Fürst Putiatin

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Textdaten
Autor: Wilhelm Hosäus
Titel: Fürst Putiatin, 1749–1830
Untertitel:
aus: Mitteilungen des Vereins für Anhaltische Geschichte und Altertumskunde (MittVAGA), Dessau 1883, Band 3, S. 461–482
Herausgeber: Verein für Anhaltische Geschichte und Altertumskunde
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1883
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Siehe auch Nikolai Abramowitsch Putjatin
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Fürst Putiatin.
1749–1830.
Von Wilhelm Hosäus.


Zu den hervorragenden Persönlichkeiten, welche sich zur Zeit des Herzogs Franz wiederholt in Dessau aufhielten und mit Begeisterung die Schöpfungen dieses geistvollen Fürsten bewunderten, gehört der durch sein geniales und zugleich in hohem Grade excentrisches Wesen bekannte, russische Fürst Putiatin. Uns Dessauern steht sein Andenken noch besonders durch das Mausoleum nahe, das er auf dem hiesigen Gottesacker errichtet hat und in dem er neben seiner früh verstorbenen Tochter und seiner Gattin ruhet.

Das Geschlecht Putiatin[1] läßt sich bis in’s vierzehnte Jahrhundert zurückverfolgen und ist seit alters in Kleinrußland heimisch. Es spaltet sich in eine fürstliche, eine gräfliche und eine adelige Linie und blühet noch jetzt. Ein im Gouvernement von Rjasan gelegenes Gut Putiatin gehörte noch vor kurzem und gehört wohl auch noch zur Zeit einem Fürsten Putiatin. Unser Fürst wurde am 16. Mai 1749 in Kiew, der Hauptstadt des jetzigen gleichnamigen Gouvernements, der uralten Residenz der russischen Großfürsten, geboren und erhielt in der Taufe die Namen Nikolaus Abramowitsch. Er trat früh in die Armee, doch widerte den jungen, feinorganisierten Mann bald das barbarische [462] Prügelsystem in derselben an. Nach einer furchtbaren Knutenexekution, welche er als kommandierender Officier hatte abhalten müssen, soll er seinen Degen mit der bestimmten Erklärung eingesteckt haben, denselben nie wieder bei einer ähnlichen Veranlassung zu ziehen. So schied er aus der Armee.

Begabung und technische Bildung förderte ihn nach einiger Zeit zur Stellung eines kaiserlichen Ober-Bauintendanten in St. Petersburg. Zugleich wurde ihm die Kammerherrnwürde, etwas später der Geheimratstitel verliehen. Damit war Putiatin ein Glied des glänzenden St. Petersburger Hofes, welchem zu jener Zeit Graf Karl von Sievers als Oberhofmarschall vorstand. Eine Tochter des Letzteren aus dessen Ehe mit Elisabeth Benedikta von Kruse, Elisabeth Gräfin von Sievers (geb. 11/22 August 1747, n. A. 1746), vermählte sich im Jahre 1767 gegen ihre Neigung mit ihrem Vetter, dem später in den Grafenstand erhobenen, damaligen Gouverneur von Nowgorod, Karl Johann von Sievers. Wie dieser selbst in einem Schreiben an Kaiserin Katharina II. bekennt [2], brachte auch er der jungen Frau keine Liebe entgegen, sondern reichte ihr nur in der Hoffnung, durch den Reichtum ihres Vaters seine zerrütteten Vermögensverhältnisse zu ordnen und durch ihre Verbindungen seine Laufbahn zu fördern, die Hand. Die Ehe wäre aber doch vielleicht noch, wenn auch nicht eine glückliche, so doch eine friedliche geworden, wenn der Gatte den wiederholten dringenden Bitten der Gräfin, sie zu sich nach Nowgorod zu nehmen, nachgegeben hätte. Derselbe hielt es aber seinen Interessen dienlicher, wenn seine Gemahlin in Petersburg bliebe und ihn mit dem Hofe in steter Verbindung erhielt. So lebte die junge Frau mehrere Jahre allein in Petersburg, als Putiatin sich ihr näherte und die Eifersucht des Gatten erweckte. Sievers ließ plötzlich die drei Töchter, welche ihm seine Frau geschenkt, aus deren Palais gewaltsam entfernen und die Ehe wurde nunmehr getrennt. Infolge persönlicher Vermittlung der Kaiserin behielt später der Vater die älteste und die jüngste Tochter (Katharina und Elisabeth), während die zweite (Elisabeth Benedikta) der Mutter zurückgegeben wurde. Diese eheliche Katastrophe fällt etwa in das Jahr 1789. Fürst Putiatin heiratete nun die geschiedene Gräfin Sievers und lebte darauf mehrere Jahre mit ihr und ihrer Tochter auf Reisen in Deutschland, Frankreich, England und Italien.

In dieser Zeit scheint der Fürst mit seinen Begleiterinnen zum ersten Male nach Dessau gekommen zu sein. Angezogen von dem geistvollen Wesen des Herzogs Franz und dessen künstlerischen und humanen [463] Bestrebungen wiederholte er später seine Besuche und wurde bei diesen Gelegenheiten auch stets bei Hofe empfangen. Propst Reil erzählt in seiner Schrift über den Herzog Franz (Dessau, 1845), daß Putiatin immer sehr lebhaft gewesen sei und die Unterhaltung durch ihn stets etwas Lautes erhalten habe. Auf seine freigeistigen Ideen habe sich der Herzog nicht gern eingelassen und Erörterungen über religiöse Fragen ihm gegenüber ganz gemieden. Zu einem innigen, mehr freundschaftlichen Verkehr zwischen Herzog Franz und Fürst Putiatin sei es nie gekommen und habe es bei der großen Verschiedenheit der beiden Charaktere nicht kommen können. Eines besondern Auftrittes gedenkt Reil (a. a. O. S. 89) als der Fürst zum ersten Mal den neuen Kirchturm in Wörlitz erblickte. Er soll damals den Hut in der Hand und unter tiefen Verbeugungen eine feierliche Anrede an denselben gehalten haben: „Ja, du bist der Wegweiser zum Himmel; ein Wunder der Zeit und der Kunst! Wir bleiben aber noch hier; denn hier ist gut sein, ein Garten Gottes!“

Als der Fürst, so wird erzählt, mit seiner Frau und Tochter eines Tages den neuen, von Herzog Franz im J. 1787 angelegten Begräbnisplatz vor dem askanischen Thore besuchte, rief die schöne, stylvolle Anlage in den Reisenden den Wunsch hervor, hier einmal nach der Unruhe des Lebens gemeinschaftlich zu ruhen. Am lebhaftesten soll dieser Wunsch von der Tochter geäußert worden sein. Als diese nach mehreren Jahren starb, ließ deshalb der Fürst mit Genehmigung des Landesherrn hier ein tempelartiges Mausoleum aus Krotendorfer Marmor, überwölbt von einer kleinen Kuppel, die Außenseiten mit Inschriften und einem antiken flammenden Opferaltar geschmückt, für sich und die Seinen errichten und schloß den 29. Juni 1802 [3] durch den Stifts- und Regierungsrat Richter unter Bestätigung des fürstl. Konsistoriums mit der St. Johanniskirche einen Vertrag, nach welchem er derselben vierhundert Speziesthaler als reines Eigentum übergab, wogegen sich die Kirche verpflichtete, das erbaute Gewölbe nebst Anpflanzungen in Stand zu halten. Außerdem übergab er der Kirche zwei Kupfertafeln mit dem eingegrabenen detaillierten Bilde des Mausoleums, wie auch mehrere hundert Abzüge davon mit der Bestimmung, die aus dem Verkaufe der Blätter zu lösende Summe zu einem Kapitale anzulegen, dessen Zinsen teils der Kirche gehören, teils zur Verschönerung der Anlage auf dem Gottesacker verwendet werden sollten. Zu jenen Abdrücken haben sich allerdings keine Käufer gefunden und die wohlthätige Absicht des Fürsten ist daher weder hierin, noch in dem geschenkten Kapitale erreicht worden, denn dies ist [464] verschwunden und die vertragsschuldige Erhaltung des Mausoleums drückt längst als Last auf der verarmten Kirche.

