Faust - Der Tragödie zweiter Teil

aus Wikisource, der freien Quellensammlung

Wechseln zu: Navigation, Suche
Textdaten
Autor: Johann Wolfgang von Goethe
Titel: Faust
Untertitel: Der Tragödie zweiter Teil
aus: Vorlage:none
Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum: 1831
Erscheinungsdatum: 1832
Verlag: Cotta
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Stuttgart
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: scans auf commons
Kurzbeschreibung: Fortsetzung von Faust - Der Tragödie erster Teil
Wikipedia-logo.png Artikel in der Wikipedia
Bild
Faust II (Goethe) p 006.jpg
Bild
{{{EXTERNESBILD}}}
Bearbeitungsstand
unkorrigiert
Dieser Text wurde noch nicht korrekturgelesen. Allgemeine Hinweise dazu findest du auf dieser Seite.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Link zur Indexseite


Als Grundlage dienen die allgemeinen Editionsrichtlinien.

Zusätzlich gelten folgende projektspezifischen Richtlinien:

  • Der Transskription liegt der Scan zugrunde

Johann Wolfgang von Goethe: Faust Eine Tragödie von Goethe, J. G. Cotta'sche Buschhandlung, Tübingen, 1808.

  • Kapitelüberschriften werden zentriert, fett und in Schriftgröße 130% vollständig in einer Zeile gesetzt. Dazu soll die Vorlage {{LineCenterSize}} genutzt werden: {{LineCenterSize|130|25|'''Überschrift.'''}}
  • Personenaufzählungen werden zentriert gesetzt. Dazu soll die Vorlage {{Center}} verwendet werden.
    • Die Personen werden '''''fettkursiv'''''.
    • Anderweitiger Text bleibt in normaler Schriftstärke.
  • Regieanweisungen stehen ''kursiv'' und innerhalb der <poem>-Umgebung. Die Klammern der Vorlage werden übernommen, aber nicht kursiv gesetzt.
  • Beschreibungen am Anfange der Szenen stehe außerhalb der <poem>-Umgebung und werden zentriert.
  • Sprecher im Text stehen innerhalb der <poem>-Umgebung, und sind '''fett''' gedruckt.
  • SperrSchrift innerhalb des Textes wird kursiv wiedergegeben.
  • Antiqua-Schrift wird mit <tt> und </tt> wiedergegeben.
  • Geviertstriche „—“ werden als normale Gedankenstriche „–“ wiedergegeben.
  • Einrückungen aus der Vorlage werden mit der Vorlage {{idt}} übernommen.
  • Antilaben werden mit der Vorlage {{idt2|}} in den Weiten 80, 150 … gesetzt.
  • Offensichtliche Druckfehler (z.B. Buchstabendreher) werden korrigiert, die Korrektur per Fußnote mittels <ref>WS: ''Vorlage:'' Leid</ref> kenntlich gemacht. Dazu muss zusätzlich zwischen dem schließenden <noinclude> und dem <BlockSatzEnd> ein {{References|1}} eingefügt werden <noinclude>{{References|1}}{{BlockSatzEnd}}
  • Die Zeilenzählung wird übernommen aus "Faust: Zweiter Teil Von Johann Wolfgang von Goethe, hrg. Hermann Steuding, Leipzig, G. Freytag, 1900. Google-USA*, die identische Zeilezählung bei J.W. Goethe: Faust, Der Tragödie zweiter Teil, Stuttgart, Reclam 2001.

Alle redaktionellen Texte dieses Projektes stehen unter der Lizenz CC-BY-SA 2.0 Deutschland



[I]

FIEDLER COLLECTION

[II] WS: Diese Seite ist ohne Eintragungen

[III] WS: Diese Seite ist ohne Eintragungen

[IV] WS: Diese Seite ist ohne Eintragungen

[V] WS: Diese Seite ist ohne Eintragungen

[VI]
Goethe’s

Werke.



Vollständige Ausgabe letzter Hand.



Ein und vierzigster Band.

Unter des durchlauchtigsten deutschen Bundes schützenden Privilegien.



Stuttgart und Tübingen,,
in der J. G. Cotta’schen Buchhandlung.
1832.

[VII] WS: Diese Seite ist ohne Eintragungen


[1]
Inhalt



Faust. Der Tragödie zweyter Theil in fünf Acten.
(Vollendet im Sommer 1831.)



[2] WS: Diese Seite ist ohne Eintragungen

[3]
Erster Act.
Anmuthige Gegend.
Faust auf blumigen Rasen gebettet, ermüdet, unruhig, schlafsuchend.
Dämmerung.
Geister-Kreis schwebend bewegt, anmuthige kleine Gestalten.


Ariel.
(Gesang von Aeolsharfen begleitet.)
     Wenn der Blüthen Frühlings-Regen
     Ueber Alle schwebend sinkt,

4615
     Wenn der Felder grüner Segen

     Allen Erdgebornen blinkt,
     Kleiner Elfen Geistergröße
     Eilet wo sie helfen kann,
     Ob er heilig? ob er böse?

4620
     Jammert sie der Unglücksmann.


Die ihr dieß Haupt umschwebt im luft’gen Kreise,
Erzeigt euch hier nach edler Elfen Weise,

[4]

Besänftiget des Herzens grimmen Strauß;
Entfernt des Vorwurfs glühend bittre Pfeile,

4625
Sein Innres reinigt von erlebtem Graus.

Vier sind die Pausen nächtiger Weile,
Nun ohne Säumen füllt sie freundlich aus.
Erst senkt sein Haupt auf’s kühle Polster nieder,
Dann badet ihn im Thau aus Lethe’s Fluth;

4630
Gelenk sind bald die krampferstarrten Glieder,

Wenn er gestärkt dem Tag entgegen ruht.
Vollbringt der Elfen schönste Pflicht,
Gebt ihn zurück dem heiligen Licht.


Chor.

(Einzeln, zu zweyen und vielen, abwechselnd und gesammelt.)

     Wenn sich lau die Lüfte füllen

4635
     Um den grünumschränkten Plan,

     Süße Düfte, Nebelhüllen
     Senkt die Dämmerung heran;
     Lispelt leise süßen Frieden,
     Wiegt das Herz in Kindesruh,

4640
     Und den Augen dieses Müden

     Schließt des Tages Pforte zu.

     Nacht ist schon hereingesunken,
     Schließt sich heilig Stern an Stern;
     Große Lichter, kleine Funken,

4645
     Glitzern nah und glänzen fern;
[5]

     Glitzern hier im See sich spiegelnd,
     Glänzen droben klarer Nacht;
     Tiefsten Ruhens Glück besiegelnd,
     Herrscht des Mondes volle Pracht.

4650
     Schon verloschen sind die Stunden,

     Hingeschwunden Schmerz und Glück;
     Fühl’ es vor! Du wirst gesunden;
     Traue neuem Tagesblick.
     Thäler grünen, Hügel schwellen,

4655
     Buschen sich zu Schatten-Ruh;

     Und in schwanken Silberwellen
     Wogt die Saat der Ernte zu.

     Wunsch um Wünsche zu erlangen
     Schaue nach dem Glanze dort!

4660
     Leise bist du nur umfangen,

     Schlaf ist Schale, wirf sie fort!
     Säume nicht dich zu erdreisten
     Wenn die Menge zaudernd schweift;
     Alles kann der Edle leisten,

4665
     Der versteht und rasch ergreift.

(Ungeheures Getöse verkündet das Herannahen der Sonne.)

Ariel.
     Horchet! horcht! dem Sturm der Horen,
     Tönend wird für Geistes-Ohren
     Schon der neue Tag geboren.
     Felsenthore knarren rasselnd,

4670
     Phöbus Räder rollen prasselnd;
[6]

     Welch Getöse bringt das Licht!
     Es trommetet, es posaunet,
     Auge blinzt und Ohr erstaunet,
     Unerhörtes hört sich nicht.

4675
     Schlüpfet zu den Blumenkronen,

     Tiefer tiefer, still zu wohnen,
     In die Felsen, unter’s Laub;
     Trifft es euch, so seyd ihr taub.

Faust.
Des Lebens Pulse schlagen frisch lebendig,

4680
Aetherische Dämm’rung milde zu begrüßen,

Du Erde warst auch diese Nacht beständig,
Und athmest neu erquickt zu meinen Füßen,
Beginnest schon mit Lust mich zu umgeben,
Du regst und rührst ein kräftiges Beschließen,

4685
Zum höchsten Daseyn immerfort zu streben. –

In Dämmerschein liegt schon die Welt erschlossen,
Der Wald ertönt von tausendstimmigem Leben,
Thal aus, Thal ein ist Nebelstreif ergossen;
Doch senkt sich Himmelsklarheit in die Tiefen,

4690
Und Zweig' und Aeste, frisch erquickt, entsprossen

Dem duft’gen Abgrund wo versenkt sie schliefen;
Auch Farb’ an Farbe klärt sich los vom Grunde,
Wo Blum’ und Blatt von Zitterperle triefen,
Ein Paradies wird um mich her die Runde.

4695
Hinaufgeschaut! - Der Berge Gipfelriesen

Verkünden schon die feierlichste Stunde;

[7]

Sie dürfen früh des ewigen Lichts genießen,
Das später sich zu uns hernieder wendet.
Jetzt zu der Alpe grüngesenkten Wiesen

4700
Wird neuer Glanz und Deutlichkeit gespendet,

Und stufenweis herab ist es gelungen; –
Sie tritt hervor! – und, leider schon geblendet,
Kehr ich mich weg, vom Augenschmerz durchdrungen.

So ist es also, wenn ein sehnend Hoffen

4705
Dem höchsten Wunsch sich traulich zugerungen,

Erfüllungspforten findet flügeloffen;
Nun aber bricht aus jenen ewigen Gründen
Ein Flammen-Übermaß, wir stehn betroffen;
Des Lebens Fackel wollten wir entzünden,

4710
Ein Feuermeer umschlingt uns, welch’ ein Feuer!

Ist’s Lieb? Ist’s Haß? die glühend uns umwinden,
Mit Schmerz und Freuden wechselnd ungeheuer,
So daß wir wieder nach der Erde blicken,
Zu bergen uns in jugendlichstem Schleier.

4715
So bleibe denn die Sonne mir im Rücken!

Der Wassersturz, das Felsenriff durchbrausend,
Ihn schau’ ich an mit wachsendem Entzücken.
Von Sturz zu Sturzen wälzt er jetzt in tausend
Dann aber tausend Strömen sich ergießend,

4720
Hoch in die Lüfte Schaum an Schäume sausend.

Allein wie herrlich diesem Sturm ersprießend,
Wölbt sich des bunten Bogens Wechsel-Dauer,
Bald rein gezeichnet, bald in Luft zerfließend,

[8]

Umher verbreitend duftig kühle Schauer.

4725
Der spiegelt ab das menschliche Bestreben.

Ihm sinne nach, und du begreifst genauer:
Am farbigen Abglanz haben wir das Leben.


Kaiserliche Pfalz.
Saal des Thrones.
Staatsrath in Erwartung des Kaisers.


Trompeten.
Hofgesinde (aller Art prächtig gekleidet tritt ein).
Der Kaiser (gelangt auf den Thron; zu seiner Rechten der Astrolog).


Kaiser.
Ich grüße die Getreuen, Lieben,
Versammelt aus der Näh’ und Weite; -

4730
Der Weisen seh’ ich mir zur Seite,

Allein wo ist der Narr geblieben?

Junker.
Gleich hinter deiner Mantel-Schleppe
Stürtzt’ er zusammen auf der Treppe,
Man trug hinweg das Fett-Gewicht,

4735
Todt oder trunken? weiß man nicht.
[9]
Zweyter Junker.

Sogleich mit wunderbarer Schnelle
Drängt sich ein anderer an die Stelle;
Gar köstlich ist er aufgeputzt,
Doch fratzenhaft daß jeder stutzt;

4740
Die Wache hält ihm an der Schwelle

Kreuzweis die Hellebarden vor -
Da ist er doch der kühne Thor!

Mephistopheles
(am Throne knieend).
Was ist verwünscht und stets willkommen?
Was ist ersehnt und stets verjagt?

4745
Was immerfort in Schutz genommen?

Was hart gescholten und verklagt?
Wen darfst du nicht herbeiberufen?
Wen höret jeder gern genannt?
Was naht sich deines Thrones Stufen?

4750
Was hat sich selbst hinweggebannt?


Kaiser.
Für dießmal spare deine Worte!
Hier sind die Räthsel nicht am Orte,
Das ist die Sache dieser Herrn. -
Da löse du! das hört’ ich gern.

4755
Mein alter Narr ging, fürcht’ ich, weit in’s Weite;

Nimm seinen Platz und komm an meine Seite.

Mephistopheles

(steigt hinauf und stellt sich zur Linken).
[10]
Gemurmel der Menge.

     Ein neuer Narr -- Zu neuer Pein --
     Wo kommt er her -- Wie kam er ein --
     Der alte fiel -- Der hat verthan --

4760
     Es war ein Faß -- Nun ist’s ein Span --


Kaiser.
Und also ihr Getreuen, Lieben,
Willkommen aus der Näh’ und Ferne;
Ihr sammelt euch mit günstigem Sterne;
Da droben ist uns Glück und Heil geschrieben.

4765
Doch sagt warum in diesen Tagen,

Wo wir der Sorgen uns entschlagen,
Schönbärte mummenschänzlich tragen
Und Heitres nur genießen wollten,
Warum wir uns rathschlagend quälen sollten?

4770
Doch weil ihr meint es ging nicht anders an,

Geschehen ist’s, so sei’s getan.

Canzler.
Die höchste Tugend, wie ein Heiligen-Schein,
Umgibt des Kaisers Haupt, nur er allein
Vermag sie gültig auszuüben:

4775
Gerechtigkeit! -- Was alle Menschen lieben,

Was alle fordern, wünschen, schwer entbehren,
Es liegt an ihm dem Volk es zu gewähren.
Doch ach! Was hilft dem Menschengeist Verstand,
Dem Herzen Güte, Willigkeit der Hand,

4780
Wenn’s fieberhaft durchaus im Staate wüthet,
Und Uebel sich in Uebeln überbrütet?
[11]
Wer schaut hinab von diesem hohen Raum

In's weite Reich, ihm scheint’s ein schwerer Traum,
Wo Mißgestalt in Mißgestalten schaltet,

4785
Das Ungesetz gesetzlich überwaltet,

Und eine Welt des Irrthums sich entfaltet.

Der raubt sich Heerden, der ein Weib,
Kelch, Kreuz und Leuchter vom Altare,
Berühmt sich dessen manche Jahre

4790
Mit heiler Haut, mit unverletztem Leib.

Jetzt drängen Kläger sich zur Halle,
Der Richter prunkt auf hohem Pfühl,
Indessen wogt, in grimmigem Schwalle
Des Aufruhrs wachsendes Gewühl.

4795
Der darf auf Schand’ und Frevel pochen

Der auf Mitschuldigste sich stützt,
Und: Schuldig! hörst du ausgesprochen
Wo Unschuld nur sich selber schützt.
So will sich alle Welt zerstückeln,

4800
Vernichtigen was sich gebührt;

Wie soll sich da der Sinn entwickeln
Der einzig uns zum Rechten führt?
Zuletzt ein wohlgesinnter Mann
Neigt sich dem Schmeichler, dem Bestecher;

4805
Ein Richter, der nicht strafen kann,

Gesellt sich endlich zum Verbrecher;
Ich malte schwarz, doch dichtern Flor
Zög ich dem Bilde lieber vor.

                                 (Pause.)
[12]
Entschlüsse sind nicht zu vermeiden;
4810
Wenn alle schädigen, alle leiden,

Geht selbst die Majestät zu Raub.

Heermeister.
Wie tobt’s in diesen wilden Tagen!
Ein jeder schlägt und wird erschlagen,
Und für’s Commando bleibt man taub.

4815
Der Bürger hinter seinen Mauern,

Der Ritter auf dem Felsennest,
Verschwuren sich, uns auszudauern
Und halten ihre Kräfte fest.
Der Miethsoldat wird ungeduldig,

4820
Mit Ungestüm verlangt er seinen Lohn,

Und wären wir ihm nichts mehr schuldig
Er liefe ganz und gar davon.
Verbiete wer was Alle wollten,
Der hat ins Wespennest gestört;

4825
Das Reich das sie beschützen sollten,

Es liegt geplündert und verheert.
Man läßt ihr Toben, wüthend hausen,
Schon ist die halbe Welt verthan;
Es sind noch Könige da draußen,

4830
Doch keiner denkt, es ging’ ihn irgend an.


Schatzmeister.
Wer wird auf Bundsgenossen pochen!

Subsidien, die man uns versprochen,
[13]
Wie Röhrenwasser bleiben aus.

Auch, Herr, in deinen weiten Staaten

4835
An wen ist der Besitz gerathen?

Wohin man kommt, da hält ein Neuer Haus,
Und unabhängig will er leben;
Zusehen muß man, wie er’s treibt;
Wir haben so viel Rechte hingegeben,

4840
Daß uns auf nichts ein Recht mehr übrig bleibt.

Auch auf Parteyen, wie sie heißen,
Ist heut zu Tage kein Verlaß;
Sie mögen schelten oder preisen,
Gleichgültig wurden Lieb und Haß.

4845
Die Ghibellinen wie die Guelfen

Verbergen sich um auszuruhn;
Wer jetzt will seinem Nachbar helfen?
Ein jeder hat für sich zu thun.
Die Goldespforten sind verrammelt,

4850
Ein jeder kratzt und scharrt und sammelt

Und unsre Cassen bleiben leer.

Marschalk.
Welch Unheil muß auch ich erfahren;
Wir wollen alle Tage sparen
Und brauchen alle Tage mehr,

4855
Und täglich wächst mir neue Pein.

Den Köchen thut kein Mangel wehe;
Wildschweine, Hirsche, Hasen, Rehe,
Welschhühner, Hühner, Gäns’ und Enten,

Die Deputate, sichre Renten,
[14]
4860
Sie gehen noch so ziemlich ein.

Jedoch am Ende fehlt’s an Wein.
Wenn sonst im Keller Faß an Faß sich häufte,
Der besten Berg’ und Jahresläufte,
So schlürft unendliches Gesäufte

4865
Der edlen Herrn den letzten Tropfen aus.

Der Stadtrath muß sein Lager auch verzapfen,
Man greift zu Humpen, greift zu Napfen,
Und unterm Tische liegt der Schmaus.
Nun soll ich zahlen, alle lohnen;

4870
Der Jude wird mich nicht verschonen,

Der schafft Anticipationen,
Die speisen Jahr um Jahr voraus.
Die Schweine kommen nicht zu Fette,
Verpfändet ist der Pfühl im Bette,

4875
Und auf den Tisch kommt vorgegessen Brod.


Kaiser
(nach einigem Nachdenken zu Mephistopheles)
Sag, weißt du Narr nicht auch noch eine Noth?

Mephistopheles.
Ich keineswegs. Den Glanz umherzuschauen,
Dich und die deinen! – Mangelte Vertrauen,
Wo Majestät unweigerlich gebeut,

4880
Bereite Macht Feindseliges zerstreut,

Wo guter Wille, kräftig durch Verstand
Und Thätigkeit, vielfältige, zur Hand?
Was könnte da zum Unheil sich vereinen,

Zur Finsterniß, wo solche Sterne scheinen?
[15]
Gemurmel.
4885
     Das ist ein Schalk – der’s wohl versteht –

     Er lügt sich ein – So lang’ es geht –
     Ich weiß schon – Was dahinter steckt –
     Und was denn weiter? - Ein Project –

Mephistopheles.
Wo fehlt’s nicht irgendwo auf dieser Welt?

4890
Dem dieß, dem das, hier aber fehlt das Geld.

Vom Estrich zwar ist es nicht aufzuraffen;
Doch Weisheit weiß das Tiefste herzuschaffen.
In Bergesadern, Mauergründen
Ist Gold gemünzt und ungemünzt zu finden,

4895
Und fragt ihr mich wer es zu Tage schafft:

Begabten Manns Natur- und Geisteskraft.

Kanzler.
Natur und Geist – so spricht man nicht zu Christen.
Deßhalb verbrennt man Atheisten,
Weil solche Reden höchst gefährlich sind.

4900
Natur ist Sünde, Geist ist Teufel;

Sie hegen zwischen sich den Zweifel,
Ihr mißgestaltet Zwitterkind.
Uns nicht so! – Kaisers alten Landen
Sind zwey Geschlechter nur entstanden,

4905
Sie stützen würdig seinen Thron:

Die Heiligen sind es und die Ritter;
Sie stehen jedem Ungewitter

Und nehmen Kirch’ und Staat zum Lohn.
[16]
Dem Pöbelsinn verworr’ner Geister
4910
Entwickelt sich ein Widerstand:

Die Ketzer sind’s! die Hexenmeister!
Und sie verderben Stadt und Land.
Die willst du nun mit frechen Scherzen
In diese hohen Kreise schwärzen;

4915
Ihr hegt euch an verderbtem Herzen,

Dem Narren sind sie nah verwandt.

Mephistopheles.
Daran erkenn’ ich den gelehrten Herrn!
Was ihr nicht tastet, steht euch meilenfern;
Was ihr nicht faßt, das fehlt euch ganz und gar;

4920
Was ihr nicht rechnet, glaubt ihr sey nicht wahr;

Was ihr nicht wägt, hat für euch kein Gewicht;
Was ihr nicht münzt, das, meint ihr, gelte nicht.

Kaiser.
Dadurch sind unsre Mängel nicht erledigt,
Was willst du jetzt mit deiner Fastenpredigt?

4925
Ich habe satt das ewige Wie und Wenn;

Es fehlt an Geld, nun gut, so schaff’ es denn.

Mephistopheles.
Ich schaffe was ihr wollt und schaffe mehr;
Zwar ist es leicht, doch ist das Leichte schwer.
Es liegt schon da, doch um es zu erlangen

4930
Das ist die Kunst, wer weiß es anzufangen?

Bedenkt doch nur: in jenen Schreckensläuften,

Wo Menschenfluthen Land und Volk ersäuften,
[17]
Wie der und der, so sehr es ihn erschreckte,

Sein Liebstes da- und dortwohin versteckte;

4935
So war’s von je in mächtiger Römer Zeit,

Und so fortan bis gestern, ja bis heut.
Das alles liegt im Boden still begraben,
Der Boden ist des Kaisers, der soll’s haben.

Schatzmeister.
Für einen Narren spricht er gar nicht schlecht,

4940
Das ist fürwahr des alten Kaisers Recht.


Canzler.
Der Satan legt euch goldgewirkte Schlingen,
Es geht nicht zu mit frommen rechten Dingen.

Marschalk.
Schafft er uns nur zu Hof willkommne Gaben,
Ich wollte gern ein bißchen Unrecht haben.

Heermeister.

4945
Der Narr ist klug, verspricht, was jedem frommt;

Fragt der Soldat doch nicht woher es kommt.

Mephistopheles.
Und glaubt ihr euch vielleicht durch mich betrogen;
Hier steht ein Mann! da! fragt den Astrologen.
In Kreis’ um Kreise kennt er Stund’ und Haus,

4950
So sage denn: wie sieht’s am Himmel aus?


Gemurmel.
     Zwey Schelme sind’s – Verstehn sich schon –
     Narr und Phantast – So nah dem Thron –
     Ein mattgesungen – alt Gedicht –

     Der Thor bläst ein – der Weise spricht –
[18]

Astrolog.
(spricht, Mephistopheles bläst ein).

4955
Die Sonne selbst sie ist ein lautres Gold,

Mercur der Bote dient um Gunst und Sold,
Frau Venus hat’s euch allen angethan,
So früh als spat blickt sie euch lieblich an;
Die keusche Luna launet grillenhaft,

4960
Mars trifft er nicht, so dräut euch seine Kraft.

Und Jupiter bleibt doch der schönste Schein,
Saturn ist groß, dem Auge fern und klein,
Ihn als Metall verehren wir nicht sehr,
An Werth gering, doch im Gewichte schwer.

4965
Ja! wenn zu Sol sich Luna fein gesellt,

Zum Silber Gold, dann ist es heitre Welt;
Das Uebrige ist alles zu erlangen:
Paläste, Gärten, Brüstlein, rothe Wangen,
Das alles schafft der hochgelahrte Mann,

4970
Der das vermag was unser keiner kann.


Kaiser.
Ich höre doppelt was er spricht,
Und dennoch überzeugt’s mich nicht.

Gemurmel.
     Was soll uns das? – Gedroschner Spaß –
     Calenderey – Chymisterey –

4975
     Das hört’ ich oft – Und falsch gehofft –
     Und kommt er auch – So ist’s ein Gauch –
[19]
Mephistopheles.

Da stehen sie umher und staunen,
Vertrauen nicht dem hohen Fund;
Der eine faselt von Alraunen,

4980
Der andre von dem schwarzen Hund.

Was soll es, daß der eine witzelt,
Ein andrer Zauberey verklagt,
Wenn ihm doch auch einmal die Sohle kitzelt,
Wenn ihm der sichre Schritt versagt.

4985
Ihr alle fühlt geheimes Wirken

Der ewig waltenden Natur,
Und aus den untersten Bezirken
Schmiegt sich herauf lebend’ge Spur.
Wenn es in allen Gliedern zwackt,

4990
Wenn es unheimlich wird am Platz,

Nur gleich entschlossen grabt und hackt,
Da liegt der Spielmann, liegt der Schatz!

Gemurmel.
     Mir liegt’s im Fuß wie Bleigewicht –
     Mir krampft’s im Arme – das ist Gicht –

4995
     Mir krabbelt’s an der großen Zeh’ –

     Mir tut der ganze Rücken weh –
     Nach solchen Zeichen wäre hier
     Das allerreichste Schatzrevier.

Kaiser.
Nur eilig! du entschlüpfst nicht wieder,

5000
Erprobe deine Lügenschäume,
Und zeig uns gleich die edeln Räume.
[20]
Ich lege Schwert und Scepter nieder,

Und will mit eignen hohen Händen,
Wenn du nicht lügst, das Werk vollenden,

5005
Dich, wenn du lügst, zur Hölle senden!


Mephistopheles.
Den Weg dahin wüßt’ allenfalls zu finden –
Doch kann ich nicht genug verkünden
Was überall besitzlos harrend liegt.
Der Bauer, der die Furche pflügt,

5010
Hebt einen Goldtopf mit der Scholle,

Salpeter hofft er von der Leimenwand
Und findet golden-goldne Rolle,
Erschreckt, erfreut in kümmerlicher Hand.
Was für Gewölbe sind zu sprengen,

5015
In welchen Klüften, welchen Gängen

Muß sich der Schatzbewußte drängen,
Zur Nachbarschaft der Unterwelt!
In weiten, allverwahrten Kellern,
Von goldnen Humpen, Schüsseln, Tellern,

5020
Sieht er sich Reihen aufgestellt;

Pokale stehen aus Rubinen,
Und will er deren sich bedienen
Daneben liegt uraltes Naß.
Doch – werdet ihr dem Kundigen glauben –

5025
Verfault ist längst das Holz der Dauben,

Der Weinstein schuf dem Wein ein Faß.
Essenzen solcher edlen Weine,

Gold und Juwelen nicht alleine,
[21]
Umhüllen sich mit Nacht und Graus.
5030
Der Weise forscht hier unverdrossen,

Am Tag’ erkennen das sind Possen,
Im Finstern sind Mysterien zu Haus.

Kaiser.
Die laß ich dir! Was will das Düstre frommen?
Hat etwas Werth, es muß zu Tage kommen.

5035
Wer kennt den Schelm in tiefer Nacht genau?

Schwarz sind die Kühe, so die Katzen grau.
Die Töpfe drunten, voll von Goldgewicht;
Zieh’ deinen Pflug, und ack’re sie an’s Licht.

Mephistopheles.
Nimm Hack’ und Spaten, grabe selber,

5040
Die Bauernarbeit macht dich groß,

Und eine Heerde goldner Kälber
Sie reißen sich vom Boden los.
Dann ohne Zaudern, mit Entzücken,
Kannst du dich selbst, wirst die Geliebte schmücken;

5045
Ein leuchtend Farb- und Glanzgestein erhöht

Die Schönheit wie die Majestät.

Kaiser.
Nur gleich, nur gleich! Wie lange soll es währen!

Astrolog (wie oben).
Herr, mäßige solch dringendes Begehren!
Laß erst vorbei das bunte Freudenspiel;

5050
Zerstreutes Wesen führt uns nicht zum Ziel.
[22]
Erst müssen wir in Fassung uns versühnen,

Das Untre durch das Obere verdienen.
Wer Gutes will, der sey erst gut;
Wer Freude will, besänftige sein Blut;

5055
Wer Wein verlangt, der keltre reife Trauben;

Wer Wunder hofft, der stärke seinen Glauben.

Kaiser.
So sey die Zeit in Fröhlichkeit verthan!
Und ganz erwünscht kommt Aschermittwoch an.
Indessen feiern wir, auf jeden Fall,

5060
Nur lustiger das wilde Carneval.


(Trompeten. Exeunt.)

Mephistopheles.
Wie sich Verdienst und Glück verketten
Das fällt den Thoren niemals ein;
Wenn sie den Stein der Weisen hätten

Der Weise mangelte dem Stein.


Weitläufiger Saal, mit Nebengemächern,
verziert und aufgeputzt zur Mummenschanz.


Herold.
5065
Denkt nicht ihr seyd in deutschen Gränzen
Von Teufels-, Narren- und Todtentänzen;
[23]
Ein heitres Fest erwartet euch.

Der Herr, auf seinen Römerzügen,
Hat, sich zu Nutz, euch zum Vergnügen,

5070
Die hohen Alpen überstiegen,

Gewonnen sich ein heitres Reich.
Der Kaiser, er, an heiligen Solen
Erbat sich erst das Recht zur Macht,
Und als er ging die Krone sich zu holen,

5075
Hat er uns auch die Kappe mitgebracht.

Nun sind wir alle neugeboren;
Ein jeder weltgewandte Mann
Zieht sie behaglich über Kopf und Ohren;
Sie ähnelt ihn verrückten Thoren,

5080
Er ist darunter weise wie er kann.

Ich sehe schon wie sie sich schaaren,
Sich schwankend sondern, traulich paaren;
Zudringlich schließt sich Chor an Chor.
Herein, hinaus, nur unverdrossen;

5085
Es bleibt doch endlich nach wie vor,

Mit ihren hunderttausend Possen,
Die Welt ein einz’ger großer Thor.


Gärtnerinnen.

(Gesang begleitet von Mandolinen.)

     Euren Beifall zu gewinnen
     Schmückten wir uns diese Nacht,

5090
     Junge Florentinerinnen
     Folgten deutschen Hofes Pracht;
[24]
Tragen wir in braunen Locken

Mancher heitern Blume Zier;
Seidenfäden, Seidenflocken

5095
Spielen ihre Rolle hier.


Denn wir halten es verdienstlich,
Lobenswürdig ganz und gar;
Unsere Blumen, glänzend künstlich,
Blühen fort das ganze Jahr.

5100
Allerlei gefärbten Schnitzeln

Ward symmetrisch Recht gethan;
Mögt ihr Stück für Stück bewitzeln,
Doch das Ganze zieht euch an.

Niedlich sind wir anzuschauen,

5105
Gärtnerinnen und galant;

Denn das Naturell der Frauen
Ist so nah mit Kunst verwandt.

Herold.
Laß die reichen Körbe sehen
Die ihr auf den Häupten traget,

5110
Die sich bunt am Arme blähen;

Jeder wähle was behaget.
Eilig! daß in Laub und Gängen
Sich ein Garten offenbare,
Würdig sind sie zu umdrängen

5115
Krämerinnen wie die Waare.
[25]
Gärtnerinnen.

Feilschet nun am heitern Orte,
Doch kein Markten finde statt!
Und mit sinnig kurzem Worte
Wisse jeder was er hat.

Olivenzweig mit Früchten.

5120
Keinen Blumenflor beneid’ ich,

Allen Widerstreit vermeid’ ich;
Mir ist’s gegen die Natur:
Bin ich doch das Mark der Lande,
Und, zum sichern Unterpfande,

5125
Friedenszeichen jeder Flur.

Heute, hoff’ ich, soll mir’s glücken
Würdig schönes Haupt zu schmücken.

Aehrenkranz ('golden).
Ceres Gaben, euch zu putzen,
Werden hold und lieblich stehn:

5130
Das Erwünschteste dem Nutzen

Sey als eure Zierde schön.

Phantasiekranz.
Bunte Blumen, Malven ähnlich,
Aus dem Moos ein Wunderflor!
Der Natur ist’s nicht gewöhnlich,

5135
Doch die Mode bringt’s hervor.


Phantasiestrauß.
Meinen Namen euch zu sagen,

Würde Theophrast nicht wagen.
[26]
Und doch hoff’ ich, wo nicht allen,

Aber mancher zu gefallen,

5140
Der ich mich wohl eignen möchte,

Wenn sie mich in’s Haar verflöchte,
Wenn sie sich entschließen könnte,
Mir am Herzen Platz vergönnte.

Ausfoderung.
Mögen bunte Phantasien

5145
Für des Tages Mode blühen,

Wunder seltsam seyn gestaltet,
Wie Natur sich nie entfaltet;
Grüne Stiele, goldne Glocken,
Blickt hervor aus reichen Locken! —

5150
Doch wir


Rosenknospen
 halten uns versteckt,
Glücklich, wer uns frisch entdeckt.
Wenn der Sommer sich verkündet,
Rosenknospe sich entzündet,
Wer mag solches Glück entbehren?

5155
Das Versprechen, das Gewähren,

Das beherrscht in Florens Reich,
Blick und Sinn und Herz zugleich.

(Unter grünen Laubkränzen putzen die Gärtnerinnen zierlich ihren Kram auf.)
[27]
Gärtner.

(Gesang begleitet von Theorben.)
Blumen sehet ruhig sprießen,
Reizend euer Haupt umzieren,

5160
Früchte wollen nicht verführen,

Kostend mag man sie genießen.

Bieten bräunliche Gesichter
Kirschen, Pfirschen, Königspflaumen,
Kauft! denn gegen Zung’ und Gaumen

5165
Hält sich Auge schlecht als Richter.


Kommt! von allerreifsten Früchten
Mit Geschmack und Lust zu speisen;
Ueber Rosen läßt sich dichten,
In die Aepfel muß man beißen.

5170
Sey’s erlaubt uns anzupaaren

Eurem reichen Jugendflor,
Und wir putzen reifer Waaren
Fülle nachbarlich empor.

Unter lustigen Gewinden,

5175
In geschmückter Lauben Bucht,

Alles ist zugleich zu finden:
Knospe, Blätter, Blume, Frucht.

(Unter Wechselgesamg, begleitet von Guitarren und Theorben, fahren beide Chöre fort ihre Waaren stufenweis in die Höhe zu schmücken und anzubieten.)
[28]
Mutter und Tochter.

Mutter.
Mädchen als du kamst an’s Licht,
Schmückt ich dich im Häubchen,

5180
Warst so lieblich von Gesicht,

Und so zart am Leibchen.
Dachte dich sogleich als Braut,
Gleich dem Reichsten angetraut,
Dachte dich als Weibchen.

5185
Ach! Nun ist schon manches Jahr

Ungenützt verflogen.
Der Sponsirer bunte Schaar
Schnell vorbei gezogen;
Tanztest mit dem Einen flink,

5190
Gabst dem Andern stillen Wink

Mit dem Ellenbogen.

Welches Fest man auch ersann,
Ward umsonst begangen;
Pfänderspiel und dritter Mann

5195
Wollten nicht verfangen;

Heute sind die Narren los,
Liebchen öffne deinen Schoos,
Bleibt wohl einer hangen.

Gespielinnen

(jung und schön, gesellen sich hinzu, ein getraulich Geplauder wird laut).
[29]
Fischer und Vogelsteller

(mit Netzen, Angel und Leimrhuten, auch sonstigen Geräthe,
treten auf, mischen sich unter die schönen Kinder. Wechselseitige
Versuche zu gewinnen, zu sangen, zu entgehen und festzuhalten geben zu den angenehmsten Dialogen Gelegenheit).

Holzhauer
(treten ein ungestüm und ungeschlacht).
     Nur Platz! nur Blöße!

5200
     Wir brauchen Räume,

     Wir fällen Bäume,
     Die krachend schlagen:
     Und wenn wir tragen,
     Da gibt es Stöße.

5205
     Zu unserm Lobe

     Bringt dies ins Reine;
     Denn wirkten Grobe
     Nicht auch im Lande,
     Wie kämen Feine

5210
     Für sich zustande,

     So sehr sie witzten?
     Des seyd belehret!
     Denn ihr erfröret,
     Wenn wir nicht schwitzten.

Pulcinelle
(täppisch, fast läppisch).

5215
     Ihr seid die Thoren,
     Gebückt geboren.
[30]
Wir sind die Klugen,

Die nie was trugen:
Denn unsre Kappen,

5220
Jacken und Lappen

Sind leicht zu tragen;
Und mit Behagen
Wir immer müßig,
Pantoffelfüßig,

5225
Durch Markt und Haufen

Einher zu laufen,
Gaffend zu stehen,
Uns anzukrähen;
Auf solche Klänge

5230
Durch Drang und Menge

Aalgleich zu schlüpfen,
Gesammt zu hüpfen,
Vereint zu toben.
Ihr mögt uns loben,

5235
Ihr mögt uns schelten,

Wir lassen’s gelten.

Parasiten
('schmeichelnd-lüstern).
Ihr wackern Träger
Und eure Schwäger,
Die Kohlenbrenner,

5240
Sind unsre Männer.

Denn alles Bücken,

Bejah'ndes Nicken,
[31]
Gewundne Phrasen,

Das Doppelblasen,

5245
Das wärmt und kühlet

Wie’s einer fühlet,
Was könnt’ es frommen?
Es möchte Feuer
Selbst ungeheuer

5250
Vom Himmel kommen,

Gäb’ es nicht Scheite
Und Kohlentrachten,
Die Herdesbreite
Zur Glut entfachten.

5255
Da brät’s und prudelt’s,

Da kocht’s und strudelt’s.
Der wahre Schmecker,
Der Tellerlecker,
Er riecht den Braten,

5260
Er ahnet Fische;

Das regt zu Taten
An Gönners Tische.

Trunkner (unbewußt).
Sey mir heute nichts zuwider!
Fühle mich so frank und frei;

5265
Frische Lust und heitre Lieder

Holt’ ich selbst sie doch herbei.
Und so trink’ ich! Trinke, trinke!
Stoßet an, ihr! Tinke, Tinke!
Du dort hinten komm heran!

5270
Stoßet an, so ist’s gethan.
[32]
Schrie mein Weibchen doch entrüstet,

Rümpfte diesem bunten Rock,
Und, wie sehr ich mich gebrüstet,
Schalt mich einen Maskenstock.

5275
Doch ich trinke! Trinke, trinke!

Angeklungen! Tinke, Tinke!
Maskenstöcke, stoßet an!
Wenn es klingt, so ist’s getan.

Saget nicht daß ich verirrt bin,

5280
Bin ich doch wo mir’s behagt.

Borgt der Wirth nicht, borgt die Wirthin,
Und am Ende borgt die Magd.
Immer trink’ ich! Trinke, trinke!
Auf ihr Andern! Tinke, Tinke!

5285
Jeder jedem! so fortan!

Dünkt mich’s doch es sey gethan.

Wie und wo ich mich vergnüge
Mag es immerhin geschehn;
Laßt mich liegen wo ich liege,

5290
Denn ich mag nicht länger stehn.


Chor.
Jeder Bruder trinke, trinke!
Toastet frisch ein Tinke, Tinke!
Sitzet fest auf Bank und Span,

Unterm Tisch Dem ist’s gethan.
[33]
Der Herold.

(kündigt verschiedene Poeten an, Naturdichter, Hof- und Rittersänger, zärtliche so wie Enthusiasten. Im Gedräng von Mitwerbern aller Art läßt keiner den andern zum Vortrag kommen. Einer schleicht mit wenigen Worten vorüber).

Satyriker.

5295
Wißt ihr, was mich Poeten

Erst recht erfreuen sollte?
Dürft ich singen und reden,
Was niemand hören wollte.

(Die Nacht und Grabdichter lasen sich entschuldigen, weil sie so eben im interessanten Gespräch mit einen frischerstandenen Vampyren begriffen seyen, woraus eine neue Dichtart sich vielleicht entwickeln könnte; der Herold muß es gelten lassen und ruft indessen die griechische Mythologie hervor, die, selbst in modernen Maske, weder Charakter noch Gefälliges verliert.)

Die Grazien.
Aglaia.
Anmuth bringen wir ins Leben;

5300
Leget Anmuth in das Geben.


Hegemone.
Leget Anmuth in’s Empfangen,
Lieblich ist’s den Wunsch erlangen.

Euphrasyne.
Und in stiller Tage Schranken

Höchst anmuthig sey das Danken.
[34]
Die Parzen

Atropos.

5305
Mich die älteste zum Spinnen

Hat man dießmal eingeladen;
Viel zu denken, viel zu sinnen
Gibt’s beim zarten Lebensfaden.

Daß er euch gelenk und weich sey

5310
Wußt’ ich feinsten Flachs zu sichten;

Daß er glatt und schlank und gleich sey
Wird der kluge Finger schlichten.

Wolltet ihr bei Lust und Tänzen
Allzu üppig euch erweisen,

5315
Denkt an dieses Fadens Gränzen,

Hütet euch! er möchte reißen!

Klotho.
Wißt! in diesen letzten Tagen
Ward die Scheere mir vertraut;
Denn man war von dem Betragen

5320
Unsrer Alten nicht erbaut.


Zerrt unnützeste Gespinnste
Lange sie an Licht und Luft,
Hoffnung herrlichster Gewinnste

Schleppt sie schneidend zu der Gruft.
[35]
5325
Doch auch ich im Jugend-Walten

Irrte mich schon hundertmal;
Heute mich im Zaum zu halten
Scheere steckt im Futteral.

