Edda/Ältere Edda/Hâvamâl
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6. Hâvamâl.
Des Hohen Lied.
1
Der Ausgänge halber bevor du eingehstStelle dich sicher, 2
Heil dem Geber! der Gast ist gekommen:Wo soll er sitzen? 3
Wärme wünscht der vom Wege kommtMit erkaltetem Knie; 4
Waßer bedarf, der Bewirthung sucht,Ein Handtuch und holde Nöthigung. 5
Witz bedarf man auf weiter Reise;Daheim hat man Nachsicht. 6
Doch steife sich Niemand auf seinen Verstand,Acht hab er immer. [38]
Denn festern Freund als kluge Vorsicht 7
Vorsichtiger Mann, der zum Male kommt,Schweigt lauschend still. 8
Selig ist, der sich erwirbtLob und guten Leumund. 9
Selig ist, wer selbst sich magIm Leben löblich rathen, 10
Nicht beßre Bürde bringt man auf ReisenAls Wißen und Weisheit. 11
Nicht üblern Begleiter giebt es auf ReisenAls Betrunkenheit ist, 12
Der Vergeßenheit Reiher überrauscht GelageUnd stiehlt die Besinnung. 13
Trunken ward ich und übertrunkenIn des schlauen Fialars Felsen. 14
Schweigsam und vorsichtig sei des Fürsten SohnUnd kühn im Kampf. 15
Der unwerthe Mann meint ewig zu leben,Wenn er vor Gefechten flieht. 16
Der Tölpel glotzt, wenn er zum Gastmal kommt,Murmelnd sitzt er und mault. 17
Der weiß allein, der weit gereist ist,Und Vieles hat erfahren, 18
Lange zum Becher nur, doch leer ihn mit Maß,Sprich gut oder schweig. 19
Der gierige Schlemmer, vergißt er der Tischzucht,Schlingt sich schwere Krankheit[WS 1] an; 20
Selbst Heerden wißen, wann zur Heimkehr Zeit istUnd gehn vom Grase willig; 21
Der Armselige, ÜbelgesinnteHohnlacht über Alles 22
Unweiser Mann durchwacht die NächteUnd sorgt um alle Sachen; 23
Ein unkluger Mann meint sich Alle hold,Die ihn lieblich anlachen. 24
Ein unkluger Mann meint sich Alle hold,Die ihm kein Widerwort geben; 25
Ein unkluger Mann meint Alles zu können,Wenn er sich einmal zu wahren wuste. 26
Ein unkluger Mann, der zu Andern kommt,Schweigt am Besten still. 27
Weise dünkt sich schon wer zu fragen weißUnd zu sagen versteht; 28
Der schwatzt zuviel, der nimmer geschweigtEitel unnützer Worte. 29
Mach nicht zum Spott der Augen den Mann,Der vertrauend Schutz will suchen. 30
Klug dünkt sich gern, wer Gast den GastVerhöhnend, Heil in der Flucht sucht. 31
Zu oft geschiehts, daß sonst nicht VerfeindeteSich als Tischgesellen schrauben. 32
Bei Zeiten nehme den Imbiß zu sich,Der nicht zu gutem Freunde fährt. 33
Ein Umweg ists zum untreuen Freunde,Wohnt er gleich am Wege; 34
Zu gehen schickt sich, nicht zu gasten stätsAn derselben Statt. 35
Eigen Haus, ob eng, geht vor,Daheim bist du Herr, 36
Eigen Haus, ob eng, geht vor,Daheim bist du Herr. 37
Von seinen Waffen weiche NiemandEinen Schritt im freien Feld: 38
Nie fand ich so milden und kostfreien Mann,Der nicht gerne Gab empfing, 39
Des Vermögens, das der Mann erwarb,Soll er sich selbst nicht Abbruch thun: 40
Freunde sollen mit Waffen und Gewändern sich erfreun,Den schönsten, die sie besitzen: 41
Der Freund soll dem Freunde Freundschaft bewährenUnd Gabe gelten mit Gabe. 42
Der Freund soll dem Freunde Freundschaft bewähren,Ihm selbst und seinen Freunden. 43
Weist du den Freund, dem du wohl vertraustUnd erhoffst du Holdes von ihm, 44
Weist du den Mann, dem du wenig vertraustUnd hoffst doch Holdes von ihm, 45
Weist du dir Wen, dem du wenig vertraust,Weil dich sein Sinn verdächtig dünkt, 46
Jung war ich einst, da ging ich einsamVerlaßne Wege wandern. 47
