Edda/Ältere Edda/Vafthrûdhnismâl
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3. Vafthrûdhnismâl.
Das Lied von Wafthrudnir.
Odhin.
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1Rath Du mir nun, Frigg, da mich zu fahren lüstet
- Zu Wafthrudnirs Wohnungen;
- Denn groß ist mein Vorwitz über der Vorwelt Lehren
- Mit dem allwißenden Joten zu streiten.
Frigg.
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2Daheim zu bleiben, Heervater, mahn ich dich
- In der Asen Gehegen,
- Da vom Stamm der Joten ich stärker keinen
- Als Wafthrudnirn weiß.
Odhin.
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3Viel erfuhr ich, viel versucht ich,
- Befrug der Wesen viel;
- Nun will ich wißen wie's in Wafthrudnirs
- Sälen beschaffen ist.
Frigg.
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4Heil denn fahre, heil denn kehre,
- Heil dir auf deinen Wegen!
- Dein Witz bewähre sich, da du, Weltenvater,
- Mit Riesen Rede tauschest. –
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5Fuhr da Odhin zu erforschen die Weisheit
- Des allklugen Joten.
- Er kam zu der Halle, die Ims Vater hatte;
- Eintrat Yggr alsbald.
[22] Odhin.
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6Heil dir, Wafthrudnir! In die Halle kam ich
- Dich selber zu sehen.
- Zuerst will ich wißen ob du weise bist
- Und ein allwißender Jote.
Wafthrudnir.
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7Wer ist der Mann, der in meinem Saal
- Das Wort an mich wendet?
- Aus kommst du nimmer aus unsern Hallen,
- Wenn du nicht weiser bist.
Odhin.
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8Gangradr heiß ich, die Wege ging ich
- Durstig zu deinem Saal.
- Bin weit gewandert, des Wirths, o Riese,
- Und deines Empfangs bedürftig.
Wafthrudnir.
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9Was hältst du und sprichst an der Hausflur, Gangradr?
- Nimm dir Sitz im Saale:
- So wird erkannt wer kundiger sei,
- Der Gast oder der graue Redner.
Gangradr.
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10Kehrt Armut ein beim Überfluß,
- Spreche sie gut oder schweige.
- Übeln Ausgang nimmt Übergeschwätzigkeit
- Bei mürrischem Manne.
Wafthrudnir.
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11Sage denn, so du von der Flur versuchen willst,
- Gangradr, dein Glück,
- Wie heißt der Hengst, der herzieht den Tag
- Über der Menschen Menge?
Gangradr.
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12Skinfaxi10 heißt er, der den schimmernden Tag zieht
- Über der Menschen Menge.
- Für der Füllen bestes gilt es den Völkern,
- Stäts glänzt die Mähne der Mähre.
[23] Wafthrudnir.
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13Sage denn, so du von der Flur versuchen willst,
- Gangradr, dein Glück,
- Den Namen des Rosses, das die Nacht bringt von Osten
- Den waltenden Wesen?
Gangradr.
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14Hrimfaxi heißt es, das die Nacht herzieht
- Den waltenden Wesen.
- Mehlthau fällt ihm am Morgen vom Gebiß
- Und füllt mit Thau die Thäler.
Wafthrudnir.
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15Sage denn, so du von der Flur versuchen willst,
- Gangradr, dein Glück,
- Wie heißt der Strom, der dem Stamm der Riesen
- Den Grund theilt und den Göttern?
Gangradr.
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16Ifing heißt der Strom, der dem Stamm der Riesen
- Den Grund theilt und den Göttern.
- Durch alle Zeiten zieht er offen,
- Nie wird Eis ihn engen.
Wafthrudnir.
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17Sage denn, so du von der Flur versuchen willst,
- Gangradr, dein Glück,
- Wie heißt das Feld, wo zum Kampf sich finden
- Surtur und die selgen Götter?
Gangradr.
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18Wigrid51 heißt das Feld, da zum Kampf sich finden
- Surtur und die selgen Götter.
- Hundert Rasten zählt es rechts und links:
- Solcher Walplatz wartet ihrer.
Wafthrudnir.
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19Klug bist du, Gast: geh zu den Riesenbänken
- Und laß uns sitzend sprechen.
- Das Haupt stehe hier in der Halle zur Wette,
- Wandrer, um weise Worte.
