Edda/Ältere Edda/Grimnismâl
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2. Grimnismâl.
Das Lied von Grimnir.
König Hraudung hatte zwei Söhne: der eine hieß Agnar, der andere Geirröd. Agnar war zehn Winter, Geirröd acht Winter alt. Da ruderten Beide auf einem Boot mit ihren Angeln zum Kleinfischfang. Der Wind trieb sie in die See hinaus. Sie scheiterten in dunkler Nacht an einem Strand, stiegen hinauf und fanden einen Hüttenbewohner, bei dem sie überwinterten. Die Frau pflegte Agnars, der Mann Geirröds und lehrte ihn schlauen Rath. Im Frühjahr gab ihnen der Bauer ein Schiff und als er sie mit der Frau an den Strand begleitete, sprach er mit Geirröd allein. Sie hatten guten Wind und kamen zu dem Wohnsitz ihres Vaters. Geirröd, der vorn im Schiffe war, sprang ans Land, stieß das Schiff zurück und sprach: fahr nun hin in böser Geister Gewalt. Das Schiff trieb in die See, aber Geirröd ging hinauf in die Burg und ward da wohl empfangen. Sein Vater war eben gestorben, Geirröd ward also zum König eingesetzt und gewann große Macht. Odhin und Frigg saßen auf Hlidskialf und überschauten die Welt. Da sprach Odhin: „Siehst du Agnar, deinen Pflegling, wie er in der Höhle mit einem Riesenweibe Kinder zeugt; aber Geirröd, mein Pflegling, ist König und beherrscht sein Land.“ Frigg sprach: „Er ist aber solch ein Neiding, daß er seine Gäste quält, weil er fürchtet es möchten zu viele kommen.“ Odhin sagte, das sei eine große Lüge; da wetteten die Beiden hierüber. Frigg sandte ihr Schmuckmädchen Fulla zu Geirröd und trug ihr auf, den König zu warnen, daß er sich vor einem Zauberer hüte, der in sein Land gekommen sei, und gab zum Wahrzeichen an, daß kein Hund so böse sei, der ihn angreifen möge. Es war aber eine große Unwahrheit, daß König Geirröd seine Gäste so ungern speise; doch ließ er Hand an den Mann legen, den die Hunde nicht angreifen wollten. [13] Er trug einen blauen Mantel und nannte sich Grimnir, sagte aber nicht mehr von sich, auch wenn man ihn fragte. Der König ließ ihn zur Rede peinigen und setzte ihn zwischen zwei Feuer und da saß er acht Nächte. König Geirröd hatte einen Sohn, der zehn Winter alt war und Agnar hieß nach des Königs Bruder. Agnar ging zu Grimnir, gab ihm ein volles Horn zu trinken, und sagte, der König thäte übel, daß er ihn schuldlos peinigen ließe. Grimnir trank es aus; da war das Feuer so weit gekommen, daß Grimnirs Mantel brannte. Er sprach: 1
Heiß bist du, Flamme, zuviel ist der Glut:Laß uns scheiden, Lohe! 2
Acht Nächte fanden mich zwischen Feuern hier,Daß mir Niemand Nahrung bot 3
Heil dir, Agnar, da Heil dir erwünschtDer Helden Herscher. 4
Heilig ist das Land, das ich liegen seheDen Asen nah und Alfen. 5
Ydalir31 heißt es, wo Uller hatDen Saal sich erbaut. 6
Die dritte Halle hebt sich, wo die heitern GötterDen Saal mit Silber deckten. 7
Sökkwabeck35 heißt die vierte, kühle FlutÜberrauscht sie immer; 8
Gladsheim14 heißt die fünfte, wo golden schimmertWalhalls weite Halle: 9
Leicht erkennen können, die zu Odhin kommen,Den Saal, wenn sie ihn sehen: 10
Leicht erkennen können, die zu Odhin kommenDen Saal, wenn sie ihn sehen: 11
Thrymheim23 heißt die sechste, wo Thiassi hauste,Jener mächtige Jote. 12