Doch wir dürfen unserer Erzählung nicht vorgreifen. Im J. 1793 nahm der Fürst einen längern Aufenthalt in Dresden. Eine hohe Persönlichkeit bemerkt damals in ihrem Tagebuche: „Il est petit et maigre, très-aimable et parlant, danse à merveille, est grand architecte et fort attaché à la Saxe et à la famille électorale... Elle est d’une taille médiocre, très-bien faite, d’un moyen âge et point jolie. Elle quitte Dresde à grand regret s’y plaisant et étant fort attachée à la famille électorale.“ Die Extravaganzen im Wesen des Fürsten scheinen damals noch nicht in dem hohen Grade wie später hervorgetreten zu sein. Wie es scheint nahmen sie mit den Jahren zu und kamen erst vollständig zum Durchbruch, als sich der Fürst bleibend in der Nähe von Dresden auf dem Lande niedergelassen hatte. Die Veranlassung, die Stille ländlicher Natur aufzusuchen, lag für ihn in dem leidenden Zustande der von ihm innigst geliebten Stieftochter.

Elisabeth Benedikta war am 6./17. Januar 1773 (n. A. 1774) in Petersburg geboren und hatte sich am 19. Oktober 1791 mit dem kursächsischen Geheimrat und Kammerherrn Wilhelm Albr. Heinr. Grafen von Schönburg-Wechselburg verheiratet. Sie war schön und hochbegabt; gleichwohl war auch ihre Ehe keine glückliche. Da sie kinderlos blieb, fanden die Gatten um so weniger Bedenken, sich im J. 1798 in aller Form scheiden zu lassen. Der Graf verheiratete sich später wieder mit Gräfin Anna Wilhelmine Albertine von Wartensleben, der Großmutter des jetzt regierenden Grafen von Schönburg. Im J. 1797 war das Leiden der Gräfin Elisabeth Benedikta schon so weit vorgeschritten, daß der Fürst mit Rücksicht auf dasselbe am 21. December 1797 das etwa zwei Stunden südöstlich von Dresden in der Klein-Zschachwitzer Dorfflur belegene und unter der Gerichtsbarkeit des Rittergutes Lockwitz stehende, früher Petzold’sche Bauergut kaufte und noch einige angrenzende Felder und Buschteile hinzuerwarb. Da der Fürst nach damaliger Landesverfassung nicht angesessen sein durfte, wurde der Kauf auf den Namen der Fürstin eingetragen, mit deren Gelde wohl auch die betr. Ausgabe bestritten wurde. Die damals noch sehr ausgedehnte Kiefernwaldung der Gegend sollte der an der Lunge leidenden Tochter Genesung bringen. Der Fürst ging sogleich an den Bau eines Landhauses, einer Chaumière, wie er seine Villa zu nennen pflegte, und richtete darin alles (allerdings in einer tief in seinem Wesen liegenden phantastischen Weise) mit Rücksicht auf die beabsichtigten sanitätlichen Zwecke ein. Sechzehn Balkone, nach den verschiedensten Windrichtungen gelegen, umgaben das Haus; auf dem Dache dehnte sich eine große Esplanade aus; zur Seite des Gebäudes erhob sich ein schlanker, [465] minaretartiger Turm zur Beobachtung von Luft und Wetter. Betrat man das Haus, so erblickte man rechts einen schönen runden Speisesaal mit eisernem Ofen, letzterer in Gestalt einer mächtigen Palme, deren Zweige in der heißen Ofenluft leise erzitterten, – links einen größern Gesellschaftssalon, an den sich ein kleinerer in Halbkreisform anschloß. An den größern Salon stieß von einer Glaswand umgeben eine Orangerie, in deren Mitte eine Fontäne sprudelte. Die Zimmer waren wohnlich und bequem, an den Wänden erinnerten Gemälde und Kupferstiche an die Reisen des Fürsten. Unmittelbar an ein entfernteres, von der jungen Gräfin bewohntes Zimmer schloß sich der Kuhstall an, dessen Ausdünstungen der Patientin dienen sollten. An der rechten Vorderseite der Villa lud ein kasemattenartiger, mit Rasen umkleideter, durch Seitenfenster erhellter Gang zu einer kühlen Promenade durch den Garten. Vor dem Eingang zu demselben befand sich ein größeres Blumenarrangement, der sogenannte Blumenkorb. Zeitgenossen verglichen bisweilen jenen Gang mit dem Labyrinth des Dädalus. Im Garten waren Baumgruppen, Strauchwerk, Rasen u. s. w. stets aufs sorgfältigste gepflegt und durch einen vielfach überbrückten Bach mit Schöpfrad feucht erhalten. Überdies schmückte den Garten im Geschmack der Zeit eine Menge kleiner Tempel, künstlicher Ruinen, Grotten, Denkmäler, Sitze u. dgl. Auch Vexierspiegel und Wasserkünste, die wohl den Besucher plötzlich durchnäßten, fehlten nicht. Eine besondere Liebhaberei hatte der Fürst für Schaukeln und so hatte er im Garten eine große Schaukel angebracht, auf der dreißig Personen Raum hatten. Auch im Winterhause (einem mit einem anmutigen Salon ausgestatteten Gewächshause) befand sich eine kleine Schaukel. In der Villa selbst waren Maschinen aufgestellt, mit denen man leicht von einer Etage zur andern gehoben oder gesenkt wurde. Außerdem hatte sich der Fürst zu seinem Privatvergnügen eine Flugmaschine konstruiert: von einem Seitenfenster des oberen Geschosses der Villa führten straffgespannte Seile bis zum Fuße eines Baumes hinab und bildeten eine Art Geleis, auf dem er mittels eines mit Marli umzogenen[WS 1] Wagens in raschem Fluge hinabrollen konnte. Auch außer dem Hause liebte der Fürst Rutschpartien: für seine Besuche auf dem Sonnenstein hatte er sich eine besondere Art Inexpressibles erfunden um eine dortige Anhöhe schnell hinabzugleiten und wenn er einen Besuch auf dem benachbarten Schlosse Borthen machte, pflegte er einen Sack bei sich zu führen, in welchem er sich von einem Berge in der Nähe des Schlosses herabrollen ließ.

Die ganze Anlage des Fürsten in Klein-Zschachwitz machte jedoch trotz aller einzelnen Wunderlichkeiten, die der Fürst ihr aufgeprägt, auf die Besucher im Ganzen einen großen, achtbaren Eindruck. Der östreichische [466] Feldmarschall Karl Joseph Fürst von Ligne, der bekannte Schöngeist und Gartenkenner, erteilt in einem Gedicht „An Prince Poutiatine sur son jardin charmant et extraordinaire“ dem Geschmacke des Fürsten hohes Lob und zollt auch der Originalität desselben seine Bewunderung:

„… Mais chez vous, Prince, en tout comme en jardins
On voit la nouveauté s’échapper de vos mains.“

Und auch sonst kehren im Fremdenbuche überschwengliche Ausdrücke „Arkadien, irdisches Paradies, Elysium, lieux enchanteurs, palais de délices u. s. w. u. s. w.“ oft wieder.

Am 25. Juli 1799 starb in Klein-Zschachwitz die junge Gräfin. Die Leiche wurde nach Dessau gebracht und im dortigen Mausoleum beigesetzt. Eine vom Fürsten gedichtete und komponierte Trauermotette setzte Kapellmeister Naumann in Noten. Im J. 1819 starb auch die Fürstin; auch sie ruhet im Dessauer Mausoleum. Vor ihrem Tode hatte sie, „indem sie vor Gott und ihrem Gewissen die unzählbaren und unvergoltenen, ihr erwiesenen Wohlthaten ihres geliebten Gemahls anerkannt“, demselben ihr bewegliches Vermögen, sowie die im St. Petersburger Gouvernement befindlichen Güter Seltza, Muratowa, Torossowa und[WS 2] Klein-Gubanitz mit allen Dörfern, Bauern, Menschen und übrigem Zubehör vermacht. Auch Zschachwitz fiel dem Fürsten zu. Der nunmehr ganz vereinsamte Gatte widmete dem Andenken der Geschiedenen einen besonderen Kultus. Bei Lebzeiten der Fürstin hatte das Ehepaar allabendlich eine Partie Piquet mit einander gespielt. Dieser Gewohnheit treu wurde denn auch ferner bei Einbruch des Abends jedesmal der Spieltisch unter dem Bilde der Verstorbenen arrangiert, der Fürst nahm die Karten, legte eine Patience nach der andern und erhob sich dann zur gewöhnlichen Zeit, indem er dem Bilde ein bon soir, Madame! zuwinkte und selbst die nächtliche Ruhe suchte.