Und so bin ich gern gebunden,

5330
Blicke freundlich diesem Ort;

Ihr in diesen freien Stunden
Schwärmt nur immer fort und fort.

Lachesis.
Mir, die ich allein verständig,
Blieb das Ordnen zugetheilt;

5335
Meine Weife, stets lebendig,

Hat noch nie sich übereilt.

Fäden kommen, Fäden weifen,
Jeden lenk’ ich seine Bahn,
Keinen lass’ ich überschweifen,

5340
Füg’ er sich im Kreis heran.


Könnt’ ich einmal mich vergessen
Wär’ es um die Welt mir bang;
Stunden zählen, Jahre messen,
Und der Weber nimmt den Strang.

Herold.

5345
Die jetzo kommen werdet ihr nicht kennen,

Wär’t ihr noch so gelehrt in alten Schriften;
Sie anzusehn, die so viel Uebel stiften,

Ihr würdet sie willkommne Gäste nennen.
[36]
Die Furien sind es, niemand wird uns glauben,
5350
Hübsch, wohlgestaltet, freundlich, jung von Jahren;

Laßt euch mit ihnen ein, ihr sollt erfahren,
Wie schlangenhaft verletzen solche Tauben.

Zwar sind sie tückisch, doch am heutigen Tage,
Wo jeder Narr sich rühmet seiner Mängel,

5355
Auch sie verlangen nicht den Ruhm als Engel,

Bekennen sich als Stadt- und Landesplage.

Alekto
Was hilft es euch? ihr werdet uns vertrauen,
Denn wir sind hübsch und jung und Schmeichelkätzchen;
Hat einer unter euch ein Liebeschätzchen,

5360
Wir werden ihm so lang die Ohren krauen,


Bis wir ihm sagen dürfen, Aug’ in Auge:
Daß sie zugleich auch dem und jenem winke,
Im Kopfe dumm, im Rücken krumm, und hinke
Und, wenn sie seine Braut ist, gar nichts tauge.

5365
So wissen wir die Braut auch zu bedrängen:

Es hat sogar der Freund, vor wenig Wochen,
Verächtliches von ihr zu der gesprochen!--
Versöhnt man sich, so bleibt doch etwas hängen.

Megära
Das ist nur Spaß! denn, sind sie erst verbunden,

5370
Ich nehm’ es auf und weiß; in allen Fällen,

Das schönste Glück durch Grille zu vergällen;

Der Mensch ist ungleich, ungleich sind die Stunden.
[37]
Und niemand hat Erwünschtes fest in Armen,

Der sich nicht nach Erwünschterem törig sehnte,

5375
Vom höchsten Glück, woran er sich gewöhnte;

Die Sonne flieht er, will den Frost erwarmen.

Mit diesem allen weiß ich zu gebaren
Und führe her Asmodi, den Getreuen,
Zu rechter Zeit Unseliges auszustreuen,

5380
Verderbe so das Menschenvolk in Paaren.


Tisiphone
     Gift und Dolch statt böser Zungen
     Misch’ ich, schärf’ ich dem Verräter;
     Liebst du andre, früher, später
     Hat Verderben dich durchdrungen.

5385
     Muß der Augenblicke Süßtes

     Sich zu Gischt und Galle wandeln!
     Hier kein Markten, hier kein Handeln--
     Wie er es beging’, er büßt es.

     Singe keiner vom Vergeben!

5390
     Felsen klag’ ich meine Sache,

     Echo! horch! erwidert: Rache!
     Und wer wechselt, soll nicht leben.

Herold
Belieb’ es euch, zur Seite wegzuweichen,
Denn was jetzt kommt, ist nicht von euresgleichen.

5395
Ihr seht, wie sich ein Berg herangedrängt,
Mit bunten Teppichen die Weichen stolz behängt,
[38]
Ein Haupt mit langen Zähnen, Schlangenrüssel,

Geheimnisvoll, doch zeig’ ich euch den Schlüssel.
Im Nacken sitzt ihm zierlich-zarte Frau,

5400
Mit feinem Stäbchen lenkt sie ihn genau;

Die andre, droben stehend herrlich-hehr,
Umgibt ein Glanz, der blendet mich zu sehr.
Zur Seite gehn gekettet edle Frauen,
Die eine bang, die andre froh zu schauen;

5405
Die eine wünscht, die andre fühlt sich frei.

Verkünde jede, wer sie sei.

Furcht
Dunstige Fackeln, Lampen, Lichter
Dämmern durchs verworrne Fest;
Zwischen diese Truggesichter

5410
Bannt mich, ach! die Kette fest.


Fort, ihr lächerlichen Lacher!
Euer Grinsen gibt Verdacht;
Alle meine Widersacher
Drängen mich in dieser Nacht.

5415
Hier! ein Freund ist Feind geworden,

Seine Maske kenn’ ich schon;
Jener wollte mich ermorden,
Nun entdeckt schleicht er davon.

Ach wie gern in jeder Richtung

5420
Flöh’ ich zu der Welt hinaus;

Doch von drüben droht Vernichtung,

Hält mich zwischen Dunst und Graus.
[39]

Hoffnung
Seid gegrüßt, ihr lieben Schwestern!
Habt ihr euch schon heut’ und gestern

5425
In Vermummungen gefallen,

Weiß ich doch gewiß von allen:
Morgen wollt ihr euch enthüllen.
Und wenn wir bei Fackelscheine
Uns nicht sonderlich behagen,

5430
Werden wir in heitern Tagen

Ganz nach unserm eignen Willen
Bald gesellig, bald alleine
Frei durch schöne Fluren wandeln,
Nach Belieben ruhn und handeln

5435
Und in sorgenfreiem Leben

Nie entbehren, stets erstreben;
überall willkommne Gäste,
Treten wir getrost hinein:
Sicherlich, es muß das Beste

5440
Irgendwo zu finden sein.


Klugheit
     Zwei der größten Menschenfeinde,
     Furcht und Hoffnung, angekettet,
     Halt’ ich ab von der Gemeinde;
     Platz gemacht! ihr seid gerettet.

5445
     Den lebendigen Kolossen

     Führ’ ich, seht ihr, turmbeladen,
     Und er wandelt unverdrossen

     Schritt vor Schritt auf steilen Pfaden.
[40]
     Droben aber auf der Zinne
5450
     Jene Göttin, mit behenden

     Breiten Flügeln, zum Gewinne
     Allerseits sich hinzuwenden.

     Rings umgibt sie Glanz und Glorie,
     Leuchtend fern nach allen Seiten;

5455
     Und sie nennet sich Viktorie,

     Göttin aller Tätigkeiten.

Zoilo-Thersites
Hu! Hu! da komm’ ich eben recht,
Ich schelt’ euch allzusammen schlecht!
Doch was ich mir zum Ziel ersah,

5460
Ist oben Frau Viktoria.

Mit ihrem weißen Flügelpaar
Sie dünkt sich wohl, sie sei ein Aar,
Und wo sie sich nur hingewandt,
Gehör’ ihr alles Volk und Land;

5465
Doch, wo was Rühmliches gelingt,

Es mich sogleich in Harnisch bringt.
Das Tiefe hoch, das Hohe tief,
Das Schiefe grad, das Grade schief,
Das ganz allein macht mich gesund,

5470
So will ich’s auf dem Erdenrund.


Herold
So treffe dich, du Lumpenhund,
Des frommen Stabes Meisterstreich!

Da krümm und winde dich sogleich!--
[41]
Wie sich die Doppelzwerggestalt
5475
So schnell zum eklen Klumpen ballt!--

--Doch Wunder!--Klumpen wird zum Ei,
Das bläht sich auf und platzt entzwei.
Nun fällt ein Zwillingspaar heraus,
Die Otter und die Fledermaus;

5480
Die eine fort im Staube kriecht,

Die andre schwarz zur Decke fliegt.
Sie eilen draußen zum Verein;
Da möcht’ ich nicht der dritte sein.

Gemurmel
     Frisch! dahinten tanzt man schon--

5485
     Nein! Ich wollt’, ich wär’ davon--

     Fühlst du, wie uns das umflicht,
     Das gespenstische Gezücht?--
     Saust es mir doch übers Haar--
     Ward ich’s doch am Fuß gewahr--

5490
     Keiner ist von uns verletzt--

     Alle doch in Furcht gesetzt--
     Ganz verdorben ist der Spaß--
     Und die Bestien wollten das.

Herold
Seit mir sind bei Maskeraden

5495
Heroldspflichten aufgeladen,

Wach’ ich ernstlich an der Pforte,
Daß euch hier am lustigen Orte
Nichts Verderbliches erschleiche,

Weder wanke, weder weiche.
[42]
5500
Doch ich fürchte, durch die Fenster

Ziehen luftige Gespenster,
Und von Spuk und Zaubereien
Wüßt’ ich euch nicht zu befreien.
Machte sich der Zwerg verdächtig,

5505
Nun! dort hinten strömt es mächtig.

Die Bedeutung der Gestalten
Möcht’ ich amtsgemäß entfalten.
Aber was nicht zu begreifen,
Wüßt’ ich auch nicht zu erklären;

5510
Helfet alle mich belehren!--

Seht ihr’s durch die Menge schweifen?
Vierbespannt ein prächtiger Wagen
Wird durch alles durchgetragen;
Doch er teilet nicht die Menge,

5515
Nirgend seh’ ich ein Gedränge.

Farbig glitzert’s in der Ferne,
Irrend leuchten bunte Sterne
Wie von magischer Laterne,
Schnaubt heran mit Sturmgewalt.

5520
Platz gemacht! Mich schaudert’s!


Knabe (Wagenlenker)
 Halt!
Rosse, hemmet eure Flügel,
Fühlet den gewohnten Zügel,
Meistert euch, wie ich euch meistre,
Rauschet hin, wenn ich begeistre--

5525
Diese Räume laßt uns ehren!
Schaut umher, wie sie sich mehren,
[43]
Die Bewundrer, Kreis um Kreise.

Herold auf! nach deiner Weise,
Ehe wir von euch entfliehen,

5530
Uns zu schildern, uns zu nennen;

Denn wir sind Allegorien,
Und so solltest du uns kennen.

Herold
Wüßte nicht, dich zu benennen;
Eher könnt’ ich dich beschreiben.

Knabe Lenker

5535
So probier’s!


Herold
 Man muß gestehn:
Erstlich bist du jung und schön.
Halbwüchsiger Knabe bist du; doch die Frauen,
Sie möchten dich ganz ausgewachsen schauen.
Du scheinest mir ein künftiger Sponsierer,

5540
Recht so von Haus aus ein Verführer.


Knabe Lenker
Das läßt sich hören! fahre fort,
Erfinde dir des Rätsels heitres Wort.

Herold
Der Augen schwarzer Blitz, die Nacht der Locken,
Erheitert von juwelnem Band!

5545
Und welch ein zierliches Gewand

Fließt dir von Schultern zu den Socken,

Mit Purpursaum und Glitzertand!
[44]

Man könnte dich ein Mädchen schelten;
Doch würdest du, zu Wohl und Weh,

5550
Auch jetzo schon bei Mädchen gelten,

Sie lehrten dich das ABC.

Knabe Lenker
Und dieser, der als Prachtgebilde
Hier auf dem Wagenthrone prangt?

Herold
Er scheint ein König reich und milde,

5555
Wohl dem, der seine Gunst erlangt!

Er hat nichts weiter zu erstreben,
Wo’s irgend fehlte, späht sein Blick,
Und seine reine Lust zu geben
Ist größer als Besitz und Glück.

Knabe Lenker

5560
Hiebei darfst du nicht stehen bleiben,

Du mußt ihn recht genau beschreiben.

Herold
Das Würdige beschreibt sich nicht.
Doch das gesunde Mondgesicht,
Ein voller Mund, erblühte Wangen,

5565
Die unterm Schmuck des Turbans prangen;

Im Faltenkleid ein reich Behagen!
Was soll ich von dem Anstand sagen?
Als Herrscher scheint er mir bekannt.

Knabe Lenker
Plutus, des Reichtums Gott genannt!

5570
Derselbe kommt in Prunk daher,
Der hohe Kaiser wünscht ihn sehr.
[45]

Herold
Sag von dir selber auch das Was und Wie!

Knabe Lenker
Bin die Verschwendung, bin die Poesie;
Bin der Poet, der sich vollendet,

5575
Wenn er sein eigenst Gut verschwendet.

Auch ich bin unermeßlich reich
Und schätze mich dem Plutus gleich,
Beleb’ und schmück’ ihm Tanz und Schmaus,
Das, was ihm fehlt, das teil’ ich aus.

Herold

5580
Das Prahlen steht dir gar zu schön,

Doch laß uns deine Künste sehn.

Knabe Lenker
Hier seht mich nur ein Schnippchen schlagen,
Schon glänzt’s und glitzert’s um den Wagen.
Da springt eine Perlenschnur hervor!
(Immerfort umherschneppend.)

5585
Nehmt goldne Spange für Hals und Ohr;

Auch Kamm und Krönchen ohne Fehl,
In Ringen köstlichstes Juwel;
Auch Flämmchen spend’ ich dann und wann,
Erwartend, wo es zünden kann.

Herold

5590
Wie greift und hascht die liebe Menge!
Fast kommt der Geber ins Gedränge.
[46]
Kleinode schnippt er wie ein Traum,

Und alles hascht im weiten Raum.
Doch da erleb’ ich neue Pfiffe:

5595
Was einer noch so emsig griffe,

Des hat er wirklich schlechten Lohn,
Die Gabe flattert ihm davon.
Es löst sich auf das Perlenband,
Ihm krabbeln Käfer in der Hand,

5600
Er wirft sie weg, der arme Tropf,

Und sie umsummen ihm den Kopf.
Die andern statt solider Dinge
Erhaschen frevle Schmetterlinge.
Wie doch der Schelm so viel verheißt

5605
Und nur verleiht, was golden gleißt!


Knabe Lenker
Zwar Masken, merk’ ich, weißt du zu verkünden,
Allein der Schale Wesen zu ergründen,
Sind Herolds Hofgeschäfte nicht;
Das fordert schärferes Gesicht.

5610
Doch hüt’ ich mich vor jeder Fehde;

An dich, Gebieter, wend’ ich Frag’ und Rede.
(Zu Plutus gewendet.)
Hast du mir nicht die Windesbraut
Des Viergespannes anvertraut?
Lenk’ ich nicht glücklich, wie du leitest?

5615
Bin ich nicht da, wohin du deutest?

Und wußt’ ich nicht auf kühnen Schwingen

Für dich die Palme zu erringen?
[47]
Wie oft ich auch für dich gefochten,

Mir ist es jederzeit geglückt:

5620
Wenn Lorbeer deine Stirne schmückt,

Hab’ ich ihn nicht mit Sinn und Hand geflochten?

Plutus
Wenn’s nötig ist, daß ich dir Zeugnis leiste,
So sag’ ich gern: Bist Geist von meinem Geiste.
Du handelst stets nach meinem Sinn,

5625
Bist reicher, als ich selber bin.

Ich schätze, deinen Dienst zu lohnen,
Den grünen Zweig vor allen meinen Kronen.
Ein wahres Wort verkünd’ ich allen:
Mein lieber Sohn, an dir hab’ ich Gefallen.

Knabe Lenker

5630
Die größten Gaben meiner Hand,

Seht! hab’ ich rings umher gesandt.
Auf dem und jenem Kopfe glüht
Ein Flämmchen, das ich angesprüht;
Von einem zu dem andern hüpft’s,

5635
An diesem hält sich’s, dem entschlüpft’s,

Gar selten aber flammt’s empor,
Und leuchtet rasch in kurzem Flor;
Doch vielen, eh’ man’s noch erkannt,
Verlischt es, traurig ausgebrannt.

Weibergeklatsch

5640
Da droben auf dem Viergespann

Das ist gewiß ein Scharlatan;
Gekauzt da hintendrauf Hanswurst,

Doch abgezehrt von Hunger und Durst,
[48]
Wie man ihn niemals noch erblickt;
5645
Er fühlt wohl nicht, wenn man ihn zwickt.


Der Abgemagerte
Vom Leibe mir, ekles Weibsgeschlecht!
Ich weiß, dir komm’ ich niemals recht.--
Wie noch die Frau den Herd versah,
Da hieß ich Avaritia;

5650
Da stand es gut um unser Haus:

Nur viel herein und nichts hinaus!
Ich eiferte für Kist’ und Schrein;
Das sollte wohl gar ein Laster sein.
Doch als in allerneusten Jahren

5655
Das Weib nicht mehr gewohnt zu sparen,

Und, wie ein jeder böser Zahler,
Weit mehr Begierden hat als Taler,
Da bleibt dem Manne viel zu dulden,
Wo er nur hinsieht, da sind Schulden.

5660
Sie wendet’s, kann sie was erspulen,

An ihren Leib, an ihren Buhlen;
Auch speist sie besser, trinkt noch mehr
Mit der Sponsierer leidigem Heer;
Das steigert mir des Goldes Reiz:

5665
Bin männlichen Geschlechts, der Geiz!


Hauptweib
Mit Drachen mag der Drache geizen;
Ist’s doch am Ende Lug und Trug!
Er kommt, die Männer aufzureizen,

Sie sind schon unbequem genug.
[49]
Weiber in Masse
5670
Der Strohmann! Reich ihm eine Schlappe!

Was will das Marterholz uns dräun?
Wir sollen seine Fratze scheun!
Die Drachen sind von Holz und Pappe,
Frisch an und dringt auf ihn hinein!

Herold

5675
Bei meinem Stabe! Ruh gehalten!--

Doch braucht es meiner Hülfe kaum;
Seht, wie die grimmen Ungestalten,
Bewegt im rasch gewonnenen Raum,
Das Doppel-Flügelpaar entfalten.

5680
Entrüstet schütteln sich der Drachen

Umschuppte, feuerspeiende Rachen;
Die Menge flieht, rein ist der Platz.
(Plutus steigt vom Wagen.)

Herold
Er tritt herab, wie königlich!
Er winkt, die Drachen rühren sich,

5685
Die Kiste haben sie vom Wagen

Mit Gold und Geiz herangetragen,
Sie steht zu seinen Füßen da:
Ein Wunder ist es, wie’s geschah.

Plutus
Nun bist du los der allzulästigen Schwere,

5690
Bist frei und frank, nun frisch zu deiner Sphäre!

Hier ist sie nicht! Verworren, scheckig, wild

Umdrängt uns hier ein fratzenhaft Gebild.
[50]
Nur wo du klar ins holde Klare schaust,

Dir angehörst und dir allein vertraust,

5695
Dorthin, wo Schönes, Gutes nur gefällt,

Zur Einsamkeit!--Da schaffe deine Welt.

Knabe Lenker
So acht’ ich mich als werten Abgesandten,
So lieb’ ich dich als nächsten Anverwandten.
Wo du verweilst, ist Fülle; wo ich bin,

5700
Fühlt jeder sich im herrlichsten Gewinn.

Auch schwankt er oft im widersinnigen Leben:
Soll er sich dir? soll er sich mir ergeben?
Die Deinen freilich können müßig ruhn,
Doch wer mir folgt, hat immer was zu tun.

5705
Nicht insgeheim vollführ’ ich meine Taten,

Ich atme nur, und schon bin ich verraten.
So lebe wohl! Du gönnst mir ja mein Glück;
Doch lisple leis’, und gleich bin ich zurück.
(Ab wie er kam.)

Plutus
Nun ist es Zeit, die Schätze zu entfesseln!

5710
Die Schlösser treff’ ich mit des Herolds Rute.

Es tut sich auf! schaut her! in ehrnen Kesseln
Entwickelt sich’s und wallt von goldnem Blute,
Zunächst der Schmuck von Kronen, Ketten, Ringen;
Es schwillt und droht, ihn schmelzend zu verschlingen.

Wechselgeschrei der Menge

5715
     Seht hier, o hin! wie’s reichlich quillt,
     Die Kiste bis zum Rande füllt.--
[51]
     Gefäße, goldne, schmelzen sich,

     Gemünzte Rollen wälzen sich.--
     Dukaten hüpfen wie geprägt,

5720
     O wie mir das den Busen regt--

     Wie schau’ ich alle mein Begehr!
     Da kollern sie am Boden her.--
     Man bietet’s euch, benutzt’s nur gleich
     Und bückt euch nur und werdet reich.--

5725
     Wir andern, rüstig wie der Blitz,

     Wir nehmen den Koffer in Besitz.

Herold
Was soll’s, ihr Toren? soll mir das?
Es ist ja nur ein Maskenspaß.
Heut abend wird nicht mehr begehrt;

5730
Glaubt ihr, man geb’ euch Gold und Wert?

Sind doch für euch in diesem Spiel
Selbst Rechenpfennige zuviel.
Ihr Täppischen! ein artiger Schein
Soll gleich die plumpe Wahrheit sein.

5735
Was soll euch Wahrheit?--Dumpfen Wahn

Packt ihr an allen Zipfeln an.--
Vermummter Plutus, Maskenheld,
Schlag dieses Volk mir aus dem Feld.

Plutus
Dein Stab ist wohl dazu bereit,

5740
Verleih ihn mir auf kurze Zeit.--

Ich tauch’ ihn rasch in Sud und Glut.--

Nun, Masken, seid auf eurer Hut!
[52]
Wie’s blitzt und platzt, in Funken sprüht!

Der Stab, schon ist er angeglüht.

5745
Wer sich zu nah herangedrängt,

Ist unbarmherzig gleich versengt.--
Jetzt fang’ ich meinen Umgang an.

Geschrei und Gedräng
     O weh! Es ist um uns getan.--
     Entfliehe, wer entfliehen kann!--

5750
     Zurück, zurück, du Hintermann!--

     Mir sprüht er heiß ins Angesicht.--
     Mich drückt des glühenden Stabs Gewicht--
     Verloren sind wir all’ und all’.--
     Zurück, zurück, du Maskenschwall!

5755
     Zurück, zurück, unsinniger Hauf’!--

     O hätt’ ich Flügel, flög’ ich auf.--

Plutus
Schon ist der Kreis zurückgedrängt,
Und niemand, glaub’ ich, ist versengt.
Die Menge weicht,

5760
Sie ist verscheucht.--

Doch solcher Ordnung Unterpfand
Zieh’ ich ein unsichtbares Band.

Herold
Du hast ein herrlich Werk vollbracht,
Wie dank’ ich deiner klugen Macht!

Plutus

5765
Noch braucht es, edler Freund, Geduld:
Es droht noch mancherlei Tumult.
[53]

Geiz
So kann man doch, wenn es beliebt,
Vergnüglich diesen Kreis beschauen;
Denn immerfort sind vornenan die Frauen,

5770
Wo’s was zu gaffen, was zu naschen gibt.

Noch bin ich nicht so völlig eingerostet!
Ein schönes Weib ist immer schön;
Und heute, weil es mich nichts kostet,
So wollen wir getrost sponsieren gehn.

5775
Doch weil am überfüllten Orte

Nicht jedem Ohr vernehmlich alle Worte,
Versuch’ ich klug und hoff’, es soll mir glücken,
Mich pantomimisch deutlich auszudrücken.
Hand, Fuß, Gebärde reicht mir da nicht hin,

5780
Da muß ich mich um einen Schwank bemühn.

Wie feuchten Ton will ich das Gold behandeln,
Denn dies Metall läßt sich in alles wandeln.

Herold
Was fängt der an, der magre Tor!
Hat so ein Hungermann Humor?

5785
Er knetet alles Gold zu Teig,

Ihm wird es untern Händen weich;
Wie er es drückt und wie es ballt,
Bleibt’s immer doch nur ungestalt.
Er wendet sich zu den Weibern dort,

5790
Sie schreien alle, möchten fort,

Gebärden sich gar widerwärtig;

Der Schalk erweist sich übelfertig.
[54]
Ich fürchte, daß er sich ergetzt,

Wenn er die Sittlichkeit verletzt.

5795
Dazu darf ich nicht schweigsam bleiben,

Gib meinen Stab, ihn zu vertreiben.

Plutus
Er ahnet nicht, was uns von außen droht;
Laß ihn die Narrenteidung treiben!
Ihm wird kein Raum für seine Possen bleiben;

5800
Gesetz ist mächtig, mächtiger ist die Not.


Getümmel und Gesang
     Das wilde Heer, es kommt zumal
     Von Bergeshöh’ und Waldestal,
     Unwiderstehlich schreitet’s an:
     Sie feiren ihren großen Pan.

5805
     Sie wissen doch, was keiner weiß,

     Und drängen in den leeren Kreis.

Plutus
Ich kenn’ euch wohl und euren großen Pan!
Zusammen habt ihr kühnen Schritt getan.
Ich weiß recht gut, was nicht ein jeder weiß,

5810
Und öffne schuldig diesen engen Kreis.

Mag sie ein gut Geschick begleiten!
Das Wunderlichste kann geschehn;
Sie wissen nicht, wohin sie schreiten,
Sie haben sich nicht vorgesehn.

Wildgesang

5815
     Geputztes Volk du, Flitterschau!
     Sie kommen roh, sie kommen rauh,
[55]
     In hohem Sprung, in raschem Lauf,

     Sie treten derb und tüchtig auf.

Faunen
Die Faunenschar

5820
Im lustigen Tanz,

Den Eichenkranz
Im krausen Haar,
Ein feines zugespitztes Ohr
Dringt an dem Lockenkopf hervor,

5825
Ein stumpfes Näschen, ein breit Gesicht,

Das schadet alles bei Frauen nicht:
Dem Faun, wenn er die Patsche reicht,
Versagt die Schönste den Tanz nicht leicht.

Satyr
Der Satyr hüpft nun hinterdrein

5830
Mit Ziegenfuß und dürrem Bein,

Ihm sollen sie mager und sehnig sein,
Und gemsenartig auf Bergeshöhn
Belustigt er sich, umherzusehn.
In Freiheitsluft erquickt alsdann,

5835
Verhöhnt er Kind und Weib und Mann,

Die tief in Tales Dampf und Rauch
Behaglich meinen, sie lebten auch,
Da ihm doch rein und ungestört
Die Welt dort oben allein gehört.

Gnomen

5840
Da trippelt ein die kleine Schar,
Sie hält nicht gern sich Paar und Paar;
[56]
Im moosigen Kleid mit Lämplein hell

Bewegt sich’s durcheinander schnell,
Wo jedes für sich selber schafft,

5845
Wie Leucht-Ameisen wimmelhaft;

Und wuselt emsig hin und her,
Beschäftigt in die Kreuz und Quer.
Den frommen Gütchen nah verwandt,
Als Felschirurgen wohlbekannt;

5850
Die hohen Berge schröpfen wir,

Aus vollen Adern schöpfen wir;
Metalle stürzen wir zuhauf,
Mit Gruß getrost: Glück auf! Glück auf!
Das ist von Grund aus wohlgemeint:

5855
Wir sind der guten Menschen Freund.

Doch bringen wir das Gold zu Tag,
Damit man stehlen und kuppeln mag,
Nicht Eisen fehle dem stolzen Mann,
Der allgemeinen Mord ersann.

5860
Und wer die drei Gebot’ veracht’t,

Sich auch nichts aus den andern macht.
Das alles ist nicht unsre Schuld;
Drum habt so fort, wie wir, Geduld.

Riesen
Die wilden Männer sind s’ genannt,

5865
Am Harzgebirge wohlbekannt;

Natürlich nackt in aller Kraft,

Sie kommen sämtlich riesenhaft.
[57]
Den Fichtenstamm in rechter Hand

Und um den Leib ein wulstig Band,

5870
Den derbsten Schurz von Zweig und Blatt,

Leibwacht, wie der Papst nicht hat.

Nymphen im Chor
(Sie umschließen den großen Pan.)
Auch kommt er an!--
Das All der Welt
Wird vorgestellt

5875
Im großen Pan.

Ihr Heitersten, umgebet ihn,
Im Gaukeltanz umschwebet ihn:
Denn weil er ernst und gut dabei,
So will er, daß man fröhlich sei.

5880
Auch unterm blauen Wölbedach

Verhielt’ er sich beständig wach;
Doch rieseln ihm die Bäche zu,
Und Lüftlein wiegen ihn mild in Ruh.
Und wenn er zu Mittage schläft,

5885
Sich nicht das Blatt am Zweige regt;

Gesunder Pflanzen Balsamduft
Erfüllt die schweigsam stille Luft;
Die Nymphe darf nicht munter sein,
Und wo sie stand, da schläft sie ein.

5890
Wenn unerwartet mit Gewalt

Dann aber seine Stimm’ erschallt,
Wie Blitzes Knattern, Meergebraus,

Dann niemand weiß, wo ein noch aus,
[58]
Zerstreut sich tapfres Heer im Feld,
5895
Und im Getümmel bebt der Held.

So Ehre dem, dem Ehre gebührt,
Und Heil ihm, der uns hergeführt!

Deputation der Gnomen
(An den großen Pan.)
Wenn das glänzend reiche Gute
Fadenweis durch Klüfte streicht,

5900
Nur der klugen Wünschelrute

Seine Labyrinthe zeigt,
Wölben wir in dunklen Grüften
Troglodytisch unser Haus,
Und an reinen Tageslüften

5905
Teilst du Schätze gnädig aus.

Nun entdecken wir hieneben
Eine Quelle wunderbar,
Die bequem verspricht zu geben,
Was kaum zu erreichen war.

5910
Dies vermagst du zu vollenden,

Nimm es, Herr, in deine Hut:
Jeder Schatz in deinen Händen
Kommt der ganzen Welt zugut.

Plutus zum Herold
Wir müssen uns im hohen Sinne fassen

5915
Und, was geschieht, getrost geschehen lassen,
[59]
Du bist ja sonst des stärksten Mutes voll.

Nun wird sich gleich ein Greulichstes eräugnen,
Hartnäckig wird es Welt und Nachwelt leugnen:
Du schreib es treulich in dein Protokoll.

Herold
(den Stab anfassend, welchen Plutus in der Hand hält.)

5920
Die Zwerge führen den großen Pan

Zur Feuerquelle sacht heran;
Sie siedet auf vom tiefsten Schlund,
Dann sinkt sie wieder hinab zum Grund,
Und finster steht der offne Mund;

5925
Wallt wieder auf in Glut und Sud,

Der große Pan steht wohlgemut,
Freut sich des wundersamen Dings,
Und Perlenschaum sprüht rechts und links.
Wie mag er solchem Wesen traun?

5930
Er bückt sich tief hineinzuschaun.--

Nun aber fällt sein Bart hinein!--
Wer mag das glatte Kinn wohl sein?
Die Hand verbirgt es unserm Blick.--
Nun folgt ein großes Ungeschick:

5935
Der Bart entflammt und fliegt zurück,

Entzündet Kranz und Haupt und Brust,
Zu Leiden wandelt sich die Lust.--
Zu löschen läuft die Schar herbei,
Doch keiner bleibt von Flammen frei,

5940
Und wie es patscht und wie es schlägt,
Wird neues Flammen aufgeregt;
[60]
Verflochten in das Element,

Ein ganzer Maskenklump verbrennt.
Was aber, hör’ ich wird uns kund

5945
Von Ohr zu Ohr, von Mund zu Mund!

O ewig unglücksel’ge Nacht,
Was hast du uns für Leid gebracht!
Verkünden wird der nächste Tag,
Was niemand willig hören mag;

5950
Doch hör’ ich aller Orten schrein:

"Der Kaiser leidet solche Pein."
O wäre doch ein andres wahr!
Der Kaiser brennt und seine Schar.
Sie sei verflucht, die ihn verführt,

5955
In harzig Reis sich eingeschnürt,

Zu toben her mit Brüllgesang
Zu allerseitigem Untergang.
O Jugend, Jugend, wirst du nie
Der Freude reines Maß bezirken?

5960
O Hoheit, Hoheit, wirst du nie

Vernünftig wie allmächtig wirken?

Schon geht der Wald in Flammen auf,
Sie züngeln leckend spitz hinauf
Zum holzverschränkten Deckenband;

5965
Uns droht ein allgemeiner Brand.

Des Jammers Maß ist übervoll,
Ich weiß nicht, wer uns retten soll.
Ein Aschenhaufen einer Nacht

Liegt morgen reiche Kaiserpracht.
[61]
Plutus
5970
Schrecken ist genug verbreitet,

Hilfe sei nun eingeleitet!--
Schlage, heil’gen Stabs Gewalt,
Daß der Boden bebt und schallt!
Du, geräumig weite Luft,

5975
Fülle dich mit kühlem Duft!

Zieht heran, umherzuschweifen,
Nebeldünste, schwangre Streifen,
Deckt ein flammendes Gewühl!
Rieselt, säuselt, Wölkchen kräuselt,

5980
Schlüpfet wallend, leise dämpfet,

Löschend überall bekämpfet,
Ihr, die lindernden, die feuchten,
Wandelt in ein Wetterleuchten
Solcher eitlen Flamme Spiel!--

5985
Drohen Geister, uns zu schädigen,
Soll sich die Magie betätigen.
Lustgarten.
Morgensonne

Der Kaiser, dessen Hofstaat, Männer und Frauen Faust, Mephistopheles, (anständig, nicht auffalldn, nach ????? .)

Faust
Verzeihst du, Herr, das Flammengaukelspiel?
[62]
Kaiser

(zum Aufstehen winkend)
Ich wünsche mir dergleichen Scherze viel.--
Auf einmal sah ich mich in glühnder Sphäre,

5990
Es schien mir fast, als ob ich Pluto wäre.

Aus Nacht und Kohlen lag ein Felsengrund,
Von Flämmchen glühend. Dem und jenem Schlund
Aufwirbelten viel tausend wilde Flammen
Und flackerten in ein Gewölb’ zusammen.

5995
Zum höchsten Dome züngelt’ es empor,

Der immer ward und immer sich verlor.
Durch fernen Raum gewundner Feuersäulen
Sah ich bewegt der Völker lange Zeilen,
Sie drängten sich im weiten Kreis heran

6000
Und huldigten, wie sie es stets getan.

Vom meinem Hof erkannt’ ich ein und andern,
Ich schien ein Fürst von tausend Salamandern.

Mephistopheles
Das bist du, Herr! weil jedes Element
Die Majestät als unbedingt erkennt.

6005
Gehorsam Feuer hast du nun erprobt;

Wirf dich ins Meer, wo es am wildsten tobt,
Und kaum betrittst du perlenreichen Grund,
So bildet wallend sich ein herrlich Rund;
Siehst auf und ab lichtgrüne schwanke Wellen,

6010
Mit Purpursaum, zur schönsten Wohnung schwellen

Um dich, den Mittelpunkt. Bei jedem Schritt,

Wohin du gehst, gehn die Paläste mit.
[63]
Die Wände selbst erfreuen sich des Lebens,

Pfeilschnellen Wimmlens, Hin- und Widerstrebens.

6015
Meerwunder drängen sich zum neuen milden Schein,

Sie schießen an, und keines darf herein.
Da spielen farbig goldbeschuppte Drachen,
Der Haifisch klafft, du lachst ihm in den Rachen.
Wie sich auch jetzt der Hof um dich entzückt,

6020
Hast du doch nie ein solch Gedräng’ erblickt.

Doch bleibst du nicht vom Lieblichsten geschieden:
Es nahen sich neugierige Nereiden
Der prächt’gen Wohnung in der ew’gen Frische,
Die jüngsten scheu und lüstern wie die Fische,

6025
Die spätern klug. Schon wird es Thetis kund,

Dem zweiten Peleus reicht sie Hand und Mund.--
Den Sitz alsdann auf des Olymps Revier...

Kaiser
Die luft’gen Räume, die erlass’ ich dir:
Noch früh genug besteigt man jenen Thron.

Mephistopheles

6030
Und, höchster Herr! die Erde hast du schon.


Kaiser
Welch gut Geschick hat dich hieher gebracht,
Unmittelbar aus Tausend Einer Nacht?
Gleichst du an Fruchtbarkeit Scheherazaden,
Versichr’ ich dich der höchsten aller Gnaden.

6035
Sei stets bereit, wenn eure Tageswelt,
Wie’s oft geschieht, mir widerlichst mißfällt.
[64]
Marschalk

Durchlauchtigster, ich dacht’ in meinem Leben
Vom schönsten Glück Verkündung nicht zu geben
Als diese, die mich hoch beglückt,

6040
In deiner Gegenwart entzückt:

Rechnung für Rechnung ist berichtigt,
Die Wucherklauen sind beschwichtigt,
Los bin ich solcher Höllenpein;
Im Himmel kann’s nicht heitrer sein.

Heermeister

6045
Abschläglich ist der Sold entrichtet,

Das ganze Heer aufs neu’ verpflichtet,
Der Landsknecht fühlt sich frisches Blut,
Und Wirt und Dirnen haben’s gut.

Kaiser
Wie atmet eure Brust erweitert!

6050
Das faltige Gesicht erheitert!

Wie eilig tretet ihr heran!

Schatzmeister
Befrage diese, die das Werk getan.

Faust
Dem Kanzler ziemt’s, die Sache vorzutragen.

Kanzler

Beglückt genug in meinen alten Tagen.--
[65]
6055
So hört und schaut das schicksalschwere Blatt,

Das alles Weh in Wohl verwandelt hat.
(Er liest.)
"Zu wissen sei es jedem, der’s begehrt:
Der Zettel hier ist tausend Kronen wert.
Ihm liegt gesichert, als gewisses Pfand,

6060
Unzahl vergrabnen Guts im Kaiserland.

Nun ist gesorgt, damit der reiche Schatz,
Sogleich gehoben, diene zum Ersatz."

Kaiser
Ich ahne Frevel, ungeheuren Trug!
Wer fälschte hier des Kaisers Namenszug?

6065
Ist solch Verbrechen ungestraft geblieben?


Schatzmeister
Erinnre dich! hast selbst es unterschrieben;
Erst heute nacht. Du standst als großer Pan,
Der Kanzler sprach mit uns zu dir heran:
"Gewähre dir das hohe Festvergnügen,

6070
Des Volkes Heil, mit wenig Federzügen."

Du zogst sie rein, dann ward’s in dieser Nacht
Durch Tausendkünstler schnell vertausendfacht.
Damit die Wohltat allen gleich gedeihe,
So stempelten wir gleich die ganze Reihe,

6075
Zehn, Dreißig, Funfzig, Hundert sind parat.

Ihr denkt euch nicht, wie wohl’s dem Volke tat.
Seht eure Stadt, sonst halb im Tod verschimmelt,

Wie alles lebt und lustgenießend wimmelt!
[66]
Obschon dein Name längst die Welt beglückt,
6080
Man hat ihn nie so freundlich angeblickt.

Das Alphabet ist nun erst überzählig,
In diesem Zeichen wird nun jeder selig.

Kaiser
Und meinen Leuten gilt’s für gutes Gold?
Dem Heer, dem Hofe gnügt’s zu vollem Sold?

6085
So sehr mich’s wundert, muß ich’s gelten lassen.


Marschalk
Unmöglich wär’s, die Flüchtigen einzufassen;
Mit Blitzeswink zerstreute sich’s im Lauf.
Die Wechslerbänke stehen sperrig auf:
Man honoriert daselbst ein jedes Blatt

6090
Durch Gold und Silber, freilich mit Rabatt.

Nun geht’s von da zum Fleischer, Bäcker, Schenken;
Die halbe Welt scheint nur an Schmaus zu denken,
Wenn sich die andre neu in Kleidern bläht.
Der Krämer schneidet aus, der Schneider näht.

6095
Bei "Hoch dem Kaiser!" sprudelt’s in den Kellern,

Dort kocht’s und brät’s und klappert mit den Tellern.

Mephistopheles
Wer die Terrassen einsam abspaziert,
Gewahrt die Schönste, herrlich aufgeziert,
Ein Aug’ verdeckt vom stolzen Pfauenwedel,

6100
Sie schmunzelt uns und blickt nach solcher Schedel;

Und hurt’ger als durch Witz und Redekunst

Vermittelt sich die reichste Liebesgunst.
[67]
Man wird sich nicht mit Börs’ und Beutel plagen,

Ein Blättchen ist im Busen leicht zu tragen,

6105
Mit Liebesbrieflein paart’s bequem sich hier.

Der Priester trägt’s andächtig im Brevier,
Und der Soldat, um rascher sich zu wenden,
Erleichtert schnell den Gürtel seiner Lenden.
Die Majestät verzeihe, wenn ins Kleine

6110
Das hohe Werk ich zu erniedern scheine.


Faust
Das übermaß der Schätze, das, erstarrt,
In deinen Landen tief im Boden harrt,
Liegt ungenutzt. Der weiteste Gedanke
Ist solchen Reichtums kümmerlichste Schranke;

6115
Die Phantasie, in ihrem höchsten Flug,

Sie strengt sich an und tut sich nie genug.
Doch fassen Geister, würdig, tief zu schauen,
Zum Grenzenlosen grenzenlos Vertrauen.

Mephistopheles
Ein solch Papier, an Gold und Perlen Statt,

6120
Ist so bequem, man weiß doch, was man hat;

Man braucht nicht erst zu markten, noch zu tauschen,
Kann sich nach Lust in Lieb’ und Wein berauschen.
Will man Metall, ein Wechsler ist bereit,
Und fehlt es da, so gräbt man eine Zeit.

6125
Pokal und Kette wird verauktioniert,

Und das Papier, sogleich amortisiert,
Beschämt den Zweifler, der uns frech verhöhnt.

Man will nichts anders, ist daran gewöhnt.
[68]
So bleibt von nun an allen Kaiserlanden
6130
An Kleinod, Gold, Papier genug vorhanden.


Kaiser
Das hohe Wohl verdankt euch unser Reich;
Wo möglich sei der Lohn dem Dienste gleich.
Vertraut sei euch des Reiches innrer Boden,
Ihr seid der Schätze würdigste Kustoden.

