Esdras sechstes Buch
Inhaltsverzeichnis |
Zur Textausgabe
Die hier dargebotene Textausgabe stammt aus dem von Paul Rießler herausgegebenen Werk Altjüdisches Schrifttum außerhalb der Bibel, Augsburg (Dr. B. Filser), 1928. Dort schreibt Rießler einleitend (S. 1285): »Das sechste, nur lateinisch überlieferte Esdrasbuch, auch 15. und 16. Kapitel des 4 Esdras genannt, geht auf eine griechische Vorlage und diese auf einen hebräischen Grundstock zurück, der sich in Satzbau und Stilistik deutlich verrät. Das Ganze ist nicht einheitlich. Der erste Teil (1, 1–13) richtet sich an die sündhafte Welt, die Gottes Volk besonders in Ägypten verfolgt. Der zweite (1, 14–19) bedroht die ganze Welt wegen ihres Übermuts (1, 18) mit Strafen. Der dritte Teil (1, 22–27) kündigt den abgefallenen Juden Strafen. Das vierte Stück (1, 28–45) berichtet von Kämpfen der Araber und Karmanier, von furchtbarem Blutbad und greulicher Verwüstung und der Zerstörung Babylons. Das fünfte Stück (1, 46–63) bedroht Asien mit schweren Plagen wegen der Auserwählten Gottes. Die Zerstörer Babylons werden Asien verwüsten. Der sechste Abschnitt (2, 1–35) droht Babylon, das hier noch nicht zerstört ist, mit Asien, Ägypten und Syrien Verwüstung an. Der siebte Teil (2, 36–78) wendet sich an die Priester, dann an die Sünder und besonders an die Händler und droht diesen ein Gericht an; dann empfiehlt er Demut (2, 54) und offenes Sündenbekenntnis (2, 64) und ermutigt für die kommende Verfolgung die Auserwählten (2, 69) und die Proselyten (2, 71 f). Die Sprache und der Inhalt klingen vielfach an die des A. und N. T. an, ebenso an 4 Esdras und die Sibyllinen. Das Buch macht an manchen Stellen einen gewaltigen, hinreißenden Eindruck. Es fehlt darin jeder Hinweis auf spezifisch Christliches, vor allem auf Christus; dagegen weist es manche streng jüdische Züge auf, so den Hinweiß auf die Abgefallenen und den jerusalemischen Tempel (1, 25), auf die Priester (2, 36), auf das Verbot des Götzenopferfleisches (2, 69) und die Proselyten (2, 71). Die einzelnen Stücke, von jüdischer Hand verfaßt, stammen aus verschiedenen Zeiten (E. Hennecke, Neutest. Apokr. 1904, 305 ff. Libri apocr. V. T. ed.O. Fr. Fritzsche, 1871, 640 ff).«
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22. Esdras sechstes Buch
1. (15.) Kapitel: Drohrede
1
Ruf meinem Volke in die Ohren die Prophetenworte,die ich in deinen Mund dir lege. 2
Veranlaß ihre Niederschrift!3
Sie sind ja wahr und zuverlässig.4
Hab keine Angst vor Plänen wider dich!Der Unglauben der Widersprechenden verwirr dich nicht! 5
So spricht der Herr:Ich bringe Übel in die Welt, 6
dieweil sich auf die ganze Erde Sünde legteund ihrer Schandbarkeiten Maß sich füllte. 7
Deswegen spricht der Herr:Ich schweig nicht länger mehr zu ihren Freveltaten; 8
Unschuldiges, gerechtes Blut schreit ja zu mir;der Frommen Seelen rufen unaufhörlich. 9
Ich räche sie,so spricht der Herr, l0
Geschleppt zur Schlachtbank wird mein Volk,der Herde gleich; 11
Ich führ’s mit starker Handund hocherhobnem Arm heraus 12
Ägypten hülle sich mit seinen Grundfesten in Trauer!Der Herr verhängt die Plage der Geißelung und Züchtigung. 13
Die Ackerbauer mögen trauern;die Samen schwinden; 14
Weh der Welt und ihren Einwohnern!15
Das Schwert kommt und ihr Untergang.[319]
Ein Volk erhebt sich gegen’s andere zum Kampf, 16
Es herrscht ja bei den Menschen Unruhe;die einen überwältigen die anderen. 17
Die Menschen wünschen, in die Stadt zu ziehen;doch sie vermögen’s nicht. 18
Um ihres Übermutes willengeraten Städte in Empörung und Verwirrung 19
Ich rufe jetzt, spricht Gott,all Könige der Welt 20
daß sie mich ehren, sich bekehrenund wiedergeben, was man ihnen gab. 21
Wie sie bis heut an meinen Auserwählten taten,so will auch ihnen ich vergelten. – 22
So spricht der Herr Gott:Die Sünder schont nicht meine Rechte, 23
Von seinem Grimm geht Feuer aus,verzehrt der Erde Grundfesten, 24
Weh denen, die da sündigenund meine Gebote nicht befolgen, 25
