Edda/Ältere Edda/Sigurdharkvidha Fafnisbana thridhja

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Autor: Anonym
Titel: Sigurdharkvidha Fafnisbana thridhja
Untertitel: Das dritte Lied von Sigurad dem Fafnirstödter
aus: Die Edda, Götterlieder
Herausgeber:
Auflage: 6
Entstehungsdatum: 1271, 1851 (Übersetzung)
Erscheinungsdatum: 1876
Verlag: J. G. Cotta
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Erscheinungsort: Stuttgart
Übersetzer: Karl Joseph Simrock
Originaltitel: Sigurdarkviða Fafnisbana thridja
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans auf Commons
Kurzbeschreibung: 11. Lied der Heldensagen in der „Älteren Edda“
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[192]
27. Sigurdharkvidha Fafnisbana thridhja.

Das dritte Lied von Sigurd dem Fafnirstödter.

1
Einst geschahs, daß Sigurd   Giuki besuchen kam,
Der junge Wölsung,   des Wurms Besieger.
Mit beiden Brüdern   schloß er den Bund;
Eide schwuren sich   die Unverzagten.


2
Eine Maid bot man ihm   und Menge des Schatzes,
Die junge Gudrun,   Giukis Tochter.
Traulich tranken   der Tage manchen
Sigurd der junge   und die Söhne Giukis


3
Bis sie um Brynhild   zu bitten fuhren,
Da sich auch Sigurd   gesellte zu ihnen,
Der junge Wölsung,   den Weg zu zeigen;
Sein wäre sie, wenn es   das Schicksal wollte.


4
Sigurd der südliche   sein Schwert legt’ er,
Die zierliche Waffe,   mitten zwischen sie.
Er küsste nicht   die Königin,
Der hunische Held   hob in den Arm sie nicht;
Dem Erben Giukis   gab er die junge.


5
An seinem Leben   lag kein Tadel,
Zu rügen war   an dem Reinen nichts,
Kein Fehl zu finden   noch vorzugeben.
Inmittels gingen   grimme Nornen.


6
Einsam saß sie außen,   wenn der Abend kam,
Irr vor Liebe   ließ sie die Rede nicht:
„Sterben will ich   oder Sigurd hegen,
Den alljungen Mann,   in meinem Arm.
[193]
7
Die rasche Rede,   nun reut sie mich wieder:
Seine Gattin ist Gudrun,   da ich Gunnars bin.
Ueble Nornen schufen uns   langes Unheil.“


8
Oft ging sie, ganz   von Grimm erfüllt,
Über Eis und Gletscher,   wenn der Abend kam,
Daß Er und Gudrun zu   Bette gingen
Und Sigurd die Braut   in die Decken barg,
Der hunische König,   und kos’te der Frau.


9
„Die Freud ist mir entfremdet,   des Freunds entbehr ich,
Nur Graun mag mich ergetzen   und grimmer Sinn.“


10
So mahnte sie den Muth   zum Mord im Zorn:
„Ganz und gar   sollst du, Gunnar, entsagen
Mir zumal   und meinen Landen.
Nicht froh hinfort,   werd ich, Fürst, bei dir.


11
„Dahin will ich wieder   wo ich war zuvor,
Zu meinen Freunden   und nächsten Vettern.
Da will ich sitzen,   verschlafen mein Leben,
So du den Sigurd   nicht sterben läßest
Und vielen Fürsten   furchtbar gebietest.


12
„Fort mit dem Vater   fahre der Sohn:
Unweise wär es   den jungen Wolf ziehn.
Welchem Manne   wird die Mordbuße
Zu sanfter Sühne   bei des Sohnes Leben?“


13
Trübe ward Gunnar   und trauervoll,
Schwankendes Sinnes   saß er den langen Tag:
Immer noch wust er   nicht für gewiss
Was ihm am Meisten   möchte geziemen,
Was ihm zu thun   das Tauglichste wäre:
Er wuste, des Wölsungs   würd er beraubt,
Und konnte Sigurds   Verlust nicht verschmerzen.