6135
Ihr kennt den weiten, wohlverwahrten Hort,

Und wenn man gräbt, so sei’s auf euer Wort.
Vereint euch nun, ihr Meister unsres Schatzes,
Erfüllt mit Lust die Würden eures Platzes,
Wo mit der obern sich die Unterwelt,

6140
In Einigkeit beglückt, zusammenstellt.


Schatzmeister
Soll zwischen uns kein fernster Zwist sich regen,
Ich liebe mir den Zaubrer zum Kollegen.
(Ab mit Faust)

Kaiser
Beschenk’ ich nun bei Hofe Mann für Mann,
Gesteh’ er mir, wozu er’s brauchen kann.

Page (empfangend)

6145
Ich lebe lustig, heiter, guter Dinge.


Ein Andrer (gleichfalls)
Ich schaffe gleich dem Liebchen Kett’ und Ringe.

Kämmerer
Von nun an trink’ ich doppelt beßre Flasche.

Ein Andrer

Die Würfel jucken mich schon in der Tasche.
[69]
Bannerherr (mit bedacht)

Mein Schloß und Feld, ich mach’ es schuldenfrei.

Ein Andrer (gleichfalls)

6150
Es ist ein Schatz, den leg’ ich Schätzen bei.


Kaiser
Ich hoffte Lust und Mut zu neuen Taten;
Doch wer euch kennt, der wird euch leicht erraten.
Ich merk’ es wohl: bei aller Schätze Flor,
Wie ihr gewesen, bleibt ihr nach wie vor.

Narr (herbeikommend)

6155
Ihr spendet Gnaden, gönnt auch mir davon!


Kaiser
Und lebst du wieder, du vertrinkst sie schon.

Narr
Die Zauberblätter! ich versteh’s nicht recht.

Kaiser
Das glaub’ ich wohl, denn du gebrauchst sie schlecht.

Narr
Da fallen andere; weiß nicht, was ich tu’.

Kaiser

6160
Nimm sie nur hin, sie fielen dir ja zu.

(Ab.)

Narr
Fünftausend Kronen wären mir zu Handen!

Mephistopheles

Zweibeiniger Schlauch, bist wieder auferstanden?
[70]
Narr

Geschieht mir oft, doch nicht so gut als jetzt.

Mephistopheles
Du freust dich so, daß dich’s in Schweiß versetzt.

Narr

6165
Da seht nur her, ist das wohl Geldes wert?


Mephistopheles
Du hast dafür, was Schlund und Bauch begehrt.

Narr
Und kaufen kann ich Acker, Haus und Vieh?

Mephistopheles
Versteht sich! Biete nur, das fehlt dir nie.

Narr
Und Schloß, mit Wald und Jagd und Fischbach?

Mephistopheles
 Traun!

6170
Ich möchte dich gestrengen Herrn wohl schaun!


Narr
Heut abend wieg’ ich mich im Grundbesitz!--
(Ab.)

Mephistopheles (solus)

Wer zweifelt noch an unsres Narren Witz!
[71]
Finstere Galerie
Faust. Mephistopheles.
Mephistopheles

Was ziehst du mich in diese düstern Gänge?
Ist nicht da drinnen Lust genug,

6175
Im dichten, bunten Hofgedränge

Gelegenheit zu Spaß und Trug?

Faust
Sag mir das nicht, du hast’s in alten Tagen
Längst an den Sohlen abgetragen;
Doch jetzt dein Hin- und Widergehn

6180
Ist nur, um mir nicht Wort zu stehn.

Ich aber bin gequält zu tun:
Der Marschalk und der Kämmrer treibt mich nun.
Der Kaiser will, es muß sogleich geschehn,
Will Helena und Paris vor sich sehn;

6185
Das Musterbild der Männer so der Frauen

In deutlichen Gestalten will er schauen.
Geschwind ans Werk! ich darf mein Wort nicht brechen.

Mephistopheles
Unsinnig war’s, leichtsinnig zu versprechen.

Faust
Du hast, Geselle, nicht bedacht,

6190
Wohin uns deine Künste führen;

Erst haben wir ihn reich gemacht,

Nun sollen wir ihn amüsieren.
[72]
Mephistopheles

Du wähnst, es füge sich sogleich;
Hier stehen wir vor steilern Stufen,

6195
Greifst in ein fremdestes Bereich,

Machst frevelhaft am Ende neue Schulden,
Denkst Helenen so leicht hervorzurufen
Wie das Papiergespenst der Gulden.--
Mit Hexen-Fexen, mit Gespenst-Gespinsten,

6200
Kielkröpfigen Zwergen steh’ ich gleich zu Diensten;

Doch Teufels-Liebchen, wenn auch nicht zu schelten,
Sie können nicht für Heroinen gelten.

Faust
Da haben wir den alten Leierton!
Bei dir gerät man stets ins Ungewisse.

6205
Der Vater bist du aller Hindernisse,

Für jedes Mittel willst du neuen Lohn.
Mit wenig Murmeln, weiß ich, ist’s getan;
Wie man sich umschaut, bringst du sie zur Stelle.

Mephistopheles
Das Heidenvolk geht mich nichts an,

6210
Es haust in seiner eignen Hölle;

Doch gibt’s ein Mittel.

Faust
 Sprich, und ohne Säumnis!

Mephistopheles

Ungern entdeck’ ich höheres Geheimnis.
[73]
Göttinnen thronen hehr in Einsamkeit,

Um sie kein Ort, noch weniger eine Zeit;

6215
Von ihnen sprechen ist Verlegenheit.

Die Mütter sind es!

Faust (aufgeschreckt).
 Mütter!

Mephistopheles
 Schaudert’s dich?

Faust
Die Mütter! Mütter!--’s klingt so wunderlich!

Mephistopheles
Das ist es auch. Göttinnen, ungekannt
Euch Sterblichen, von uns nicht gern genannt.
Nach ihrer Wohnung magst ins Tiefste schürfen;

6220
Du selbst bist schuld, daß ihrer wir bedürfen.


Faust
Wohin der Weg?

Mephistopheles
 Kein Weg! Ins Unbetretene,
Nicht zu Betretende; ein Weg ans Unerbetene,
Nicht zu Erbittende. Bist du bereit?--
Nicht Schlösser sind, nicht Riegel wegzuschieben,

6225
Von Einsamkeiten wirst umhergetrieben.
Hast du Begriff von öd’ und Einsamkeit?
[74]
Faust

Du spartest, dächt’ ich, solche Sprüche;
Hier wittert’s nach der Hexenküche,
Nach einer längst vergangnen Zeit.

6230
Mußt’ ich nicht mit der Welt verkehren?

Das Leere lernen, Leeres lehren?--
Sprach ich vernünftig, wie ich’s angeschaut,
Erklang der Widerspruch gedoppelt laut;
Mußt’ ich sogar vor widerwärtigen Streichen

6235
Zur Einsamkeit, zur Wildernis entweichen

Und, um nicht ganz versäumt, allein zu leben,
Mich doch zuletzt dem Teufel übergeben.

Mephistopheles
Und hättest du den Ozean durchschwommen,
Das Grenzenlose dort geschaut,

6240
So sähst du dort doch Well’ auf Welle kommen,

Selbst wenn es dir vorm Untergange graut.
Du sähst doch etwas. Sähst wohl in der Grüne
Gestillter Meere streichende Delphine;
Sähst Wolken ziehen, Sonne, Mond und Sterne--

6245
Nichts wirst du sehn in ewig leerer Ferne,

Den Schritt nicht hören, den du tust,
Nichts Festes finden, wo du ruhst.

Faust
Du sprichst als erster aller Mystagogen,
Die treue Neophyten je betrogen;

6250
Nur umgekehrt. Du sendest mich ins Leere,
Damit ich dort so Kunst als Kraft vermehre;
[75]
Behandelst mich, daß ich, wie jene Katze,

Dir die Kastanien aus den Gluten kratze.
Nur immer zu! wir wollen es ergründen,

6255
In deinem Nichts hoff’ ich das All zu finden.


Mephistopheles
Ich rühme dich, eh’ du dich von mir trennst,
Und sehe wohl, daß du den Teufel kennst;
Hier diesen Schlüssel nimm.

Faust
 Das kleine Ding!

Mephistopheles
Erst faß ihn an und schätz ihn nicht gering.

Faust

6260
Er wächst in meiner Hand! er leuchtet, blitzt!


Mephistopheles
Merkst du nun bald, was man an ihm besitzt?
Der Schlüssel wird die rechte Stelle wittern,
Folg ihm hinab, er führt dich zu den Müttern.

Faust (schaudernd).
Den Müttern! Trifft’s mich immer wie ein Schlag!

6265
Was ist das Wort, das ich nicht hören mag?


Mephistopheles
Bist du beschränkt, daß neues Wort dich stört?
Willst du nur hören, was du schon gehört?
Dich störe nichts, wie es auch weiter klinge,

Schon längst gewohnt der wunderbarsten Dinge.
[76]
Faust
6270
Doch im Erstarren such’ ich nicht mein Heil,

Das Schaudern ist der Menschheit bestes Teil;
Wie auch die Welt ihm das Gefühl verteure,
Ergriffen, fühlt er tief das Ungeheure.

Mephistopheles
Versinke denn! Ich könnt’ auch sagen: steige!

6275
’s ist einerlei. Entfliehe dem Entstandnen

In der Gebilde losgebundne Reiche!
Ergetze dich am längst nicht mehr Vorhandnen;
Wie Wolkenzüge schlingt sich das Getreibe,
Den Schlüssel schwinge, halte sie vom Leibe!

Faust

6280
Wohl! fest ihn fassend fühl’ ich neue Stärke,

Die Brust erweitert, hin zum großen Werke.

Mephistopheles
Ein glühnder Dreifuß tut dir endlich kund,
Du seist im tiefsten, allertiefsten Grund.
Bei seinem Schein wirst du die Mütter sehn,

6285
Die einen sitzen, andre stehn und gehn,

Wie’s eben kommt. Gestaltung, Umgestaltung,
Des ewigen Sinnes ewige Unterhaltung.
Umschwebt von Bildern aller Kreatur;
Sie sehn dich nicht, denn Schemen sehn sie nur.

6290
Da faß ein Herz, denn die Gefahr ist groß,

Und gehe grad’ auf jenen Dreifuß los,

Berühr ihn mit dem Schlüssel!
[77]
Faust

(macht eine entschieden gebietende Attiude mit dem Schlüssel).
Mephistopheles
(Ihn betrachtend).
 So ist’s recht!
Er schließt sich an, er folgt als treuer Knecht;
Gelassen steigst du, dich erhebt das Glück,

6295
Und eh’ sie’s merken, bist mit ihm zurück.

Und hast du ihn einmal hierher gebracht,
So rufst du Held und Heldin aus der Nacht,
Der erste, der sich jener Tat erdreistet;
Sie ist getan, und du hast es geleistet.

6300
Dann muß fortan, nach magischem Behandeln,

Der Weihrauchsnebel sich in Götter wandeln.

Faust
Und nun was jetzt?

Mephistopheles
 Dein Wesen strebe nieder;
Versinke stampfend, stampfend steigst du wieder.

'Faust
(stampft und versinkt);

Mephistopheles
Wenn ihm der Schlüssel nur zum besten frommt!

6305
Neugierig bin ich, ob er wiederkommt.
[78]
Hell erleuchtete Säle.
Kaiser und Fürsten. Hof in Bewegung
Kämmerer

(zu Mephestopheles).
Ihr seid uns noch die Geisterszene schuldig;
Macht Euch daran! der Herr ist ungeduldig.

Marschalk
Soeben fragt der Gnädigste darnach;
Ihr! zaudert nicht der Majestät zur Schmach.

Mephistopheles

6310
Ist mein Kumpan doch deshalb weggegangen;

Er weiß schon, wie es anzufangen,
Und laboriert verschlossen still,
Muß ganz besonders sich befleißen;
Denn wer den Schatz, das Schöne, heben will,

6315
Bedarf der höchsten Kunst, Magie der Weisen.


Marschalk
Was ihr für Künste braucht, ist einerlei:
Der Kaiser will, daß alles fertig sei.

Blondine
(zu Mephestopheles).
Ein Wort, mein Herr! Ihr seht ein klar Gesicht,
Jedoch so ist’s im leidigen Sommer nicht!

6320
Da sprossen hundert bräunlich rote Flecken,

Die zum Verdruß die weiße Haut bedecken.

Ein Mittel!
[79]
Mephistopheles

Schade! so ein leuchtend Schätzchen
Im Mai getupft wie eure Pantherkätzchen.

6325
Nehmt Froschlaich, Krötenzungen, kohobiert,

Im vollsten Mondlicht sorglich distilliert
Und, wenn er abnimmt, reinlich aufgestrichen,
Der Frühling kommt, die Tupfen sind entwichen.

Braune
Die Menge drängt heran, Euch zu umschranzen.

6330
Ich bitt’ um Mittel! Ein erfrorner Fuß

Verhindert mich am Wandeln wie am Tanzen,
Selbst ungeschickt beweg’ ich mich zum Gruß.

Mephistopheles
Erlaubet einen Tritt von meinem Fuß.

Braune
Nun, das geschieht wohl unter Liebesleuten.

Mephistopheles

6335
Mein Fußtritt, Kind! hat Größres zu bedeuten.

Zu Gleichem Gleiches, was auch einer litt;
Fuß heilet Fuß, so ist’s mit allen Gliedern.
Heran! Gebt acht! Ihr sollt es nicht erwidern.

Braune
Weh! Weh! das brennt! das war ein harter Tritt,

6340
Wie Pferdehuf.


Mephistopheles
 Die Heilung nehmt Ihr mit.
Du kannst nunmehr den Tanz nach Lust verüben,

Bei Tafel schwelgend füßle mit dem Lieben.
[80]
Dame

(Herandringend).
Laßt mich hindurch! Zu groß sind meine Schmerzen,
Sie wühlen siedend mir im tiefsten Herzen;

6345
Bis gestern sucht’ Er Heil in meinen Blicken,

Er schwatzt mit ihr und wendet mir den Rücken.

Mephistopheles
Bedenklich ist es, aber höre mich.
An ihn heran mußt du dich leise drüchen;
Nimm diese Kohle, streich ihm einen Strich

6350
Auf ärmel, Mantel, Schulter, wie sich’s macht;

Er fühlt im Herzen holden Reuestich.
Die Kohle doch mußt du sogleich verschlingen,
Nicht Wein, nicht Wasser an die Lippen bringen;
Er seufzt vor deiner Tür noch heute nacht.

Dame

6355
Ist doch kein Gift?


Mephistopheles
(entrüstet).
 Respekt, wo sich’s gebührt!
Weit müßtet Ihr nach solcher Kohle laufen;
Sie kommt von einem Scheiterhaufen,
Den wir sonst emsiger angeschürt.

Page
Ich bin verliebt, man hält mich nicht für voll.

Mephistopheles
(bei Seite).

6360
Ich weiß nicht mehr, wohin ich hören soll.
[81]
(Zum Pagen.)

Müßt Euer Glück nicht auf die Jüngste setzen.
Die Angejahrten wissen Euch zu schätzen.--
(Andere drängen herzu.)
Schon wieder Neue! Welch ein harter Strauß!
Ich helfe mir zuletzt mit Wahrheit aus;

6365
Der schlechteste Behelf! Die Not ist groß.--

O Mütter, Mütter! Laßt nur Fausten los!
(Umherschauend.)
Die Lichter brennen trübe schon im Saal,
Der ganze Hof bewegt sich auf einmal.
Anständig seh’ ich sie in Folge ziehn

6370
Durch lange Gänge, ferne Galerien.

Nun! sie versammeln sich im weiten Raum
Des alten Rittersaals, er faßt sie kaum.
Auf breite Wände Teppiche spendiert,
Mit Rüstung Eck’ und Nischen ausgeziert.

6375
Hier braucht es, dächt’ ich, keine Zauberworte;
Die Geister finden sich von selbst zum Orte.
[82]
Rittersaal
Dämmernde Beleuchtung.
Kaiser und Hof sind eingezogen.
Herold

Mein alt Geschäft, das Schauspiel anzukünden,
Verkümmert mir der Geister heimlich Walten;
Vergebens wagt man, aus verständigen Gründen

6380
Sich zu erklären das verworrene Schalten.

Die Sessel sind, die Stühle schon zur Hand;
Den Kaiser setzt man grade vor die Wand;
Auf den Tapeten mag er da die Schlachten
Der großen Zeit bequemlichstens betrachten.

6385
Hier sitzt nun alles, Herr und Hof im Runde,

Die Bänke drängen sich im Hintergrunde;
Auch Liebchen hat, in düstern Geisterstunden,
Zur Seite Liebchens lieblich Raum gefunden.
Und so, da alle schicklich Platz genommen,

6390
Sind wir bereit; die Geister mögen kommen!

(Posaunen)

Astrolog
Beginne gleich das Drama seinen Lauf,
Der Herr befiehlt’s, ihr Wände tut euch auf!
Nichts hindert mehr, hier ist Magie zur Hand:
Die Teppiche schwinden, wie gerollt vom Brand;

6395
Die Mauer spaltet sich, sie kehrt sich um,

Ein tief Theater scheint sich aufzustellen,
Geheimnisvoll ein Schein uns zu erhellen,

Und ich besteige das Proszenium.
[83]
Mephistopheles

(aus dem Soufleurloch auftauchend)
Von hier aus hoff’ ich allgemeine Gunst,

6400
Einbläsereien sind des Teufels Redekunst.

(Zum Astrologen.)
Du kennst den Takt, in dem die Sterne gehn,
Und wirst mein Flüstern meisterlich verstehn.

Astrolog
Durch Wunderkraft erscheint allhier zur Schau,
Massiv genug, ein alter Tempelbau.

6405
Dem Atlas gleich, der einst den Himmel trug,

Stehn reihenweis der Säulen hier genug;
Sie mögen wohl der Felsenlast genügen,
Da zweie schon ein groß Gebäude trügen.

Architekt
Das wär’ antik! Ich wüßt’ es nicht zu preisen,

6410
Es sollte plump und überlästig heißen.

Roh nennt man edel, unbehülflich groß.
Schmalpfeiler lieb’ ich, strebend, grenzenlos;
Spitzbögiger Zenit erhebt den Geist;
Solch ein Gebäu erbaut uns allermeist.

Astrolog

6415
Empfangt mit Ehrfurcht sterngegönnte Stunden;

Durch magisch Wort sei die Vernunft gebunden;
Dagegen weit heran bewege frei
Sich herrliche verwegne Phantasei.
Mit Augen schaut nun, was ihr kühn begehrt,

6420
Unmöglich ist’s, drum eben glaubenswert.
[84]
Faust

(steigt auf der Seite des Proceniums herauf).
Astrolog
Im Priesterkleid, bekränzt, ein Wundermann,
Der nun vollbringt, was er getrost begann.
Ein Dreifuß steigt mit ihm aus hohler Gruft,
Schon ahn’ ich aus der Schale Weihrauchduft.

6425
Er rüstet sich, das hohe Werk zu segnen;

Es kann fortan nur Glückliches begegnen.

Faust (großartig).
In eurem Namen, Mütter, die ihr thront
Im Grenzenlosen, ewig einsam wohnt,
Und doch gesellig. Euer Haupt umschweben

6430
Des Lebens Bilder, regsam, ohne Leben.

Was einmal war, in allem Glanz und Schein,
Es regt sich dort; denn es will ewig sein.
Und ihr verteilt es, allgewaltige Mächte,
Zum Zelt des Tages, zum Gewölb der Nächte.

6435
Die einen faßt des Lebens holder Lauf,

Die andern sucht der kühne Magier auf;
In reicher Spende läßt er, voll Vertrauen,
Was jeder wünscht, das Wunderwürdige schauen.

Astrolog
Der glühnde Schlüssel rührt die Schale kaum,

6440
Ein dunstiger Nebel deckt sogleich den Raum;

Er schleicht sich ein, er wogt nach Wolkenart,

Gedehnt, geballt, verschränkt, geteilt, gepaart.
[85]
Und nun erkennt ein Geister-Meisterstück!

So wie sie wandeln, machen sie Musik.

6445
Aus luft’gen Tönen quillt ein Weißnichtwie,

Indem sie ziehn, wird alles Melodie.
Der Säulenschaft, auch die Triglyphe klingt,
Ich glaube gar, der ganze Tempel singt.
Das Dunstige senkt sich; aus dem leichten Flor

6450
Ein schöner Jüngling tritt im Takt hervor.

Hier schweigt mein Amt, ich brauch’ ihn nicht zu nennen,
Wer sollte nicht den holden Paris kennen!

Dame
O! welch ein Glanz aufblühender Jugendkraft!

Zweite
Wie eine Pfirsche frisch und voller Saft!

Dritte

6455
Die fein gezognen, süß geschwollnen Lippen!


Vierte
Du möchtest wohl an solchem Becher nippen?

Fünfte
Er ist gar hübsch, wenn auch nicht eben fein.

Sechste
Ein bißchen könnt’ er doch gewandter sein.

Ritter
Den Schäferknecht glaub’ ich allhier zu spüren,

6460
Vom Prinzen nichts und nichts von Hofmanieren.


Andrer
Eh nun! halb nackt ist wohl der Junge schön,

Doch müßten wir ihn erst im Harnisch sehn!
[86]
Dame

Er setzt sich nieder, weichlich, angenehm.

Ritter
Auf seinem Schoße wär’ Euch wohl bequem?

Andre

6465
Er lehnt den Arm so zierlich übers Haupt.


Kämmerer
Die Flegelei! Das find’ ich unerlaubt!

Dame
Ihr Herren wißt an allem was zu mäkeln.

Derselbe
In Kaisers Gegenwart sich hinzuräkeln!

Dame
Er stellt’s nur vor! Er glaubt sich ganz allein.

Derselbe

6470
Das Schauspiel selbst, hier sollt’ es höflich sein.


Dame
Sanft hat der Schlaf den Holden übernommen.

Derselbe
Er schnarcht nun gleich; natürlich ist’s, vollkommen!

Junge Dame (entzückt)
Zum Weihrauchsdampf was duftet so gemischt,
Das mir das Herz zum innigsten erfrischt?

Ältere

6475
Fürwahr! Es dringt ein Hauch tief ins Gemüte,

Er kommt von ihm!

Älteste

 Es ist des Wachstums Blüte,
[87]
Im Jüngling als Ambrosia bereitet

Und atmosphärisch ringsumher verbreitet.

Helena

(hervortretend).

Mephistopheles
Das wär’ sie denn! Vor dieser hätt’ ich Ruh’;

6480
Hübsch ist sie wohl, doch sagt sie mir nicht zu.


Astrolog
Für mich ist diesmal weiter nichts zu tun,
Als Ehrenmann gesteh’, bekenn’ ich’s nun.
Die Schöne kommt, und hätt’ ich Feuerzungen!--
Von Schönheit ward von jeher viel gesungen--

6485
Wem sie erscheint, wird aus sich selbst entrückt,

Wem sie gehörte, ward zu hoch beglückt.

Faust
Hab’ ich noch Augen? Zeigt sich tief im Sinn
Der Schönheit Quelle reichlichstens ergossen?
Mein Schreckensgang bringt seligsten Gewinn.

6490
Wie war die Welt mir nichtig, unerschlossen!

Was ist sie nun seit meiner Priesterschaft?
Erst wünschenswert, gegründet, dauerhaft!
Verschwinde mir des Lebens Atemkraft,
Wenn ich mich je von dir zurückgewöhne!--

6495
Die Wohlgestalt, die mich voreinst entzückte,

In Zauberspiegelung beglückte,
War nur ein Schaumbild solcher Schöne!--
Du bist’s, der ich die Regung aller Kraft,
Den Inbegriff der Leidenschaft,

6500
Dir Neigung, Lieb’, Anbetung, Wahnsinn zolle.
[88]
Mephistopheles

(auf dem Kasten).
So faßt Euch doch und fallt nicht aus der Rolle!

Ältere Dame
Groß, wohlgestaltet, nur der Kopf zu klein.

Jüngere
Seht nur den Fuß! Wie könnt’ er plumper sein!

Diplomat
Fürstinnen hab’ ich dieser Art gesehn,

6505
Mich deucht, sie ist vom Kopf zum Fuße schön.


Hofmann
Sie nähert sich dem Schläfer listig mild.

Dame
Wie häßlich neben jugendreinem Bild!

Poet
Von ihrer Schönheit ist er angestrahlt.

Dame
Endymion und Luna! wie gemalt!

Derselbe

6510
Ganz recht! Die Göttin scheint herabzusinken,

Sie neigt sich über, seinen Hauch zu trinken;
Beneidenswert!--Ein Kuß!--Das Maß ist voll.

Duenna
Vor allen Leuten! Das ist doch zu toll!

Faust
Furchtbare Gunst dem Knaben!--

Mephistopheles
 Ruhig! still!

6515
Laß das Gespenst doch machen was es will.
[89]
Hofmann

Sie schleicht sich weg, leichtfüßig; er erwacht.

Dame
Sie sieht sich um! Das hab’ ich wohl gedacht.

Hofmann
Er staunt! Ein Wunder ist’s, was ihm geschieht.

Dame
Ihr ist kein Wunder, was sie vor sich sieht.

Hofmann

6520
Mit Anstand kehrt sie sich zu ihm herum.


Dame
Ich merke schon, sie nimmt ihn in die Lehre;
In solchem Fall sind alle Männer dumm,
Er glaubt wohl auch, daß er der erste wäre.

Ritter
Laßt mir sie gelten! Majestätisch fein!--

Dame

6525
Die Buhlerin! Das nenn’ ich doch gemein!


Page
Ich möchte wohl an seiner Stelle sein!

Hofmann
Wer würde nicht in solchem Netz gefangen?

Dame
Das Kleinod ist durch manche Hand gegangen,
Auch die Verguldung ziemlich abgebraucht.

Andre

6530
Vom zehnten Jahr an hat sie nichts getaugt.
[90]
Ritter

Gelegentlich nimmt jeder sich das Beste;
Ich hielte mich an diese schönen Reste.

Gelahrter
Ich seh’ sie deutlich, doch gesteh’ ich frei:
Zu zweiflen ist, ob sie die rechte sei.

6535
Die Gegenwart verführt ins übertriebne,

Ich halte mich vor allem ans Geschriebne.
Da les’ ich denn, sie habe wirklich allen
Graubärten Trojas sonderlich gefallen;
Und wie mich dünkt, vollkommen paßt das hier:

6540
Ich bin nicht jung, und doch gefällt sie mir.


Astrolog
Nicht Knabe mehr! Ein kühner Heldenmann,
Umfaßt er sie, die kaum sich wehren kann.
Gestärkten Arms hebt er sie hoch empor,
Entführt er sie wohl gar?

Faust
 Verwegner Tor!

6545
Du wagst! Du hörst nicht! halt! das ist zu viel!


Emphistopheles
Machst du’s doch selbst, das Fratzengeisterspiel!

Astrolog
Nur noch ein Wort! Nach allem, was geschah,

Nenn’ ich das Stück den Raub der Helena.
[91]
Faust

Was Raub! Bin ich für nichts an dieser Stelle!

6550
Ist dieser Schlüssel nicht in meiner Hand!

Er führte mich, durch Graus und Wog’ und Welle
Der Einsamkeiten, her zum festen Strand.
Hier fass’ ich Fuß! Hier sind es Wirklichkeiten,
Von hier aus darf der Geist mit Geistern streiten,

6555
Das Doppelreich, das große, sich bereiten.

So fern sie war, wie kann sie näher sein!
Ich rette sie, und sie ist doppelt mein.
Gewagt! Ihr Mütter! Mütter! müßt’s gewähren!
Wer sie erkannt, der darf sie nicht entbehren.

Astrolog

6560
Was tust du, Fauste! Fauste!--Mit Gewalt

Faßt er sie an, schon trübt sich die Gestalt.
Den Schlüssel kehrt er nach dem Jüngling zu,
Berührt ihn!--Weh uns, Wehe! Nu! im Nu!
(Explosion, Faust liegt am Boden.
Die Geister gehen in Dunst auf.)

Mephistopheles
Da habt ihr’s nun! mit Narren sich beladen,

6565
Das kommt zuletzt dem Teufel selbst zu Schaden.
(Finsternis, Tumult.)
[92]
Zweyter Act
Hochgewölbtes enges gotisches Zimmer, ehemals Faustens, unverändert
Mephistopheles

(hinter einem Vorhang hervortretend. Indem er ihn aufhebt und zurücksieht, erblickt man Fausten
hingestreckt auf eiem altväterlichen Bette).
Hier lieg, Unseliger! verführt
Zu schwergelöstem Liebesbande!
Wen Helena paralysiert,
Der kommt so leicht nicht zu Verstande.
(Sich umschauend)

6570
Blick’ ich hinauf, hierher, hinüber,

Allunverändert ist es, unversehrt;
Die bunten Scheiben sind, so dünkt mich, trüber,
Die Spinneweben haben sich vermehrt;
Die Tinte starrt, vergilbt ist das Papier;

6575
Doch alles ist am Platz geblieben;

Sogar die Feder liegt noch hier,

Mit welcher Faust dem Teufel sich verschrieben.
[93]
Ja! tiefer in dem Rohre stockt

Ein Tröpflein Blut, wie ich’s ihm abgelockt.

6580
Zu einem solchen einzigen Stück

Wünscht’ ich dem größten Sammler Glück.
Auch hängt der alte Pelz am alten Haken,
Erinnert mich an jene Schnaken,
Wie ich den Knaben einst belehrt,

6585
Woran er noch vielleicht als Jüngling zehrt.

Es kommt mir wahrlich das Gelüsten,
Rauchwarme Hülle, dir vereint
Mich als Dozent noch einmal zu erbrüsten,
Wie man so völlig recht zu haben meint.

6590
Gelehrte wissen’s zu erlangen,

Dem Teufel ist es längst vergangen.
(Er schüttelt den herabgenommenen Pelz, Cicaden, Käfer und Farfallen fahren heraus.)

Chor der Insekten
Willkommen! willkommen,
Du alter Patron!
Wir schweben und summen

6595
Und kennen dich schon.

Nur einzeln im stillen
Du hast uns gepflanzt;
Zu Tausenden kommen wir,
Vater, getanzt.

6600
Der Schalk in dem Busen

Verbirgt sich so sehr,
Vom Pelze die Läuschen

Enthüllen sich eh’r.
[94]

Mephistopheles
Wie überraschend mich die junge Schöpfung freut!

6605
Man säe nur, man erntet mit der Zeit.

Ich schüttle noch einmal den alten Flaus,
Noch eines flattert hier und dort hinaus.--
Hinauf! umher! in hunderttausend Ecken
Eilt euch, ihr Liebchen, zu verstecken.

6610
Dort, wo die alten Schachteln stehn,

Hier im bebräunten Pergamen,
In staubigen Scherben alter Töpfe,
Dem Hohlaug’ jener Totenköpfe.
In solchem Wust und Moderleben

6615
Muß es für ewig Grillen geben.

(Schlüpft in den Pelz.)
Komm, decke mir die Schultern noch einmal!
Heut bin ich wieder Prinzipal.
Doch hilft es nichts, mich so zu nennen;
Wo sind die Leute, die mich anerkennen?
(Er zieht die Glocke die einen gellenden, durchdringenden Ton
erschallen läßt, wovon die Hallen erbeben und die Thüren aufspringen.)

Famulus
(den langen finstern Gang herwankend).

6620
Welch ein Tönen! welch ein Schauer!

Treppe schwankt, es bebt die Mauer;
Durch der Fenster buntes Zittern
Seh’ ich wetterleuchtend Wittern.
Springt das Estrich, und von oben

6625
Rieselt Kalk und Schutt verschoben.
[95]
Und die Türe, fest verriegelt,

Ist durch Wunderkraft entsiegelt.--
Dort! Wie fürchterlich! Ein Riese
Steht in Faustens altem Vliese!

6630
Seinen Blicken, seinem Winken

Möcht’ ich in die Kniee sinken.
Soll ich fliehen? Soll ich stehn?
Ach, wie wird es mir ergehn!

Mephistopheles (winkend).
Heran, mein Freund!--Ihr heißet Nikodemus.

Famulus

6635
Hochwürdiger Herr! so ist mein Nam’--Oremus.


Mephistopheles
Das lassen wir!

Famulus
 Wie froh, daß Ihr mich kennt!

Mephistopheles
Ich weiß es wohl, bejahrt und noch Student,
Bemooster Herr! Auch ein gelehrter Mann
Studiert so fort, weil er nicht anders kann.

6640
So baut man sich ein mäßig Kartenhaus,

Der größte Geist baut’s doch nicht völlig aus.
Doch Euer Meister, das ist ein Beschlagner:
Wer kennt ihn nicht, den edlen Doktor Wagner,
Den Ersten jetzt in der gelehrten Welt!

6645
Er ist’s allein, der sie zusammenhält,

Der Weisheit täglicher Vermehrer.

Allwißbegierige Horcher, Hörer
[96]
Versammeln sich um ihn zuhauf.

Er leuchtet einzig vom Katheder;

6650
Die Schlüssel übt er wie Sankt Peter,

Das Untre so das Obre schließt er auf.
Wie er vor allen glüht und funkelt,
Kein Ruf, kein Ruhm hält weiter stand;
Selbst Faustus’ Name wird verdunkelt,

6655
Er ist es, der allein erfand.


Famulus
Verzeiht, hochwürdiger Herr! wenn ich Euch sage,
Wenn ich zu widersprechen wage:
Von allem dem ist nicht die Frage;
Bescheidenheit ist sein beschieden Teil.

6660
Ins unbegreifliche Verschwinden

Des hohen Manns weiß er sich nicht zu finden;
Von dessen Wiederkunft erfleht er Trost und Heil.
Das Zimmer, wie zu Doktor Faustus’ Tagen,
Noch unberührt seitdem er fern,

6665
Erwartet seinen alten Herrn.

Kaum wag’ ich’s, mich hereinzuwagen.
Was muß die Sternenstunde sein?--
Gemäuer scheint mir zu erbangen;
Türpfosten bebten, Riegel sprangen,

6670
Sonst kamt Ihr selber nicht herein.


Mephistopheles
Wo hat der Mann sich hingetan?

Führt mich zu ihm, bringt ihn heran!
[97]
Famulus

Ach! sein Verbot ist gar zu scharf,
Ich weiß nicht, ob ich’s wagen darf.

6675
Monatelang, des großen Werkes willen,

Lebt’ er im allerstillsten Stillen.
Der zarteste gelehrter Männer,
Er sieht aus wie ein Kohlenbrenner,
Geschwärzt vom Ohre bis zur Nasen,

6680
Die Augen rot vom Feuerblasen,

So lechzt er jedem Augenblick;
Geklirr der Zange gibt Musik.

Mephistopheles
Sollt’ er den Zutritt mir verneinen?
Ich bin der Mann, das Glück ihm zu beschleunen.
(der Famulus geht ab, Mephistopheles setz sich gravitätisch nieder.)

6685
Kaum hab’ ich Posto hier gefaßt,

Regt sich dort hinten, mir bekannt, ein Gast.
Doch diesmal ist er von den Neusten,
Er wird sich grenzenlos erdreusten.

Baccalaureus
(Der Gang her stürmend).
     Tor und Türe find’ ich offen!

6690
     Nun, da läßt sich endlich hoffen,

     Daß nicht, wie bisher, im Moder
     Der Lebendige wie ein Toter
     Sich verkümmere, sich verderbe

     Und am Leben selber sterbe.
[98]
6695
Diese Mauern, diese Wände

Neigen, senken sich zum Ende,
Und wenn wir nicht bald entweichen,
Wird uns Fall und Sturz erreichen.
Bin verwegen, wie nicht einer,

6700
Aber weiter bringt mich keiner.


Doch was soll ich heut erfahren!
War’s nicht hier, vor so viel Jahren,
Wo ich, ängstlich und beklommen,
War als guter Fuchs gekommen?

6705
Wo ich diesen Bärtigen traute,

Mich an ihrem Schnack erbaute?

Aus den alten Bücherkrusten
Logen sie mir, was sie wußten,
Was sie wußten, selbst nicht glaubten,

6710
Sich und mir das Leben raubten.

Wie?--Dort hinten in der Zelle
Sitzt noch einer dunkel-helle!

Nahend seh’ ich’s mit Erstaunen,
Sitzt er noch im Pelz, dem braunen,

6715
Wahrlich, wie ich ihn verließ,

Noch gehüllt im rauhen Vlies!
Damals schien er zwar gewandt,
Als ich ihn noch nicht verstand.
Heute wird es nichts verfangen,

6720
Frisch an ihn herangegangen!
[99]
Wenn, alter Herr, nicht Lethes trübe Fluten

Das schiefgesenkte, kahle Haupt durchschwommen,
Seht anerkennend hier den Schüler kommen,
Entwachsen akademischen Ruten.

6725
Ich find’ Euch noch, wie ich Euch sah;

Ein anderer bin ich wieder da.

Mephistopheles
Mich freut, daß ich Euch hergeläutet.
Ich schätzt’ Euch damals nicht gering;
Die Raupe schon, die Chrysalide deutet

6730
Den künftigen bunten Schmetterling.

Am Lockenkopf und Spitzenkragen
Empfandet Ihr ein kindliches Behagen.--
Ihr trugt wohl niemals einen Zopf?--
Heut schau’ ich Euch im Schwedenkopf.

6735
Ganz resolut und wacker seht Ihr aus;

Kommt nur nicht absolut nach Haus.

Baccalaureus
Mein alter Herr! Wir sind am alten Orte;
Bedenkt jedoch erneuter Zeiten Lauf
Und sparet doppelsinnige Worte;

6740
Wir passen nun ganz anders auf.

Ihr hänseltet den guten treuen Jungen;
Das ist Euch ohne Kunst gelungen,
Was heutzutage niemand wagt.

Mephistopheles
Wenn man der Jugend reine Wahrheit sagt,

6745
Die gelben Schnäbeln keineswegs behagt,
[100]
Sie aber hinterdrein nach Jahren

Das alles derb an eigner Haut erfahren,
Dann dünkeln sie, es käm’ aus eignem Schopf;
Da heißt es denn: der Meister war ein Tropf.

Baccalaureus

6750
Ein Schelm vielleicht!--denn welcher Lehrer spricht

Die Wahrheit uns direkt ins Angesicht?
Ein jeder weiß zu mehren wie zu mindern,
Bald ernst, bald heiter klug zu frommen Kindern.

Mephistopheles
Zum Lernen gibt es freilich eine Zeit;

6755
Zum Lehren seid Ihr, merk’ ich, selbst bereit.

Seit manchen Monden, einigen Sonnen
Erfahrungsfülle habt Ihr wohl gewonnen.

Baccalaureus
Erfahrungswesen! Schaum und Dust!
Und mit dem Geist nicht ebenbürtig.

6760
Gesteht! was man von je gewußt,

Es ist durchaus nicht wissenswürdig.

Mephistopheles
Mich deucht es längst. Ich war ein Tor,
Nun komm’ ich mir recht schal und albern vor.

Baccalaureus
Das freut mich sehr! Da hör’ ich doch Verstand;

6765
Der erste Greis, den ich vernünftig fand!


Mephistopheles
Ich suchte nach verborgen-goldnem Schatze,

Und schauerliche Kohlen trug ich fort.
[101]
Baccalaureus

Gesteht nur, Euer Schädel, Eure Glatze
Ist nicht mehr wert als jene hohlen dort?

Mephistopheles

6770
Du weißt wohl nicht, mein Freund, wie grob du bist?


Baccalaureus
Im Deutschen lügt man, wenn man höflich ist.

Mephistopheles
(Der mit seine Rollstuhle immer näher in Procenuim rückt, zu Paterre).
Hier oben wird mir Licht und Luft benommen;
Ich finde wohl bei euch ein Unterkommen?

Baccalaureus
Anmaßlich find’ ich, daß zur schlechtsten Frist

6775
Man etwas sein will, wo man nichts mehr ist.

Des Menschen Leben lebt im Blut, und wo
Bewegt das Blut sich wie im Jüngling so?
Das ist lebendig Blut in frischer Kraft,
Das neues Leben sich aus Leben schafft.

6780
Da regt sich alles, da wird was getan,

Das Schwache fällt, das Tüchtige tritt heran.
Indessen wir die halbe Welt gewonnen,
Was habt Ihr denn getan? genickt, gesonnen,
Geträumt, erwogen, Plan und immer Plan.

6785
Gewiß! das Alter ist ein kaltes Fieber

Im Frost von grillenhafter Not.
Hat einer dreißig Jahr vorüber,
So ist er schon so gut wie tot.

Am besten wär’s, euch zeitig totzuschlagen.
[102]
Mephistopheles
6790
Der Teufel hat hier weiter nichts zu sagen.


Baccalaureus
Wenn ich nicht will, so darf kein Teufel sein.

Mephistopheles (abseits)
Der Teufel stellt dir nächstens doch ein Bein.

Baccalaureus
Dies ist der Jugend edelster Beruf!
Die Welt, sie war nicht, eh’ ich sie erschuf;

6795
Die Sonne führt’ ich aus dem Meer herauf;

Mit mir begann der Mond des Wechsels Lauf;
Da schmückte sich der Tag auf meinen Wegen,
Die Erde grünte, blühte mir entgegen.
Auf meinen Wink, in jener ersten Nacht,

6800
Entfaltete sich aller Sterne Pracht.

Wer, außer mir, entband euch aller Schranken
Philisterhaft einklemmender Gedanken?
Ich aber frei, wie mir’s im Geiste spricht,
Verfolge froh mein innerliches Licht,

6805
Und wandle rasch, im eigensten Entzücken,

Das Helle vor mir, Finsternis im Rücken.
(Ab.)

Mephistopheles
Original, fahr hin in deiner Pracht!--
Wie würde dich die Einsicht kränken:
Wer kann was Dummes, wer was Kluges denken,

6810
Das nicht die Vorwelt schon gedacht?--
[103]
Doch sind wir auch mit diesem nicht gefährdet,

In wenig Jahren wird es anders sein:
Wenn sich der Most auch ganz absurd gebärdet,
Es gibt zuletzt doch noch e’ Wein.
(Zu dem jüngern Paterre das nich applaudiert.)