So sehr sich in dem Bisherigen die Neigung des Fürsten zur Sonderbarkeit zeigt, so scheint sie nach dem Tode der Fürstin doch noch stärker hervorgetreten zu sein. Dennoch war er bis zu seinem Ende in den höchsten gesellschaftlichen Kreisen ein oft und gern gesehener Gast und selbst das Publikum respektierte seine Eigentümlichkeiten, gewis ein vollgültiger Beweis für die mancherlei höhern Eigenschaften seines Gemütes und Geistes. Im J. 1803 erschien er (nach einer alten handschriftlichen Mitteilung) bei Hoffestlichkeiten in Dresden abwechselnd in drap d’argent mit blauem Fuchs gefüttert, oder in drap d’or mit Hermelin. Viel verkehrte er im Hause des Arztes Dr. Christian Erhard Kapp, bei dem sich damals gern die Koryphäen der Wissenschaft und der Kunst abends zusammenfanden. Putiatin, der sich in geistreichen Kontroversen gefiel, fand hier sein Terrain. Da konnte er mit dem als Entomolog und Botaniker bekannten Grafen Joh. Centurius von Hoffmannsegg streiten und den nicht minder bekannten Hofrat Böttiger mit selbsterfundenen lateinischen Citaten ärgern. Natürlich empfing der Fürst auch bei sich, bald zu musikalischen Soiréen, bald zu andern geistigen Genüssen und meist waren dann die Räume seiner Wohnung zu Grotten und Ähnlichem umgewandelt. Lästige, ausschließlich auf materielle Genüsse spekulierende Besucher wußte er dabei fern zu halten. Kamen, was wol auch geschah, königliche Herrschaften, seine Villa zu besuchen, so mußte der Schullehrer, so lange der Besuch dauerte, auf der Drehorgel: „Den König segne Gott“ spielen. Auch Napoleon besuchte eines Tages die Villa und trug seinen Namen mit so großen Zügen in das Fremdenbuch ein, daß er eine ganze Seite füllte. Fürst Putiatin ließ darauf das Blatt unter Glas und Rahmen bringen – später ist es verschwunden. Als am 7. Juni 1815 König Friedrich August in sein Land zurückkehrte, passierte sein Zug Zschachwitz. Unter einer Ehrenpforte erwarteten die Schulkinder singend den Monarchen; oben im Gewinde befand sich eine kolossale Blumenkrone, in der sich der Fürst selbst versteckt hielt. Als der königl. Wagen herankam, begrüßte der Fürst den König in französischer Sprache von seinem luftigen Sitze aus und warf ihm zugleich einen wahren Hagel von Rosen auf den Kopf. Erst beim Weiterfahren kam Se. Majestät wieder zu sich und äußerte zu dem neben ihm sitzenden Kavalier, der Fürst sei wohl etwas mentecaptus.

Der Fürst war eine auffallende Erscheinung, klein von Gestalt, bei sommerlichen Spaziergängen mit einer großschirmigen Mütze bedeckt, deren langer Sack auf der Seite oder im Nacken herabhing. Einige ergötzliche Bemerkungen über ihn gibt uns der würdige Wilhelm von Kügelchen († 1867) in seinen „Jugenderinnerungen eines alten Mannes“ (herausgegeb. von Phil. Nathusius, Berlin 1870), indem er schreibt: „Unter allen [Dresdener Originalen] aber das merkwürdigste war ohne Zweifel jener russische Fürst Putiatin, den ich zwar täglich auf der Straße sah, der mir aber im Schönberg’schen Hause als im Verkehr mit andern Menschen doppelt interessant war. Der Fürst gehörte der vornehmsten Gesellschaft an; er war ein gebildeter, geistvoller und sehr kenntnisreicher Herr, doch aber etwas ganz Apartes und seine Erscheinung so auffällig, daß ich nicht weiß, wem es mehr zur Ehre gereichte, ihm oder der Straßenjugend, wenn diese ihn nicht nur ungehudelt ließ, sondern ihm sogar mit Achtung auswich. Meine Dresdener Zeitgenossen werden sich erinnern, daß ihnen je zuweilen bei Regenwetter ein wandelndes Schilderhaus oder ein Pavillon von schwarzem Taffet begegnet ist. Das war der Fürst. Sich bei Exponierung des ganzen übrigen Körpers allein den Kopf zu schützen, hielt er nicht für zuträglich und [468] erfand daher diese Veranstaltung, welche mit kleinen Glasfenstern versehen die ganze Gestalt bis an die Knöchel bedeckte. Bei schönem Wetter war etwas mehr zu sehen. Der Fürst trug alsdann eine zweckmäßige, sehr großschirmige Mütze, blaue Brille, das breite schwarze Halstuch übers Kinn gezogen und einen langen, bis an die Füße reichenden, fest zugeknöpften Überrock. Rechts von der Brust herab hing an einem silbernen Haken das ansehnliche Packet jenes compendiösen Schirmes, links aber eine elegante Hundepeitsche und eine große silberne Flöte oder Schalmei. Vor ihm her bewegten sich ein paar Möpse, welche taub zu sein schienen, denn sie kehrten sich ebensowenig an die starken Signale, die der Fürst ihnen von Zeit zu Zeit auf seiner Schalmei kund gab, als er sich an ihren Ungehorsam. Er begnügte sich, ihnen seinen Willen kund zu thun, es ihnen überlassend, ob sie sich fügen wollten oder nicht. Ohne seine Hunde aber sah man ihn nie. Er liebte und bewunderte sie wie ihr ganzes Geschlecht und pflegte zu behaupten, die Hunde seien die eigentlichen Menschen, die Menschen eigentlich Hunde. Übrigens war es nur Wenigen bekannt, daß man unter dem langen Ueberrocke des Fürsten vergebens nach Beinkleidern gesucht haben würde.“ Den Grund der gepriesenen virtus der Römer, wie der gesunden Kraft der Bergschotten glaubte der Fürst in der Sansculotterie derselben gefunden zu haben und hielt es sich selbst schuldig, dieser seiner neuen Erkenntnis auch praktisch Folge zu geben. Er begnügte sich deshalb, seine Beine mit Leinwandstreifen zu umwickeln und als er sich eines Tages im Schönberg’schen Hause herbeiließ, den Kindern seine angeblich wissenschaftlich basierte Toilette zu zeigen, lief Alles, wie beim Anblick eines geschienten gebrochenen Beines entsetzt davon. „Überhaupt, sagt Kügelchen, hatte der Fürst so seine eigenen Sanitäts-Maximen. Z. B. genoß er niemals Brod im primären Zustande, wie es der Bäcker liefert, sondern nur geröstet, in welcher Form er es auch in fremde Häuser mit sich führte, sogar an den Hof. Er hatte nämlich ermittelt, daß im rohen Brode, wie er es nannte, wenn auch nicht chemisch nachzuweisen, doch ein verzweifelt scharfer Giftstoff stecke, welcher den Stoff der Skropheln erzeuge und nur durch Rösten zu paralysieren sei. Auch hörte man ihn darthun, der offenbare Grund sehr vieler Übel sei, daß man die Haut unausgesetzt durch Kleidung oder Betten den Einwirkungen der Luft entzöge. Nun sei es leider nicht thunlich, gradezu wie die Kaffern zu gehen; doch wollte er Herrn Schönberg allen Ernstes tägliche Luftbäder angerathen haben.“ Daß Se. Durchlaucht diese selbst brauchte, war sehr bekannt. In seinem Empfangszimmer hatte er sich ein Entresol erbauet, auf welchem er unsichtbar für die Besucher, sich aber mit denselben bestens unterhaltend, unkostümiert umherzuwandeln pflegte. Auf diese Weise glaubte [469] er auch, die verlorene Zeit der Visiten am zweckmäßigsten auszunutzen.

Wie man aus Allem entnehmen kann, fehlte es dem Fürsten nicht an Ideen. Er triefte vielmehr förmlich von Erfindung. Für seine zweckmäßigste Invention jedoch hielt er eine gewisse Zuckersägemaschine. Ein kleiner Sägebock von poliertem Buchsbaum, aus einer höhern und einer niedrigeren Gabel bestehend, wurde auf den Tisch gestellt und der Zuckerhut wagerecht darüber gelegt. Bei einer Probe im Schönberg’schen Hause mußten sodann zwei Livréebediente mittels einer gewöhnlichen Säge zollstarke Scheiben lossägen. Das durfte aber nicht so einfach geschehen, wie wenn man etwa Holz sägt: der Fürst legte dabei auf den Takt den größten Wert und hielt es für wesentlich, daß die Arbeiter dabei stets beim dritten Zuge pausierten. Endlich wurden die abgeteilten Scheiben nach demselben Takte mit Messer und Hammer in gleichmäßige Würfel zerschlagen.

