Edda/Ältere Edda/Harbardhsliodh
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7. Harbardhsliodh.
Das Harbardslied.
Thôr kam von der Ostfahrt her an einen Sand; jenseits stand der Fährmann mit dem Schiffe. Thôr rief: 1
Wer ist der Gesell der Gesellen, der überm Sunde steht?Harbard antwortete:
2
Wer ist der Kerl der Kerle, der da kreischt überm Waßer?Thôr.
3
Über den Sund fahr mich, so füttr ich dich morgen.Einen Korb hab ich auf dem Rücken, beßre Kost giebt es nicht. Harbard.
4
Allzuvorlaut rühmst du dein Frühmahl;Du weist das Weitre nicht: Thôr.
5
Das hör ich nun hier, was das Herbste scheintJedem Mann, daß meine Mutter todt sei. Harbard.
6
Du hältst dich nicht, als hättest du guter Höfe drei:Barbeinig stehst du in Bettlersgewand, Thôr.
7
Steure nur her die Eiche, die Stätte zeig ich dir,Doch Wem gehört das Schiff, das du hältst am Ufer? Harbard.
8
Hildolf heißt er, der michs zu halten bat,Der rathkluge Recke, der in Radsei-sund wohnt. Thôr.
9
Den sag ich dir frei, obgleich ich hier friedlos bin,Und all mein Geschlecht. Ich bin Odhins Sohn, Harbard.
10
Harbard heiß ich, ich hehle den Namen selten.Thôr.
11
Was solltest du ihn hehlen, wenn du schuldlos bist?Harbard.
12
Obschon ich nicht schuldlos bin, schütz ich mich doch leichtVor Einem wie Du bist; mein Ende wüst ich denn nah. Thôr.
13
Es dünkt mich beschwerlich zu dir hinüberDurchs Waßer zu waten und mein Gewand zu netzen; Harbard.
Thôr.
15
Des gedenkst du nun, daß ich mit Hrungnir stritt,Dem starkherzgen Riesen, dem von Stein das Haupt war; Harbard.
16
Ich war bei Fiölwar fünf volle WinterAuf einem Eiland, das Allgrün heißt. Thôr.
17
Wie ward es da mit euern Weibern?Harbard.
18
Wir hatten zierliche Weiber, wären sie zahmer gewesen;Wir hatten hübsche Weiber, wären sie uns holder gewesen. Thôr.
19
Ich tödtete Thiassi,56 den übermüthigen Thursen,Auf warf ich die Augen des Sohnes Ölwalts Harbard.
20
Allerlei Liebeskünste übt’ ich bei Nachtreiterinnen,Die ich mit List ihren Männern entlockte. Thôr.
21
Gute Gabe galtst du mit übelm Lohn.Harbard.
22
Eine Eiche muß fallen, sonst fertigt man den Kahn nicht;Jeder sorgt für sich. Thôr.
23
Ich war im Osten, überwand der RiesenBöswillige Bräute, da sie zum Berge gingen. Harbard.
24
Ich war in Walland, des Kampfs zu warten,Verfeindete Fürsten dem Frieden wehrend. Thôr.
25
Unter die Asen theiltest du ungleich die Menschen,Hättest du der Wünsche Gewalt. Harbard.
26
Thôr hat Macht genug, aber nicht Muth.Aus feiger Furcht fuhrst du in den Handschuh,45 Thôr.
27
Harbard, Schändlicher! Zu Hel schickt’ ich dich,Möcht ich über den Sund setzen. Harbard.
28
Was solltest du überm Sund, wo du nichts zu schaffen hast?Was thatest du weiter, Thôr? Thôr.
29
Ich war im Osten und wehrt’ einem Fluß;Da griffen Swarangs Söhne mich an. Harbard.
30
Ich war im Osten mit Einer zu kosen,Spielte mit der schneeweißen und sprach lange mit ihr. Thôr.
31
Da hattet ihr willige Weiber.Harbard.
32
Da hätt ich bedurft, Thôr, deiner Hülfe,Die schleierweiße zu entwenden. Thôr.
33
Die hätt ich dir gewährt, wär dazu Zeit gewesen.Harbard.
34
Ich hätte dir auch vertraut; oder hättest du mich betrogen?Thôr.
35
Bin ich denn so ein Fersenzwicker wie ein alter Schuh im Frühjahr?Harbard.
36
Was thatest du weiter, Thôr?Thôr.
37
Berserkerbräute bändigt’ ich auf Hlesey:Das Ärgste hatten sie getrieben, betrogen alles Volk. Harbard.
38
Unrühmlich thatest du, Thôr, daß du Weiber tödtetest.Thôr.
39
Wölfinnen waren es, Weiber kaum.Sie zerschellten mein Schiff, das ich auf Pfähle gestellt, Harbard.
40
Ich war beim Heere, das eben hieherKriegsfahnen erhob den Sper zu färben. Thôr.
41
Des gedenkst du nun,Wie du auszogst uns zur Überlast. Harbard.
42
Das büß ich dir gern mit goldnen HandringenNach Schiedsrichterspruch, der uns versöhnen mag. Thôr.
43
Woher hast du nur die Hohnreden all?Ich hörte niemals so höhnische. Harbard.
44
Von den alten Leuten lernt ich sie,Die in den Wäldern wohnen. Thôr.
45
Du giebst den Gräbern zu guten Namen,Wenn du sie Wälder- Wohnungen nennst. Harbard.
46
So denk ich von der Art Dingen nun.Thôr.
47
Deine Wortklugheit kommt dir noch übel,Wenn ich durchs Waßer wate. Harbard.
48
Sif61 hat einen Buhlen, du wirst ihn bei ihr finden:Der erfahre deine Kraft, das frommt dir mehr. Thôr.
49
Du redest nach deines Mundes Rath, nur recht mich zu kränken.Verworfner Wicht! ich weiß, daß du lügst. Harbard.
50
Und ich sage, so ists! Säumig betreibst du die Fahrt.Schon wärst du weit, Thôr, wenn du verwandelt fuhrst. Thôr.
51
Harbard, Schändlicher! Du hast mich hier so lang verweilt.Harbard.
52
Dem Asathôr, wähnt’ ich, wehrte so leicht nichtEin Viehhirt die Fahrt. Thôr.
53
Einen Rath will ich dir rathen; rudre die Fähre hieher.Hab ein Ende der Hader! Hole den Vater Magnis. Harbard.
54
Fahr nur weg vom Sund, verweigert bleibt dir die Fahrt.Thôr.
55
Weise mir nur den Weg, willst du mich nichtÜber den Sund setzen. Harbard.
56
Geringes verlangst du, doch lang ist der Weg:Eine Stunde zum Stocke, zum Stein eine andre. Thôr.
57
Komm ich heute noch hin?Harbard.
58
Du erreichst es mit Eil bei noch obenstehender Sonne,Wenn ich erst von dannen ging. Thôr.
59
Kurz wird noch unser Gespräch, da du nur spöttisch sprichst.Die verweigerte Überfahrt lohn ich ein andermal. Harbard.
60
Fahr immer zu in übler Geister Gewalt! |
Anmerkungen (Wikisource)
Siehe auch Anmerkungen des Übersetzers zu diesem Lied