6815
[Ihr bleibt bei meinem Worte kalt,

[Euch guten Kindern laß ich’s gehen;
Bedenkt: der Teufel, der ist alt,

So werdet alt, ihn zu verstehen!
Laboratorium
im Sinne des Mittelalters, weitläufige, unbehülfliche Apparate,
zu phantastischen Zwecken
Wagner (am Herde)

Die Glocke tönt, die fürchterliche,

6820
Durchschauert die berußten Mauern.

Nicht länger kann das Ungewisse
Der ernstesten Erwartung dauern.
Schon hellen sich die Finsternisse;
Schon in der innersten Phiole

6825
Erglüht es wie lebendige Kohle,

Ja wie der herrlichste Karfunkel,
Verstrahlend Blitze durch das Dunkel.
Ein helles weißes Licht erscheint!
O daß ich’s diesmal nicht verliere!--

6830
Ach Gott! was rasselt an der Türe?
[104]
Mephistopheles

Willkommen! es ist gut gemeint. (eintratend).

Wagner (ängstlich).
Willkommen zu dem Stern der Stunde!
(leise)
Doch haltet Wort und Atem fest im Munde,
Ein herrlich Werk ist gleich zustand gebracht.

Mephistopheles (leiser).

6835
Was gibt es denn?


Wagner (leiser).
 Es wird ein Mensch gemacht.

Mephistopheles
Ein Mensch? Und welch verliebtes Paar
Habt ihr ins Rauchloch eingeschlossen?

Wagner
Behüte Gott! wie sonst das Zeugen Mode war,
Erklären wir für eitel Possen.

6840
Der zarte Punkt, aus dem das Leben sprang,

Die holde Kraft, die aus dem Innern drang
Und nahm und gab, bestimmt sich selbst zu zeichnen,
Erst Nächstes, dann sich Fremdes anzueignen,
Die ist von ihrer Würde nun entsetzt;

6845
Wenn sich das Tier noch weiter dran ergetzt,

So muß der Mensch mit seinen großen Gaben
Doch künftig höhern, höhern Ursprung haben.
(Zum Herd gewendet).
Es leuchtet! seht!--Nun läßt sich wirklich hoffen,

Daß, wenn wir aus viel hundert Stoffen
[105]
6850
Durch Mischung--denn auf Mischung kommt es an--

Den Menschenstoff gemächlich komponieren,
In einen Kolben verlutieren
Und ihn gehörig kohobieren,
So ist das Werk im stillen abgetan.
(Wieder zu Herd.)

6855
Es wird! die Masse regt sich klarer!

Die überzeugung wahrer, wahrer:
Was man an der Natur Geheimnisvolles pries,
Das wagen wir verständig zu probieren,
Und was sie sonst organisieren ließ,

6860
Das lassen wir kristallisieren.


Mephistopheles
Wer lange lebt, hat viel erfahren,
Nichts Neues kann für ihn auf dieser Welt geschehn.
Ich habe schon in meinen Wanderjahren
Kristallisiertes Menschenvolk gesehn.

Wagner
(bisher immer aufmerksam auf die Phiole).

6865
Es steigt, es blitzt, es häuft sich an,

Im Augenblick ist es getan.
Ein großer Vorsatz scheint im Anfang toll;
Doch wollen wir des Zufalls künftig lachen,
Und so ein Hirn, das trefflich denken soll,

6870
Wird künftig auch ein Denker machen.
(Entzückt die Phiole betrachtend.)
[106]
Das Glas erklingt von lieblicher Gewalt,

Es trübt, es klärt sich; also muß es werden!
Ich seh’ in zierlicher Gestalt
Ein artig Männlein sich gebärden.

6875
Was wollen wir, was will die Welt nun mehr?

Denn das Geheimnis liegt am Tage.
Gebt diesem Laute nur Gehör,
Er wird zur Stimme, wird zur Sprache.

Homunculus
(in der Philole zu Wagner)
Nun Väterchen! wie steht’s? es war kein Scherz.

6880
Komm, drücke mich recht zärtlich an dein Herz!

Doch nicht zu fest, damit das Glas nicht springe.
Das ist die Eigenschaft der Dinge:
Natürlichem genügt das Weltall kaum,
Was künstlich ist, verlangt geschloßnen Raum.
(Zu Mephistopheles.

6885
Du aber, Schalk, Herr Vetter, bist du hier

Im rechten Augenblick? ich danke dir.
Ein gut Geschick führt dich zu uns herein;
Dieweil ich bin, muß ich auch tätig sein.
Ich möchte mich sogleich zur Arbeit schürzen.

6890
Du bist gewandt, die Wege mir zu kürzen.


Wagner
Nur noch ein Wort! Bisher mußt’ ich mich schämen,
Denn alt und jung bestürmt mich mit Problemen.
Zum Beispiel nur: noch niemand konnt’ es fassen,

Wie Seel’ und Leib so schön zusammenpassen,
[107]
6895
So fest sich halten, als um nie zu scheiden,

Und doch den Tag sich immerfort verleiden.
Sodann--

Mephistopheles
 Halt ein! ich wollte lieber fragen:
Warum sich Mann und Frau so schlecht vertragen?
Du kommst, mein Freund, hierüber nie ins reine.

6900
Hier gibt’s zu tun, das eben will der Kleine.


Homunculus
Was gibt’s zu tun?

Mephistopheles
(Auf eine Seitenthüre deutend).
 Hier zeige deine Gabe!

Wagner
(Immer in die Phiole schauend).
Fürwahr, du bist ein allerliebster Knabe!
(Die Seintenthee öffnet sich, man sieht Faust auf dem Lager hingestrckt.)

Homunculus
Bedeutend!--
(Die Phiole entschlüpft Wagners Händen, schwebt zu Faust und beleuchtet ihn)
Schön umgeben!--Klar Gewässer
Im dichten Haine! Fraun, die sich entkleiden,

6905
Die allerliebsten!--Das wird immer besser.
Doch eine läßt sich glänzend unterscheiden,
[108]
Aus höchstem Helden-, wohl aus Götterstamme.

Sie setzt den Fuß in das durchsichtige Helle;
Des edlen Körpers holde Lebensflamme

6910
Kühlt sich im schmiegsamen Kristall der Welle.--

Doch welch Getöse rasch bewegter Flügel,
Welch Sausen, Plätschern wühlt im glatten Spiegel?
Die Mädchen fliehn verschüchtert; doch allein
Die Königin, sie blickt gelassen drein

6915
Und sieht mit stolzem weiblichem Vergnügen

Der Schwäne Fürsten ihrem Knie sich schmiegen,
Zudringlich-zahm. Er scheint sich zu gewöhnen.--
Auf einmal aber steigt ein Dunst empor
Und deckt mit dichtgewebtem Flor

6920
Die lieblichste von allen Szenen.


Mephistopheles
Was du nicht alles zu erzählen hast!
So klein du bist, so groß bist du Phantast.
Ich sehe nichts--

Homunculus
 Das glaub’ ich. Du aus Norden,
Im Nebelalter jung geworden,

6925
Im Wust von Rittertum und Pfäfferei,

Wo wäre da dein Auge frei!
Im Düstern bist du nur zu Hause.
(Umherschauend.)
Verbräunt Gestein, bemodert, widrig,
Spitzbögig, schnörkelhaftest, niedrig!--

6930
Erwacht uns dieser, gibt es neue Not,
Er bleibt gleich auf der Stelle tot.
[109]
Waldquellen, Schwäne, nackte Schönen,

Das war sein ahnungsvoller Traum;
Wie wollt’ er sich hierher gewöhnen!

6935
Ich, der Bequemste, duld’ es kaum.

Nun fort mit ihm!

Mephistopheles
 Der Ausweg soll mich freuen.

Homunculus
Befiehl den Krieger in die Schlacht,
Das Mädchen führe du zum Reihen,
So ist gleich alles abgemacht.

6940
Jetzt eben, wie ich schnell bedacht,

Ist klassische Walpurgisnacht;
Das Beste, was begegnen könnte.
Bringt ihn zu seinem Elemente!

Mephistopheles
Dergleichen hab’ ich nie vernommen.

Homunculus

6945
Wie wollt’ es auch zu euren Ohren kommen?

Romantische Gespenster kennt ihr nur allein;
Ein echt Gespenst, auch klassisch hat’s zu sein.

Mephistopheles
Wohin denn aber soll die Fahrt sich regen?
Mich widern schon antikische Kollegen.

Homunculus

6950
Nordwestlich, Satan, ist dein Lustrevier,
Südöstlich diesmal aber segeln wir--
[110]
An großer Fläche fließt Peneios frei,

Umbuscht, umbaumt, in still--und feuchten Buchten;
Die Ebne dehnt sich zu der Berge Schluchten,

6955
Und oben liegt Pharsalus, alt und neu.


Mephistopheles
O weh! hinweg! und laßt mir jene Streite
Von Tyrannei und Sklaverei beiseite.
Mich langeweilt’s; denn kaum ist’s abgetan,
So fangen sie von vorne wieder an;

6960
Und keiner merkt: er ist doch nur geneckt

Vom Asmodeus, der dahinter steckt.
Sie streiten sich, so heißt’s, um Freiheitsrechte;
Genau besehn, sind’s Knechte gegen Knechte.

Homunculus
Den Menschen laß ihr widerspenstig Wesen,

6965
Ein jeder muß sich wehren, wie er kann,

Vom Knaben auf, so wird’s zuletzt ein Mann.
Hier fragt sich’s nur, wie dieser kann genesen.
Hast du ein Mittel, so erprob’ es hier,
Vermagst du’s nicht, so überlaß es mir.

Mephistopheles

6970
Manch Brockenstückchen wäre durchzuproben,

Doch Heidenriegel find’ ich vorgeschoben.
Das Griechenvolk, es taugte nie recht viel!
Doch blendet’s euch mit freiem Sinnenspiel,
Verlockt des Menschen Brust zu heitern Sünden;

6975
Die unsern wird man immer düster finden.
Und nun, was soll’s?
[111]
Homunculus

 Du bist ja sonst nicht blöde;
Und wenn ich von thessalischen Hexen rede,
So denk’ ich, hab’ ich was gesagt.

Mephistopheles (lüstern).
Thessalische Hexen! Wohl! das sind Personen,

6980
Nach denen hab’ ich lang’ gefragt.

Mit ihnen Nacht für Nacht zu wohnen,
Ich glaube nicht, daß es behagt;
Doch zum Besuch, Versuch--

Homunculus
 Den Mantel her,
Und um den Ritter umgeschlagen!

6985
Der Lappen wird euch, wie bisher,

Den einen mit dem andern tragen;
Ich leuchte vor.

Wagner (Ängstlich).
 Und ich?

Homunculus
 Eh nun,
Du bleibst zu Hause, Wichtigstes zu tun.
Entfalte du die alten Pergamente,

6990
Nach Vorschrift sammle Lebenselemente

Und füge sie mit Vorsicht eins ans andre.
Das Was bedenke, mehr bedenke Wie.
Indessen ich ein Stückchen Welt durchwandre,

Entdeck’ ich wohl das Tüpfchen auf das i.
[112]
6995
Dann ist der große Zweck erreicht;

Solch einen Lohn verdient ein solches Streben:
Gold, Ehre, Ruhm, gesundes langes Leben,
Und Wissenschaft und Tugend--auch vielleicht.
Leb wohl!

Wagner (betrübt).
 Leb wohl! Das drückt das Herz mir nieder.

7000
Ich fürchte schon, ich seh’ dich niemals wieder.


Mephistopheles
Nun zum Peneios frisch hinab!
Herr Vetter ist nicht zu verachten.
(Ad Spectatores.)
Am Ende hängen wir doch ab

Von Kreaturen, die wir machten.


Klassische Walpurgisnacht
Pharsalische Felder
Finsternis
Erichtho
7005
Zum Schauderfeste dieser Nacht, wie öfter schon,

Tret’ ich einher, Erichtho, ich, die düstere;
Nicht so abscheulich, wie die leidigen Dichter mich
Im übermaß verlästern... Endigen sie doch nie

In Lob und Tadel... überbleicht erscheint mir schon
[113]
7010
Von grauer Zelten Woge weit das Tal dahin,

Als Nachgesicht der sorg- und grauenvollsten Nacht.
Wie oft schon wiederholt’ sich’s! wird sich immerfort
Ins Ewige wiederholen... Keiner gönnt das Reich
Dem andern; dem gönnt’s keiner, der’s mit Kraft erwarb

7015
Und kräftig herrscht. Denn jeder, der sein innres Selbst

Nicht zu regieren weiß, regierte gar zu gern
Des Nachbars Willen, eignem stolzem Sinn gemäß...
Hier aber ward ein großes Beispiel durchgekämpft:
Wie sich Gewalt Gewaltigerem entgegenstellt,

7020
Der Freiheit holder, tausendblumiger Kranz zerreißt,

Der starre Lorbeer sich ums Haupt des Herrschers biegt.
Hier träumte Magnus früher Größe Blütentag,
Dem schwanken Zünglein lauschend wachte Cäsar dort!
Das wird sich messen. Weiß die Welt doch, wem’s gelang.

7025
Wachfeuer glühen, rote Flammen spendende,

Der Boden haucht vergoßnen Blutes Widerschein,
Und angelockt von seltnem Wunderglanz der Nacht,
Versammelt sich hellenischer Sage Legion.
Um alle Feuer schwankt unsicher oder sitzt

7030
Behaglich alter Tage fabelhaft Gebild...

Der Mond, zwar unvollkommen, aber leuchtend hell,
Erhebt sich, milden Glanz verbreitend überall;
Der Zelten Trug verschwindet, Feuer brennen blau.

Doch über mir! welch unerwartet Meteor?

7035
Es leuchtet und beleuchtet körperlichen Ball.
Ich wittre Leben. Da geziemen will mir’s nicht,
[114]
Lebendigem zu nahen, dem ich schädlich bin;

Das bringt mir bösen Ruf und frommt mir nicht.
Schon sinkt es nieder. Weich’ ich aus mit Wohlbedacht!
(Entfernt sich.)
(Die Luftfahrer oben.)

Homunculus

7040
Schwebe noch einmal die Runde

über Flamm- und Schaudergrauen;
Ist es doch in Tal und Grunde
Gar gespenstisch anzuschauen.

Mephistopheles
Seh’ ich, wie durchs alte Fenster

7045
In des Nordens Wust und Graus,

Ganz abscheuliche Gespenster,
Bin ich hier wie dort zu Haus.

Homunculus
Sieh! da schreitet eine Lange
Weiten Schrittes vor uns hin.

Mephistopheles

7050
Ist es doch, als wär’ ihr bange;

Sah uns durch die Lüfte ziehn.

Homunculus
Laß sie schreiten! setz ihn nieder,
Deinen Ritter, und sogleich
Kehret ihm das Leben wieder,

7055
Denn er sucht’s im Fabelreich.


Faust

Wo ist sie?--
[115]
Homunculus

 Wüßten’s nicht zu sagen,
Doch hier wahrscheinlich zu erfragen.
In Eile magst du, eh’ es tagt,
Von Flamm’ zu Flamme spürend gehen:

7060
Wer zu den Müttern sich gewagt,

Hat weiter nichts zu überstehen.

Mephistopheles
Auch ich bin hier an meinem Teil;
Doch wüßt’ ich Besseres nicht zu unserm Heil,
Als: jeder möge durch die Feuer

7065
Versuchen sich sein eigen Abenteuer.

Dann, um uns wieder zu vereinen,
Laß deine Leuchte, Kleiner, tönend scheinen.

Homunculus
So soll es blitzen, soll es klingen.
Nun frisch zu neuen Wunderdingen!

Faust (aullein)

7070
Wo ist sie?--Frage jetzt nicht weiter nach...

Wär’s nicht die Scholle, die sie trug,
Die Welle nicht, die ihr entgegenschlug,
So ist’s die Luft, die ihre Sprache sprach.
Hier! durch ein Wunder, hier in Griechenland!

7075
Ich fühlte gleich den Boden, wo ich stand;

Wie mich, den Schläfer, frisch ein Geist durchglühte,&lt;br />

So steh’ ich, ein Antäus an Gemüte.
[116]
Und find’ ich hier das Seltsamste beisammen,

Durchforsch’ ich ernst dies Labyrinth der Flammen.
(Entfernt sich.)

Mephistopheles (umherspürend).

7080
Und wie ich diese Feuerchen durchschweife,

So find’ ich mich doch ganz und gar entfremdet,
Fast alles nackt, nur hie und da behemdet:
Die Sphinxe schamlos, unverschämt die Greife,
Und was nicht alles, lockig und beflügelt,

7085
Von vorn und hinten sich im Auge spiegelt...

Zwar sind auch wir von Herzen unanständig,
Doch das Antike find’ ich zu lebendig;
Das müßte man mit neustem Sinn bemeistern
Und mannigfaltig modisch überkleistern...

7090
Ein widrig Volk! Doch darf mich’s nicht verdrießen,

Als neuer Gast anständig sie zu grüßen...
Glüchzu den schönen Fraun, den klugen Greisen!

Greif (schnarrend).
Nicht Greisen! Greifen!--Niemand hört es gern,
Daß man ihn Greis nennt. Jedem Worte klingt

7095
Der Ursprung nach, wo es sich her bedingt:

Grau, grämlich, griesgram, greulich, Gräber, grimmig,
Etymologisch gleicherweise stimmig,
Verstimmen uns.

Mephistopheles
 Und doch, nicht abzuschweifen,

Gefäallt das Grei im Ehrentitel Greifen.
[117]
Greif
7100
Natürlich! Die Verwandtschaft ist erprobt,

Zwar oft gescholten, mehr jedoch gelobt;
Man greife nun nach Mädchen, Kronen, Gold,
Dem Greifenden ist meist Fortuna hold.

Ameisen
(von der kolossallen Art).
Ihr sprecht von Gold, wir hatten viel gesammelt,

7105
In Fels- und Höhlen heimlich eingerammelt;

Das Arimaspen-Volk hat’s ausgespürt,
Sie lachen dort, wie weit sie’s weggeführt.

Greife
Wir wollen sie schon zum Geständnis bringen.

Arimaspen
Nur nicht zur freien Jubelnacht.

7110
Bis morgen ist’s alles durchgebracht,

Es wird uns diesmal wohl gelingen.

Mephistopheles
Wie leicht und gern ich mich hierher gewöhne,
Denn ich verstehe Mann für Mann.

Sphinx
Wir hauchen unsre Geistertöne,

7115
Und ihr verkörpert sie alsdann.

Jetzt nenne dich, bis wir dich weiter kennen.

Mephistopheles
(hat sich zwischen die Sphynxe gesetzt).
Mit vielen Namen glaubt man mich zu nennen--

Sind Briten hier? Sie reisen sonst so viel,
[118]
Schlachtfeldern nachzuspüren, Wasserfällen,
7120
Gestürzten Mauern, klassisch dumpfen Stellen;

Das wäre hier für sie ein würdig Ziel.
Sie zeugten auch: Im alten Bühnenspiel
Sah man mich dort als old Iniquity.

Spinx
Wie kam man drauf?

Mephistopheles
 Ich weiß es selbst nicht wie.

Spinx

7125
Mag sein! Hast du von Sternen einige Kunde?

Was sagst du zu der gegenwärt’gen Stunde?

Mephistopheles (aufschauend).
Stern schießt nach Stern, beschnittner Mond scheint helle,
Und mir ist wohl an dieser trauten Stelle,
Ich wärme mich an deinem Löwenfelle.

7130
Hinauf sich zu versteigen, wär’ zum Schaden;

Gib Rätsel auf, gib allenfalls Scharaden.

Spinx
Sprich nur dich selbst aus, wird schon Rätsel sein.
Versuch einmal, dich innigst aufzulösen:
"Dem frommen Manne nötig wie dem bösen,

7135
Dem ein Plastron, aszetisch zu rapieren,

Kumpan dem andern, Tolles zu vollführen,
Und beides nur, um Zeus zu amüsieren."

Erster Greif (schnarrend).

Den mag ich nicht!
[119]
Zweiter Greif (stärker schnarrend).

 Was will uns der?

Beide
Der Garstige gehöret nicht hierher!

Mephistopheles (brutal).

7140
Du glaubst vielleicht, des Gastes Nägel krauen

Nicht auch so gut wie deine scharfen Klauen?
Versuch’s einmal!

Spinx (milde).
 Du magst nur immer bleiben,
Wird dich’s doch selbst aus unsrer Mitte treiben;
In deinem Lande tust dir was zugute,

7145
Doch, irr’ ich nicht, hier ist dir schlecht zumute.


Mephistopheles
Du bist recht appetitlich oben anzuschauen,
Doch unten hin die Bestie macht mir Grauen.

Spinx (päludiren oben)
Du Falscher kommst zu deiner bittern Buße,
Denn unsre Tatzen sind gesund;

7150
Dir mit verschrumpftem Pferdefuße

Behagt es nicht in unserem Bund.

Mephistopheles
Wer sind die Vögel, in den ästen
Des Pappelstromes hingewiegt?

Spinx
Gewahrt euch nur! Die Allerbesten

7155
Hat solch ein Singsang schon besiegt.
[120]
Sirenen

     Ach was wollt ihr euch verwöhnen
     In dem Häßlich-Wunderbaren!
     Horcht, wir kommen hier zu Scharen
     Und in wohlgestimmten Tönen;

7160
     So geziemet es Sirenen.


Spinxe
(sie verspottend in der selben Melodie)
     Nötigt sie, herabzusteigen!
     Sie verbergen in den Zweigen
     Ihre garstigen Habichtskrallen,
     Euch verderblich anzufallen,

7165
     Wenn ihr euer Ohr verleiht.


Sirenen
     Weg das Hassen! weg das Neiden!
     Sammeln wir die klarsten Freuden,
     Unterm Himmel ausgestreut!
     Auf dem Wasser, auf der Erde

7170
     Sei’s die heiterste Gebärde,

     Die man dem Willkommnen beut.

Mephistopheles
Das sind die saubern Neuigkeiten,
Wo aus der Kehle, von den Saiten
Ein Ton sich um den andern flicht.

7175
Das Trallern ist bei mir verloren:

Es krabbelt wohl mir um die Ohren,

Allein zum Herzen dringt es nicht.
[121]
Spinxe

Sprich nicht vom Herzen! das ist eitel;
Ein lederner verschrumpfter Beutel,

7180
Das paßt dir eher zu Gesicht.


Faust (heran tretend)
Wie wunderbar! das Anschaun tut mir Gnüge,
Im Widerwärtigen große, tüchtige Züge.
Ich ahne schon ein günstiges Geschick;
Wohin versetzt mich dieser ernste Blick?
(Auf die Sirenen herunter)

7185
Vor solchen hat einst ödipus gestanden;

(Auf die Sirenen deutend)
Vor solchen krümmte sich Ulyß in hänfnen Banden;
(Auf die Ameisen deutend)
Von solchen ward der höchste Schatz gespart,
(Auf die Greife deutend)
Von diesen treu und ohne Fehl bewahrt.
Vom frischen Geiste fühl’ ich mich durchdrungen;

7190
Gestalten groß, groß die Erinnerungen.


Mephistopheles
Sonst hättest du dergleichen weggeflucht,
Doch jetzo scheint es dir zu frommen;
Denn wo man die Geliebte sucht,
Sind Ungeheuer selbst willkommen.

Faust (Zu den Spynxen)

7195
Ihr Frauenbilder müßt mir Rede stehn:
Hat eins der Euren Helena gesehn?
[122]
Sphinxe

Wir reichen nicht hinauf zu ihren Tagen,
Die letztesten hat Herkules erschlagen.
Von Chiron könntest du’s erfragen;

7200
Der sprengt herum in dieser Geisternacht;

Wenn er dir steht, so hast du’s weit gebracht.

Sirenen
     Sollte dir’s doch auch nicht fehlen!...
     Wie Ulyß bei uns verweilte,
     Schmähend nicht vorübereilte,

7205
     Wußt’ er vieles zu erzählen;

     Würden alles dir vertrauen,
     Wolltest du zu unsern Gauen
     Dich ans grüne Meer verfügen.

Sphinx
Laß dich, Elder, nicht betrügen.

7210
Statt daß Ulyß sich binden ließ,

Laß unsern guten Rat dich binden;
Kannst du den hohen Chiron finden,
Erfährst du, was ich dir verhieß.

Faust (entfernt sich)
Mephistopheles (verdrießlich)
Was krächzt vorbei mit Flügelschlag?

7215
So schnell, daß man’s nicht sehen mag,

Und immer eins dem andern nach,
Den Jäger würden sie ermüden.

Sphinx
Dem Sturm des Winterwinds vergleichbar,

Alcides’ Pfeilen kaum erreichbar;
[123]
7220
Es sind die raschen Stymphaliden,

Und wohlgemeint ihr Krächzegruß,
Mit Geierschnabel und Gänsefuß.
Sie möchten gern in unsern Kreisen
Als Stammverwandte sich erweisen.

Mephistopheles
(Wie verschüchtert)

7225
Noch andres Zeug zischt zwischen drein.


Sphinx
Vor diesen sei Euch ja nicht bange!
Es sind die Köpfe der lernäischen Schlange,
Vom Rumpf getrennt, und glauben was zu sein.
Doch sagt, was soll nur aus Euch werden?

7230
Was für unruhige Gebärden?

Wo wollt Ihr hin? Begebt Euch fort!...
Ich sehe, jener Chorus dort
Macht Euch zum Wendehals. Bezwingt Euch nicht,
Geht hin! begrüßt manch reizendes Gesicht!

7235
Die Lamien sind’s, lustfeine Dirnen,

Mit Lächelmund und frechen Stirnen,
Wie sie dem Satyrvolk behagen;
Ein Bocksfuß darf dort alles wagen.

Mephistopheles
Ihr bleibt doch hier? daß ich euch wiederfinde.

Sphinxe

7240
Ja! Mische dich zum luftigen Gesinde.

Wir, von ägypten her, sind längst gewohnt,

Daß unsereins in tausend Jahre thront.
[124]
Und respektiert nur unsre Lage,

So regeln wir die Mond- und Sonnentage.

7245
     Sitzen vor den Pyramiden,

     Zu der Völker Hochgericht;
     überschwemmung, Krieg und Frieden--

     Und verziehen kein Gesicht.
Peneios
umgeben von gewässern und Nymphen
Peneios

Rege dich, du Schilfgeflüster!

7250
Hauche leise, Rohregeschwister,

Säuselt, leichte Weidensträuche,
Lispelt, Pappelzitterzweige,
Unterbrochnen Träumen zu!...
Weckt mich doch ein grauslich Wittern,

7255
Heimlich allbewegend Zittern

Aus dem Wallestrom und Ruh’.

Faust
(aus dem Fluss tretend).
Hör’ ich recht, so muß ich glauben:
Hinter den verschränkten Lauben
Dieser Zweige, dieser Stauden

7260
Tönt ein menschenähnlichs Lauten.

Scheint die Welle doch ein Schwätzen,

Lüftein wie--ein Scherzergetzen.
[125]
Nymphen

     Am besten geschäh’ dir,
     Du legtest dich nieder,

7265
     Erholtest im Kühlen

     Ermüdete Glieder,
     Genössest der immer
     Dich meidenden Ruh;
     Wir säuseln, wir rieseln,

7270
     Wir flüstern dir zu.


Faust
Ich wache ja! O laßt sie walten,
Die unvergleichlichen Gestalten,
Wie sie dorthin mein Auge schickt.
So wunderbar bin ich durchdrungen!

7275
Sind’d Träume? Sind’s Erinnerungen?

Schon einmal warst du so beglückt.
Gewässer schleichen durch die Frische
Der dichten, sanft bewegten Büsche,
Nicht rauschen sie, sie rieseln kaum;

7280
Von allen Seiten hundert Quellen

Vereinen sich im reinlich hellen,
Zum Bade flach vertieften Raum.
Gesunde junge Frauenglieder,
Vom feuchten Spiegel doppelt wieder

7285
Ergetztem Auge zugebracht!

Gesellig dann und fröhlich badend,
Erdreistet schwimmend, furchtsam watend;

Geschrei zuletzt und Wasserschlacht.
[126]
Begnügen sollt’ ich mich an diesen,
7290
Mein Auge sollte hier genießen,

Doch immer weiter strebt mein Sinn.
Der Blick dringt scharf nach jener Hülle,
Das reiche Laub der grünen Fülle
Verbirgt die hohe Königin.

7295
Wundersam! auch Schwäne kommen

Aus den Buchten hergeschwommen,
Majestätisch rein bewegt.
Ruhig schwebend, zart gesellig,
Aber stolz und selbstgefällig,

7300
Wie sich Haupt und Schnabel regt...

Einer aber scheint vor allen
Brüstend kühn sich zu gefallen,
Segelnd rasch durch alle fort;
Sein Gefieder bläht sich schwellend,

7305
Welle selbst, auf Wogen wellend,

Dringt er zu dem heiligen Ort....
Die andern schwimmen hin und wider
Mit ruhig glänzendem Gefieder,
Bald auch in regem prächtigen Streit,

7310
Die scheuen Mädchen abzulenken,

Daß sie an ihren Dienst nicht denken,
Nur an die eigne Sicherheit.

Nymphen
     Leget, Schwestern, euer Ohr
     An des Ufers grüne Stufe;

7315
     Hör’ ich recht, so kommt mir’s vor
     Als der Schall von Pferdes Hufe.
[127]
Wüßt’ ich nur, wer dieser Nacht

Schnelle Botschaft zugebracht.

Faust
Ist mir doch, als dröhnt’ die Erde,

7320
Schallend unter eiligem Pferde.

     Dorthin mein Blick!
     Ein günstiges Geschick,
     Soll es mich schon erreichen?
     O Wunder ohnegleichen!

7325
Ein Reuter kommt herangetrabt,

Er scheint von Geist und Mut begabt,
Von blendend-weißem Pferd getragen...
Ich irre nicht, ich kenn’ ihn schon,
Der Philyra berühmter Sohn!--

7330
Halt, Chiron! halt! Ich habe dir zu sagen...


Chiron
Was gibt’s? Was ist’s?

Faust
 Bezähme deinen Schritt!

Chiron
Ich raste nicht.

Faust
 So bitte! nimm mich mit!

Chiron
Sitz auf! so kann ich nach Belieben fragen:
Wohin des Wegs? Du stehst am Ufer hier,

7335
Ich bin bereit, dich durch den Fluß zu tragen.


Faust

Wohin du willst. Für ewig dank’ ich’s dir...
[128]
Der große Mann, der edle Pädagog,

Der, sich zum Ruhm, ein Heldenvolk erzog,
Den schönen Kreis der edlen Argonauten

7340
Und alle, die des Dichters Welt erbauten.


Chiron
Das lassen wir an seinem Ort!
Selbst Pallas kommt als Mentor nicht zu Ehren;
Am Ende treiben sie’s nach ihrer Weise fort,
Als wenn sie nicht erzogen wären.

Faust

7345
Den Arzt, der jede Pflanze nennt,

Die Wurzeln bis ins tiefste kennt,
Dem Kranken Heil, dem Wunden Linderung schafft,
Umarm’ ich hier in Geist- und Körperkraft!

Chiron
Ward neben mir ein Held verletzt,

7350
Da wußt’ ich Hülf’ und Rat zu schaffen;

Doch ließ ich meine Kunst zuletzt
Den Wurzelweibern und den Pfaffen.

Faust
Du bist der wahre große Mann,
Der Lobeswort nicht hören kann.

7355
Er sucht bescheiden auszuweichen

Und tut, als gäb’ es seinesgleichen.

Chiron
Du scheinest mir geschickt zu heucheln,

Dem Fürsten wie dem Volk zu schmeicheln.
[129]
Faust

So wirst du mir denn doch gestehn:

7360
Du hast die Größten deiner Zeit gesehn,

Dem Edelsten in Taten nachgestrebt,
Halbgöttlich ernst die Tage durchgelebt.
Doch unter den heroischen Gestalten
Wen hast du für den Tüchtigsten gehalten?

Chiron

7365
Im hehren Argonautenkreise

War jeder brav nach seiner eignen Weise,
Und nach der Kraft, die ihn beseelte,
Konnt’ er genügen, wo’s den andern fehlte.
Die Dioskuren haben stets gesiegt,

7370
Wo Jugendfüll’ und Schönheit überwiegt.

Entschluß und schnelle Tat zu andrer Heil,
Den Boreaden ward’s zum schönsten Teil.
Nachsinnend, kräftig, klug, im Rat bequem,
So herrschte Jason, Frauen angenehm.

7375
Dann Orpheus: zart und immer still bedächtig,

Schlug er die Leier allen übermächtig.
Scharfsichtig Lynceus, der bei Tag und Nacht
Das heil’ge Schiff durch Klipp’ und Strand gebracht...
Gesellig nur läßt sich Gefahr erproben:

7380
Wenn einer wirkt, die andern alle loben...


Faust
Von Herkules willst nichts erwähnen?

Chiron

O weh! errege nicht mein Sehnen...
[130]
Ich hatte Phöbus nie gesehn,

Noch Ares, Hermes, wie sie heißen;

7385
Da sah ich mir vor Augen stehn,

Was alle Menschen göttlich preisen.
So war er ein geborner König,
Als Jüngling herrlichst anzuschaun;
Dem ältern Bruder untertänig

7390
Und auch den allerliebsten Fraun.

Den zweiten zeugt nicht Gäa wieder,
Nicht führt ihn Hebe himmelein;
Vergebens mühen sich die Lieder,
Vergebens quälen sie den Stein.

Faust

7395
So sehr auch Bildner auf ihn pochen,

So herrlich kam er nie zur Schau.
Vom schönsten Mann hast du gesprochen,
Nun sprich auch von der schönsten Frau!

Chiron
Was!... Frauenschönheit will nichts heißen,

7400
Ist gar zu oft ein starres Bild;

Nur solch ein Wesen kann ich preisen,
Das froh und lebenslustig quillt.
Die Schöne bleibt sich selber selig;
Die Anmut macht unwiderstehlich,

7405
Wie Helena, da ich sie trug.


Faust
Du trugst sie?

Chiron

 Ja, auf diesem Rücken.
[131]
Faust

Bin ich nicht schon verwirrt genug?
Und solch ein Sitz muß mich beglücken!

Chiron
Sie faßte so mich in das Haar,

7410
Wie du es tust.


Faust
 O ganz und gar
Verlier’ ich mich! Erzähle, wie?
Sie ist mein einziges Begehren!
Woher, wohin, ach, trugst du sie?

Chiron
Die Frage läßt sich leicht gewähren.

7415
Die Dioskuren hatten jener Zeit

Das Schwesterchen aus Räuberfaust befreit.
Doch diese, nicht gewohnt, besiegt zu sein,
Ermannten sich urd stürmten hintendrein.
Da hielten der Geschwister eiligen Lauf

7420
Die Sümpfe bei Eleusis auf;

Die Brüder wateten, ich patschte, schwamm hinüber;
Da sprang sie ab und streichelte
Die feuchte Mähne, schmeichelte
Und dankte lieblich-klug und selbstbewußt.

7425
Wie war sie reizend! jung, des Alten Lust!


Faust
Erst zehen Jahr!...

Chiron
 Ich seh’, die Philologen,

Sie haben dich so wie sich selbst betrogen.
[132]
Ganz eigen ist’s mit mythologischer Frau,

Der Dichter bringt sie, wie er’s braucht, zur Schau:

7430
Nie wird sie mündig, wird nicht alt,

Stets appetitlicher Gestalt,
Wird jung entführt, im Alter noch umfreit;
Gnug, den Poeten bindet keine Zeit.

Faust
So sei auch sie durch keine Zeit gebunden!

7435
Hat doch Achill auf Pherä sie gefunden,

Selbst außer aller Zeit. Welch seltnes Glück:
Errungen Liebe gegen das Geschick!
Und sollt’ ich nicht, sehnsüchtigster Gewalt,
Ins Leben ziehn die einzigste Gestalt?

7440
Das ewige Wesen, Göttern ebenbürtig,

So groß als zart, so hehr als liebenswürdig?
Du sahst sie einst; heut hab’ ich sie gesehn,
So schön wie reizend, wie ersehnt so schön.
Nun ist mein Sinn, mein Wesen streng umfangen;

7445
Ich lebe nicht, kann ich sie nicht erlangen.


Chiron
Mein fremder Mann! als Mensch bist du entzückt;
Doch unter Geistern scheinst du wohl verrückt.
Nun trifft sich’s hier zu deinem Glücke;
Denn alle Jahr, nur wenig Augenblicke,

7450
Pfleg’ ich bei Manto vorzutreten,

Der Tochter äskulaps; im stillen Beten
Fleht sie zum Vater, daß, zu seiner Ehre,
Er endlich doch der ärzte Sinn verkläre

Und vom verwegnen Totschlag sie bekehre...
[133]
7455
Die liebste mir aus der Sibyllengilde,

Nicht fratzenhaft bewegt, wohltätig milde;
Ihr glückt es wohl, bei einigem Verweilen,
Mit Wurzelkräften dich von Grund zu heilen.

Faust
Geheilt will ich nicht sein, mein Sinn ist mächtig;

7460
Da wär’ ich ja wie andre niederträchtig.


Chiron
Versäume nicht das Heil der edlen Quelle!
Geschwind herab! Wir sind zur Stelle.

Faust
Sag an! Wohin hast du, in grauser Nacht,
Durch Kiesgewässer mich ans Land gebracht?

Chiron

7465
Hier trotzten Rom und Griechenland im Streite,

Peneios rechts, links den Olymp zur Seite,
Das größte Reich, das sich im Sand verliert;
Der König flieht, der Bürger triumphiert.
Blick auf! hier steht, bedeutend nah,

7470
Im Mondenschein der ewige Tempel da.


Manto
(inwendig träumend).
Von Pferdes Hufe
Erklingt die heilige Stufe,
Halbgötter treten heran.

Chiron
Ganz recht!

7475
Nur die Augen aufgetan!
[134]
Manto (erwachend).

Willkommen! ich seh’, du bleibst nicht aus.

Chiron
Steht dir doch auch dein Tempelhaus!

Manto
Streiftst du noch immer unermüdet?

Chiron
Wohnst du doch immer still umfriedet,

7480
Indes zu kreisen mich erfreut.


Manto
Ich harre, mich umkreist die Zeit.
Und dieser?

Chiron
 Die verrufene Nacht
Hat strudelnd ihn hierher gebracht.
Helenen, mit verrückten Sinnen,

7485
Helenen will er sich gewinnen

Und weiß nicht, wie und wo beginnen;
Asklepischer Kur vor andern wert.

Manto
Den lieb’ ich, der Unmögliches begehrt.

Chiron
(ist schon weit weg).

Manto
Tritt ein, Verwegner, sollst dich freuen!

7490
Der dunkle Gang führt zu Persephoneien.

In des Olympus hohlem Fuß

Lauscht sie geheim verbotnem Gruß.
[135]
Hier hab’ ich einst den Orpheus eingeschwärzt;

Benutz es besser! frisch! beherzt!

(Sie steigen hinab.)


Am obern Peneios wi zuvor
Sirenen
7495
Stürzt euch in Peneios’ Flut!

Plätschernd ziemt es da zu schwimmen,
Lied um Lieder anzustimmen,
Dem unseligen Volk zugut.
Ohne Wasser ist kein Heil!

7500
Führen wir mit hellem Heere

Eilig zum ägäischen Meere,

Würd’ uns jede Lust zuteil.


Erdbeben
Sirenen

Schäumend kehrt die Welle wieder,
Fließt nicht mehr im Bett darnieder;

7505
Grund erbebt, das Wasser staucht,

Kies und Ufer berstend raucht.
Flüchten wir! Kommt alle, kommt!
Niemand, dem das Wunder frommt.

Fort! ihr edlen frohen Gäste,

7510
Zu dem seeisch heitern Feste,
[136]
Blinkend, wo die Zitterwellen,

Ufernetzend, leise schwellen;
Da, wo Luna doppelt leuchtet,
Uns mit heil’gem Tau befeuchtet.

7515
Dort ein freibewegtes Leben,

Hier ein ängstlich Erdebeben;
Eile jeder Kluge fort!
Schauderhaft ist’s um den Ort.

Seismos
(in der Tiefe brummend und polternd).
Einmal noch mit Kraft geschoben,

7520
Mit den Schultern brav gehoben!

So gelangen wir nach oben,
Wo uns alles weichen muß.

Sphinxe
Welch ein widerwärtig Zittern,
Häßlich grausenhaftes Wittern!

7525
Welch ein Schwanken, welches Beben,

Schaukelnd Hin- und Widerstreben!
Welch unleidlicher Verdruß!
Doch wir ändern nicht die Stelle,
Bräche los die ganze Hölle.

7530
Nun erhebt sich ein Gewölbe

Wundersam. Es ist derselbe,
Jener Alte, längst Ergraute,

Der die Insel Delos baute,
[137]
Einer Kreißenden zulieb’
7535
Aus der Wog’ empor sie trieb.

Er, mit Streben, Drängen, Drücken,
Arme straff, gekrümmt den Rücken,
Wie ein Atlas an Gebärde,
Hebt er Boden, Rasen, Erde,

7540
Kies und Grieß und Sand und Letten,

Unsres Ufers stille Betten.
So zerreißt er eine Strecke
Quer des Tales ruhige Decke.
Angestrengtest, nimmer müde,

7545
Kolossale Karyatide,

Trägt ein furchtbar Steingerüste,
Noch im Boden bis zur Büste;
Weiter aber soll’s nicht kommen,
Sphinxe haben Platz genommen.

