Edda/Ältere Edda/Fiölsvinnsmâl
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[103]
14. Fiölsvinnsmâl.
Das Lied von Fiölswidr.
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1Vor der Veste sah er den Fremdling nahn,
- Den Riesensitz ersteigen.
Wächter (Fiölswidr).
- Welch Ungethüm ists, das vor dem Eingang steht,
- Die Waberlohe umwandelnd?
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2Wes verlangt dich hier, was erlauerst du?
- Was willst du, Freundloser, wißen?
- Auf feuchten Wegen hebe dich weg von hier,
- Hier ist deines Bleibens nicht, Bettler!
Fremdling.
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3Welch Ungetüm ists, das vor dem Eingang steht,
- Und weigert dem Wandrer Gastrecht?
- Gönnst du nicht Gruß und Wort, so bist du gar nichts werth:
- Hebe dich heim von hinnen.
Fiölswidr.
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4Fiölswidr heiß ich und habe klugen Sinn,
- Bin meines Mals nicht milde.
- Zu diesen Mauern magst du nicht eingehn:
- Rechtloser, hebe dich hinnen.
Fremdling.
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5Von Augenweide wendet sich ungern
- Wer Liebes sucht und Süßes.
- Die Gürtung scheint zu glühen um goldne Säle:
- Hier möcht ich Frieden finden.
[104] Fiölswidr.
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6Welcher Eltern Kind bist du, Knabe, geboren;
- Welchem Stamm entstiegen?
Fremdling.
- Windkaldr heiß ich, Warkaldr hieß mein Vater,
- Des Vater war Fiölkaldr.
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7Sage mir, Fiölswidr, was ich dich fragen will
- Und zu wißen wünsche:
- Wer schaltet hier das Reich besitzend
- Mit Gut und milder Gabe?
Fiölswidr.
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8Menglada heißt sie, die Mutter zeugte sie
- Mit Swafr, Thorins Sohne.
- Die schaltet[WS 1] hier das Reich besitzend
- Mit Gut und milder Gabe.
Windkaldr.
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9Sage mir, Fiölswidr, was ich dich fragen will
- Und zu wißen wünsche:
- Wie heißt das Gitter? nie sahn bei den Göttern
- So üble List die Leute.
Fiölswidr.
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10Thrymgialla (Donnerschall) heißt es, das haben drei
- Söhne Solblindis gemacht.
- Die Feßel faßt jeden Fahrenden,
- Der es hinweg will heben.
Windkaldr.
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11Sage mir, Fiölswidr, was ich dich fragen will
- Und zu wißen wünsche:
- Wie heißt die Gürtung? nie sahn bei den Göttern
- So üble List die Leute.
[105] Fiölswidr.
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12Gastropnir heißt sie, ich habe sie selber
- Aus des Lehmriesen Gliedern erbaut
- Und so stark gestützt, daß sie stehen wird
- So lange Leute leben.
Windkaldr.
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13Sage mir, Fiölswidr, was ich dich fragen will
- Und zu wißen wünsche:
- Wie heißen die Hunde? ich hatte so grimmige
- Lange nicht im Land gesehen.
Fiölswidr.
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14Gifr heißt einer und Geri der andre,
- Weil dus zu wißen wünschest.
- Eilf Wachten müßen sie wachen
- Bis die Götter vergehen.
Windkaldr.
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15Sage mir, Fiölswidr, was ich dich fragen will
- Und zu wißen wünsche:
- Ob Einer der Menschen eingehn möge
- Dieweil die schnaufenden schlafen.
Fiölswidr.
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16Abwechselnd zu schlafen war ihnen auferlegt
- Seit sie hier Wächter wurden:
- Einer schläft Tags, der Andre Nachts,
- Und so mag Niemand hinein.
Windkaldr.
