Edda/Ältere Edda/Atlamâl
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35. Atlamâl.
Das Lied von Atli.
1
Die Welt weiß die Unthat, wie weiland MännerHuben Rath zu halten, und den heimlichen Vorsatz 2
Die Fürsten erfaßte ihr feindlich Geschick.Übel berieth sich Atli bei aller Klugheit: 3
Die schlaue Hausfrau sann auf Mannesklugheit;Sie wuste die Worte, die heimlich gewechselten. 4
Da ritzte sie Runen: die verritzte WingiEh er sie abgab, der Unheilstifter. 5
Bei festlicher Freude ward Feuer gezündet;Ob ihrer Ankunft nicht ahnten sie Trug. 6
Högnis Hausfrau hört’ es, Kostbera.Da ging die kluge und grüßte die Boten. 7
Sie luden auch Högni, ob er dann lieber käme:Offen war die Arglist, beachteten sie’s. 8
Meth brachten die Maide, es mangelte nichts;Die Füllhörner kreisten bis es völlig genug schien. 9
Klug war Kostbera und kundig der Runen.Sie besah die Lautstäbe bei des Lichtes Schein, 10
Zu Bette ging sie mit dem Gatten darauf.Die Leutselge träumte; auch leugnet’ es nicht 11
„Von Haus willst du, Högni: hüte dich wohl.Nicht Viele sind vollklug: fahr ein andermal. 12
„Eins fiel mir auf: ich ahne noch nichtWas der Weisen begegnete, so verworren zu schneiden. Högni.
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Misstrauisch seid ihr; mir mangelt die Kunde,Und laß es bewenden bis wirs zu lohnen haben. Kostbera.
14
Übler Ausgang droht, wenn ihr dahin eilt,Nicht freundlichen Empfang findet ihr dießmal. 15
Lichte Lohe sah ich dein Laken verzehren:Hoch hob sich die Flamme meine Halle durchglühend. Högni.
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Hier liegt Leinwand, die ihr längst nicht mehr achtet:Wie bald verbrennt sie! Bettzeug schien dir das. Kostbera.
17
Ein Bär brach hier ein, der uns die Bänke verschobMit kratzenden Krammen: wir kreischten laut auf. Högni.
18
Ein Ungewitter kommt über uns:Ein Weißbär schien dir der Wintersturm. Kostbera.
19
Einen Adler sah ich schweben all den Saal uns entlang.Das büßen wir bald: mit Blut beträuft’ er uns; Högni.
20
Wir schlachten bald: da muß Blut wohl fließen;Ochsen bedeutets oft, wenn man von Adlern träumt. 21
Das Königspaar erwachte: da kam es auch so.Glaumwör gedachte bedeutender Träume, Glaumwör.
22
Einen Galgen glaubt ich dir Gunnar gebaut.Nattern nagten dich und noch lebtest du. 23
Aus der Brünne blinkte ein blutig Eisen;Hart ist, solch Gesicht dem Geliebten sagen. Gunnar.
24
Lose Hunde laufen mit lautem Gebell:Kötergekläff verkündet der Lanzentraum. Glaumwör.
25
Einen Strom sah ich schäumen den Saal hier entlang:Er stieg und schwoll und überschwemmte die Bänke. 26
Weiber sah ich, verstorbne, im Saal hier nächten,Kampflich gekleidet, dich zu kiesen bedacht. Gunnar.
