Göttliche Komödie (Streckfuß 1876)/Paradiso
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[397] Das Paradies.
[Abfassungszeit: letzte Lebensjahre des Dichters.*)]
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Erster Gesang.
Invocation. Siebenter Morgen; Aufflug zum Himmel Belehrung über das Weltall.
1
Der Ruhm deß, der bewegt das große Ganze,[1][2][3]Durchdringt das All, und diesem Theil gewährt 4
Im Himmel, den sein hellstes Licht verklärt,War ich und sah, was wieder zu erzählen[4] 7
Denn, nahn dem Ziel des Sehnens unsre Seelen,Das unsern Geist zur tiefsten Tiefe zieht, 10
Doch Alles, was im heiligen GebietNur einzusammeln war von sel’ger Schöne, 13
Apollo, Güt’ger, leih mir deine Töne[5]Zum letzten Werk – mach’ ein Gefäß aus mir, 16
Mir gnügt’ ein Gipfel des Parnaß bis hier,Doch, soll der Rennbahn Ziel der Sieger grüßen, 19
Den Odem hauch’ in mich, den reinen, süßen,Daß du hier stark, wie bei dem Wettkampf seist, 22
O Götterkraft, wenn du dich jetzt mir leihst,Den Nachschein von des sel’gen Reiches Glanze Zu malen aus dem Bild in meinem Geist, 25
Dann siehest du mich nahn der theuren Pflanze[7]Und, durch den Stoff und dich deß werth, geschmückt 28
Wenn man ihr Laub, o Vater, selten pflückt,Um Kaiser- oder Dichter-Sieg zu ehren, 31
Muß Freud’ es wohl dem freud’gen Gott gewähren,Den Delphos preist, kehrt noch mit kühnem Muth 34
Und weckt ein kleiner Funk’ oft große Glut,So fleht nach mir zu höherer Verkündung 37
Den Sterblichen entsteigt aus mancher Mündung[8]Das Licht der Welt; allein in Einer sind 40
Wo’s bessern Lauf mit besserm Stern beginnt,So daß der Erde Wachs in diesem Zeichen 43
In ihm hieß Sol den Tag bei uns erbleichen[9]Und dort entglühn; und auf dem Halbkreis hier 46
Und links gewandt erschien Beatrix mir,[10]Und wie kein Aar je fest und ungeblendet 49
Und wie der erste Strahl den zweiten sendet,Der, ihm entflammt, hell auf- und rückwärts blitzt, 52
So macht’ ihr Blick, der durch die Augen itztMein Innres traf, zur Sonn’ auch meinen steigen, 55
Viel kann man dort, was hier zu übersteigen[11]Die Kraft pflegt, die uns nimmer dort gebricht, 58
Nicht lang’ ertrug ich’s, doch so wenig nicht,Um nicht zu sehn, daß, wie dem Feu’r entnommen, 61
Und plötzlich schien ein Tag zum Tag zu kommen,Als sei durch den, der’s kann, am Himmelsrand 64
Fest schauend nach den ew’gen Kreisen, stand[12]Beatrix dort, und ihr in’s glanzerhellte 67
Und fühlte, da mir Lust das Innre schwellte,Was Glaukus fühlt’, als er das Kraut geschmeckt,[13] 70
Verzückung fühlt’ ich. Was sie sei, entdecktDie Sprache nicht, mag’s drum dies Beispiel lehren, 73
Ob ich nur Seele war? – Du magst’s erklären,[14]O Liebe, Himmelslenkerin, die mich 76
Als nun der Kreis, der durch dich ewiglich[15]In Sehnsucht rollt, mein Aug’ an sich gezogen 79
Durchflammte Sonnenglut des Himmels BogenSo weit hin, wie von Strom- und Regenflut 82
Des Klanges Neuheit und die lichte Glut,Sie machten, daß ich vor Begierde brannte, 85
Drob Sie, die mich, wie ich mich selbst, erkannte,Mir zu befried’gen den erregten Geist, 88
Und sprach: „Ein Wahn ist schuld, daß du nicht weißt,Was du sogleich erkennen wirst und sehen, 91
Du glaubst noch auf der Erde fest zu stehen,Doch flieht kein Blitz aus seinem Vaterland 94
Kaum daß der erste Zweifel mir verschwand,Durch’s kurze Wort und ihres Lächelns Frieden, 97
„„Vom großen Staunen ruht’ ich schon zufrieden;Doch steig’ ich jetzt durch leichte Stoff’ empor,[16] 100
Ein Seufzer weht’ aus ihrem Mund hervor,Dann sah sie hin auf mich, wie auf den Knaben 103
„Die Dinge sämmtlich“, so begann Sie, „habenUnter sich Ordnung, und das All ist nur 106
Die höhern Wesen sehn in ihr die Spur[17]Der Kraft, der ew’gen, die zum Ziel gegeben 109
Nach ihr nun sehn wir alle Wesen streben,Ob hoch ihr Loos, ob niedrig sei; ob mehr, 112
Sie treiben durch des Seins unendlich MeerGeleitet von dem Trieb, den Gott als Steuer 115
Er ist’s, der trägt zum Mond empor das Feuer,[18]Der diesen Erdenball zusammenhält 118
Nicht nur auf Wesen, die vernunftlos, schnelltEr, wie ein Bogen, seine sichern Pfeile, 121
Die Vorsicht, die zum Ganzen eint die Theile,Die durch ihr Licht des Himmels Ruh’ erhält,[20] In dem der Kreis sich dreht von größter Eile, 124
Läßt zum bestimmten Platz in jener WeltUns jetzo durch die Kraft der Sehne bringen, 127
Wahr ist’s, daß, wie oft Formen nicht gelingen,Wie sie in sich des Künstlers Geist empfahn, 130
So das Geschöpf oft weicht von seiner Bahn,Denn ihm ist von Natur die Kraft verliehen, 133
Wenn erdenwärts es falsche Reize ziehen –Gleichwie man seh’n kann aus der Wolke Schlund 136
Nun ist dir, denk’ ich, weniger nicht kund,Wie von der Erde du emporgestiegen, 139
Bliebst du, von Hemmniß frei, am Boden liegen,Erstaunenswerther wär’s, als sähest du 142
Hier wandt’ ihr Antlitz sich dem Himmel zu.Zweiter Gesang.
I. Abtheilung, die sieben Planetenkreise. 1) Im Mond. Schluß der Belehrung über das Weltall (Mondflecken).
1
O ihr, die ihr, von Hörbegier verleitet,[22]Des Nachens Fahrt nach meinem Schiff gewandt, 4
Kehrt wieder heim zu dem verlaßnen Strand,Schifft nicht in’s Meer! denn, die mir folgen, wären 7
Ich steure hin zu nie befahrnen Meeren;Minerva haucht, Apoll ist mein Geleit, 10
Ihr andern wen’gen, die zur rechten ZeitIhr euch geneigt zum Engelsbrod, das Leben 13
Ihr könnt euch kühn auf’s hohe Meer begeben,Wenn ihr daher auf meiner Furche fahrt, 16
Anstaunen sollt ihr, was ihr bald gewahrt,Mehr als die Helden, die nach Kolchis zogen, 19
So schnell fast, als des Himmels Kreise, flogenWir fort, zum Reich, dem Gott sein Bild verlieh, 22
Beatrix blickt’ empor und ich auf Sie,Doch kaum so lang, als sich ein Pfeil zu schwingen 25
Mich dort, wo mir der Blick von WunderdingenGefesselt ward, schon angelangt mit Ihr; 28
Sie wandte sich so froh wie schön zu mir:„Auf, bring’ jetzt Gott des Dankes Huldigungen! 31
Mir schien’s, als hielt’ uns eine Wolk’ umschlungen,Von Glanz durchstrahlt, dicht, ungetrennt und rein, 34
Die ew’ge Perle nahm uns also ein,Gleichwie das Wasser, ohne sich zu trennen, 37
Wenn ich nun Leib war und wir nicht erkennen,[25]Wie sich in einem Raum ein zweiter fand, 40
Sollten wir um so heißer sein entbrannt,Das Ursein zu erschau’n, in dem wir schauen, 43
Dort wird uns das, worauf wir gläubig bauen,Nicht durch Beweis, nein, durch sich selber klar, 46
„„Ihm, Herrin,““ sprach ich, „„der mich wunderbarDer Erd’ entrückt, ihm bring’ ich jetzt, entglommen 49
Doch sprecht, woher die dunkeln Flecken kommenAuf dieses Körpers Scheib’, aus welchen man 52
Sie lächelt’ erst ein wenig und begann:„Irrt sich des Menschen Geist in solchen Dingen,[27] 55
So solltest du dein Staunen jetzt bezwingen,Siehst du, wie, selbst den Sinnen nach, nicht weit 58
Allein was meinst du selbst? Gib mir Bescheid!“Und ich: „„Von dünnern oder dichtern Stellen[28] 61
Drauf Sie: „Du wirst bald selbst das Urtheil fällen,Daß falsch die Meinung sei, drum gieb wohl Acht, 64
Der achte Kreis zeigt vieler Sterne Pracht,[29]An Größ’ und Eigenschaften sehr verschieden, 67
Wär’ dies durch Dünn’ und Dichtigkeit entschieden,So gäb’s in Allen ja nur eine Kraft, 70
Doch der verschiedne Bildungsgrund erschafft[30]Verschiedne Kräft’, und alle diese schwänden, 73
Denn, wenn die Flecken durch die Dünn’ entständen,[31]So denke, daß entweder hier und dort 76
Oder, gleichwie am Leib von Ort zu OrtDas Fett’ und Magre wechseln, also gingen 79
Das Erste würd’ an’s Licht die Sonne bringen,Wenn sie verfinstert ist – es würd’ ihr Schein 82
Doch dies ist nicht, drum bleibt das Zweit’ allein,Und wenn wir widerlegt auch dieses sehen, 85
Kann durch und durch der dünne Stoff nicht gehen,So muß wohl eine Grenze sein, und hier 88
Zurücke blitzt sodann der Strahl von ihr –So wirft das Glas, auf seiner hintern Seite, 91
Nun sagst du wohl, daß, weil aus größrer WeiteDer Strahl sodann auf dich zurückeprallt, 94
Doch diesen Einwurf widerlegt dir baldErfahrung, der, als seiner ersten Quelle, 97
Drei Spiegel nimm, und zwei von diesen stelleGleich weit von dir – dem dritten gieb sodann 100
Kehrst du dich ihnen zu, so stelle manDrauf hinter dich ein Licht, das sich in allen 103
In’s Auge wird der fern’re kleiner fallen,Doch wird auf dich von ihnen allzumal 106
Jetzt aber, wie beim warmen SonnenstrahlDes Schnees Massen in sich selbst zergehen, 109
So soll’s dem Wahn in deinem Geist geschehen,Und durch mein Wort sollst du lebend’ge Glut 112
Im Himmel, wo der Frieden Gottes ruht,[32]Dreht sich ein Kreis, in dessen Kraft und Walten 115
Der nächste Himmel, reich an Lichtgestalten,Vertheilt dies Sein verschiednen Körpern drauf, 118
Aus andern Kreisen von verschiednem LaufNimmt die verschiedne Kraft, in ihnen lebend. 121
So siehst du diese Weltorgane schwebend,In sich im Kreis bewegt von Grad zu Grad, 124
Betrachte wohl den Weg, den ich betrat,Auf dem ich dir erwünschte Wahrheit weise, 127
Kraft und Bewegung nehmen jene KreiseVon Lenkern an, die ew’ges Heil beglückt, 130
Dem Himmel, der die Schaar der Sterne schmückt,Wird von dem Geist, durch den sie rollend schweben, Gepräg’ und Bildniß mächtig eingedrückt. 133
Und wie die Seele, noch vom Staub umgeben,Durch Glieder von verschiedner Art beweist, 136
So zeiget seine Huld der Weltengeist,Der ewig Einer ist, hier, vielgestaltet, 139
Daher verschiedne Kraft verschieden waltetIm Himmels-Körper, welchen sie durchdrang, 142
Und da sie heiterer Natur entsprang,Glänzt diese Kraft in jedes Sternes Lichte, 145
Durch sie also, und nicht durch’s Dünn’ und Dichte,Erhält verschiednen Glanz der Sterne Schaar; 148
Schafft diese Bildnerin, was trüb’ und klar.“
Dritter Gesang.
Fortsetzung. Bewohnerinnen des Monds. Die Nonne Piccarda; Constanze, Friedrichs II. Mutter. – Belehrung über das Wesen der Seligkeit.
1
Die Sonne, die mich einst mit Glut erfüllt,[33]Beweisend hatte sie und widerlegend 4
Und ich, belehrt, nicht länger Zweifel hegend,Wollt’ eben, daß ich’s sei, gestehn und stand, 7
Doch ein Gesicht erschien, und so gespanntHielt ich den Blick darauf, um’s zu gewahren, 10
Und wie von Gläsern, von durchsicht’gen, klaren,[34]Von Weihern, welche seicht, doch still und rein, 13
Ein Antlitz widerstrahlt, so schwach und fein,Daß man erkennen würd’ in größrer Schnelle 16
So sah ich manch Gesicht an jener Stelle.Im umgekehrten Wahn, wie der, durch den[35] 19
Glaubt’ ich jedoch, sobald ich sie erseh’n,Es wären Spiegelbilder und bemühte 22
Doch sah ich nichts, und zweifelnd im Gemüthe,Schaut’ ich in’s Licht der süßen Führerin, 25
Und Sie begann: „Nicht staun’ in deinem Sinn,Belächl’ ich deine kindischen Gedanken. 28
Um, wie du pflegst, dem Wahne zuzuwanken.Wahrhafte Wesen zeigt dir dies Gesicht, 31
Sprich, hör’ und glaube; denn das wahre Licht,[36]Das sie beseligt, wird es nie gestatten, 34
Ich wandte mich und sprach zu einem Schatten,Der sprechenslustig schien, schnell, als ein Mann, 37
„„O Seele, die das ew’ge Licht gewann,Die selig hier die Süßigkeiten machten, Die nur, wer sie geschmeckt, begreifen kann, 40
O sei jetzt freundlich mir. Mein ganzes TrachtenIst ja dein Nam’ und euer Loos. Drum sprich!““ – 43
Sprach: „Unsre Lieb’ erschließt sich williglich[37]Gerechtem Wunsch, gleich der, der Liebe Bronnen, 46
Dort auf der Welt gehört’ ich zu den Nonnen;Doch wende nur mir die Erinn’rung zu, 49
Daß ich Piccarda bin, erkennest du,[38]Mit diesen Allen, die sich selig nennen, 52
All’ unsre Wünsche, die allein entbrennenIn Lust des heil’gen Geists, sind hoch ergetzt, 55
Dies Loos, vor andern niedrig wohl geschätzt,Ward uns zu Theile, weil wir dort auf Erden 58
Drauf ich: „„Euch glänzt in Antlitz und Geberden,Ich weiß nicht was, von Gottheit wunderbar, 61
Drob ich so säumig im Erkennen war;Jetzt hilft mir, was du sprichst, dem Auge trauen, 64
Doch sprich: Euch, glücklich hier in diesen Auen,Zieht euch nach höherm Ort nicht die Begier, 67
Ein wenig lächelten die Schatten hier,Dann, als ob sie in erster Liebe glühte, 70
„Bruder, hier stillt die Kraft der Lieb’ und GüteJedweden Wunsch, und völlig gnügt uns dies, 73
Denn wenn es höhern Ort uns wünschen ließ,So würd’ es ja dem Willen widerstehen, 76
Dies kann in diesen Sphären nicht geschehen;Lieb’ ist das Band des ewigen Vereins,[41] 79
Vielmehr ist’s Wesen dieses sel’gen Seins,Nur in dem Willen Gottes hinzuwallen, 82
Wie wir vertheilt von Grad zu Grad, muß Allen,Wie Ihm, deß Will’ allein nach seiner Spur 85
Und unser Frieden ist sein Wille nur,Dies Meer, wohin sich Alles muß bewegen, 88
Nun sah ich: Paradies ist allerwegenWo Himmel ist, strömt auch von oben her, 91
Wie bei verschiednen Speisen man nicht mehrVon dieser will und sich nach jener wendet, 94
So ich mit Wink und Wort, als sie geendet,Um zu erfahren, was sie dort gewebt,[43] 97
„Vollkommnes Leben und Verdienst erhebtEin Weib,“ so sprach sie, „zu den höhern Kreisen,[44] 100
In Schlaf und Wachen treu sich zu erweisenDem Bräutigam, dem jeder Schwur gefällt, 103
Ihr nachzufolgen floh ich jung die Welt,Weiht ihrem Orden mich und war beflissen, 106
Doch Menschen, ruchlos mehr, als gut, entrissenGewaltsam dem Verließ, dem süßen, mich. 109
Der andre Glanz, der mir zur Rechten dichSo freudig hell bestrahlt, (denn er entzündet 112
Versteht von sich auch, was von mir verkündet.Denn man entriß, wie meinem, ihrem Haupt 115
Doch, ob man Rückkehr ihr zur Welt erlaubt,Blieb doch ihr Herz bekrönt mit jenem Kranze, 118
Sie ist das Licht der trefflichen Constanze,[45]Die mit dem zweiten Sturm aus Schwabenland 121
Piccarda sprach’s, mir heiter zugewandt,Und fing ein Ave an, indem sie singend, 124
Mein Blick, ihr nach, so weit er konnte, dringend,Erhob sich dann, sobald er sie verlor, 127
Zu Beatricens Antlitz ganz empor.Doch als ihr Aug’, ein Blitz, in meins geschlagen, 130
Da macht’ es zögern mich mit weitern Fragen.Vierter Gesang.
Fortsetzung. Belehrung über Wesen und Stufen der Seligkeit – weiterhin über den freien Willen.
1
Zwischen zwei Speisen, gleich entfernt und lockend,[46]Ging hungrig wohl ein freier Mann zu Grund, 4
So stünd’ ein Lämmchen zwischen Schlund und SchlundVon zwei Wölfen fest, in gleichem Zagen, 7
So ließ verschiedner Zweifel mich nicht fragen.Ich schwieg nur, weil ich mußt’ und kann davon 10
Ich schwieg, doch ward mein Wunsch vom Antlitz schonKlar ausgedrückt und deutlicher vernommen, 13
Beatrix that wie Daniel, als entglommen[47]Nebucadnezar war in blinder Wuth, 16
„Daß dich zwei Wünsche drängen, seh’ ich gut,“Begann sie, „die dich fesseln, so daß keiner 19
Du fragst: Bleibt unser Will’ ein guter, reiner,[48]Wie macht Gewaltthat Andrer dann den Werth 22
Hiernächst macht Zweifel dir, was Plato lehrt:Daß, wie’s ihm scheint, zu ihrem Sternenkreise Die Seele von der Erde wiederkehrt. 25
Die beiden Fragen lasten gleicherweiseAuf deinem Willen noch, daher ich jetzt 28
Der Seraph, den der reinste Schimmer letzt,Moses und Samuel – die je heilig waren, 31
Sind nicht in anderm Himmel, als die SchaarenDer sel’gen Geister, die du jetzt gesehn, 34
Den höchsten Himmel machen Alle schön,Doch ist verschiedner Art ihr süßes Leben, 37
Sie zeigten hier sich, nicht, weil ihnen ebenDer Kreis zu Theil ward, nein, weil dies beweist, 40
So sprechen muß man ja zu eurem Geist,Den nur die Sinne zu dem Allen leiten. 43
Drum läßt sich auch zu euren FähigkeitenDie Schrift herab, wenn sie von Gott euch spricht, 46
Die Kirche zeigt mit menschlichem Gesicht,Gabriel’ und Michael’ und Raphaelen, 49
Doch des Timäus Lehre von den SeelenIst andrer Art, meint er es, wie er lehrt, Und will ein Sinnbild nicht darin verhehlen. 52
Daß sich zu ihrem Stern die Seele kehrt,Er spricht’s und glaubt, daß sie von dort gekommen, 55
Allein wird dies nicht wörtlich angenommen,So kann er doch vielleicht mit dem Beweis 58
Dafern er meinte, daß aus welchem KreisDer Einfluß stamm’, dahin die Seel’ sich kehrte 61
Und dieser schlecht verstandne Satz verkehrteFast alle Welt, so daß in Sternen man 64
Der andre Zweifel, welcher dich umspann,Hat mindres Gift, indem er nicht entrücken 67
Denn scheint auch ungerecht den Menschenblicken[49]Unsre Gerechtigkeit, nun, so beweist 70
Allein wohl fähig ist des Menschen Geist,In diese Wahrheit tiefer einzudringen, 73
Ist das Gewalt, wenn Jenen, welche zwingen,[50]Der, welcher leidet, nie sich willig zeigt, 76
Weil Wille, der nicht will, sich nimmer neigt,Vielmehr, wie Feuer, wenn die Stürme schwellen, 79
Der Wille wird zu der Gewalt Gesellen,Wenn er sich beugt; drum fehlte jenes Paar, 82
Blieb jener Nonnen Will’ unwandelbar,Wie auf dem Rost Laurentius geblieben, 85
So hätt’ er sie, befreit zurückgetriebenDenselben Pfad, auf dem man sie entführt; 88
Noch hättest du den Zweifel noch gespürt,Der jetzt gewiß vor meinem Wort geschwunden, 91
Doch hält ein andrer schon dein Aug’ umwunden,Und gänzlich schwände deine Kraft dahin, 94
Ich legt’ es als gewiß in deinen Sinn,Die Seele, die der ersten Wahrheit Pforten 97
Doch nun erfuhrst du durch Piccarda dorten,Daß ihren Schlei’r Constanze nie vergaß, 100
Oft, Bruder, die Gefahr zu fliehn, geschah’s,Daß sich ein Mensch, auch wider Willen, dessen, 103
So hat Alkmäon, welcher sich vermessen[51]Des Muttermords, weil ihn sein Vater bat, 106
Daraus erkennst du diese Wahrheit: hatDer Wille sich vermischt dem äußern Drange, 109
Der Will’ an sich, er trotzet wohl dem Zwange,Doch stimmt insofern bei, als der Gefahr 112
Piccarda sprach, dies siehst du jetzo klar,Vom unbedingten Willen nur zum Guten, 115
So war das Wogen jener heil’gen Fluten[52]Dem Quell entströmt, dem Wahrheit nur entquillt, 118
„„Liebste des ersten Liebenden, o Bild[53]Der Gottheit,““ rief ich, „„deren Rede regnet, 121
O, wär’ mit Inbrunst doch mein Herz gesegnetZum Dank, der gnügte deiner Huld – doch dir 124
Nie sättigt sich der Geist, dies seh’ ich hier,Als in der Wahrheit Glanz, dem Quell des Lebens, Die uns als Wahn zeigt Alles außer ihr. 127
Doch fand er sie, dann ruht die Qual des Strebens;Und finden kann er sie, sonst wäre ja 130
Drum läßt der Geist, wenn er die Wahrheit sah,[55]An ihrem Fuß den Zweifel Wurzel schlagen, 133
Dies ladet nun mich ein, dies heißt mich wagen,Nach einer andern dunkeln Wahrheit jetzt 136
Kann wohl der Mensch, der ein Gelübd’ verletzt,Durch andres gutes Werk dies so vergüten, 139
Sie sah mich an, und Liebesfunken sprühtenAus ihrem Aug’ so göttlich klar hervor, 142
Gesenkten Blicks mich selber fast verlor.
