluß kam der standhafte Muth, der nicht wankt, immer bereit ist zur gleichen That, am Morgen wie am Abend.

Da zog er herab mit seinen Kindern aus dem neuen Haus ins alte Haus, schnitt zum Loch einen neuen Zapfen, ließ ihn weihen mit heiligem Wasser und heiligen Sprüchen, legte zum Zapfen den Hammer, setzte zu den Betten der Kinder sich, und harrte der Spinne.

Da saß er, betete und wachte, und rang mit dem schweren Schlafe festen Muthes und wankte nicht; aber die Spinne kam nicht, ob sie sonst allenthalben war, denn immer größer war der Sterbet, immer wilder die Wuth der Ueberlebenden. Mitten in diesen Schrecken sollte ein wildes Weib ein Kind gebären. Da kam den Leuten die alte Angst, ungetauft möchte die Spinne das Kindlein holen, das Pfand ihrer alten Pacht. Das Weib gebehrdete sich wie unsinnig, hatte kein Gottvertrauen, desto mehr Haß und Rache im Herzen.

Man wußte, wie die Alten gegen den Grünen sich geschützt vor Zeiten, wenn ein Kind geboren werden sollte, wie der Priester der Schild war, den sie zwischen sich und den ewigen Feind gestellt. Man wollte auch nach dem Priester senden, aber wer sollte der Bote sein? Die unbegrabenen Todten, welche die Spinne bei den Leichenzügen erfaßt, sperrten die Wege, und würde wohl ein Bote über die wilden Höhen der Spinne, die Alles zu wissen schien, entgehen können, wenn er den Priester holen wollte? Es zagten Alle. Da dachte endlich der Mann des Weibes, wenn die Spinne ihn haben wolle, so könne sie ihn daheim fassen wie auf dem Wege; wenn ihm der Tod bestimmt sei, so entrinne er ihm hier nicht und dort nicht.

Er machte sich auf den Weg, aber Stunde um Stunde rann vorüber, kein Bote kam wieder. Wuth und Jammer wurden immer entsetzlicher, die Geburt rückte immer näher. Da riß das Weib in der Wuth der Verzweiflung vom Lager sich auf und stürzte hin nach Christens Haus, dem tausendfach Verwünschten, der betend bei seinen Kindern saß, des Kampfes mit der Spinne gewärtig. Weither schon tönte ihr Geschrei, ihre Verwünschungen donnerten an Christens Thüre lange, ehe sie dieselbe aufriß und den Donner in die Stube ihm brachte. Als sie hereinstürzte so schrecklichen Angesichtes, da fuhr er auf, er wußte erst nicht, war es Christine in ihrer ursprünglichen Gestalt. Aber unter der Thüre hemmte der Schmerz ihren Lauf, an den Thürpfosten wand sie sich, die Fluth ihrer Verwünschungen ausgießend über den armen Christen. Er sollte der Bote sein, wenn er nicht verflucht sein wolle mit Kind und Kindeskindern in Zeit und Ewigkeit. Da überwallete der Schmerz ihr Fluchen, und ein Söhnlein war geboren vom wilden Weibe auf Christens Schwelle, und Alle die ihr gefolget waren, stoben ins Weite, des Schrecklichsten gewärtig. Das unschuldige Kindlein hielt Christen in den Armen; stechend und wild und giftig starrten aus des Weibes verzerrten Zügen dessen Augen ihn an und es ward ihm immer mehr, als trete die Spinne aus ihnen heraus, als sei sie es selbst. Da kam eine Kraft Gottes in ihn und ein übermenschlicher Wille ward in ihm mächtig; einen innigen Blick warf er auf seine Kinder, hüllte das neugeborne Kind in sein warm Gewand, sprang über das glotzende Weib, den Berg hinunter das Thal entlang, Sumiswald zu. Zur heiligen Weihe wollte er das Kindlein selbsten tragen, zur Sühne der Schuld, die auf ihm lag, dem Haupte seines Hauses; das Uebrige überließ er Gott. Todte hemmten seinen Lauf; vorsichtig mußte er seine Tritte setzen. Da ereilte ihn ein leichter Fuß, es war das arme Bübchen, dem es graute bei dem wilden Weibe, das ein kindlicher Trieb dem Meister nachgetrieben. Wie Stacheln fuhr es durch Christens Herz, daß seine Kinder alleine bei dem wüthenden Weibe seien. Aber sein Fuß stund nicht stille, strebte dem heiligen Ziele zu.