27
Das sagst du zu spät, da es beschloßen ist:Wir entfliehn der Fahrt nicht, die wir zu fahren gelobten. 28
Mit leuchtendem Lichte die reiselustigenEilten zum Aufbruch; Andere ließens. 29
Ihnen folgten die Frauen bis die Furt sie schied.Stäts hemmten die Holden; man hörte sie nicht. 30
Da begann Glaumwör, Gunnars Gemahl,Zu Wingi gewandt wie ihr würdig schien: 31
Da verschwur sich Wingi und schonte sich wenig:„Führe mich der Jote hin wofern ich euch log: 32
Da hub Bera an aus biederm Herzen:„Segelt denn selig und Sieg geleit euch! 33
Da hub Högni an Freunden Heil erwünschend:„Seid weis und wohlgemuth, wie es ergehe!“ 34
Sie sahen sich noch nach bis sie sich entschwanden;Da theilten sich die Schicksale, schieden sich die Wege. 35
Sie ruderten kräftig, der Kiel schier zerbarst,Schwenkten sich stark zurück mit eifrigen Schlägen: 36
Unlange währt’ es nun, laßt es mich kürzen,So sahn sie die Burg stehn, die Budli beseßen. 37
Ein Wort sprach da Wingi, würd es verschwiegen!„Fahrt fern vom Hause; Gefahr bringt der Eintritt. 38
Dawider sprach Högni, nicht zu weichen bedacht;Ihn ängstete gar nichts, wo es galt sich versuchen: 39
Da hieben sie Wingi zu Hel ihn zu senden,Gebrauchten der Äxte, bis der Athem ihm schwand. 40
Atli mit dem Volk fuhr in die Panzer.Gerüstet rannten sie der Ringmauer zu. 41
„Wenig gewahrt man noch was ihr wider uns vorhabt.Euch sehn wir unbereit; wir aber schlugen 42
Wuthgrimm wurden die das Wort vernahmen.Sie reckten die Finger, faßten die Schnüre 43
Nun ward es innen kund was außen geschah.Sie hörten der Knechte Gespräch vor der Halle. 44
Der Geist trieb Gudrunen, da sie das Graun vernahm:Im Zorn zerrte sie die Zierde der Halsketten, 45
Aus ging sie, unsanft die Angeln schlagend,Furchtlos trat sie vor und empfing die Gäste, 46
„Ich sandt ein Sinnbild euch zu schrecken damit;Dem Schicksal widersteht man nicht: ihr solltet nun kommen.“ 47
Da sah die Seliggeborne den bittern Kampf begonnen.Erkeckt zu kühner That warf sie das Kleid hin, 48
Giukis Tochter traf tödlich zwei Männer.Den Bruder Atlis schlug sie, daß man ihn bahren muste: 49
So ward die Wehr hier, daß es weltkund ist;Doch ging über Alles gar was die Giukungen wirkten. 50
Sie stritten den Morgen über Mittag hinaus,Von erster Frühe zu voller Tageshöh. 51
Atli begann grimmig das Wort:„Üble Schau ist hier und Euer die Schuld. 52
„Herliche Schwäger hatt ich, ich läugn es nicht;Unweibliches Weib! wenig genieß ichs. Gudrun.
53
Gedenkst du des, Atli! Du thatest zuerst so.Du hast mir die Mutter ermordet um Schätze: Atli.
54
Nun mahn ich euch, Mannen, mehrt den HarmDem stolzen Weibe: das säh ich gern! 55
Bemeistert euch Högnis, daß ein Meßer ihn theile,Reißt ihm das Herz aus, seid rasch zur That; Högni.
56
Thu nach Gefallen, getrost erwart ichs:Doch hart bewähr ich mich, der wohl Herberes litt. [234]
Wir hielten euch Stand, da wir heil waren: 57
Da redete Beiti, der Burgwart Atlis:„Laßt uns Hialli fangen und Högni schonen. 58
Der Hafenhüter erschrak und hielt nicht Stand;Er krisch und klagte und kroch in alle Winkel: 59
Budlis Schergen zogen und schliffen das Meßer;Der arme Schalk schrie eh er die Schärfe fühlte: 60
Högni berieth sich, so rasch thät’ es Keiner,Für den Gimpel zu bitten, daß er entginge. 61
Sie ergriffen den Guten; es gab keine Wahl mehrDes raschen Recken Gericht zu verschieben. 62
Die Zither nahm Gunnar, mit den Zweigen der FüßeKonnt er sie schlagen, daß die Schönen klagten, 63
Die Theuern waren todt bei Tagesanbruch;Ihnen überlebte allein die Tugend. 64
Stolz war Atli, stieg über beide,Sagte Harm der Hehren und höhnte sie noch: Gudrun.
65
Nun freust du dich, Atli, ihren Fall zu berichten.Doch übel gereut dich, wenn du Alles weist. Atli.
66
Dem werd ich wehren, ich weiß andern Rath,Noch halbmal hülfreichern; unser Heil verschmähn wir oft. Gudrun.