Der milde, muthige Mann ist am glücklichsten,Den selten Sorge beschleicht; 48
Mein Gewand gab ich im WaldeMoosmännern zweien. 49
Der Dornbusch dorrt, der im Dorfe steht,Ihm bleibt nicht Blatt noch Borke. 50
Heißer brennt als Feuer der BösenFreundschaft fünf Tage lang; 51
Die Gabe muß nicht immer groß sein:Oft erwirbt man mit Wenigem Lob. 52
Wie Körner im Sand klein an VerstandIst kleiner Seelen Sinn. 53
Der Mann muß mäßig weise sein,Doch nicht allzuweise. 54
Der Mann muß mäßig weise sein,Doch nicht allzuweise. 55
Der Mann muß mäßig weise sein,Doch nicht allzuweise. 56
Brand entbrennt an Brand bis er zu Ende brennt,Flamme belebt sich an Flamme. 57
Früh aufstehen soll wer den Andern sinntUm Haupt und Habe zu bringen: 58
Früh aufstehen soll wer wenig Arbeiter hat,Und schaun nach seinem Werke. 59
Dürrer Scheite und deckender SchindelnWeiß der Mann das Maß, 60
Rein und gesättigt reit zur VersammlungUm schönes Kleid unbekümmert. 61
Zu sagen und zu fragen verstehe Jeder,Der nicht dumm will dünken. 62
Verlangend lechzt eh er landen magDer Aar auf der ewigen See. 63
Der Macht muß der Mann, wenn er klug ist,Sich mit Bedacht bedienen, 64
Umsichtig und verschwiegen sei ein JederUnd im Zutraun zaghaft. 65
An manchen Ort kam ich allzufrüh;Allzuspät an andern. 66
Hier und dort hätte mir Labung gewinkt,Wenn ich des bedurfte. * * *
67
Feuer ist das Beste dem Erdgebornen,Und der Sonne Schein; 68
Ganz unglücklich ist Niemand, ist er gleich nicht gesund:Einer hat an Söhnen Segen, 69
Leben ist beßer, auch Leben in Armut:Der Lebende kommt noch zur Ruh. 70
Der Hinkende reite, der Handlose hüte,Der Taube taugt noch zur Tapferkeit. 71
Ein Sohn ist beßer, ob spät geborenNach des Vaters Hinfahrt. 72
Zweie gehören zusammen und doch schlägt die Zunge das Haupt.Unter jedem Gewand erwart ich eine Faust. 73
Der Nacht freut sich wer des Vorraths gewiss ist,Doch herb ist die Herbstnacht. 74
Wer wenig weiß, der weiß auch nicht,Daß Einen oft der Reichtum äfft; 75
Das Vieh stirbt, die Freunde sterbenEndlich stirbt man selbst; 76
Das Vieh stirbt, die Freunde sterben,Endlich stirbt man selbst; 77
Volle Speicher sah ich bei Fettlings Sproßen,Die heuer am Hungertuch nagen: 78
Der alberne Geck, gewinnt er etwaGut oder Gunst der Frauen, 79
Was wirst du finden, befragst du die Runen,Die hochheiligen, * * *
80
Den Tag lob Abends, die Frau im Tode,Das Schwert, wenns versucht ist, 81
Im Sturm fäll den Baum, stich bei Fahrwind in See,Mit der Maid spiel im Dunkeln: manch Auge hat der Tag. 82
Trink Äl am Feuer, auf Eis lauf Schrittschuh,Kauf mager das Ross und rostig das Schwert. 83
Mädchenreden vertraue kein Mann,Noch der Weiber Worten. 84
Krachendem Bogen, knisternder Flamme,Schnappendem Wolf, geschwätziger Krähe, 85
Fliegendem Pfeil, fallender See,Einnächtgem Eis, geringelter Natter, 86
Siechem Kalb, gefälligem Knecht,Wahrsagendem Weib, auf der Walstatt Besiegtem, 87
Dem Mörder deines Bruders, wie breit wär die Straße,Halbverbranntem Haus, windschnellem Hengst, 88
Frühbesätem Feld trau nicht zu viel,Noch altklugem Kind. 89
Die Liebe der Frau, die falschen Sinn hegt,Gleicht unbeschlagnem Ross auf schlüpfrigem Eis, 90
Offen bekenn ich, der beide wohl kenne,Der Mann ist dem Weibe wandelbar; 91
Schmeichelnd soll reden und Geschenke bietenWer des Mädchens Minne will, 92
Der Liebe verwundern soll sich kein WeiserAn dem andern Mann. 93
Unklugheit wundre Keinen am Andern,Denn Viele befällt sie. * * *
94
