Edda/Ältere Edda/Völuspâ
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1. Völuspâ.
Der Seherin Ausspruch.
1
Allen Edeln gebiet ich Andacht,Hohen und Niedern von Heimdalls Geschlecht; 2
Riesen acht ich die Urgebornen,Die mich vor Zeiten erzogen haben. 3
Einst war das Alter, da Ymir4 lebte:Da war nicht Sand nicht See, nicht salzge Wellen, 4
Bis Börs Söhne8 die Bälle erhuben,Sie die das mächtige Midgard schufen. 5
Die Sonne von Süden, des Mondes Gesellin,Hielt mit der rechten Hand die Himmelrosse. 6
Da14 gingen die Berather zu den Richterstühlen,Hochheilge Götter hielten Rath. 7
Die Asen einten sich auf dem Idafelde,Hof und Heiligtum hoch sich zu wölben.14 8
Sie warfen im Hofe heiter mit WürfelnUnd darbten goldener Dinge noch nicht. 9
Da gingen die Berather zu den Richterstühlen,Hochheilge Götter hielten Rath, 10
Da ward Modsognir der mächtigsteDieser Zwerge und Durin nach ihm. 11
Nyi und Nidi, Nordri und Sudri,Austri und Westri, Althiofr, Dwalin, 12
Weigr, Gandalfr, Windalfr, Thrain,Theckr und Thorin, Thror, Witr und Litr, 13
Fili, Kili, Fundin, Nali,Hepti, Wili, Hannar und Swior, 14
Zeit ists, die Zwerge von Dwalins ZunftDen Leuten zu leiten bis Lofar hinauf, 15
Da war Draupnir und Dolgthrasir,Har, Haugspori, Hläwangr, Gloi, 16
Fialar und Frosti, Finnar und Ginnar,Heri, Höggstari, Hliodolfr, Moin. 17
Gingen da9 dreie aus dieser Versammlung,Mächtige, milde Asen zumal, 18
Besaßen nicht Seele, und Sinn noch nicht,Nicht Blut noch Bewegung, noch blühende Farbe. 19
Eine Esche weiß ich, heißt Yggdrasil,15. 16Den hohen Baum netzt weißer Nebel; 20
Davon15 kommen Frauen, vielwißende,Drei aus dem See dort unterm Wipfel. [6]
Urd heißt die eine, die andre Werdandi: 21
Allein saß sie außen, da der Alte kam,Der grübelnde Ase, und ihr ins Auge sah. 22
In der vielbekannten Quelle Mimirs.Meth trinkt Mimir allmorgentlich 23
Ihr gab Heervater Halsband und RingeFür goldene Sprüche und spähenden Sinn. 24
Ich sah Walküren36 weither kommen,Bereit zu reiten zum Rath der Götter. 25
Da wurde Mord in der Welt zuerst,Da sie mit Geeren Gulweig (die Goldkraft) stießen, 26
Heid hieß man sie wohin sie kam,Wohlredende Wala zähmte sie Wölfe. 27
Da42 gingen die Berather zu den Richterstühlen,Hochheilge Götter hielten Rath, [7]
Ob die Asen sollten Untreue strafen, 28
Gebrochen war der Burgwall den Asen,Schlachtkundge Wanen stampften das Feld. 29
Da gingen die Berather zu den Richterstühlen,Hochheilge Götter hielten Rath, 30
Von Zorn bezwungen zögerte Thôr nicht,Er säumt selten wo er Solches vernimmt: 31
Ich weiß Heimdalls27 Horn verborgenUnter dem himmelhohen heiligen Baum. 32
Östlich saß die Alte im EisengebüschUnd fütterte dort Fenrirs Geschlecht. 33
Ihn mästet das Mark gefällter Männer,Der Seligen Saal besudelt das Blut. 34
Da saß am Hügel und schlug die HarfeDer Riesin Hüter, der heitre Egdir. 35
Den Göttern gellend sang Gullinkambi,Weckte die Helden beim Heervater, 36
Ich sah dem Baldur,49 dem blühenden Opfer,Odhins Sohne, Unheil drohen. 37
Von der Mistel kam, so dauchte michHäßlicher Harm, da Hödur schoß. 38
In Ketten lag im QuellenwaldeIn Unholdgestalt der arge Loki. 39
Gewoben weiß da Wala Todesbande,Und fest geflochten die Feßel aus Därmen. 40
Ein Strom wälzt ostwärts durch EiterthälerSchlamm und Schwerter, der Slidur4 heißt. 41
Nördlich stand an den NidabergenEin Saal aus Gold für Sindris Geschlecht. 42
Einen Saal seh ich, der Sonne fernIn Nastrand,52[WS 3] die Thüren sind nordwärts gekehrt. 43
Im starrenden Strome stehn da und watenMeuchelmörder und Meineidige 44
Viel weiß der Weise, sieht weit vorausDer Welt Untergang, der Asen Fall. 45
Brüder befehden sich und fällen einander,Geschwister sieht man die Sippe brechen. 46
Unerhörtes eräugnet sich, großer Ehbruch.Beilalter, Schwertalter, wo Schilde krachen, 47
Mimirs Söhne spielen, der Mittelstamm entzündet sichBeim gellenden Ruf des Giallarhorns. 48
Yggdrasil zittert, die Esche, doch steht sie,Es rauscht der alte Baum, da der Riese frei wird. 49
Hrym51 fährt von Osten und hebt den Schild,Jörmungandr wälzt sich im Jötunmuthe. 50
Der Kiel fährt von Osten, da kommen Muspels SöhneÜber die See gesegelt; sie steuert Loki. 51
Surtur4. 51 fährt von Süden mit flammendem Schwert,Von seiner Klinge scheint die Sonne der Götter. 52
Was ist mit den Asen? was ist mit den Alfen?All Jötunheim ächzt, die Asen versammeln sich. 53
Da hebt sich Hlins35 anderer Harm,Da Odin eilt zum Angriff des Wolfs. 54
Nicht säumt Siegvaters erhabner SohnMit dem Leichenwolf, Widar, zu fechten: 55
Da kommt geschritten Hlodyns schöner Erbe,Wider den Wurm wendet sich Odins Sohn. 56
Schwarz wird die Sonne, die Erde sinkt ins Meer,Vom Himmel schwinden die heitern Sterne. 57
Da33 seh ich auftauchen zum andernmaleAus dem Waßer die Erde und wieder grünen. [11]
Die Fluten fallen, darüber fliegt der Aar, 58
Die Asen einen sich auf dem Idafelde,Über den Weltumspanner zu sprechen, den großen. 59
Da werden sich wieder die wundersamenGoldenen Bälle im Grase finden, 60
Da werden unbesät die Äcker tragen,Alles Böse beßert sich, Baldur kehrt wieder. 61
Da kann Hönir selbst sein Looß sich kiesen,Und beider Brüder Söhne bebauen 62
Einen Saal seh ich heller als die Sonne,Mit Gold bedeckt auf Gimils Höhn:3. 17. 52 63
Da reitet der Mächtige zum Rath der Götter,Der Starke von Oben, der Alles steuert. 64
Nun kommt der dunkle Drache geflogen,Die Natter hernieder aus Nidafelsen. |
Anmerkungen (Wikisource)
Siehe auch Anmerkungen des Übersetzers zu diesem Lied