Fünfter Gesang.
Anhang zur letzten Belehrung: über Gelübde. Aufflug 2) zum Merkur.
1
„Wenn ich in Liebesglut dir flammend funkle,Mehr, als es je ein irdisch Auge sieht, 4
Nicht staune drum – es macht, daß dies geschieht,Vollkommnes Schauen, welches, wie’s ergründet,[56] In dem Ergründeten uns weiter zieht. 7
Schon glänzt, ich seh’s in deinem Blick verkündet,In deinem Geist ein Schein vom ew’gen Licht, 10
Und liebt ihr, weil euch andrer Reiz besticht,[57]So ist’s, weil, unerkannt, vom Licht, dem wahren, 13
Ob andrer Dienst, dies willst du jetzt erfahren,[58]Gebrochenes Gelübd’ ersetzen kann, 16
So fing ihr heil’ges Wort Beatrix an,Und setzte dann, die Rede zu vollenden, 19
„Die größte Gab’ aus Gottes VaterhändenUnd seiner reichen Güte klarste Spur, 22
Ist Willensfreiheit, so die Creatur,Der Er Vernunft verlieh, von ihm bekommen, 25
Hieraus ersieh’ den hohen Werth des frommen[60]Gelübdes, wenn es so beschaffen ist, 28
Denn, wer mit Gott Vertrag schließt, der vermißtSich, diesen Schatz zum Opfer darzubringen, 31
Wie kann drum je hier ein Ersatz gelingen?Brauchst du auch wohl, was du geopfert hast,[61] 34
Du hast das Wichtigste nun aufgefaßt,Doch weil die Kirche vom Gelübd’ entbindet, 37
Drum bleib am Tisch ein wenig noch. Hier findet,Ob du auch Unverdauliches gespeist,[62] 40
Dem, was ich sag’, erschließe deinen Geist,Denn Hören giebt nicht Weisheit, nein, Behalten; 43
In diesem Opfer sind zwei Ding enthalten;Das erste: des Gelübdes Gegenstand – 46
Der letztere hat ewigen Bestand,Bis er erfüllt ist, und wie er zu achten, 49
Drum mußten die Hebräer Opfer schlachten,[63]Obwohl für das Gelobte dann und wann 52
Der Gegenstand kann also sein, daß manAuch ohne Reu’ und Vorwurf zu empfinden, 55
Nur mag sich dessen Niemand unterwindenNach eigner Wahl, wenn ihn der ersten Last 58
Und jeder Tausch der Bürd’ ist Gott verhaßt,[65]Wenn, die wir nehmen, die wir von uns legen, 61
Drum, ziehet das, was man gelobt, beim WägenJedwede Waag’ herab durch sein Gewicht, 64
Scherzt, Sterbliche, mit dem Gelübde nicht.Seid treu, doch seht euch vor; denn schwer beklagen 67
Ihm ziemt’ es besser: Ich that schlimm! zu sagen,Als, haltend, schlimmer thun – und gleiche Scham 70
Drob Iphigenia weint’ in bitterm Gram,Und um sich weinen Weis’ und Thoren machte, 73
Sei nicht leichtgläubig, Christenvolk, und trachte,[66]Nicht wie der Flaum im Windeshauch zu sein; 76
Das alt’ und neue Testament ist dein,Der Kirche Hirt ist Führer ihren Söhnen, 79
Und heißt die schlechte Gier euch Anderm fröhnen,Nicht Schafe seid ihr, eurer unbewußt; 82
Thut nicht dem Lamm gleich, das der Mutter BrustAus Einfalt läßt, im Uebermuth vergebens 85
Beatrix sprach’s und wandte, regen Strebens,Ganz Sehnen, ihren Blick zum hellern Licht, 88
Ihr Schweigen, ihr verwandelt AngesichtGeboten dem begier’gen Geiste Schweigen, 91
Und schnell, wie sich beschwingte Pfeile zeigen,In’s Ziel einbohrend, eh’ die Sehne ruht, 94
Die Herrin sah ich so in frohem Muth,Da uns der Flug zum neuen Glanze brachte, 97
Wenn der Planet nun sich verwandelnd lachte,Wie ward wohl mir, mir, welchen wandelbar 100
Gleichwie im Teich, der ruhig ist und klar,[69]Wenn das, wovon die Fischlein sich ernähren, 103
So sah ich hier zu uns sich Strahlen kehren,Wohl tausende, von welchen Jeder sprach: 106
Und wie sie uns sich nahten nach und nach,Da sah ich süßer Wonne voll die Seelen 109
Bedenke, Leser, wollt’ ich dir verhehlen,Was ich noch sah, und schweigend von dir gehn, 112
Du wirst daraus wohl durch dich selbst verstehn,Wie ich ihr Loos mich sehnte zu erfahren, 115
„Begnadigter, dem hier sich offenbarenDes ewigen Triumphes Thron’, eh’ dort[71] 118
Wir sind entglüht vom Licht, das fort und fortDen Himmel füllt – drum, wünschest du Erklärung 121
Ein frommer Geist verhieß mir so Gewährung;Beatrix drauf: „Sprich, sprich und glaub’ ihm fest,[72] 124
„„Ich sehe, würd’ger Geist, du hast dein NestIm eignen Licht, das, wie du lächelst, immer[73] 127
Doch wer bist du? was ward der schwache FlimmerDer niedern Sphäre dir zum Sitz gewährt, 130
So sprach ich, jenem Lichte zugekehrt,Das erst gesprochen hatt’, und sah’s in Wogen 133
Denn gleichwie Sol, von dichtem Dunst umzogen,In zu gewalt’gen Glanz sich selber hüllt, 136
So barg sich jetzt, von größrer Lust erfüllt,Die heilige Gestalt im Strahlen-Ringe, 139
Das, was ich bald im nächsten Sange singe.Sechster Gesang.
Im Merkur. Justinian’s Rede vom kaiserlichen Adler (Geschichte des heil. römisch-deutschen Reichs; Dante’s politisches System.) Bewohner des Merkur.[75]
1
„Nachdem der Kaiser Constantin entgegen[76]Der Himmelsbahn gewendet jenen Aar, 4
Da sah man mehr als schon zweihundert JahrZeus Vogel an Europens Rand verbringen, 7
Beherrschend unter’m Schatten heil’ger SchwingenVon dort die Welt, ging er von Hand zu Hand, 10
Cäsar war ich, Justinian genannt,[77]Der aus dem Recht, treu erster Liebe Walten, 13
Und eh’ ich’s unternahm, dies zu gestalten,Lebt’ ich zufrieden in dem Wahne fort, 16
Doch Agapet, der Ober-Hirt und Hort,Er lenkte mich zurück zum Aechten, Wahren, 19
Ich glaubt’ ihm und bin völlig nun im Klaren;Weil Eines wahr, das Andre falsch zu sehn[78] 22
Kaum fing ich an, der Kirche nachzugehn,So flößt es Gott mir ein, mich aufzuraffen, 25
Dem Belisar vertraut’ ich meine Waffen,[79]Und ihm verband des Himmels Rechte sich, 28
Befriedigt hab’ ich nun im Ersten dich,[80]Was du gefragt; allein die Art der Frage 31
Damit du seh’st, welch Unrecht Jeder trage,Der dieses hehren heil’gen Zeichens Macht 34
Du siehst die Kraft, die’s werth der Ehrfurcht macht,Seit seiner Herrschaft Pallas, überwunden,[82] 37
Weißt, daß es drauf den Wohnsitz aufgefunden,Dreihundert Jahr und mehr in Alba’s Au’n, 40
Weißt, was vom Raube der Sabiner-Frau’n,Es that bis zu Lukreziens Schmerz, durch Sieben,[84] 43
Weißt, wie es Brennus, Pyrrhus auch vertrieben,Getragen vor der wackern Römer Schaar, 46
Drob Quinctius, benannt vom wirren Haar,[85]Drob auch Torquatus, Decier, Fabier glänzen 49
Er schlug der Libyer Stolz, die, Welschlands GränzenEinst Hannibal verführt, zu überziehn, 52
Ein Jüngling noch, hob Scipio sich durch ihn,Pompejus auch, zu des Triumphes Ehren, 55
Dann, nah der Zeit, in der die Welt verklärenDer Himmel wollt’ in seinem heitern Schein, 58
Was er dann that vom Varus bis zum Rhein,Iser’ und Seine sahn’s, es sahn’s, bezwungen, 61
Wie er den Rubicon dann übersprungen,Was er dann that, das war von solchem Flug, 64
Nach Spanien lenkt’ er dann den Siegerzug,Dann nach Durazz’ und traf Pharsaliens Auen 67
Sah wieder dann den Simois, die Gauen,Von wo er kam, wo Hektor ruht und schwang 70
Worauf er blitzend hin zum Juba drang;Dann sah man ihn die Flügel westwärts schlagen, 73
Was er mit dem that, der ihn dann getragen,[87]Bellt Brutus, Cassius noch in ew’ger Noth, 76
Kleopatra beweint’s noch, die, bedrohtVon seinem Zorn, entfloh und an die Brüste 79
Mit diesem eilt’ er bis zur rothen Küste,Mit diesem schloß er fest des Janus Thor, 82
Doch was der Adler je gethan zuvor,Und was noch drauf gethan dies hohe Zeichen, 85
Muß dem gering erscheinen und erbleichen,Der’s in der Hand des dritten Cäsar schaut[88] 88
Denn die Gerechtigkeit, die jeden LautMir einhaucht, hat ihn, ihren Zorn zu rächen, 91
Jetzt staun’ ob dessen, was ich werde sprechen:Er nahm, begleitend dann des Titus Bahn, 94
Und als darauf der Langobarden ZahnDie Kirche biß, sah unter seinen Schwingen 97
Nun siehst du selbst, wie Jene sich vergingen,[90]Von denen ich, sie hart anklagend, sprach, 100
Der trachtet selbst dem Reiches-Zeichen nach,Der will es durch die Lilien überwinden, 103
Der Ghibellin mög’ andres Zeichen finden,Denn schlechte Folger sind dem heil’gen Aar, 106
Der neue Karl mit seiner Guelfen-Schaar,Nicht trotz’ er ihm, der wohl schon stärkerm Leuen 109
Oft muß der Sohn des Vaters Fehl bereuen.Nicht glaub’ er seine Lilien Gott so lieb, 112
Der kleine Stern, der fern und dämmernd blieb,[91]Ist Wohnsitz derer, die zum thät’gen Leben 115
Und wenn so falsch gelenkt die Wünsche streben,So muß sich wohl der wahren Liebe Licht 118
Doch wägen wir dann des Verdienst’s GewichtMit dem des Lohns, so wird uns Wonn’ und Frieden, 121
Dann stellt uns die Gerechtigkeit zufriedenUnd sichert uns vor jedem sünd’gen Hang, 124
Verschiedne Tön’ erzeugen süßern Klang;So bilden hier die Harmonie der Sphären 127
Du siehst in dieser Perle sich verklären[92]Romeo’s Licht, mußt’ auch sein schönes Thun 130
Allein die Provenzalen lachen nunNicht ihres Grolls, denn Solche nahn dem Falle, 133
Vier Töchter hatt’, und Königinnen alle,Graf Raimund, und Romeo that ihm dies, 136
Und Jener folgt’, als ihn die Scheelsucht hieß,Dem Biedermanne Rechnung anzusinnen, 139
Arm und veraltet ging er dann von hinnen;Und wüßte man, mit welchem Herzen Er 142
Man preist ihn hoch und pries’ ihn dann noch mehr.“[93]Siebenter Gesang.
Im Merkur, Schluß. Belehrung über Sünde und Erlösung. Anhang: von der unmittelbaren und mittelbaren Schöpfung.
1
„Hosianna dir, du Gott der Macht und Wahrheit,[94]Dir, der du hier der sel’gen Flammen Glanz 4
So schien, zurückgewandt zu ihrem Tanz,[95]Die Seel’ im Lied den höchsten Herrn zu feiern, 7
Den Reigen sah ich Alle nun erneuern,Und Funken gleich, die durch die Lüfte fliehn, 10
Ich zweifelte. „„Sprich, sprich, zur Herrin,““ schienMein Herz zu sprechen bei des Mundes Schweigen, 13
Allein die Ehrfurcht, der ich immer eigenAls Sclav war, wo nur be und ice klang,[97] 16
Sie aber duldete mich so nicht lang;In Lächeln strahlte mir das hohe Wesen, 19
Sie sprach: „Ich hab’ in deiner Brust gelesen;[99]Wie ist – dies ist’s, was dir im Haupte kreist – 22
Doch bald entwirren will ich deinen Geist,Damit du, wenn dein Sinn sich mir erschlossen, 25
Der Mensch, der nicht geboren ward, verdrossen,[100]Zu dulden, sich zum Heil, des Willens Zaum, 28
Drob das Geschlecht in Wahn und falschem TraumViel hundert Jahre krank lag, matt und trübe, 31
Wo’s der Natur, die sich im irren TriebeVom Schöpfer abgekehrt, sich ganz verband, 34
Scharf sei dein Blick jetzt auf mein Wort gespannt.Jene Natur, dem Schöpfer hingegeben, 37
Nur durch sich selbst war sie für falsches StrebenVom Paradies verbannt, weil sie die Bahn 40
Drum ward die Strafe, durch das Kreuz empfahn,Mit größerm Recht, als jemals irgend eine, 43
Doch war die Straf’ auch ungerecht, wie keine,In Hinsicht deß, der sie erlitten hat, 46
Verschieden war die Wirkung einer That.Gott und den Juden mußt’ ein Tod gefallen, 49
Schwer wird dir’s nicht mehr zu begreifen fallen,Wenn man von dem gerechten Richter spricht, 52
Doch deinen Geist, gleich einem Netz, umflichtGedank’ jetzt und Gedank’ in engem Kreise, 55
Der Rache Recht war klar in dem Beweise,Denkst du; doch weshalb wählt’ in seiner Macht 58
Der Schluß, mein Bruder, birgt sich dem in Nacht,Dem nicht, wenn hell der Liebe Flammen brennen, 61
Vernimm deshalb, weil wenig zu erkennen,Obwohl der Blick sich häufig spähend müht, 64
Die ew’ge Güt’, in sich nie neidentglüht,[102]Zeigt, wenn im All sich ihre Schönheit spiegelt, 67
Was ihr unmittelbar entströmt – verriegelt[103]Ist dem des Todes Thür, und fest und treu 70
Was ihr unmittelbar entströmt, ist frei,Ist völlig frei, und deshalb wohnt dem Neuen 73
Je mehr’s ihr gleicht, je mehr muß sie’s erfreuen;Drum will die heil’ge Glut, das Licht der Welt, 76
In allem dem ist hoch der Mensch gestellt,Der aber, wenn nur eins ihm fehlt, entweihet, 79
Die Sünd’ allein ist das, was ihn entfreiet,Unähnlich macht sie ihn dem höchsten Gut, 82
Nie kehrt zurück ihm seine Würde, thutEr dem nicht G’nüge durch gerechte Leiden, 85
Eure Natur, die in den ersten Beiden[104]Ganz sündigte, ward, wie der Würd’ entsetzt, 88
Und Möglichkeit, dahin zurückversetztDereinst zu sein, gab’s nur auf zweien Pfaden, 91
Entweder Gott verzieh allein aus Gnaden,Oder es mußte sich, der ihn gekränkt, 94
Dein Blick sei in den Abgrund jetzt versenktDes ew’gen Rathes, und mit ernstem Schweigen 97
G’nugthuung konnte nie der Mensch erzeigen,Und, eng beschränkt, so tief nicht niedergehn, 100
Als, ungehorsam, er sich wollt’ erhöhn;Drum konnt’ er nie sich von der Schuld befreien, 103
Drum wählt’, ihn neu zum Leben einzuweihen,Gott, so gerecht wie gnädig, seinen Pfad, 106
Doch weil so werther ist des Thäters That,Je heller strahlt die Güt’ in dem Gemüthe, 109
Hat, die die Welt gestaltet, Gottes Güte,Auf jedem Wege, der ihr offen lag, 112
Und zwischen letzter Nacht und erstem TagIst niemals noch so Herrliches geschehen 115
Freigeb’ger war’s, von Gott, selbst einzustehen,Daß zur Erhebung Kraft dem Menschen ward, 118
Karg wär’ erfüllt in jeder andern ArtDas Recht, wenn Gottes Sohn um euretwillen 121
Jetzt, um noch besser deinen Wunsch zu stillen,Und daß du seh’st, gleich mir, das volle Licht, 124
Ich sehe Feuer, sehe Luft – so spricht[105]Dein Zweifel – Wasser, Erd’, in mannigfachen 127
Geschöpfe sind ja alle diese Sachen;Und sollte dies, wenn ich dich recht verstand, 130
Die Engel, Bruder, und dies reine Land,Sie dürfen wohl sich für erschaffen halten, 133
Doch Alles, was die Element’ entfalten,Die Elemente selbst, sie läßt allein 136
Geschaffen ward ihr Stoff, ihr erstes Sein,Geschaffen ward die Bildungskraft dem Tanze 139
Die Seele jedes Thiers und jeder PflanzeZieht nach verschiedner Bildungsfähigkeit 142
Jedoch der höchsten Güte Hauch verleihtUnmittelbar uns nur allein das Leben 145
Wie aus der Gruft die Leiber sich erheben,Erkennst du, wenn du denkest, wessen Ruf 148
Als er die beiden ersten Eltern schuf.
Achter Gesang.
3. Venus. Karl Martell und seine unähnlichen Söhne. Die verschiedenen Anlagen begründen nach göttl. Vorsehung die menschliche Gesellschaft, den Staat.