Auch Frau Marie Börner-Sandrini erneuert in den bei Burdach in Dresden erschienenen „Erinnerungen einer alten Dresdnerin“ das Andenken an den Fürsten in unterhaltender Weise. „Er trug eine blonde, wohlfrisierte Lockenperücke, stets eine bunte Kravatte, aus welcher zwei enorme Vatermörder mit langen Spitzen die sehr ansehnliche Nase schier bedroheten.“ Über die Weste zogen sich zwei Uhrketten, von denen die eine die Uhr, die andere eine als Portemonnaie dienende silberne Bonbonnière trug – er nannte dies: d’un côté le mouvement, de l’autre la matière! Sein kolossaler lichtgrüner Regenschirm, welcher ihm bei gutem Wetter stets am Knopfloch hing, war ringsum mit kleinen[WS 3] runden Fenstern versehen, durch welche er das Wetter gut zu beobachten pflegte. Gegen den Wind trug er eine Art von Holzmaske mit gläsernen Augenlöchern (im Sommer aus gelbem Buchsbaum, im Winter aus schwarzem Sammet), welche er an einem Stiel vor das Gesicht hielt. „Seine Equipage war die größte Sonderbarkeit, die man sich denken kann: ein langer, blau angestrichener Kasten mit einem Windöfchen darin, welches durch eine kleine Esse nach oben seinen Abzug hatte; dieser Kasten stand aber nicht auf gewöhnlichen Wagenfedern, sondern schwebte förmlich auf einer rotledernen, blasebalgartigen Vorrichtung.“ Ja die beiden ansehnlichen Blasbälge, welche durch die Bewegung der Wagenräder in Thätigkeit gesetzt wurden, arbeiteten oft so energisch, daß sich der Insasse genötigt sah, den Hut zu halten. Er behauptete, daß abgesehen von der angenehmen Art des Fahrens auch eine erfrischende Kühlung vom Boden aus dadurch gewonnen werde! Zum Entsetzen der Einen, zum Scherz der Andern erschien denn auch dieser Wagen bei der feierlichen Beerdigung des russischen Gesandten, Herrn von Chanikoff († 1829 in Dresden), [470] unter den vielen höchst eleganten Trauerkarossen des Hofes, des Adels und der Diplomatie. Bei Schneebahn zeigte sich der Fürst in einem vierspännigen, hoch auf den Kufen stehenden rings verglasten Schlitten in dem gleichfalls eine Vorkehrung zum Heizen angebracht war, und war es kalt, so dampfte der kleine Schornstein ganz lustig drein.

Von des Fürsten Liebhaberei für Hunde hat uns schon Kügelchen erzählt. Die Börner-Sandrini erwähnt, daß er eine bedeutende Anzahl hielt und bei der zärtlichen Pflege derselben sich auch den intimsten Dienstleistungen unterzog. Doch fürchtete er im Sommer stets den Biß eines toll gewordenen Tieres und trug dann meist Stiefeln mit blechernen Schäften, ließ sich auch wohl von zwei Dienern, welche lange, rot angestrichene zweizinkige Gabeln trugen, als von einer Avant- und Arrièregarde begleiten.

Der Fürst war ein Verehrer des Theaters und besuchte stets mit besonderem Vergnügen die italienische Oper in Dresden. Nur der Tenorist Signor Rubini konnte ihn mit seinem Tremolieren zur Verzweiflung bringen, so daß der alte Herr später bei dessen Gesang regelmäßig unter seinen Sitz verschwand und erst wieder hervorkam, wenn jener abgetreten war. Auch pflegte der Fürst mit den Herren und Damen der Bühne gern persönlichen Verkehr und Frau Marie Börner-Sandrini erzählt uns ein scherzhaftes Gespräch zwischen ihm und ihrer Mutter, der ehemals in Dresden so beliebten Sängerin Sandrini. „Écoutez, Madame, sagte der Fürst, vous êtes une sorcière.“ „„Mais pourqoui, mon Prince?““ „Eh bien, hier comme Susanna vous paraissiez avoir tout au plus vingt ans, et cependant vous devez en avoir quarante bien données, n’est-ce pas?“ Die Sandrini antwortete lachend: „„Mon prince, on ne demande pas son âge à une dame, encore moins à une artiste de théâtre.““ „Vous avez raison, brummte der Fürst, indem er weiterging, cependant, j’y persiste, vous avez vos quarante ans et par conséquent vous êtes une sorcière.“ In der Sache hatte allerdings der alte Herr Recht, die Sandrini zählte damals über vierzig Jahre.

Von der Herzensgüte des Fürsten erzählt Herr von Kyaw ein originelles Beispiel. Ein hartbedrängter Schneider hatte sich Gewinn von einer den Fürsten beleidigenden Spekulation versprochen; er hatte eine dem Fürsten ähnliche Puppe fabriziert und diese als komische Figur in vielen Exemplaren auf dem Dresdner Weihnachtsmarkte zum Verkauf ausgestellt. Als der Fürst davon hörte, ließ er auf eigene Rechnung die Puppen kaufen und verteilte sie unter seinen Freunden und Bekannten. Des nächsten Tages beschied er den armen Schneider zu sich. Letzterer schwebte natürlich in großer Angst wegen fürstlicher Ungnade; als er aber dem Fürsten seine Not klagte, wurde dieser so tief gerührt, [471] daß er zu helfen bschloß. Er bestellte sogleich einen vollständigen Anzug und da derselbe zufriedenstellend ausfiel, empfahl er den Schneider allen seinen Bekannten. Der Schneider bekam Kundschaft, seine Werkstatt erweiterte sich und Not und Mangel waren für immer geschwunden.

Auch für die Jugend hatte der Fürst stets ein warmes Herz. Er besuchte oft die Zschachwitzer Schule und gab den fleißigen Kindern aus einem Papierkorbe, welchen ein Diener nachtrug, dann stets eine Zuckerspende. Im Jahre 1825 schenkte er den Gemeinden Groß- und Klein-Zschachwitz, Sporbitz, Meyselitz und Zschieren ein von ihm in Klein-Zschachwitz neu erbautes Schulhaus. Freilich ein originelles Gebäude „das einem aus zwei Kartenblättern zusammengefügten Kartenhause ähnlich sieht.“ Hoch oben in der Spitze des Giebels, von einem Kreuze überragt, ist das Auge Gottes bildlich dargestellt; eine Inschrift am Fuße des Gebäudes lautet: „Mit Gott, in Gott, durch Gott ist diese Kinderschule gedacht, gefunden, angegeben und auf eigene Kosten zu heiligstem!!! zu theuerstem!!! zu ewigem Andenken!!! an Tochter!!! Gattin!!! Freundin!!! erbauet 1822.“ Die Börner-Sandrini bemerkt, der Fürst habe beim Plane des Schulhauses nur an die Kinder gedacht und die Thür sei so niedrig geraten, daß der Lehrer anfangs nicht hindurchgekonnt habe. Bei Übergabe dieses Schulhauses sicherte der Fürst zugleich für ewige Zeit die nötigen Mittel dafür, daß den Schulkindern bei einer am 10. September eines jeden Jahres abzuhaltenden Schuleinweihungsfeier eine besondere Festlichkeit bereitet werden könne; außerdem legierte er der Schule 2000 Thaler, deren Zinsen nach testamentarischer Verfügung im Interesse der Schule verwandt werden sollten. Am 24. Mai 1826 übergab er den Gemeinden von Groß- und Klein-Zschachwitz und Sporbitz einen Spieltempel mit Säulen und Schaukeln für die Schuljugend. Über dem Eingang liest man: „Faule und unartige Kinder werden nicht zugelassen.“