[24] Gangradr.
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20Sage zum ersten, wenn Sinn dir ausreicht
- Und du es weist, Wafthrudnir,
- Erd und Überhimmel, von wannen zuerst sie
- Kamen? kluger Jote!
Wafthrudnir.
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21Aus Ymirs Fleisch6. 8 ward die Erde geschaffen,
- Aus dem Gebein die Berge,
- Der Himmel aus der Hirnschale des eiskalten Hünen,
- Aus seinem Schweiße die See.
Gangradr.
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22Sag mir zum andern, wenn der Sinn dir ausreicht
- Und du es weist, Wafthrudnir,
- Von wannen der Mond kommt, der über die Menschen fährt,
- Und so die Sonne?
Wafthrudnir.
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23Mundilföri11 heißt des Mondes Vater
- Und so der Sonne.
- Sie halten täglich am Himmel die Runde
- Und bezeichnen die Zeiten des Jahrs.
Gangradr.
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24Sag mir zum dritten, so du weise dünkst
- Und du es weist, Wafthrudnir,
- Wer hat den Tag gezeugt, der über die Völker zieht,
- Und die Nacht mit dem Neumond?
Wafthrudnir.
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25Dellingr10 heißt des Tages Vater,
- Die Nacht ist von Nörwi gezeugt.
- Des Mondes Mindern und Schwinden schufen milde Wesen
- Die Zeiten des Jahrs zu bezeichnen.
Gangradr.
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26Sag mir zum vierten, wenn dus erforscht hast
- Und du es weist, Wafthrudnir,
- Wannen der Winter kam und der warme Sommer
- Zuerst den gütgen Göttern?
[25] Wafthrudnir.
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27Windswalir 19 heißt des Winters Vater,
- Und Swasudr des Sommers.
- Durch alle Zeiten ziehn sie selbander[WS 1]
- Bis die Götter vergehen.
Gangradr.
-
28Sag mir zum fünften, wenn dus erforscht hast
- Und du es weist, Wafthrudnir,
- Wer von den Asen der erste, oder von Ymirs Geschlecht
- Im Anfang aufwuchs?
Wafthrudnir.
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29Im Urbeginn der Zeiten vor der Erde Schöpfung
- Ward Bergelmir 7 geboren.
- Drudgelmir war dessen Vater,
- Örgelmir sein Ahn.
Gangradr.
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30Sag mir zum sechsten, wenn du sinnig dünkst
- Und du es weist, Wafthrudnir,
- Woher Örgelmir kam den Kindern der Riesen
- Zuerst? allkluger Jote.
Wafthrudnir.
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31Aus den Eliwagar 5 fuhren Eitertropfen
- Und wuchsen bis ein Riese ward.
- Dann stoben Funken aus der südlichen Welt
- Und Lohe gab Leben dem Eis.
Gangradr.
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32Sag mir zum siebenten, wenn du sinnig dünkst
- Und du es weist, Wafthrudnir,
- Wie zeugte Kinder der kühne Jötun,
- Da er der Gattin irre ging?
Wafthrudnir.
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33Unter des Reifriesen Arm wuchs, rühmt die Sage 5,
- Dem Thursen Sohn und Tochter.
- Fuß mit Fuß gewann dem furchtbaren Riesen
- Sechsgehäupteten Sohn.
[26] Gangradr.
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34Sag mir zum achten, wenn man dich weise achtet,
- Daß du es weist, Wafthrudnir,
- Wes gedenkt dir zuerst, was weist du das älteste?
- Du bist ein allkluger Jötun.
Wafthrudnir.
-
35Im Urbeginn der Zeiten, vor der Erde Schöpfung
- Ward Bergelmir 7 geboren.
- Des gedenk ich zuerst, daß der allkluge Jötun
- Im Boot geborgen ward.
Gangradr.
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36Sag mir zum neunten, wenn man dich weise nennt
- Und du es weist, Wafthrudnir,
- Woher der Wind kommt, der über die Waßer fährt
- Unsichtbar den Erdgebornen.
Wafthrudnir.
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37Hräswelg 18 heißt der an Himmels Ende sitzt
- In Adlerskleid ein Jötun.
- Mit seinen Fittichen facht er den Wind
- Über alle Völker.
Gangradr.