1
Die Welt glaubt’ einst, unsel’gen Irrthum hegend,[106]Daß Cypris toller Liebe Glut entflammt, 4
Drob nicht zu ihr allein mit OpferamtUnd Weiherufen sich anbetend kehrte 7
Nein, auch Dionen und Cupiden ehrte,Als ihre Mutter sie, ihn als das Kind, 10
So ward nach ihr, von der mein Sang beginnt,Der Stern benannt, der, bald der Sonn’ im Rücken, 13
Nicht fühlt’ ich mich in diesen Stern entrücken,Doch, daß ich wirklich drinnen sei, entschied 16
Und wie man Funken in der Flamme sieht,Und wie wir Stimmen in der Stimm’ erkennen, 19
So sah ich Lichter hier im Lichte brennen,Und, nach dem Maß des ewigen Schaun’s erregt, 22
Kein Wind unsichtbar, oder sichtbar, pflegt[108]So schnell aus kalter Wolk’ herabzugleiten, 25
Dem, der die Lichter uns entgegenschreitenIm Flug gesehn, aus jenem Kreis hervor, 28
Und hinter diesen ersten klang’s im Chor:Hosianna! Und seit ich den Ton vernommen, 31
Und einen sah ich dann uns näher kommen,Und er begann allein mit frohem Klang: 34
Wir wandeln hin, ein Kreis, ein Schwung, ein Drang,Uns nie vom Pfad der Himmelsfürsten trennend, 37
Die ihr den dritten Himmel lenkt, erkennend;[109]Für dich wird uns nicht schwer ein Stillestand, 40
Als ich zu Ihr voll Ehrfurcht mich gewandt,Und so der Herrin Blick sich ausgesprochen 43
Schaut’ ich zum Licht, das mir in sich versprochenSo Großes hatt’, und sprach: „„Wer bist du, sprich!““ 46
O wie vermehrte, wie verschönte sichDer frohe Glanz in neuer Lust entglommen, 49
„Zu früh ward eurer Erde ich entnommen;[111]Verweilt’ ich mehr, dann wäre Vieles nicht 52
Nur meine Freude birgt dir mein Gesicht,[112]Nur sie verhüllt mich rings im Strahlenrunde, 55
Du liebtest mich, und wohl aus gutem Grunde;[113]Denn lebt’ ich noch, gewiß, dir keimten jetzt 58
Der linke Strand, den Rhodanus benetzt,[114]Nachdem er mit der Sargue sich verbündet, 61
So auch Ausoniens Horn, wo, fest begründet,[115]Bari, Gaëta und Crotona drohn, 64
Auch schmückte mich des Landes Krone schon,Das längs durchstreift der Donau Wogenfülle, 67
Trinacria – bedeckt von schwarzer Hülle[117](Zwischen Pachino und Pelor, am Schlund 70
Durch Typhöus nicht, nein, durch den Schwefelgrund –Der Fürsten harrt’ es noch, der edlen Sprossen[118] 73
Hätt’ schlechte Herrschaft, welche stets verdrossenDer Unterworfne trägt, zum Mordgeschrei 76
Ging’ Ahnung dessen meinem Bruder bei,So würd’ er Kataloniens Bettler jagen, 79
Noth thut’s fürwahr, daß ihm die Freund’ es sagen,Wenn er’s nicht sieht: daß volle Ladung schon 82
Er, des freigeb’gen Vaters karger Sohn,[120]Braucht Diener, die nicht Gold nur zu gewinnen 85
„„Herr, weil ich glaube, daß die Lust hier innen,Die deine Rede strömt in meine Brust, 88
So deutlich schauest, wie sie mir bewußt,Wird sie mir werther – daß du beim Betrachten 91
Mach’ jetzt, wie froh mich deine Worte machten,Mir klar und schaffe noch dem Zweifel Ruh’: 94
So ich – und Er: „Die Wahrheit fasse du,Und dem, was du gefragt, kehrst du zufrieden, 97
Das Gut, das ihren Lauf und ihren Frieden[123]Den Himmeln gab, hat jedem Stern den Schein 100
Nicht nur der Wesen vorbestimmtes Sein[124]Hat der durch sich vollkommne Geist erwogen, 103
Drum, was nur immer fliegt von diesem Bogen,Kommt gleich dem Pfeil auf vorbestimmtem Gang 106
Wär’ dieses nicht, dann würd’ im wirren DrangWas diese Himmel irgend wirkend schaffen, 109
Dies kann nicht sein, wenn Jene nicht erschlaffen,Die Geister, lenkend diese Sternenschaar, 112
Ist diese Wahrheit nun dir völlig klar?“Und ich: „„Gewiß, ich seh’s, Natur bleibt immer 115
Drum Er: „Nun sprich, wär’s für den Menschen schlimmer,[125]Wenn er nicht Bürger ward und einsam blieb?“ 118
„Und wär’ ein Staat, wenn in verschiednem TriebDie Menschen nicht verschieden sich erwiesen? 121
So folgert’ ich bis jetzt, um hier zu schließen:„Drum also muß der Menschen Thun hervor 124
Und Solon sproßt’ und Xerxes so empor,Also Melchisedek, und der Erfinder, 127
Natur, im Kreislauf, so die MenschenkinderWie Wachs ausprägt, übt ihre Kunst, und sieht 130
Dies ist’s, was Esau’s Keim von Jacob’s schied,Drob auch Quirin entsproß so nied’rer Lende,[126] 133
Und stets auf der Erzeuger Wegen fändeMan die, so sie erzeugten, nur – wenn nicht 136
Was hinter dir war, sieh jetzt im Gesicht;Doch wie ich dein mich freue, geb’ ich Kunde, 139
Ist die Natur nicht mit dem Glück im Bunde,[127]Dann kommt sie übel fort, wie jede Saat, 142
Und folgte der Natur des Menschen Pfad,Suchtet auf ihrem Grund ihr nach dem Rechten, 145
Doch solche, die geboren sind, zu fechten,Macht ihr zu Priestern wider die Natur, 148
Und deshalb schweift ihr von der rechten Spur.
Neunter Gesang.
Fortsetzung. Cunizza, Folko. – Kirchen-Verderbniß; Kirchenreformation geweissagt.
1
Noch sprach dein Karl, als er mich aufgeklärt,Schöne Clemenza, von den Ränkevollen,[128] 4
Doch sagt’ er: „Schweig, und laß die Jahre rollen!“Drum sag’ ich nur, daß, eh’ viel Zeit entschwand, 7
Schon hatt’ das Leben in dem Lichtsgewand[129]Sich zu der Sonn’, die Alles macht genesen 10
Betrogne Seelen, gottvergeßne Wesen!Was wendet ihr das Herz von solchem Gut, 13
Und sieh, ein andres jener Lichter ludMich, nahend, ein, und zeigte seinen Willen 16
Beatrix, die den Blick, den heil’gen, stillen,Auf mich gewandt, wie erst, erlaubte mir 19
Ich sprach: „„O gnüge meiner Wißbegier,Bewähr’ o Geist, den Fried’ und Lust durchdringen, 22
Das Licht, das ich aus seinem Innern singenVorher gehört, sprach, mir noch unbekannt, 25
„Doch im verkehrten schnöden welschen Land,[130]Zwischen der Brenta und der Piave Quelle 28
Dort hat ein nied’rer Hügel seine Stelle;Von ihm herab stürzt’ eine Fackel sich 31
Aus einer Wurzel sproßten Sie und Ich.Ich, einst Cunizza, glänz’ in diesem Sterne, 34
Und meines Schicksals Grund verzeih’ ich gerne[132]Mir selber hier, da’s mir nicht bitter dünkt, 37
Sieh diesen Glanz, der mir am nächsten blinkt[133]In unserm Kreis, den leuchtenden, den theuern! Groß blieb sein Ruhm, und eh’ er ganz versinkt, 40
Wird fünfmal das Jahrhundert sich erneuern.Sieh, wenn das erste Sein ein zweites schenkt,[134] 43
Doch dies ist’s nicht, woran die Rotte denkt,[135]Die Tagliamento hier, dort Etsch umfließen, 46
Doch färbend wird sich Padua’s Blut ergießen[136]Zum Sumpfe, der Vicenza’s Mauer wahrt, 49
Und dort, wo sich Cagnan mit Sile paart,[137]Herrscht Einer, hoch die stolze Stirne tragend, 52
Schon seh’ ich Feltre den Verrath beklagend[138]Des Hirten, der dort herrscht, an Schändlichkeit, 55
Kein Paß auf Erden ist so hohl und weit,Um alles Ferrareser Blut zu fassen, 58
Um als Parteiglied recht sich sehn zu lassen;Und solcherlei Geschenk wird wohl zum Geist 61
Von hohen Spiegeln, die ihr Throne heißt,[139][140]Glänzt Gott, der Richtende, zu uns hernieder, 64
Sie sprach’s und wandte dann die lichten Glieder[141]Zurück zu ihrem Kreis, wo sie verschwand, 67
Die andre Wonne, mir bereits bekannt,[142]Sie ward vor mir zu höherm Glanz erhoben, 70
Durch Freudigkeit erwirbt man Glanz dort obenWie Lächeln hier; es hält bei innrer Pein 73
„„Alles sieht Gott – du siehst in Seinen Schein,““Sprach ich „„und kann in Ihn dein Auge dringen, 76
Drum deine Stimme, die im frommen Singen,[144]Den Himmel mit dem Sang der Feuer letzt, 79
Warum nicht g’nügt sie meinen Wünschen jetzt?Denn deiner Frage harrt’ ich selbst nicht säumend, 82
„Das größte Thal, worin das Wasser schäumend[145]Sich ausgedehnt,“ begann des Sel’gen Wort, 85
Geht zwischen Feindesufern westlich fort,[146]So weit, daß hier, an seinem letzten Strande, 88
Ich lebt’ an dieses großen Thales RandeZwischen Ebro und Macra, die, nicht lang, 91
Fast einen Aufgang hat und NiedergangBuggéa und die Stadt, der ich entsprossen, 94
Mich hießen Folco meine Zeitgenossen,Und diesen Stern schmückt meine Freudigkeit, 97
Nicht zu Sichäus’ und Creusa’s Leid[147]Fühlt’ in sich Dido solche Flammen wogen, 100
Nicht Phyllis, von Demophoon betrogen,Und nicht Alcid, nachdem in seine Brust[148] 103
Doch fühlt man hier nicht Reue drob, nein Lust,Ganz die Erinnerung der Schuld verlierend, 106
Und jene Kunst, die Welten herrlich zierend,[149]Sehn wir, und sehn zu gutem Zwecke nun 109
Doch um dem Wunsche ganz genug zu thun,Der dich durchdrungen hat in dieser Sphäre, 112
Du möchtest wissen, wer der Schimmer wäre,Der nahe hier so strahlt, als ob die Glut 115
So wisse, daß darinnen Rahab ruht,[150]Die hier in unsern Orden aufgenommen, 118
Vor jedem andern Geist der Höll’ entnommen,Ist sie zum Stern, wo sich vom Erdenrund[151] 121
Der Sieg, den Er, an beiden Händen wund,Errungen hat, wird hier von ihr verkündet; 124
Weil sie des Josua ersten Ruhm begründetDurch ihre Hülf’ in jenem heil’gen Land, 127
Und deine Stadt, die einst durch den entstand,[152]Deß Neid euch alles Mißgeschick bereitet, 130
Sie ist’s, die das verfluchte Geld verbreitet,Das einzig, weil’s zum Wolf den Hirten macht, 133
Drum wird nicht an die Bibel mehr gedacht,Doch hat man sehr genau – wär’s zu verhehlen, 136
Drin wird studirt von Papst und KardinälenUnd Nazareth, wo Gabriel das Wort 139
Doch Vatikan, sammt jedem heil’gen Ort[153]In Rom, wo Petri Folger einst gepredigt, 142
Bald werden sie des Ehebruchs entledigt.Zehnter Gesang.
4) In der Sonne. Heilige der Erkenntniß. Sie bilden zwei Lichts-Kränze oder Räder. – Die Theologen: Thomas, Albrecht, Lombardus, Salomo, Boëthius, Beda, Isidor u. a.[154]
1
Urkraft, der Liebe voll den Sohn beschauend,[155]Die Ihr und Ihm allewiglich entweht, 4
Schuf, was ihr nur mit Geist und Aug’ erseht,So ordnungsvoll, daß sie mit Wonneregung 7
Erheb’, o Leser, Blick und Ueberlegung[156]Mit mir zum Himmel jetzt, gerad dahin, 10
Von dort an letz’ am Kunstwerk deinen Sinn,Denn selbst der Meister sieht es mit Vergnügen, 13
Von dort vertheilt sich zu verschiednen Zügen[157]Der schräge Kreis, der die Planeten trägt, 16
Und wär’ ihr Lauf von dort nicht schief bewegt,[158]So wäre viele Himmelskraft verschwendet, 19
Und wär’ er mehr und minder abgewendetVom graden Weg, so blieb’ auf Erden dort, 22
Jetzt bleib’, o Leser, still auf deinem Ort,Um dem, was du gekostet, nachzudenken, 25
Ich trug dir auf – du magst nun selbst dich tränken;Denn alle meine Sorgen muß ich nur 28
Die Dienerin, die größte, der Natur,[159]Die himmelskraft-durchdrungen alles machte, 31
Sah man, dem Orte, dessen ich gedachte,Vereint, im schraubenförm’gen Kreis sich drehn, 34
Ich war in ihr – allein wie dies geschehn,Das spürt’ ich nur, wie wir Gedanken spüren, 37
Beatrix that’s, die so uns weiß zu führen,Vom Guten uns zum Bessern einzuweihn, 40
Wie mußte selber sonnenartig seinDas, was ich drinnen in der Sonne schaute 43
Ob ich auf Geist und Kunst und Uebung baute,Nie stellt’ es doch mein Wort euch deutlich vor, 46
Nicht staunt, wenn Phantasie die Kraft verlor,[160]Daß sie zu solchen Höh’n sich schwach erweise; 49
So war ich nun im vierten Kinderkreise[161]Des Vaters, der, ihm zeigend, wie er weht, 52
Beatrix sprach: „Dank, Dank sei dein Gebet!Zur Engelsonne laß ihn sich erheben,[162] 55
Kein Menschenherz war je mit allem StrebenZur Andacht noch so freudig hingewandt, 58
Als ich bei diesem Worte meins empfand,Das so zu ihm hin all sein Lieben wandte, 61
Sie zürnte nicht; ihr lächelnd Aug’ entbrannte[163]Drob so in Glanz, daß nun mein Geist, der nicht 64
Und sieh, viel siegendes lebend’ges Licht[164]Macht’ uns zum Mittelpunkt und sich zur Krone, 67
So schmückt ein Kranz die Tochter der Latone,[165]Wenn dunstgeschwängert sie die Luft umzieht, 70
Am Himmelshof, von dem ich wieder schied,[166]Giebt’s viele schöne, köstliche Juwelen, 73
Dergleichen eins war der Gesang der Seelen;Doch wer nicht selbst zu jenen Höh’n sich schwang, 76
Nachdem dreimal die Sonnen mit Gesang,Gleich Nachbarsternen, die den Pol umkreisen, Uns rings umtanzt in Glut und Wonnedrang, 79
Da schienen sie wie Frau’n sich zu erweisen,[167]Die horchend stehn, noch nicht gelöst vom Tanz, 82
„Wenn, wahre Lieb’ entzündend, dir der GlanzDer Gnade lacht, der sich durch Liebe mehret,“ 85
„Wenn er in dir vervielfacht sich verkläret,So, daß er dich empor die Stiege lenkt, 88
So würd’ der, welcher deinen Durst nicht tränkt’Mit seinem Wein, so wenig Freiheit zeigen, 91
Erfahren möchtest du, von welchen ZweigenDes Kranzes Blumen sind, der feiernd sich 94
Von Dominiks geweihter Schaar war ich,Der solche Wege leitet seine Heerden, 97
Man hieß mich Thomas von Aquin auf Erden,[171]Und meines Meisters, meines Bruders Schein, 100
Und willst du aller Andern sicher sein,So folge mit den Augen meinen Worten 103
Den Gratian sieh wonneflammend dorten;[173]Dem doppelten Gerichtshof dienend, fand 106
Auch jenen Petrus sieh von Lust entbrannt;[174]Als Scherflein bot er nach der Wittwe Weise 109
Der fünfte Glanz, der schönste hier im Kreise,[175]Haucht solche Liebe, daß die ganze Welt 112
So tiefes Wissen ist’s, das er enthält,Daß, ist das Wahre wahr, ihm nie ein Zweiter 115
Sieh neben ihm den leuchtenden Begleiter;[176]Niemand war je auf Erden noch im Amt 118
Das klein’re Licht, das dorten lächelnd flammt,[177]Des Glaubens Anwalt ist’s, aus deß Lateine 121
Verfolgend nun mein Lob von Schein zu ScheineMit geist’gem Blick, erspähst du dürstend jetzt, 124
Jedwedes Gut in sich zu schau’n ergötzt[178]Die heilge Seele, die den Trug danieden 127
Der Leib, von dem sie durch Gewalt geschieden,Liegt in Cield’or, und sie kam aus Gefahr 130
Beda und Isidor sieh hell und klar,[179]Sieh Richard dann die Liebesstrahlen spenden, 133
Das Licht, von dem zurück zu mir sich wenden[180]Dein Auge wird, rief bei der Erde Gram 136
Sigieri ist’s, der zu der Thoren SchamEinst im Strohgäßchen las, aus dessen Munde 139
Dann, wie beim Schlag der frühen Morgenstunde,[181]Wenn Gottes Braut aufsteht, das Morgenlied 142
Ein Uhrenrad das andre treibt und zieht,Tin! tin! verklingend in so süßem Tone, 145
So regte sich die edle Strahlenkrone,Mit Süßigkeit im wechselnden Gesang, 148
Die ewig ungetrübte Lust errang.Eilfter Gesang.
Fortsetzung. Thomas’ Rede über den heiligen Franciscus von Assisi; Strafrede wider die damaligen Dominikaner.
1
O menschliche Begier voll Wahn und Trug,Wie mangelhaft sind doch die Syllogismen, 4
Der ging dem Jus nach, der den Aphorismen;[182]Der sucht’ als Priester Ehren und Gewinn; 7
Der stahl, dem stand auf ein Gewerb der Sinn;Der mühte sich, in Fleischeslust befangen, 10
Indeß ich, allem diesem Tand entgangen,Im Himmel oben mit Beatrix war, 13
Still stand nun Jeder von der sel’gen Schaar,Im Kreis zurückgekehrt zur ersten Stelle, 16
Da schien es mir, aus jenem Schimmer quelle,[183]Der mich zuerst gesprochen, neuer Laut, 19
„Wie, wenn in’s ew’ge Licht mein Auge schaut,Mich dieses ganz mit seinem Strahl entzündet, 22
Du zweifelst noch, und hörtest gern verkündetIn offnen Worten, und verständlich breit, 25
Was wohl mein ob’ges Wort: Wo wohl gedeiht –Und dann: Kein Zweiter kam ihm gleich – bedeutet.[184] 28
Die ew’ge Vorsicht, die das Weltall leitet,Mit jener Weisheit, die in Tiefen ruht, 31
Damit sich dem Geliebten ihre Glut– Die Glut der Braut, die er mit lautem Schreie[185] 34
Sich’rer in sich, und ihm getreuer, weihe,Hat, ihr zur Gunst, zwei Fürsten ihr bestallt. 37
Der Eine war von Seraphsglut umwallt,[186]Der Andre zeigt’ im Glanz der Cherubinen[187] 40
Von Einem sprech’ ich, weil, wen man von ihnenAuch preisen mag, man nie vom Andern schweigt, 43
Beim Bach, der von Ubaldo’s Hügel steigt,[188]Und dem Tupino, hebt sich, zwischen beiden, 46
Von ihm muß Hitz’ und Frost Perugia leiden,Und hinter diesem Berg liegt Gualdo dicht, 49
Dort, wo sich seines Abhangs Jähe bricht,Dort sah man einer Sonne Glanz entbrennen, 52
Nicht möge man den Ort Ascesi nennen,Denn wenig sagt, wer also ihn benannt; 55
Schon als der Glanz nicht fern dem Aufgang stand,[190]Begann er solche Kraft zu offenbaren, 58
Denn mit dem Vater stritt er, jung an Jahren,Für eine Frau, vor der der Freuden Thor 61
Bis vor dem geistlichen Gericht und vorDem Vater sie zur Gattin er sich wählte, 64
Sie, deß beraubt, der sich ihr erst vermählte,[191]Blieb ganz verschmäht mehr als eilfhundert Jahr, 67
Obgleich durch sie Amiclas in Gefahr[192]So sicher ruht’, als dessen Stimm’ erklungen, 70
Obgleich sie standhaft, kühn und unbezwungen,[193]Als selbst Maria unten blieb, sich dort, 73
Allein nicht mehr in Räthseln red’ ich fort;Franziskus und die Armuth sieh in ihnen, 76
Der Gatten Eintracht, ihre frohen MienenUnd Lieb’ und Wunder, und der süße Blick 79
Und solchem Frieden eilte, solchem GlückBarfuß erst Bernhard nach, der Ehrenwerthe,[194] 82
O neuer Reichthum! Gut von echtem Werthe!Egid, Sylvester folgten bald dem Mann 85
Der Vater und der Meister ging sodann[195]Nach Rom mit seiner Frau und mit den Seinen, 88
Nicht feig sich beugend sah man ihn erscheinen,Als Peter Bernardone’s niedrer Sohn, 91
Nein, kund that er vor Innocenzens ThronDen strengsten Plan mit königlicher Würde, 94
Dann, als die Schaar der Armen in der HürdeDes Hirten wuchs, deß Wunderleben hier, 97
Verlieh der frommen heiligen Begier,Auf Gottes Eingebung, zum Eigenthume 100
Dann predigend, aus Durst nach Märtyrthume,[197]Kühn in des stolzen Sultans Gegenwart, 103
Fand zur Bekehrung er das Volk zu hart,Drob, da ihm hier sein edles Werk nicht glückte, 106
Und auf Averna’s Felsenhöhen drückte[198]Das letzte Siegel noch ihm Christus ein, 109
Als der, der ihn berufen, aus der PeinZur Wonn’ ihn rief, den Lohn hier zu erwerben, 112
Empfahl er noch, als seinen rechten Erben,Den Brüdern seine Frau, ihm lieb und werth,[199] 115
Eh’ ihrem Schooß die Seele, schon verklärt,[200]Entfloh, heimkehrend zu des Vaters Reiche, 118
Jetzt denke selbst, wer dem an Würde gleiche,[201]Der, sein Genoß, durch’s Meer führt Petri Kahn,[202] 121
Dies Amt hatt’ unser Patriarch empfahn,Und gute Waare trägt auf seiner Reise, 124
Doch seine Heerd’ ist jetzt nach neuer SpeiseSo lüstern, daß sie üppig hüpft und springt, 127
Je weiter hin der Schäflein Heerde dringt,Dem Hirten fern, sich irrend zu zerstreuen, 130
Wohl giebt’s noch welche, die den Schaden scheuen.Die folgen, angedrängt dem Hirten, nach, 133
Jetzt aber, war mein Wort nicht trüb und schwach,Verblieb dein Ohr aufmerksam meinen Lehren, 136
Dann wird’s Befried’gung deinem Wunsch gewähren,Dann zeigt der Baum, den man verstümmelt, sich, 139
Wo wohl gedeiht, wer nicht vom Wege wich.“
Zwölfter Gesang.