Ihr abgefallenen Söhne, weicht!Beflecket nicht mein Heiligtum! 26
Der Herr kennt alle,die sich an ihm versündigen; 27
Schon kommen Übel in die Weltund ihr verbleibt darin. 28
Es kommt ein fürchterlich Gesicht;von Osten kommt es her. 29
Auf vielen Wegen ziehen arabische Drachenschwärmeund ihr Gezisch vernimmt man eine Tagereise weit im Land, 30
Wie Eber aus dem Wald,so ziehen wütende Karmanier aus [320]
und stellen sich zum Kampf mit jenen auf 31
Hernach jedoch obsiegen,des Ursprungs eingedenk, die Drachen; 32
Und jene werden wirrund schweigen ob der Stärke jener 33
Und im assyrischen Gebiete lauert ihnen einer aufund er vernichtet einen Mann von jenen. 34
Da kommt vom Osten und vom Norden bis zum Südenher eine Wolke; 35
Dann stoßen sie zusammen,und sie ergießen auf ihr Land und ihre Gegend 36
bis an der Menschen Oberschenkelund der Kamele Hinterbug. 37
Die jenen Grimm erleben, schaudern alleund Zittern fällt auf sie. 38
von Süden, Norden,zum Teil auch aus dem Westen. 39
Da werden Winde aus dem Osten übermächtig,vertreiben jene, 40
Alsdann erheben sich gar große, starke Wolken,von Grimm und Sturm erfüllt. 41
und Feuer, Hagel, fliegende Schwerter, viele Wasser,daß alle Felder, alle Bäche 42
und sie zerstören Städte, Mauern, Berge, Hügel,der Wälder Bäume, [321]
43
So ziehen sie beständig fort bis Babylon,das sie vernichten. 44
Sie stoßen dort zusammen,umschließen es 45
Die Übrigbleibenden geraten in der Sieger Sklaverei. –46
Und Asien,das du an Glanz und Glorie Babel gleichst! 47
Weh, Arme, dir,daß du ihm also ähnlich bist! 48
In allen ihren Werken,in ihren Ränken ahmtest du die hassenswerte Hure nach; 49
Ich schick dir Unglück, Witwenschaftund Armut zu 50
Und deiner Stärke Herrlichkeitwelkt hin, wie eine Blume, 51
Dann wirst du schwach und armselig von Plagen,von Wundenschmerz gepeinigt; 52
Ja wäre ich so eifersüchtig über dich,so spricht der Herr, 53
wenn du nicht meine Auserwähltenzu jeder Zeit gemordet hättest, 54
Schmück nur dein schönes Angesicht!55
Des Hurenlohns am Busen wegenwird dir vergolten. 56
So wie du’s meinen Auserwählten machst,so spricht der Herr, 57
Und deine Kinder sterben Hungers.Du selber fällst durchs Schwert [322]
und deine Städte werden ganz vernichtet 58
Die auf den Bergen sterben Hungers;ihr eigen Fleisch verzehren sie 59
Zum ersten kommt das Unheil über dich;zum anderen empfängst du Leiden. 60
Und beim Vorüberzugbeschädigen sie eine ruhige Stadt, 61
Zerstört wirst du von ihnen,daß du dem Strohe ähnlich wirst; 62
Und sie verzehren dich und deine Städte,dein Land und deine Berge, 63
Und deine Kinder führen sie gefangen wegund deinen Reichtum schleppen sie als Beute fort 2. (16.) Kapitel: Weherufe
1
Weh, Babylon, dir!Weh, Asien! 2
Umgürtet euch mit Bußgewändern!Beklaget eure Kinder! 3
Ein Schwert wird euch gesandt.Wer kann dies abwenden? 4
Es wird ein Feuer über euch gesandt.Wer kann dies auslöschen? 5
Es werden Leiden euch gesandt.Wer könnte sie vertreiben? – 6
Vertreibt denn einer in dem Waldje einen hungerigen Löwen 7
Hält jemand einen Pfeil zurück,von starkem Bogenschützen abgeschnellt? 8
Und schickt der Herr Gott Leiden,wer hält sie auf? [323]
9
Und geht von seinem Zorn ein Feuer aus,wer kann dies löschen? 10
Und wenn es blitzt,wer wird nicht ängstlich? 11
Und droht der Herr,wer wird nicht ganz vor seinem Angesicht vernichtet? 12
Die Erde zittert samt den Grundfesten;das Meer wallt auf in seiner Tiefe. 13
Denn stark ist seine Rechte, die den Bogen spannt,scharf seine Pfeile, die er sendet; 14
So werden Leiden abgeschicktund kehren nicht zurück, 15
Ein Feuer wird entzündetund nicht mehr ausgelöscht, 16
So, wie ein Pfeil, vom starken Schützen abgeschnellt,nicht mehr zurückfindet, 17
Weh mir! Weh mir!Wer wird in jenen Tagen mich befreien? 18
Der Schmerzen Anfang,schon viele Seufzer! 19
Was tun sie dann,wenn erst die Leiden selber kommen? 20
Denn Hunger, Plagen, Not und Drangsal,sie werden hingesandt als Geißeln für die Züchtigung. 21
Trotz aller dieser lassen sievon ihren Freveltaten nicht mehr ab, 22