Der Fürst, ein Freund des Theaters, der Poesie und Musik, konnte natürlich dem Drange nicht widerstehen, selbstthätig in dieser und jener Kunst aufzutreten. Freilich mußten bei seinem eigentümlichen Wesen auch seine Kunstleistungen sehr eigentümlich ausfallen. Eine seiner monumentalen Schöpfungen zeigen die äußern Platten seines Grabgewölbes. Andere ähnliche Schöpfungen, Inschriften und dergl. von seiner Hand befinden sich noch in Zschachwitz. Frau Marie Börner-Sandrini rühmt ihm sehr hübsche satirische Gedichte in französischer Sprache nach. Außerdem wissen wir, daß der Fürst auch in russischer Sprache dichtete und russische Lieder komponierte. Dem Verfasser dieser Zeilen liegen zwei in Kupfer gestochene deutsche Blätter vor, wie sie der Fürst an Freunde zu verteilen pflegte. Das größere, ein Quartblatt, trägt die Überschrift: „Fragment der Bemerkungen [472] über die gänzliche Ungereimtheit aller Metaphysik. – NB. Wer tief fühlt, – Wer den wahren Werth der Sachen und Wesen, mit Muse, aufgewogen hat, – wird hier die Ausdrücke und Zeichen an Ort und Stelle finden.“ Das Fragment selbst lautet in verkürzter Form: „ …… Das Weib-Weib!!! – Gut! und schön! Äußerlich und innerlich!!! … So ein Weib-Weib!!! Ist es nicht im Ganzen und in jedem Theile Eine allhimmlische-unzertrennbare Harmonie?!?!?! – Sind da nicht Körper und Geist?! Materie und Intelligenz?! Physik und Moral all-innigst?! All-unzertrennbar?! All-göttlich?!?!?! … Was ist da weg zu denken??? Was ist da weg zu wünschen?!?!?! … Was ist? Wozu? Wo ist? Kraft ohne Organ??? – Wozu? Wo ist? Was ist? Organ ohne Kraft??? …… May – 1803. –“ – Das kleinere Blatt, mit einer Randverzierung versehen, in der sich die Buchstaben P N wiederholen, enthält die nachstehenden, etwas zahmeren Verse:

     „Wo Geist, Talent und Reiz die Tugend schmücken!
Die Gottheit muß man da so fühlen, als erblicken!|!
Wo Geist, Talent und Reiz das Laster zieren;
Die Hoelle muß man da erblicken – und nicht irren

(Hier folgen drei eigentümliche, im Druck nicht vorhandene Interpunktionszeichen.)

Wo Geist, Talent und Reiz die Schwäche hüllen; –
Da müssen wir des Nächsten Pflicht erfüllen ≡“

Der Fürst hatte seine eigene Schreibweise: je nach der Nüance, die er einem Ausdruck gegeben wissen wollte, unterstrich er ein-, zwei- auch dreimal, bisweilen mit grader, bisweilen mit gewundener Linie; in den letzten Versen wendet er selbsterfundene Interpunktionszeichen an, ohne Zweifel, weil die vorhandenen sein innerstes Gefühl nicht scharf genug bezeichneten. Es mag wohl sein, daß er deshalb seine Gedanken nicht drucken, sondern gravieren ließ, um so mehr, da er auch gern die Schriftzüge wechselte und der Stecher allerdings den feinen Intentionen viel eher nachzukommen vermochte, als der Setzer.

Wäre übrigens der Fürst Putiatin nur der wunderliche, originelle, gutmütige Mensch gewesen, wie wir ihn bisher kennen gelernt, so würden wir kaum ein Recht gehabt haben, seiner in so ausführlicher Weise hier zu gedenken. Charakterisiert auch eine solche Figur ihr Zeitalter, so ist sie für eine ernstere Geschichtsbetrachtung doch nur von untergeordnetem Werte. Putiatin stand aber auch mit sehr hervorragenden Männern seiner Zeit in ernsterer Verbindung und suchte im Verkehr mit ihnen seine Weltanschauung philosophisch zu gestalten; und verleugnete der Fürst auch in dieser Thätigkeit seinen Hang zur Sonderbarkeit nicht, so lag doch im Ganzen ein tieferer Kern. Zur Darstellung dieser Seite Putiatins gehen wir jetzt über. Als Quelle [473] dazu dient uns ein Konvolut „Putiatiniana aus dem Nachlasse des Philosophen K. Chr. Fr. Krause, von Krause’s Hand geschrieben“ und das kleine gedruckte Werk: „Worte aus dem Buch der Bücher oder über Welt und Menschenleben. Niedergeschrieben vom Fürsten N.* [Nikol. P.] von Dr. A. W. Tappe (Dresden, 1824).“ Wir verdanken die Benutzung beider Quellen dem freundlichen Entgegenkommen des Herrn Dr. P. Hohlfeld in Dresden, bei welchem als einem der kundigsten und begeistertsten Vertreter der Krause’schen Philosophie die Manuskripte des Philosophen gegenwärtig deponiert sind.

Schon in frühern Jahren hatte der Fürst den Gedanken eines eine allgemeine Theorie der Baukunst enthaltenden Werkes gefaßt und zur Begründung dieser Theorie seine Grundüberzeugungen über Leben und Kunst im Allgemeinen niedergeschrieben. Als er im Jahre 1803 in Göttingen weilte, übergab er seine Aufzeichnungen dem Professor Dr. A. L. von Schlözer zur Durchsicht und Prüfung, der sie dem Fürsten mit folgenden Worten wieder zustellte: „Meine vier Feierwochen weihete ich unablässig dem Studio des mir zu meiner größten Ehre anvertrauten Manuskripts. Ich las nicht nur jede Seite, nicht nur jede Zeile, sondern jedes Wort mit der größten Aufmerksamkeit; notierte mir Alles, was mir besonders gefiel, was ich bewunderte … Ausgezogen, gesammelt und nebeneinander gestellt würden sie einen lehrreichen Esprit de *** geben, wie man einen Esprit de Montesquieu, de Rousseau u. s. w. hat.“ „ … Das Originelle und Excentrische, das ich in meinem langen Leben bei vielen Einzelnen bemerkt habe, schrieb Schlözer später an einen Freund, treffe ich bei diesem Manne vereint an; doch so vereint, daß man ihn lieb haben muß.“

Noch in demselben Jahre machte der Fürst die Bekanntschaft Herders, der sich auf der Rückreise von Eger einige Wochen in Dresden aufhielt. Beide gaben sich beim Scheiden das Wort, sich in sechs Monaten in Weimar wiederzusehen. Der Tod kam ihnen zuvor. Doch noch am 12. September 1803 (Herder starb am 18. December 1803) schrieb Herder an den Fürsten: „Je vous estime, mon Prince, pour votre esprit vaste, hardi et original; mais je vous aime pour votre coeur et pour vos principes moraux, ils forment la métaphysique du coeur, pour moi la plus vraie et peut-être l’unique à l’humanité.“

Im Jahre 1805 und 1806 nahm der Fürst Gelegenheit, mehrere seiner Arbeiten dem Oberhofprediger Reinhard in Dresden vorzulegen, der unter anderem sich also über dieselben ausspricht: „Man kann nichts Edleres, Heilsameres und Erhabeneres denken als die Resultate, zu welchen manche hier aufgestellte Raisonnements führen. Wer daher mit den Prämissen auch nicht immer einverstanden ist, wird doch die Gesinnungen und Absichten des erlauchten Verfassers ehren …“

[474] Später äußert sich der geistvolle schwedische Minister in Konstantinopel, früher in Dresden, Ritter von Palin, bekannt durch seine Forschungen über egyptische Hieroglyphen, über Putiatins Aufsätze: „ … Partout des vues grandes et belles, dans la lumière d’un style vivant et vrai … Vous vous placez entre l’univers et les hommes, le miroir de la vérité à la main …“ Und der fein gebildete, königl. sächsische Minister in London, Baron von Just, schreibt dem Fürsten: „ … Vos aperçus sont pleins d’idées originales, heureuses, fines, ingénieuses et souvent même profondes.“

Schließen wir unsere Citate von berühmten frühern Zeitgenossen des Fürsten mit einem Worte des Professors Thomas Thorild in Greifswald, welcher mit Beziehung auf die Schriften desselben sagt: „Bewundern muß man die unzähligen Blitze und Strahlen des Genies, die seltenste Größe des Blickes, die Neuheit und Tiefe der Wahrheiten … das Herrlichste in der Welt würde der wahrhaft große Geist des Verfassers entdecken und das Wichtigste für die Menschheit darthun, wenn er sich mit allen andern großen Geistern lieber vereinte als entzweite.“