Fortsetzung. Bonaventura’s Rede über den h, Dominikus. Strafrede wider die heutigen Franziskaner. – Weitere Theologen Hugo, Chrysostomus, Anselm, Joachim u. a.
1
Sobald mir nur das letzte Wort erschollen,Das aus der sel’gen Himmelsflamme drang, 4
Doch eh’ sie rund herum sich völlig schwang,War sie umringt von einem zweiten Kranze, 7
Das war ein Sang bei diesem Strahlentanze,Dem unsrer Musen und Sirenen Lied 10
Wie auf Gewölk, das leicht das Blau umzieht,[204]Man zwei gleichfarb’ge, gleichgespannte Bogen, 13
Erzeugt vom innern der, der ihm umzogen– Der Rede Jener gleich, die Liebesglut, 16
Zwei Bogen, die nach allgemeiner FlutDer Herr dem Noah zeigte, zum Beweise 19
So drehte jetzt um uns sich gleicher WeiseDer ew’gen Rosen schöner Doppelkranz, 22
Und als zuletzt der festlich frohe Tanz,Die Lust des Sangs, der lichten Flammen Schweben, 25
Still ward in einem Nu, mit gleichem Streben,Wie sich die Augen, wenn es dem gefällt, 28
Klang aus dem Kreis, von neuem Licht erhellt,Ein Laut, nach dem ich mich so eilig kehrte, 31
Er sprach: „Die Liebe, die mich schön verklärte,[206]Ist’s, die vom zweiten Hort mich sprechen heißt, 34
Vom Andern spreche, wer den Einen preist;Zusammen glänzt’ ihr Ruhm, so wie sie stritten 37
Des Heilands Heer, für welches schwer gelitten,[207]Der’s neu bewehrt, zog zweifelnd und voll Leid 40
Als Er, der herrscht in Zeit und Ewigkeit,Den Kriegern half, die hart gefährdet waren, 43
Und, wie gesagt, um seine Braut zu wahren,Zwei Kämpfer rief, durch deren Wort und That 46
Woher der Zephyr haucht, um am Gestad,[208]In Thal und Au die Knospen froh zu schwellen, 49
Dort, nah’ dem Strand, wo hoch gethürmte WellenWeit hergewälzt, von Sturmeswuth bekriegt, 52
Dort ist der Platz, wo Callaroga liegt,[209]Beschützt und wohlgedeckt vom großen Schilde,[210] 55
Dort ward erzeugt im glücklichen Gefilde[211]Der glaubenstreue Buhle, der Athlet, 58
Dem Geist, erschaffen kaum, ward zugewehtVom höchsten Geiste Kraft und hohe Gabe, 61
Als mit der Glaubenstreue drauf der Knabe[213]Verlöbniß hielt, vom heil’gen Quell benetzt, 64
Da ward die Zeugin, die sein Ja! ersetzt,Schon von der Wunderfrucht, die ihm entsprieße, 67
Und daß sich, was er war, erkennen ließe,[214]Gebot ein Geist, vom Himmel hergesandt, 70
Dominikus ward er darum benannt,Der Gärtner, welchen als Gehülfen Christus 73
Wohl schien er Bot’ und treuer Knecht von Christus,Da erste Liebe er dadurch bezeugt, 76
Wohl fand ihn öfters die, so ihn gesäugt,[216]Am Boden liegend, wach, in tiefem Schweigen, 79
O du, sein Vater, Felix wahr und eigen!O Mutter, wahrhaft als Johann’ erblüht,[217] 82
Nicht für die Welt, für die man jetzt sich müht,Nach des von Ostia, des Thaddäus Lehren, 85
Sollt’ er als Lehrer bald sich groß bewähren,Den Weinberg pflegend, der bald Unkraut trägt, 88
Vom Stuhl, der einst die Armen mild gehegt –[219]Einst, nicht durch Schuld des Stuhls, durch dessen Sünden, 91
Erbat er Zehnten nicht, noch fette Pfründen,Erlaubniß nicht, Ablaß und Heil um Geld, Um Zwei und Drei Dispens für Sechs zu künden,[220] 94
Nein, die, zu kämpfen mit der irren Welt,Durch jenen Samen, dem die Bäum’ entspringen, 97
Die Pflichten des Apostels zu vollbringen,Strebt’ auf sein Will’ und seine Wissenschaft, 100
Und ihre Wellen stürzten grausenhaftAuf ketzerisch Gestrüpp, es auszubrechen, 103
Er gab darauf den Ursprung manchen Bächen,Die hinziehn durch der Kirche Gartenland, 106
Wenn so ein Rad des Kriegeswagens stand,Auf dem den Kampf die heil’ge Kirche wagte, 109
So muß dir jetzt, wie hoch das andre ragte[221]An Trefflichkeit, vollkommen deutlich sein, 112
Allein das Gleis hält jetzo Niemand ein,Das in den Grund der Schwung des Rades prägte, 115
Die Schaar, die seiner Spur zu folgen pflegte,Hat jetzt der Füße Stellung ganz gewandt, 118
Wie schlecht die Saat ist, wird euch bald bekannt,Denn bei der Ernte wird das Korn erlesen Und eingescheuert, doch der Lolch verbrannt. 121
Zwar, will man Blatt für Blatt das Buch durchlesen,Das unsre Namen zeigt, so sagt ein Blatt 124
Doch nicht Casal, noch Aquasparta hatDergleichen Glieder unsrer Schaar gegeben, 127
Jetzt wiss’, ich bin Buonaventura’s Leben,Von Bagnoregio, und gering erschien 130
Hier sind Illuminat und Augustin,[222]Zwei von den ersten barfuß-armen Schaaren, 133
Hier sind der von Sanct Victor zu gewahren,Und Mangiador, der Spanier Peter dann, 136
Nathan der Seher, Erzbischof Johann,Anselm, Donat, der sich dem Werke weihte, 139
Raban ist hier; und solchen Brüdern reihteSich dieser an, begabt mit Sehergeist 142
Wenn solchen Kämpfer meine Rede preist,So ist’s des Thomas liebentflammte Weise, 145
Und mit mir fortzieht All’ in diesem Kreise.
Dreizehnter Gesang.
Fortsetzung. Die zwei Theologenkränze (Räder) im gemeinschaftlichen Doppelreigen. – Thomas redet noch über Adam und Christus.
1
Wer wohl versteh’n will, was ich nun gesehen,[223]Der denke sich – und lass’ im Geist das Bild, 4
Funfzehen Sterne, die man am GefildDes Himmels in verschiedner Gegend findet, 7
Den Wagen, der um unsern Pol sich windet,Und sein Gewölb bei Tag und Nacht durchkreist, 10
Er denke, was der Mund des Hornes weist,Das anfängt an der Himmelsachse Gränzen, 13
Die Sterne denk’ er sich in zweien Kränzen,Die, dem gleich, der sich zur Erinn’rung flicht 16
Umringt den einen von des andern Licht,Und beid’ im Kreis gedreht in solcher Weise, 19
Dann glaub’ er, daß sich ihm ein Schatten weise,Des wahren Sternbilds, welches, zweigereiht, 22
Denn was wir kennen, steht ihm nach, so weitAls nur der Chiana träger Lauf dem Rollen 25
Dort sang man nicht von Bacchus, von Apollen,Nein, „Drei in Einem – Gott und Mensch nur Eins“, 28
Als Sang und Tanz des heiligen VereinsVollbracht war, wandt’ er sich zu uns, von Streben 31
Und jenes Licht hört’ ich die Stimm’ erheben[226]Im eintrachtsvollen Kreis, das mir vorher Erzählt des heil’gen Armen Wunderleben. 34
Es sprach zu mir: Das eine Stroh ist leer,[227]Und wohlverwahrt die Saat, allein entglommen 37
Du glaubst: der Brust, aus der die Ripp’ entnommen[228]Zum Stoff des Weibes, deren Gaum hernach 40
Und jener, die, als sie der Speer durchstach,So nach wie vor so große Gnüge brachte, 43
Sei alles Licht, das je dem Menschen lachte,Und deß er fähig ist, voll eingehaucht 46
Und staunst, daß ich vorhin das Wort gebraucht:Der fünfte Glanz sei bis zum tiefsten Grunde 49
Erschließ’ jetzt wohl die Augen meiner Kunde;Mein Wort und deinen Glauben siehst du dann 52
Das, was nicht stirbt, und das, was sterben kann,[229]Ist nur als Glanz von der Idee erschienen, 55
Denn jenes Licht des Lebens, das entschienenDem ew’gen Lichtquell, ewig mit ihm Eins 58
Eint gnädiglich die Strahlen seines Scheins,Sie, wie in Spiegeln, in neun Himmeln zeigend, 61
Von dort sich zu den letzten Kräften neigend,Wird schwächer dann der Glanz von Grad zu Grad, 64
Zufäll’ges, wie mein Wort bezeichnet hat,Das sind die Dinge, welche die Bewegung 67
Ihr Wachs ist ungleich, wie die Kraft der Prägung,Und von des Urgedankens Glanz gewahrt 70
Daher denn auch von Bäumen gleicher ArtBald bessere, bald schlechtre Früchte kommen, 73
Wär’ irgendwo das Wachs rein und vollkommen,Und ausgeprägt mit höchster Himmelskraft, 76
Doch die Natur giebt’s immer mangelhaftUnd wirkt dem Künstler gleich, der wohl vertrauen 79
Drum bildet heiße Lieb’ und klares SchauenDer ersten Kraft, dann wird sie, rein und groß, 82
So ward gewürdiget der Erdenkloß,Die thierische Vollkommenheit zu zeigen, 85
Darum ist deine Meinung mir auch eigen:Daß menschliche Natur in jenen Zwei’n 88
Hielt ich mit meinen Lehren jetzo ein,So würdest du die Frage nicht verschieben: 91
Doch, daß erscheine, was versteckt geblieben,So denke, wer er war, und was zum Flehn, 94
Aus meiner Rede konntest du ersehn:[230]Als König fleht’ er um Verstand, beflissen, 97
Nicht um der Himmelslenker Zahl zu wissen,Nicht, ob Nothwend’ges und Zufälligkeit 100
Nicht, was, zuerst bewegt, Bewegung leiht,Nicht, ob ein Dreieck in dem halben Kreise 103
Was ich gemeint, erhellt aus dem Beweise.Du siehst, ein Seher sonder Gleichen war 106
Auch ist mein Wort: dem nie ein Zweiter, klar;Von Kön’gen sprach ich nur an jenem Orte, 109
Mit diesem Unterschied nimm meine Worte,Daß nicht im Streit damit dein Glaube sei 112
Und dieses leg’ an deine Füße Blei,Und mache schwer dich, gleich dem Müden, gehen 115
Denn unter Thoren selbst sieh’ niedrig stehen,Die sich zum Ja und Nein ohn’ Unterschied 118
Drob sich die Meinung, wie es oft geschieht,Zum Irrthum neigt, und dann im Drang des Lebens 121
Wer nach der Wahrheit fischt, und, irren Strebens,[231]Die Kunst nicht kennt, der kehrt nicht, wie er geht, 124
Wie ihr dies an Melissus deutlich seht,Und an Parmenides und andern Vielen, 127
Drob Arīus und Sabell in Thorheit fielen.Gleich Schwertern waren sie dem heil’gen Wort, 130
Nicht reiß’ euch Wahn zum schnellen Urtheil fort,Gleich denen, die das Korn zu schätzen wagen, 133
Denn oftmals sah ich erst in WintertagenDen Dornenbusch gar rauh und stachlicht stehn, 136
Und manches Schiff hab’ ich im Meer gesehn,Gerad’ und flink auf allen seinen Wegen, 139
Nicht glauben möge Hinz und Kunz deswegen,Weil dieser stiehlt, und der als frommer Mann 142
Da der erstehn, und Jener fallen kann.[232]
Vierzehnter Gesang.
Schluß. Eine Stimme redet über die Verklärung des Leibes. Es folgen, Kreis 5–7, die Heiligen des christl. Lebens. 5) Mars: Die Gotteskämpfer (Martyrer, Krieger u. a.) ein Kreuz bildend
1
Vom Rand zur Mitte sieht man Wasser rinnen[233]Im runden Napf, vom Mittelpunkt zum Rand, 4
Dies war’s, was jetzt vor meiner Seele stand,Als stille schwieg des Thomas heil’ges Leben 7
Ob jener Aehnlichkeit, die sich ergeben,Da Er erst sprach, dann Beatricens Mund, 10
„Ihm thut es Noth, obwohl er’s euch nicht kundIn Worten giebt, noch läßt im Innern lesen, 13
Sagt ihm, ob dieses Licht, das euer WesenSo schön umblüht, euch ewig bleiben wird 16
Und, bleibt’s, so sagt, damit er nimmer irrt,Wie, wenn ihr werdet wieder sichtbar werden,[234] 19
Wie mit verstärkter Lust oft hier auf ErdenDie Tanzenden im heitern Ringeltanz 22
So zeigte neue Lust der Doppelkranz,Als sie ihn bat, so rasch, doch fromm-bescheiden, 25
Wer klagt, daß wir den Tod auf Erden leiden,Um dort zu leben, o, der fühlt und denkt 28
Das Drei und Zwei und Eins, das Alles lenktUnd ewig lebt in Einem, Zwei’n und Dreien, 31
Gesungen ward’s in solchen Melodeien,Dreimal im Chor, um vollen Lohn der Pflicht 34
Und eine Stimm’ entklang dem hellern Licht[235]Des kleinern Kreises dann, und wich an Milde 37
„So lang die Lust im himmlischen Gefilde,So lange währt auch unsre Lieb’ und thut 40
Und seine Klarheit, sie entspricht der Glut,Die Glut dem Schau’n, und dies wird mehr uns frommen, 43
Wenn wir den heil’gen Leib neu angenommen,Wird unser Sein in höhern Gnaden stehn, 46
Drum wird sich das freiwill’ge Licht erhöhn,Das wir vom höchsten Gut aus Huld empfangen, 49
Und höher wird zum Schau’n der Blick gelangen,Höher die Glut sein, die dem Schau’n entglüht, 52
Doch wie die Kohle, der die Flamm’ entsprüht,Sie an lebend’gem Schimmer überwindet 55
So wird der Glanz, der jetzt schon uns umwindet,Dereinst besiegt von unsres Fleisches Schein, 58
Nicht wird uns dann so heller Glanz zur Pein,Denn stark, um alle Wonnen zu genießen, 61
Und Amen riefen beide Chör’ und ließenDurch Einklang wohl den Wunsch ersehn, den Drang, 64
Und wohl für sich nicht nur, nein, zum EmpfangDer Väter, Mütter, und der andern Theuern, 67
Und sieh, zum Glanz von diesen ew’gen Feuern[237]Kam gleiche Klarheit rings, wie wenn das Licht Des Tags der Sonne goldne Pfeil’ erneuern. 70
Wie, wenn allmählich an der Abend bricht,Am Himmel Punkte, klein und bleich, erglänzen, 73
So glaubt’ ich jetzt in neuen Ringeltänzen,Noch zweifelnd, neue Wesen zu erspähn, 76
O wahrer Schimmer, angefacht vom WehnDes heil’gen Geist’s so plötzlich hell! – Geblendet 79
Doch als ich zu Beatrix mich gewendet,War sie so lachend schön, so hoch beglückt, 82
Da ward von neuer Kraft mein Aug’ entzückt;Ich schlug es auf, und sah mich schon nach oben 85
Wohl nahm ich wahr, ich sei emporgehoben,Denn glühend lächelte der neue Stern, 88
Vom Herzen, in der Sprache, welche fern[238]Und nah’ gemeinsam ist den Völkerschaaren, 91
Und lustentzündet konnt’ ich schon gewahren,Eh’ ich die ganze Glut ihm dargebracht, 94
Denn Lichter, in des Glanzes höchster Macht,Sah ich aus zweien Schimmer-Streifen scheinen,[239] 97
So thut, besä’t mit Sternen, groß’ und kleinen,Galassia zwischen Pol und Pol sich kund, 100
Wie diese Streifen, bildend auf dem GrundDes rothen Mars das hochgeehrte Zeichen, 103
Wohl muß die Kunst hier dem Gedächtniß weichen,[240]Denn von dem Kreuz hernieder blitzte Christus; 106
Doch wer sein Kreuz nimmt, folgend seinem Christus,Von ihm wird das, was ich verschwieg, verziehn, 109
Von Arm zu Arm, vom Fuß zur Höh’ erschienBewegtes Licht, hier hell in Glanz entbrennend, 112
So sieht man wohl, hier träg bewegt, dort rennend,Atome, hier gerad’, dort krumm geschweift, 115
Wirbelnd im Strahl, der durch den Schatten streift,Nach dem, wenn heiß die Sonnengluten flirren, 118
Und wie harmonisch Laut’ und Harfe schwirren,Sind nur die vielen Saiten rein gespannt, 121
So hört’ ich jetzt den Sang vom Kreuz, und stand,Als ob in Lust die Sinne sich verlören; 124
Doch hohen Preis vernahm ich in den Chören,Denn: Du erstehst und siegst! – erklang’s und ich 127
Und so durchdrang hier süße Liebe mich,[241]Daß, welche holde Band’ auch mich umfingen, 130
Vielleicht scheint sich zu kühn mein Wort zu schwingen,Nachsetzend selbst der schönen Augen Paar, 133
Doch nimmt man die lebend’gen Stempel wahr,Die höher immer Schöneres gestalten, 136
So wird man drob mich für entschuldigt halten,Und sehn, daß ich vom Wahren nicht geirrt; 139
Die, wenn man aufsteigt, immer reiner wird.
Fünfzehnter Gesang.
5) Im Mars. Fortsetzung. Cacciaguida’s Lobrede der guten alten Zeiten von Florenz.