Denn wohlfeil wird auf Erden das Getreide;man meint, man habe jetzt den Frieden; [324]
23
Vom Hunger gehen ja die meisten, in der Welt zugrund;das Schwert vertilgt die von dem Hungertod Verschonten. 24
Man wirft die Leichen hin wie Dünger,und niemand ist, der ihnen Sorgfalt spendet. 25
Kein Mensch bleibt mehrzum Landbebauen und Besäen übrig. 26
Die Bäume tragen Früchte.Wer erntet sie? 27
Die Trauben werden reif.Wer keltert sie? 28
Die Menschen sehnen sich danach,nur einen Menschen zu erblicken 29
In einer Stadt sind zehn nur übrigund auf dem Feld ein paar, 30
Gleich wie im Ölgarten drei oder vier Olivenan einem Baume übrigbleiben, 31
oder wie in einem abgeheimsten Weinberg.noch ein paar Beeren übersehen werden 32
so werden auch in jenen Tagendrei oder vier von jenen übrigbleiben, 33
Das Land wird eine Ödeund seine Felder Dorngestrüppe; 34
Die Jungfrauen trauern;sie haben keine Anverlobten mehr. 35
Die Anverlobten werden in dem Kriege aufgerieben,und ihre Männer sterben Hungers. – 36
Hört dies, des Herren Diener!Merkt auf! 37
Nehmt doch das Herrnwort auf!Mißtrauet nicht dem Spruch des Herrn: 38
„Es kommen Leiden;sie zögern nicht.“ [325]
39
So ist’s, wie bei der Mutter,die in dem neunten Mond mit einem Kinde geht, 40
So kommen auch die Übel ohne Zögern auf die Erde:indessen ächzt die Welt 41
Mein Volk, vernimm ein Wort!Bereitet euch zum Kampfe vor! 42
Wer da verkauft, sei so,als ob er es verschmähte! 43
Wer handelt, so,als ob er nicht Gewinn empfänge! 44
Wer sät, sei so,als ob er nimmer ernten würde! 45
Wer heiratet, sei so,als ob er keine Kinder zeugte! 46
Deswegen mühen sich die Arbeitsleute grundlos ab.47
Denn Fremde ernten ihre Früchteund rauben ihr Vermögen, 48
Die Händler ziehen aus geraubtem Gut Gewinn,so lange, bis sie ihre Städte, Häuser, 49
So eifre ich der Sünden wegen gegen sienur um so stärker, 50
Wie eine brave, gute Frauauf eine Hure eifersüchtig ist, 51
so eifert die Gerechtigkeit auch auf die Ungerechtigkeit,wenn diese sich herausgeputzt. [326]
52
Deswegen sollt ihr weder dieser,noch ihren Werken gleichen! 53
Denn noch ein Kleines,und Sünde schwindet von der Erde 54
Nicht sag der Sünder,er habe nicht gesündigt, 55
Der Herr kennt alle Menschenwerke,ihr Sinnen, ihre Pläne und ihr Herz. 56
Er, der da sprach:„Die Erde werde!“ und sie ward. 57
Und die Gestirne sind in seinem Wort gegründet;so kennt er auch der Sterne Zahl. 58
Er, der die Tiefe untersucht und ihre Schätze,er, der das Meer und seinen Inhalt maß, 59
er, der die Welt in die Gewässer eingeschlossenund auf das Wasser durch sein Wort die Erde hängt, 60
er, der den Himmel ausdehnt, einer Wölbung gleich,und ihn auf Wasser gründet, 61
er, der in Wüsten Wasserquellen legtund auf der Berge Gipfel Seen 62
er, der den Menschen bildetund ihm ein Herz in seines Leibes Mitte legt, 63
dazu den Odem des allmächtigen Gottes,der alles schafft 64
der kennt auch sicher euren Plan,was ihr in eurem Herzen sinnt. 65
Deshalb erforscht der Herr all ihre Werkeund überführt euch alle. 66
Dann werdet ihr beschämt,wenn eure Sünden sich den Menschen zeigen, 67
Was werdet ihr dann tun?Oder wie vor Gott und seinen Engeln eure Sünden bergen? 68
Gott ist ein Richter. Fürchtet ihn!Laßt ab von euren Sünden! [327]
69
Ein Brand wird nämlich für euch hergerichtetund starke Völker bringen euch in Unruhe; 70
Wer jenen zustimmt,der wird von ihnen ausgelacht, 71
Denn in den Nachbarstädtenerhebt sich gegen die den Herren Fürchtenden 72
Verzweifelte,durch ihre Sünden tollgewordene Menschen schonen keinen; 73
Sie plündern und verschleppen ihre Habeund treiben sie aus ihren Häusern. 74
Dann zeigt sich die Erprobung meiner Auserwählten,wie Gold, das man im Feuer prüft. 75
Vernehmt es, meine Auserwählten!So spricht der Herr: 76
Habt keine Furchtund wanket nicht! 77
Euch, die ihr meine Satzungen und Vorschriften beachtet,spricht Gott, der Herr, 78
Weh denen, die in ihren Sünden sich verstrickenund die von ihren Missetaten also überdeckt sind, |