14
Gleich lange bedacht er   dieses wie jenes.
Das war selten   geschehen vordem,
Daß der Königswürde   ein Weib entsagte.
Da hieß er den Högni   heischen zum Gespräch,
Denn volles Vertrauen   trug er zu dem.
[194]

Gunnar.

15
Mir ist Brynhild,   Budlis Tochter,
Lieber als alle,   die edelste Frau.
Das Leben lieber   will ich laßen
Als der Schönen entsagen   und ihren Schätzen.


16
Hilfst du uns, Högni,   den Helden berauben?
Gut ist des Rheines   Gold zu besitzen,
In Freude zu walten   des vielen Gutes
Und ganz in Ruhe   des Glücks zu genießen. —


17
Aber Högni   gab ihm zur Antwort:
„Das zu vollbringen   gebührt uns nicht:
Mit dem Schwert zu brechen   geschworne Eide,
Geschworne Eide,   besiegelte Treu!


18
„Wir wißen auf der Welt   nicht so Glückliche wohnen
So lange wir Viere   das Volk beherschen
Und hier der hunische   Heerführer lebt,
Noch irgend auf Erden   so edle Sippe.
Wenn ferner wir fünf   noch Fürsten zeugten,
Wir stürzten die Götter   von den Herscherstühlen.


19
„Ich weiß von wannen   die Wege laufen:
Brynhild quält dich:   du kannst sie nicht stillen.“


Gunnar.

20
Wir wollen den Guthorm   gewinnen zum Morde,
Den jüngern Bruder,   der bar ist des Witzes:
Er hat nicht Antheil   an Eiden und Schwüren,
Eiden und Schwüren,   besiegelter Treu. —


21
Leicht aufzureizen   war der Übermüthige:
Da stand dem Sigurd   das Schwert im Herzen.


22
Rasch hob sich der Recke   zur Rache im Saal
Und warf den Geer   nach dem Mordgierigen:
Nach Guthorm flog,   dem Fürsten, kräftig
Das glänzende Eisen   aus des Edlings Hand.


23
Entzweigespaltet   sank sein Feind:
Haupt und Hände   hinflogen weit,
Der Füße Theil fiel   flach auf den Boden.
[195]
24
Gudrun lag, die Gute, schlafend
An Sigurds Seite sorgenlos;
Ihr Erwachen war der Wonne ledig:
Sie floß in Freyrs Freundes Blut.


25
Da schlug sie so stark zusammen die Hände,
Der Hartgeherzte erhob im Bette sich:
„Gräme dich, Gudrun, so grimmig nicht,
Blutjunge Braut: deine Brüder leben.


26
„Einen Erben hab ich, allzujungen
Fern zu fliehn aus der Feinde Haus.
Die Helden haben unheimlichen, schwarzen
Neumondsrath nächtlich erdacht.


27
„Ihnen zeltet schwerlich nun, und zeugtest du sieben,
Solch ein Schwestersohn zum Thing.
Wohl weiß ich wie es bewandt ist:
Alle des Unheils Ursach ist Brynhild.


28
„Mich liebte die Maid vor den Männern all;
Nichts hab ich gegen Gunnarn gethan.
Ich schirmte die Sippe, geschworne Eide;
Doch heiß ich der Friedel nun seiner Frau.“


29
Die Königin stöhnte, der König erstarb.
Sie schlug so stark zusammen die Hände,
Daß auf dem Brette die Becher erklangen,
Und hell die Gänse im Hofe kreischten.


30
Da lachte Brynhild, Budlis Tochter,
Aus ganzem Herzen heute noch einmal,
Denn bis an ihr Bette durchbrach den Raum
Der gellende Schrei der Giukistochter.


31
Anhub da Gunnar, der Habichte Fürst:
„Schlag kein Gelächter auf, Schadenfrohe,
Heiter in der Halle als brächt es dir Heil.
Wie hast du verloren die lautere Farbe,
Verderbenstifterin, die selbst wohl verdirbt!
[196]
32
„Du wärest würdig, Weib, daß wir hier
Dir vor den Augen den Atli erschlügen,
Daß du sähst an dem Bruder blutige Wunden,
Quellende Wunden du könntest verbinden.“


33
Da sprach Brynhild, Budlis Tochter:
„Wer reizt dich, Gunnar? gerochen hast du dich.
Den Atli ängstet deine Abgunst nicht:
Er wird am längsten leben von euch beiden
Und immer mehr vermögen als du.“


34
(„Laß dir sagen, Gunnar, du selber zwar weist es,
Wie rasch ihr euch, Recken, beriethet zur That.
Alljung saß ich und ohne Sorgen
Mit herlicher Habe im Hause des Bruders.