Seismos

7550
Das hab’ ich ganz allein vermittelt,

Man wird mir’s endlich zugestehn;
Und hätt’ ich nicht geschüttelt und gerüttelt,
Wie wäre diese Welt so schön?--
Wie ständen eure Berge droben

7555
In prächtig-reinem ätherblau,

Hätt’ ich sie nicht hervorgeschoben
Zu malerisch-entzückter Schau?
Als, angesichts der höchsten Ahnen,
Der Nacht, des Chaos, ich mich stark betrug

7560
Und, in Gesellschaft von Titanen,
Mit Pelion und Ossa als mit Ballen schlug,
[138]
Wir tollten fort in jugendlicher Hitze,

Bis überdrüssig noch zuletzt
Wir dem Parnaß, als eine Doppelmütze,

7565
Die beiden Berge frevelnd aufgesetzt...

Apollen hält ein froh Verweilen
Dort nun mit seliger Musen Chor.
Selbst Jupitern und seinen Donnerkeilen
Hob ich den Sessel hoch empor.

7570
Jetzt so, mit ungeheurem Streben,

Drang aus dem Abgrund ich herauf
Und fordre laut, zu neuem Leben,
Mir fröhliche Bewohner auf.

Sphinxe
Uralt, müßte man gestehen,

7575
Sei das hier Emporgebürgte,

Hätten wir nicht selbst gesehen,
Wie sich’s aus dem Boden würgte.
Bebuschter Wald verbreitet sich hinan,
Noch drängt sich Fels auf Fels bewegt heran;

7580
Ein Sphinx wird sich daran nicht kehren:

Wir lassen uns im heiligen Sitz nicht stören.

Greife
Gold in Blättchen, Gold in Flittern
Durch die Ritzen seh ich zittern.
Laßt euch solchen Schatz nicht rauben,

7585
Imsen, auf! es auszuklauben.
[139]
Chor der Ameisen

     Wie ihn die Riesigen
     Emporgehoben,
     Ihr Zappelfüßigen,
     Geschwind nach oben!

7590
     Behendest aus und ein!

     In solchen Ritzen
     Ist jedes Bröselein
     Wert zu besitzen.
     Das Allermindeste

7595
     Müßt ihr entdecken

     Auf das geschwindeste
     In allen Ecken.
     Allemsig müßt ihr sein,
     Ihr Wimmelscharen;

7600
     Nur mit dem Gold herein!

     Den Berg laßt fahren.

Greife
Herein! Herein! Nur Gold zu Hauf!
Wir legen unsre Klauen drauf;
Sind Riegel von der besten Art,

7605
Der größte Schatz ist wohlverwahrt.


Pygmäen
Haben wirklich Platz genommen,
Wissen nicht, wie es geschah.
Fraget nicht, woher wir kommen,

Denn wir sind nun einmal da!
[140]
7610
Zu des Lebens lustigem Sitze

Eignet sich ein jedes Land;
Zeigt sich eine Felsenritze,
Ist auch schon der Zwerg zur Hand.
Zwerg und Zwergin, rasch zum Fleiße,

7615
Musterhaft ein jedes Paar;

Weiß nicht, ob es gleicher Weise
Schon im Paradiese war.
Doch wir finden’s hier zum besten,
Segnen dankbar unsern Stern;

7620
Denn im Osten wie im Westen

Zeugt die Mutter Erde gern.

Daktyle
     Hat sie in einer Nacht
     Die Kleinen hervorgebracht,
     Sie wird die Kleinsten erzeugen;

7625
     Finden auch ihresgleichen.


Pygmäen-Älteste
     Eilet, bequemen
     Sitz einzunehmen!
     Eilig zum Werke!
     Schnelle für Stärke!

7630
     Noch ist es Friede;

     Baut euch die Schmiede,
     Harnisch und Waffen
     Dem Heer zu schaffen.
     Ihr Imsen alle,

7635
     Rührige im Schwalle,
[141]
     Schafft uns Metalle!

     Und ihr Daktyle,
     Kleinste, so viele,
     Euch sei befohlen,

7640
     Hölzer zu holen!

     Schlichtet zusammen
     Heimliche Flammen,
     Schaffet uns Kohlen.

Generalissimus
     Mit Pfeil und Bogen

7645
     Frisch ausgezogen!

     An jenem Weiher
     Schießt mir die Reiher,
     Unzählig nistende,
     Hochmütig brüstende,

7650
     Auf einen Ruck,

     Alle wie einen!
Daß wir erscheinen
Mit Helm und Schmuck.

Imsen und Daktyle
Wer wird uns retten!

7655
Wir schaffen ’s Eisen,

Sie schmieden Ketten.
Uns loszureißen,
Ist noch nicht zeitig,
Drum seid geschmeidig.

Die Kraniche des Ibykus

7660
Mordgeschrei und Sterbeklagen!
ängstlich Flügelflatterschlagen!
[142]
     Welch ein ächzen, welch Gestöhn

     Dringt herauf zu unsern Höhn!
     Alle sind sie schon ertötet,

7665
     See von ihrem Blut gerötet,

     Mißgestaltete Begierde
     Raubt des Reihers edle Zierde.
     Weht sie doch schon auf dem Helme
     Dieser Fettbauch-Krummbein-Schelme.

7670
     Ihr Genossen unsres Heeres,

     Reihenwanderer des Meeres,
     Euch berufen wir zur Rache
     In so nahverwandter Sache.
     Keiner spare Kraft und Blut!

7675
     Ewige Feindschaft dieser Brut!

(Zerstreuen sich krächzend in den Lüften)

Mephistopheles
Die nordischen Hexen wußt’ ich wohl zu meistern,
Mir wird’s nicht just mit diesen fremden Geistern.
Der Blocksberg bleibt ein gar bequem Lokal,
Wo man auch sei, man findet sich zumal.

7680
Frau Ilse wacht für uns auf ihrem Stein,

Auf seiner Höh’ wird Heinrich munter sein,
Die Schnarcher schnauzen zwar das Elend an,
Doch alles ist für tausend Jahr getan.
Wer weiß denn hier nur, wo er geht und steht,

7685
Ob unter ihm sich nicht der Boden bläht?...

Ich wandle lustig durch ein glattes Tal,

Und hinter mir erhebt sich auf einmal
[143]
Ein Berg, zwar kaum ein Berg zu nennen,

Von meinen Sphinxen mich jedoch zu trennen

7690
Schon hoch genug--hier zuckt noch manches Feuer

Das Tal hinab und flammt ums Abenteuer...
Noch tanzt und schwebt mir lockend, weichend vor,
Spitzbübisch gaukelnd, der galante Chor.
Nur sachte drauf! Allzugewohnt ans Naschen,

7695
Wo es auch sei, man sucht was zu erhaschen.


Lamien (Mephistopheles zu sich ziehend)).
     Geschwind, geschwinder!
     Und immer weiter!
     Dann wieder zaudernd,
     Geschwätzig plaudernd.

7700
     Es ist so heiter,

     Den alten Sünder
     Uns nachzuziehen,
     Zu schwerer Buße.
     Mit starrem Fuße

7705
     Kommt er geholpert,

     Einhergestolpert;
     Er schleppt das Bein,
     Wie wir ihn fliehen,
     Uns hinterdrein!

Mephistopheles

7710
Verflucht Geschick! Betrogne Mannsen!

Von Adam her verführte Hansen!
Alt wird man wohl, wer aber klug?

Warst du nicht schon vernarrt genug!
[144]
Man weiß, das Volk taugt aus dem Grunde nichts,
7715
Geschnürten Leibs, geschminkten Angesichts.

Nichts haben sie Gesundes zu erwidern,
Wo man sie anfaßt, morsch in allen Gliedern.
Man weiß, man sieht’s, man kann es greifen,
Und dennoch tanzt man, wenn die Luder pfeifen!

Lamien (innehaltend)

7720
Halt! er besinnt sich, zaudert, steht;

Entgegnet ihm, daß er euch nicht entgeht!

Mephistopheles (fortschreitend).
Nur zu! und laß dich ins Gewebe
Der Zweifelei nicht törig ein;<br />
Denn wenn es keine Hexen gäbe,

7725
Wer Teufel möchte Teufel sein!


Lamien (anmuthigst).
Kreisen wir um diesen Helden!
Liebe wird in seinem Herzen
Sich gewiß für eine melden.

Mephistopheles
Zwar bei ungewissem Schimmer

7730
Scheint ihr hübsche Frauenzimmer,

Und so möcht’ ich euch nicht schelten.

Empuse (eindringend).
Auch nicht mich! als eine solche
Laßt mich ein in eure Folge.

Lamien
Die ist in unserm Kreis zuviel,

7735
Verdirbt doch immer unser Spiel.
[145]
Empuse

(zu Mephistopheles.);
Begrüßt von Mühmichen Empuse,
Der Trauten mit dem Eselsfuße!
Du hast nur einen Pferdefuß,
Und doch, Herr Vetter, schönsten Gruß!

Mephistopheles

7740
Hier dacht’ ich lauter Unbekannte

Und finde leider Nahverwandte;
Es ist ein altes Buch zu blättern:
Vom Harz bis Hellas immer Vettern!

Empuse
Entschieden weiß ich gleich zu handeln,

7745
In vieles könnt’ ich mich verwandeln;

Doch Euch zu Ehren hab’ ich jetzt
Das Eselsköpfchen aufgesetzt.

Mephistopheles
Ich merk’, es hat bei diesen Leuten
Verwandtschaft Großes zu bedeuten;

7750
Doch mag sich, was auch will, eräugnen,

Den Eselskopf möcht’ ich verleugnen.

Lamien
Daß diese Garstige, sie verscheucht,
Was irgend schön und lieblich deucht;
Was irgend schön und lieblich wär’--

7755
Sie kommt heran, es ist nicht mehr!


Mephistopheles
Auch diese Mühmchen zart und schmächtig,

Sie sind mir allesamt verdächtig;
[146]
Und hinter solcher Wänglein Rosen

Fürcht’ ich doch auch Metamorphosen.

Lamien

7760
Versuch es doch! sind unsrer viele.

Greif zu! Und hast du Glück im Spiele,
Erhasche dir das beste Los.
Was soll das lüsterne Geleier?
Du bist ein miserabler Freier,

7765
Stolzierst einher und tust so groß!--

Nun mischt er sich in unsre Scharen;
Laßt nach und nach die Masken fahren
Und gebt ihm euer Wesen bloß.

Mephistopheles
Die Schönste hab’ ich mir erlesen...
(Sie umfassend.)

7770
O weh mir! welch ein dürrer Besen!

(Ein andere ergreifend.)
Und diese?... Schmähliches Gesicht!

Lamien
Verdienst du’s besser? dünkt es nicht.

Mephistopheles
Die Kleine möcht’ ich mir verpfänden...
Lacerte schlüpft mir aus den Händen!

7775
Und schlangenhaft der glatte Zopf.

Dagegen fass’ ich mir die Lange...
Da pack’ ich eine Thyrsusstange,
Den Pinienapfel als den Kopf!
Wo will’s hinaus?... Noch eine Dicke,

7780
An der ich mich vielleicht erquicke;
[147]
Zum letztenmal gewagt! Es sei!

Recht quammig, quappig, das bezahlen
Mit hohem Preis Orientalen...
Doch ach! der Bovist platzt entzwei!

Lamien

7785
Fahrt auseinander, schwankt und schwebet

Blitzartig, schwarzen Flugs umgebet
Den eingedrungnen Hexensohn!
Unsichre, schauderhafte Kreise!
Schweigsamen Fittichs, Fledermäuse!

7790
Zu wohlfeil kommt er doch davon.


Mephistopheles
(sich schüttelnd).
Viel klüger, scheint es, bin ich nicht geworden;
Absurd ist’s hier, absurd im Norden,
Gespenster hier wie dort vertrackt,
Volk und Poeten abgeschmackt.

7795
Ist eben hier eine Mummenschanz

Wie überall, ein Sinnentanz.
Ich griff nach holden Maskenzügen
Und faßte Wesen, daß mich’s schauerte...
Ich möchte gerne mich betrügen,

7800
Wenn es nur länger dauerte.

(sich zwischen die dem Gestein verirrend.)
Wo bin ich denn? Wo will’s hinaus?
Das war ein Pfad, nun ist’s ein Graus.
Ich kam daher auf glatten Wegen,

Und jetzt steht mir Geröll entgegen.
[148]
7805
Vergebens klettr’ ich auf und nieder,

Wo find’ ich meine Sphinxe wieder?
So toll hätt’ ich mir’s nicht gedacht,
Ein solch Gebirge in einer Nacht!
Das heiß’ ich frischen Hexenritt,

7810
Die bringen ihren Blocksberg mit.


Oreas (vom Naturfels).
Herauf hier! Mein Gebirg ist alt,
Steht in ursprünglicher Gestalt.
Verehre schroffe Felsensteige,
Des Pindus letztgedehnte Zweige!

7815
Schon stand ich unerschüttert so,

Als über mich Pompejus floh.
Daneben das Gebild des Wahns
Verschwindet schon beim Krähn des Hahns.
Dergleichen Märchen seh’ ich oft entstehn

7820
Und plötzlich wieder untergehn.


Mephistopheles
Sei Ehre dir, ehrwürdiges Haupt,
Von hoher Eichenkraft umlaubt!
Der allerklarste Mondenschein
Dringt nicht zur Finsternis herein.--

7825
Doch neben am Gebüsche zieht

Ein Licht, das gar bescheiden glüht.
Wie sich das alles fügen muß!
Fürwahr, es ist Homunculus!

Woher des Wegs, du Kleingeselle?
[149]
Homunculus
7830
Ich schwebe so von Stell’ zu Stelle

Und möchte gern im besten Sinn entstehn,
Voll Ungeduld, mein Glas entzweizuschlagen;
Allein, was ich bisher gesehn,
Hinein da möcht’ ich mich nicht wagen.

7835
Nur, um dir’s im Vertraun zu sagen:

Zwei Philosophen bin ich auf der Spur,
Ich horchte zu, es hieß: Natur, Natur!
Von diesen will ich mich nicht trennen,
Sie müssen doch das irdische Wesen kennen;

7840
Und ich erfahre wohl am Ende,

Wohin ich mich am allerklügsten wende.

Mephistopheles
Das tu auf deine eigne Hand.
Denn wo Gespenster Platz genommen,
Ist auch der Philosoph willkommen.

7845
Damit man seiner Kunst und Gunst sich freue,

Erschafft er gleich ein Dutzend neue.
Wenn du nicht irrst, kommst du nicht zu Verstand.
Willst du entstehn, entsteh auf eigne Hand!

Homunculus
Ein guter Rat ist auch nicht zu verschmähn.

Mephistopheles

7850
So fahre hin! Wir wollen’s weiter sehn.

(Trennen sich.)

Anaxagoras
Dein starrer Sinn will sich nicht beugen;

Bedarf es Weitres, dich zu überzeugen?
[150]
Thales

Die Welle beugt sich jedem Winde gern,
Doch hält sie sich vom schroffen Felsen fern.

Anaxagoras

7855
Durch Feuerdunst ist dieser Fels zu Handen.


Thales
Im Feuchten ist Lebendiges erstanden.

Homunculus
(zwischen beiden).
Laßt mich an eurer Seite gehn.
Mir selbst gelüstet’s, zu entstehn!

Anaxagoras
Hast du, o Thales, je in einer Nacht

7860
Solch einen Berg aus Schlamm hervorgebracht?


Thales
Nie war Natur und ihr lebendiges Fließen
Auf Tag und Nacht und Stunden angewiesen.
Sie bildet regelnd jegliche Gestalt,
Und selbst im Großen ist es nicht Gewalt.

Anaxagoras

7865
Hier aber war’s! Plutonisch grimmig Feuer,

äolischer Dünste Knallkraft, ungeheuer,
Durchbrach des flachen Bodens alte Kruste,
Daß neu ein Berg sogleich entstehen mußte.

Thales
Was wird dadurch nun weiter fortgesetzt?

7870
Er ist auch da, und das ist gut zuletzt.

Mit solchem Streit verliert man Zeit und Weile

Und führt doch nur geduldig Volk am Seile.
[151]
Anaxagoras

Schnell quillt der Berg von Myrmidonen,
Die Felsenspalten zu bewohnen;

7875
Pygmäen, Imsen, Däumerlinge

(Zum Himunculus.)
Und andre tätig kleine Dinge.
Nie hast du Großem nachgestrebt,
Einsiedlerisch-beschränkt gelebt;
Kannst du zur Herrschaft dich gewöhnen,

7880
So laß ich dich als König krönen.


Homunculus
Was sagt mein Thales?

Thales
 Will’s nicht raten;
Mit Kleinen tut man kleine Taten,
Mit Großen wird der Kleine groß.
Sieh hin! die schwarze Kranichwolke!

7885
Sie droht dem aufgeregten Volke

Und würde so dem König drohn.
Mit scharfen Schnäbeln, krallen Beinen,
Sie stechen nieder auf die Kleinen;
Verhängnis wetterleuchtet schon.

7890
Ein Frevel tötete die Reiher,

Umstellend ruhigen Friedensweiher.
Doch jener Mordgeschosse Regen
Schafft grausam-blut’gen Rachesegen,
Erregt der Nahverwandten Wut

7895
Nach der Pygmäen frevlem Blut.
[152]
Was nützt nun Schild und Helm und Speer?

Was hilft der Reiherstrahl den Zwergen?
Wie sich Daktyl und Imse bergen!
Schon wankt, es flieht, es stürzt das Heer.

Anaxagoras
(Nach eine Pause feierlich).

7900
Konnt’ ich bisher die Unterirdischen loben,

So wend’ ich mich in diesem Fall nach oben...
Du! droben ewig Unveraltete,
Dreinamig-Dreigestaltete,
Dich ruf’ ich an bei meines Volkes Weh,

7905
Diana, Luna, Hekate!

Du Brusterweiternde, im Tiefsten Sinnige,
Du Ruhigscheinende, Gewaltsam-Innige,
Eröffne deiner Schatten grausen Schlund,
Die alte Macht sei ohne Zauber kund!
(Pause.)

7910
     Bin ich zu schnell erhört?

     Hat mein Flehn
     Nach jenen Höhn
     Die Ordnung der Natur gestört?

Und größer, immer größer nahet schon

7915
Der Göttin rundumschriebner Thron,

Dem Auge furchtbar, ungeheuer!
Ins Düstre rötet sich sein Feuer...
Nicht näher, drohend-mächtige Runde!

Du richtest uns und Land und Meer zugrunde!
[153]
7920
So wär’ es wahr, daß dich thessalische Frauen

In frevlend magischem Vertrauen
Von deinem Pfad herabgesungen,

Verderblichstes dir abgerungen?...
Das lichte Schild hat sich umdunkelt,

7925
Auf einmal reißt’s und blitzt und funkelt!

Welch ein Geprassel! Welch ein Zischen!
Ein Donnern, Windgetüm dazwischen!--
Demütig zu des Thrones Stufen!--
Verzeiht! Ich hab’ es hergerufen.
(Wirf sich auf’s Angesicht.)

Thales

7930
Was dieser Mann nicht alles hört’ und sah!

Ich weiß nicht recht, wie uns geschah,
Auch hab’ ich’s nicht mit ihm empfunden.
Gestehen wir, es sind verrückte Stunden,
Und Luna wiegt sich ganz bequem

7935
An ihrem Platz, so wie vordem.


Homunculus
Schaut hin nach der Pygmäen Sitz!
Der Berg war rund, jetzt ist er spitz.
Ich spürt’ ein ungeheures Prallen,
Der Fels war aus dem Mond gefallen;

7940
Gleich hat er, ohne nachzufragen,

So Freund als Feind gequetscht, erschlagen.
Doch muß ich solche Künste loben,
Die schöpferisch, in einer Nacht,
Zugleich von unten und von oben,

7945
Dies Berggebäu zustand gebracht.
[154]
Thales

Sei ruhig! Es war nur gedacht.
Sie fahre hin, die garstige Brut!
Daß du nicht König warst, ist gut.
Nun fort zum heitern Meeresfeste,

7950
Dort hofft und ehrt man Wundergäste.

(Entfernen sich.)

Mephistopheles
(an der Gegenseite kletternd).
Da muß ich mich durch steile Felsentreppen,
Durch alter Eichen starre Wurzeln schleppen!
Auf meinem Harz der harzige Dunst
Hat was vom Pech, und das hat meine Gunst,

7955
Zunächst dem Schwefel... Hier, bei diesen Griechen

Ist von dergleichen kaum die Spur zu riechen;
Neugierig aber wär’ ich, nachzuspüren,
Womit sie Höllenqual und--flamme schüren.

Dryas
In deinem Lande sei einheimisch klug,

7960
Im fremden bist du nicht gewandt genug.

Du solltest nicht den Sinn zur Heimat kehren,
Der heiligen Eichen Würde hier verehren.

Mephistopheles
Man denkt an das, was man verließ;
Was man gewohnt war, bleibt ein Paradies.

7965
Doch sagt: was in der Höhle dort,
Bei schwachem Licht, sich dreifach hingekauert?
[155]
Dryas

Die Phorkyaden! Wage dich zum Ort
Und sprich sie sie an, wenn dich nicht schauert.

Mephistopheles
Warum denn nicht!--Ich sehe was, und staune!

7970
So stolz ich bin, muß ich mir selbst gestehn:

Dergleichen hab’ ich nie gesehn,
Die sind ja schlimmer als Alraune...
Wird man die urverworfnen Sünden
Im mindesten noch häßlich finden,

7975
Wenn man dies Dreigetüm erblickt?

Wir litten sie nicht auf den Schwellen
Der grauenvollsten unsrer Höllen.
Hier wurzelt’s in der Schönheit Land,
Das wird mit Ruhm antik genannt...

7980
Sie regen sich, sie scheinen mich zu spüren,

Sie zwitschern pfeifend, Fledermaus-Vampyren.

Phorkyas
Gebt mir das Auge, Schwestern, daß es frage,
Wer sich so nah an unsre Tempel wage.

Mephistopheles
Verehrteste! Erlaubt mir, euch zu nahen

7985
Und euren Segen dreifach zu empfahen.

Ich trete vor, zwar noch als Unbekannter,
Doch, irr’ ich nicht, weitläufiger Verwandter.
Altwürdige Götter hab’ ich schon erblickt,
Vor Ops und Rhea tiefstens mich gebückt;

7990
Die Parzen selbst, des Chaos, eure Schwestern,
Ich sah sie gestern--oder ehegestern;
[156]
Doch eures Gleichen hab’ ich nie erblickt.

Ich schweige nun und fühle mich entzückt.

Phorkyaden
Er scheint Verstand zu haben, dieser Geist.

Mephistopheles

7995
Nur wundert’s mich, daß euch kein Dichter preist.

Und sagt: wie kam’s, wie konnte das geschehn?
Im Bilde hab’ ich nie euch Würdigste gesehn;
Versuch’s der Meißel doch, euch zu erreichen,
Nicht Juno, Pallas, Venus und dergleichen.

Phorkyaden

8000
Versenkt in Einsamkeit und stillste Nacht,

Hat unser Drei noch nie daran gedacht!

Mephistopheles
Wie sollt’ es auch? da ihr, der Welt entrückt,
Hier niemand seht und niemand euch erblickt.
Da müßtet ihr an solchen Orten wohnen,

8005
Wo Pracht und Kunst auf gleichem Sitze thronen,

Wo jeden Tag, behend, im Doppelschritt,
Ein Marmorblock als Held ins Leben tritt.
Wo--

Phorkyaden
 Schweige still und gib uns kein Gelüsten!
Was hülf’ es uns, und wenn wir’s besser wüßten?

8010
In Nacht geboren, Nächtlichem verwandt,

Beinah uns selbst, ganz allen unbekannt.

Mephistopheles
In solchem Fall hat es nicht viel zu sagen,

Man kann sich selbst auch andern übertragen.
[157]
Euch Dreyen gnügt ein Auge, gnügt ein Zahn;
8015
Da ging’ es wohl auch mythologisch an,

In zwei die Wesenheit der drei zu fassen,
Der Dritten Bildnis mir zu überlassen,
Auf kurze Zeit.

Eine
 Wie dünkt’s euch? ging’ es an?

Die Andern
Versuchen wir’s!--doch ohne Aug’ und Zahn.

Mephistopheles

8020
Nun habt ihr grad das Beste weggenommen;

Wie würde da das strengste Bild vollkommen!

Eine
Drück du ein Auge zu, ’s ist leicht geschehn,
Laß alsofort den einen Raffzahn sehn,
Und im Profil wirst du sogleich erreichen,

8025
Geschwisterlich vollkommen uns zu gleichen.


Mephistopheles
Viel Ehr’! Es sei!

Phorkyaden
 Es sei!

Mephistopheles
(Als Phorkyas im Profil).
 Da steh’ ich schon,
Des Chaos vielgeliebter Sohn!

Phorkyaden
Des Chaos Töchter sind wir unbestritten.

Mephistopheles

Man schilt mich nun, o Schmach, Hermaphroditen.
[158]
Phorkyaden
8030
Im neuen Drei der Schwestern welche Schöne!

Wir haben zwei der Augen, zwei der Zähne.

Mephistopheles
Vor aller Augen muß ich mich verstecken,
Im Höllenpfuhl die Teufel zu erschrecken.

(Ab.)
Felsbuchten des ägäischen Meers
Mond in Zenith verharred
Sirenen

(auf den Klippen umher gelagert, flötend und singend)
     Haben sonst bei nächtigem Grauen

8035
     Dich thessalische Zauberfrauen

     Frevelhaft herabgezogen,
     Blicke ruhig von dem Bogen
     Deiner Nacht auf Zitterwogen
     Mildeblitzend Glanzgewimmel

8040
     Und erleuchte das Getümmel,

     Das sich aus den Wogen hebt!
     Dir zu jedem Dienst erbötig,
     Schöne Luna, sei uns gnädig!

Nereiden und Tritonen
(als Meerwunder).
     Tönet laut in schärfern Tönen,

8045
     Die das breite Meer durchdröhnen,
[159]
     Volk der Tiefe ruft fortan!

     Vor des Sturmes grausen Schlünden
     Wichen wir zu stillsten Gründen,
     Holder Sang zieht uns heran.

8050
     Seht, wie wir im Hochentzücken

     Uns mit goldenen Ketten schmücken,
     Auch zu Kron’ und Edelsteinen
     Spang- und Gürtelschmuck vereinen!
     Alles das ist eure Frucht.

8055
     Schätze, scheiternd hier verschlungen,

     Habt ihr uns herangesungen,
     Ihr Dämonen unsrer Bucht.

Sirenen
     Wissen’s wohl, in Meeresfrische
     Glatt behagen sich die Fische,

8060
     Schwanken Lebens ohne Leid;

     Doch, ihr festlich regen Scharen,
     Heute möchten wir erfahren,
     Daß ihr mehr als Fische seid.

Nereiden und Tritonen
     Ehe wir hieher gekommen,

8065
     Haben wir’s zu Sinn genommen;

     Schwestern, Brüder, jetzt geschwind!
     Heut bedarf’s der kleinsten Reise
     Zum vollgültigsten Beweise,
     Daß wir mehr als Fische sind.

(Entfernen sich.)
[160]
Sirenen
8070
     Fort sind sie im Nu!

     Nach Samothrace grade zu,
     Verschwunden mit günstigem Wind.
     Was denken sie zu vollführen
     Im Reiche der hohen Kabiren?

8075
     Sind Götter! Wundersam eigen,

     Die sich immerfort selbst erzeugen
     Und niemals wissen, was sie sind.
     Bleibe auf deinen Höhn,
     Holde Luna, gnädig stehn,

8080
     Daß es nächtig verbleibe,

     Uns der Tag nicht vertreibe!

Thales
(Am Ufer zu Homunculus).
Ich führte dich zum alten Nereus gern;
Zwar sind wir nicht von seiner Höhle fern,
Doch hat er einen harten Kopf,

8085
Der widerwärtige Sauertopf.

Das ganze menschliche Geschlecht
Macht’s ihm, dem Griesgram, nimmer recht.
Doch ist die Zukunft ihm entdeckt,
Dafür hat jedermann Respekt

8090
Und ehret ihn auf seinem Posten;

Auch hat er manchem wohlgetan.

Homunculus
Probieren wir’s und klopfen an!

Nicht gleich wird’s Glas und Flamme kosten.
[161]
Nereus

Sind’s Menschenstimmen, die mein Ohr vernimmt?

8095
Wie es mir gleich im tiefsten Herzen grimmt!

Gebilde, strebsam, Götter zu erreichen,
Und doch verdammt, sich immer selbst zu gleichen.
Seit alten Jahren konnt’ ich göttlich ruhn,
Doch trieb mich’s an, den Besten wohlzutun;

8100
Und schaut’ ich dann zuletzt vollbrachte Taten,

So war es ganz, als hätt’ ich nicht geraten.

Thales
Und doch, o Greis des Meers, vertraut man dir;
Du bist der Weise, treib uns nicht von hier!
Schau diese Flamme, menschenähnlich zwar,

8105
Sie deinem Rat ergibt sich ganz und gar.


Nereus
Was Rat! Hat Rat bei Menschen je gegolten?
Ein kluges Wort erstarrt im harten Ohr.
So oft auch Tat sich grimmig selbst gescholten,
Bleibt doch das Volk selbstwillig wie zuvor.

8110
Wie hab’ ich Paris väterlich gewarnt,

Eh sein Gelüst ein fremdes Weib umgarnt.
Am griechischen Ufer stand er kühnlich da,
Ihm kündet’ ich, was ich im Geiste sah:
Die Lüfte qualmend, überströmend Rot,

8115
Gebälke glühend, unten Mord und Tod:

Trojas Gerichtstag, rhythmisch festgebannt,
Jahrtausenden so schrecklich als gekannt.
Des Alten Wort, dem Frechen schien’s ein Spiel,

Er folgte seiner Lust, und Ilios fiel--
[162]
8120
Ein Riesenleichnam, starr nach langer Qual,

Des Pindus Adlern gar willkommnes Mahl.
Ulyssen auch! sagt’ ich ihm nicht voraus
Der Circe Listen, des Zyklopen Graus?
Das Zaudern sein, der Seinen leichten Sinn,

8125
Und was nicht alles! Bracht’ ihm das Gewinn?

Bis vielgeschaukelt ihn, doch spät genug,
Der Woge Gunst an gastlich Ufer trug.

Thales
Dem weisen Mann gibt solch Betragen Qual;
Der gute doch versucht es noch einmal.

8130
Ein Quentchen Danks wird, hoch ihn zu vergnügen,

Die Zentner Undanks völlig überwiegen.
Denn nichts Geringes haben wir zu flehn:
Der Knabe da wünscht weislich zu entstehn.

Nereus
Verderbt mir nicht den seltensten Humor!

8135
Ganz andres steht mir heute noch bevor:

Die Töchter hab’ ich alle herbeschieden,
Die Grazien des Meeres, die Doriden.
Nicht der Olymp, nicht euer Boden trägt
Ein schön Gebild, das sich so zierlich regt.

8140
Sie werfen sich, anmutigster Gebärde,

Vom Wasserdrachen auf Neptunus’ Pferde,
Dem Element aufs zarteste vereint,
Daß selbst der Schaum sie noch zu heben scheint.
Im Farbenspiel von Venus’ Muschelwagen

8145
Kommt Galatee, die Schönste, nun getragen,
[163]
Die, seit sich Kypris von uns abgekehrt,

In Paphos wird als Göttin selbst verehrt.
Und so besitzt die Holde lange schon,
Als Erbin, Tempelstadt und Wagenthron.

8150
Hinweg! Es ziemt in Vaterfreudenstunde

Nicht Haß dem Herzen, Scheltwort nicht dem Munde.
Hinweg zu Proteus! Fragt den Wundermann:
Wie man entstehn und sich verwandlen kann.
(Entfernt sich gegen das Meer).

Thales
Wir haben nichts durch siesen Schritt gewonnen,

8155
Trifft man auch Proteus, gleich ist er zerronnen;

Und steht er euch, so sagt er nur zuletzt,
Was staunen macht und in Verwirrung setzt.
Du bist einmal bedürftig solchen Rats,
Versuchen wir’s und wandlen unsres Pfads!
(Entfernen sich.)

Sirenen
(oben auf dem Felsen)

8160
     Was sehen wir von weiten

     Das Wellenreich durchgleiten?
     Als wie nach Windes Regel
     Anzögen weiße Segel,
     So hell sind sie zu schauen,

8165
     Verklärte Meeresfrauen.

     Laßt uns herunterklimmen,

     Vernehmt ihr doch die Stimmen.
[164]
Nereiden und Tritonen

Was wir auf Händen tragen,
Soll allen euch behagen.

8170
Chelonens Riesenschilde

Entglänzt ein streng Gebilde:
Sind Götter, die wir bringen;
Müßt hohe Lieder singen.

Sirenen
     Klein von Gestalt,

8175
     Groß von Gewalt,

     Der Scheiternden Retter,
     Uralt verehrte Götter.

Nereiden und Tritonen
Wir bringen die Kabiren,
Ein friedlich Fest zu führen;

8180
Denn wo sie heilig walten,

Neptun wird freundlich schalten.

Sirenen
     Wir stehen euch nach;
     Wenn ein Schiff zerbrach,
     Unwiderstehbar an Kraft

8185
     Schützt ihr die Mannschaft.


Nereiden und Tritonen
Drei haben wir mitgenommen,
Der vierte wollte nicht kommen;
Er sagte, er sei der Rechte,

Der für sie alle dächte.
[165]
Sirenen
8190
     Ein Gott den andern Gott

     Macht wohl zu Spott.
     Ehrt ihr alle Gnaden,
     Fürchtet jeden Schaden.

Nereiden und Tritonen
Sind eigentlich ihrer sieben.

Sirenen

8195
Wo sind die drei geblieben?


Nereiden und Tritonen
Wir wüßten’s nicht zu sagen,
Sind im Olymp zu erfragen;
Dort west auch wohl der achte,
An den noch niemand dachte!

8200
In Gnaden uns gewärtig,

Doch alle noch nicht fertig.
Diese Unvergleichlichen
Wollen immer weiter,
Sehnsuchtsvolle Hungerleider

8205
Nach dem Unerreichlichen.


Sirenen
     Wir sind gewohnt,
     Wo es auch thront,
     In Sonn’ und Mond

     Hinzubeten; es lohnt.
[166]
Nereiden und Tritonen
8210
Wie unser Ruhm zum höchsten prangt,

Dieses Fest anzuführen!

Sirenen
     Die Helden des Altertums
     Ermangeln des Ruhms,
     Wo und wie er auch prangt,

8215
     Wenn sie das goldne Vlies erlangt,

     Ihr die Kabiren.
(Wiederholt als Allgesang.)
Wenn sie das goldne Vlies erlangt,
Wir (Ihr) die Kabiren.

Nereiden und Tritonen
{Ziehen vorüber).

Homunculus
Die Ungestalten seh’ ich an

8220
Als irden-schlechte Töpfe,

Nun stoßen sich die Weisen dran
Und brechen harte Köpfe.

Thales
Das ist es ja, was man begehrt:
Der rost macht erst die Münze wert.

Proteus (unbemerkt).

8225
So etwas freut mich alten Fabler!

Je wunderlicher, desto respektabler.

Thales

Wo bist du, Proteus?
[167]
Proteus

(bauchrednerisch, bald nah, bald fern)
 Hier! und hier!

Thales
Den alten Scherz verzeih’ ich dir;
Doch einem Freund nicht eitle Worte!

8230
Ich weiß, du sprichst vom falschen Orte.


Proteus
(als aus der Ferne)
Leb’ wohl!

Thales
(Leise zu Homunculus)
 Er ist ganz nah. Nun leuchte frisch!
Er ist neugierig wie ein Fisch;
Und wo er auch gestaltet stockt,
Durch Flammen wird er hergelockt.

Homunculus

8235
Ergieß’ich gleich des Lichtes Menge,

Bescheiden doch, daß ich das Glas nicht sprenge.

Proteus
(In Gestalt einer Riesen-Schildkröte)
Was leuchtet so anmutig schön?

Thales
(den Humunculus verhüllend).
Gut! Wenn du Lust hast, kannst du’s näher sehn.
Die kleine Mühe laß dich nicht verdrießen

8240
Und zeige dich auf menschlich beiden Füßen.

Mit unsern Gunsten sei’s, mit unserm Willen,

Wer schauen will, was wir verhüllen.
[148]
Proteus (edel gestaltet)

Weltweise Kniffe sind dir noch bewußt.

Thales
Gestalt zu wechseln, bleibt noch deine Lust.
(hat den Humunculus enthüllt.)

Proteus (erstaunt).

8245
Ein leuchtend Zwerglein! Niemals noch gesehn!


Thales
Es fragt um Rat und möchte gern entstehn.
Er ist, wie ich von ihm vernommen,
Gar wundersam nur halb zur Welt gekommen.
Ihm fehlt es nicht an geistigen Eigenschaften,

8250
Doch gar zu sehr am greiflich Tüchtighaften.

Bis jetzt gibt ihm das Glas allein Gewicht,
Doch wär’ er gern zunächst verkörperlicht.

Proteus
Du bist ein wahrer Jungfernsohn,
Eh’ du sein solltest, bist du schon!

Thales (leise).

8255
Auch scheint es mir von andrer Seite kritisch:

Er ist, mich dünkt, hermaphroditisch.

Proteus
Da muß es desto eher glücken;
So wie er anlangt, wird sich’s schicken.
Doch gilt es hier nicht viel Besinnen:

8260
Im weiten Meere mußt du anbeginnen!
[169]
Da fängt man erst im kleinen an

Und freut sich, Kleinste zu verschlingen,
Man wächst so nach und nach heran
Und bildet sich zu höherem Vollbringen.

Homunculus

8265
Hier weht gar eine weiche Luft,

Es grunelt so, und mir behagt der Duft!

Proteus
Das glaub’ ich, allerliebster Junge!
Und weiter hin wird’s viel behäglicher,
Auf dieser schmalen Strandeszunge

8270
Der Dunstkreis noch unsäglicher;

Da vorne sehen wir den Zug,
Der eben herschwebt, nah genug.
Kommt mit dahin!

Thales
 Ich gehe mit.

Homunculus
Dreifach merkwürd’ger Geisterschritt!

Telchinen von Rhodus
auf Hippolampen und Meerdrachen, Neptuns Dreyzack handhabend

Chor

8275
Wir haben den Dreizack Neptunen geschmiedet,
Womit er die regesten Wellen begütet.
[170]
Entfaltet der Donnrer die Wolken, die vollen,

Entgegnet Neptunus dem greulichen Rollen;
Und wie auch von oben es zackig erblitzt,

8280
Wird Woge nach Woge von unten gespritzt;

Und was auch dazwischen in ängsten gerungen,
Wird, lange geschleudert, vom Tiefsten verschlungen;
Weshalb er uns heute den Zepter gereicht--
Nun schweben wir festlich, beruhigt und leicht.

Sirenen

8285
     Euch, dem Helios Geweihten,

     Heitern Tags Gebenedeiten,
     Gruß zur Stunde, die bewegt
     Lunas Hochverehrung regt!

Telchinen
Allieblichste Göttin am Bogen da droben!

8290
Du hörst mit Entzücken den Bruder beloben.

Der seligen Rhodus verleihst du ein Ohr,
Dort steigt ihm ein ewiger Päan hervor.
Beginnt er den Tagslauf und ist es getan,
Er blickt uns mit feurigem Strahlenblick an.

8295
Die Berge, die Städte, die Ufer, die Welle

Gefallen dem Gotte, sind lieblich und helle.
Kein Nebel umschwebt uns, und schleicht er sich ein,
Ein Strahl und ein Lüftchen, die Insel ist rein!
Da schaut sich der Hohe in hundert Gebilden,

8300
Als Jüngling, als Riesen, den großen, den milden.

Wir ersten, wir waren’s, die Göttergewalt

Aufstellten in würdiger Menschengestalt.
[171]
Proteus

     Laß du sie singen, laß sie prahlen!
     Der Sonne heiligen Lebestrahlen

8305
     Sind tote Werke nur ein Spaß.

     Das bildet, schmelzend, unverdrossen;
     Und haben sie’s in Erz gegossen,
     Dann denken sie, es wäre was.
     Was ist’s zuletzt mit diesen Stolzen?

8310
     Die Götterbilder standen groß--

     Zerstörte sie ein Erdestoß;
     Längst sind sie wieder eingeschmolzen.
     Das Erdetreiben, wie’s auch sei,
     Ist immer doch nur Plackerei;

8315
     Dem Leben frommt die Welle besser;

     Dich trägt ins ewige Gewässer
     Proteus-Delphin (Er verwandelt sich).
      Schon ist’s getan!
     Da soll es dir zum schönsten glücken:
     Ich nehme dich auf meinen Rücken,

8320
     Vermähle dich dem Ozean.


Thales
Gib nach dem löblichen Verlangen,
Von vorn die Schöpfung anzufangen!
Zu raschem Wirken sei bereit!
Da regst du dich nach ewigen Normen,

8325
Durch tausend, abertausend Formen,
Und bis zum Menschen hast du Zeit.
[172]
Homunculus

(besteigt den Proteus-Delphin)
Proteus
Komm geistig mit in feuchte Weite,
Da lebst du gleich in Läng’ und Breite,
Beliebig regest du dich hier;

8330
Nur strebe nicht nach höheren Orden:

Denn bist du erst ein Mensch geworden,
Dann ist es völlig aus mit dir.

Thales
Nachdem es kommt; ’s ist auch wohl fein,
Ein wackrer Mann zu seiner Zeit zu sein.

Proteus (zu Thales)

8335
So einer wohl von deinem Schlag!

Das hält noch eine Weile nach;
Denn unter bleichen Geisterscharen
Seh’ ich dich schon seit vielen hundret Jahern.

Sirenen
(auf dem Felsen)
     Welch ein Ring von Wölkchen ründet

8340
     Um den Mond so reichen Kreis?

     Tauben sind es, liebentzündet,
     Fittiche, wie Licht so weiß.
     Paphos hat sie hergesendet,
     Ihre brünstige Vogelschar;

8345
     Unser Fest, es ist vollendet,
     Heitre Wonne voll und klar!
[173]
Nereus

(zu Thales tretend).
Nennte wohl ein nächtiger Wanderer
Diesen Mondhof Lufterscheinung;
Doch wir Geister sind ganz anderer<br />

8350
Und der einzig richtigen Meinung:

Tauben sind es, die begleiten
Meiner Tochter Muschelfahrt,
Wunderflugs besondrer Art,
Angelernt vor alten Zeiten.