1
Gewogner Will’, in welchem immer dir[242]Sich offen wird die echte Liebe zeigen, 4
Gebot der süßen Leier StilleschweigenUnd hielt im Schwung der heil’gen Saiten ein, 7
Wie sollten taub gerechter Bitte seinSie, die einhellig den Gesang itzt meiden, 10
O, wohl verdienen ewiglich zu leidenDie, weil die Lieb’ in ihrer Brust erwacht 13
Wie durch die Heiterkeit der stillen Nacht[243]Oft Feuer läuft, vom Augenblick geboren, 16
Gleich einem Stern, der andern Platz erkoren,Nur daß an jenem Ort, wo er entbrannt, 19
So sah ich aus dem Arm zur rechten HandJetzt einen Stern zum Fuß des Kreuzes wallen, 22
Die Perl’ war nicht aus ihrem Band gefallen;[244]Sie lief am lichten Streif dahin, und war 25
So, redet unsre größte Muse wahr,[245]Stellt’ in Elysiums Hainen seinem Sprossen 28
„O, du, mein Blut, auf welches sich ergossenDie Gnade hat, wem hat der höchste Hort 31
Mir zog den Geist zum Lichte dieses Wort;Drauf, als ich mich zu meiner Herrin wandte,[247] Ward mir Entzückung, Staunen, hier, wie dort, 34
Weil Ihr im Auge solch ein Lächeln brannte,Daß, wie ich glaubte, meins den Grund darin 37
Der Geist dann fügte Dinge zum Beginn,Er, angenehm zu hören und zu sehen, 40
Doch wollt’ er nicht, ich soll’ ihn nicht verstehen;Es mußte sein, weil Reden solcher Art 43
Doch als der Schwung, in dem sich offenbartDer Liebe Glut, in so weit nachgelassen, 46
Sprach er, was ich nun fähig war, zu fassen:„Preis Dir, Drei-Einer, der du auf mein Blut 49
Und dann: „Der Sehnsucht lange, süße Glut,[248]Entflammt, da ich im großen Buch gelesen, 52
Stillst du, mein Sohn, im Licht, aus dem mein WesenJetzt freudig zu dir spricht: Dank Ihr, die dich[249] 55
Du glaubst, daß Alles, was du denkst, in michVom Urgedanken strömt; denn es entfalten 58
Drum fragst du nicht nach mir und meinem WaltenUnd deshalb höher meine Freude scheint, 61
Dein Glaub’ ist wahr, weil Groß und Klein, vereintIn diesem Reich, nach jenem Spiegel blicken, 64
Doch, um die Lieb’, in die mit wachen Blicken[251]Ich ewig schau’ und die die Süßigkeit 67
Erklinge sicher, kühn, voll FreudigkeitVon deinem Wunsch die Stimm’, deinem Sehnen, 70
Ich sah auf Sie, die, eh’ die Wort’ ertönen,Mich schon versteht, und, lächelnd im Gesicht, 73
Ich sprach: „„Das Wollen und des Könnens Licht[252]Sind, seit die erste Gleichheit ihr ergründet, 76
Weil euch die Sonne, die euch hellt und zündetMit Licht und Glut, damit sogleich durchdringt, 79
Doch Will’ und Witz, wie sie der Mensch erringt,Sie sind aus dem euch offenbaren Grunde 82
Dies fühl’ ich Sterblicher in dieser Stunde,Und danke deine Vaterliebe dir 85
O du lebendiger Topas, du ZierDes edlen Kleinods, hell in Glanz entglommen,[253] 88
„Mein Sproß, längst froh erwartet, jetzt willkommen,In mir sieh deine Wurzel!“ So der Geist, 91
„Und er, nach welchem dein Geschlecht sich heißt,Der hundert Jahr’ und mehr für stolzes Wesen 94
Er ist mein Sohn, dein Urgroßahn, gewesen,Und dir geziemt’s, von solcher langen Pein 97
Florenz, im alten Umkreis, eng und klein,[255]Woher man jetzt noch Terzen hört und Nonen, 100
Nicht Kettchen hatt’ es damals noch, nicht Kronen,[256]Nicht reichgeputzte Frau’n – kein Gürtelband, 103
Bei der Geburt des Töchterleins empfand[257]Kein Vater Furcht, weil man zur Mitgift immer, 106
Und öde, leere Häuser gab’s da nimmer;[258]Nicht zeigte dort noch ein Sardanapal, 109
Nicht übertroffen ward der Montemal[259]Von dem Uccellatojo noch im Prangen – 112
Ich sah vom schlichten Ledergurt umfangen[260]Bellincion Berti noch und sah sein Weib 115
Ich sah ein unverbrämtes Wamms am LeibDes Nerli und des Vecchio – und den Frauen 118
Glücksel’ge Fraun! in eurer Heimath AuenWar euch ein Grab gewiß – durch Frankreichs Schuld 121
Die, wach und emsig an der Wiege, lullt’In jener Sprach’ ihr Kindlein ein, die Jeden 124
Die, ziehend aus dem Rocken glatte Fäden,Letzt’ ihrer Kinder Kreis von Römer-That, 127
Was ihr an einer Cianghella saht,[262]An Salterell, solch Wunder hätt’s gegeben, 130
So ruhigem, so schönem Bürgerleben,So treuer Bürgerschaft, so theurem Land, Gab mich Maria, die mit Angst und Beben 133
Die Mutter anrief, als sie Weh’n empfand,Und dort, in unserm Taufgebäu, dem alten,[263] 136
Zwei Brüder hatt’ ich, und zu treuem WaltenIm Hause kam die Gattin mir vom Po, 139
Dem Kaiser Konrad folgt’ und dient’ ich, so,[265]Daß er mich weihte zu des Ritters Ehren, 142
Mit ihm wollt’ ich des Gräuels Reich zerstören,Deß Volk, durch eurer Hirten Fehler, sich 145
Und dort, von jenem schnöden Volk, ward ichVom Trug der Welt entkettet und geschieden, 148
Und kam vom Märtyrthum zu diesem Frieden.
Sechszehnter Gesang.
Fortsetzung. – Cacciaguida über die spätere Geschichte und den gegenwärtigen Zustand von Florenz (vgl. Fgf. 14).
1
O du geringer Adel unsers Bluts,[266]Kannst du hienieden uns zum Stolz verführen, 4
So werd’ ich nimmer drob Verwund’rung spüren;Denn dort, wo falsche Lust uns nicht erreicht, 7
Du bist ein Mantel, der, sich kürzend, weicht,Setzt man nicht Neues zu von Tag zu Tagen, 10
Mit jenem Ihr, das Rom zuerst ertragen,[267]Das jetzt die Römer minder brauchen, trat 13
Beatrix drum, zur Seite stehend, that,Lächelnd, gleich Jener, die beim ersten Fehle 16
„„Ihr seid mein Vater; Ihr erhebt die Seele,Daß ich mehr bin als Ich; Ihr gebt mir Muth, 19
Mir strömt zur Brust vielfacher Wonne Flut,Doch sie erträgt es, ohne zu zerspringen, 22
Drum sprecht, mein Urahn, welche Vordern gingenEuch noch voraus, und wie bezeichnet man 25
Vom Schafstall sprecht des heiligen Johann;[269]Wie groß war er? Wer ist, den, hoch zu stehen 28
Gleichwie, belebt von frischen Windes Wehen,Die Kohl’ in Flammen glüht, so war das Licht 31
Und so verschönt’ er jetzt sich dem Gesicht,Wie seine Sprache sich dem Ohr verschönte; 34
Er sprach: „Seitdem des Engels Ave tönte,[271]Bis meine Mutter, heilig itzt, in Qual, 37
Kam allbereits fünfhundert achtzig MalDies Feuer zu den Füßen seines Leuen, 40
Des ersten Lichts sollt’ ich am Ort mich freuen,Den Vätern gleich, wo man das Sechstheil fand,[272] 43
Und dies sei von den Ahnen dir bekannt;Wer sie gewesen, und woher entsprossen, 46
Was da, von Mars und Täufer eingeschlossen,[273]Befähigt war, sich zum Gefecht zu reih’n, 49
Allein das Bürgerblut, mag’s jetzo sein[274]Vermischt mit Campi’s und Certaldo’s Schaaren,[275] 52
Wohl besser wären, die einst Nachbarn waren,[276]Es jetzo noch – wohl besser war’s, Galluzz 55
Als innerhalb sie haben, Stank und SchmutzVon Aguglion und Signa zu ertragen, 58
Wenn sich, der gänzlich aus der Art geschlagen,[277]Am Kaiser nicht stiefväterlich verging, 61
Wär’ mancher Schach’rer, den Florenz empfing,Bereits zurückgekehrt nach Simifonte, 64
Wie Montemurlo Grafschaft bleiben konnte,[278]So wären noch die Cerchi in Acon, 67
In Volksvermischung fand man immer schonDen ersten Keim zu einer Stadt Verfalle, 70
Ein blinder Stier stürzt hin in jäherm FalleAls blindes Lamm, und öfters ist ein Schwert 73
Sieh Luni, Urbisaglia schon verheert,[279]Sieh Chiusi in derselben Noth sich winden, 76
Dann wirst du’s nicht mehr neu und seltsam finden,Hüllt Nacht des Todes die Geschlechter ein, 79
Was euer ist, das trägt, wie euer Sein,Den Tod in sich; doch, was sich minder wandelt,[280] 82
Und wie des Mondes Lauf den Strand verwandelt,Und ihn in Ebb’ und Flut entblößt und deckt, 85
Drum werde dir kein Staunen mehr erweckt,Sprech’ ich von Edeln deiner Stadt, von ihnen, 88
Die Ughi hab’ ich und die Catellinen[281]Der Greci und Ormanni Stamm gesehn, 91
Mocht’ alt, wie hoch, der von Sanella stehn,Er mußte mit Soldanier, den von Arke, 94
Am Thor, das jetzt an Hochverrath so starke[282]Belastung hat, daß in den Wogen bald 97
Dort war der Ravignani Aufenthalt,Das Stammhaus derer, die den Namen führen 100
Wohl wußte, wie sich’s zieme, zu regieren,Der della Pressa – Galligajo nahm 103
Groß war die scheck’ge Säul’ und wundersam,[283]Groß waren die Sachetti, die Barucci, 106
Groß war vordem der Urstamm der Calfucci;Zu jeglichem erhabnen Platz im Staat 109
Wie Manchen noch trug fehl des Stolzes Saat,[285]Indeß Florenz erblüht’ auf allen Aesten 112
Auch durch die Väter derer, die in Festen,[286]Wenn man den Sitz des Bischofs ledig sieht, 115
Das prahlende Geschlecht, das dem, der flieht,[287]Zum Drachen wird, doch sanft wird, gleich dem Lamme, 118
Kam schon empor, allein aus niederm Stamme,Drum zürnt’ Ubert dem Bellincion, daß er[288] 121
Von Fiesole kam Caponsacco herAuf euren Markt, und war in jenen Tagen 124
Unglaubliches, doch Wahres werd’ ich sagen:[289]Ein Thor des Städtchens ließ man ungescheut 127
Wen nur des schönen Wappens Schmuck erfreut,[290]Des großen Freiherrn, dessen Preis und Ehren 130
Ließ Ritterwürden sich von ihm gewähren,Mag der auch, der’s mit goldner Zier umwand, Jetzt im Vereine mit dem Volk verkehren. 133
Da hoch der Stamm der Gualterotti stand,So würd’ in Kriegsnoth Borgo minder beben, 136
Das Haus, das euch zum Weinen Grund gegeben,[292]Da’s in gerechtem Grimm euch Tod gebracht 139
Stand mit den Seinen fest in Ehr’ und Macht.O Buondelmont’, was hattest du Verlangen 142
Wohl Viele würden froh sein, die jetzt bangen,Wenn Gott der Ema dich vermählt, als du 145
Doch wohl stand dieser Stadt das Opfer zu,[293]Das sie der Brücken-Wacht, dem wüsten Steine, 148
Mit Diesen und mit Andern im Vereine[294]Sah ich Florenz des süßen Friedens werth, 151
Mit diesen sah ich hoch sein Volk geehrt,Gerecht und treu, in ruhig edler Haltung, 154
Und nimmer roth gefärbt durch inn’re Spaltung.
Siebenzehnter Gesang.
Fortsetzung. – Cacciaguida weissagt dem Dante seine Verbannung, sein gastliches Asyl bei Can grande, den Ruhm seines Gedichtes, für das er ihm den ausdrücklichen Lehrauftrag, als berufenem Prediger seiner Zeit, ertheilt.
1
Wie der, der Väter karg gemacht den Söhnen,[295]An Climene um Kunde sich gewandt 4
So war ich jetzt in mir und so empfandBeatrix mich und Er, deß Liebesregung 7
Drum Sie: „Folg’ itzt der inneren Bewegung,Und laß den Wunsch hervor, nur sei er rein 10
Er soll nicht größre Kenntniß uns verleihn,Doch muthig deinen Durst hier zu bekennen, 13
„„O theurer Ahn, hochragend im Erkennen!Gleich wie der Mensch sieht, daß im Dreieck nicht 16
So siehst du, was da sein wird, das Gesicht[296]Dem Spiegel zugewandt, der alle Zeiten 19
Als noch Virgil bestimmt war, mich zu leiten,Um auf den Berg, der unsre Seelen heilt, 22
Ward von der Zukunft Kunde mir ertheilt,Die hart ist, mag ich auch als Thurm mich fühlen, 25
Drum wüßt’ ich gern, um meinen Wunsch zu kühlen,Welch ein Geschick mir naht. Vorausgeschaut, 28
Ich sprach’s zum Licht, das mir mit süßem LautGesprochen hatt’ und hatt’ ihm nun vollkommen, 31
In Räthseln nicht, wie man sie einst vernommen,[297]Bestimmt, ein Netz für Thoren-Wahn zu sein, 34
In klarem Wort und bündigem LateinAntwortete mir jene Vaterliebe 37
„Der Zufall, Werk allein der Erden-Triebe,[298]Malt sich im ew’gen Blick, wie vorbestimmt, 40
Obwohl er euch die Freiheit nicht benimmt,So wenig, als das Aug’ ein Schifflein leitet, 43
Wie Orgel-Harmonie zum Ohre gleitet,So kann mein Aug’ im ew’gen Blicke sehn, 46
Wie Hippolyt, vertrieben aus Athen[299]Von der Stiefmutter treulos argen Ränken, 49
Dies wollen sie, dies ist’s, worauf sie denken;Und wo man Christum frech zum Markte trägt,[300] 52
Und dem verletzten Theil folgt, wie er pflegt,Der Ruf der Schuld – allein die Wahrheit künden 55
Du wirst dich Allem, was du liebst, entwinden,Und wirst, wenn dies dir bittern Schmerz erweckt, 58
Wie fremdes Brod gar scharf versalzen schmeckt,Wie hart es ist, zu steigen fremde Stiegen, 61
Doch wird so schwer nichts deinen Rücken biegen,Als die Gesellschaft jener schlechten Schaar, 64
Ganz toll, und ganz verrucht und undankbar,Bekämpft sie dich; doch zeiget bald, zerschlagen, 67
Wie dumm sie ist, das wird ihr Thun besagen;Und daß du für dich selbst Partei gemacht, 70
Die erste Zuflucht in der harten AchtWird dir der herrliche Lombard’ gewähren, 73
Zwischen euch wird von Geben und BegehrenDas, was sonst später kommt, das Erste sein, 76
Dort siehst du Ihn, dem dieses Sternes Schein[301]Bei der Geburt im hellsten Licht entglommen, 79
Und hat die Welt noch nichts davon vernommen,So ist’s, weil eben erst der Jahre neun 82
Eh’ der Gascogner Heinrich wird bedräun,[302]Wird er schon Funken seiner Tugend weisen, 85
Von seiner Großmuth Proben und BeweisenWird so die Welt erfüllt, daß selbst der Troß 88
Leg’ seiner Huld getrost dich in den Schooß!Indem er Arme reich macht, arm die Reichen, 91
Und dies noch laß nicht aus dem Sinn dir weichenVon ihm – doch schweig’!“ Dann sagt’ er Dinge mir, 94
„Sohn,“ also sprach er weiter, „siehe hier,Zu dem, was dir verkündet ward, die Glossen.[304] 97
Doch nicht beneide deine Landsgenossen,Denn lang, bevor du sinkst in’s dunkle Grab, 100
Hier brach die heil’ge Seel’ ihr Reden ab,Und hatte das Gewebe ganz vollendet, 103
Und wie man zweifelnd sich an Jemand wendet,Der innig liebt und Rechtes will, und sieht 106
„„Ich seh’s, wie rasch heran die Stunde zieht,[305]Um gegen mich den scharfen Pfeil zu kehren, 109
Drum muß ich wohl mit Vorsicht mich bewehren,Um fern dem Ort, der, was ich lieb’, enthält, 112
Denn reisend durch die endlos bittre Welt,Dann auf den Berg, wo mich, vom Angesichte 115
Dann durch den Himmel selbst von Licht zu Lichte,Erfuhr ich, was wohl Manchen brennt und beißt 118
Und zagt, der Wahrheit feiger Freund, mein Geist,Dann, fürcht’ ich, bin ich todt bei jenen Allen, 121
Und neuen Glanz sah ich dem Licht entwallen,Das Strahlen, wie ein goldner Spiegel, warf, 124
„Wer rein nicht sein Gewissen nennen darf,“[308]Sprach er, „wen eigne Schmach, wen fremde drücket, 127
Dennoch verkünde ganz und unzerstücketWas du gesehn, von jeder Schminke frei, 130
Ob schwer dein Wort beim ersten Kosten sei,Doch Nahrung hinterläßt’s zu kräft’germ Leben, 133
Dein Laut wird sich, dem Sturme gleich, erheben,Der hohe Gipfel stärker schüttelnd faßt, 136
Drum sind berühmte Seelen alle fast,Die du im dunkeln wehevollen Schlunde 139
Denn Niemand traut beruhigt einer Kunde,Verbirgt das Bild, das sie vor Augen stellt, 142
Und nur was hell strahlt überzeugt die Welt.“
Achtzehnter Gesang.
Schluß. Cacciaguida nennt Weitere: Josua, Makkabäus, Karl den Großen, Roland, Gottfried v. Bouillon, Guiscard etc. 6) Zum Jupiter, dem Stern der gerechten Herrscher. Die Seelen bilden durch ihre Aneinanderreihung die Worte: diligite justitiam etc., dann einen Adler. – Strafrede wider den päpstlichen Stuhl.
1
Schon freute sich der sel’ge Geist alleine[310]An seinem Wort, und ich, mit Süßigkeit 4
Und jene Frau, zum Höchsten mein Geleit,Sprach: „Wechsle die Gedanken – denk’, ich wohne 7
Ich, hingewandt zum süßen Liebestone,Konnt’ in den heil’gen Augen Liebe schau’n, 10
Denn nicht der Sprache nur muß ich mißtrau’n;Selbst das Gedächtniß kehrt nicht, ungetragen[311] 13
Ich kann von jenem Augenblick nur sagen:Ich fühlte jeden Wunsch der Brust entfliehn, Als ich den Blick zur Herrin aufgeschlagen, 16
Solang’ die Himmelswonn’, die Sie beschienUnmittelbar, vom schönen Angesichte 19
Besiegend mich mit eines Lächelns Lichte,„Nicht mir im Aug’ allein ist Paradies“, 22
Wie Lieb’ auf Erden wohl sich mir erwies,Die lächelnd glänzt’ auf eines Freundes Zügen, 25
So zeigt’ in Glanz und wonnigem VergnügenDes Urahns[312] Geist die liebende Begier, 28
„In dieses Baumes fünfter Stufe hier,[313]Der von dem Gipfel Nahrung zieht und Leben, 31
Sind Sel’ge, die, eh’ sie empor zu schwebenDer Himmel rief, in eurem Erdenthal 34
Sieh auf die Arme hin am Kreuzes-Maal,Und zeigen wird sich Jeder, den ich nannte, 37
Und sieh, ein Licht, gleich schnellem Blitz, entbrannte,Beim Namen Josua – so daß ich Wort 40
Den Maccabäus nannt’ er dann und dortWar kreisend Feuer glänzend vorgedrungen, 43
Als Karl der Groß’ und Roland dann erklungen,Folgt’ ich so aufmerksam dem Glanz, als man 46
Wilhelm zog meinen Blick zum Kreuz hinan,[316]Und Rinoard, bei ihres Namens Klange; 49
Drauf mischte sich dem schimmernden GedrangeDie Seele, die erst sprach, als Meisterin 52
Ich kehrte mich zur rechten Seite hin,Um in Beatrix meine Pflicht zu lesen, 55
Und sah so rein ihr Aug’, ihr ganzes WesenSo hold, daß, was ich sah an Himmelslust, 58
Und wie, des guten Wirkens sich bewußt,In größ’rer Wonne man von Tag zu Tagen 61
So merkt’ ich jetzt, vom Himmel fortgetragenIn seinem Schwung, gewachsen sei der Kreis, 64
Und wie das Roth der Scham, die glühend heißGefärbet hat der zarten Jungfrau Wangen, 67
So, nach dem rothen Licht, das mich umfangen,[317]Sah ich mich in den Silberglanz entrückt 70
Und in dem Stern des Zeus, den Freude schmückt,War frohes Liebesfunkeln zu gewahren,[318] 73
Wie Vögel, die empor vom Strande fahren,Gemeinsam neuer Weide froh, sich bald 76
So flatterten, vom Himmelslicht umwallt,In Sängen Sel’ge hin, im Fluge zeigend 79
Sich senkend nach der Melodie und steigend,Und, war die Ordnung diesen Zeichen gleich, 82
Kalliope, die du die Geister reichAn Ruhme machst, sie ewig zu erhalten, 85
Erleuchte mich, damit ich die GestaltenGetreu beschreibe, jetzt mit deinem Strahl; 88
Vokal’ und Consonanten – sieben malFünf waren’s, die mein Auge dort ergetzten, 91
Diligite iustitiam – so setzten[319]Erst Haupt- und Zeitwort sich; dann sieh sofort: 94
Und alles blieb beim M im fünften WortGeordnet stehn, hiermit das Werk vollbringend. 97
Ich sah viel andres Licht, sich niederschwingendZum Haupt des M, dort still und unbewegt, 100
Dann, wie wenn man mit Feuerbränden schlägt,[322]Draus unzählbare Funken sprühend flammen, 103
So hoben dort sich mehr als tausend Flammen[323]Und die stieg mehr, und minder die empor,[324] 106
Als jed’ an ihrer Stelle war, verlorSich das Gewühl – da trat in Flammenzügen 109
Der dorten malt, weiß selbst sich zu genügen;[325]Ihn leitet nichts; die Kraft entstammt durch Ihn, 112
Die andre Schaar, die erst befriedigt schien,Das M bekrönend mit dem Lilienkranze, 115
So sah ich, schöner Stern, der Himmel pflanzeIn uns die Keime der Gerechtigkeit, 118
Zum Geist, der Kraft dir und Bewegung leiht,[326]Fleh’ ich, nach jenem Rauche hinzuschauen, 121
Sein Zorn mach’ einmal noch dem Volke Grauen,Das in dem Tempel schachert und verkehrt, 124
O Himmels-Kriegerschaar, dort hell verklärt,Bitte für die, so noch der Leib umschlossen, 127
Einst kriegte man mit Schwertern und Geschossen,Doch jetzt, das Brod wegnehmend dort und hie, 130
Du, der du schreibst, um auszustreichen, sieh:Für jenen Weinberg, welchen du verdorben, 133
Du aber denkst: Hab’ ich nur den erworben,Der in die Einsamkeit der Wüst’ entrann, 136
Was kümmern Paulus mich und Petrus dann?
