Edda/Ältere Edda/Fafnismâl

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Autor: Anonym
Titel: Fafnismâl
Untertitel: Das Lied von Fafnir
aus: Die Edda, Götterlieder
Herausgeber:
Auflage: 6
Entstehungsdatum: 1271, 1851 (Übersetzung)
Erscheinungsdatum: 1876
Verlag: J. G. Cotta
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Erscheinungsort: Stuttgart
Übersetzer: Karl Joseph Simrock
Originaltitel: Fafnismál
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans auf Commons
Kurzbeschreibung: 8. Lied der Heldensagen in der „Älteren Edda“
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[176]
24. Fafnismâl.
Das Lied von Fafnir.

Sigurd und Regin fuhren aufwärts zur Gnitahaide und fanden da Fafnirs Weg, auf dem er zum Waßer kroch. Da machte Sigurd eine große Grube im Wege und stellte sich hinein. Als aber Fafnir von seinem Golde kroch, blies er Gift von sich und das fiel dem Sigurd von oben aufs Haupt. Als aber Fafnir über die Grube wegglitt, stach ihm Sigurd das Schwert ins Herz. Fafnir schüttelte sich und schlug mit Haut und Schweif. Da sprang Sigurd aus der Grube, wo denn Einer den Andern sah. Fafnir sprach:


1
Gesell und Gesell,   welcher Gesell erzeugte dich,

Was bist du mir ein Menschenkind?
Der in Fafnir färbtest   den funkelnden Stahl;
Mir haftet im Herzen dein Schwert.


Aber Sigurd verhehlte seinen Namen, weil es im Altertum Glaube war, daß eines Sterbenden Wort viel vermöchte, wenn er seinen Feind mit Namen verwünschte. Er sprach:


2
Wunderthier heiß ich,   ich wank umher,

Ein Kind, das keine Mutter kennt.
Auch miss ich den Vater,   den Menschen sonst haben,
Ich gehe einsam, allein.


Fafnir.
3
Missest du den Vater,   den Menschen sonst haben,

Welches Wunder erzeugte dich?


Sigurd.
4
Mein Geschlecht   ist dir schwerlich kund

Und ich selber auch nicht.
Sigurd heiß ich,   Sigmund hieß mein Vater;
Meine Waffe verwundete dich.

[177]
Fafnir.
5
Wer reizte dich?   Wie ließest du dich reizen

Mein Leben zu morden,
Klaräugiger Knabe?   kühn war dein Vater:
Dem Ungebornen vererbt’ er den Sinn.


Sigurd.
6
Mich reizte das Herz;   die Hände vollbrachtens

Und mein scharfes Schwert.
Keiner ist kühn,   wenn die Jahre kommen,
Der von Kindesbeinen blöd war.


Fafnir.
7
Wärst du erwachsen   an der Verwandten Brust,

Man kennte dich kühn im Kampfe;
In Haft bist du hier,   ein Heergefangner:
Stäts, sagt man, bebt der Gebundne.


Sigurd.
8
Welcher Vorwurf, Fafnir,   als ob ich fern wär

Meinem Mutterlande?
Nicht war ich in Haft hier,   auch als Heergefangner;
Du fühlst wohl, daß ich frei bin.


Fafnir.
9
Einen Vorwurf findest du   in freundlichem Wort;

Aber Eins verkünd ich dir:
Das gellende Gold,   der glutrothe Schatz,
Diese Ringe verderben dich.


Sigurd.
10
Goldes walten   will ein Jeder

Stäts bis an den Einen Tag.
Denn Einmal muß   jeder Mann doch
Fahren von hinnen zu Hel.


Fafnir.
11
Du nimmst für Nichts   der Nornen Spruch,

Mein Wort für unweise Rede.
Doch ertrinkst du im Waßer,   ob du beim Winde ruderst:
Alles sterbt ihn, der sterben soll.

[178]
12
Der Schreckenshelm   schützte mich lange,

Da ich über Kleinoden kroch;
Allein daucht ich mich   stärker als alle
Und fand selten meinen Mann.


Sigurd.
13
Keinen mag schützen   der Schreckenshelm,

Wo Zornige kommen zu kämpfen.
Wer mit Vielen ficht   befindet bald:
Keiner ist allein der Kühnste.