Schon war er unten am Kilchstalden, hatte die Kapelle im Auge, da glühte es plötzlich vor ihm mitten im Wege, es regte sich im Busche, im Wege saß die Spinne, im Busche wankte roth ein Federbusch und hoch hob sich die Spinne als wie zum Sprunge. Da rief Christen mit lauter Stimme zum dreieinigen Gott, und aus dem Busche tönte ein wilder Schrei; es schwand die rothe Feder; in des Bübchens Arme legte er das Kind und ergriff, dem Herren seinen Geist empfehlend, mit starker Hand die Spinne, die wie gebannt durch die heiligen Worte am gleichen Flecke sitzen blieb. Gluth strömte durch sein Gebein, aber er hielt fest; der Weg war frei und das Bübchen verständigen Sinnes eilte dem Priester zu mit dem Kinde. Christen aber, Feuer in der starken Hand, eilte geflügelten Laufes seinem Hause zu. Schrecklich war der Brand in seiner Hand, der Spinne Gift drang durch alle Glieder. Zu Gluth ward sein Blut. Die Kraft wollte erstarren, der Athem stocken, aber er betete fort und fort, hielt Gott fest vor Augen, hielt aus in der Hölle Gluth. Schon sah er sein Haus, mit dem Schmerz wuchs sein Hoffen, unter der Thüre war das Weib. Als dasselbe ihn kommen sah ohne Kind, stürzte es sich ihm entgegen, einer Tigerin gleich, der man die Jungen geraubt, es glaubte an den schändlichsten Verrath. Es achtete sich seines Winkens nicht, hörte nicht die Worte aus seiner keuchenden Brust, stürzte in seine vorgestreckten Hände, klammerte an sie sich an; in Todtesangst muß er die Wüthende schleppen zum Hause herein, muß frei die Arme kämpfen, ehe es ihm gelingt, ins Loch die Spinne zu drängen, mit sterbenden Händen den Zapfen vorzuschlagen. Er vermags mit Gottes Hülfe. Den sterbenden Blick wirft er auf die Kinder, hold lächeln sie im Schlafe. Da wird es ihm leicht, eine höhere Hand schien seine Gluth zu löschen, und laut betend schließt er zum Tode seine Augen, und Frieden und Freude fanden die auf seinem Gesichte, die vorsichtig und angstvoll kamen, zu schauen, wo das Weib geblieben. Erstaunt sahen sie das Loch verschlagen, aber das Weib fanden sie versengt und verzerrt im Tode liegen; an Christens Hand hatte sie den feurigen Tod geholt. Noch standen sie und wußten nicht, was geschehen war, als mit dem Kinde das Bübchen wiederkehrte, vom Priester begleitet, der das Kind schnell getauft nach damaliger Sitte, und wohlgerüstet und muthvoll dem gleichen Kampfe entgegen gehen wollte, in dem sein Vorgänger siegreich das Leben gelassen. Aber ein solch Opfer forderte Gott nicht von ihm, den Kampf hatte schon ein Anderer bestanden. Lange faßten die Leute nicht, welch große That Christen vollbracht. Als ihnen endlich Glaube und Erkenntniß kam, da beteten sie freudig mit dem Priester, dankten Gott für das neu geschenkte Leben, und für die Kraft, die er Christen gegeben. Diesem aber baten sie im Tode noch ihr Unrecht ab, und beschlossen mit hohen Ehren ihn zu begraben und sein Andenken stellte sich glorreich wie das eines Heiligen in Aller Seelen.

Sie wußten nicht, wie ihnen war, als der so schreckliche Schreck, der fort und fort durch ihre Glieder zitterte, auf einmal geschwunden war, und sie mit Freuden wieder in den blauen Himmel hinauf sehen konnten, ohne Angst, die Spinne krieche unterdessen auf ihre Füße. Sie beschlossen viele Messen und einen allgemeinen Kilchgang; vor Allem aber wollten sie die beiden Leichen bestatten, Christen und seine Drängerin, dann sollten auch die andern eine Stätte finden, so weit es möglich war.

Es war ein feierlicher Tag, als das ganze Thal zur Kirche wanderte, und auch in manchem Herzen war es feierlich, manche Sünde ward erkannt, manch Gelübde ward gethan; und von dem Tage an wurde viel übertriebenes Wesen auf den Gesichtern und in den Kleidern nicht mehr gesehen.

