Edda/Ältere Edda/Atlakvidha

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Autor: Anonym
Titel: Atlakvidha
Untertitel: Die Sage von Atli
aus: Die Edda, Götterlieder
Herausgeber:
Auflage: 6
Entstehungsdatum: 1271, 1851 (Übersetzung)
Erscheinungsdatum: 1876
Verlag: J. G. Cotta
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Erscheinungsort: Stuttgart
Übersetzer: Karl Joseph Simrock
Originaltitel: Atlakviða
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans auf Commons
Kurzbeschreibung: 18. Lied der Heldensagen in der „Älteren Edda“
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[221]
34. Atlakvidha.
Die Sage von Atli.

Gudrun, Giukis Tochter, rächte den Tod ihrer Brüder, wie das weltberühmt ist. Sie tödtete zuerst Atlis Söhne, darauf tödtete sie den Atli selbst und verbrannte die Halle mit allem Gesinde. Davon ist diese Sage gedichtet:


1
Atli sandte   einst zu Gunnar

Einen klugen Boten,   Knefröd genannt.
Er kam zu Giukis Hof   und Gunnars Halle,
An der Bank des Heerdes   zu süßem Gebräude.

2
Das Gesinde trank   (noch schwiegen die Listigen)

In der Halle den Wein   in Furcht vor den Hunnen.
Da kündete Knefröd   mit kalter Stimme,
Der südliche Gesandte;   er saß auf der Hochbank:

3
„Sein Geschäft zu bestellen,   sandte mich Atli

Auf knirschendem Ross   durch den unkunden Schwarzwald,
Auf seine Bänke   euch zu bitten, Gunnar:
In häuslichen Hüllen   suchet Atli heim.

4
„Da mögt ihr Schilde wählen   und geschabte Eschen,

Hellgoldne Helme   und hunnische Schwerter,
Schabracken goldsilbern,   schlachtrothe Panzer,
Geschoß krümmende,   und knirschende Rosse.

5
Er giebt euch auch gerne   die weite Gnitahaide,

Gellenden Geer   nebst goldnem Steven,
Herliche Schätze   und Städte Danpis,
Und das schöne Gesträuch,   Schwarzwald genannt.“

[222]
6
Das Haupt wandte Gunnar,   zu Högni sprach er:

„Was räthst du uns, Rascher,   auf solche Rede?“
„Gold wust ich nie   auf Gnitahaide,
Daß wir nicht sollten   so gutes besitzen.

7
„Sieben Säle haben wir   der Schwerter voll,

Golden glänzen   die Griffe jedem.
Mein Schwert ist das schärfste,   der schnellste mein Hengst,
Die Bank zieren Bogen   und Brünnen von Gold,
Hell glänzen Helm und Schild   aus Kjars Halle gebracht.
Ich achte meine für beßer   als alle hunnischen.

8
„Was rieth uns die Schwester,   die den Ring uns sandte,

In Wolfskleid gewickelt?   Sie warnt’ uns, dünkt mich.
Mit Wolfshaar umwunden   gewahrt’ ich den rothen Ring:
Gefährlich ist die Fahrt,   die wir fahren sollen.“ —

9
Nicht riethens die Neffen,   noch die nächsten Verwandten,

Nicht Rauner und Rather   noch reiche Fürsten.
Gunnar gebot da,   so gebührt’ es dem König,
Munter beim Mal   aus muthiger Seele:

10
„Steh nun auf, Fiornir,   laß um die Sitze kreisen

Der Helden Goldhörner   durch die Hände der Knechte.

11
„Der Wolf wird des Erbes   der Niflungen walten

Mit grauen Granen,   wenn Gunnar erliegt;
Braunzottge Bären   das Bauland zerwühlen
Zur Ergetzung der Hunde,   kehrt Gunnar nicht heim.“

12
Den Landherrn geleiteten   herliche Leute,

Den Schlachtordner, seufzend   aus den Sälen Giukis.
Da sprach der junge Hüter   des högnischen Erbes:
„Fahrt nun froh und heil,   wohin euch der Geist führt.“

13
Über Felsen fliegen   freudig ließen sie

Die knirschenden Mähren   durch den unkunden Schwarzwald.
Die Hunnenmark hallte,   wo die Hartmuthgen fuhren,
Durch tiefgrüne Thäler   trabten, baumhaßende.