67
„Das wähne nimmer: ich sage Nein dazu.Sühne verschmäht’ ich eh Solches erging. 68
„Uns zogen sie auf in Einem Hause,Viel Spiele zusammen spielten wir im Walde. 69
„Doch der Frauen Willen wandelt der Männer Gewalt.Die Krone verdirbt, wenn die Zweige dorren; 70
Aus argem Unverstand schenkt’ ihr Atli Vertrauen;Offen war die Arglist, hätt er geachtet drauf. 71
Ein Gelage ließ sie rüsten zum Leichenschmaus der BrüderAtli wollte auch seine Todten ehren. 72
Sie ließen die Rede, das Gelage zu beschicken,Daß Füll und Überfluß bei der Feier war. 73
Auf den Block sie zu legen lockte sie die Kleinen;Die wilden scheuten, doch weinten sie nicht: 74
„Muß ich es melden? Ermorden will ich euch;Mich lüstete längst euch das Leben zu nehmen.“ 75
„Schlachte die Söhne denn, es schützt uns niemand;Doch lange währt der Zorn nicht läßest du ihn aus 76
Oft frug Atli, ob beim SpielDie Söhne seien? er sehe sie nicht. Gudrun.
77
Ich eilte mich, Atli, dir Antwort zu sagen.Die That verhehlt dir nicht die Tochter Grimhilds. 78
Selten schlief ich seit sie gefallen sind.Ich dräute dir heftig; gedenkst du daran? 79
Du verlorst die Söhne, wie dich nicht verlangte;Als Becherschalen stehn ihre Schädel hier; 80
An den Spieß gesteckt schmorten ihre Herzen,Ich gab sie dir zu kosten für Kälberherzen: 81
Du kennst deiner Knaben Schicksal, kaum giebts ein schlimmeres.Mein Looß erfüllt ich und lache nicht drob. Atli.
82
Grimm warst du, Gudrun, da du gegen dein HerzDer Gebornen Blut mir in den Becher mischtest, [237]
Deine Söhne erschlugst wie dir am Schlimmsten anstand. Gudrun.
83
Wohl erledigt’ ich lieber des Lebens dich selber;Schwer genug straft man nicht solchen König. Atli.
84
Auf Scheitern sollst du brennen, erst gesteinigt werden.So wird dir zu Theil wonach du trachtetest stäts. Gudrun.
85
Sieh selber morgen solches zu meiden.Mich leitet schönrer Tod in ein andres Licht. — 86
In einer Burg wohnten sie, warfen sich Wuthblicke,Schleuderten Flüche; ward keiner froh mehr. 87
Groll wuchs im Niflungen: auf Großthat sann er;Er sagte Gudrunen, grimm wär er Atlin. 88
Der Schnelle sprach vom Schlaf erweckt,Der Wunden bewust; doch wollt er nicht Hülfe: Gudrun.
89
Dir das zu hehlen ziemt Grimhilds Erzeugter nicht:Laß mich die Ursach sein, daß dein Leben endet, Atli.
90
Zum Mord riß dich Wuth, zum widernatürlichen.Falsch ists, den Freund täuschen, der fest vertraut. 91
Erbeten fuhr ich dich zu freien von Haus,Die verwaiste Wittwe, die wildherzig hieß: 92
Aller Pracht war genug durch preiswerthe Gäste,Rinder in Vorrath, die uns reichlich nährten. 93
Zum Mahlschatz vermacht ich dir Menge des Schatzes,Knechte zehnmal drei, und zierer Mägde sieben, 94
Das nahmst du Alles hin als wär es nichtsNach dem Lande verlangend, das Budli mir ließ. Gudrun.
95
Nun lügst du, Atli! Doch laß ichs bewenden.Selten war ich sanft; doch sätest du Zwist. 96
Wir drei Geschwister dauchten unbezwinglich;Wir fuhren von Lande in Sigurds Gefolge, 97
Einen Fürsten fällten wir; uns fiel sein Land zu.Die Hersen huldigten: wir waren die Herrn. 98
Jener Hunnische starb, mein Stand ward geniedert;Herb war der Jungen Harm verwittwet zu heißen: 99
Nie kamst du vom Kampf, daß uns Kunde ward,Du habest Streit gesucht und Sieg dir erfochten. Atli.
100
Nun lügst du, Gudrun! So linderst du nichtUnser herbes Geschick, das hart ist beiden. Gudrun.
101
Einen Kiel will ich kaufen und gemalte Kiste,Das Leintuch wächsen, das den Leib verhülle, 102
Todt war nun Atli, die Freunde trauerten.Da hielt die Hohe alle Verheißung. 103
Selig heißt seitdem dem solch eine kühneTochter gegönnt ist, wie Giuki zeugte. |
Anmerkungen (Wikisource)
Siehe auch Anmerkungen des Übersetzers zu diesem Lied.