Neunzehnter Gesang.
Im Jupiter, Fortsetzung. Der Adler spricht: Belehrung über die Gnadenwahl (20, 130) d. h. die Seligkeit der Nichtchristen. Gottes Urtheil beim Weltgericht. Strafrede gegen damalige Fürsten (Albrecht, Philipp u. s. w.)
1
Vor mir erschien mit offnem FlügelpaarDas schöne Bild, wo, selig im Vereine, 4
Jedweder war wie ein Rubin, vom ScheineDer Sonne so in Licht und Glut entbrannt, 7
Der Schilderung, zu der ich mich gewandt,Wie kann die Sprache sie, die Feder wagen, 10
Ich sah den Aar und hört’ ihn Worte sagen,[327]Und in der Stimm’ erklangen Ich und Mein, 13
Er sprach: Für frommes und gerechtes Sein,Sollt’ ich zu dieser Glorie mich erheben, 16
Und solch Gedächtniß ließ ich dort im Leben,[328]Daß es für rühmlich selbst den Schlechten gilt – 19
Wie vielen Kohlen eine Glut entquillt,So tönte jetzt von vielen Liebesgluten 22
„„Ihr ew’ge Blüten des endlosen Guten,““Begann ich, „„die Ihr mir als einen jetzt 25
Ich bitt’ euch nun, mit eurem Hauch ergetztMich Hungrigen und reicht mir jene Speise, 28
Wohl weiß ich – spiegelt schon in anderm Kreise[329]Des Himmels sich des Herrn Gerechtigkeit – 31
Ihr wißt, zum Hören bin ich schon bereit,Auch wißt ihr, welch ein Zweifel mich befangen, 34
Gleichwie ein edler Falk’, der Kapp’ entgangen,Das Haupt bewegt, sich schön und freudig macht, 37
So machte sich des hohen Zeichens Pracht,Das Gottes Gnade laut dem All verkündet, 40
Und es begann: „Er, der die Welt gegründet,[331]Und sie begrenzt, hat viel Geheimes drin 43
Doch hat er seine Kraft vom AnbeginnNicht völlig ausgeprägt im Weltenalle, 46
Der erste Stolze, welcher höh’r als alleGeschöpfe stand, sank drum im frevlen Zwist, 49
Denn jegliches der kleinern Wesen ist[333]Zu eng, um jenes Gut darein zu bringen, 52
Drum kann so weit der Menschenblick nicht dringen;Er, nur ein Strahl von jenes Geistes Schein, 55
Kann nie durch eigne Kraft so mächtig sein,Um seinen Ursprung deutlich zu ersehen, 58
Drob zu der Urgerechtigkeit das SpähenDes Menschenblicks sich nur so weit erstreckt, 61
Leicht wird der Grund am Strand vom Aug’ entdeckt,[334]Doch nie im Meer, wie sehr sich’s müh’ und übe; 64
Nur aus der Heitre dort, die nimmer trübe,Kommt Licht – all Andres ist nur Dunkelheit, 67
Sieh das Versteck, das die GerechtigkeitDir lang verhehlt, jetzt offen dem Verstande, 70
Erzeugt wird Jemand an des Indus Strande,[335]So sprachst du, doch wer spricht von Jesus Christ, 73
Wenn er, so weit es die Vernunft ermißt,In That und Willen rein und unverdorben, Und ohne Sünd’ in Wort und Leben ist, 76
Und er ungläubig, ungetauft gestorben,Wo ist dann wohl ein Recht, dem er verfällt? 79
Und wer bist du, der sich so hoch gestellt,Um, richtend, tausend Meilen weit zu springen, 82
Gewiß, daß die mir nach im Forschen ringen,[336]Wär’ über euch nicht Gottes heil’ges Wort, 85
O Thier’ aus Erd’! ihr stumpfen Geister dort!Der erste Wille, gut von selber, gehet[337] 88
Gerecht ist, was mit ihm in Einklang stehet.Ihn kann nicht anziehn ein erschaffnes Gut, 91
Wie über ihrem Nest die Störchin thut,Wenn sie die Brut gespeist, im Kreise schwebend, 94
So that – und so auch ich, das Aug’ erhebend –[338]Das heil’ge Bild, das seine Flügel schwang, 97
Indem’s, im Kreis sich schwingend, also sang:„So wie du nicht verstehst, was ich verkündet, 100
Dann, noch im Zeichen, das den Ruhm begründet[340]Der Römer hat, stand still die sel’ge Schaar, 103
„In dieses Reich“, begann auf’s Neu’ der Aar,„Stieg Keiner je, der nicht geglaubt an Christus, 106
Doch siehe, Viele rufen Christus! Christus!Und stehn ihm ferner einst beim Weltgericht, 109
Das Strafurtheil für solche Christen sprichtDer Heid’ einst aus, wenn sich die Schaaren trennen, 112
Wie wird ein Perser eure Fürsten nennen,[341]Zeigt ihm sich aufgeschlagen jenes Buch, 115
Die That des Albrecht wird mit hartem Spruch[342]Er in dem Buch bald eingetragen sehen, 118
Auch Frankreichs Schmerz wird aufgezeichnet stehen,[343]In den es durch den Münzverfälscher fällt, 121
Dort steht der Stolz, der Durst nach Land und Geld,[344]Drob Schott’ und Engeländer thun, gleich Tollen, 124
Dort wird die Ueppigkeit sich zeigen sollen[345]Des Spaniers und des Böhmen, welcher nie 127
Dort, Lahmer von Jerusalem, dort sieh[346]Mit einem M bezeichnet deine Sünden, 130
Dort wird sich auch der niedre Geiz verkünden[347]Deß, der dort herrschet, wo Anchises ruht 133
Und wie gering er ist an Kraft und Muth,Das wird die abgekürzte Schrift bezeugen, 136
Auch wird das schmutz’ge Thun des Ohms sich zeigen,[348]Und das des Bruders kund sein überall, 139
Auch den von Norweg, den von Portugal[349]Und den von Rascia wird man unterscheiden, 142
Mög’ Ungarn fernerhin nicht Unbill leiden![350]Navarra, es vertheidige getrost 145
Und glaube Jeder, daß schon Famagost[351]Und Nicosia seien, deß zum Zeichen 148
Deß Thaten den der andern völlig gleichen.
Zwanzigster Gesang.
Schluß. Der Adler schweigt. Die Seelen singen. Dann spricht der Adler wieder als Ganzes und nennt einzelne Selige, welche ihn bilden: David, Trajan, Hiskia, Constantin, Wilhelm der Gute, Ripheus. – Weitere Belehrung über die Seligkeit der Nichtchristen und die Gnadenwahl.
1
Wenn Sie, die hell die ganze Welt verklärt,[352]Von unsrer Hemisphär’ herabgeschwommen 4
Dann zeigt der Himmel, erst von ihr entglommen,Von ihr allein, viel Sterne rings im Rund, 7
Dies war’s, was jetzt vor meiner Seele stund,Als unsrer Welt und ihrer Herrscher Zeichen 10
Denn alle Lichter, jene wonnereichen,Erglänzten nun im Sang, an dessen Macht 13
O Lieb’, umkleidet mit des Lächelns Pracht,[353]Wie sah ich Glanz dich in die Funken gießen, 16
Dann, als die Edelsteine, die mit süßen[354]Lichtstrahlen hold das sechste Licht erhöhn, 19
Schien mir’s, es zeig’ in murmelndem GetönEin Fluß, von Fels zu Felsen niederfallend, 22
Und wie ein Ton, aus reiner Laute schallend,An ihrem Hals sich formt, und wie der Wind 25
So hatte jener Murmelton geschwindSich bis zum Hals des Adlers aufgeschwungen, 28
Und ward zur Stimm’, und, dort hervorgedrungen,Ward er gebildet zum erwünschten Wort, 31
„Den Theil in mir, der bei den Adlern dortDie Sonn’ sieht und erträgt, schau’ an!“ so hoben 34
„Denn von den Flammen, die mein Bild gewoben,Stehn, die hier glänzen an des Auges Statt, 37
Der, so den Platz des Augenapfels hat,Des heil’gen Geistes Sänger war’s und brachte[356] 40
Wie der, der ihn begeistert, seiner achteUnd seines Sangs, das kann er jetzo sehn, 43
Von fünf, die um mein Aug’ als Braue stehn,Sieh nächst dem Schnabel den, der eh’mals Weile[357] 46
Wie, wer nicht Christo folgt zu seinem Heile,Dies theuer büßt, das hat er nun erkannt 49
Der Nächst’ im Kreise, der mein Aug’ umspannt,[358]Ist Jener, der den Tod auf fünfzehn Jahre 52
Jetzt sieht er ein, daß der UnwandelbareDen Rath nicht ändert, ob sein Urtheil sich, 55
Der nachfolgt, führte das Gesetz und mich,[359]Durch guten Sinn zur Unheilsthat bewogen, 58
Jetzt sieht er, daß, nach gutem Zweck gewogen,Die That, ob sie in Trümmern euch begräbt, 61
Sieh Wilhelm, wo der Bogen abwärts strebt,[360]Ob dessen Tod des Landes Bürger weinen, 64
Jetzt sieht er, Gott liebt zärtlich, als die Seinen,Gerechte Fürsten, und, in Glanz erhellt, 67
Wer glaubt’ es in der wahnbefangnen Welt,Daß Ripheus, den Trojaner, hier im Runde[361] 70
Jetzt hat er wohl von Gottes Gnade KundeUnd siehet mehr, als eurer Welt sich zeigt, 73
Gleichwie die Lerche in die Lüfte steigt,Erst singend flattert, aber dann, zufrieden, 76
So schien mir jenes Bild, durch das hienieden[363]Der Abdruck ew’ger Wonnen zu uns spricht, 79
Das wahre Sein. – Barg ich auch minder dicht,[364]Als Glas die Farb’, den Zweifel, litt er Schweigen 82
Er zwang dies Wort dem Munde zu entsteigen:„„Was sah ich dort!““ durch seines Drangs Gewicht; 85
Daß ich in Staunen länger schwebe nicht,Ließ sich der Aar vernehmen also gegen 88
„Ich sah, du glaubest dies, doch nur deswegen,Weil ich’s gesagt, und siehest nicht das Wie? 91
Wie man der Sache Namen lernt, doch sieNicht kann nach ihrem Wesen unterscheiden, 94
Das Reich der Himmel muß Gewalt erleiden,[365]Wenn Kraft der Lieb’ und Hoffnung es bekriegt, 97
Nicht wie ein Mensch dem Stärkern unterliegt,Nein, Er siegt, denn er will sich ja ergeben, 100
Du staunst beim ersten und beim fünften LebenIn meiner Brau’, und nennst es wunderbar, 103
Als Christen, nicht als Heiden, starb dies Paar.Der glaubt’ an’s Leiden, das schon eingetroffen, 106
Der ist vom Höllenschlund, der nimmer offenZur Rückkehr war, zum Leib zurückgekehrt, 109
Lebend’gem Hoffen, das von Gott begehrt,[367]Ihn zu befreien aus des Todes Banden, 112
Und die ruhmwürd’ge Seele kehrt’ erstandenAuf kurze Zeit zum Leib, und glaubt’ an Ihn, 115
Und fühlte, glaubend, sich so hell erglühnIn wahrer Liebe, daß sie dieser Wonnen 118
Der Zweit’, aus Gnade, die so tiefem BronnenEntquollen ist, daß nie die Creatur Die Quell’ erspähen kann, wo er begonnen, 121
Weiht’ all sein Lieben einst dem Rechten nur,Drum hob ihn Gott empor zu Gnad’ und Gnaden, 124
Er glaubt’ an sie, und schalt sodann, entladenDes Heidenthums, von seinem Stanke frei, 127
Anstatt der Taufe standen ihm die Drei,Die du am rechten Rad im Tanz gesehen,[368] 130
O Gnadenwahl, wie tief verborgen stehenDoch deine Wurzeln jenem Blick, der nicht 133
Drum, Menschen, seid vorsichtig im Gericht,Da wir nicht all’ die Auserwählten wissen, 136
Und süß ist uns auch das, was wir vermissen,Da immer reiner draus das Heil entquillt, 139
So reichte jenes gottgeliebte Bild,Der schwachen Sehkraft Stärkung zu bereiten, 142
Und wie mit lieblichem Geschwirr der SaitenDie guten Lautner guter Sänger Lied 145
So regt’, indeß der Adler mich beschied,Der benedeiten Lichter Paar zusammen,[369] 148
Bei seinem Wort die hellen Wonneflammen.Einundzwanzigster Gesang.
7) Saturn: die Heiligen des beschaulichen Lebens. Die Seelen bilden eine Himmelsleiter. Kein Gesang. – Schluß der Belehrung über die Gnadenwahl. – Damiani straft die üppige, hohe Geistlichkeit. Allgemeiner Weheruf der Seelen.
1
Schon heftet’ ich die Augen auf’s GesichtDer Herrin wieder, Augen und Gemüthe, 4
Sie lächelte mir nicht, doch sprach voll Güte:[370]„Dafern ich lachte, würde dir geschehn 7
Wenn meine Schönheit, (die, wie du gesehn,Beim Steigen in dem ewigen Palaste 10
Sich deinem Blick nicht mäßigte, sie faßteDich wie ein Blitz – du wärst von ihr erdrückt, 13
Wir sind zum Glanz, dem siebenten, entrückt,[371]Der vom Gebild des Himmels-Leu’n umgeben, 16
Laß jetzt den Geist, dem Blicke nach, sich heben;Und deinen Blick – mach’ jetzt zum Spiegel ihn 19
Wer wüßte, wie ihr Blick so selig schien,[373]Wie er dem meinen ward zur süßen Weide, 22
O der erkennt’ auch wohl, mit welcher Freude,Ich dem gehorcht, was Sie mir auferlegt, 25
In dem Krystall, der, um die Welt bewegt,[374]Vom theuren Führer, unter dem entweichen 28
Erblickt’ ich einer Leiter schimmernd Zeichen,[375]An Farbe gleich dem Gold, durchglänzt vom Strahl, 31
Und auf den Sprossen stieg in solcher ZahlDie Schaar der sel’gen Himmelslichter nieder, 34
Und wie, nach ihrer Art, die Kräh’n, wenn wiederDer Tag beginnt, sich rasch bewegend ziehn, 37
Und die von dannen ohne Rückkehr fliehn,Die rückwärts fliegen, andre dann, im Bogen 40
So sah ich’s jetzt in jenem Glanze wogen,[376]Der dort zugleich entströmt’, – bis daß die Flut 43
Und Einer glänzte, der, uns nah’, geruht,Drum wollte schon dies Wort der Lipp’ entsteigen: „Ich seh’ es wohl, du zeigst mir Liebesglut.“ 46
Doch Sie, die mir zum Sprechen und zum SchweigenDas Wie und Wann bestimmt, sie schwieg, und ich 49
Doch sie erklärte wohl mein Schweigen sich,In Ihm, der Alles sieht, mich klar erschauend, 52
Und ich begann: „„Nicht dem Verdienste trauend,Halt’ ich von dir mich einer Antwort werth; 55
O sel’ges Leben, das du schön verklärtDich in der Freude birgst, aus welchem Grunde 58
Und sage mir, weswegen diesem RundeDie Paradieses-Symphonie gebricht, 61
Und Er: „Dein Ohr ist schwach, wie dein Gesicht;Weshalb Beatrix nicht gelacht, deswegen 64
Ich kam von heil’ger Leiter dir entgegen,Um mit der Red’ und mit dem Licht, das mir 67
Und nicht aus größ’rer Liebe bin ich hier;Nein, mehr und gleiche Liebe glüht in ihnen, 70
Doch höchste Liebe, die uns treibt, zu dienenDem ew’gen Rath, braucht, wen sie wählt, dabei, 73
„„Ich sehe wohl,““ sprach ich, „„daß Liebe, frei,An diesem Hof den Schlüssen nachzugehen[378] 76
Doch bleibt mir Eins noch schwierig zu verstehen:Warum bist du von allen Jenen dort 79
Noch war ich nicht gelangt zum letzten Wort,Da drehte sich, sich um sich selber schwingend, 82
„Da jenes Licht, dem Urquell selbst entspringend,“Antwortete die Liebe drin, „mir scheint, 85
Hebt seine Kraft, mit meinem Schau’n vereint,Mich über mich, so daß in seinem Schimmer 88
Und daher kommt mein freudiges Geflimmer,Denn wie des Blickes Klarheit sich vermehrt, 91
Doch der, der sich im reinsten Licht verklärt,Der Seraph selbst, der Gott am hellsten siehet, 94
Denn in dem Abgrund ew’gen Raths umziehetDas, was du fragtest, Nacht, die, nie erhellt, 97
Verkünde dies, zurückgekehrt, der Welt,Und warne sie vor jenem stolzen Streben, 100
Licht hat den Geist hier, dorten Rauch umgeben;Drum sieh, wie kann zum höchsten Ziel hinauf, 103
Dies trug das Wort des Seligen mir auf,Drum ließ ich demuthsvoll von diesen Fragen, 106
„Zwischen Italiens beiden Küsten ragenFelsberge, Tuscien nah’, so hoch empor,[380] Daß unter ihren Höh’n die Wolken jagen. 109
In ihnen springt ein Bergeshöcker vor,Catria genannt, und drunter liegt die Oede,[381] 112
Also begann er seine dritte Rede,Und fuhr dann fort: „Dort stärkt’ ich meine Kraft 115
Mit nichts mir würzt’, als mit Olivensaft;Dort hat Beschauung mir in vielen Jahren 118
Fruchtbare Felder für den Himmel warenIm Klosterbann, jetzt wuchert Unkraut dort, 121
Pier Damian war ich an jenem Ort.[382](Petrus Peccator lebt’ in unsrer lieben 124
Nur wenig Leben war mir noch geblieben,Da rief, ja zog man mich zu jenem Hut, 127
Petrus war mager einst und unbeschuht,Paulus ging so einher in jenen Tagen 130
Die neuen Hirten, feist, voll Wohlbehagen,Sieht man gestützt, geführt und schwer bewegt, 133
Wenn über’s Prachtroß sich ihr Mantel schlägtSind zwei Stück Vieh in einer Haut beisammen. 136
Hier stiegen von der Leiter viele FlammenUnd kreisten dort, so daß sie mehr und mehr 139
Sie stellten sich um jenen Schimmer her,Mit einem Rufe von so lautem Schalle, 142
Doch nichts verstand ich in dem Donnerhalle.
Zweiundzwanzigster Gesang.
Schluß. (Zweite) Weissagung der Kirchenreformation. Der heil. Benedikt. Strafrede wider (seinen) Orden, Klöster und Abteien. – Höheres Emporschweben zum Fixsternhimmel, zunächst in die Zwillinge, Dante’s Geburtsgestirn. – Dante blickt auf die durchlaufene Bahn und die arme Erde zurück.