[223]
14
Himmelhoch in Atlis Land   hoben die Warten sich.

Sie sahn Verräther stehn   auf der steilen Felsburg,
Den Saal des Südervolks   mit Sitzen umgeben,
Gebundenen Rändern   und blanken Schilden,
Lanzen betäubenden:   da trank König Atli
Den Wein im Waffensaal;   Wächter saßen draußen
Gunnars Kriegern zu wehren,   wenn sie geritten kämen
Mit hallenden Spießen,   dem Herscher Streit zu wecken.

15
Ihre Schwester sah   dem Saale sich nahen

Die Brüder beide;   wohl war sie bei sich.
„Verrathen bist du, Gunnar!   Reicher, wie wehrst du
Hunnischer Hinterlist?   aus dem Hofe eile bald.

16
„Beßer die Brünne,   Bruder, trügst du

Als in häuslichen Hüllen   Atli heimzusuchen.
Säßest beßer im Sattel   den sonnenhellen Tag
Und ließest bleiche Leichen   leide Nornen klagen,
Hunnische Schildmägde   Harm erdulden,
Senktest Atli selber   in den Schlangenthurm.
Nun werdet den Wurmsaal   bewohnen ihr beiden.“ –

17
„Zu spät ists, Schwester, nun,   die Niflungen zu sammeln,

Zu lang dem Geleite   in dieß Land ist der Weg
Durch rauhes Rheingebirg   untadligen Recken.“

18
Da fingen sie Gunnarn   und feßelten ihn

Mit schweren Banden,   der Burgunden Schwäger.

19
Sieben schlug Högni   mit scharfer Waffe;

Den achten warf er   in heiße Ofenglut:
So soll sich der Wackre   wahren vor Feinden.

20
Högni wehrte   Gewalt von Gunnar.

Sie fragten den Fürsten,   ob Freiheit und Leben
Der Gotenkönig   mit Gold wolle kaufen.

21
„Mir soll Högnis Herz   in Händen liegen:

Blutig aus der Brust   des besten Reiters
Schneid es das Schwert aus   dem Königssohn.“

[224]
22
Sie hieben das Herz da   aus Hiallis Brust:

Blutig auf der Schüßel   brachten sies Gunnarn.

23
Da sagte Gunnar,   der Goten Fürst:

„Hier hab ich Hiallis   Herz des blöden,
Ungleich dem Herzen   Högnis des kühnen.
Es schüttert sehr hier   auf der Schüßel noch;
Da die Brust es barg   bebt’ es noch mehr.“

24
Hell lachte Högni,   da sie das Herz ihm schnitten.

Keiner Klage gedachte   der kühne Helmschmied.
Blutig auf der Schüßel   brachten sie’s Gunnarn.

25
Froh sprach Gunnar,   der fromme Niflung:

„Hier hab ich das Herz   Högnis des kühnen,
Ungleich dem Herzen   Hiallis des blöden.
Man sieht es nicht schüttern   auf der Schüßel hier;
Da die Brust es barg   bebt’ es noch minder.

26
„Bleib, Atli, nun aller   Augen so fern,

Wie du stäts den Schätzen   sollst verbleiben.
Allein weiß Ich nun   um den verborgnen
Hort der Hniflungen,   da Högni todt ist.

27
„Zweifel hegt’ ich zwar,   da wir Zweie waren;

Nun Ich nur übrig bin,   ängst ich mich nicht mehr.
Nur der Rhein soll schalten   mit dem verderblichen Schatz:
Er kennt das asenverwandte   Erbe der Hniflungen.
In der Woge gewälzt   glühn die Walringe mehr
Denn hier in den Händen   der Hunnensöhne.“ —

28
„Herbei nun mit dem Wagen!   in Banden ist der Held.“


29
Auf muthger Mähre fuhr   der mächtige Atli,

Von Schwertern bewacht   sein Schwager daher.
Mit Harm sah Gudrun   der Helden Leid:
Den Thränen wehrend trat sie   in die tosende Menge:

30
„So ergeh es dir, Atli,   wie du Gunnarn hältst

Oft geschworne Eide,   die ihr einst gelobt

[225]

Bei der südlichen Sonne,   bei des Sieggotts Burg,
Bei des Ehbetts Frieden,   bei Ullers Ring.“
Doch führte zum Tode   den Führer der Kampfschar,
Den Hüter des Hortes   ein knirschender Hengst.