Fafnir.
14
Gift blies ich,   da ich auf dem Golde lag,

Dem Vielen, meines Vaters.


Sigurd.
15
Wohl warst du furchtbar,   du funkelnder Wurm;

Ein hartes Herz erhieltest du.
Der Muth schwillt mächtig   den Menschensöhnen,
Die solchen Helm haben.

16
Laß dich fragen, Fafnir,   da du vorschauend bist

Und wohl Manches weist:
Welches sind die Nornen,   die nothlösend heißen
Und Mütter mögen entbinden?


Fafnir.
17
Verschiedenen Geschlechts   scheinen die Nornen mir

Und nicht Eines Ursprungs.
Einige sind Asen,   andere Alfen,
Die dritten Töchter Dwalins.


Sigurd.
18
Laß dich fragen, Fafnir,   da du vorschauend bist

Und wohl Manches weist:
Wie heißt der Holm,   wo Herzblut mischen
Surtur einst und Asen?


Fafnir.
19
Oskopnir (unvermeidlich) heißt er,   wo alle Götter

Dereinst mit Speren spielen.

[179]

Bifröst bricht   eh beide sich scheiden
Und im Strome schwimmen die Rosse.

20
Nun rath ich dir, Sigurd,   nimm an den Rath

Und reit heim von hinnen.
Das gellende Gold,   der glutrothe Schatz,
Diese Ringe verderben dich.


Sigurd.
21
Rath ist mir gerathen;   ich reite dennoch

Zu dem Hort auf der Haide.
Du Fafnir lieg   in letzten Zügen
Bis du hin must zu Hel.


Fafnir.
22
Regin verrieth mich,   er verräth auch dich,

Er bringt uns beiden den Tod.
Sein Leben muß   nun Fafnir laßen,
Deine Macht bemeistert mich.


Regin war fortgegangen, während Sigurd Fafnirn tödtete; er kam zurück, als Sigurd das Blut vom Schwerte wischte. Regin sprach:


23
Heil dir nun, Sigurd,   du hast Sieg erkämpft

Und den Fafnir gefällt.
Von allen Männern,   die auf Erden wandeln,
Acht ich dich den Unverzagtesten.


Sigurd.
24
Ungewiss bleibt,   wo alle vereint sind,

Der Sieggötter Söhne,
Welcher der unverzagteste ist:
Mancher ist kühn,   der die Klinge nie
Barg in des Andern Brust.


Regin.
25
Stolz bist du, Sigurd,   und siegesfreudig,

Da du Gram im Grase wischest.
Den Bruder hast du   mir umgebracht;
Doch trag ich selbst der Schuld ein Theil.


Sigurd.
26
Du riethest dazu,   daß ich reiten sollte

Über die heiligen Berge her.

[180]

Gut und Leben gegönnt wär   dem glänzenden Wurm,
Triebest du mich nicht zur That.


Da ging Regin zu Fafnir und schnitt ihm das Herz aus mit dem Schwerte, das Ridil heißt und trank dann das Blut aus der Wunde.


Regin.
27
Sitze nun, Sigurd;   ich schlafe derweil,

Und halte Fafnirs   Herz ans Feuer.
Ich will das Herz   zu eßen haben
Auf den Bluttrunk,   den ich trank.


Sigurd.
28
Fern entflohst du,   während in Fafnir ich

Röthete das scharfe Schwert.
Meine Stärke setzt ich   wider den starken Wurm,
So lange du auf der Haide lagst.


Regin.
29
Lange liegen   ließest du auf der Haide

Jenen alten Joten,
Wenn du das Schwert nicht schwangst,   das ich dir schuf,
Die wohlgewetzte Waffe.


Sigurd.
30
Muth in der Brust   ist beßer als Stahl,

Wo sich Tapfere treffen.
Den Kühnen immer   sah ich erkämpfen
Mit stumpfem Schwerte den Sieg.

31
Der Kühne mag beßer   als der Bange kann

Sich im Kriegesspiel versuchen.
Mehr gelingt dem Muntern   als dem Mürrischen
Was er hab in der Hand.