1
Ich kehrte mich, vom Staunen überwunden,Zu meiner Führerin, gleich einem Kind, 4
Sie sprach, der Mutter gleich, die sich geschwindZum Knaben kehrt, der athemlos beklommen 7
„Bedenk’s, dich hat der Himmel aufgenommen,Wo Alles heilig ist, wo heißem Drang 10
Wie dich mein Lächeln, wie dich der GesangVerwandelt hätten, wirst du jetzt verstehen, 13
Verstündest du das drin enthalt’ne Flehen,[384]So wäre dir die Rache schon erklärt, 16
Von droben fällt zu frühe nicht das Schwert,Und nicht zu spät, wie’s dem scheint, der mit Grauen 19
Jetzt blicke nur auf Andres mit Vertrauen;Sieh dortenhin: du wirst in großer Zahl 22
Ich sah, den Blick gewandt, wie sie befahl,Wohl hundert Kreise, welche Funken sprühten, 25
Wie auch in mir der Sehnsucht Stacheln glühten,Doch wagt’ ich keine Frag’ und hieß sie ruhn, 28
Die größte, hellste Perle nahte nun,[385]Um jenem Wunsch, den sie in mir ergründet, 31
„Wenn du die Liebe säh’st, die uns entzündet,“So sprach die Stimme jetzt aus jenem Licht, 34
Doch horch, auf daß du, harrend, später nichtZum hohen Ziel gelangest, und ich deute 37
Des Berges Höh’, an dessen Abhang heute[386]Cassino liegt, war einst Versammlungsort 40
Der Erste nannt’ ich dessen Namen dort,Der jene Wahrheit, die uns hoch erhoben, 43
Und solche Gnade glänzt’ auf mich von oben,Daß ich das Land umher vom Dienst befreit, 46
Wer hier glänzt, lebt’ einst in Beschaulichkeit,Und Keiner ließ in sich die Flamm’ erkalten, 49
Sieh des Macar, des Romuald Lichtgestalten,[387]Sieh meine Brüder, die im Klosterbann 52
„„Dein liebevolles Wort,““ so hob ich an,„„Und diese Freundlichkeit, die es begleitet, 55
Sie haben also mein Vertrau’n erweitet,Wie Sonnenschein die Rose, welche sich 58
Und, so vertrauend, Vater, bitt’ ich dich,Dich meinen Blicken unverhüllt zu zeigen,[388] 61
„Wenn so hoch,“ sprach er, „deine Wünsche steigen,Beut dir der letzte Kreis Erfüllung dar. 64
Dort wird vollkommen, reif und ganz und wahr,[390]Was nur das Herz ersehnt – und dort nur findet 67
Weil jener Kreis sich nicht im Raum befindet;Doch unsrer Leiter Höh’ erreichet ihn,[391] 70
Als sie dem Jacob einst im Traum erschien,Sah er die Spitze bis zum Himmel streben, 73
Jetzt mag man nicht den Fuß vom Boden heben,Um sie zu steigen, und bei Schreiberei’n[392] 76
Denn Räuberhöhlen sind, was einst Abtei’n,Und ihrer Mönche weiße Kutten pflegen 79
Kein Wucher ist so sehr dem Herrn entgegen,Als jene Frucht, auf die die Mönch’ erpicht,[393] 82
Das, was die Kirche wahrt, gehört nach PflichtDen Armen nur zur Lind’rung der Beschwerden, 85
Schwach ist des Menschen Fleisch, so, daß auf Erden[394]Ein guter Urspung nicht genügen kann, 88
Petrus fing ohne Gold und Silber an,Und ich begann mit Fasten und mit Flehen, 91
Willst du nach eines Jeden Ursprung spähen,Dann sehn, wie ihn verführt der Uebermuth, 94
Traun! daß sich aufgethürmt des Meeres Flut[395]Auf Gottes Wink, ist wunderbar zu finden, 97
Sprach’s, um mit seiner Schaar sich zu verbinden;Zusammen drängte sich die Schaar und fuhr 100
Und ihnen nach, mit Einem Winke nur,Trieb mich die Herrin aufwärts jene Stiegen; 103
Hienieden, wo bald sinkt, was erst gestiegen,Giebt die Natur nie solche Schnelligkeit, 106
So wahr ich, Leser, zu der HerrlichkeitEinst kehren will, für die ich oft in Zähren 109
Du kannst in’s Feu’r den Finger thun und kehren[397]So schnell nicht, als ich war im Sterngebild, 112
O edle Sterne, kraftgeschwängert Bild,Dem das, was ich an Geist und Witz empfangen, 115
In euch ist auf-, in euch ist untergangenDie Mutter dessen, was auf Erden lebt,[398] 118
Als ich zum hohen Kreis, in dem ihr schwebt,[399]Geführt von reicher Gnad’, emporgeflogen, 121
Fromm seufz’ ich jetzt zu euch, seid mir gewogen!Wollt Kraft zum schweren Pfade mir verleihn, 124
„Zum letzten Heile führ’ ich bald dich ein,“Sie sprach’s, die mich zu diesen Höhen brachte, 127
Darum, bevor du tiefer dringst, betrachteWas unten liegt, und sieh, wie viele Welt 130
Damit dein Herz, so viel es kann, erhellt,Bereit sei, vor den Siegern zu erscheinen, 133
Durch alle sieben Sphären warf ich meinenBlick nun zurück, und sah dies Erdenrund, 136
Und jener Rath beruht auf gutem Grund,Denn die dies Rund verschmähn in höherm Streben, 139
Ich sah in Glut Latona’s Tochter schweben,[400]Von jenem Schatten frei, der mir zum Wahn 142
Dich, strahlenreicher Sohn Hyperions, sahn[401]Jetzt meine Blicke fest und ungeblendet, Und um dich Maja’s und Dione’s Bahn;[402] 145
Dich sah ich, Zeus, der mäß’gen Schimmer spendet,[403]Zwischen Saturn und Mars, auch ward mir klar, 148
Wie groß die Sieben sind, ward offenbar,Wie schnell sie sind, den Weltenraum durchreisend, 151
Und mit dem ew’gen Zwillingspaare kreisend,Sah ich das Plätzlein, das so stolz uns macht,[404] 154
Dann kehrt’ ich mich zu Ihrer Augen Pracht.
Dreiundzwanzigster Gesang.
II. Abtheilung. 8) Im Fixsternhimmel, dem Kreis der Rose und Lilien, der Maria mit den Aposteln und Adam. – Dante’s innerer Fortschritt. – Christus, Maria zeigen sich.[406]
1
Gleichwie der Vogel, der, vom Laub geborgen,Im Nest bei seinen Jungen süß geruht, 4
Um zu erschauen die geliebte BrutUnd ihr zu bringen die willkommne Speise, 7
Noch vor der Zeit, sobald am HimmelskreiseAurora nur erschien, in Lieb’ entbrannt, 10
So, aufmerksam, das Haupt erhebend, standDie Herrin nach dem Theil der Himmelsauen,[407] 13
Ich konnte harrend Sie und sehnend schauen,Und war gleich dem, der Andres wohl begehrt,[408] 16
Und bald ward Schau’n für Hoffen mir gewährt,Denn fort und fort sah ich den Glanz sich mehren, 19
Beatrix sprach: „Sieh in den sel’gen HeerenChristi Triumph, und sieh gesammelt hier 22
Als reine Glut erschien ihr Antlitz mir,Als reine Wonn’ ihr Blick – und nimmer brächten 25
Wie in des Vollmonds ungetrübten NächtenLuna inmitten ew’ger Nymphen lacht,[410] 28
So über tausend Leuchten stand in PrachtDie Sonne, so die Gluten all’ erzeugte,[411] 31
Und, glänzend durch lebend’gen Schimmer, zeigteDer Lichtstoff sich in solcher Herrlichkeit[412] 34
O Herrin! theures, himmlisches Geleit! –Sie sprach zu mir: „Was hier dich überwunden, 37
Hier ist’s, wo Weisheit sich und Macht verbunden;Sie machten zwischen Erd’ und Himmel Bahn, 40
Wie wenn der Wolken Schooß sich aufgethan,Die Feuer sich, sie sprengend, niedersenken Und gegen ihren Trieb der Erde nahn;[413] 43
So rang mein Geist, von diesen HimmelstränkenGestärkt, vergrößert, aus sich selber sich – 46
„Sieh auf, und wie ich bin, erschaue mich![414]Durch das Erschaute hast du Kraft empfangen 49
Ich war, wie Einer, dem sein Traum entgangen,Und der, vom dunklen Umriß nur bethört, 52
Als ich dies Wort, so werth des Danks, gehört,Daß in dem Buch, das den vergangnen Dingen 55
Und möchten mit mir alle Zungen singen,Die von der hohen Musen ganzer Schaar 58
Doch stellt’ ich’s nicht zum Tausendtheile dar,Wie hold ihr heil’ges Lächeln, wie entzündet 61
Und so, da’s Paradieses Lust verkündet,Muß jetzo springen mein geweiht Gedicht, 64
Doch wer bedenkt des Gegenstands Gewicht,Und daß es schwache Menschenschultern tragen, 67
Durch Wogen, die mein kühnes Fahrzeug schlagen,[415]Darf sich kein Schiffer, scheu vor Noth und Mühn, 70
„Was macht mein Blick dich so in Lieb’ entglühn,Um nicht zum schönen Garten hinzusehen, 73
Die Rose siehe dort, in der’s geschehen,[416]Daß Fleisch das Wort ward – sieh die Lilien dort, 76
Beatrix sprach’s – ich aber, ihrem WortGehorsam stets, erneute mit den matten 79
Wie ich besonnt oft sah beblümte Matten,Besonnt vom Strahl aus einer Wolke Spalt, 82
So sah ich Schaaren dort, von Glanz umwallt,Der, Blitzen gleich, auf sie von oben sprühte, 85
Du, die du ihn verströmst, o Kraft voll Güte,[417]Du bargst dich in den Höh’n, so daß mein Sinn 88
Der Name klang der Blumenkönigin,[418]Nach der die Arme früh und spät sich breiten,[419] 91
Kaum malte sich in meinen Augen beidenDie Größ’ und Glut des Sterns, den Strahl und Glanz[421] 94
Da kam, gleich einer Kron’, ein Feuerkranz[422]Vom Himmel her, die Blume zu bekrönen, 97
Was auch hienieden klingt von süßen Tönen,Von Harmonie, die hold das Herz erweicht, Scheint wie zerrißner Wolke Donnerdröhnen, 100
Wenn man’s mit jener Leier Ton vergleicht,[423]Der Leier, den Saphir als Kron’ umgebend,[424] 103
„Ich bin die Engelslieb’; im Kreise schwebend,Und von der Lust, die uns der Leib gebracht,[425] 106
Werd’ kreisen ich, solang in höh’rer Pracht,[426]Weil, Herrin, du dem Sohn dich nachgeschwungen, 109
Hier war des Kreises Melodie verklungen.Maria! tönt’ es aus dem andern Licht[427] 112
Der Königsmantel, der die Stern’ umflicht,[428]– Entglüht in lebensvollstem Strahlenbrande 115
War über uns mit seinem innern RandeSo weit entfernt, daß er noch nicht erschien, 118
Drum war dem Auge nicht die Kraft verliehn,Um, als sie sich erhob zu ihrem Sprossen, 121
Und wie das Kindlein, wenn’s die Milch genossen,Zur Brust, aus der es trank, die Arme reckt, 124
So sah ich hier, die Flamm’ emporgestreckt,Jedweden Glanz; so ward sein innig Lieben 127
Worauf sie noch mir im Gesichte blieben,Als ihr Regina coeli! mir erscholl 130
O wie sind dorten doch die Scheuern vollVon reicher Frucht, die Jeder, der hienieden 133
Dort lebt bei solchem Schatz in sel’gem Frieden,Der weinend ihn erlangt in Babylon, 136
Dort triumphiret unter’m hohen SohnDer Jungfrau und des Herrn, und mit dem alten 139
Er, der die Schlüssel solchen Reichs erhalten.[429]
Vierundzwanzigster Gesang.
Fortsetzung. Petrus examinirt (belehrt) den Dante über den Glauben. Des Dichters Glaubensbekenntniß.
1
„O auserwählte TischgenossenschaftBeim großen Mahl des Lamms, daß solcherweise 4
Wenn Der, durch Gottes Huld, sich an der Speise,Die eurem Tisch entfällt, vorkostend stillt, 7
So denkt, wie seine Brust vor Sehnen schwillt;Netzt ihn mit eurem Thau – euch letzt die Quelle, 10
Beatrix sprach’s – wie um des Poles StelleSich Sphären drehn, so jene Sel’gen nun, 13
Wie, wohlgefügt, der Uhren Räder thun –In voller Eil’ zu fliegen scheint das letzte, 16
Also verschieden in Bewegung setzteSich jeder Kreis, drob, wie er sich erwies[430] 19
Und aus dem Kreis, den ich den schönsten pries,Sah ich ein so beseligt Feuer schweben, 22
Um Beatricen schwang dies heil’ge LebenSich erst dreimal, und Sang entquoll dem Licht, 25
Drum springt die Feder hier und schreibt es nicht,Weil, wo der Phantasie die Kraft benommen,[432] 28
„O heil’ge Schwester, die du in so frommenGebeten flehst, durch deine Liebesglut 31
Nachdem das heil’ge Feu’r im Tanz geruht,Wandt’ es den Hauch zur Herrin mit den Worten, 34
„O ew’ges Licht des großen Manns, dem dorten“– Sie sprach’s – „der Herr die Schlüssel ließ, die Er 37
Prüf’ ihn mit ein’gen Fragen, leicht und schwer,Wie dir’s gefällt, ob jener Glaub’ ihm eigen, 40
Ob er recht liebt, recht hofft und glaubt – verschweigenKann er dir’s nicht, denn dort ist dein Gesicht,[434] 43
Doch weil man hier durch wahren Glaubens Licht[435]Zum Bürger wird, so wird es Früchte tragen, 46
Gleichwie der Baccalaur, des Meisters Fragen[437]Erwartend, stillschweigt, denn er rüstet sich, 49
So rüstet’ ich mit jedem Grunde mich,Indeß sie sprach, daß schnell und wohlerfahren 52
„Sprich, guter Christ, um dich zu offenbaren:Was ist der Glaub’?“ – Ich hob die Stirne schnell 55
Zur Herrin blickt’ ich dann, die, froh und hell,Mir Winke gab, die Flut hervorzulassen, 58
„„Die Gnade,““ sprach ich , „„die mich zugelassenZur Beichte bei der Streiter hohem Hort,[438] 61
Die Wahrheit, Vater,““ also fuhr ich fort,„„Hab’ ich in deines Bruders Buch getroffen,[439] Der Rom bekehrt hat durch sein heilig Wort. 64
Glaub’ ist Substanz deß, was wir fröhlich hoffen,Ist der Beweis von dem, was wir nicht sehn. 67
„Wohl richtig denkst du,“ hört’ ich’s jetzo wehn,„Wenn du den Grund erkennst. Darum verkünde: 70
Drauf ich: „„Die Dinge, die ich hier ergründe,Die ihres Anblicks Wonne mir verleihn, 73
Daß dorten nur im Glauben ist ihr Sein,Auf welchen wir die hohe Hoffnung bauen, 76
Auch muß dann, ohn’ auf Anderes zu schauen,Vom Glauben aus nur folgern der Verstand; 79
Ich hörte drauf: „Würd’ Alles so erkannt,Was dort auf Erden die Gelehrten lehren, 82
Den Hauch ließ jene Liebesglut mich hören,Und fuhr dann fort: „Fürwahr, ich sehe dich[440] 85
Doch hast du wohl sie auch im Beutel? Sprich!“Und ich drauf: „„Ja, so hell und so geründet, 88
Da sprach es aus dem Licht, dort hell entzündet:„Wie ward dies theure Kleinod dein, dies Gut, 91
Und ich: „„Des heil’gen Geistes RegenflutDas kund den alten Bund und neuen thut, 94
Sie ist der Grund, aus dem ich es geschlossen,So scharf, daß anderer Beweis und Grund 97
Ich hörte drauf: „Der alt’ und neue Bund,Durch den dein Geist, so folgernd, dieses dachte, 100
Und ich: „„Das, was mir klar die Wahrheit machte,Die Werke sind’s, von der Art, daß Natur[444] 103
Drauf klang’s: „Wo aber ist die klare Spur,[445]Daß sie geschehn? Dies wäre zu bewähren, 106
„„Daß ohne Wunder sich zu Christi LehrenDie Welt bekehrt – dies Wunder schon bezeugt’ 109
Denn du betratest arm und tiefgebeugtDas Feld, den guten Samen drein zu bringen, 112
Ich sprach’s und hörte durch die Sphären klingenDer Sel’gen Lied: Herr Gott, dich loben wir! 115
Und jener Herr, der Zweig um Zweig mit mirEmporklomm, und mich prüfend also führte, 118
Sprach weiter: „Wie dein Herz die Gnade rührte,Erschloß sie dir den Mund auch wundersam, 121
Drum billigt’ ich, was ich aus ihm vernahm.[447]Doch was du glaubst, das sollst du jetzt bekunden, 124
„„O Heil’ger,““ sprach ich, „„der du hier gefunden,Was du so fest geglaubt, daß du den Fuß[448] 127
In meinem Wort soll, dies ist dein Beschluß,Auch meines Glaubens Form dir klar erscheinen, 130
So hör’: Ich glaub’ an Gott den Ew’gen, Einen,[449]Der, unbewegt, des Himmels All bewegt 133
Und nicht Vernunft nur und Natur erregtDen Glauben mir und giebt mir die Beweise; 136
Moses, Propheten, Davids Sangesweise,Das Evangelium, und was Ihr, vom Schein 139
Ich glaub’ an drei Personen, Eins in Drei’n,Dreifach in Einem Wesen, Einem Leben, 142
Von dieser Gotteswesenheit, die eben[451]Mein Wort berührt, hat meinem innern Sinn 145
Dies ist der Funke, dies der Glut Beginn,[452][453]Die dann lebendig in mir aufgestiegen, 148
So wie der Herr, erst horchend mit Vergnügen,Für gute Nachricht in der Freude Drang 151
Also das Licht, das dreimal mich umschlang,Als ich geendet, was es mir befohlen, 154
So hatte, was ich sprach, mich ihm empfohlen.
Fünfundzwanzigster Gesang.
Im Fixsternhimmel. Fortsetzung. Dante über sein Gedicht; Hoffnung auf Rückkehr nach Florenz und Dichterkrönung. – Jacobus examinirt ihn über die christl. Hoffnung. – Johannes erscheint. Beatrix verschwindet einige Zeit.
1
Zwäng’ einst dies heil’ge Lied, zu dem die Erde,[454][455]Zu dem der Himmel mir den Stoff gereicht, 4
Die Grausamkeit, die mich von dort verscheucht,[456]Wo ich, ein Lamm, geruht in schöner Hürde, 7
Mit anderm Ton und Haar, als Dichter, würde[457]Ich kehren, und am Taufquell dort empfahn 10
Denn dort betrat ich jenes Glaubens Bahn,Durch welchen Gott bekannt die Seelen werden, 13
Da naht’ ein Licht aus der derselb’gen Heerden,Aus der der Erste derer vorgewallt,[458] 16
Beatrix sprach, umstrahlt die LichtgestaltVon neuer Lust: „Sieh Ihn, sich zu uns neigend, 19
Wie wenn die Taub’, aus hohen Lüften steigend,[460]Zur Taube fliegt, wie sich das Paar umkreist, 22
So war’s, wie jetzo der und jener GeistDer hohen Fürsten freudig sich empfingen, 25
Dann standen nach dem Freudentanz und SingenDie beiden Lichter schweigend vor mir dort, So feurig, daß die Augen mir vergingen 28
Und selig lächelnd fuhr Beatrix fort:„Der du geschrieben hast, erlauchtes Leben,[461] 31
O laß dein Wort die Hoffnung hier erheben;Du stellst ja, wie du weißt, so oft sie vor,[462] 34
„Du, fasse Muth – das Antlitz heb’ empor![463]An unserm Strahl muß reifen der Beglückte, 37
Als so das zweite Feuer mich erquickte,Hob ich die Augen zu den Bergen auf,[464] 40
„Läßt unsers Kaisers Gnade deinen Lauf,[465]Bevor du stirbst, zu seinem Hofe gehen, Führt er zu seinen Grafen dich herauf, 43
Um, wenn du hier das Wahre klar gesehen,[466]Die Hoffnung, draus euch dort die Lieb’ erblüht, 46
So sage, was sie ist? wie dein GemüthVon ihr erblüht? woher du sie entnommen?“ 49
Und Sie, durch die in mir die Kraft entglommenZum hohen Flug, war mit der Antwort schon 52
„Die Kirche, die da kämpft, hat keinen Sohn[467]Von stärkrer Hoffnung – also zeigt’s geschrieben 55
Drum aus Aegypten, nach des Herrn Belieben,[469]Kommt er nach Zion, wo das Licht ihm tagt, 58
Zwei andre Punkt’, um die du ihn befragt,Nicht um zu wissen, nein, damit er sage, 61
Lass’ ich ihm selbst; denn nicht, wie jene Frage,Sind sie ihm schwer, nicht Reiz zur Prahlerei; 64
Dem Schüler gleich, der seinem Meister freiEntgegenkommt, und freudig und besonnen, 67
Sprach ich: „„Die Hoffnung ist der künft’gen Wonnen[470]Erwartung und gewisse Zuversicht, 70
Von vielen Sternen kam mir dieses Licht;Der höchste Sänger macht es mir entbrennen,[471] 73
„O, alle die, so deinen Namen nennen,Hoffen auf dich“ – so sang der Gottesmann – 76
Du träufeltest mir seine Tropfen dannIn’s Herz durch deinen Brief mit solchem Regen, 79
Indem ich sprach, sah ich’s im Licht sich regen,Und wie ein Blitz, schnell und von Glanz umsprüht, 82
„Die Liebe,“ weht’ es, „die mich noch durchglühtFür jene Tugend, welche mir durch’s Grauen 85
Heißt mich durch sie dich letzen und erbauen,Und gern vernehm’ ich dieses noch von dir: 88
„„Die alt’ und neuen Schriften zeigen mir,““Sprach ich, „„das Ziel, das denen Gott bescheidet,[473] Die ihn geliebt, und dieses seh’ ich hier. 91
Jesajas zeigt’, vom Doppelkleid bekleidet,[474]Sie All’ in ihrem Land – und dieses Land 94
In denen, so, die Palmen in der Hand,[475]In weißen Kleidern vor dem Lamme stehen, 97
Kaum das ich schloß, erscholl es aus den Höhen:Ihr Hoffen sei auf dich! – und aus dem Tanz 100
Dann zwischen beiden drin entglüht’ ein Glanz,[476]So hell, daß, wär’ dem Krebs ein solcher eigen, 103
Wie froh aufsteht und geht und in den ReigenDie Jungfrau tritt, aus eitelm Triebe nicht, 106
So schwebte zu den Zwei’n das neue Licht,Die ich so eilig in lebend’gem Kreise 109
Einstimmt’ es zu dem Lied und zu der Weise;Und, gleich der Braut, sah sie die Herrin an, 112
„Er ruht’ am Busen unsers Pelikan;[478]Ihn hat der Herr zur großen Pflicht erlesen,[479] 115
Sie sprach’s; ihr Blick war wie er erst gewesen;[480]Nicht mehr Aufmerksamkeit war jetzt darin, 118
Wie der, der nach dem Sonnenrande hin,Der sich verfinstern soll, die Blicke sendet, 121
So stand ich, zu dem letzten Glanz gewendet.Da klang es: „Was nicht ist an diesem Ort, 124
Mein Leib ist jetzt noch Erd’ auf Erden dort,Und bleibt’s mit Andern, bis die sel’gen Schaaren 127
Zum Himmel sind zwei Lichter nur gefahren,[481]Bekleidet mit dem doppelten Gewand: 130
Als dieses Wort gesprochen war, da stand[482]Der Kreis der Flammen still, sammt dem Gesange, Zu welchem sich dreifaches Wehn verband, 133
Gleichwie nach Müh’n und schwerem WogendrangeDie Ruder, so die Flut durchwühlt, zugleich 136
Ach, wie ward ich vor Angst und Sorge bleich,Als ich mich nun zu Beatricen kehrte, 139
Doch sie nicht sah, die ich zu sehn begehrte.[483]
Sechsundzwanzigster Gesang.
