Edda/Snorra-Edda/Sôlarliôth
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Anhang.
39. Sôlarliôth, das Sonnenlied.
1
Gut und Leben raubte lang allen LebendenJener grimme Greis: 2
Einsam immer saß er und aß,Lud nie den Mann zum Mal 3
Des Tranks bedürftig betheuerte sich der FremdlingUnd heißen Hunger zu haben; 4
Trank und Speise spendet’ er dem MüdenGern aus ganzem Herzen, 5
Aufstand Jener mit übelm Vorsatz;Nicht bedurfte der Wandrer der Wohlthat. 6
Den Gott im Himmel um Hülfe flehte der,Als er verwundet erwachte; 7
Heilige Engel schwebten vom Himmel herniederUnd bargen seine Seele: 8
Besitz und Gesundheit sind Keinem sicherWie gut es ihm ergehe. 9
Nicht versahen sichs Säwaldi und Unnar,Daß ihr Glück so bald zerbräche; 10
Zum Fall hat Viele die Liebe geführt;Viel Schmerzen schufen die Frauen: 11
Schwertbrüder waren Swafudr und Swarthedin,Mochten nicht ohn einander sein. 12
Alles vergaßen sie über dem Glanz der Schönen,Scherz und schöne Tage, 13
Da wurden ihnen düster die dunkeln Nächte,Sie schliefen den süßen Schlaf nicht mehr. 14
Allzuoft wird UnenthaltsamkeitGrimmig vergolten, 15
Übermuthes soll sich Keiner vermeßen:Des ward ich wohl gewahr, 16
Reich und mächtig waren Radey und Webogi,Lustig zu leben allein bedacht; 17
Sie hofften nur auf sich und dauchten sich hochÜber alle Sterblichen; 18
Sie lebten nach Lust und Laune dahinUnd sparten im Spiele das Gold nicht: 19
Dem Abgünstigen traue nicht allzuvielWie süß er red und raune. 20
So erging es Sörli dem guten,Als er sich in Wigolfs Gewalt gab: 21
Er gewährt’ ihnen Frieden als wär es von Herzen;Man verhieß ihm Gold dagegen. 22
Aber darauf am andern TagAls sie Rygiarthal erritten, 23
Die Hülle trugen sie auf heimlichen WegenUnd bargen im Brunnen die Stücken. 24
Die Seele lud er, der süße Gott,In seine Freuden zu fahren; 25
Die Disen bitte, die Bräute des Himmels,Dir holdes Herz zu hegen: 26
Das Werk des Unmuths, das auf dir lastet,Büße nicht Böses häufend. 27
Um Gnadengaben flehe zu Gott,Dem mächtigen, der uns Menschen schuf; 28
Mit brünstigem Flehn erbitte dirWes du dich bedürftig dünkst. 29
Spät komm ich gefahren, frühe beschiedenVor des Fürsten Thüre. 30
Die Sünden sind Schuld, daß wir trauernd scheidenAus dieser Welt des Wehs. 31
Wolfsgestalt gewinnen alle,Die wandelbaren Sinnes sind. 32
Freundlichen Rath und weise geflochtnenSagt’ ich dir siebenfach: 33
Erst will ich dir sagen wie selig ich warIn dieser Welt des Wehs. 34
Wollust und Stolz betrügt die Sterblichen,Daß sie nach Schätzen schielen. 35
Munter meist erschien ich den Menschen,Denn wenig wust ich voraus: 36
Mit Neigen saß ich und nickte lange;Doch groß war die Lust zu leben. 37
Die Tage der Krankheit fühlt’ ich unsanftMir um die Hüfte geheftet; 38
Allein wust ich, wie überallMir die Schmerzen schwollen. 39
Die Sonne sah ich, das schöne Tagsgestirn,Sinken in die Welt des Schreiens, 40
Die Sonne sah ich blutroth scheinen,Wie ich von der Welt mich wandte; 41