Als in der Kirche und auf dem Kirchhofe viele Thränen geflossen, viele Gebete geschehen waren, gingen Alle aus der ganzen Thalschaft, welche zur Begräbniß gekommen waren – und gekommen waren Alle, die ihrer Glieder mächtig waren – zum üblichen Imbiß ins Wirthshaus. Da geschah es nun, daß, wie üblich, Weiber und Kinder an einem eigenen Tische saßen, die sämmtliche erwachsene Mannschaft aber Platz hatte an dem berühmten Scheibentische, der jetzt noch im Bären in Sumiswald zu sehen ist. Er ward aufbewahrt zum Andenken, daß einst nur noch zwei Dutzend Männer waren, wo jetzt an zwei Tausende wohnen; zum Andenken, daß auch das Leben der Zweitausende in der Hand dessen stehe, der die zwei Dutzend gerettet. Damals säumte man sich nicht lange an der Gräbt; es waren die Herzen zu voll, als daß viel Speise und Trank Platz gehabt hätte. Als sie aus dem Dorfe hervor auf die freie Höhe kamen, sahen sie eine Röthe am Himmel, und als sie heim kamen, fanden sie das neue Haus niedergebrannt bis auf den Boden; wie es zugegangen, erfuhr man nie.

Aber was Christen an ihnen gethan, vergaßen die Leute nicht, an seinen Kindern vergalten sie es. Fromm und wacker erzogen sie dieselben in den frömmsten Häusern; an ihrem Gute vegriff sich keine Hand, obgleich keine Rechnung zu sehen war. Es wurde gemehret und wohl besorgt, und als die Kinder auferwachsen waren, so waren sie nicht nur nicht um ihr Gut betrogen, sondern noch viel weniger um ihre Seelen. Es wurden rechtschaffene gottesfürchtige Menschen, die Gnade bei Gott hatten und Wohlgefallen bei den Menschen, die Segen im Leben fanden und im Himmel noch mehr. Und so blieb es in der Familie, und man fürchtete die Spinne nicht, denn man fürchtete Gott, und wie es gewesen war, so soll es, so Gott will, auch bleiben, so lange hier ein Haus steht, so lange Kinder den Eltern folgen in Wegen und Gedanken.“

Hier schwieg der Großvater, und lange schwiegen Alle, und die Einen sannen dem Gehörten nach, und die Andern meinten, er schöpfe Athem und fahre dann weiters fort.

Endlich sagte der ältere Götti: „An dem Scheibentisch bin ich manchmal gesessen und habe vom Sterbet gehört und daß nach demselben sämmtliche Mannschaft in der Gemeinde daran Platz gehabt. Aber wie Punktum alles zugegangen, das konnte mir Niemand sagen. Die Einen stürmten dieß, und Andere anders. Aber sage mir, wo hast du denn Alles das vernommen?“

„He, sagte der Großvater, das erbte sich bei uns vom Vater auf den Sohn, und als das Andenken davon bei den andern Leuten im Thale sich velor, hielt man es in der Familie sehr heimlich und scheute sich, etwas davon unter die Menschen zu lassen. Nur in der Familie redete man davon, damit kein Glied desselben vergesse, was ein Haus bauet, und ein Haus zerstört; was Segen bringt und Segen vertreibt. Du hörst es meiner Alten wohl noch an, wie ungern sie es hat, wenn man so öffentlich davon redet. Aber mich dünkt, es thäte je länger je nöther davon zu reden, wie weit man es mit Hochmuth und Hoffart bringen kann. Darum thue ich auch nicht mehr so geheim mit der Sache, und es ist nicht das erste Mal, daß ich unter guten Freunden sie erzählte. Ich denke immer, was unsere Familie so viele Jahre im Glücke erhalten, das werde andern auch nicht schaden, und recht sei es nicht, ein Geheimniß mit dem zu machen, was Glück und Gottes Segen bringt.“

„Du hast recht, Vettermann, antwortete der Götti, aber fragen muß ich dich doch noch: war denn das Haus, welches du vor sieben Jahren einrissest, das uralte, ich kann das fast nicht glauben.“

„Nein, sagte der Großvater. Das uralte Haus war gar baufällig geworden schon vor fast dreihundert Jahren, und der Segen Gottes in Feldern und Matten hatte schon lange nicht mehr Platz darin. Und doch wollte es die Familie nicht verlassen und ein neues bauen durften sie nicht, sie hatte nicht vergessen, wie es dem früheren ergangen. So kam sie in große Verlegenheit, und fragten endlich einen weisen Mann, der zu Haslebach gewohnt haben soll, um Rath. Der soll ihnen geantwortet haben: ein neues Haus könnten sie wohl bauen an die Stelle des alten und nicht anderswo, aber zwei Dinge müßten sie wohl bewahren, das alte Holz worin die Spinne sei, den alten Sinn, der ins alte Holz die Spinne gestoßen, dann werde der alte Segen auch im neuen Hause sein.