Das Gemüth weiß allein, das dem Herzen innewohntUnd seine Neigung verschließt, 95
Selbst erfuhr ich das, als ich im Schilfe saßUnd meiner Holden harrte. 96
Ich fand Billungs Maid auf ihrem Bette,Weiß wie die Sonne, schlafend. 97
„Am Abend sollst du, Odhin, kommen,Wenn du die Maid gewinnen willst. 98
Ich wandte mich weg Erwiedrung hoffend,Ob noch der Neigung ungewiss; 99
So kehrt ich wieder: da war zum KampfStrenge Schutzwehr auferweckt, 100
Am folgenden Morgen fand ich mich wieder ein,Da schlief im Saal das Gesind; 101
Manche schöne Maid, wers merken will,Ist dem Freier falsch gesinnt. 102
Munter sei der Hausherr und heiter bei GästenNach geselliger Sitte, 103
Der wenig zu sagen weiß wird ein Erztropf genannt,Es ist des Albernen Art. 104
Den alten Riesen besucht ich, nun bin ich zurück:Mit Schweigen erwarb ich da wenig. 105
Gunnlöd schenkte mir auf goldnem SeßelEinen Trunk des theuern Meths. 106
Ratamund ließ ich den Weg mir räumenUnd den Berg durchbohren; 107
Schlauer Verwandlungen Furcht erwarb ich,Wenig misslingt dem Listigen. 108
Zweifel heg ich ob ich heim wär gekehrtAus der Riesen Reich, 109
Die Eisriesen eilten des andern TagsDes Hohen[WS 4] Rath zu hören 110
Den Ringeid, sagt man, hat Odhin geschworen:Wer traut noch seiner Treue?
Loddfafnis-Lied.
111
Zeit ists zu reden vom Rednerstuhl.An dem Brunnen Urdas 112
Von Runen hört ich reden und vom Ritzen der SchriftUnd vernahm auch nütze Lehren. 113
Dieß rath ich, Loddfafnir, vernimm die Lehre,Wohl dir, wenn du sie merkst. 114
Das rath ich, Loddfafnir, vernimm die Lehre,Wohl dir, wenn du sie merkst. 115
Sie bethört dich so, du entsinnst dich nicht mehrDes Gerichts und der Rede der Fürsten, 116
Das rath ich, Loddfafnir, vernimm die Lehre,Wohl dir, wenn du sie merkst. 117
Das rath ich, Loddfafnir, vernimm die Lehre,Wohl dir, wenn du sie merkst. 118
Dem übeln Mann eröffne nichtWas dir Widriges widerfährt: 119
Verderben stiften einem Degen sah ichÜbeln Weibes Wort: 120
Gewannst du den Freund, dem du wohl vertraust,So besuch ihn nicht selten, 121
Das rath ich, Loddfafnir, vernimm die Lehre,Wohl dir, wenn du sie merkst. 122
Altem Freunde sollst du der ersteDen Bund nicht brechen. 123
Das rath ich, Loddfafnir, vernimm die Lehre,Wohl dir, wenn du sie merkst. 124
Von albernem Mann magst du niemalsGuten Lohn erlangen. 125
Das ist Seelentausch, sagt Einer getreulichDem Andern Alles was er denkt. 126
Das rath ich, Loddfafnir, vernimm die Lehre,Wohl dir, wenn du sie merkst. 127
Schuhe nicht sollst du noch Schäfte machenFür Andre als für dich: 128
Das rath ich, Loddfafnir, vernimm die Lehre,Wohl dir, wenn du sie merkst. 129
Das rath ich, Loddfafnir, vernimm die Lehre,Wohl dir, wenn du sie merkst. 130
Das rath ich, Loddfafnir, vernimm die Lehre,Wohl dir, wenn du sie merkst. 131
Willst du ein gutes Weib zu deinem Willen beredenUnd Freude bei ihr finden, 132
Sei vorsichtig, doch seis nicht allzusehr,Am meisten seis beim Meth 133
Mit Schimpf und Hohn verspotte nichtDen Fremden noch den Fahrenden. 134
Laster und Tugenden liegen den MenschenIn der Brust beieinander. 135
Haarlosen Redner verhöhne nicht:Oft ist gut was der Greis spricht. 136
Das rath ich, Loddfafnir, vernimm die Lehre,Wohl dir, wenn du sie merkst. 137
Stark wär der Riegel, der sich rücken sollteAllen aufzuthun. 138
Dieß rath ich, Loddfafnir, vernimm die Lehre,Wohl dir, wenn du sie merkst: [55]
Erde trinkt und wird nicht trunken.