35
„Nicht war mir Noth, daß ein Mann mich nähme,
Als ihr Söhne Giukis uns erschient im Hof,
Auf Hengsten ihr drei Herscher der Völker;
Wahrlich mir frommte wenig die Fahrt!


36
„Verheißen hatt ich mich dem hehren König,
Der mit Golde saß auf Granis Rücken.
Nicht war er euch an den Augen gleich,
Nicht von Antlitz in Einem Stücke,
Obwohl Volkskönige euch wähnet auch Ihr.


37
„Doch sagte Atli mir das allein,
Er gebe die Hälfte der Habe mir nicht,
Der Macht noch des Goldes, vermählt denn wär ich.
Auch würde mir nichts des erworbenen Guts,
Das schon der Vater früh mir schenkte,
Des Goldes und Gutes, das er gab dem Kind.


38
„Da schwankte mein Sinn unentschieden zuerst
Ob ich fechten sollte und Männer fällen
In blanker Brünne um des Bruders Unglimpf.
Das hätte das Volk erfahren mit Schrecken,
Manchem Mann hätt es den Muth beschwert.


39
„Da ging ich gern den Vergleich mit ihm ein.
Doch hätt ich lieber den Hort genommen,
[197]
Die rothen Spangen von Sigmunds Erben.
Nicht mocht ich eines andern Mannes Schätze:
Den Einen liebt’ ich, nicht Andre mehr;
Die Maid war nicht wankelmüthigen Sinns.)


40
„Dieß Alles wird Atli dereinst befinden,
Hört er von meinem mordlichen Tod.
Denn wie soll ein edel geartetes Weib
Das Leben führen mit fremdem Manne?
Da wird mir bald gebüßt das Leid.“


41
Auf stand Gunnar, der Giukunge Trost,
Und schlang die Hände um den Hals der Frau.
Sie gingen alle und einzeln ein jeder
Aufrichtigen Herzens ihr abzuwehren.


42
Doch sich vom Halse hielt sie Gunnarn,
Ließ sich Niemand verleiden den langen Gang.


43
Da hieß er den Högni heischen zum Gespräche:
„Es sollen zusammen in den Saal gehn die Männer,
Deine mit meinen — uns drängt die Noth —
Ob sie wehren mögen dem Mord der Frau
Eh es vom Sprechen zu Schlimmerm kommt;
Mag hernach geschehen was muß und kann.“


44
Aber Högni gab ihm zur Antwort:
„Verleid ihr Niemand den langen Gang
Und werde sie nimmer wiedergeboren!
Sie kam schon krank vor die Kniee der Mutter;
Zu allem Bösen geboren ist sie uns,
Manchem Manne zu trübem Muthe!“


45
Unwillig wandt er sich weg vom Gespräche,
Wo die Schmuckreiche die Schätze vertheilte.
Da standen sie alle um ihre Habe,
Bedürftige Dirnen und Dienstweiber.


46
Der goldgepanzerten war nicht gut zu Muth,
Da sie sich durchstach mit des Stahles Schärfe.
Mit Einer Seite sank sie aufs Polster;
Die dolchdurchdrungene dacht auf Rath:
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47
„Nun geht herzu, die Gold wollen
Und minderes Gut von Mir erlangen;
Ich gebe Jeder goldrothen Halsschmuck,
Schleif und Schleier und schimmernd Gewand.“


48
Alle schwiegen sie und sannen auf Rath
Bis endlich zur Antwort sie einstimmig gaben:
„Wie dürftig wir seien, wir wollen doch leben,
Saalweiber bleiben und thun was gebührt.“


49
Sinnend sprach die linnengeschmückte
Jung von Jahren jetzo das Wort:
„Nicht eine soll ungern und unbereit
Sterben müßen um meinetwillen.