Die siebente ist Breidablick:22 da hat Baldur sichDie Halle erhöht 13
Himinbiörg17. 27 ist die achte, wo Heimdall sollDer Weihestatt walten. 14
Volkwang23 ist die neunte: da hat Freyja GewaltDie Sitze zu ordnen im Saal. 15
Glitnir17. 32 ist die zehnte; auf goldnen Säulen ruhtDes Saales Silberdach. 16
Noatun23 ist die eilfte: da hat NiördrSich den Saal erbaut. 17
Mit Gesträuch begrünt sich und hohem GraseWidars Land Widi. 18
Andhrimnir38 läßt in EldhrimnirSährimnir sieden, 19
Geri und Freki38 füttert der krieggewohnteHerliche Heervater, 20
Hugin und Munin38 müßen jeden TagÜber die Erde fliegen. 21
Thundr ertönt, wo ThiodwitnirsFisch in der Flut spielt; 22
Walgrind heißt das Gitter, das auf dem Grunde stehtHeilig vor heilgen Thüren. 23
Fünfhundert Thüren und viermal zehnWähn ich in Walhall.40 24
Fünfhundert Stockwerke und viermal zehnWeiß ich in Bilskirnirs21 Bau. 25
Heidrun39 heißt die Ziege vor Heervaters Saal,Die an Lärads Laube zehrt. 26
Eikthyrnir39 heißt der Hirsch vor Heervaters Saal,Der an Lärads Laube zehrt. 27
Sid und Wid, Sökin und Eikin, Swöll und Gunthro,Fiörm und Fimbulthul, 28
Wina heißt einer, ein anderer Wegswinn,Ein dritter Diotnuma. 29
Körmt und Örmt und beide KerlaugWatet Thor täglich, [17]
Denn die Asenbrücke steht all in Lohe, 30
Gladr und Gyllir, Gler und Skeidbrimir,Silfrintopp und Sinir, 31
Drei Wurzeln strecken sich nach dreien SeitenUnter der Esche Yggdrasils: 32
Ratatöskr16 heißt das Eichhorn, das auf und ab renntAn der Esche Yggdrasils: 33
Der Hirsche16 sind vier, die mit krummem HalseAn der Esche Ausschüßen weiden: 34
Mehr Würme liegen unter den Wurzeln der EscheAls Einer meint der unklugen Affen. 35
Die Esche Yggdrasils duldet UnbillMehr als Menschen wißen. 36
Hrist und Mist sollen das Horn mir reichen,Skeggöld und Skögul, [18]
Hlöck und Herfiötr, Hildur und Thrudr, 37
Arwakr und Aswidr11 sollen immerdarSchmachtend die Sonne führen. 38
Swalin heißt der Schild, der vor der Sonne steht,Der glänzenden Gottheit. 39
Sköll12 heißt der Wolf, der der scheinenden GottheitFolgt in die schützende Flut; 40
Aus Ymirs6. 8 Fleisch ward die Erde geschaffen,Aus dem Schweiße die See, 41
Aus den Augenbrauen schufen gütge AsenMidgard den Menschensöhnen; 42
Ullers31 Gunst hat und aller Götter,Wer zuerst die Lohe löscht, 43
Iwalts Söhne61 gingen in UrtagenSkidbladnir zu schaffen, 44
Die Esche Yggdrasils16. 41 ist der Bäume erster,Skidbladnir der Schiffe, 45
Mein Antlitz sahen nun der Sieggötter Söhne,So wird mein Heil erwachen: 46
Ich heiße20 Grimr und Gangleri,Herian und Hialmberi, 47
Sadr und Swipal und Sanngetal,Herteitr und Hnikar, 48
Sidhöttr, Sidskeggr, Siegvater, Hnikudr,Allvater, Walvater, Atridr und Farmatyr; 49
Grimnir hießen sie mich bei Geirrödr,Bei Asmund Jalk; 50
Swidur und Swidrir hieß ich bei Söckmimir,Als ich den alten Thursen trog, 51
Toll bist du, Geirrödr, hast zuviel getrunken,Der Meth ward dir Meister. 52
Viel sagt ich dir: du schlugst es in den Wind,Die Vertrauten trogen dich. 53
Die schwertmüde Hülle hebt nun Yggr auf,Da das Leben dich ließ: 54
Odhin heiß ich nun, Yggr hieß ich eben,Thundr hab ich geheißen.
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Anmerkungen (Wikisource)
Siehe auch Anmerkungen des Übersetzers zu diesem Lied