Thales

8355
Auch ich halte das fürs Beste,

Was dem wackern Mann gefällt,
Wenn im stillen, warmen Neste
Sich ein Heiliges lebend hält.

Psyllen und Marsen
(auf Meerstieren, Meerkälber und Widdern)
In Cyperns rauhen Höhlegrüften,

8360
Vom Meergott nicht verschüttet,

Vom Seismos nicht zerrüttet,
Umweht von ewigen Lüften,
Und, wie in den ältesten Tagen,
In stillbewußtem Behagen

8365
Bewahren wir Cypriens Wagen

Und führen, beim Säuseln der Nächte,
Durch liebliches Wellengeflechte,
Unsichtbar dem neuen Geschlechte,

Die lieblichste Tochter heran.
[174]
8370
Wir leise Geschäftigen scheuen

Weder Adler noch geflügelten Leuen,
Weder Kreuz noch Mond,
Wie es oben wohnt und thront,
Sich wechselnd wegt und regt,

8375
Sich vertreibt und totschlägt,

Saaten und Städte niederlegt.
Wir, so fortan,
Bringen die lieblichste Herrin heran.

Sirenen
(im Chor am Mereus vorbeiziehend, sämmtlich auf Delphinen)
     Leicht bewegt, in mäßiger Eile,

8380
     Um den Wagen, Kreis um Kreis,

     Bald verschlungen Zeil’ an Zeile,
     Schlangenartig reihenweis,
     Naht euch, rüstige Nereiden,
     Derbe Fraun, gefällig wild,

8385
     Bringet, zärtliche Doriden,

     Galateen, der Mutter Bild:
     Ernst, den Göttern gleich zu schauen,
     Würdiger Unsterblichkeit,
     Doch wie holde Menschenfrauen

8390
     Lockender Anmutigkeit.


Doriden
     Leih uns, Luna, Licht und Schatten,
     Klarheit diesem Jugendflor!
     Denn wir zeigen liebe Gatten

     Unserm Vater bittend vor.
[175]
8395
     Knaben sind’s, die wir gerettet

     Aus der Brandung grimmem Zahn,
     Sie, auf Schilf und Moos gebettet,
     Aufgewärmt zum Licht heran,
     Die es nun mit heißen Küssen

8400
     Treulich uns verdanken müssen;

     Schau die Holden günstig an!

Nereus
Hoch ist der Doppelgewinn zu schätzen:
Barmherzig sein, und sich zugleich ergetzen.

Doriden
     Lobst du, Vater, unser Walten,

8405
     Gönnst uns wohlerworbene Lust,

     Laß uns fest, unsterblich halten
     Sie an ewiger Jungendbrust.

Nereus
Mögt euch des schönen Fanges freuen,
Den Jüngling bildet euch als Mann;

8410
Allein ich könnte nicht verleihen,

Was Zeus allein gewähren kann.
Die Welle, die euch wogt und schaukelt,
Läßt auch der Liebe nicht Bestand,
Und hat die Neigung ausgegaukelt,

8415
So setzt gemächlich sie ans Land.


Doriden
     Ihr, holde Knaben, seid uns wert,
     Doch müssen wir traurig scheiden;
     Wir haben ewige Treue begehrt,

     Die Götter wollen’s nicht leiden.
[176]
Die Jünglinge
8420
     Wenn ihr uns nur so ferner labt,

     Uns wackre Schifferknaben;
     Wir haben’s nie so gut gehabt
     Und wollen’s nicht besser haben.

Galatee
(auf dem Muschelwagen nähert sich.)

Nereus
Du bist es, mein Liebchen!

Galatee
 O Vater! das Glück!

8425
Delphine, verweilet! mich fesselt der Blick.


Nereus
Vorüber schon, sie ziehen vorüber
In kreisenden Schwunges Bewegung;
Was kümmert sie die innre herzliche Regung!
Ach, nähmen sie mich mit hinüber!

8430
Doch ein einziger Blick ergetzt,

Daß er das ganze Jahr ersetzt,

Thales
Heil! Heil! aufs neue!
Wie ich mich blühend freue,
Vom Schönen, Wahren durchdrungen...

8435
Alles ist aus dem Wasser entsprungen!!

Alles wird durch das Wasser erhalten!
Ozean, gönn uns dein ewiges Walten.
Wenn du nicht Wolken sendetest,

Nicht reiche Bäche spendetest,
[177]
8440
Hin und her nicht Flüsse wendetest,

Die Ströme nicht vollendetest,
Was wären Gebirge, was Ebnen und Welt?
Du bist’s der das frischeste Leben erhält.

Echo
(Choros der sämmtlichen Kreise).
Du bist’s, dem das frischeste Leben entquellt.

Nereus

8445
Sie kehren schwankend fern zurück,

Bringen nicht mehr Blick zu Blick;
In gedehnten Kettenkreisen,
Sich festgemäß zu erweisen,
Windet sich die unzählige Schar.

8450
Aber Galateas Muschelthron

Seh’ ich schon und aber schon.
Er glänzt wie ein stern
Durch die Menge.
Geliebtes leuchtet durchs Gedränge!

8455
Auch noch so fern

Schimmert’s hell und klar,
Immer nah und wahr.

Homunculus
     In dieser holden Feuchte
     Was ich auch hier beleuchte,

8460
     Ist alles reizend schön.


Proteus
     In dieser Lebensfeuchte
     Erglänzt erst deine Leuchte

     Mit herrlichem Getön.
[178]
Nereus

Welch neues Geheimnis in Mitte der Scharen

8465
Will unseren Augen sich offengebaren?

Was flammt um die Muschel, um Galatees Füße?
Bald lodert es mächtig, bald lieblich, bald süße,
Als wär’ es von Pulsen der Liebe gerührt.

Thales
Homunculus ist es, von Proteus verführt...

8470
Es sind die Symptome des herrischen Sehnens,

Mir ahnet das ächzen beängsteten Dröhnens;
Er wird sich zerschellen am glänzenden Thron;
Jetzt flammt es, nun blitzt es, ergießet sich schon.

Sirenen
Welch feuriges Wunder verklärt uns die Wellen,

8475
Die gegeneinander sich funkelnd zerschellen?

So leuchtet’s und schwanket und hellet hinan:
Die Körper, sie glühen auf nächtlicher Bahn,
Und ringsum ist alles vom Feuer umronnen;
So herrsche denn Eros, der alles begonnen!

8480
     Heil dem Meere! Heil den Wogen,

     Von dem heilgen Feuer umzogen!
     Heil dem Wasser! Heil dem Feuer!
     Heil dem seltnen Abenteuer!
All Alle!
     Heil den mildgewogenen Lüften!

8485
     Heil geheimnisreichen Grüften!

     Hochgefeiert seid allhier,

     Element’ ihr alle vier!
[179]
Dritter Act
Vor dem Palaste des Menelas zu Sparta
Helena tritt auf und Chor gefangener Trojanerinnen.
Panthalis Chorführerin.
Helena

Bewundert viel und viel gescholten, Helena,
Vom Strande komm’ ich, wo wir erst gelandet sind,

8490
Noch immer trunken von des Gewoges regsamem

Geschaukel, das vom phrygischen Blachgefild uns her
Auf sträubig-hohem Rücken, durch Poseidons Gunst
Und Euros’ Kraft, in vaterländische Buchten trug.
Dort unten freuet nun der König Menelas

8495
Der Rückkehr samt den tapfersten seiner Krieger sich.

Du aber heiße mich willkommen, hohes Haus,
Das Tyndareos, mein Vater, nah dem Hange sich
Von Pallas’ Hügel wiederkehrend aufgebaut
Und, als ich hier mit Klytämnestren schwesterlich,

8500
Mit Kastor auch und Pollux fröhlich spielend wuchs,
Vor allen Häusern Spartas herrlich ausgeschmückt.
[180]
Gegrüßet seid mir, der ehrnen Pforte Flügel ihr!

Durch euer gastlich ladendes Weit-Eröffnen einst
Geschah’s, daß mir, erwählt aus vielen, Menelas

8505
In Bräutigamsgestalt entgegenleuchtete.

Eröffnet mir sie wieder, daß ich ein Eilgebot
Des Königs treu erfülle, wie der Gattin ziemt.
Laßt mich hinein! und alles bleibe hinter mir,
Was mich umstrürmte bis hieher, verhängnisvoll.

8510
Denn seit ich diese Schwelle sorgenlos verließ,

Cytherens Tempel besuchend, heiliger Pflicht gemäß,
Mich aber dort ein Räuber griff, der phrygische,
Ist viel geschehen, was die Menschen weit und breit
So gern erzählen, aber der nicht gerne hört,

8515
Von dem die Sage wachsend sich zum Märchen spann.


Chor
     Verschmähe nicht, o herrliche Frau,
     Des höchsten Gutes Ehrenbesitz!
     Denn das größte Glück ist dir einzig beschert,
     Der Schönheit Ruhm, der vor allen sich hebt.

8520
     Dem Helden tönt sein Name voran,

     Drum schreitet er stolz;
     Doch beugt sogleich hartnäckigster Mann
     Vor der allbezwingenden Schöne den Sinn.

Helena
Genug! mit meinem Gatten bin ich hergeschifft

8525
Und nun von ihm zu seiner Stadt voraugesandt;

Doch welchen Sinn er hegen mag, errat’ ich nicht.

Komm’ ich als Gattin? komm’ ich eine Königin?
[181]
Komm’ ich ein Opfer für des Fürsten bittern Schmerz

Und für der Griechen lang’ erduldetes Mißgeschick?

8530
Erobert bin ich; ob gefangen, weiß ich nicht!

Denn Ruf und Schicksal bestimmten füwahr die Unsterblichen
Zweideutig mir, der Schöngestalt bedenkliche
Begleiter, die an dieser Schwelle mir sogar
Mit düster drohender Gegenwart zur Seite stehn.

8535
Denn schon im hohlen Schiffe blickte mich der Gemahl

Nur selten an, auch sprach er kein erquicklich Wort.
Als wenn er Unheil sänne, saß er gegen mir.
Nun aber, als des Eurotas tiefem Buchtgestad
Hinangefahren der vordern Schiffe Schnäbel kaum

8540
Das Land begrüßten, sprach er, wie vom Gott bewegt:

"Hier steigen meine Krieger nach der Ordnung aus,
Ich mustere sie, am Strand des Meeres hingereiht;
Du aber ziehe weiter, ziehe des heiligen
Eurotas fruchtbegabtem Ufer immer auf,

8545
Die Rosse lenkend auf der feuchten Wiese Schmuck,

Bis daß zur schönen Ebene du gelangen magst,
Wo Lakedämon, einst ein fruchtbar weites Feld,
Von ernsten Bergen nah umgeben, angebaut.
Betrete dann das hochgetürmte Fürstenhaus

8550
Und mustere mir die Mägde, die ich dort zurück

Gelassen, samt der klugen alten Schaffnerin.
Die zeige dir der Schätze reiche Sammlung vor,
Wie sie dein Vater hinterließ und die ich selbst
In Krieg und Frieden, stets vermehrend, aufgehäuft.

8555
Du findest alles nach der Ordnung stehen; denn
[182]
Das ist des Fürsten Vorrecht, daß er alles treu

In seinem Hause, wiederkehrend, finde, noch
An seinem Platze jedes, wie er’s dort verließ.
Denn nichts zu ändern hat für sich der Knecht Gewalt."

Chor

8560
     Erquicke nun am herrlichen Schatz,

     Dem stets vermehrten, Augen und Brust!
     Denn der Kette Zier, der Krone Geschmuck,
     Da ruhn sie stolz, und sie dünken sich was;
     Doch tritt nur ein und fordre sie auf,

8565
     Sie rüsten sich schnell.

     Mich freuet, zu sehn Schönheit in dem Kampf
     Gegen Gold und Perlen und Edelgestein.

Helena
Sodann erfolgte des Herren ferneres Herrscherwort:
"Wenn du nun alles nach der Ordnung durchgesehn,

8570
Dann nimm so manchen Dreifuß, als du nötig glaubst,

Und mancherlei Gefäße, die der Opfer sich
Zur Hand verlangt, vollziehend heiligen Festgebrauch.
Die Kessel, auch die Schalen, wie das flache Rund;
Das reinste Wasser aus der heiligen Quelle sei

8575
In hohen Krügen; ferner auch das trockne Holz,

Der Flammen schnell empfänglich, halte da bereit;
Ein wohlgeschliffnes Messer fehle nicht zuletzt;
Doch alles andre geb’ ich deiner Sorge hin."
So sprach er, mich zum Scheiden drängend; aber nichts

8580
Lebendigen Atems zeichnet mir der Ordnende,
Das er, die Olympier zu verehren, schlachten will.
[183]
Bedenklich ist es; doch ich sorge weiter nicht,

Und alles bleibe hohen Göttern heimgestellt,
Die das vollenden, was in ihrem Sinn sie deucht,

8585
Es möge gut von Menschen oder möge bös

Geachtet sein; die Sterblichen, wir ertragen das.
Schon manchmal hob das schwere Beil der Opfernde
Zu des erdgebeugten Tieres Nacken weihend auf
Und konnt’ es nicht vollbringen, denn ihn hinderte

8590
Des nahen Feindes oder Gottes Zwischenkunft.


Chor
     Was geschehen werde, sinnst du nicht aus;
     Königin, schreite dahin
     Guten Muts!
     Gutes und Böses kommt

8595
     Unerwartet dem Menschen;

     Auch verkündet, glauben wir’s nicht.
     Brannte doch Troja, sahen wir doch
     Tod vor Augen, schmählichen Tod;
     Und sind wir nicht hier

8600
     Dir gesellt, dienstbar freudig,

     Schauen des Himmels blendende Sonne
     Und das Schönste der Erde
     Huldvoll, dich, uns Glücklichen?

Helena
Sei’s wie es sei! Was auch bevorsteht, mir geziemt,

8605
Hinaufzusteigen ungesäumt in das Königshaus,

Das, lang’ entbehrt und viel ersehnt und fast verscherzt,

Mir abermals vor Augen steht, ich weiß nicht wie.
[184]
Die Füße tragen mich so mutig nicht empor

Die hohen Stufen, die ich kindisch übersprang.

Chor

8610
     Werfet, o Schwestern, ihr

     Traurig gefangenen,
     Alle Schmerzen ins Weite;
     Teilet der Herrin Glück,
     Teilet Helenens Glück,

8615
     Welche zu Vaterhauses Herd,

     Zwar mit spät zurückkehrendem,
     Aber mit desto festerem
     Fuße freudig herannaht.

     Preiset die heiligen,

8620
     Glücklich herstellenden

     Und heimführenden Götter!
     Schwebt der Entbundene
     Doch wie auf Fittichen
     Über das Rauhste, wenn umsonst

8625
     Der Gefangene sehnsuchtsvoll

     Ueber die Zinne des Kerkers hin
     Armausbreitend sich abhärmt.

     Aber sie ergriff ein Gott,
     Die Entfernte;

8630
     Und aus Ilios’ Schutt

     Trug er hierher sie zurück
     In das alte, das neugeschmückte

     Vaterhaus,
[185]
     Nach unsäglichen
8635
     Freuden und Qualen,

     Früher Jugendzeit
     Angefrischt zu gedenken.

Panthalis
(als Chorführering).
Verlasset nun des Gesanges freudumgebnen Pfad
Und wendet nach der Türe Flügeln euren Blick!

8640
Was seh’ ich, Schwestern? Kehret nicht die Königin

Mit heftigen Schrittes Regung wieder zu uns her?
Was ist es, große Königin, was konnte dir
In deines Hauses Hallen, statt der Deinen Gruß,
Erschütterndes begegnen? Du verbirgst es nicht;

8645
Denn Widerwillen seh’ ich an der Stirne dir,

Ein edles Zürnen, das mit überraschung kämpft.

Helena
(welche die Thürflügel offen gelassen hat, bewegt).
Der Tochter Zeus’ geziemet nicht gemeine Furcht,
Und flüchtig-leise Schreckenshand berührt sie nicht;
Doch das Entsetzen, das, dem Schoß der alten Nacht

8650
Von Urbeginn entsteigend, vielgestaltet noch

Wie glühende Wolken aus des Berges Feuerschlund
Herauf sich wälzt, erschüttert auch des Helden Brust.
So haben heute grauenvoll die Stygischen
Ins Haus den Eintritt mir bezeichnet, daß ich gern

8655
Von oft betretner, langersehnter Schwelle mich,

Entlaßnem Gaste gleich, entfernend scheiden mag.
Doch nein! gewichen bin ich her ans Licht, und sollt

Ihr weiter nicht mich treiben, Mächte, wer ihr seid.
[186]
Auf Weihe will ich sinnen, dann gereinigt mag
8660
Des Herdes Glut die Frau begrüßen wie den Herrn.


Chorführerin
Entdecke deinen Dienerinnen, edle Frau,
Die dir verehrend beistehn, was begegnet ist.

Helena
Was ich gesehen, sollt ihr selbst mit Augen sehn,
Wenn ihr Gebilde nicht die alte Nacht sogleich

8665
Zurückgeschlungen in ihrer Tiefe Wunderschoß.

Doch daß ihr’s wisset, sag’ ich’s euch mit Worten an:
Als ich des Königshauses ernsten Binnenraum,
Der nächsten Pflicht gedenkend, feierlich betrat,
Erstaunt’ ich ob der öden Gänge Schweigsamkeit,

8670
Nicht Schall der emsig Wandelnden begegnete

Dem Ohr, nicht raschgeschäftiges Eiligtun dem Blick,
Und keine Magd erschien mir, keine Schaffnerin,
Die jeden Fremden freundlich sonst begrüßenden.
Als aber ich dem Schoße des Herdes mich genaht,

8675
Da sah ich, bei verglommner Asche lauem Rest,

Am Boden sitzen welch verhülltes großes Weib,
Der Schlafenden nicht vergleichbar, wohl der Sinnenden.
Mit Herrscherworten ruf’ ich sie zur Arbeit auf,
Die Schaffnerin mir vermutend, die indes vielleicht

8680
Des Gatten Vorsicht hinterlassend angestellt;

Doch eingefaltet sitzt die Unbewegliche;
Nur endlich rührt sie auf mein Dräun den rechten Arm,
Als wiese sie von Herd und Halle mich hinweg.
Ich wende zürnend mich ab von ihr und eile gleich

8685
Den Stufen zu, worauf empor der Thalamos
[187]
Geschmückt sich hebt und nah daran das Schatzgemach;

Allein das Wunder reißt sich schnell vom Boden auf,
Gebietrisch mir den Weg vertretend, zeigt es sich
In hagrer Größe, hohlen, blutig-trüben Blicks,

8690
Seltsamer Bildung, wie sie Aug’ und Geist verwirrt.

Doch red’ ich in die Lüfte; denn das Wort bemüht
Sich nur umsonst, Gestalten schöpferisch aufzubaun.
Da seht sie selbst! sie wagt sogar sich ans Licht hervor!
Hier sind wir Meister, bis der Herr und König kommt.

8695
Die grausen Nachtgeburten drängt der Schönheitsfreund

Phöbus hinweg in Höhlen, oder bändigt sie.

Phorkas
(auf der Schwelle zwischen den Thürpfosten auftretend).

Chor
     Vieles erlebt’ ich, obgleich die Locke
     Jugendlich wallet mir um die Schläfe!
     Schreckliches hab’ ich vieles gesehen,

8700
     Kriegrischen Jammer, Ilios’ Nacht,

     Als es fiel.

     Durch das umwölkte, staubende Tosen
     Drängender Krieger hört’ ich die Götter
     Fürchterlich rufen, hört’ ich der Zwietracht

8705
     Eherne Stimme schallen durchs Feld,

     Mauerwärts.

     Ach! sie standen noch, Ilios’
     Mauern, aber die Flammenglut

     Zog vom Nachbar zum Nachbar schon,
[188]
8710
     Sich verbreitend von hier und dort

     Mit des eignen Sturmes Wehn
     über die nächtliche Stadt hin.

     Flüchtend sah ich durch Rauch und Glut
     Und der züngelnden Flamme Loh’n

8715
     Gräßlich zürnender Götter Nahn,

     Schreitend Wundergestalten
     Riesengroß, durch düsteren
     Feuerumleuchteten Qualm hin.

     Sah ich’s, oder bildete

8720
     Mir der angstumschlungene Geist

     Solches Verworrene? sagen kann
     Nimmer ich’s, doch daß ich dies
     Gräßliche hier mit Augen schau’,
     Solches gewiß ja weiß ich;

8725
     Könnt’ es mit Händen fassen gar,

     Hielte von dem Gefährlichen
     Nicht zurücke die Furcht mich.

     Welche von Phorkys’
     Töchtern nur bist du?

8730
     Denn ich vergleiche dich

     Diesem Geschlechte.
     Bist du vielleicht der graugebornen,
     Eines Auges und eines Zahns
     Wechselsweis teilhaftigen

8735
     Graien eine gekommen?
[189]
     Wagest du Scheusal

     Neben der Schönheit
     Dich vor dem Kennerblick
     Phöbus’ zu zeigen?

8740
     Tritt du dennoch hervor nur immer;

     Denn das Häßliche schaut er nicht,
     Wie sein heilig Auge noch
     Nie erblickte den Schatten.

     Doch uns Sterbliche nötigt, ach,

8745
     Leider trauriges Mißgeschick

     Zu dem unsäglichen Augenschmerz,
     Den das Verwerfliche, Ewig-Unselige
     Schönheitliebenden rege macht.

     Ja, so höre denn, wenn du frech

8750
     Uns entgegenest, höre Fluch,

     Höre jeglicher Schelte Drohn
     Aus dem verwünschenden Munde der Glücklichen,
     Die von Göttern gebildet sind.

Phorkyas
Alt ist das Wort, doch bleibet hoch und wahr der Sinn,

8755
Daß Scham und Schönheit nie zusammen, Hand in Hand,

Den Weg verfolgen über der Erde grünen Pfad.
Tief eingewurzelt wohnt in beiden alter Haß,
Daß, wo sie immer irgend auch des Weges sich
Begegnen, jede der Gernerin den Rücken kehrt.

8760
Dann eilet jede wieder heftiger, weiter fort,
Die Scham betrübt, die Schönheit aber frech gesinnt,
[190]
Bis sie zuletzt des Orkus hohle Nacht umfängt,

Wenn nicht das Alter sie vorher gebändigt hat.
Euch find’ ich nun, ihr Frechen, aus der Fremde her

8765
Mit übermut ergossen, gleich der Kraniche

Laut-heiser klingendem Zug, der über unser Haupt,
In langer Wolke, krächzend sein Getön herab
Schickt, das den stillen Wandrer über sich hinauf
Zu blicken lockt; doch ziehn sie ihren Weg dahin,

8770
Er geht den seinen; also wird’s mit uns geschehn.


Wer seid denn ihr, daß ihr des Königes Hochpalast
Mänadisch wild, Betrunknen gleich, umtoben dürft?
Wer seid ihr denn, daß ihr des Hauses Schaffnerin
Entgegenheulet, wie dem Mond der Hunde Schar?

8775
Wähnt ihr, verborgen sei mir, welch Geschlecht ihr seid,

Du kriegerzeugte, schlachterzogne junge Brut?
Mannlustige du, so wie verführt verführende,
Entnervend beide, Kriegers auch und Bürgers Kraft!
Zu Hauf euch sehend, scheint mir ein Zikadenschwarm

8780
Herabzustürzen, deckend grüne Feldersaat.

Verzehrerinnen fremden Fleißes! Naschende
Vernichterinnen aufgekeimten Wohlstands ihr!
Erobert’, marktverkauft’, vertauschte Ware du!

Helena
Wer gegenwarts der Frau die Dienerinnen schilt,

8785
Der Gebietrin Hausrecht tastet er vermessen an;

Denn ihr gebührt allein, das Lobenswürdige
Zu rühmen, wie zu strafen, was verwerflich ist.

Auch bin des Dienstes ich wohl zufrieden, den sie mir
[191]
Geleistet, als die hohe Kraft von Ilios
8790
Umlagert stand und fiel und lag; nicht weniger,

Als wir der Irrfahrt kummervolle Wechselnot
Ertrugen, wo sonst jeder sich der Nächste bleibt.
Auch hier erwart’ ich Gleiches von der muntern Schar;
Nicht, was der Knecht sei, fragt der Herr, nur, wie er dient.

8795
Drum schweige du und grinse sie nicht länger an.

Hast du das Haus des Königs wohl verwahrt bisher
Anstatt der Hausfrau, solches dient zum Ruhme dir;
Doch jetzo kommt sie selber, tritt nun du zurück,
Damit nicht Strafe werde statt verdienten Lohns.

Phorkyas

8800
Den Hausgenossen drohen bleibt ein großes Recht,

Das gottbeglückten Herrschers hohe Gattin sich
Durch langer Jahre weise Leitung wohl verdient.
Da du, nun Anerkannte, neu den alten Platz
Der Königin und Hausfrau wiederum betrittst,

8805
So fasse längst erschlaffte Zügel, herrsche nun,

Nimm in Besitz den Schatz und sämtlich uns dazu.
Vor allem aber schütze mich, die ältere,
Vor dieser Schar, die neben deiner Schönheit Schwan
Nur schlecht befitticht’, schnatterhafte Gänse sind.

Chorführerin

8810
Wie häßlich neben Schönheit zeigt sich Häßlichkeit.


Phorkyas
Wie unverständig neben Klugheit Unverstand.

(Vor hier an erwiedern die Choritiden, einzeln aus dem Chor heraustretend.)
[192]
Choretide 1

Von Vater Erebus melde, melde von Mutter Nacht.

Phorkyas
So sprich von Scylla, leiblich dir Geschwisterkind.

Choretide 2
An deinem Stammbaum steigt manch Ungeheur empor.

Phorkyas

8815
Zum Orkus hin! da suche deine Sippschaft auf.


Choretide 3
Die dorten wohnen, sind dir alle viel zu jung.

Phorkyas
Tiresias, den Alten, gehe buhlend an.

Choretide 4
Orions Amme war dir Ur-Urenkelin.

Phorkyas
Harpyen, wähn’ ich, fütterten dich im Unflat auf.

Choretide 5

8820
Mit was ernährst du so gepflegte Magerkeit?


Phorkyas
Mit Blute nicht, wonach du allzulüstern bist.

Choretide 6
Begierig du auf Leichen, ekle Leiche selbst!

Phorkyas
Vampyren-Zähne glänzen dir im frechen Maul.

Chorführerin
Das deine stopf’ ich, wenn ich sage, wer du seist.

Phorkyas

8825
So nenne dich zuerst; das Rätsel hebt sich auf.
[193]
Helena

Nicht zürnend, aber traurend schreit’ ich zwischen euch,
Verbietend solchen Wechselstreites Ungestüm!
Denn Schädlicheres begegnet nichts dem Herrscherherrn
Als treuer Diener heimlich unterschworner Zwist.

8830
Das Echo seiner Befehle kehrt alsdann nicht mehr

In schnell vollbrachter Tat wohlstimmig ihm zurück,
Nein, eigenwillig brausend tost es um ihn her,
Den selbstverirrten, ins Vergebne scheltenden.
Dies nicht allein. Ihr habt in sittelosem Zorn

8835
Unsel’ger Bilder Schreckgestalten hergebannt,

Die mich umdrängen, daß ich selbst zum Orkus mich
Gerissen fühle, vaterländ’scher Flur zum Trutz.
Ist’s wohl Gedächtnis? war es Wahn, der mich ergreift?
War ich das alles? Bin ich’s? Werd’ ich’s künftig sein,

8840
Das Traum- und Schreckbild jener Städteverwüstenden?

Die Mädchen schaudern, aber du, die älteste,
Du stehst gelassen; rede mir verständig Wort.

Phorkyas
Wer langer Jahre mannigfaltigen Glücks gedenkt,
Ihm scheint zuletzt die höchste Göttergunst ein Traum.

8845
Du aber, hochbegünstigt sonder Maß und Ziel,

In Lebensreihe sahst nur Liebesbrünstige,
Entzündet rasch zum kühnsten Wagstück jeder Art.
Schon Theseus haschte früh dich, gierig aufgeregt,
Wie Herakles stark, ein herrlich schön geformter Mann.

Helena

8850
Entführte mich, ein zehenjährig schlankes Reh,
Und mich umschloß Aphidnus’ Burg in Attika.
[194]
Phorkyas

Durch Kastor und durch Pollux aber bald befreit,
Umworben standst du ausgesuchter Heldenschar.

Helena
Doch stille Gunst vor allen, wie ich gern gesteh’,

8855
Gewann Patroklus, er, des Peliden Ebenbild.


Phorkyas
Doch Vaterwille traute dich an Menelas,
Den kühnen Seedurchstreicher, Hausbewahrer auch.

Helena
Die Tochter gab er, gab des Reichs Bestellung ihm.
Aus ehlichem Beisein sproßte dann Hermione.

Phorkyas

8860
Doch als er fern sich Kretas Erbe kühn erstritt,

Dir Einsamen da erschien ein allzuschöner Gast.

Helena
Warum gedenkst du jener halben Witwenschaft,
Und welch Verderben gräßlich mir daraus erwuchs?

Phorkyas
Auch jene Fahrt, mir freigebornen Kreterin

8865
Gefangenschaft erschuf sie, lange Sklaverei.


Helena
Als Schaffnerin bestellt’ er dich sogleich hieher,
Vertrauend vieles, Burg und kühn erworbnen Schatz.

Phorkyas
Die du verließest, Ilios’ umtürmter Stadt

Und unerschöpften Liebesfreuden zugewandt.
[195]
Helena
8870
Gedenke nicht der Freuden! allzuherben Leids

Unendlichkeit ergoß sich über Brust und Haupt.

Phorkyas
Doch sagt man, du erschienst ein doppelhaft Gebild,
In Ilios gesehen und in ägypten auch.

Helena
Verwirre wüsten Sinnes Aberwitz nicht gar.

8875
Selbst jetzo, welche denn ich sei, ich weiß es nicht.


Phorkyas
Dann sagen sie: aus hohlem Schattenreich herauf
Gesellte sich inbrünstig noch Achill zu dir!
Dich früher liebend gegen allen Geschicks Beschluß.

Helena
Ich als Idol, ihm dem Idol verband ich mich.

8880
Es war ein Traum, so sagen ja die Worte selbst.

Ich schwinde hin und werde selbst mir ein Idol.
(Sink dem Halbbchor in die Arme.)

Chor
     Schweige, schweige!
     Mißblickende, Mißredende du!
     Aus so gräßlichen einzahnigen

8885
     Lippen, was enthaucht wohl

     Solchem furchtbaren Greuelschlund!
     Denn der Bösartige, wohltätig erscheinend,
     Wolfesgrimm unter schafwolligem Vlies,
     Mir ist er weit schrecklicher als des drey-

8890
     köpfigen/ Hundes Rachen.
[196]
     ängstlich lauschend stehn wir da:

     Wann? wie? wo nur bricht’s hervor,
     Solcher Tücke
     Tiefauflauerndes Ungethüm?

8895
     Nun denn, statt freundlich mit Trost reich begabten,

     Letheschenkenden, holdmildesten Worts
     Regest du auf aller Vergangenheit
     Bösestes mehr denn Gutes
     Und verdüsterst allzugleich

8900
     Mit dem Glanz der Gegenwart

     Auch der Zukunft
     Mild aufschimmerndes Hoffnungslicht.


     Schweige, schweige!
     Daß der Königin Seele,

8905
     Schon zu entfliehen bereit,

     Sich noch halte, festhalte
     Die Gestalt aller Gestalten,
     Welche die Sonne jemals beschien.
(Helena hat sich erholt und stht wieder in der Mitte.)

Phorkyas
Tritt hervor aus flüchtigen Wolken, hohe Sonne dieses Tags,

8910
Die verschleiert schon entzückte, blendend nun im Glanze herrscht.

Wie die Welt sich dir entfaltet, schaust du selbst mit holdem Blick.

Schelten sie mich auch für häßlich, kenn’ ich doch das Schöne wohl.
[197]
Helena

Tret’ ich schwankend aus der öde, die im Schwindel mich umgab,
Pflegt’ ich gern der Ruhe wieder, denn so müd’ ist mein Gebein:

8915
Doch es ziemet Königinnen, allen Menschen ziemt es wohl,

Sich zu fassen, zu ermannen, was auch drohend überrascht.

Phorkyas
Stehst du nun in deiner Großheit, deiner Schöne vor uns da,
Sagt dein Blick, daß du befiehlest; was befiehlst du? sprich es aus.

Helena
Eures Haders frech Versäumnis auszugleichen, seid bereit;

8920
Eilt, ein Opfer zu bestellen, wie der König mir gebot.


Phorkyas
Alles ist bereit im Hause, Schale, Dreifuß, scharfes Beil,
Zum Besprengen, zum Beräuchern; das zu Opfernde zeig’ an!

Helena
Nicht bezeichnet’ es der König.

Phorkyas

 Sprach’s nicht aus? O Jammerwort!
[198]
Helena

Welch ein Jammer überfällt dich?

Phorkyas
 Königin, du bist gemeint!

Helena

8925
Ich?


Phorkyas
 Und diese.

Chor
 Weh und Jammer!

Phorkyas
 Fallen wirst du durch das Beil.

Helena
Gräßlich doch geahnt; ich Arme!

Phorkyas
 Unvermeidlich scheint es mir.

Chor
Ach! Und uns? was wird begegnen?

Phorkyas
 Sie stirbt einen edlen Tod;
Doch am hohen Balken drinnen, der des Daches Giebel trägt,

Wie im Vogelfang die Drosseln, zappelt ihr der Reihe nach.
[199]
Phorkyas
8930
Gespenster!--Gleich erstarrten Bildern steht ihr da,

Geschreckt, vom Tag zu scheiden, der euch nicht gehört.
Die Menschen, die Gespenster sämtlich gleich wie ihr,
Entsagen auch nicht willig hehrem Sonnenschein;
Doch bittet oder rettet niemand sie vom Schluß;

8935
Sie wissen’s alle, wenigen doch gefällt es nur.

Genug, ihr seid verloren! Also frisch ans Werk.
(Klatscht in die Hände; darauf erscheinen an der Pforte
vermummte Zwerggestalten, welche die ausgesprochenen
Befehle alssbald mit Behendigkeit ausführen.)
Herbei, du düstres, kugelrundes Ungetüm!
Wälzt euch hieher, zu schaden gibt es hier nach Lust.
Dem Tragaltar, dem goldgehörnten, gebet Platz,

8940
Das Beil, es liege blinkend über dem Silberrand,

Die Wasserkrüge füllet, abzuwaschen gibt’s
Des schwarzen Blutes greuelvolle Besudelung.
Den Teppich breitet köstlich hier am Staube hin,
Damit das Opfer niederkniee königlich

8945
Und eingewickelt, zwar getrennten Haupts sogleich,

Anständig würdig aber doch bestattet sei.

Chorführerin
Die Königin stehet sinnend an der Seite hier,
Die Mädchen welken gleich gemähtem Wiesengras;
Mir aber deucht, der ältesten, heiliger Pflicht gemäß,

8950
Mit dir das Wort zu wechseln, Ur-Urälteste.

Du bist erfahren, weise, scheinst uns gut gesinnt,
Obschon verkennend hirnlos diese Schar dich traf.

Drum sage, was du möglich noch von Rettung weißt.
[200]
Phorkyas

Ist leicht gesagt: von der Königin hängt allein es ab,

8955
Sich selbst zu erhalten, euch Zugaben auch mit ihr.

Entschlossenheit ist nötig und die behendeste.

Chor
Ehrenwürdigste der Parzen, weiseste Sibylle du,
Halte gesperrt die goldene Schere, dann verkünd’ uns Tag und Heil;
Denn wir fühlen schon im Schweben, Schwanken, Bammeln unergetzlich

8960
Unsere Gliederchen, die lieber erst im Tanze sich ergetzten,

Ruhten drauf an Liebchens Brust.

Helena
Laß diese bangen! Schmerz empfind’ ich, keine Furcht;
Doch kennst du Rettung, dankbar sei sie anerkannt.
Dem Klungen, Weitumsichtigen zeigt fürwahr sich oft

8965
Unmögliches noch als möglich. Sprich und sag’ es an.


Chor
Sprich und sage, sag uns eilig: wie entrinnen wir den grausen,
Garstigen Schlingen, die bedrohlich, als die schlechtesten Geschmeide,
Sich um unsre Hälse ziehen? Vorempfinden wir’s, die Armen,
Zum Entatmen, zum Ersticken, wenn du, Rhea, aller Götter

8970
Hohe Mutter, dich nicht erbarmst.
[201]
Phorkyas

Habt ihr Geduld, des Vortrags langgedehnten Zug
Still anzuhören? Mancherlei Geschichten sind’s.

Chor
Geduld genug! Zuhörend leben wir indes.

Phorkyas
Dem, der zu Hause verharrend edlen Schatz bewahrt

8975
Und hoher Wohnung Mauern auszukitten weiß,

Wie auch das Dach zu sichern vor des Regens Drang,
Dem wird es wohlgehn lange Lebenstage durch;
Wer aber seiner Schwelle heilige Richte leicht
Mit flüchtigen Sohlen überschreitet freventlich,

8980
Der findet wiederkehrend wohl den alten Platz,

Doch umgeändert alles, wo nicht gar zerstört.

Helena
Wozu dergleichen wohlbekannte Sprüche hier?
Du willst erzählen; rege nicht an Verdrießliches.

Phorkyas
Geschichtlich ist es, ist ein Vorwurf keineswegs.

8985
Raubschiffend ruderte Menelas von Bucht zu Bucht,

Gestad’ und Inseln, alles streift’ er feindlich an,
Mit Beute wiederkehrend, wie sie drinnen starrt.
Vor Ilios verbracht’ er langer Jahre zehn;
Zur Heimfahrt aber weiß ich nicht wie viel es war.

8990
Allein wie steht es hier am Platz um Tyndareos’

Erhabnes Haus? wie stehet es mit dem Reich umher?

Helena

Ist dir denn so das Schelten gänzlich einverleibt,
[202]
Daß ohne Tadeln du keine Lippe regen kannst?


Phorkyas
So viele Jahre stand verlassen das Talgebrig,

8995
Das hinter Sparta nordwärts in die Höhe steigt,

Taygetos im Rücken, wo als muntrer Bach
Herab Eurotas rollt und dann, durch unser Tal
An Rohren breit hinfließend, eure sChwäne nährt.
Dort hinten still im Gebirgtal hat ein kühn Geschlecht

9000
Sich angesiedelt, dringend aus cimmerischer Nacht,

Und unersteiglich feste Burg sich aufgetürmt,
Von da sie Land und Leute placken, wie’s behagt.

Helena
Das konnten sie vollführen? Ganz unmöglich scheint’s.

Phorkyas
Sie hatten Zeit, vielleicht an zwanzig Jahre sind’s.

Helena

9005
Ist einer Herr? sind’s Räuber viel, verbündete?


Phorkyas
Nicht Räuber sind es, einer aber ist der Herr.
Ich schelt’ ihn nicht, und wenn er schon mich heimgesucht.
Wohl konnt’ er alles nehmen, doch begnügt’ er sich
Mit wenigen Freigeschenken, nannt’ er’s, nicht Tribut.

Helena

9010
Wie sieht er aus?


Phorkyas
 Nicht übel! mir gefällt er schon.
Es ist ein munterer, kecker, wohlgebildeter,
Wie unter Griechen wenig’, ein verständ’ger Mann.
Man schilt das Volk Barbaren, doch ich dächte nicht,

Daß grausam einer wäre, wie vor Ilios
[203]
9015
Gar mancher Held sich menschenfresserisch erwies.

Ich acht’ auf seine Großheit, ihm vertraut’ ich mich.
Und seine Burg! die solltet ihr mit Augen sehn!
Das ist was anderes gegen plumpes Mauerwerk,
Das eure Väter, mir nichts dir nichts, aufgewälzt,

9020
Zyklopisch wie Zyklopen, rohen Stein sogleich

Auf rohe Steine stürzend; dort hingegen, dort
Ist alles senk- und waagerecht und regelhaft.
Von außen schaut sie! himmelan sie strebt empor,
So starr, so wohl in Fugen, spiegelglatt wie Stahl.

9025
Zu klettern hier--ja selbst der Gedanke gleitet ab.

Und innen großer Höfe Raumgelasse, rings
Mit Baulichkeit umgeben, aller Art und Zweck.
Da seht ihr Säulen, Säulchen, Bogen, Bögelchen,
Altane, Galerien, zu schauen aus und ein,

9030
Und Wappen.


Chor
 Was sind Wappen?

Phorkyas
 Ajax führte ja
Geschlungene Schlang’ im Schilde, wie ihr selbst gesehn.
Die Sieben dort vor Theben trugen Bildnerein
Ein jeder auf seinem Schilde, reich bedeutungsvoll.
Da sah man Mond und Stern’ am nächtigen Himmelsraum,

9035
Auch Göttin, Held und Leiter, Schwerter, Fackeln auch,

Und was Bedrängliches guten Städten grimmig droht.
Ein solch Gebilde führt auch unsre Heldenschar

Von seinen Ur-Urahnen her in Farbenglanz.
[204]
Da seht ihr Löwen, Adler, Klau’ und Schnabel auch,
9040
Dann Büffelhörner, Flügel, Rosen, Pfauenschweif,

Auch Streifen, gold und schwarz und silbern, blau und rot.
Dergleichen hängt in Sälen Reih’ an Reihe fort.
In Sälen, grenzenlosen, wie die Welt so weit;
Da könnt ihr tanzen!

Chor
 Sage, gibt’s auch Tänzer da?

