Edda/Ältere Edda/Vegtamskvidha
aus Wikisource, der freien Quellensammlung
< Edda
[34]
5. Vegtamskvidha.
Das Wegtamslied.
-
1Die Asen eilten all zur Versammlung
- Und die Asinnen all zum Gespräch:
- Darüber beriethen die himmlischen Richter,
- Warum den Baldur böse Träume schreckten?
-
2(Ihm schien der schwere Schlaf ein Kerker,
- Verschwunden des süßen Schlummers Labe.
- Da fragten die Fürsten vorschaunde Wesen,
- Ob ihnen das wohl Unheil bedeute?
-
3Die Gefragten sprachen: „Dem Tode verfallen ist
- Ullers31 Freund, so einzig lieblich.“
- Darob erschraken Swafnir und Frigg,
- Und alle die Fürsten sie faßten den Schluß:
-
4„Wir wollen besenden die Wesen alle,
- Frieden erbitten, daß sie Baldurn nicht schaden.“
- Alles schwur Eide, ihn zu verschonen;
- Frigg nahm die festen Schwür in Empfang.
-
5Allvater achtete das ungenügend,
- Verschwunden schienen ihm die Schutzgeister all.
- Die Asen berief er Rath zu heischen;
- Am Mahlstein gesprochen ward mancherlei.)
-
6Auf stand Odhin, der Allerschaffer,
- Und schwang den Sattel auf Sleipnirs42 Rücken.
- Nach Nifelheim hernieder ritt er;
- Da kam aus Hels Haus ein Hund ihm entgegen,
[35]
-
7Blutbefleckt vorn an der Brust,
- Kiefer und Rachen klaffend zum Biß,
- So ging er entgegen mit gähnendem Schlund
- Dem Vater der Lieder und bellte laut.
- Fort ritt Odhin, die Erde dröhnte,
- Zu dem hohen Hause kam er der Hel.
-
8Da ritt Odhin ans östliche Thor,
- Wo er der Wala wuste den Hügel.
- Das Wecklied begann er der Weisen zu singen,
- (Nach Norden schauend schlug er mit dem Stabe
- Sprach die Beschwörung Bescheid erheischend)
- Bis gezwungen sie aufstand Unheil verkündend.
Wala.
-
9Welcher der Männer, mir unbewuster,
- Schafft die Beschwerde mir solchen Gangs?
- Schnee beschneite mich, Regen beschlug mich,
- Thau beträufte mich, todt war ich lange.
Odhin.
-
10Ich heiße Wegtam, bin Waltams Sohn.
- Wie ich von der Oberwelt sprich von der Unterwelt.
- Wem sind die Bänke mit Baugen (Ringen) bestreut,
- Die glänzenden Betten mit Gold bedeckt?
Wala.
-
11Hier steht dem Baldur der Becher eingeschenkt,
- Der schimmernde Trank, vom Schild bedeckt.
- Die Asen alle sind ohne Hoffnung.
- Genöthigt sprach ich, nun will ich schweigen.
Wegtam.
-
12Schweig nicht, Wala, ich will dich fragen
- Bis Alles ich weiß. Noch wüst ich gerne:
- Welcher der Männer ermordet Baldurn,
- Wird Odhins Erben das Ende fügen?
[36] Wala.
-
13Hieher bringt Hödr28 den hochberühmten,
- Er wird der Mörder werden Baldurs,
- Wird Odhins Erben das Ende fügen.49
- Genöthigt sprach ich, nun will ich schweigen.
Wegtam.
-
14Schweig nicht, Wala, ich will dich fragen
- Bis Alles ich weiß. Noch wüst ich gerne:
- Wer wird uns Rache gewinnen an Hödur,
- Und zum Bühle bringen Baldurs Mörder?
Wala.
-
15Rindur30. 36 im Westen gewinnt den Sohn,
- Der einnächtig, Odhins Erbe, zum Kampf geht.
- Er wäscht die Hand nicht, das Haar nicht kämmt er
- Bis er zum Bühle brachte Baldurs Mörder.
- Genöthigt sprach ich, nun will ich schweigen.
Wegtam.
-
16Schweig nicht, Wala, ich will dich fragen
- Bis Alles ich weiß. Noch wüst ich gerne:
- Wie heißt das Weib, die nicht weinen will
- Und himmelan werfen des Hauptes Schleier?
- Sage das Eine noch, nicht eher schläfst du.
Wala.
-
17Du bist nicht Wegtam wie erst ich wähnte,
- Odhin bist du der Allerschaffer.
Odhin.
-
18Du bist keine Wala, kein wißendes Weib,
- Vielmehr bist du dreier Thursen Mutter.
Wala.
-
19Heim reit nun, Odhin, und rühme dich:
- Kein Mann kommt mehr mich zu besuchen
- Bis los und ledig Loki der Bande wird
- Und der Götter Dämmerung verderbend einbricht.
Anmerkungen (Wikisource)
Siehe auch Anmerkungen des Übersetzers zu diesem Lied