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17Sage mir, Fiölswidr, was ich dich fragen will
- Und zu wißen wünsche:
- Giebt es keine Kost, sie kirre[WS 2] zu machen
- Und einzugehn, weil sie eßen?
Fiölswidr.
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18Zwei Flügel siehst du an Windofnirs Seiten,
- Weil dus zu wißen wünschest.
- Das ist die Kost, sie kirre zu machen
- Und einzugehn weil sie eßen.
[106] Windkaldr.
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19Sage mir, Fiölswidr, was ich dich fragen will
- Und zu wißen wünsche:
- Wie heißt der Baum, der die Zweige breitet
- Über alle Lande?
Fiölswidr.
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20Mimameidr heißt er, Menschen wißen selten
- Aus welcher Wurzel er wächst.
- Niemand erfährt auch wie er zu fällen ist,
- Da Schwert noch Feur ihm schadet.
Windkaldr.
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21Sage mir, Fiölswidr, was ich dich fragen will
- Und zu wißen wünsche:
- Welchen Nutzen bringt der weltkunde Baum,
- Da Feur noch Schwert ihm schadet?
Fiölswidr.
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22Mit seinen Früchten soll man feuern,
- Wenn Weiber nicht wollen gebären.
- Aus ihnen geht dann was innen bliebe:
- So wird er der Leute Lebensbaum.
Windkaldr.
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23Sage mir, Fiölswidr, was ich dich fragen will
- Und zu wißen wünsche:
- Wie heißt der Hahn auf dem hohen Baum,
- Der ganz von Golde glänzt?
Fiölswidr.
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24Windofnir heißt er, der im Winde leuchtet
- Auf Mimameidis Zweigen.
- Beschwerden schafft er, und schwerlich raubt
- Den Schwarzen Wer sich zur Speise.
Windkaldr.
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25Sage mir, Fiölswidr, was ich dich fragen will
- Und zu wißen wünsche:
- Ist keine Waffe, die Windofnir möchte
- Zu Hels Behausung senden?
[107] Fiölswidr.
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26Häwatein heißt der Zweig, Loptr hat ihn gebrochen
- Vor dem Todtenthor.
- In eisernem Schrein birgt ihn Sinmara
- Unter neun schweren Schlößern.
Windkaldr.
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27Sage mir, Fiölswidr, was ich dich fragen will
- Und zu wißen wünsche:
- Mag lebend kehren, der nach ihm verlangt
- Und will die Ruthe rauben?
Fiölswidr.
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28Lebend mag kehren, der nach ihm verlangt
- Und will die Ruthe rauben,
- Wenn das er schenkt was Wenige besitzen,
- Der Dise des leuchtenden Lehms.
Windkaldr.
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29Sage mir, Fiölswidr, was ich dich fragen will
- Und zu wißen wünsche:
- Giebts einen Hort, den man haben mag,
- Der die fahle Vettel[WS 3] freut?
Fiölswidr.
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30Die blinkende Sichel birg im Gewand,
- Die in Widofnirs Schweife sitzt,
- Gieb sie Sinmara’n, so wird sie gerne
- Die blutige Ruthe dir borgen.
Windkaldr.
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31Sage mir, Fiölswidr, was ich dich fragen will
- Und zu wißen wünsche:
- Wie heißt der Saal, der umschlungen ist
- Weise mit Waberlohe?
Fiölswidr.
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32Glut wird er genannt, der weifend[WS 4] sich dreht
- Wie auf des Schwertes Spitze.
- Von dem seligen Hause soll man immerdar
- Nur von Hörensagen hören.
[108] Windkaldr.
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33Sage mir, Fiölswidr, was ich dich fragen will
- Und zu wißen wünsche:
- Wer hat gebildet was vor der Brüstung ist
- Unter den Asensöhnen?
Fiölswidr.
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34Uni und Iri, Bari und Ori,
- Warr und Wegdrasil,
- Dorri und Uri, Dellingr und Atwardr,
- Lidskialfr, Loki.