Die Sonne sah ich, sie war so schönAls säh ich Gott den Schöpfer selbst. 42
Die Sonne sah ich, so war ihr GlanzDaß sonst mir nichts bewust mehr war. 43
Die Sonne sah ich bebenden Angesichts,Der Schrecken voll und Schmerzen, 44
Die Sonne sah ich noch selten verzagter;Ich war der Welt schier halb entwandt; 45
Die Sonne sollt ich nicht wiedersehnNach jenem trüben Tage; 46
Der Stern der Hoffnung (die Seele) in der Stunde der NeugeburtEntflog der bangen Brust. 47
Aber am ängstlichsten war mir die eine Nacht,Wo ich starr lag auf dem Stroh: 48
Das wiß und erwäge der waltende Gott,Der die Welt und den Himmel wirkte, 49
Seiner Thaten Frucht empfängt ein Jeder:Selig wer da wohl gewirkt! 50
Der Haut zu pflegen vergißt man der Pflicht:Dieß dünkt das erste Bedürfniss; 51
Auf der Nornen Stuhl saß ich neun Tage,Ward dann auf den Hengst gehoben. 52
Innen und außen wähnt ich alle siebenUnterwelten zu durchwandern; 53
Nun ist zu sagen, was ich zuerst ersahAls ich zu den Qualorten kam: 54
Von Westen drangen die Drachen des WahnsUnd bedeckten die glühenden Gaßen. 55
Den Sonnenhirsch sah ich von Süden kommenVon Zwein am Zaum geleitet; 56
Von Norden ritten der Nüchternheit Söhne;Ihrer sieben sah ich. 57
Der Wind schwieg, die Waßer stockten:Da hört ich kläglichen Klang. 58
Triefende Steine sah ich die traurigen WeiberÜbel handhaben; 59
Viel Männer sah ich matt von WundenAuf den glühenden Gaßen. 60
Viele sah ich der Erde befohlenOhne das letzte Geleit; 61
Manche sah ich da, die der Missgunst sichUm Anderer Glück ergeben, 62
Manchen sah ich da, der weglos musteIn der Oede traurig irren. 63
Männer sah ich da: die manches StückVon Anderer Gut sich angeeignet; 64
Männer sah ich da, die Manchen hattenEntleibt dem Gut zu Liebe; 65
Männer sah ich da, die es missen wollten,Die heiligen Tage zu halten. 66
Männer sah ich da, die mehr als billigDer Hochmuth höhnte. 67
Männer sah ich da, die manch Wort hattenAuf andre Leute gelogen: 68
Alle Schrecken mag Einer nicht wißen,Die die Höllenkinder quälen. 69
Männer sah ich da, die manchen SchatzGott zu Liebe gegeben: 70
Männer sah ich da, die großmüthigDen Armen geholfen hatten: 71
Männer sah ich da, die sich gemartertHatten viel mit Fasten. 72
Männer sah ich da, die ihrer MutterDas Mal zum Mund geführt. 73
Himmlische Mädchen wuschen ihnenDie Seele rein von Sünden, 74
Himmlische Wagen sah ich zum Himmel fahrenEmpor die göttlichen Gaßen. 75
Allmächtiger Vater, gleichmächtiger Sohn,Heiliger Geist des Himmels, 76
Beugwör und Listwör sitzen vor des Hirten ThorAuf dem Orgelstuhl, 77
Frigg, Odins Frau, fährt auf der Erde SchiffZu der Wollust Wonne, 78
Erbe, dein Vater allein verhalf dirMit Solkatlis Söhnen 79
Das sind die Runen, die da ritztenNjörds Töchter neun, 80
Welche Gewaltthaten wirkten nichtSwafr und Swafrlogi! 81
Dieses Lied, das ich dich lehrte,Sollst du vor dem Volke singen: 82
Hier laß uns scheiden; am schönen TagFinden wir uns wieder. 83
Tröstliche Lehre ward dir im Traum gesungenUnd Wahrheit ward dir enthüllt. |