50
„Doch brennt auf euern Gebeinen dereinst
Karge Zier, kommt ihr zu sterben
Und mich heimzusuchen, nicht herliches Gut.


51
„Sitze nun, Gunnar, ich will dir sagen,
Ich lebensmüde, dein lichtes Gemahl.
Nicht liegt euch im Sunde das Schiff geborgen,
Ob Ich das Leben verloren habe.


52
„Schneller als du denkst versöhnt sich dir Gudrun.
Die kluge Königin hat bei dem König (Alf)
Trübe Gedanken an den todten Gemahl.


53
„Eine Maid wird geboren aus Mutterschooße:
Heller traun als der lichte Tag,
Als der Sonnenstral wird Swanhild sein.


54
„Einem Helden geben wirst du Gudrunen,
Die mit Geschoßen die Krieger schädigt.
Nicht nach Wunsch wird sie vermählt:
Atli soll sie zur Ehe nehmen,
Budlis Geborner, der Bruder mein.


55
„An Manches muß ich denken wie ihr mich beriethet:
Heillos habt ihr mich hintergangen.
Aller Lust war ich ledig solang ich lebte.
[199]
56
„Oddrunen willst du zu eigen haben;
Aber Atli giebt sie zur Ehe dir nicht:
Da werdet ihr heimlich zusammenhalten.
Sie wird dich lieben, wie ich dich würde,
Hätte das Schicksal uns Solches gegönnt.


57
„Dich wird Atli übel strafen:
In die wüste Wurmhöhle wirst du gelegt.


58
„Darnach unlange eräugnet es sich,
Daß Atli argen Ausgang nimmt,
Sein Glück verliert, das Leben einbüßt.
Ihn tödtet die grimme Gudrun im Bette
Mit scharfem Schwert, die schwerbetrübte.


59
„Schicklicher stiege eure Schwester Gudrun
Heut auf den Holzstoß mit dem Herrn und Gemahl,
Gäben ihr gute Geister den Rath
Oder besäße sie unsern Sinn.


60
„Schwer sprech ich schon; doch soll Gudrun
Durch unsre Abgunst nicht untergehn.
Von hohen Wellen gehoben treibt sie
Zu jenem jähen Jonakursstrand.


61
„Unentschieden sind die Söhne Jonakurs;
Swanhilden sendet sie selbst aus dem Lande,
Die dem Sigurd entsproß und ihrem Schooß;
Da rauben ihr Bickis Räthe das Leben,
Denn Unheil hängt über Jörmunreks Haus.
So ist Sigurds Geschlecht vernichtet,
So größer und grimmer Gudruns Leid.


62
„Eine Bitte bitten will ich dich;
Ich laß es im Leben die letzte sein:
Eine breite Burg erbau auf dem Felde,
Daß darauf uns Allen Raum sei,
Die samt Sigurden zu sterben kamen.
[200]
63
„Die Burg umzieht mit Zelten und Schilden,
Erlesnem Geleit und Leichengewand,
Und brennt mir den Hunen-Gebieter zur Seite.


64
„Dem Hunengebieter brennt zur Seite
Meine Knechte mit kostbaren Ketten geschmückt:
Zwei ihm zu Häupten und zwei zu den Füßen,
Dazu zwei Hunde und der Habichte zwei.
Also ist Alles eben vertheilt.


65
„Bei uns blinke das beißende Schwert,
Das goldgezierte, so zwischen gelegt
Wie da wir beiden ein Bette bestiegen
Und man uns nannte mit ehlichem Namen.


66
„So fällt dem Fürsten auf die Ferse nicht
Die Pforte des Saals, die goldgeschmückte,
Wenn auf dem Fuß ihm folgt mein Leichengefolge.
Unsere Fahrt wird nicht ärmlich sein.


67
„Ihm folgen mit mir der Mägde fünf,
Dazu acht Knechte edeln Geschlechts,
Meine Milchbrüder mit mir erwachsen,
Die seinem Kinde Budli geschenkt.


68
„Manches sprach ich; mehr noch sagt' ich,
Gönnte zur Rede der Gott mir Raum.
Die Stimme versagt, die Wunden schwellen;
Die Wahrheit sagt ich, so gewiss ich sterbe.“
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