Odhins Runenlied.
139 (1)
Ich weiß, daß ich hing am windigen BaumNeun lange Nächte, 140 (2)
Sie boten mir nicht Brot noch Meth;Da neigt’ ich mich nieder 141 (3)
Hauptlieder neun lernt ich von dem weisen SohnBölthorns, des Vaters Bestlas, 142 (4)
Zu gedeihen begann ich und begann zu denken,Wuchs und fühlte mich wohl. 143 (5)
Runen wirst du finden und Rathstäbe,Sehr starke Stäbe, 144 (6)
Odhin den Asen, den Alfen Dain,Dwalin den Zwergen, 145 (7)
Weist du zu ritzen? weist du zu errathen?Weist du zu finden? weist zu erforschen? 146 (8)
Beßer nicht gebetet als zu viel geboten:Die Gabe will stäts Vergeltung. 147 (9)
Lieder kenn ich, die kann die Königin nichtUnd keines Menschen Kind. 148 (10)
Ein andres weiß ich, des Alle bedürfen,Die heilkundig heißen. 149 (11)
Ein drittes weiß ich, des ich bedarfMeine Feinde zu feßeln. 150 (12)
Ein viertes weiß ich, wenn der Feind mir schlägtIn Bande die Bogen der Glieder, 151 (13)
Ein fünftes kann ich: fliegt ein Pfeil gefährdendÜbers Heer daher, 152 (14)
Ein sechstes kann ich, so Wer mich versehrtMit harter Wurzel des Holzes: 153 (15)
Ein siebentes weiß ich, wenn hoch der Saal stehtÜber den Leuten in Lohe, 154 (16)
Ein achtes weiß ich, das allen wäreNützlich und nöthig: 155 (17)
Ein neuntes weiß ich, wenn Noth mir istVor der Flut das Fahrzeug zu bergen, 156 (18)
Ein zehntes kann ich, wenn ZaunreiterinnenDurch die Lüfte lenken, 157 (19)
Ein eilftes kann ich, wenn ich zum Angriff sollDie treuen Freunde führen, 158 (20)
Ein zwölftes kann ich, wo am Zweige hängtVom Strang erstickt ein Todter, 159 (21)
Ein dreizehntes kann ich, soll ich ein Degenkind[WS 7]In die Taufe tauchen, 160 (22)
Ein vierzehntes kann ich, soll ich dem VolkeDer Götter Namen nennen, 161 (23)
Ein funfzehntes kann ich, das Volkrörir der ZwergVor Dellings Schwelle sang: 162 (24)
Ein sechzehntes kann ich, will ich schöner MaidIn Lieb und Lust mich freuen, 163 (25)
Ein siebzehntes kann ich, daß schwerlich wiederDie holde Maid mich meidet. 164 (26)
Ein achtzehntes weiß ich, das ich aber nicht singeVor Maid noch Mannesweibe 165 (27)
Des Hohen Lied ist gesungenIn des Hohen Halle, |
Anmerkungen (Wikisource)
Siehe auch Anmerkungen des Übersetzers zu diesem Lied
- ↑ Vorlage: „Kranheit“
- ↑ Neige – Rest, Bodensatz in einem Gefäß (DWB)
- ↑ Bautasteine – schmale, hohe Denksteine in Skandinavien
- ↑ Vorlage: „hohen“ (klein geschrieben).
- ↑ Gehrende – fahrende Leute, Bettler (Deutschen Rechtswörterbuch).
- ↑ Scherf – kleinste Münze (DWB).
- ↑ Degenkind – Kind männlichen Geschlechts (Deutschen Rechtswörterbuch).