Phorkyas

9045
Die besten! goldgelockte, frische Bubenschar.

Die duften Jugend! Paris duftete einzig so,
Als er der Königin zu nahe kam.

Helena
 Du fällst
Ganz aus der Rolle; sage mir das letzte Wort!

Phorkyas
Du sprichst das letzte, sagst mit Ernst vernehmlich Ja!

9050
Sogleich umgeb’ ich dich mit jener Burg.


Chor
 O sprich
Das kurze Wort und rette dich und uns zugleich!

Helena
Wie? sollt’ ich fürchten, daß der König Menelas
So grausam sich verginge, mich zu schädigen?

Phorkyas
Hast du vergessen, wie er deinen Deiphobus,

9055
Des totgekämpften = paris Bruder, unerhört
Verstümmelte, der starrsinnig Witwe dich erstritt
[205]
Und glücklich kebste? Nas’ und Ohren schnitt er ab

Und stümmelte mehr so: Greuel war es anzuschaun.

Helena
Das tat er jenem, meinetwegen tat er das.

Phorkyas

9060
Um jenes willen wird er dir das gleiche tun.

Unteilbar ist die Schönheit; der sie ganz besaß,
Zerstört sie lieber, fluchend jedem Teilbesitz.
Wie scharf der Trompete Schmettern Ohr und Eingeweid’
Zerreißend anfaßt, also krallt sich Eifersucht

9065
Im Busen fest des Mannes, der das nie vergißt,

Was einst er besaß und nun verlor, nicht mehr besitzt.

Chor
Hörst du nicht die Hörner schallen? siehst der Waffen Blitze nicht?

Phorkyas
Sei willkommen, Herr und König, gerne geb’ ich Rechenschaft.

Chor
Aber wir?

Phorkyas
 Ihr wißt es deutlich, seht vor Augen ihren Tod,

9070
Merkt den eurigen da drinne: nein, zu helfen ist euch nicht.


Helena
Ich sann mir aus das Nächste, was ich wagen darf.
Ein Widerdämon bist du, das empfind’ ich wohl

Und fürchte, Gutes wendest du zum Bösen um.
[206]
Vor allem aber folgen will ich dir zur Burg;
9075
Das andre weiß ich; was die Königin dabei

Im tiefen Busen geheimnisvoll verbergen mag,
Sei jedem unzugänglich. Alte, geh voran!

Chor
     O wie gern gehen wir hin,
     Eilenden Fußes;

9080
     Hinter uns Tod,

     Vor uns abermals
     Ragender Feste
     Unzugängliche Mauer.
     Schütze sie ebenso gut,

9085
     Eben wie Ilios’ Burg,

     Die doch endlich nur
     Niederträchtiger List erlag.
(Nebel verbreiten sich, umhüllen den Hintergrund, auch die Nähe - nach Belieben.)
     Wie? aber wie?
     Schwestern, schaut euch um!

9090
     Was es nicht heiterer Tag?

     Nebel schwanken streifig empor
     Aus Eurotas’ heil’ger Flut;
     Schon entschwand das liebliche
     Schilfumkränzte Gestade dem Blick;

9095
     Auch die frei, zierlich-stolz

     Sanfthingleitenden Schwäne
     In gesell’ger Schwimmlust

     Seh’ ich, ach, nicht mehr!
[207]
     Doch, aber doch
9100
     Tönen hör’ ich sie,

     Tönen fern heiseren Ton!
     Tod verkündenden, sagen sie.
     Ach daß uns er nur nicht auch,
     Statt verheißener Rettung Heil,

9105
     Untergang verkünde zuletzt;

     Uns, den Schwangleichen, Lang-
     Schön-Weißhalsigen,/ und ach!
     Unsrer Schwanerzeugten.
     Weh uns, weh, weh!

9110
     Alles deckte sich schon

     Rings mit Nebel umher.
     Sehen wir doch einander nicht!
     Was geschieht? gehen wir?
     Schweben wir nur

9115
     Trippelnden Schrittes am Boden hin?

     Siehst du nichts? Schwebt nicht etwa gar
     Hermes voran? Blinkt nicht der goldne Stab
     Heischend, gebietend uns wieder zurück
     Zu dem unerfreulichen, grautagenden,

9120
     Ungreifbarer Gebilde vollen,

     überfüllten, ewig leeren Hades?
Ja auf einmal wird es düster, ohne Glanz entschwebt der Nebel

Dunkelgräulich, mauerbräunlich. Mauern stellen sich dem Blicke,
[208]
Freiem Blicke starr entgegen. Ist’s ein Hof? ist’s tiefe Grube?
9125
Schauerlich in jedem Falle! Schwestern, ach! wir sind gefangen,

So gefangen wie nur je.
(Innerer Burghof, umgeben von reichen phantastischen Gebäuden des Mittelalters.)

Chorführerin
Vorschnell und töricht, echt wahrhaftes Weibsgebild!
Vom Augenblick abhängig, Spiel der Witterung,
Des Glücks und Unglücks! Keins von beiden wißt ihr je

9130
Zu bestehn mit Gleichmut. Eine widerspricht ja stets

Der andern heftig, überquer die andern ihr;
In Freud’ und Schmerz nur heult und lacht ihr gleichen Tons.
Nun schweigt! und wartet horchend, was die Herrscherin
Hochsinnig hier beschließen mag für sich und uns.

Helena

9135
Wo bist du, Pythonissa? heiße, wie du magst;

Aus diesen Gewölben tritt hervor der düstern Burg.
Gingst etwa du, dem wunderbaren Heldenherrn
Mich anzukündigen, Wohlempfang bereitend mir,
So habe Dank und führe schnell mich ein zu ihm;

9140
Beschluß der Irrfahrt wünsch’ ich. Ruhe wünsch’ ich nur.


Chorführerin
Vergebens blickst du, Königin, allseits um dich her;
Verschwunden ist das leidige Bild, verblieb vielleicht
Im Nebel dort, aus dessen Busen wir hieher,

Ich weiß nicht wie, gekommen, schnell und sonder Schritt.
[209]
9145
Vielleicht auch irrt sie zweifelhaft im Labyrinth

Der wundersam aus vielen einsgewordnen Burg,
Den Herrn erfragend fürstlicher Hochbegrüßung halb.
Doch sieh, dort oben regt in Menge sich allbereits,
In Galerien, am Fenster, in Portalen rasch

9150
Sich hin und her bewegend, viele Dienerschaft;

Vornehm-willkommnen Gastempfang verkündet es.

Chor
     Aufgeht mir das Herz! o, seht nur dahin,
     Wie so sittig herab mit verweilendem Tritt
     Jungholdeste Schar anständig bewegt

9155
     Den geregelten Zug. Wie! auf wessen Befehl

     Nur erscheinen, gereiht und gebildet so früh,
     Von Jünglingsknaben das herrliche Volk?
     Was bewundr’ ich zumeist? Ist es zierlicher Gang,
     Etwa des Haupts Lockhaar um die blendende Stirn,

9160
     Etwa der Wänglein Paar, wie die Pfirsiche rot

     Und eben auch so weichwollig beflaumt?
     Gern biss’ ich hinein, doch ich schaudre davor;
     Denn in ähnlichem Fall, da erfüllte der Mund
     Sich, gräßlich zu sagen! mit Asche.

9165
          Aber die schönsten,

          Sie kommen daher;
          Was tragen sie nur?
          Stufen zum Thron,
          Teppich und Sitz,

9170
          Umhang und zelt-

          Artigen/ Schmuck;

          über überwallt er,
[210]
          Wolkenkränze bildend,

          Unsrer Königin Haupt;

9175
          Denn schon bestieg sie

          Eingeladen herrlichen Pfühl.
          Tretet heran,
          Stufe für Stufe
          Reihet euch ernst.

9180
          Würdig, o würdig, dreifach würdig

          Sei gesegnet ein solcher Empfang!
{Alles vom Chor ausgeprochene geschiet nach und nach.)

Faust
(Nachdem KLnaben und Knappen in langem Zug herabgestiegen
erscheint er oben an der Treppe in ritterlicher Hofkleidung des Mittelalters
und kommt langsam würdig herunter.)

Chorführerin
(ihn aufmerksam beschauend).
Wenn diesem nicht die Götter, wie sie öfter tun,
Für wenige Zeit nur wundernswürdige Gestalt,
Erhabnen Anstand, liebenswerte Gegenwart

9185
Vorübergänglich liehen, wird ihm jedesmal,

Was er beginnt, gelingen, sei’s in Männerschlacht,
So auch im kleinen Kriege mit den schönsten Fraun.
Er ist fürwahr gar vielen andern vorzuziehn,
Die ich doch auch als hochgeschätzt mit Augen sah.

9190
Mit langsam-ernstem, ehrfurchtsvoll gehaltnem Schritt
Seh’ ich den Fürsten; wende dich, o Königin!
[211]
Faust

(herantretend, einen Gefesselten zur Seite).
Statt feierlichsten Grußes, wie sich ziemte,
Statt ehrfurchtsvollem Willkomm bring’ ich dir
In Ketten hart geschlossen solchen Knecht,

9195
Der, Pflicht verfehlend, mir die Pflicht entwand.

Hier kniee nieder, dieser höchsten Frau
Bekenntnis abzulegen deiner Schuld.
Dies ist, erhabne Herrscherin, der Mann,
Mit seltnem Augenblitz vom hohen Turm

9200
Umherzuschaun bestellt, dort Himmelsraum

Und Erdenbreite scharf zu überspähn,
Was etwa da und dort sich melden mag,
Vom Hügelkreis ins Tal zur festen Burg
Sich regen mag, der Herden Woge sei’s,

9205
Ein Heereszug vielleicht; wir schützen jene,

Begegnen diesem. Heute, welch Versäumnis!
Du kommst heran, er meldet’s nicht; verfehlt
Ist ehrenvoller, schuldigster Empfang
So hohen Gastes. Freventlich verwirkt

9210
Das Leben hat er, läge schon im Blut

Verdienten Todes; doch nur du allein
Bestrafst, begnadigst, wie dir’s wohlgefällt.

Helena
So hohe Würde, wie du sie vergönnst,
Als Richterin, als Herrscherin, und wär’s

9215
Versuchend nur, wie ich vermuten darf--

So üb’ nun des Richters erste Pflicht,

Beschuldigte zu hören. Rede denn.
[212]
Turmwärter Lynkeus

Laß mich knieen, laß mich schauen,
Laß mich sterben, laß mich leben,

9220
Denn schon bin ich hingegeben

Dieser gottgegebnen Frauen.

Harrend auf des Morgens Wonne,
östlich spähend ihren Lauf,
Ging auf einmal mir die Sonne

9225
Wunderbar im Süden auf.


Zog den Blick nach jener Seite,
Statt der Schluchten, statt der Höhn,
Statt der Erd- und Himmelsweite
Sie, die Einzige, zu spähn.

9230
Augenstrahl ist mir verliehen

Wie dem Luchs auf höchstem Baum;
Doch nun mußt’ ich mich bemühen
Wie aus tiefem, düsterm Traum.

Wüßt’ ich irgend mich zu finden?

9235
Zinne? Turm? geschloßnes Tor?

Nebel schwanken, Nebel schwinden,
Solche Göttin tritt hervor!

Aug’ und Brust ihr zugewendet,
Sog ich an den milden Glanz;

9240
Diese Schönheit, wie sie blendet,
Blendete mich Armen ganz.
[213]
     Ich vergaß des Wächters Pflichten,

     Völlig das beschworne Horn;
     Drohe nur, mich zu vernichten--

9245
     Schönheit bändigt allen Zorn.


Helena
Das übel, das ich brachte, darf ich nicht
Bestrafen. Wehe mir! Welch streng Geschick
Verfolgt mich, überall der Männer Busen
So zu betören, daß sie weder sich

9250
Noch sonst ein Würdiges verschonten. Raubend jetzt,

Verführend, fechtend, hin und her entrückend,
Halbgötter, Helden, Götter, ja Dämonen,
Sie führten mich im Irren her und hin.
Einfach die Welt verwirrt’ ich, dopplet mehr;

9255
Nun dreifach, vierfach bring’ ich Not auf Not.

Entferne diesen Guten, laß ihn frei;
Den Gottbetörten treffe keine Schmach.

Faust
Erstaunt, o Königin, seh’ ich zugleich
Die sicher Treffende, hier den Getroffnen;

9260
Ich seh’ den Bogen, der den Pfeil entsandt,

Verwundet jenen. Pfeile folgen Pfeilen,
Mich treffend. Allwärts ahn’ ich überquer
Gefiedert schwirrend sie in Burg und Raum.
Was bin ich nun? Auf einmal machst du mir

9265
Rebellisch die Getreusten, meine Mauern

Unsicher. Also fürcht’ ich schon, mein Heer
Gehorcht der siegend unbesiegten Frau.

Was bleibt mir übrig, als mich selbst und alles,
[214]
Im Wahn des Meine, dir anheimzugeben?
9270
Zu deinen Füßen laß mich, frei und treu,

Dich Herrin anerkennen, die sogleich
Auftretend sich Besitz und Thron erwarb.

Lynkeus
(mit einer Kiste und Männer die ihm andere nachtragen).
     Du siehst mich, Königin, zurück!
     Der Reiche bettelt einen Blick,

9275
     Er sieht dich an und fühlt sogleich

     Sich bettelarm und fürstenreich.

     Was war ich erst? was bin ich nun?
     Was ist zu wollen? was zu tun?
     Was hilft der Augen schärfster Blitz!

9280
     Er prallt zurück an deinem Sitz.


     Von Osten kamen wir heran,
     Und um den Westen war’s getan;
     Ein lang und breites Volksgewicht,
     Der erste wußte vom letzten nicht.

9285
     Der erste fiel, der zweite stand,

     Des dritten Lanze war zur Hand;
     Ein jeder hundertfach gestärkt,
     Erschlagne Tausend unbemerkt.

     Wir drängten fort, wir stürmten fort,

9290
     Wir waren Herrn von Ort zu Ort;

     Und wo ich herrisch heut befahl,

     Ein andrer morgen raubt’ und stahl.
[215]
     Wir schauten--elig war die Schau;

     Der griff die allerschönste Frau,

9295
     Der griff den Stier von festem Tritt,

     Die Pferde mußten alle mit.

     Ich aber liebte, zu erspähn
     Das Seltenste, was man gesehn;
     Und was ein andrer auch besaß,

9300
     Das war für mich gedörrtes Gras.


     Den Schätzen war ich auf der Spur,
     Den scharfen Blicken folgt’ ich nur,
     In alle Taschen blickt’ ich ein,
     Durchsichtig war mir jeder Schrein.

9305
     Und Haufen Goldes waren mein,

     Am herrlichsten der Edelstein:
     Nun der Smaragd allein verdient,
     Daß er an deinem Herzen grünt.

     Nun schwanke zwischen Ohr und Mund

9310
     Das Tropfenei aus Meeresgrund;

     Rubinen werden gar verscheucht,
     Das Wangenrot sie niederbleicht.

     Und so den allergrößten Schatz
vVersetz’ ich hier auf deinen Platz;

9315
     Zu deinen Füßen sei gebracht
     Die Ernte mancher blut’gen Schlacht.
[216]
     So viele Kisten schlepp’ ich her,

     Der Eisenkisten hab’ ich mehr;
     Erlaube mich auf deiner Bahn,

9320
     Und Schatzgewölbe füll’ ich an.


     Denn du bestiegest kaum den Thron,
     So neigen schon, so beugen schon
     Verstand und Reichtum und Gewalt
     Sich vor der einzigen Gestalt.

9325
     Das alles hielt ich fest und mein,

     Nun aber, lose, wird es dein.
     Ich glaubt’ es würdig, hoch und bar,
     Nun seh’ ich, daß es nichtig war.

     Verschwunden ist, was ich besaß,

9330
     Ein abgemähtes, welkes Gras.

     O gib mit einem heitern Blick
     Ihm seinen ganzen Wert zurück!

Faust
Entferne schnell die kühn erworbne Last,
Zwar nicht getadelt, aber unbelohnt.

9335
Schon ist Ihr alles eigen, was die Burg

Im Schoß verbirgt; Besondres Ihr zu bieten,
Ist unnütz. Geh und häufe Schatz auf Schatz
Geordnet an. Der ungesehnen Pracht
Erhabnes Bild stell’ auf! Laß die Gewölbe

9340
Wie frische Himmel blinken, Paradiese
Von lebelosem Leben richte zu.
[217]
Voreilend ihren Tritten laß beblümt

An Teppich Teppiche sich wälzen; ihrem Tritt
Begegne sanfter Boden; ihrem Blick,

9345
Nur Göttliche nicht blendend, höchster Glanz.


Lynkeus
     Schwach ist, was der Herr befiehlt,
     Tut’s der Diener, es ist gespielt:
     Herrscht doch über Gut und Blut
     Dieser Schönheit übermut.

9350
     Schon das ganze Heer ist zahm,

     Alle Schwerter stumpf und lahm,
     Vor der herrlichen Gestalt
     Selbst die Sonne matt und kalt,
     Vor dem Reichtum des Gesichts

9355
     Alles leer und alles nichts.

(Ab.)

Helena (zu Faust)
Ich wünsche dich zu sprechen, doch herauf
An meine Seite komm! Der leere Platz
Beruft den Herrn und sichert mir den meinen.

Faust
Erst knieend laß die treue Widmung dir

9360
Gefallen, hohe Frau; die Hand, die mich

An deine Seite hebt, laß mich sie küssen.
Bestärke mich als Mitregenten deines
Grenzunbewußten Reichs, gewinne dir
Verehrer, Diener, Wächter all’ in einem!

Helena

9365
Vielfache Wunder seh’ ich, hör’ ich an,
[218]
Erstaunen trifft mich, fragen möcht’ ich viel.

Doch wünscht’ ich Unterricht, warum die Rede
Des Manns mir seltsam klang, seltsam und freundlich.
Ein Ton scheint sich dem andern zu bequemen,

9370
Und hat ein Wort zum Ohre sich gesellt,

Ein andres kommt, dem ersten liebzukosen.

Faust
Gefällt dir schon die Sprechart unsrer Völker,
O so gewiß entzückt auch der Gesang,
Befriedigt Ohr und Sinn im tiefsten Grunde.

9375
Doch ist am sichersten, wir üben’s gleich;

Die Wechselrede lockt es, ruft’s hervor.

Helena
So sage denn, wie sprech’ ich auch so schön?

Faust
Das ist gar leicht, es muß von Herzen gehn.
Und wenn die Brust von Sehnsucht überfließt,

9380
Man sieht sich um und fragt--


Helena
 Wer mitgenießt.

Faust
Nun schaut der Geist nicht vorwärts, nicht zurück,
Die Gegenwart allein--

Helena
 ist unser Glück.

Faust
Schatz ist sie, Hochgewinn, Besitz und Pfand;

Bestätigung, wer gibt sie?
[219]
Helena

 Meine Hand.

Chor

9385
Wer verdächt’ es unsrer Fürstin,

Gönnet sie dem Herrn der Burg
Freundliches Erzeigen?
Denn gesteht, sämtliche sind wir
Ja Gefangene, wie schon öfter

9390
Seit dem schmählichen Untergang

Ilios’ und der ängstlich-
labyrinthischen/ Kummerfahrt.
Fraun, gewöhnt an Männerliebe,
Wählerinnen sind sie nicht,

9395
Aber Kennerinnen.

Und wie goldlockigen Hirten
Vielleicht schwarzborstigen Faunen,
Wie es bringt die Gelegenheit,
über die schwellenden Glieder

9400
Vollerteilen sie gleiches Recht.

Nah und näher sitzen sie schon
An einander gelehnet,
Schulter an Schulter, Knie an Knie,
Hand in Hand wiegen sie sich

9405
über des Throns

Aufgepolsterter Herrlichkeit.
Nicht versagt sich die Majestät
Heimlicher Freuden
Vor den Augen des Volkes

9410
übermütiges Offenbarsein.
[220]
Helena

Ich fühle mich so fern und doch so nah,
Und sage nur zu gern: Da bin ich! da!

Faust
Ich atme kaum, mir zittert, stockt das Wort;
Es ist ein Traum, verschwunden Tag und Ort.

Helena

9415
Ich scheine mir verlebt und doch so neu,

In dich verwebt, dem Unbekannten treu.

Faust
Durchgrüble nicht das einzigste Geschick!
Dasein ist Pflicht, und wär’s ein Augenblick.

Phorkyas (heftig eintretend).
     Buchstabiert in Liebesfibeln,

9420
     Tändelnd grübelt nur am Liebeln,

     Müßig liebelt fort im Grübeln,
     Doch dazu ist keine Zeit.
     Fühlt ihr nicht ein dumpfes Wettern?
     Hört nur die Trompete schmettern,

9425
     Das Verderben ist nicht weit.

     Menelas mit Volkeswogen
     Kommt auf euch herangezogen;
     Rüstet euch zu herbem Streit!
     Von der Siegerschar umwimmelt,

9430
     Wie Deiphobus verstümmelt,

     Büßest du das Fraungeleit.
     Bammelt erst die leichte Ware,
     Dieser gleich ist am Altare

     Neugeschliffnes Beil bereit.
[221]
Faust
9435
Verwegne Störung! widerwärtig dringt sie ein;

Auch nicht in Gefahren mag ich sinnlos Ungestüm.
Den schönsten Boten, Unglücksbotschaft häßlicht ihn;
Du Häßlichste gar, nur schlimme Botschaft bringst du gern.
Doch diesmal soll dir’s nicht geraten: leeren Hauchs

9440
Erschüttere du die Lüfte. Hier ist nicht Gefahr,

Und selbst Gefahr erschiene nur als eitles Dräun.
(Signale, Explosionen von den Thürmen, Trmpeten und Zinken, kriegerische Musik, Durchmarsch gewaltiger Heereskraft.)

Faust
     Nein, gleich sollst du versammelt schauen
     Der Helden ungetrennten Kreis:
     Nur der verdient die Gunst der Frauen,

9445
     Der kräftigst sie zu schützen weiß.

(Zu den Heerführern, die sich vin den Colonnen absondern und herantrten.)

     Mit angehaltnem stillen Wüten,
     Das euch gewiß den Sieg verschafft,
     Ihr, Nordens jugendliche Blüten,
     Ihr, Ostens blumenreiche Kraft.

9450
     In Stahl gehüllt, vom Strahl umwittert,

     Die Schar, die Reich um Reich zerbrach,
     Sie treten auf, die Erde schüttert,

     Sie schreiten fort, es donnert nach.
[222]
     An Pylos traten wir zu Lande,
9455
     Der alte Nestor ist nicht mehr,

     Und alle kleinen Königsbande
     Zersprengt das ungebundne Heer.

     Drängt ungesäumt von diesen Mauern
     Jetzt Menelas dem Meer zurück;

9460
     Dort irren mag er, rauben, lauern,

     Ihm war es Neigung und Geschick.

     Herzoge soll ich euch begrüßen,
     Gebietet Spartas Königin;
     Nun legt ihr Berg und Tal zu Füßen,

9465
     Und euer sei des Reichs Gewinn.


     Germane du! Korinthus’ Buchten
     Verteidige mit Wall und Schutz!
     Achaia dann mit hundert Schluchten
     Empfehl’ ich, Gote, deinem Trutz.

9470
     Nach Elis ziehn der Franken Heere,

     Messene sei der Sachsen Los,
     Normanne reinige die Meere
     Und Argolis erschaff’ er groß.

     Dann wird ein jeder häuslich wohnen,

9475
     Nach außen richten Kraft und Blitz;

     Doch Sparta soll euch überthronen,

     Der Königin verjährter Sitz.
[223]
     All-einzeln sieht sie euch genießen

     Des Landes, dem kein Wohl gebricht;

9480
     Ihr sucht getrost zu ihren Füßen

     Bestätigung und Recht und Licht.
(Faust steigt hinab, die Fürsten schließen einen Kreis um ihn,
Befehl und Anordnung näher vernehmend.)

Chor
     Wer die Schönste für sich begehrt,
     Tüchtig vor allen Dingen
     Seh’ er nach Waffen weise sich um;

9485
     Schmeichelnd wohl gewann er sich,

     Was auf Erden das Höchste;
     Aber ruhig besitzt er’s nicht:
     Schleicher listig entschmeicheln sie ihm,
     Räuber kühnlich entreißen sie ihm;

9490
     Dieses zu hinderen, sei er bedacht.


     Unsern Fürsten lob’ ich drum,
     Schätz’ ihn höher vor andern,
     Wie er so tapfer klug sich verband,
     Daß die Starken gehorchend stehn,

9495
     Jedes Winkes gewärtig.

     Seinen Befehl vollziehn sie treu,
     Jeder sich selbst zu eignem Nutz
     Wie dem Herrscher zu lohnendem Dank,
     Beiden zu höchlichem Ruhmesgewinn.

9500
     Denn wer entreißet sie jetzt
     Dem gewalt’gen Besitzer?
[224]
     Ihm gehört sie, ihm sei sie gegönnt,

     Doppelt von uns gegönnt, die er
     Samt ihr zugleich innen mit sicherster Mauer,

9505
     Außen mit mächtigstem Heer umgab.


Faust
Die Gaben, diesen hier verliehen--
An jeglichen ein reiches Land--,
Sind groß und herrlich; laß sie ziehen!
Wir halten in der Mitte stand.

9510
Und sie beschützen um die Wette,

Ringsum von Wellen angehüpft,
Nichtinsel dich, mit leichter Hügelkette
Europens letztem Bergast angeknüpft.

Das Land, vor aller Länder Sonnen,

9515
Sei ewig jedem Stamm beglückt,

Nun meiner Königin gewonnen,
Das früh an ihr hinaufgeblickt,

Als mit Eurotas’ Schilfgeflüster
Sie leuchtend aus der Schale brach,

9520
Der hohen Mutter, dem Geschwister

Das Licht der Augen überstach.

Dies Land, allein zu dir gekehret,
Entbietet seinen höchsten Flor;
Dem Erdkreis, der dir angehöret,

9525
Dein Vaterland, o zieh es vor!
[225]

Und duldet auch auf seiner Berge Rücken
Das Zackenhaupt der Sonne kalten Pfeil,
Läßt nun der Fels sich angegrünt erblicken,
Die Ziege nimmt genäschig kargen Teil.

9530
Die Quelle springt, vereinigt stürzen Bäche,

Und schon sind Schluchten, Hänge, Matten grün.
Auf hundert Hügeln unterbrochner Fläche
Siehst Wollenherden ausgebreitet ziehn.

Verteilt, vorsichtig abgemessen schreitet

9535
Gehörntes Rind hinan zum jähen Rand;

Doch Obdach ist den sämtlichen bereitet,
Zu hundert Höhlen wölbt sich Felsenwand.

Pan schützt sie dort, und Lebensnymphen wohnen
In buschiger Klüfte feucht erfrischtem Raum,

9540
Und sehnsuchtsvoll nach höhern Regionen

Erhebt sich zweighaft Baum gedrängt an Baum.

Alt-Wälder sind’s! Die Eiche starret mächtig,
Und eigensinnig zackt sich Ast an Ast;
Der Ahorn mild, von süßem Safte trächtig,

9545
Steigt rein empor und spielt mit seiner Last.


Und mütterlich im stillen Schattenkreise
Quillt laue Milch bereit für Kind und Lamm;
Obst ist nicht weit, der Ebnen reife Speise,

Und Honig trieft vom ausgehöhlten Stamm.
[226]
9550
Hier ist das Wohlbehagen erblich,

Die Wange heitert wie der Mund,
Ein jeder ist an seinem Platz unsterblich:
Sie sind zufrieden und gesund.

Und so entwickelt sich am reinen Tage

9555
Zu Vaterkraft das holde Kind.

Wir staunen drob; noch immer bleibt die Frage:
Ob’s Götter, ob es Menschen sind?
(Neben ihr sitzend.)

So war Apoll den Hirten zugestaltet,
Daß ihm der schönsten einer glich;

9560
Denn wo Natur im reinen Kreise waltet,

Ergreifen alle Welten sich.

So ist es mir, so ist es dir gelungen;
Vergangeheit sei hinter uns getan!
O fühle dich vom höchsten Gott entsprungen,

9565
Der ersten Welt gehörst du einzig an.


Nicht feste Burg soll dich umschreiben!
Noch zirkt in ewiger Jugendkraft
Für uns, zu wonnevollem Bleiben,
Arkadien in Spartas Nachbarschaft.

9570
Gelockt, auf sel’gem Grund zu wohnen,

Du flüchtetest ins heiterste Geschick!
Zur Laube wandeln sich die Thronen,
Arkadisch frei sei unser Glück!

(Der Schauplatz wandelt sich durchaus. An ein Reihe
[227]
von Felsenhöhlen lehnen sich geschlossen Lauben. Schattiger Hain bis a die rings umgebenden Felsensteile hinan

Faust und Helene werden nicht gesehen. Der Chor liegt schlafend vertheilt umher.)
Phorkyas
Wie lange Zeit die Mädchen schlafen, weiß ich nicht;

9575
Ob sie sich träumen ließen, was ich hell und klar

Vor Augen sah, ist ebenfalls mir unbekannt.
Drum weck’ ich sie. Erstaunen soll das junge Volk;
Ihr Bärtigen auch, die ihr da drunten sitzend harrt,
Glaubhafter Wunder Lösung endlich anzuschaun.

9580
Hervor! hervor! Und schüttelt eure Locken rasch!

Schlaf aus den Augen! Blinzt nicht so und hört mich an!

Chor
Rede nur, erzähl’, erzähle, was sich Wunderlichs begeben!
Hören möchten wir am liebsten, was wir gar nicht glauben können;
Denn wir haben Langeweile, diese Felsen anzusehn.

Phorkyas

9585
Kaum die Augen ausgerieben, Kinder, langeweilt ihr schon?

So vernehmt: in diesen Höhlen, diesen Grotten, diesen Lauben
Schutz und Schirmung war verliehen, wie idyllischem Liebespaare,

Unserm Herrn und unsrer Frauen.
[228]
Chor

 Wie, da drinnen?

Phorkyas
 Abgesondert
Von der Welt, nur mich, die eine, riefen sie zu stillem Dienste.

9590
Hochgeehrt stand ich zur Seite, doch, wie es Vertrauten ziemet,

Schaut’ ich um nach etwas andrem. Wendete mich hier- und dorthin,
Suchte Wurzeln, Moos und Rinden, kundig aller Wirksamkeiten,
Und so blieben sie allein.

Chor
Tust du doch, als ob da drinnen ganze Weltenräume wären,

9595
Wald und Wiese, Bäche, Seen; welche Märchen spinnst du ab!


Phorkyas
Allerdings, ihr Unerfahrnen! das sind unerforschte Tiefen:
Saal an Sälen, Hof an Höfen, diese spürt’ ich sinnend aus.
Doch auf einmal ein Gelächter echot in den Höhlenräumen;
Schau’ ich hin, da springt ein Knabe von der Frauen Schoß zum Manne,

9600
Von dem Vater zu der Mutter; das Gekose, das Getändel,
[229]
Thöriger Liebe Neckereien, Scherzgeschrei und Lustgejauchze

Wechselnd übertäuben mich.
Nackt ein Genius ohne Flügel, faunenartig ohne Thierheit,
Springt er auf den festen Boden, doch der Boden gegenwirkend

9605
Schnellt ihn zu der luftigen Höhe, und im zweyten dritten Sprunge

Rührt er an das Hochgewölb.
Aengstlich ruft die Mutter: springe wiederholt und nach Belieben,
Aber hüte dich, zu fliegen, freier Flug ist dir versagt.
Und so mahnt der treue Vater: in der Erde liegt die Schnellkraft,

9610
Die dich aufwärts treibt; berühre mit der Zehe nur den Boden

Wie der Erdensohn Antäus bist du alsobald gestärkt.
Und so hüpft er auf die Masse dieses Felsens, von der Kante
Zu dem andern und umher, so wie ein Ball geschlagen springt.
Doch auf einmal in der Spalte rauher Schlucht ist er verschwunden,

9615
Und nun scheint er uns verloren. Mutter jammert, Vater tröstet,

Achselzuckend steh’ ich ängstlich. Doch nun wieder welch Erscheinen!

Liegen Schätze dort verborgen? Blumenstreifige Gewande
[230]
Hat er würdig angetan.

Quasten schwanken von den Armen, Binden flattern um den Busen,

9620
In der Hand die goldne Leier, völlig wie ein kleiner Phöbus,

Tritt er wohlgemut zur Kante, zu dem Überhang; wir staunen.
Und die Eltern vor Entzücken werfen wechselnd sich ans Herz.
Denn wie leuchtet’s ihm zu Haupten? Was erglänzt, ist schwer zu sagen,
Ist es Goldschmuck, ist es Flamme übermächtiger Geisteskraft?

9625
Und so regt er sich gebärdend, sich als Knabe schon verkündend

Künftigen Meister alles Schönen, dem die ewigen Melodien
Durch die Glieder sich bewegen; und so werdet ihr ihn hören,
Und so werdet ihr ihn sehn zu einzigster Bewunderung.

Chor
Nennst du ein Wunder dies,

9630
Kretas Erzeugte?

Dichtend belehrendem Wort
Hast du gelauscht wohl nimmer?
Niemals noch gehört Ioniens,
Nie vernommen auch Hellas’

9635
Urväterlicher Sagen
Göttlich-heldenhaften Reichtum?
[231]
Alles, was je geschieht

Heutigen Tages,
Trauriger Nachklang ist’s

9640
Herrlicher Ahnherrntage;

Nicht vergleicht sich dein Erzählen
Dem, was liebliche Lüge,
Glaubhaftiger als Wahrheit,
Von dem Sohne sang der Maja.

9645
Diesen zierlich und kräftig doch

Kaum geborenen Säugling
Faltet in reinster Windeln Flaum,
Strenget in köstlicher Wickeln Schmuck
Klatschender Wärterinnen Schar

9650
Unvernünftigen Wähnens.

Kräftig und zierlich aber zieht
Schon der Schalk die geschmeidigen
Doch elastischen Glieder
Listig heraus, die purpurne,

9655
ängstlich drückende Schale

Lassend ruhig an seiner Statt;
Gleich dem fertigen Schmetterling,
Der aus starrem Puppenzwang
Flügel entfaltend behendig schlüpft,

9660
Sonnedurchstrahlten äther kühn

Und mutwillig durchflatternd.

So auch er, der Behendeste,

Daß er Dieben und Schälken,
[232]
Vortheil suchenden allen auch
9665
Ewig günstiger Dämon sei,

Dies betätigt er alsobald
Durch gewandteste Künste.
Schnell des Meeres Beherrscher stiehlt
Er den Trident, ja dem Ares selbst

9670
Schlau das Schwert aus der Scheide;

Bogen und Pfeil dem Phöbus auch,
Wie dem Hephästos die Zange;
Selber Zeus’, des Vaters, Blitz
Nähm’ er, schreckt’ ihn das Feuer nicht;

9675
Doch dem Eros siegt er ob

In beinstellendem Ringerspiel;
Raubt auch Cyprien, wie sie ihm kost,
Noch vom Busen den Gürtel.
(Ein reizendes, reinmelodische Saitenspiel erklingt aus der Höhe.
Alle merken auf, und scheinen bald innig gerührt von hier
an bis zur Pause durchaus mit vollstimmiger Musk.)

Phorkyas
Höret allerliebste Klänge,

9680
Macht euch schnell von Fabeln frei!

Eurer Götter alt Gemenge,
Laßt es hin, es ist vorbei.

Niemand will euch mehr verstehen,
Fordern wir doch höhern Zoll:

9685
Denn es muß von Herzen gehen,

Was auf Herzen wirken soll.

(Sie ziehen sich nach dem Felsen zurück.)
[233]
Chor

Bist du, fürchterliches Wesen,
Diesem Schmeichelton geneigt,
Fühlen wir, als frisch genesen,

9690
Uns zur Tränenlust erweicht.


Laß der Sonne Glanz verschwinden,
Wenn es in der Seele tagt,
Wir im eignen Herzen finden,
Was die ganze Welt versagt.

Helena, Faust, Euphorion
(in dem oben beschriebenen Costume).

Euphorion

9695
Hört ihr Kindeslieder singen,

Gleich ist’s euer eigner Scherz;
Seht ihr mich im Takte springen,
Hüpft euch elterlich das Herz.

Helena
Liebe, menschlich zu beglücken,

9700
Nähert sie ein edles Zwey,

Doch zu göttlichem Entzücken
Bildet sie ein köstlich Drey.

Faust
Alles ist sodann gefunden:
Ich bin dein, und du bist mein;

9705
Und so stehen wir verbunden,
Dürft’ es doch nicht anders sein!
[234]
Chor

Wohlgefallen vieler Jahre
In des Knaben mildem Schein
Sammelt sich auf diesem Paare.

9710
O, wie rührt mich der Verein!


Euphorion
Nun laßt mich hüpfen,
Nun laßt mich springen!
Zu allen Lüften
Hinaufzudringen,

9715
Ist mir Begierde,

Sie faßt mich schon.

Faust
Nur mäßig! mäßig!
Nicht ins Verwegne,
Daß Sturz und Unfall

9720
Dir nicht begegne,

Zugrund uns richte
Der teure Sohn!

Euphorion
Ich will nicht länger
Am Boden stocken;

9725
Laßt meine Hände,

Laßt meine Locken,
Laßt meine Kleider!

Sie sind ja mein.
[235]
Helena

O denk! o denke,

9730
Wem du gehörest!

Wie es uns kränke,
Wie du zerstörest
Das schön errungene
Mein, Dein und Sein.

Chor

9735
Bald löst, ich fürchte,

Sich der Verein!

Helena und Faust
Bändige! bändige
Eltern zuliebe
überlebendige,

9740
Heftige Triebe!

Ländlich im stillen
Ziere den Plan.

Euphorion
Nur euch zu Willen
Halt’ ich mich an.
(Durch den Chor sich schlingend und ihn zum Tanz fortziehend.)

9745
Leichter umschweb’ ich hie

Muntres Geschlecht.
Ist nun die Melodie,
Ist die Bewegung recht?

Helena
Ja, das ist wohlgetan;

9750
Führe die Schönen an
Künstlichem Reihn.
[236]
Faust

Wäre das doch vorbei!
Mich kann die Gaukelei
Gar nicht erfreun.

Euphorion und Chor
(tanzend und singend bewegend sich in verschlungene Reihen).

9755
Wenn du der Arme Paar

Lieblich bewegest,
Im Glanz dein lockig Haar
Schüttelnd erregest,
Wenn dir der Fuß so leicht

9760
über die Erde schleicht,

Dort und da wieder hin
Glieder um Glied sich ziehn,
Hast du dein Ziel erreicht,
Liebliches Kind;

9765
All’ unsre Herzen sind

All’ dir geneigt.
(Pause)

Euphorion
Ihr seid so viele
Leichtfüßige Rehe;
Zu neuem Spiele

9770
Frisch aus der Nähe!

Ich bin der Jäger,

ihr seid das Wild.
[237]
Chor

     Willst du uns fangen,
     Sei nicht behende,

9775
     Denn wir verlangen

     Doch nur am Ende,
     Dich zu umarmen,
     Du schönes Bild!

Euphorion
     Nur durch die Haine!

9780
     Zu Stock und Steine!

     Das leicht Errungene,
     Das widert mir,
     Nur das Erzwungene
     Ergetzt mich schier.

Helena und Faust

9785
Welch ein Mutwill’! welch ein Rasen!

Keine Mäßigung ist zu hoffen.
Klingt es doch wie Hörnerblasen
über Tal und Wälder dröhnend;
Welch ein Unfug! welch Geschrei!

Chor
(Eizeln schnell eintretend).

9790
Uns ist er vorbeigelaufen;

Mit Verachtung uns verhöhnend,
schleppt er von dem ganzen Haufen

Nun die Wildeste herbei.
[238]
Euphorion

(ein junges Mädchen hereintragend)
Schlepp’ ich her die derbe Kleine

9795
Zu erzwungenem Genusse;

Mir zur Wonne, mir zur Lust
Drück’ ich widerspenstige Brust,
Küss’ ich widerwärtigen Mund,
Tue Kraft und Willen kund.

Mädchen

9800
Laß mich los! In dieser Hülle

Ist auch Geistes Mut und Kraft;
Deinem gleich ist unser Wille
Nicht so leicht hinweggerafft.
Glaubst du wohl mich im Gedränge?

9805
Deinem Arm vertraust du viel!

Halte fest, und ich versenge
Dich, den Toren, mir zum Spiel.
(Sie flammt auf und lodert in der Höhe.)
Folge mir in leichte Lüfte,
Folge mir in starre Grüfte,

9810
Hasche das verschwundne Ziel!


Euphorion
(die letzte Flammen abschüttelnd)
     Felsengedränge hier
     Zwischen dem Waldgebüsch,
     Was soll die Enge mir,

     Bin ich doch jung und frisch.
[239]
9815
     Winde, sie sausen ja,

     Wellen, sie brausen da;
     Hör’ ich doch beides fern,
     Nah wär’ ich gern.
(Er springt immer höher Fels-auf.)

Helene, Faust und Chor
Wolltest du den Gemsen gleichen?

9820
Vor dem Falle muß uns graun.


Euphorion
Immer höher muß ich steigen,
Immer weiter muß ich schaun.
     Weiß ich nun, wo ich bin!
     Mitten der Insel drin,

9825
     Mitten in Pelops’ Land,

     Erde--wie seeverwandt.

Chor
     Magst nicht in Berg und Wald
     Friedlich verweilen?
     Suchen wir alsobald

9830
     Reben in Zeilen,

     Reben am Hügelrand,
     Feigen und Apfelgold.
     Ach in dem holden Land
     Bleibe du hold!

Euphorion

9835
     Träumt ihr den Friedenstag?

     Träume, wer träumen mag.
     Krieg! ist das Losungswort.

     Sieg! und so klingt es fort.
[240]

Chor
     Wer im Frieden

9840
     Wünschet sich Krieg zurück,

     Der ist geschieden
     Vom Hoffnungsglück.