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38Sag mir zum zehnten, wenn der Götter Zeugung
- Du weist, Wafthrudnir,
- Wie kam Neördr aus Noatun
- Unter die Asensöhne? 23
- Höfen und Heiligtümern hundert gebietet er
- Und ist nicht asischen Ursprungs.
Wafthrudnir.
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39In Wanaheim schufen ihn weise Mächte
- Und gaben ihn Göttern zum Geisel.
- Am Ende der Zeiten soll er aber kehren
- Zu den weisen Wanen.
[27] Gangradr.
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40Sag mir zum eilften, wenn der Asen Geschicke
- Du weist, Wafthrudnir,
- In Heervaters Halle was die Helden schaffen
- Bis die Götter vergehen?
Wafthrudnir.
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41Die Einherier 41 alle in Odhins Saal
- Streiten Tag für Tag;
- Sie kiesen den Wal und reiten vom Kampf heim
- Mit Asen Äl zu trinken,
- Und Sährimnirs satt
- Sitzen sie friedlich beisammen.
Gangradr.
-
42Sag mir zum zwölften, wenn der Götter Zukunft
- Du alle weist, Wafthrudnir,
- Von der Joten und aller Asen Geheimnissen
- Sag mir das Sicherste,
- Allkluger Jötun.
Wafthrudnir.
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43Von der Joten und aller Asen Geheimnissen
- Kann ich Sicheres sagen,
- Denn alle durchwandert hab ich die Welten,
- Neun Reiche bereist ich bis Nifelheim nieder;
- Da fahren die Helden zu Hel.
Gangradr.
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44Viel erfuhr ich, viel versucht ich,
- Befrug der Wesen viel.
- Wer lebt und leibt noch, wenn der lang besungne
- Schreckenswinter schwand?
Wafthrudnir.
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45Lif und Lifthrasir leben verborgen
- In Hoddmimirs Holz. 53
- Morgenthau ist all ihr Mal:
- Von ihnen stammt ein neu Geschlecht.
[28] Gangradr.
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46Viel erfuhr ich, viel versucht ich,
- Befrug der Wesen viel.
- Wie kommt eine Sonne an den klaren Himmel,
- Wenn diese Fenrir fraß?
Wafthrudnir.
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47Eine Tochter entstammt der stralenden Göttin
- Eh der Wolf sie würgt:
- Glänzend fährt nach der Götter Fall
- Die Maid auf den Wegen der Mutter. 53
Gangradr.
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48Viel erfuhr ich, viel versucht ich,
- Befrug der Wesen viel.
- Wie heißen die Mädchen, die das Meer der Zeit
- Vorwißend überfahren?
Wafthrudnir.
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49Drei über der Völker Vesten schweben
- Mögthrasirs Mädchen,
- Die einzigen Huldinnen der Erdenkinder,
- Wenn auch bei Riesen auferzogen.
Gangradr.
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50Viel erfuhr ich, viel versucht ich,
- Befrug der Wesen viel.
- Wer waltet der Asen des Erbes der Götter,
- Wenn Surturs Lohe losch?
Wafthrudnir.
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51Widar und Wali walten des Heiligtums,
- Wenn Surturs Lohe losch. 53
- Modi und Magni sollen Miölnir schwingen
- Und zu Ende kämpfen den Krieg.
Gangradr.
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52Viel erfuhr ich, viel versucht ich,
- Befrug der Wesen viel.
- Was wird Odhins Ende werden,
- Wenn die Götter vergehen?
[29] Wafthrudnir.
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53Der Wolf erwürgt den Vater der Welten:
- Das wird Widar rächen.
- Die kalten Kiefern wird er klüften
- Im letzten Streit dem starken. 51
Gangradr.
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54Viel erfuhr ich, viel versucht ich,
- Befrug der Wesen viel:
- Was sagte Odhin ins Ohr dem Sohn
- Eh er die Scheitern bestieg?
Wafthrudnir.
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55Nicht Einer weiß was in der Urzeit du
- Sagtest dem Sohn ins Ohr.
- Den Tod auf dem Munde meldet’ ich Schicksalsworte
- Von der Asen Ausgang.
- Mit Odhin kämpft ich in klugen Reden:
- Du wirst immer der Weiseste sein.
Anmerkungen (Wikisource)
Siehe auch Anmerkungen des Übersetzers zu diesem Lied
- ↑ WS:selbander – zu zweit