Windkaldr.
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35Sage mir, Fiölswidr, was ich dich fragen will
- Und zu wißen wünsche:
- Wie heißt der Berg, wo ich die Braut,
- Die wunderschöne, schaue?
Fiölswidr.
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36Hyfiaberg heißt er, Heilung und Trost
- Nun lange der Lahmen und Siechen.
- Gesund ward jede, wie verjährt war das Übel,
- Die den steilen erstieg.
Windkaldr.
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37Sage mir, Fiölswidr, was ich dich fragen will
- Und zu wißen wünsche:
- Wie heißen die Mädchen, die vor Mengladas Knieen
- Einig beisammen sitzen?
Fiölswidr.
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38Hlif heißt Eine, die Andere Hlifthursa,
- Die dritte Dietwarta,
- Biört und Blid, Blidur und Frid,
- Eir und Örboda.
Windkaldr.
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39Sage mir, Fiölswidr, was ich dich fragen will
- Und zu wißen wünsche:
- Schirmen sie Alle, die ihnen opfern,
- Wenn sie des bedürfen?
[109] Fiölswidr.
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40Jeglichen Sommer, so ihnen geschlachtet
- Wird an geweihtem Orte,
- Welche Krankheit überkommt die Menschenkinder,
- Jeden nehmen sie aus Nöthen.
Windkaldr.
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41Sage mir, Fiölswidr, was ich dich fragen will
- Und zu wißen wünsche:
- Mag ein Mann wohl in Mengladas
- Sanften Armen schlafen?
Fiölswidr.
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42Kein Mann mag in Mengladas
- Sanften Armen schlafen,
- Swipdagr allein: die sonnenglänzende
- Ist ihm verlobt seit Langem.
Windkaldr.
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43Auf reiß die Thüre, schaff weiten Raum,
- Hier magst du Swipdagr schauen.
- Doch frage zuvor ob noch erfreut
- Mengladen meine Minne.
Fiölswidr.
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44Höre, Menglada! ein Mann ist gekommen:
- Geh und beschaue den Gast.
- Die Hunde freuen sich, das Haus erschloß sich selbst,
- Ich denke, Swipdagr sei’s.
Menglada.
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45Glänzende Raben am hohen Galgen
- Hacken dir die Augen aus,
- Wenn du das lügst, daß der Verlangte endlich
- Zu meiner Halle heimkehrt.
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46Von wannen kommst du? wo warst du bisher?
- Wie hieß man dich daheim?
- Nenne genau Namen und Geschlecht,
- Bin ich als Braut dir verbunden.
[110] Swipdagr.
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47Swipdagr heiß ich, Solbiart hieß mein Vater,
- Her führten mich windkalte Wege.
- Urdas Ausspruch ändert Niemand,
- Ob er unverdient auch träfe.
Menglada.
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48Willkommen seist du, mein Wunsch erfüllt sich,
- Den Gruß begleite der Kuss.
- Unversehenes Schauen beseligt doppelt
- Wo rechte Liebe verlangt.
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49Lange saß ich auf liebem Berge
- Dich erharrend Tag um Tag;
- Nun geschieht was ich hoffte, da du heimgekehrt bist,
- Süßer Freund, in meinen Saal.
Swipdagr.
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50Sehnlich Verlangen hatt ich nach deiner Liebe
- Und du nach meiner Minne.
- Nun ist gewiss, wir beide werden
- Miteinander ewig leben.
Anmerkungen (Wikisource)
Siehe auch Anmerkungen des Übersetzers zu diesem Lied
- ↑ schalten – „leiten, walten, über personen oder sachen verfügen, herr derselben sein.“ (Zitat aus DWB)
- ↑ kirre – zahm
- ↑ Vettel – abwertende Bezeichnung für eine alte Frau mit verdorbenem Charakter und hexenhaftem Aussehen
- ↑ weifen – schweifen, schwanken