Sigurd nahm Fafnirs Herz und briet es am Spieß. Und als er dachte, daß es gar wäre, und der Saft aus dem Herzen schäumte, da stieß er daran mit seinem Finger und versuchte ob es gar gebraten wäre. Er verbrannte sich und steckte den Finger in den Mund. Aber als Fafnirs Herzblut ihm auf die Zunge kam, da verstand er der Vögel Stimmen. Er hörte, daß Adlerinnen auf den Zweigen zwitscherten.

[181]
Die Eine sang:
32
Da sitzt Sigurd   blutbespritzt

Und brät am Feuer   Fafnirs Herz.
Klug däuchte mich   der Ringverderber,
Wenn er das leuchtende   Lebensfleisch äße.


Die andere.
33
Da liegt nun Regin   und geht zu Rath

Wie er triege den Mann,   der ihm vertraute;
Sinnt in der Bosheit   auf falsche Beschuldigung:
Der Unheilschmied brütet   dem Bruder Rache.


Die dritte.
34
Hauptes kürzer laß er   den haargrauen Schwätzer

Fahren von hinnen zu Hel.
So soll er den Schatz   besitzen allein,
Wie viel des unter Fafnir lag.


Die vierte.
35
Er däuchte mich klug,   gedächt er zu nützen

Den Anschlag, Schwestern,   den ihr wohl ersannt.
Er berathe sich rasch   die Raben zu erfreuen,
Denn den Wolf erwart ich,   gewahr ich sein Ohr.


Die fünfte.
36
So klug ist nicht   der Kampfesbaum,

Wie ich den Heerweiser   hätte gewähnt,
Läßt er den einen   Bruder ledig
Und hat den andern   umgebracht.


Die sechste.
37
Sehr unklug scheint er mir,   schont er länger noch

Den gemeingefährlichen Feind.
Dort liegt Regin,   der ihn verrathen will;
Er weiß sich davor nicht zu wahren.


Die siebente.
38
Um den Kopf kürz er   den eiskalten Joten

Und beraub ihn der Ringe.
So sind die Schätze,   die Fafnir beseßen,
Ihm allein zu eigen.

[182]
Sigurd.
39
So verräth mich das Looß nicht,   daß Regin sollte

Mir zum Mörder werden:
Beide Brüder   sollen alsbald
Fahren von hinnen zu Hel.


Sigurd hieb Regin das Haupt ab, und aß Fafnirs Herz und trank beider Blut, Regins und Fafnirs. Da hörte Sigurd was die Adlerinnen sangen:


40
Mit den rothen Ringen   bereife dich, Sigurd;

Um Künftges sich kümmern   ziemt Königen nicht.
Ein Weib weiß ich,   ein wunderschönes,
Goldbegabt:   wär sie dir gegönnt!

41
Zu Giuki gehen   grüne Pfade:

Dem Wandernden weist   das Schicksal den Weg.
Da hat eine Tochter   der theure König:
Die magst du, Sigurd,   um Mahlschatz kaufen.

42
Ein Hof ist auf dem hohen   Hindarfiall

Ganz von Glut   umgeben außen.
Ihn haben hehre   Herscher geschaffen
Aus undunkler   Erdenflamme.

43
Auf dem Steine schläft   die Streiterfahrene,

Und lodernd umleckt sie   der Linde Feind.
Mit dem Dorn stach Yggr (Odhin)   sie einst in den Schleier
Die Maid, die Männer   morden wollte.

44
Schaun magst du, Mann,   die Maid unterm Helme,

Die aus dem Gewühl trug   Wingskornir das Ross.
Nicht vermag Sigrdrifas   Schlaf zu brechen
Ein Fürstensohn   eh die Nornen es fügen.


Sigurd ritt auf Fafnirs Spur nach dessen Hause und fand es offen und die Thüren von Eisen und aufgeklemmt. Von Eisen war auch alles Zimmerwerk am Hause und das Gold unten in die Erde gegraben. Da fand Sigurd großmächtiges Gut und füllte damit zwei Kisten. Da nahm er Ögis Helm und die Goldbrünne und das Schwert Hrotti und viele Kostbarkeiten und belud Grani damit. Aber das Ross wollte nicht fortgehen bis Sigurd auf seinen Rücken stieg.


Anmerkungen (Wikisource)

Siehe auch Anmerkungen des Übersetzers zu diesem Lied.