31
Den lebenden Fürsten   legte der Wächter Schar

In den tiefen Kerker:   da krochen wimmelnd
Scheusliche Schlangen.   Es schlug Gunnar
Da einsam zürnend   mit den Zehen die Harfe.
Hell schollen die Saiten:   so soll das Erz
Ein gabmilder König   den Gierigen wehren.

32
Heimlaufen   ließ da Atli

Die knirschenden Rosse,   kehrend vom Mord.
Es rauschte rings   von der Rosse Drängen
Und der Krieger Waffenklang,   da sie kamen von der Haide.

33
Da ging entgegen   Gudrun dem Atli

Mit goldenem Kelch   den König zu ehren:
„Heil König! Nun hast du   in der Halle bei dir
Als Gudruns Gabe   die Geere der Todten!“

34
Atlis Älbecher   ächzten gefüllt,

Da hier in der Halle   die Hunnen sich scharten,
Rauhbärtge Recken   gereiht je zwei.

35
Heiter schauend schritt sie   ihnen Schalen zu reichen,

Die hehre Frau, den Fürsten,   und Bißen vorzulegen;
Doch Atli erbleichte,   da sie ihn anfuhr:

36
„Du hast deiner Söhne,   Schwertervertheiler,

Blutige Herzen   mit Honig gegeßen.
Ich meinte, Muthiger,   Menschenbraten
Liebtest du zu eßen   und zum Ehrensitz zu senden.

37
„Nicht ziehst du künftig   an die Kniee dir

Erp noch Eitil,   die Älfrohen beiden;
Nie siehst du wieder   vom hohen Sitze
Die Goldspender   Geere schäften,
Mähnen schlichten   und Mähren tummeln.“

[226]
38
Da erscholl auf den Sitzen   lautes Schrein der Männer,

Der Weiber ängstlicher Wehruf:   sie weinten die Hunnensöhne.
Gudrun ganz allein nicht:   die grimme weinte nie!
Nicht die bärkühnen Brüder   noch die süßen Gebornen,
Die zarten, unmündgen,   die sie mit Atli gezeugt.

39
Da säte Gold aus   die Schwanenweiße,

Mit rothen Ringen   bereifte sie die Knechte.
Den Vorsatz zu vollführen   ließ sie fließen das Erz;
Die Spenderin schonte   der Schatzhäuser nicht.

40
Unklug hatte Atli   sich übertrunken;

Unbewehrt war er,   ungewarnt vor Gudrun.
Oft schien beßer der Scherz,   wenn sanft die beiden
Sich öfters umarmten   vor den Edelingen.

41
Mit dem Dolch gab sie Blut   den Decken zu trinken

Mit mordlustger Hand;   sie löste die Hunde;
Vor die Saalthür warf sie,   das Gesinde weckend,
Die brennende Brandfackel   die Brüder zu rächen.

42
Alles Volk in der Veste   dem Feuer gab sie,

Die Högnis Schlächter und Gunnars   aus dem Schwarzwald kehrten.
Die alten Säle sanken,   die Schatzkammern rauchten,
Der Budlungen Bau;   da brannten die Schildmägde
Um die Jugend betrogen   jäh in heißer Glut.

43
Nicht ferner verfolg ichs;   keine Frau wird nun

Die Brünne mehr tragen   und die Brüder rächen.
Volkskönge drei   hat die edle Frau
In den Tod gesandt   eh sie selber erlag.


Ausführlicher ist dieß in dem grönländischen Atlamal erzählt.


Anmerkungen (Wikisource)

Siehe auch Anmerkungen des Übersetzers zu diesem Lied.