Sie bauten das neue Haus und fügten ihm ein mit Gebet und Sorgfalt das alte Holz, und die Spinne rührte sich nicht, Sinn und Segen änderten sich nicht.

Aber auch das neue Haus ward wiederum alt und klein, wurmstichig und faul sein Holz, nur der Posten hier blieb fest und eisenhart. Mein Vater hätte schon bauen sollen, er konnte es erwehren; es kam nun an mich. Nach langem Zögern wagte ich es. Ich that wie die Frühern, fügte das alte Holz dem neuen Hause bei und die Spinne regte sich nicht. Aber gestehen will ich es: mein Lebtag betete ich nie so brünstig wie damals, als ich das verhängnißvolle Holz in Händen hatte; die Hand, der ganze Leib brannte mich, unwillkürlich mußte ich sehen, ob mir nicht schwarze Flecken wüchsen an Hand und Leib, und ein Berg fiel mir von der Seele, als endlich alles an seinem Orte stund. Da ward meine Ueberzeugung noch fester, daß weder ich noch meine Kinder und Kindeskinder etwas von der Spinne zu fürchten hätten, so lange wir uns fürchten vor Gott.“

Da schwieg der Großvater, und noch war der Schauer nicht verflogen, der ihnen den Rücken heraufgekrochen, als sie hörten, der Großvater hätte das Holz in Händen gehabt, und sie dachten, wie es ihnen wäre, wenn sie es auch darein nehmen müßten.

Endlich sagte der Vetter: „Es ist nur schade, daß man nicht weiß, was an solchen Dingen wahr ist. Alles kann man kaum glauben, und etwas muß doch an der Sache sein, sonst wäre das alte Holz nicht da.“

„Sei jetzt daran wahr, was da wolle, so könne man viel daraus lernen, sagte der jüngere Götti, und dazu hätten sie noch kurze Zeit gehabt, es dünke ihn, er sei erst aus der Kirche gekommen.“

„Sie sollten nicht zu viel sagen, sagte die Großmutter, sonst fange ihr Alter ihnen eine neue Geschichte an, sie sollten jetzt auch einmal essen und trinken, es sei ja eine Schande, wie Niemand esse und trinke. Es solle doch nicht alles schlecht sein, sie hätten alles angewendet, so gut sie es verstanden.“

Nun ward viel gegessen und viel getrunken und zwischendurch gewechselt manche verständige Rede, bis groß und golden am Himmel der Mond stund, die Sterne aus ihren Kammern traten, zu mahnen die Menschen, daß es Zeit sei, schlafen zu gehen in ihre Kämmerlein.

Die Menschen sahen die geheimnißvollen Mahner wohl, aber sie saßen da so heimelig und Jedem klopfte es unheimlich unterm Brusttuch, wenn er ans Heimgehn dachte, und wenn es schon Keiner sagte, so wollte doch Keiner der Erste sein.

Endlich stund die Gotte auf und schickte mit zitterndem Herzen zum Weggehen sich an, doch es fehlte ihr an sicheren Begleitern nicht, und mit einander verließ die ganze Gesellschaft das gastliche Haus mit vielem Dank und guten Wünschen, trotz allen Bitten an Einzelne, an die Gesammtheit: doch noch länger zu bleiben, es werde ja nicht finster.

Bald war es still ums Haus, bald auch still in demselben. Friedlich lag es da, rein und schön glänzte es in des Mondes Schein das Thal entlang, sorglich und freundlich barg es brave Leute in süßem Schlummer, wie die schlummern, welche Gottesfurcht und gute Gewissen im Busen tragen, welche nie die schwarze Spinne, sondern nur die freundliche Sonne aus dem Schlummer wecken wird. Denn wo solcher Sinn wohnet, darf sich die Spinne nicht regen, weder bei Tage noch bei Nacht. Was ihr aber für eine Macht wird, wenn der Sinn ändert, das weiß der, der Alles weiß, und Jedem seine Kräfte zutheilt, den Spinnen wie den Menschen.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: fehlendes Wort
  2. Vorlage: lalagerte
  3. Vorlage: zn
  4. Vorlage: Münnebrg