Im Jahre 1815 war der Philosoph K. Chr. Fr. Krause nach Dresden gekommen, hier zum zweiten Male seinen Aufenthalt zu nehmen. In diese Zeit fällt seine Bekanntschaft mit dem Fürsten. Der Verkehr mag bald eine gewisse freundschaftliche Wärme angenommen haben, denn wiederholt weilt Krause längere Zeit beim Fürsten in Zschachwitz und der Fürst teilt ihm mancherlei mit, was nicht mit der Aufgabe zusammenhing, für welche der Fürst den Philosophen eigentlich bestimmt hatte. Am 31. Januar 1821 erhielt Krause vom Fürsten die Kupferstiche des Familiengewölbes in Dessau. Der ersten Tafel ist ein Blatt mit einer sonderbaren Widmung aufgesiegelt. Die Siegel (in Schwarz) enthalten folgende Inschriften: „Quoi? pourquoi? comment? ainsi! – Le tout bon. Divinité! Univers! Ordres! Justices! – Franchise! Sévérité! Justice!!“[4] Der Widmung entnehmen wir folgende Worte [475] von der Hand des Fürsten, die zugleich beweisen, daß sich der Fürst auch in der französischen Orthographie der Regel nicht immer fügte: „Ce qui suffi? est asse!!! ce qui est audela? est Perdition! dans tous genrs? cas? et moments? est Fi [Anspielung auf Philosophie] 10000000000 … de foi Fi? Dresde ce 31. Janvier 1821. Le Payson de la Chaumière.“ Die einzelnen gestochenen Blätter tragen die Unterschrift: „Fürst Poutiatine inv. J. G. Schmidt exc. (Tafel 4–6 Wenzel exc.) Tafel 3 enthält eine Anweisung, wie von Seiten des Vorstandes der St. Johanniskirche zu Dessau, bei dem das dazu notwendige Kapital niedergelegt worden, alles Einzelne rücksichtlich des Monumentes und seiner Umgebung zu pflegen und im Stande zu halten sei – „mit einem Worte, schließt der Fürst, so lange Gott Dessau segnen wird, muß auch dies Monument in einem vollkommenen, festen und glänzenden Zustande bleiben.“

Je mehr der Fürst mit Krause bekannt wurde, desto mehr mochte er glauben, in ihm die geeignete Persönlichkeit für Herausgabe seines längst fertigen Manuskriptes gefunden zu haben. Auch Krause, der in den Gedanken des Fürsten viel seinen eigenen Anschauungen Verwandtes fand und überdies mit einer zahlreichen Familie in sehr bedrängter Lage lebte, also gern eine Gelegenheit benutzte, mit Ehren einigen Nebenverdienst zu erwerben, hatte dem Ansinnen des Fürsten nichts entgegenzusetzen und so übergab ihm der Fürst im Jahre 1821 sein Werk. Im Sommer 1823 war die Reinschrift vollendet und nachdem Krause dem Fürsten Alles übergeben, siedelte er im August desselben Jahres nach Göttingen über, wohin ihm der Fürst am 29. Sept. 1823 schrieb: „Theuerster Herr Doctor. Ihren lieben Brief vom 10. d. habe ich das Vergnügen gehabt zu erhalten. Ich freue mich wahrlich zu wissen, daß Sie glücklich und gehörig an Ort und Stelle angelangt sind und wünsche herzlich, daß Alles übrige Zukünftige Ihren Wünschen bestens entspreche. Es ist höchst wichtig.. Es ist der einzige sichere Grund zu allem Guten: seine Welt, so wie sie wirklich ist, kennen zu lernen; dann .. nur dann kann mit gutem Erfolge dasjenige, was sein soll, zwar standhaft, aber äußerst behutsam unternommen werden. Ich bin noch immer zu faul, um zu anti-philosophieren! sollte aber meine Trägheit nachlassen, so werde ich nicht säumen, Ihnen einen Laut von mir zu geben. – Leben Sie wohl und wohl mit allen lieben Ihrigen, hochachtend und liebend – gantz der Ihrige – Poutiatine.“

Das Putiatin’sche Werk, welches Krause nach dem Wunsche des Fürsten unter dem Titel: „Antiphilosophische Halb-Wörter (Demi-mots) von einem Ungelehrten aus dem Buche der Bücher treulich nachgeschrieben“ [476] herausgeben sollte[5], ist nie erschienen. Es scheint, als habe Krause dem Fürsten die Sache zu ernst, zu gründlich genommen. Das Leichte, Pikante, Überraschende im Ton mochte dem Fürsten wesentlich erscheinen, während Krause mit dem Ganzen tiefere Absichten verband und – wohl auch seinem Naturell folgend, – einen ruhigern Vortrag wählte. Kurz, der Fürst übergab das druckfertige Manuskript Krause’s einem gewissen Dr. Aug. Wilh. Tappe, der sich längere Zeit in Rußland aufgehalten hatte und als Verfasser mehrerer Lehrbücher für russische Sprache, so wie kleiner populär-philosophischer Schriften und einer Bearbeitung der Karamsin’schen Geschichte Rußlands bekannt war. Tappe, Professor und Ritter des St. Annen-Ordens, K. R. Rat, Mitglied der kurländ. Gesellschaft für Litteratur und Kunst, der Kais. Russ. mineralogischen Gesellschaft zu St. Petersburg, der Großherzogl. Sachsen-Weimarschen zu Jena und der naturforschenden Gesellschaft in Leipzig, war jedenfalls mehr der Mann für die Zwecke des Fürsten, als der bescheidene, ernste Dr. Krause. Tappe’s Arbeit ist auch in der That nicht unbrauchbar oder verfehlt, sie bringt wirklich die Putiatin’schen Pointen mehr zur Geltung; da aber dem Herausgeber die Krause’sche Arbeit vorlag und er dieselbe durchgängig benutzen konnte und benutzte, so wäre es wohl seine Pflicht gewesen, im Vorworte dies Verhältnis zu bezeichnen. Statt dessen führt er Krause nur als einen Verehrer der tiefen Gedanken des Fürsten an und sagt in der Vorrede: „Bei Anordnung des Ganzen, sowie bei der Dolmetschung aus drei von einander sehr verschiedenen Sprachen, in welchen der Fürst dachte, sprach und schrieb, kam es nicht bloß auf grammatische, sondern auch philosophische und sachgemäße Richtigkeit in Wörtern und Phrasen an. Soviel für diejenigen, welche verschiedene Cahiers des Verfassers in der französischen Urschrift seit 1802 bis 1824 gelesen haben. Das Ganze durfte nicht unkenntlich und schwerfällig, wie eine steife Übersetzung, gegeben werden, vielmehr mußte es sich einigermaßen als ein deutsches Original möglichst leicht lesen lassen. Das war nun freilich keine leichte Aufgabe.“ Tappe’s Unterschrift: „Geschrieben Tharant am Johannistage, 1824“ beweist übrigens, daß er mit dieser „nicht leichten Aufgabe“ doch schneller als Krause mit der seinigen fertig zu werden verstand. Das Buch trägt in seiner neuen Form die Devise: „Gottheit, Weltall, Ordnung, Gerechtigkeit“ und ist noch in demselben Jahre (1824) zu Dresden in der Arnold’schen Buchhandlung erschienen.

[477] Interessant ist jedoch für uns die Vorrede, welche Krause dem Werke zu geben beabsichtigt hatte. Wir entnehmen derselben das Folgende: „Indem ich die Lehre und die Aussprüche eines der Geistreichsten und Originellsten unserer Zeitgenossen für die öffentliche Mitteilung darstelle, finde ich es nötig, über das Eigentümliche dieser Mitteilung Einiges zu bemerken, damit die Erwartung und dann auch das Urteil der Leser die wahre Richtung erhalte und so die Welt aus diesem Buche den Nutzen ziehen möge, der daraus wirklich gezogen werden kann und soll.

Der Verfasser, bereits ein ehrwürdiger Greis, dessen Geist seine Kraft und Schönheit auch im höhern Alter erhalten hat, lebte und lebt in sehr günstigen, äußern Umständen, welche die Kenntnis des Menschen und der Völker und dabei die Unabhängigkeit der Beobachtung erleichtern und fördern; jedoch ist ihm auf seinem Lebenswege auch außerordentlich vieles Herbe und Harte begegnet, dem selbst mehr als gewöhnliche Geister zu unterliegen pflegen. Doch gerade diese Mischung dessen, was dem Geist und Herzen des Menschen wohlthuend, mit dem, was ihm schmerzlich ist, scheint das wohlthätige Heilmittel zu sein, wodurch die Vorsehung auserlesenen Menschen mitten durch die Verderbnis der Gegenwart zu der Vollendung im Guten und Schönen führt, welche auf dieser Erde dem Einzelnen jetzt zu erreichen steht.