Euphorion
     Welche dies Land gebar
     Aus Gefahr in Gefahr,

9845
     Frei, unbegrenzten Muts,

     Verschwendrisch eignen Bluts,
     Den nicht zu dämpfenden
     Heiligen Sinn--
vAlle den Kämpfenden

9850
     Bring’ es Gewinn!


Chor
     Seht hinauf, wie hoch gestiegen!
     Und er scheint uns doch nicht klein:
     Wie im Harnisch, wie zum Siegen,
     Wie von Erz und Stahl der Schein.

Euphorion

9855
     Keine Wälle, keine Mauern,

     Jeder nur sich selbst bewußt;
     Feste Burg, um auszudauern,
     Ist des Mannes ehrne Brust.
     Wollt ihr unerobert wohnen,

9860
     Leicht bewaffnet rasch ins Feld;

     Frauen werden Amazonen

     Und ein jedes Kind ein Held.
[241]
Chor

     Heilige Poesie,
     Himmelan steige sie!

9865
     Glänze, der schönste Stern,

     Fern und so weiter fern!
     Und sie erreicht uns doch
     Immer, man hört sie noch,
     Vernimmt sie gern.

Euphorion

9870
Nein, nicht ein Kind bin ich erschienen,

In Waffen kommt der Jüngling an;
Gesellt zu Starken, Freien, Kühnen,
Hat er im Geiste schon getan.
Nun fort!

9875
Nun dort

Eröffnet sich zum Ruhm die Bahn.

Helena und Faust
Kaum ins Leben eingerufen,
Heitrem Tag gegeben kaum,
Sehnest du von Schwindelstufen

9880
Dich zu schmerzenvollem Raum.

Sind denn wir
Gar nichts dir?
Ist der holde Bund ein Traum?

Euphorion
Und hört ihr donnern auf dem Meere?

9885
Dort widerdonnern Tal um Tal,

In Staub und Wellen, Heer dem Heere,

In Drang um Drang, zu Schmerz und Qual.
[242]
Und der Tod

Ist Gebot,

9890
Das versteht sich nun einmal.


Helena, Faust und Chor
Welch Entsetzen! welches Grauen!
Ist der Tod denn dir Gebot?

Euphorion
Sollt’ ich aus der Ferne schauen?
Nein! ich teile Sorg’ und Not.

Die Vorigen

9895
Übermut und Gefahr,

Tödliches Los!

Euphorion
Doch!--und ein Flügelpaar
Faltet sich los!
Dorthin! Ich muß! ich muß!

9900
Gönnt mir den Flug!

(er wirf sich in die Lüfte, die gewande tragen ihn eine Augenblick, sein hauopt strahlt, ein Lichtschweif zieht nach.)

Chor
     Ikarus! Ikarus!

     Jammer genug.

(Ein schöner Jüngling stürtz zu der Eltern Füßen man glaubt in dem Todten eine bekannte gestellt zu erblicken; doch das Körperliche verschwindet sogleich, die Aureole steigt wie ein Komet zum Himmel auf, kleid mantel und Lyra bleiben liegen.)

[243]
Helena und Faust

Der Freude folgt sogleich
Grimmige Pein.

Euphorions
(Stimme aus der Tiefe).

9905
Laß mich im düstern Reich,

Mutter, mich nicht allein!
(Pause.)

Chor
(Trauergesang.)
Nicht allein!--wo du auch weilest,
Denn wir glauben dich zu kennen;

Ach! wenn du dem Tag enteilest,

9910
Wird kein Herz von dir sich trennen.

Wüßten wir doch kaum zu klagen,
Neidend singen wir dein Los:
Dir in klar- und trüben Tagen
Lied und Mut war schön und groß.

9915
Ach! zum Erdenglück geboren,

Hoher Ahnen, großer Kraft,
Leider früh dir selbst verloren,
Jugendblüte weggerafft!
Scharfer Blick, die Welt zu schauen,

9920
Mitsinn jedem Herzensdrang,

Liebesglut der besten Frauen

Und ein eigenster Gesang.
[244]
Doch du ranntest unaufhaltsam

Frei ins willenlose Netz,

9925
So entzweitest du gewaltsam

dich mit Sitte, mit Gesetz;
Doch zuletzt das höchste Sinnen
Gab dem reinen Mut Gewicht,
Wolltest Herrliches gewinnen,

9930
Aber es gelang dir nicht.


Wem gelingt es?--Trübe Frage,
Der das Schicksal sich vermummt,
Wenn am unglückseligsten Tage
Blutend alles Volk verstummt.

9935
Doch erfrischet neue Lieder,

Steht nicht länger tief gebeugt:
Denn der Boden zeugt sie wieder,
Wie von je er sie gezeugt.
(Völlige Pause - Die Musik hört auf.)

Helena (zu Faust).
Ein altes Wort bewährt sich leider auch an mir:

9940
Daß Glück und Schönheit dauerhaft sich nicht vereint.

Zerrissen ist des Lebens wie der Liebe Band;
Bejammernd beide, sag’ ich schmerzlich Lebewohl
Und werfe mich noch einmal in die Arme dir.
Persephoneia, nimm den Knaben auf und mich!
(Sie umarmt Faust, das Körperlicher verschwindet, Kleid und Mantel bleiebn ihm in den Armen.)

Phorkyas (zu Faust).

9945
Halte fest, was dir von allem übrigblieb.
[245]
Das Kleid, laß es nicht los. Da zupfen schon

Dämonen an den Zipfeln, möchten gern
Zur Unterwelt es reißen. Halte fest!
Die Göttin ist’s nicht mehr, die du verlorst,

9950
Doch göttlich ist’s. Bediene dich der hohen,

Unschätzbaren Gunst und hebe dich empor:
Es trägt dich über alles Gemeine rasch
Am äther hin, so lange du dauern kannst.
Wir sehn uns wieder, weit, gar weit von hier.+
(Helenas Gewande lösen sich in Wolken auf, umgeben Faust, heben ihn in die Höhe und ziehen mit ihm vorüber.)

Phorkyas
(Nimmt Euphorions Kleid, Mantel und Lyra von der Erde, tritt in Proscenium, hebt die Exuvien in die Höhe und spricht).

9955
Noch immer glücklich aufgefunden!

     Die Flamme freilich ist verschwunden,
     Doch ist mir um die Welt nicht leid.
     Hier bleibt genug, Poeten einzuweihen,
     Zu stiften Gild- und Handwerksneid;

9960
     Und kann ich die Talente nicht verleihen,

     Verborg’ ich wenigstens das Kleid.

Panthalis
Nun eilig, Mädchen! Sind wir doch den Zauber los,
Der alt-thessalischen Vettel wüsten Geisteszwang,
So des Geklimpers vielverworrner Töne Rausch,

9965
Das Ohr verwirrend, schlimmer noch den innern Sinn.
Hinab zum Hades! Eilte doch die Königin
[246]
Mit ernstem Gang hinunter. Ihrer Sohle sei

Unmittelbar getreuer Mägde Schritt gefügt.
Wir finden sie am Throne der Unerforschlichen.

Chor

9970
     Königinnen freilich, überall sind sie gern;

     Auch im Hades stehen sie obenan,
     Stolz zu ihresgleichen gesellt,
     Mit Persephonen innigst vertraut;
     Aber wir im Hintergrunde

9975
     Tiefer Asphodelos-Wiesen,

     Langgestreckten Pappeln,
     Unfruchtbaren Weiden zugesellt,
     Welchen Zeitvertreib haben wir?
     Fledermausgleich zu piepsen,

9980
     Geflüster, unerfreulich, gespenstig.


Panthalis
Wer keinen Namen sich erwarb noch Edles will,
Gehört den Elementen an; so fahret hin!
Mit meiner Königin zu sein, verlangt mich heiß;
Nicht nur Verdienst, auch Treue wahrt uns die Person.
(Ab.)

Alle

9985
     Zurückgegeben sind wir dem Tageslicht,

     Zwar Personen nicht mehr,
     Das fühlen, das wissen wir,
     Aber zum Hades kehren wir nimmer.
     Ewig lebendige Natur

9990
     Macht auf uns Geister,
     Wir auf sie vollgültigen Anspruch.
[247]
Ein Teil des Chores

Wir in dieser tausend äste Flüsterzittern, Säuselschweben
Reizen tändelnd, locken leise wurzelauf des Lebens Quellen
Nach den Zweigen; bald mit Blättern, bald mit Blüten überschwenglich

9995
Zieren wir die Flatterhaare frei zu luftigem Gedeihn.

Fällt die Frucht, sogleich versammeln lebenslustig Volk und Herden
Sich zum Greifen, sich zum Naschen, eilig kommend, emsig drängend;
Und wie vor den ersten Göttern bückt sich alles um uns her.

Ein Andrer Teil
Wir, an dieser Felsenwände weithinleuchtend glatten Spiegel

10000
Schmiegen wir, in sanften Wellen uns bewegend, schmeichelnd an;

Horchen, lauschen jedem Laute, Vogelsängen, Röhrigflöten,
Sei es Pans furchtbarer Stimme, Antwort ist sogleich bereit;
Säuselt’s, säuseln wir erwidernd, donnert’s, rollen unsre Donner

In erschütterndem Verdoppeln, dreifach, zehnfach hinten nach.
[248]
Ein Dritter Teil
10005
Schwestern! Wir, bewegtern Sinnes, eilen mit den Bächen weiter;

Denn es reizen jener Ferne reichgeschmückte Hügelzüge.
Immer abwärts, immer tiefer wässern wir, mäandrisch wallend,
Jetzt die Wiese, dann die Matten, gleich den Garten um das Haus.
Dort bezeichnen’s der Zypressen schlanke Wipfel, über Landschaft,

10010
Uferzug und Wellenspiegel nach dem äther steigende.


Ein Vierter Teil
Wallt ihr andern, wo’s beliebet; wir umzingeln, wir umrauschen
Den durchaus bepflanzten Hügel, wo am Stab die Rebe grünt;
Dort zu aller Tage Stunden läßt die Leidenschaft des Winzers
Uns des liebevollsten Fleißes zweifelhaft Gelingen sehn.

10015
Bald mit Hacke, bald mit Spaten, bald mit Häufeln, Schneiden, Binden

Betet er zu allen Göttern, fördersamst zum Sonnengott.
Bacchus kümmert sich, der Weichling, wenig um den treuen Diener,
Ruht in Lauben, lehnt in Höhlen, faselnd mit dem jüngsten Faun.

Was zu seiner Träumereien halbem Rausch er je bedurfte,
[249]
10020
Immer bleibt es ihm in Schläuchen, ihm in Krügen und Gefäßen,

Rechts und links der kühlen Grüfte, ewige Zeiten aufbewahrt.
Haben aber alle Götter, hat nun Helios vor allen,
Lüftend, feuchtend, wärmend, glutend, Beeren-Füllhorn aufgehäuft,
Wo der stille Winzer wirkte, dort auf einmal wird’s lebendig,

10025
Und es rauscht in jedem Laube, raschelt um von Stock zu Stock.

Körbe knarren, Eimer klappern, Tragebutten ächzen hin,
Alles nach der großen Kufe zu der Keltrer kräft’gem Tanz;
Und so wird die heilige Fülle reingeborner saftiger Beeren
Frech zertreten, schäumend, sprühend mischt sich’s, widerlich zerquetscht.

10030
Und nun gellt ins Ohr der Zimbeln mit der Becken Erzgetöne,

Denn es hat sich Dionysos aus Mysterien enthüllt;
Kommt hervor mit Ziegenfüßlern, schwenkend Ziegenfüßlerinnen,
Und dazwischen schreit unbändig grell Silenus’ öhrig Tier.
Nichts geschont! Gespaltne Klauen treten alle Sitte nieder,

10035
Alle Sinne wirbeln taumlich, gräßlich übertäubt das Ohr.
Nach der Schale tappen Trunkne, überfüllt sind Kopf und Wänste,
[250]
Sorglich ist noch ein und andrer, doch vermehrt er die Tumulte,

Denn um neuen Most zu bergen, leert man rasch den alten Schlauch!
(Der Vorhang fällt.)

Phorkas
(Im Proscenium richtet sich riesenhaft auf, tritt vor den Cothurnen
herunter, lehnt Maske und Schleier zurück und zeigt sich Mephistopheles,
um, insofern es nöthig wäre,

im Epilog das Stück zu commentiren).
[251]
Vierter Act
Hochgebirge
starke zackige Felsen-Gipfel. Eine Wolke zieht herbei, lent sich an, senkt sich auf eine vorstehende Platte herab.
Sie theilt sich
Faust (tritt hervor).

Der Einsamkeiten tiefste schauend unter meinem Fuß,

10040
Betret’ ich wohlbedächtig dieser Gipfel Saum,

Entlassend meiner Wolke Tragewerk, die mich sanft
An klaren Tagen über Land und Meer geführt.
Sie löst sich langsam, nicht zerstiebend, von mir ab.
Nach Osten strebt die Masse mit geballtem Zug,

10045
Ihr strebt das Auge staunend in Bewundrung nach.

Sie teilt sich wandelnd, wogenhaft, veränderlich.
Doch will sich’s modeln.--Ja! das Auge trügt mich nicht!--
Auf sonnbeglänzten Pfühlen herrlich hingestreckt,
Zwar riesenhaft, ein göttergleiches Fraungebild,

10050
Ich seh’s! Junonen ähnlich, Leda’n, Helenen,
Wie majestätisch lieblich mir’s im Auge schwankt.
[252]
Ach! schon verrückt sich’s! Formlos breit und aufgetürmt

Ruht es in Osten, fernen Eisgebirgen gleich,
Und spiegelt blendend flücht’ger Tage großen Sinn.

10055
Doch mir umschwebt ein zarter lichter Nebelstreif

Noch Brust und Stirn, erheiternd, kühl und schmeichelhaft.
Nun steigt es leicht und zaudernd hoch und höher auf,
Fügt sich zusammen.--Täuscht mich ein entzückend Bild,
Als jugenderstes, längstentbehrtes höchstes Gut?

10060
Des tiefsten Herzens frühste Schätze quellen auf:

Aurorens Liebe, leichten Schwung bezeichnet’s mir,
Den schnellempfundnen, ersten, kaum verstandnen Blick,
Der, festgehalten, überglänzte jeden Schatz.
Wie Seelenschönheit steigert sich die holde Form,

10065
Löst sich nicht auf, erhebt sich in den äther hin

Und zieht das Beste meines Innern mit sich fort.

Ein Sieben-Meilenstiefel (tappt auf.)

Ein Anderer folgt alsbald.

Mephistopheles (steigt ab.)

die Stiefel schreiten eilig weiter.

Mephistopheles
Das heiß’ ich endlich vorgeschritten!
Nun aber sag, was fällt dir ein?
Steigst ab in solcher Greuel Mitten,

10070
Im gräßlich gähnenden Gestein?

Ich kenn’ es wohl, doch nicht an dieser Stelle,

Denn eigentlich war das der Grund der Hölle.
[253]
Faust

Es fehlt dir nie an närrischen Legenden;
Fängst wieder an, dergleichen auszuspenden.

Mephistopheles (ernsthaft).

10075
Als Gott der Herr--ich weiß auch wohl, warum--

Uns aus der Luft in tiefste Tiefen bannte,
Da, wo zentralisch glühend, um und um,
Ein ewig Feuer flammend sich durchbrannte,
Wir fanden uns bei allzugroßer Hellung

10080
In sehr gedrängter, unbequemer Stellung.

Die Teufel fingen sämtlich an zu husten,
Von oben und von unten auszupusten;
Die Hölle schwoll von Schwefelstank und--säure,
Das gab ein Gas! Das ging ins Ungeheure,

10085
So daß gar bald der Länder flache Kruste,

So dick sie war, zerkrachend bersten mußte.
Nun haben wir’s an einem andern Zipfel,
Was ehmals Grund war, ist nun Gipfel.
Sie gründen auch hierauf die rechten Lehren,

10090
Das Unterste ins Oberste zu kehren.

Denn wir entrannen knechtisch-heißer Gruft
Ins übermaß der Herrschaft freier Luft.
Ein offenbar Geheimnis, wohl verwahrt,
Und wird nur spät den Völkern offenbart. (Ephes. 6. 12.)

Faust

10095
Gebirgesmasse bleibt mir edel-stumm,
Ich frage nicht woher und nicht warum.
[254]
Als die Natur sich in sich selbst gegründet,

Da hat sie rein den Erdball abgeründet,
Der Gipfel sich, der Schluchten sich erfreut

10100
Und Fels an Fels und Berg an Berg gereiht,

Die Hügel dann bequem hinabgebildet,
Mit sanftem Zug sie in das Tal gemildet.
Da grünt’s und wächst’s, und um sich zu erfreuen,
Bedarf sie nicht der tollen Strudeleien.

Mephistopheles

10105
Das sprecht Ihr so! Das scheint Euch sonnenklar;

Doch weiß es anders, der zugegen war.
Ich war dabei, als noch da drunten siedend
Der Abgrund schwoll und strömend Flammen trug;
Als Molochs Hammer, Fels an Felsen schmiedend,

10110
Gebirgestrümmer in die Ferne schlug.

Noch starrt das Land von fremden Zentnermassen;
Wer gibt Erklärung solcher Schleudermacht?
Der Philosoph, er weiß es nicht zu fassen,
Da liegt der Fels, man muß ihn liegen lassen,

10115
Zuschanden haben wir uns schon gedacht.--

Das treu-gemeine Volk allein begreift
Und läßt sich im Begriff nicht stören;
Ihm ist die Weisheit längst gereift:
Ein Wunder ist’s, der Satan kommt zu Ehren.

10120
Mein Wandrer hinkt an seiner Glaubenskrücke

Zum Teufelsstein, zur Teufelsbrücke.

Faust
Es ist doch auch bemerkenswert zu achten,

Zu sehn, wie Teufel die Natur betrachten.
[255]
Mephistopheles

Was geht mich’s an! Natur sei, wie sie sei!

10125
’s ist Ehrenpunkt: der Teufel war dabei!

Wir sind die Leute, Großes zu erreichen;
Tumult, Gewalt und Unsinn! sieh das Zeichen!--
Doch, daß ich endlich ganz verständlich spreche,
Gefiel dir nichts an unsrer Oberfläche?

10130
Du übersahst, in ungemeßnen Weiten,

Die Reiche der Welt und ihre Herrlichkeiten. ((Matth. 4.))
Doch, ungenügsam, wie du bist,
Empfandest du wohl kein Gelüst?


Faust
Und doch! ein Großes zog mich an.

10135
Errate!


Mephistopheles
 Das ist bald getan.
Ich suchte mir so eine Hauptstadt aus,
Im Kerne Bürger-Nahrungs-Graus,
Krummenge Gäßchen, spitze Giebeln,
Beschränkten Markt, Kohl, Rüben, Zwiebeln;

10140
Fleischbänke, wo die Schmeißen hausen,

Die fetten Braten anzuschmausen;
Da findest du zu jeder Zeit
Gewiß Gestank und Tätigkeit.
Dann weite Plätze, breite Straßen,

10145
Vornehmen Schein sich anzumaßen;

Und endlich, wo kein Tor beschränkt,

Vorstädte grenzenlos verlängt.
[256]
Da freut’ ich mich an Rollekutschen,

Am lärmigen Hin- und Widerrutschen,

10150
Am ewigen Hin- und Widerlaufen

Zerstreuter Ameis-Wimmelhaufen.
Und wenn ich führe, wenn ich ritte,
Erschien’ ich immer ihre Mitte,
Von Hunderttausenden verehrt.

Faust

10155
Das kann mich nicht zufriedenstellen.

Man freut sich, daß das Volk sich mehrt,
Nach seiner Art behaglich nährt,
Sogar sich bildet, sich belehrt--
Und man erzieht sich nur Rebellen.

Mephistopheles

10160
Dann baut’ ich, grandios, mir selbst bewußt,

Am lustigen Ort ein Schloß zur Lust.
Wald, Hügel, Flächen, Wiesen, Feld
Zum Garten prächtig umbestellt.
Vor grünen Wänden Sammetmatten,

10165
Schnurwege, kunstgerechte Schatten,

Kaskadensturz, durch Fels zu Fels gepaart,
Und Wasserstrahlen aller Art;
Ehrwürdig steigt es dort, doch an den Seiten
Da zischt’s und pißt’s in tausend Kleinigkeiten.

10170
Dann aber ließ ich allerschönsten Frauen

Vertraut-bequeme Häuslein bauen;
Verbrächte da grenzenlose Zeit

In allerliebst-geselliger Einsamkeit.
[257]
Ich sage Fraun; denn ein für allemal
10175
Denk’ ich die Schönen im Plural.


Faust
Schlecht und modern! Sardanapal!

Mephistopheles
Errät man wohl, wornach du strebtest?
Es war gewiß erhaben kühn.
Der du dem Mond um so viel näher schwebtest,

10180
Dich zog wohl deine Sucht dahin?


Faust
Mit nichten! dieser Erdenkreis
Gewährt noch Raum zu großen Taten.
Erstaunenswürdiges soll geraten,
Ich fühle Kraft zu kühnem Fleiß.

Mephistopheles

10185
Und also willst du Ruhm verdienen?

Man merkt’s, du kommst von Heroinen.

Faust
Herrschaft gewinn’ ich, Eigentum!
Die Tat ist alles, nichts der Ruhm.

Mephistopheles
Doch werden sich Poeten finden,

10190
Der Nachwelt deinen Glanz zu künden,

Durch Torheit Torheit zu entzünden.

Faust
Von allem ist dir nichts gewährt.
Was weißt du, was der Mensch begehrt?
Dein widrig Wesen, bitter, scharf,

10195
Was weiß es, was der Mensch bedarf?
[258]
Mephistopheles

Geschehe denn nach deinem Willen!
Vertraue mir den Umfang deiner Grillen.

Faust
Mein Auge war aufs hohe Meer gezogen;
Es schwoll empor, sich in sich selbst zu türmen,

10200
Dann ließ es nach und schüttete die Wogen,

Des flachen Ufers Breite zu bestürmen.
Und das verdroß mich; wie der übermut
Den freien Geist, der alle Rechte schätzt,
Durch leidenschaftlich aufgeregtes Blut

10205
Ins Mißbehagen des Gefühls versetzt.

Ich hielt’s für Zufall, schärfte meinen Blick:
Die Woge stand und rollte dann zurück,
Entfernte sich vom stolz erreichten Ziel;
Die Stunde kommt, sie wiederholt das Spiel.

Mephistopheles
(ad Spectatores).

10210
Da ist für mich nichts Neues zu erfahren,

Das kenn’ ich schon seit hunderttausend Jahren.

Faust
(leidenschaftlich fortfahrend).
Sie schleicht heran, an abertausend Enden,
Unfruchtbar selbst, Unfruchtbarkeit zu spenden;
Nun schwillt’s und wächst und rollt und überzieht

10215
Der wüsten Strecke widerlich Gebiet.

Da herrschet Well’ auf Welle kraftbegeistet,

Zieht sich zurück, und es ist nichts geleistet,
[259]
Was zur Verzweiflung mich beängstigen könnte!

Zwecklose Kraft unbändiger Elemente!

10220
Da wagt mein Geist, sich selbst zu überfliegen;

Hier möcht’ ich kämpfen, dies möcht’ ich besiegen.

Und es ist möglich!--Flutend wie sie sei,
An jedem Hügel schmiegt sie sich vorbei;
Sie mag sich noch so übermütig regen,

10225
Geringe Höhe ragt ihr stolz entgegen,

Geringe Tiefe zieht sie mächtig an.
Da faßt’ ich schnell im Geiste Plan auf Plan:
Erlange dir das köstliche Genießen,
Das herrische Meer vom Ufer auszuschließen,

10230
Der feuchten Breite Grenzen zu verengen

Und, weit hinein, sie in sich selbst zu drängen.
Von Schritt zu Schritt wußt’ ich mir’s zu erörtern;
Das ist mein Wunsch, den wage zu befördern!
(Trommeln und kriegerische Musik im Rücken der Zuschauer aus der Ferne , von der rechten Seite her.)

Mephistopheles
Wie leicht ist das! Hörst du die Trommeln fern?

Faust

10235
Schon wieder Krieg! der Kluge hört’s nicht gern.


Mephistopheles
Krieg oder Frieden. Klug ist das Bemühen,
Zu seinem Vorteil etwas auszuziehen.
Man paßt, man merkt auf jedes günstige Nu.

Gelegenheit ist da, nun, Fauste, greife zu!
[260]
Faust
10240
Mit solchem Rätselkram verschone mich!

Und kurz und gut, was soll’s? Erkläre dich.

Mephistopheles
Auf meinem Zuge blieb mir nicht verborgen:
Der gute Kaiser schwebt in großen Sorgen.
Du kennst ihn ja. Als wir ihn unterhielten,

10245
Ihm falschen Reichtum in die Hände spielten,

Da war die ganze Welt ihm feil.
Denn jung ward ihm der Thron zuteil,
Und ihm beliebt’ es, falsch zu schließen,
Es könne wohl zusammengehn

10250
Und sei recht wünschenswert und schön:

Regieren und zugleich genießen.

Faust
Ein großer Irrtum. Wer befehlen soll,
Muß im Befehlen Seligkeit empfinden.
Ihm ist die Brust von hohem Willen voll,

10255
Doch was er will, es darf’s kein Mensch ergründen.

Was er den Treusten in das Ohr geraunt,
Es ist getan, und alle Welt erstaunt.
So wird er stets der Allerhöchste sein,
Der Würdigste--; Genießen macht gemein.

Mephistopheles

10260
So ist er nicht. Er selbst genoß, und wie!

Indes zerfiel das Reich in Anarchie,
Wo groß und klein sich kreuz und quer befehdeten

Und Brüder sich vertrieben, töteten,
[261]
Burg gegen Burg, Stadt gegen Stadt,
10265
Zunft gegen Adel Fehde hat,

Der Bischof mit Kapitel und Gemeinde;
Was sich nur ansah, waren Feinde.
In Kirchen Mord und Totschlag, vor den Toren
Ist jeder Kauf- und Wandersmann verloren.

10270
Und allen wuchs die Kühnheit nicht gering;

Denn leben hieß sich wehren.--Nun, das ging.

Faust
Es ging--es hinkte, fiel, stand wieder auf,
Dann überschlug sich’s, rollte plump zuhauf.

Mephistopheles
Und solchen Zustand durfte niemand schelten,

10275
Ein jeder konnte, jeder wollte gelten.

Der Kleinste selbst, er galt für voll.
Doch war’s zuletzt den Besten allzutoll.
Die Tüchtigen, sie standen auf mit Kraft
Und sagten: Herr ist, der uns Ruhe schafft.

10280
Der Kaiser kann’s nicht, will’s nicht--laßt uns wählen,

Den neuen Kaiser neu das Reich beseelen,
Indem er jeden sicher stellt,
In einer frisch geschaffnen Welt
Fried’ und Gerechtigkeit vermählen.

Faust

10285
Das klingt sehr pfäffisch.


Mephistopheles
 Pfaffen waren’s auch,

Sie sicherten den wohlgenährten Bauch.
[262]
Sie waren mehr als andere beteiligt.

Der Aufruhr schwoll, der Aufruhr ward geheiligt;
Und unser Kaiser, den wir froh gemacht,

10290
Zieht sich hieher, vielleicht zur letzten Schlacht.


Faust
Er jammert mich; er war so gut und offen.

Mephistopheles
Komm, sehn wir zu! der Lebende soll hoffen.
Befrein wir ihn aus diesem engen Tale!
Einmal gerettet, ist’s für tausend Male.

10295
Wer weiß, wie noch die Würfel fallen?

Und hat er Glück, so hat er auch Vasallen.
(
Sie steigen über das Mittelgebirge herab und beschauen die Anordnung des Heeres im Thal. Trommeln und Kriegsmusik schallt von unten aus.)

Mephistopheles
Die Stellung, seh’ ich, gut ist sie genommen;
Wir treten zu, dann ist der Sieg vollkommen.

Faust
Was kann da zu erwarten sein?

10300
Trug! Zauberblendwerk! Hohler Schein.


Mephistopheles
Kriegslist, um Schlachten zu gewinnen!
Befestige dich bei großen Sinnen,
Indem du deinen Zweck bedenkst.
Erhalten wir dem Kaiser Thron und Lande,

10305
So kniest du nieder und empfängst
Die Lehn von grenzenlosem Strande.
[263]
Faust

Schon manches hast du durchgemacht,
Nun, so gewinn auch eine Schlacht!

Mephistopheles
Nein, du gewinnst sie! Diesesmal

10310
Bist du der Obergeneral.


Faust
Das wäre mir die rechte Höhe,
Da zu befehlen, wo ich nichts verstehe!

Mephistopheles
Laß du den Generalstab sorgen,
Und der Feldmarschall ist geborgen.

10315
Kriegsunrat hab’ ich längst verspürt,

Den Kriegsrat gleich voraus formiert
Aus Urgebirgs Urmenschenkraft;
Wohl dem, der sie zusammenrafft.

Faust
Was seh’ ich dort, was Waffen trägt?

10320
Hast du das Bergvolk aufgeregt?


Mephistopheles
Nein! aber, gleich Herrn Peter Squenz,
Vom ganzen Praß die Quintessenz.

Die drey Gewaltigen treten auf).
Sam. II 23,8.


Mephistopheles
Da kommen meine Bursche ja!
Du siehst, von sehr verschiednen Jahren,

10325
Verschiednem Kleid und Rüstung sind sie da;
Du wirst nicht schlecht mit ihnen fahren.
[264]
(Ad Spectatores)

Es liebt sich jetzt ein jedes Kind
Den Harnisch und den Ritterkragen;
Und, allegorisch wie die Lumpe sind,

10330
Sie werden nur um desto mehr behagen.


Raufebold
(Jung leicht bewaffnet, bunt gekleidet).
Wenn einer mir ins Auge sieht,
Werd’ ich ihm mit der Faust gleich in die Fresse fahren,
Und eine Memme, wenn sie flieht,
Fass’ ich bei ihren letzten Haaren.

Habebald
(Männlich, wohl bewaffnet, eich gekleidet).

10335
So leere Händel, das sind Possen,

Damit verdirbt man seinen Tag;
Im Nehmen sei nur unverdrossen,
Nach allem andern frag’ hernach.

Haltefest
(bejahrt, stark bewaffnet, ohne Gewand).
Damit ist auch nicht viel gewonnen!

10340
Bald ist ein großes Gut zerronnen,

Es rauscht im Lebensstrom hinab.
Zwar nehmen ist recht gut, doch besser ist’s, behalten;
Laß du den grauen Kerl nur walten,
Und niemand nimmt dir etwas ab.

(Sie steigen zusammen tiefer)
[265]
Auf dem Vorgebirg
Trommeln und kriegerische Musik von unter.
Des Kaisers Zelt wird aufgeschlagen.

Kaiser. Obergeneral. Trabenaten.

Obergeneral
10345
Noch immer scheint der Vorsatz wohlerwogen,

Daß wir in dies gelegene Tal
Das ganze Heer gedrängt zurückgezogen;
Ich hoffe fest, uns glückt die Wahl.

Kaiser
Wie es nun geht, es muß sich zeigen;

10350
Doch mich verdrießt die halbe Flucht, das Weichen.


Obergeneral
Schau hier, mein Fürst, auf unsre rechte Flanke!
Solch ein Terrain wünscht sich der Kriegsgedanke:
Nicht steil die Hügel, doch nicht allzu gänglich,
Den Unsern vorteilhaft, dem Feind verfänglich;

10355
Wir, halb versteckt, auf wellenförmigem Plan;

Die Reiterei, sie wagt sich nicht heran.

Kaiser
Mir bleibt nichts übrig, als zu loben;
Hier kann sich Arm und Brust erproben.

Obergeneral
Hier, auf der Mittelwiese flachen Räumlichkeiten,

10360
Siehst du den Phalanx, wohlgemut zu streiten.
[266]
Die Piken blinken flimmernd in der Luft,

Im Sonnenglanz, durch Morgennebelduft.
Wie dunkel wogt das mächtige Quadrat!
Zu Tausenden glüht’s hier auf große Tat.

10365
Du kannst daran die Masse Kraft erkennen,

Ich trau’ ihr zu, der Feinde Kraft zu trennen.

Kaiser
Den schönen Blick hab’ ich zum erstenmal.
Ein solches Heer gilt für die Doppelzahl.

Obergeneral
Von unsrer Linken hab’ ich nichts zu melden,

10370
Den starren Fels besetzen wackere Helden,

Das Steingeklipp, das jetzt von Waffen blitzt,
Den wichtigen Paß der engen Klause schützt.
Ich ahne schon, hier scheitern Feindeskräfte
Unvorgesehn im blutigen Geschäfte.

Kaiser

10375
Dort ziehn sie her, die falschen Anverwandten,

Wie sie mich Oheim, Vetter, Bruder nannten,
Sich immer mehr und wieder mehr erlaubten,
Dem Zepter Kraft, dem Thron Verehrung raubten,
Dann, unter sich entzweit, das Reich verheerten

10380
Und nun gesamt sich gegen mich empörten.

Die Menge schwankt im ungewissen Geist,
Dann strömt sie nach, wohin der Strom sie reißt.

Obergeneral
Ein treuer Mann, auf Kundschaft ausgeschickt,

Kommt eilig felsenab; sei’s ihm geglückt!
[267]
Erster Kundschafter
10385
     Glücklich ist sie uns gelungen,

     Listig, mutig, unsre Kunst,
     Daß wir hin und her gedrungen;
     Doch wir bringen wenig Gunst.
     Viele schwören reine Huldigung

10390
     Dir, wie manche treue Schar;

     Doch Untätigkeits-Entschuldigung:
     Innere Gärung, Volksgefahr.

Kaiser
Sich selbst erhalten bleibt der Selbstsucht Lehre,
Nicht Dankbarkeit und Neigung, Pflicht und Ehre.

10395
Bedenkt ihr nicht, wenn eure Rechnung voll,

Daß Nachbars Hausbrand euch verzehren soll?

Obergeneral
Der zweite kommt, nur langsam steigt er nieder,
Dem müden Manne zittern alle Glieder.

Zweiter Kundschafter
     Erst gewahrten wir vergnüglich

10400
     Wilden Wesens irren Lauf;

     Unerwartet, unverzüglich
     Trat ein neuer Kaiser auf.
     Und auf vorgeschriebnen Bahnen
     Zieht die Menge durch die Flur;

10405
     Den entrollten Lügenfahnen

     Folgen alle.--Schafsnatur!

Kaiser
Ein Gegenkaiser kommt mir zum Gewinn:

Nun fühl’ ich erst, daß ich der Kaiser bin.
[248]
Nur als Soldat legt’ ich den Harnisch an,
10410
Zu höherm Zweck ist er nun umgetan.

Bei jedem Fest, wenn’s noch so glänzend war,
Nichts ward vermißt, mir fehlte die Gefahr.
Wie ihr auch seid, zum Ringspiel rietet ihr,
Mir schlug das Herz, ich atmete Turnier;

10415
Und hättet ihr mir nicht vom Kriegen abgeraten,

Jetzt glänzt’ ich schon in lichten Heldentaten.
Selbständig fühlt’ ich meine Brust besiegelt,
Als ich mich dort im Feuerreich bespiegelt;
Das Element drang gräßlich auf mich los,

10420
Es war nur Schein, allein der Schein war groß.

Von Sieg und Ruhm hab’ ich verwirrt geträumt;
Ich bringe nach, was frevelhaft versäumt.
(Die Herolde werden abgefertigt zu Herausforderung des Gegenkaisers)

Faust, geharnischet mit halbgeschlossenem Helme.

'Die drey Gewaltigen gerüstet und gekleidet wie oben.

Faust
Wir treten auf und hoffen, ungescholten;
Auch ohne Not hat Vorsicht wohl gegolten.

10425
Du weißt, das Bergvolk denkt und simuliert,

Ist in Natur- und Felsenschrift studiert.
Die Geister, längst dem flachen Land entzogen,
Sind mehr als sonst dem Felsgebirg gewogen.
Sie wirken still durch labyrinthische Klüfte

10430
Im edlen Gas metallisch reicher Düfte;

In stetem Sondern, Prüfen und Verbinden

Ihr einziger Trieb ist, Neues zu erfinden.
[269]
Mit leisem Finger geistiger Gewalten

Erbauen sie durchsichtige Gestalten;

10435
Dann im Kristall und seiner ewigen Schweignis

Erblicken sie der Oberwelt Ereignis.

Kaiser
Vernommen hab’ ich’s, und ich glaube dir;
Doch, wackrer Mann, sag an: was soll das hier?

Faust
Der Nekromant von Norcia, der Sabiner,

10440
Ist dein getreuer, ehrenhafter Diener.

Welch greulich Schicksal droht’ ihm ungeheuer!
Das Reisig prasselte, schon züngelte das Feuer;
Die trocknen Scheite, ringsumher verschränkt,
Mit Pech und Schwefelruten untermengt;

10445
Nicht Mensch, noch Gott, noch Teufel konnte retten,

Die Majestät zersprengte glühende Ketten.
Dort war’s in Rom. Er bleibt dir hoch verpflichtet,
Auf deinen Gang in Sorge stets gerichtet.
Von jener Stund’ an ganz vergaß er sich,

10450
Er fragt den Stern, die Tiefe nur für dich.

Er trug uns auf, als eiligstes Geschäfte,
Bei dir zu stehn. Groß sind des Berges Kräfte;
Da wirkt Natur so übermächtig frei,
Der Pfaffen Stumpfsinn schilt es Zauberei.

Kaiser

10455
Am Freudentag, wenn wir die Gäste grüßen,

Die heiter kommen, heiter zu genießen,
Da freut uns jeder, wie er schiebt und drängt

Und, Mann für Mann, der Säle Raum verengt.
[270]
Doch höchst willkommen muß der Biedre sein,
10460
Tritt er als Beistand kräftig zu uns ein

Zur Morgenstunde, die bedenklich waltet,
Weil über ihr des Schicksals Waage schaltet.
Doch lenket hier im hohen Augenblick
Die starke Hand vom willigen Schwert zurück,

10465
Ehrt den Moment, wo manche Tausend schreiten,

Für oder wider mich zu streiten.
Selbst ist der Mann! Wer Thron und Kron’ begehrt,
Persönlich sei er solcher Ehren wert.
Sei das Gespenst, das, gegen uns erstanden,

10470
Sich Kaiser nennt und Herr von unsern Landen,

Des Heeres Herzog, Lehnherr unsrer Großen,
Mit eigner Faust ins Totenreich gestoßen!

Faust
Wie es auch sei, das Große zu vollenden,
Du tust nicht wohl, dein Haupt so zu verpfänden.

10475
Ist nicht der Helm mit Kamm und Busch geschmückt?

Er schützt das Haupt, das unsern Mut entzückt.
Was, ohne Haupt, was förderten die Glieder?
Denn schläfert jenes, alle sinken nieder;
Wird es verletzt, gleich alle sind verwundet,

10480
Erstehen frisch, wenn jenes rasch gesundet.

Schnell weiß der Arm sein starkes Recht zu nützen;
Er hebt den Schild, den Schädel zu beschützen;
Das Schwert gewahret seiner Pflicht sogleich,
Lenkt kräftig ab und wiederholt den Streich;

10485
Der tüchtige Fuß nimmt teil an ihrem Glück,
Setzt dem Erschlagnen frisch sich ins Genick.
[271]
Kaiser

Das ist mein Zorn, so möcht’ ich ihn behandeln,
Das stolze Haupt in Schemeltritt verwandeln!

Herolde (kommen zurück)
     Wenig Ehre, wenig Geltung

10490
     Haben wir daselbst genossen,

     Unsrer kräftig edlen Meldung
     Lachten sie als schaler Possen:
     "Euer Kaiser ist verschollen,
     Echo dort im engen Tal;

     
10495
     Wenn wir sein gedenken sollen,

     Märchen sagt:--Es war einmal."

Faust
Dem Wunsch gemäß der Besten ist’s geschehn,
Die fest und treu an deiner Seite stehn.
Dort naht der Feind, die Deinen harren brünstig;

10500
Befiehl den Angriff, der Moment ist günstig.


Kaiser
Auf das Kommando leist’ ich hier Verzicht.
(Zum Obergeneral)
In deinen Händen, Fürst, sei deine Pflicht.

Obergeneral
So trete denn der rechte Flügel an!
Des Feindes Linke, eben jetzt im Steigen,

10505
Soll, eh’ sie noch den letzten Schritt getan,

Der Jungendkraft geprüfter Treue weichen.

Faust
Erlaube denn, daß dieser muntre Held
Sich ungesäumt in deine Reihen stellt,


[272]
Sich deinen Reihen innigst einverleibt
10510
Und, so gesellt, sein kräftig Wesen treibt.

(Er deutet zur Rechten)

Raufebold (tritt vor)
Wer das Gesicht mir zeigt, der kehrt’s nicht ab
Als mit zerschlagnen Unter- und Oberbacken;
Wer mir den Rücken kehrt, gleich liegt ihm schlapp
Hals, Kopf und Schopf hinschlotternd graß im Nacken.

10515
Und schlagen deine Männer dann

Mit Schwert und Kolben, wie ich wüte,
So stürzt der Feind, Mann über Mann,
Ersäuft im eigenen Geblüte.
(Ab)

Obergeneral
Der Phalanx unsrer Mitte folge sacht,

10520
Dem Feind begegn’ er, klug mit aller Macht;

Ein wenig rechts, dort hat bereits, erbittert,
Der Unsern Streitkraft ihren Plan erschüttert.

Faust
(auf dem Mittelsten deutend)
So folge denn auch dieser deinem Wort!
Er ist behend, reißt alles mit sich fort.

Habebald
(tritt hervor).

10525
Dem Heldenmut der Kaiserscharen

Soll sich der Durst nach Beute paaren;
Und allen sei das Ziel gestellt:
Des Gegenkaisers reiches Z