Bei einer allseitigen, harmonischen, selbsterworbenen Bildung widmete sich unser Verfasser der Baukunst, und sein Entschluß, die ihm eigentümlichen Grundlehren dieser Kunst, welche er aus eigenem Denken und Empfinden geschöpft hatte, aber in allen ihm bekannten Lehrbüchern derselben vermißte, zum Besten der Mitwelt und Nachwelt niederzuschreiben, wurde ihm Veranlassung, zur Begründung seiner Kunsttheorie die allgemeinern, die höchsten Angelegenheiten der Menschheit betreffenden Grundlehren auf eine ihm eigentümliche Weise darzustellen, welche nun in einer Reihenfolge von Heften die Vorbereitung zu des Verfassers Theorie der Baukunst ausmachen und von denen hernach weiter die Rede sein wird.

Außer der Reihe jener Hefte hat der würdige Verfasser von Zeit zu Zeit noch mehrere einzelne Aufsätze über wichtige, allgemein ansprechende Gegenstände niedergeschrieben und den Kern seiner Lehre in energische Sprüche gelegt. Die wichtigsten jener Aufsätze nennt er Halbworte (Demi-mots) darum, weil sie die erkannte Wahrheit kurz und bündig aussprechen… Ansprechend für Jeden bieten sie selbst dem philosophischen Leser Stoff zu Denken und Lehre für das Leben dar.

Der Verfasser, von dem aufrichtigen Wunsche beseelt, durch seine Aufsätze die von ihm erkannten Grundlehren seinen Mitmenschen nutzbar zu machen, teilte selbige seit dem Jahre 1803, wo bereits die Reihenfolge [478] jener Hefte vollendet war, an mehrere anerkannt fähige Gelehrte und Philosophen mit, u. A. an Schlözer, Thorild, Reinhard, Böttiger, von Just und zum Teil auch an Herder kurz vor dessen Tode… Im Jahre 1821 hatte der würdige Verfasser die Güte, auch mich mit seinen Lehren und seinen Handschriften bekannt zu machen und nachdem derselbe sich ebenfalls mit meinen Grundüberzeugungen, welche in einer Reihenfolge philosophischer und populärer Schriften zum Teil meinen Zeitgenossen vorliegen, bekannt gemacht hatte, hielt er mich für wert und für fähig, der Vermittler zwischen ihm und dem Publikum zu werden und trug mir auf, aus seinen Schriften dasjenige auszuwählen, was ich davon zu öffentlicher Mitteilung geeignet und gemeinnützig erkannte, damit er selbst es nach weiterer Prüfung und eigenem Ermessen in engerm und weiterm Kreise bekannt machen könne…

Um dem ehrenvollen Auftrage zu genügen, schien mir das Zweckmäßigste, zunächst Ausführbare zu sein, daß der Kern der Lehre in jenen Halbworten und Sprüchen und in einigen allgemein ansprechenden, einzelnen Aufsätzen dargelegt und von den Heften ein solcher Auszug gegeben würde, welcher mit Beseitigung alles Polemischen eine reine Darstellung des Gedankenganges und der Hauptlehren in den gelungensten Stellen enthielt und zugleich eine vollständige Übersicht des großen Ganzen gewährte… Die ähnliche Bearbeitung (wie die des ersten Heftes) der übrigen neun Hefte würde ungefähr das Fünffache der vorliegenden Arbeit betragen, ohne die ebenso gehaltvollen Mitteilungen aus einer Reihe später entstandener Aufsätze und aus des Verfassers Briefwechsel mit den oben erwähnten Männern, denen er seine Werke mitteilte, zu rechnen, welche wenigstens ebenso stark als die vorliegende Sammlung werden würde, wenn auch so wie hier eine strengere, vieles Brauchbare ausschließende Auswahl getroffen würde.

Wenn aber ich, mit der Vollendung und Herausgabe eigener, seit mehreren Jahrzehnten beabsichtigter wissenschaftlicher Werke beschäftigt, dennoch einen Teil meiner Zeit der Herausgabe der Schriften eines andern Denkers widme, so werden die, welche mich kennen, urteilen, daß ich dazu lediglich durch die Überzeugung bewogen sein kann, daß durch diese von mir besorgte Mitteilung Wahrheit, Schönheit und Güte .. gefördert werde. Daß ich den Verfasser als Menschen verehre und liebe, darf ich bekennen, allein der Beweggrund, für die Bekanntmachung seiner Schriften mitzuwirken, ist deren Inhalt selbst…

Ein Hauptgrund, weshalb ich mich dieser Arbeit unterzog, ist die Übereinstimmung, welche zwischen vielen der Grundlehren des Verfassers und den meinigen stattfindet, die ich seit dem Jahre 1802 zum Teil in meinen gedruckten Schriften entwickelt habe, obgleich wieder andere Lehren des geistreichen Verfassers mit meiner Überzeugung geradezu streiten…

[479] Nur noch einige Worte über die einzelnen Teile, welche die vorliegende Sammlung ausmachen.

Die vier Halbwörter, demi-mots .. hat der Verf. selbst ursprünglich in echtem gediegenem Deutsch niedergeschrieben und es ist von mir zu dem Inhalt derselben kein Gedanke hinzugesetzt worden; ich habe die Eigentümlichkeit des Wortgebrauchs und des Ausdrucks aufs genaueste beibehalten, so weit es nur der Sprachgebrauch unseres Volkes gestattet; ja auch die eigentümliche Farbengebung, welche durch die Bildung in Folge der Sätze, durch den eigentümlichen Gang und Ausdruck der Empfindung und des Gedankens bestimmt wird, habe ich so wenig als möglich aufgegeben; daher stammt auch die eigentümliche Weise der Interpunktion, die der Leser hin und wieder bemerken wird. Ich halte dafür, daß die Darstellungen des Verf. noch eindringender sein würden, wenn es gestattet wäre, die ihm eigentümlichen neuern Interpunktionszeichen und den originellen, abweichenden Gebrauch der vorhandenen, in einer Druckschrift beizubehalten.

Dagegen die Abhandlungen über Belohnung und Strafe, über Ruhe und Thätigkeit, Friede und Krieg, sowie der schöne Entwurf des Heiligtums des Friedens waren ursprünglich französisch, d. h. in der von dem Verf. höher vergeistigten französischen Sprache niedergeschrieben. Ich wünsche, daß mir die schwierige Verdeutschung dieser Original-Aufsätze im Geiste des Verf. einigermaßen gelungen sein möge.

Das große Werk des Verf., welches aus zehn Heften besteht und eigentlich bestimmt ist, in seiner Vollendung eine allgemeine Theorie der Baukunst zu sein, enthält in zwei Dritteilen seines Umfangs als unentbehrliche Begründung dieser Theorie des Verfassers Grundüberzeugungen über Alles, was dem Menschen teuer und heilig ist… Diese Hefte sind so gehaltreich an Wahrheit und stellen oft die Wahrheit so einleuchtend, so eindringlich, so herzlich, so einfach schön, so von neuen Seiten, dazu auf eine so eigentümliche Weise dar, daß es ein wahrer Verlust wäre, wenn sie nicht in weitern Kreisen und bis in ferne Zukunft durch allgemeine Verbreitung Nutzen stiften sollten…

Dresden, den 17. August 1823.
Krause.“

Auf einem dem Manuscript beiliegenden Zettel bemerkt Krause, worin die Hauptübereinstimmungen seiner Grundlehren und denen des Fürsten bestehen:

a. Auffassen der gesamten Menschheit und Gestalten des der Menschheit angemessenen Zustandes. P. in Form des Staats als Mchsms. (Mechanismus?), Ich im reinen Urbild (?)
b. Unabhängigkeit von allem sklavischen Positivism in Ehetum (?), Staat, Kirche, Wissenschaft und Kunst. Reiner Geist und Herzensfreiheit …“ [das Übrige unleserlich].

[480] Ein zweiter beigefügter Zettel enthält mit roter Tinte die Worte: „Da der Fürst Poutiatine für diese meine Arbeit plötzlich eine verringerte Teilnahme zeigte, so habe ich das auf diesen Blättern Stehende in meinem Vorberichte unberührt gelassen.“

Rücksichtlich des Honorars, welches Krause vom Fürsten für seine Arbeit bezog, finden sich in dem betr. Konvolute zwei Aufzeichnungen Krause’s. Die eine lautet: „Das Werk enthält 329 Seiten [Folio]. Ich rechne 16 geschriebene Seiten auf 1 gedruckten Bogen. Also beträgt es 20 und ½ Bogen. Den Bogen zu 10 Thlr., mithin 205 Thlr. Darauf habe ich 50 Thlr. bereits erhalten. Mithin kommt mir noch zu 155 Thlr.“ Das Papier wurde vom Fürsten besonders bezahlt, wie aus einer andern Bemerkung Krause’s hervorgeht. Die zweite Aufzeichnung sagt: „Die vollständige, druckfertige Reinschrift hievon, welche Herr Otto eben hiervon genau ins Reine gebracht hatte, ist bei meinem Abgange von Dresden im August 1823 dem Herrn Fürsten von mir übergeben worden, auch hat er mir das versprochene Honorar für diese Arbeit mit 200 Thlrn. baar bezahlt. Für meine frühere Arbeit dagegen, die ich im J. 1821 verfertigt, habe ich nichts erhalten, obgleich mir Entschädigung für meinen Zeitverlust und für meine Mühe bestimmt versprochen war. Doch habe ich im Jahre 1822–23 im Hause des Fürsten viel Liebes und Gutes genossen. Göttingen, am 12. Mai 1825, Krause.“

Verweilen wir noch einen Augenblick bei der Publikation des Professors Tappe, so ergeben sich uns folgende Gedanken als die Alles beherrschenden Grundgedanken Putiatins: Das Buch der Bücher ist dem Fürsten das Universum, die Natur, darin er als Ungelehrter zu lesen lernt. Die Schöpfung ist ihm eine absolute göttliche Offenbarung. In ihrer Einheit und Harmonie erkennt er das Schaffen und Walten des Einen lebendigen, allmächtigen, allweisen und allgütigen Gottes. Sein Wahlspruch lautet: Alles in Gott! – Gott in Allem! – Alles von Gott! – Putiatin war, was seine Zeit „Freigeist“ nannte; aber doch war er von allem modernen Materialismus weit entfernt. In Beziehung auf Welt und Menschenleben stellt er die edle That als erste Forderung oben an. Das Gute soll nicht bloß besprochen, es soll gethan werden. Vom Glück außer uns hält der Fürst nicht viel. Wer sein Glück nicht in sich selbst trägt, hat keins, und wer es außer sich sucht, findet keins. Güte ohne Klugheit gilt ihm nichts. Willst du sehr gut sein, mußt du auch sehr klug sein. Um mit Menschen auszukommen, erwerbe man sich vor Allem Achtung, dann Ehrfurcht. Beliebt suche man sich nur bei denen zu machen, die dem Herzen wirklich nahe stehen: die Gattin, die wahren Freunde und guten Nachbarn mögen dich lieben. Von Vielen geliebt zu werden, ist nie gut: [481] man sollte sich das sogar verbitten. Vom „großen Haufen“ hält er sehr wenig; über die Bildungsfähigkeit desselben hat er ziemlich altrussische Ansichten. Über Geburt und Tod äußert er den ebenso originellen als zutreffenden Gedanken: „Unbekannt bleibt es, wie man als geistiges Wesen in diese sonderbare Unterwelt gekommen; aber das sollte man stets wissen, wie man mit Ehren wieder aus ihr hinauskomme.“

Als Beleg der Putiatin’schen Schreibweise folge hier ein Stück jenes Aperçü „La récompense.“ Es hat ganz den Ton und die Haltung der geistreichen popular- und moralphilosophischen Schriften, welche im vorigen Jahrhundert von Frankreich ausgehend die civilisierte Welt überfluteten.

„Que causa que?[6] – Voyons, oiseau récompense, ce que vous êtes en vérité, mais non en prestiges.

L’empire de tes séductions est aussi vaste qu’antique; mais vous ne régnez que par séduction, et cela suffit pour ternir le clinquant de ton plumage, dont tu cherches à chamarrer les entrailles qui ne récèlent que la perte; cela suffit pour montrer toute la perfidie de ton ramage qui enivre et mine ainsi tous les principes de la santé.

Depuis que tu domines, sirène cruelle de récompense, la sagesse et la vertu c. a. d. l’ordre et la justice, c. a. d. la connaissance, l’amour et l’accomplissement des devoirs, c. a. d. le vrai mérite a-t-il jamais fléchi le genou devant ton autel funeste?“

Endlich folge noch als letzte Probe Putiatin’scher Darstellung die Grabschrift, die sich der Fürst selbst geschrieben. Sie findet sich handschriftlich im Krause’schen Konvolut und abgedruckt bei Tappe (a. a. O. S. 87.)

„Mon épitaphe:

„J’ai trop senti – J’ai trop aimé – J’ai trop haï – Je n’ai pas valu grand’chose – Tous les autres n’ont pas valu mieux que moi – Passant, qui que tu sois? Tu n’as à te glorifier de rien: Toute gloire, est à la cause des causes seule!!! … à la toute-cause = seule!!! … à la Toute-intelligence seule!!! .. Donc Passant! Qui que tu sois? Ne te prévale de rien et toujours de tout Bien use = Mais = Jamais = de rien n’abuse =

Le Paysan de la chaumière – située à la moitié de grand chemin entre Dresde et Pirna, et entre vilage et chameau de grand et petit Chakwitz Dans la Saxe Royale – ce 23 Août 1820.“

[482] Am 13. Januar 1830 starb der Fürst in seiner Dresdner Wohnung. Sein letztwillig ernannter Universalerbe, der Königl. Preuß. Major a. D. Gottlob Wasily von Freymann in Detmold, verschied bereits wenige Tage nach dem Fürsten, so daß nun dessen dem Vater in vim fideicommissi substituierte neunjährige Tochter Kathinka von Freymann als Erbin eintrat. Die Leiche des Fürsten wurde vom Freiherrn Boris von Yxkull, einem Großneffen Putiatins, nach Dessau überführt. Das Publikum erkannte den Trauerzug von weitem am Schlitten mit dampfendem Schornstein. Den 19. Januar abends 6 Uhr wurde der Fürst nach abgehaltenem griechischen Gottesdienste seinen Bestimmungen gemäß in demselben Mausoleum beigesetzt, in dem seine Gattin und Tochter ruheten: trois dans la vie, trois dans la mort! wie die Inschrift sagt. Baron von Yxkull verschloß darauf das Gewölbe, versiegelte die Schlüssel mit seinem Petschaft und übergab sie sodann dem Vorstande der St. Johannisgemeinde zu Dessau, von dem sie noch ebenso aufbewahrt werden. Seit jener Zeit hat kein Lebender das Gewölbe betreten.


  1. Vergl. hierzu den interessanten Aufsatz von Rudolf von Kyaw „Putiatin“, in der Wissensch. Beilage der Leipz. Zeitung 1878, Nr.90.
  2. Abgedruckt in der Korrespondenz, welche dem Werke K. L. Blum’s „Ein russischer Staatsmann“ (4 Bände, Leipzig 1857 u. 58) beigefügt ist.
  3. Vergl. Ämilius Münnich, Gesch. der St. Johannis-Kirche u. Gemeinde in Dessau (Dessau 1833).
  4. Der Fürst muß eine Unzahl von Petschaften mit Inschriften solcher Art gehabt haben; bisweilen ließ er auch dergl. Devisen in Kupfer stechen und drucken und klebte die bedruckten Blättchen dem Siegellack auf; z. B. „Das harte, häßliche, abscheuliche Muß ist so oft da! weil das seelige, schöne, göttliche Soll so oft hin ist;“ oder „die Pflichten kennen, aufwiegen, bestimmen und thun ist Alles! ist Weisheit! ist Tugend! ist Religion! ist sicher, ist groß, ist Allgöttlich! ist Ewig-seelig!“ u. a. Eine kleine Auswahl solcher gedruckter Sinnsprüche schickte er einmal an Krause unter der Adresse: „Herrn Herrn K. Chr. Fr. Krause, Hoch und Wohl gebohren, So auch Hoch und Wohl gelehrten Doctor der Fernunft!!! waß man falsch und kümmerlich Philosophie?? nennt … Ihren (sic) Buch besize ich.“
  5. Später hatte sich Krause für folgenden Titel entschieden: „Grundlehren aus dem Buche der Bücher geschöpft von einem Ungelehrten. Nebst Urtheilen und Aussprüchen von Schlözer, Thorild, Palin, Reinhard, Herder u. A., herausgegeben von D. Krause, Dresden, 1823.“
  6. Nach Putiatins Bemerkung eine Languedoc’sche Redensart, gleich dem Italienischen che cosa c’è?

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: umzogenenen
  2. Vorlage: uns
  3. Vorlage: kleinenen