Fortsetzung. – Dante ist erblindet. Johannes examinirt ihn über die Liebe. Sein Augenlicht kehrt zurück, er sieht wieder Beatrix – dann Adam. Ueber die Zeit seit seiner Erschaffung, seinen Aufenthalt im Paradies, den Sündenfall und die menschl. Sprache.
1
Ob des erloschnen Augenlichts voll Gram,Hört’ ich ein Wehn aus jener Flamme kommen,[484] 4
Es sagte: „Bis das Licht, das dir verglommenIn meinem Schimmer ist, dir wiederkehrt, 7
Drum sprich: Was ist es, das dein Herz begehrt?[485]Und möge deinen Muth der Trost erheben: 10
Denn Sie, die dich geführt in’s höh’re Leben,Hat jene Kraft im Blicke, die der Hand 13
„„Sie helfe dann, wann sie’s für gut erkannt,““Sprach ich, „„den Augen, die ihr Pforten waren, 16
Das Gut, das froh macht dieses Reiches Schaaren,[486]Das A und O der Schriften ist’s, die hier 19
Dieselbe Stimm’ erklang – wie sich an ihrMein Muth, als ich mich blind fand, aufgerichtet, 22
„Durch eng’res Sieb sei, was du meinst, gesichtet,Und klarer sei von dir noch dargelegt, 25
„„Durch das, was Weltweisheit zu lehren pflegt,““Versetzt’ ich, „„und durch Himmels-Offenbarung 28
Je mehr ein Gut, so weit es die ErfahrungUns kennen lehrt, der Güt’ in sich enthält, 31
Das Wesen drum, so gut, daß, was der WeltSich außer ihm noch als ein Gut verkündet, 34
Dies ist es, das die höchste Lieb’ entzündet.Und wohl erkennt es liebend jeder Geist, 37
Und Jener, der die erste Liebe preist,Der in der ew’gen Engel Herz entglühte, 40
Gleichfalls versichert sie mir im Gemüthe,Der einst zu Moses sprach, der wahre Hort: 43
Du prägst sie ein auch, hohes HeroldswortBeginnend vom Geheimniß dieser Sphären. 46
Da sprach’s: „Nach menschlichen Verstandes Lehren,Und höherm Wort, das beistimmt dem Verstand, 49
Doch fühlst du nicht noch manches andre Band[488]Zu ihm dich ziehn? Du sollst mir jedes nennen, 52
Nicht war der heil’ge Wille zu verkennenDes Adlers Christi, ja, ich sah, wohin[489] 55
Und wieder sprach ich: „„Was nur Herz und SinnHinlenkt zu Gott, erzeugt hat’s im Vereine 58
Denn durch des Weltalls Dasein und das meine,Und durch den Tod deß, der mich leben macht, 61
Nächst der Erkenntniß, deren ich gedacht,Bin ich dem Meer der falschen Lieb’ entgangen 64
Die Blätter all’ auch, die im Garten prangenDes ew’gen Gärtners, liebe ich so sehr, 67
Ich schwieg – und durch die Himmel, süß und hehr,Hört’ ich der Herrin Sang und Aller klingen, 70
Und, wie wir uns dem schweren Schlaf entringenBeim scharfen Licht, das unsre Sehkraft weckt, 73
Und, was er sieht, den jäh Erwachten schreckt,Der sich noch nicht besinnt, vom Schlafe trunken, 76
So war die Decke meinem Aug’ entsunken[491]Vor Beatricens Strahlenangesicht, 79
Drum sah ich klar, wie vorhin nimmer nicht,Und fragte staunend noch und kaum besonnen, 82
„Aus diesen Strahlen schaut in Liebeswonnen,“Sprach Sie, „zum Schöpfer hin der erste Geist,[492] 85
Gleichwie der Baum, an dem der Sturmwind reißt,Den Gipfel beugt, dann, wenn der Sturm vergangen, 88
So that jetzt ich, der – als Sie sprach, befangen,Erstaunt, gebückt – jetzt in die Höhe fuhr, 91
Ich sprach: „„O Frucht, die als die einz’ge nurSchon reif entstand, o alter Vater, sage, 94
Sag’ an, was ich dich fromm zu bitten wage;Du siehst ja, welchen Wunsch die Seele hegt, 97
Wie unter Decken oft ein Thier sich regt,[493]Wodurch wir seinen innern Trieb erfahren, 100
So ließ durch ihre Hülle jetzt gewahrenDie erste Seele, wie so froh sie war, 103
„Dein Sehnen,“ weht’ es, „nehm’ ich besser wahr,Magst du’s auch nicht bekennen und gestehen, 106
Im wahren Spiegel kann ich es erspähen,[494]Der jedes Dinges Bildniß in sich faßt, 109
Du fragst: wie viel der Zeitraum wohl umfaßt,Seit Gott mich in den hohen Garten setzte,[495] 112
Wie lange mir sein Reiz die Augen letzte?Was eigentlich den großen Zorn erweckt? Und welche Sprach’ ich mir zusammensetzte? 115
Mein Sohn, nicht daß ich jene Frucht geschmeckt,[496]War Grund des Zorns an sich – daß ich entronnen 118
Mich hat viertausend und dreihundert Sonnen[497]Und zwei im Höllenvorhof sonder Qual 121
Auch sah ich, daß neunhundert dreißig MalZu jedem Sterngebild die Sonne kehrte, 124
Die Sprache, die ich einst gesprochen, hörte[498]Schon vor dem Bau auf, der, wie schwach die Kraft 127
Denn was nur irgend die Vernunft erschafft,Ist, weil die Neigung nach der Sterne Walten 130
Die Sprache habt ihr von Natur erhalten,Allein so oder so – euch läßt hierin 133
Eh’ ich zur Hölle sank, im AnbeginnHieß El das höchste Gut, an dem entglommen[499] 136
Den Namen Eli hat man drauf vernommen,Weil Menschenbrauch sich gleich den Blättern zeigt, 139
Auf jenem Berge, der am höchsten steigt,[500]Hab’ ich, rein und befleckt, mich sieben Stunden 142
Wenn sie im zweiten Viertheil steht, befunden.“
Siebenundzwanzigster Gesang.
8) Schluß. Paradiesischer Lobgesang. Petri machtvolle Strafrede gegen Papstthum und Kirche; Weissagung des Rächers. Er verschwindet. – 9) Zum Krystallhimmel, dem primum mobile und Sitz der Engel. – Beatrix über die Verkehrung der Weltordnung und allgemeine Entartung der Zeit. Wiederholte Weissagung des Erretters.
1
Dem Vater, Sohn und heil’gen Geiste sangDas ganze Paradies; Ihm jubelt’ Alles, 4
Ein Lächeln schien zu sein des Weltenalles,[501]Das, was ich sah, drum zog die Trunkenheit 7
O Lust! o unnennbare Seligkeit!O friedenreiches, lieberfülltes Leben! 10
Ich sah vor mir die Feuer glühend schweben,Und das der Vier, das erst gekommen war,[502] 13
Und also stellt’ es sich den Blicken dar,Wie Jupiter, nähm’ man an seinen Gluten 16
Und jetzt gebot der Wink des ewig Guten,Deß Vorsicht dort vertheilet Pflicht und Amt,[503] 19
Da hört’ ich: „Siehst du röther mich entflammt,[504]So staune nicht – bei meinen Worten werden 22
Der meines Stuhls sich anmaßt dort auf Erden,[505]Des Stuhls, des Stuhls, auf dem kein Hirt jetzt wacht 25
Hat meine Grabstatt zum Kloak gemacht[506]Von Blut und Stank, drob der zu ew’gen Qualen[507] Einst von hier oben fiel, dort unten lacht.“ 28
Wie früh und Abends sich die Wolken malen,Die grad’ der Sonne gegenüberstehn, 31
Wie wir ein ehrbar Weib sich wandeln sehn,[508]Das, sicher seiner selbst, nichts zu verschulden, 34
So meiner Herrin Angesicht voll Hulden;[509]Und so verfinstert, glaub’ ich, wie Sie dort, 37
Er aber fuhr in seiner Rede fort,Und wie verwandelt war der heitre Schimmer, 40
„Die Braut des Herrn hat zu dem Zwecke nimmer[510]Mein Blut, des Lin und Cletus Blut, genährt, 43
Nein, dieses frohe Sein, das ewig währt,Dem hat des Sixt und Pius Blut gegolten, 46
Das war’s nicht, was wir von den Folgern wollten,[511]Daß sie um sich das Christenvolk getrennt 49
Nicht sollten jene Schlüssel, mir vergönnt,Als Kriegeszeichen in den Fahnen stehen, 52
Nicht sollte man mein Bild auf Siegeln sehen,[512]Erkauftem Lügenfreibrief beigedrückt, 55
Jetzt sieht man, mit dem Hirtenkleid geschmückt,Raubgier’ge Wölfe dort die Heerden hüten. 58
Und Caorsiner und Gascogner brüten[513]Schon Tücken aus, voll Gier nach unsrem Blut. 61
Allein die Vorsicht, die durch Scipio’s Muth[514]Den Ruhm der Welt beschützt in Roma’s Siegen, 64
Du, Sohn, wenn du zur Erd’ hinabgestiegen,Erschleuß den Mund, und sprich, wie sich’s gebührt,[515] Und nicht verschweige, was ich nicht verschwiegen.“ 67
Wie, wenn der Wolken feuchter Dunst gefriert,Durch unsre Luft die Flocken niederfallen, 70
So, aufwärts, sah ich an des Aethers HallenMit jenem Licht, das eben zu mir sprach, 73
Mein Auge folgte diesem Anblick nach,Bis sie so weit im Raum emporgeflogen, 76
Da sprach die Herrin, die mich abgezogenVon oben sah: „Jetzt schau’ hinab – hab’ Acht, 79
Vom ersten Rückblick an, deß ich gedacht,[517]Hatt’ ich den Weg der Hälft’ im halben Kreise 82
Von Cadix jenseits lag das Furth zur Reise[518]Ulyß, des Thoren – diesseits nah’ der Strand, 85
Noch mehr von unserm Ball hätt’ ich erkannt,[519]Doch unten war die Sonne vorgegangen, 88
Mein liebend Herz, das immer mit VerlangenDer Herrin schlug, war mehr als je entglüht, 91
Was jemals der Natur und Kunst entblühtAn Leib und Bild, dem Aug’ als Reiz zu dienen, 94
Vereint wär’ Alles dies als Nichts erschienenBei jener Götterlust, die mich beglückt’, 97
Und durch die Kraft, die aus dem Blicke zückt,Hatt’ ich dem Nest der Leda mich entrungen[520] 100
Ich weiß, da er von Lebensglanz durchdrungenGleichförmig war, nicht, wo mit mir in ihn, 103
Doch Sie, der klar mein Herzenswunsch erschien,Begann jetzt lächelnd in so sel’gen Wonnen, 106
„Sieh hier des Weltenlaufs Natur begonnen,[521]Durch die der Mittelpunkt in Ruhe weilt, 109
In diesem Himmel, der am schnellsten eilt,Wohnt Gottes Geist nur, der die Lieb’ entzündet, 112
Ein Kreis von Licht und Liebesglut umwindetIhn, wie die Andern er; allein verstehn 115
Nichts läßt das Maß von seinem Lauf uns sehn;Nach ihm nur mißt sich der der andern Sphären, 118
Wie sich in diesem Kreis die Wurzeln nährenDer Zeit, wie ihr Gezweig zu andern strebt, 121
O Gier, die tief die Sterblichen begräbt[522]In ihrem Schlund, so kraftlos fortgerissen, 124
Wohl blüht des Menschen Will’; allein in Güssen[523]Strömt Regen drauf, der unaufhörlich rinnt, Drob echte Pflaumen Butten werden müssen. 127
Unschuld und Treue trifft man nur im Kind;Doch sie entweichen von den Kindern allen, 130
Die fasteten beim ersten Kinderlallen,Sieht, bei gelöster Zunge, gierig man 133
Der liebt die Mutter noch und hört sie an,So lang’ er lallt, der ihren Tod im Herzen 136
Drum muß, erst weiß, das Angesicht sich schwärzenDer schönen Tochter deß, der, kommend, bringt[525] 139
Du denke, wenn dich dies zum Staunen zwingt,[526]Daß dort kein Herrscher ist, um euch zu leiten, 142
Doch eh’ der Jänner fällt in Frühlingszeiten[527]Durch das von euch vergeßne Hunderttheil, 145
Daß das Geschick, erharrt zu eurem Heil,Damit’s auf graden Lauf die Flotte richte, 148
Und auf die Blüthen folgen echte Früchte.“[529]
Achtundzwanzigster Gesang.
9) Im Krystallhimmel. Die Engelswelt und Körperwelt in ihrer Beziehung; die Intelligenzen. – Belehrung: über die Engelshierarchie in neun Kreisen.
1
Nachdem Sie tadelnd mir das jetz’ge LebenDer armen Menschen wahrhaft kund gemacht, 4
Da, dem gleich, der im Spiegelglas bei NachtDer Fackel Schein sieht hinter sich entglommen, 7
Und rückwärts blickt, ob, was er wahrgenommen,Auch wirklich sei, und sieht, daß Glas und That 10
War ich, und seinem Thun gleich, was ich that,[530]Als ich in’s Auge sah, woraus die Schlingen, 13
Ich sah jetzt das mir in die Augen dringen,Als ich die Blicke suchend rückwärts warf, 16
Mir strahlt’ ein Punkt, so glanzentglüht und scharf,[531]Daß nie ein Auge, das er mit dem hellen 19
Ließ sich zu ihm das kleinste Sternlein stellen,[532]Ein Mond erschien’ es, könnt’ es seinem Licht, 22
So weit, als Sonn’ und Mond ein Hof umflicht,Vom eignen Glanz der beiden Stern’ entsprungen, 25
War um den Punkt ein Kreis, so schnell geschwungen[533]In reger Glut, daß er auch überwand 28
Und dieser war vom zweiten rings umspannt,Um den der dritte dann, der vierte wallten, 31
Drauf sah man sich den siebenten gestalten,So weit, daß Iris halber Kreis, auch ganz,[534] 34
Dann wand der achte sich, der neunte Kranz,Und jeder war langsamer’n Schwungs, je weiter 37
Und jedes’ Licht ist reiner mehr und heiter,Je minder fern er ist von seiner Spur, 40
Sie, die mich sehend, meinen Wunsch erfuhr,Sprach ungefragt: „Von diesem Punkte hangen 43
Sieh jenen Kreis, der ihn zunächst umfangen;Das, was ihn treibt, daß er so eilig fliegt, 46
Und ich zu Ihr: „„Wäre die Welt gefügtNach dem Gesetz, das herrscht in diesen Kreisen, 49
Doch in der Welt, der sichtbaren, beweisen,Die Schwingungen je größre Göttlichkeit, 52
Drum soll in dieser Engels-Herrlichkeit,Im Tempel, den nur Lieb’ und Licht umschränken, 55
So sprich: Wie kommt’s – ich kann mir’s nicht erdenken –Daß Abbild sich und Urbild nicht entspricht 58
„Genügt dein Finger solchem Knoten nicht,So ist’s kein Wunder; weil ihn zu entstricken 61
Sie sprach’s, und dann: „Nimm, um dich zu erquicken,Das, was ich dir verkünden werd’; allein 64
Ein Körperkreis muß weiter, enger sein,Je wie die Kraft, die sich durch seine Theile 67
Die größre Güte wirkt zu größerm Heile,Und größres Heil füllt größeres Gebiet, 70
Der Kreis drum, der das Weltall mit sich zieht,In seinem Schwung, entspricht in seiner Weise 73
Darum, wenn du dein Maß dem innern Preise,Und nicht dem äußern Umfang angelegt, 76
So wirst du, zur Bewunderung erregt,Das Mehr und Minder sich entsprechen sehn 79
Wie rein das Blau erglänzt aus Aethershöhen,Wenn Boreas Luft aus jener Backe stößt,[536] 82
So, daß vom Dunst gereinigt und gelöst,Der ihn getrübt, in seinen weiten Auen 85
So ward mir jetzt beim Worte meiner Frauen,[537]Denn dieses ließ die Wahrheit mich so klar, 88
Und als ihr heil’ges Wort beendet war,Da stellten anders nicht, als siedend Eisen, 91
Die Funken folgten den entflammten KreisenIn größrer Meng’, als durch Verdoppelung 94
Dem festen Punkt, der sie ohn’ AenderungDort, wo er sie erhält, auch wird erhalten, 97
„Zwei Kreise sieh dem Punkt zunächst sich halten,“[539]Sie sprach’s, stets wissend, was mein Geist ersinnt, 100
Sie folgen ihren Fesseln so geschwind,[540]So viel sie können, Ihm sich anzuschließen, 103
Die Gluten drauf, die diese rings umfließen,Die Throne sind’s, von Gottes Angesicht 106
So groß ist Aller Wonn’, als ihr Gesicht,Tief in die ew’ge Wahrheit eingedrungen, Die alle Geister stillt mit ihrem Licht. 109
Durch Schau’n wird also Seligkeit errungen,Nicht durch die Liebe, denn sie folgt erst dann, 112
Und das Verdienst, das durch die Gnade manUnd Willensgüt’ erwirbt, ist Maß dem Schauen. 115
Die andre Dreizahl, die in diesen AuenDes ew’gen Lenzes blüht, und welcher nie 118
Singt ewig in dreifacher MelodieHosiannasang in dreien sel’gen Schaaren, 121
Herrschaften sind’s, die erst sich offenbaren,Sodann die Kräfte sind im zweiten Kranz, 124
Die Fürstenthümer sieh zunächst im Tanz,Dann die Erzengel ihre Lieb’ erproben; 127
Die Ordnungen schau’n allesamt nach oben;[543]Nach unten wirken sie, was lebt mit sich 130
Und Dionysius rang so brünstiglich,Damit sein Blick die Ordnungen betrachte, 133
Wahr ist es, daß Gregorius anders dachte,[544]Doch er belächelte dann seinen Wahn, 136
Hat solch Geheimniß kund ein Mensch gethan,So staune nicht; von Ihm, der Alles schaute, 139
Der sonst auch viel vom Himmel ihm vertraute.“
Neunundzwanzigster Gesang.
9) Im Krystallhimmel, Schluß. – Fortsetzung und Ende der Belehrung: Engelschöpfung, Engelfall, gute Engel, Zahl der Engel. – Strafrede über falsche Philosophie, Verdrehung der heil. Schrift, unevangelische Predigt, Ablaß und Volksverdummung.
1
So lang, wenn beide Kinder der Latone[545]Bedeckt von Waag’ und Widder stehn, am Rand 4
Die Waage des Zenith in gleichen StandSie beide zeigt, bis dann vom Gleichgewichte, 7
So lang, des Lächelns Glut im Angesichte,Sah schweigend fest den Punkt Beatrix an, 10
„Ich red’ und frage nicht,“ so sprach sie dann,[546]„Da, was du hören willst, ich dort erkenne 13
Nicht daß Er – was nicht sein kann – selbst gewönne,[547]Nein, daß der Glanz von seiner Herrlichkeit 16
Hat Er, der Ew’ge, außerhalb der ZeitSowie des Raum’s, wie’s ihm gefiel, die Gluten Erschaffner Lieb’ an ewiger geweiht.[548] 19
Nicht müßig vorher seine Kräfte ruhten;Kein „Vorher“ gab’s, kein „Nachher“, er’ ergoß 22
Und Form und Stoff, rein und vermischt, entsproßDurch einen Act in’s Dasein und vollkommen, 25
Und wie im Wiederschein des Strahls, vom KommenZum vollen Sein, kein Zwischenraum zu sehn, 28
So ließ der Herr hervor drei Strahlen gehn,All’ im vollkommnen Glanz zugleich gesendet, 31
Der Wesen Ordnung ward zugleich vollendet,Und hoch am Gipfel wurden die gereiht, 34
Die Tiefe ward reiner Empfänglichkeit,Empfänglichkeit und Thatkraft ist mittinnen, 37
Zwar Hieronymus läßt vom BeginnenDer Engel bis zu dem der andern Welt 40
Doch läßt die Wahrheit, die ich dargestellt,Sich vielfach aus der heil’gen Schrift bewähren, 43
Auch die Vernunft kann dies beinah’ erklären;Nicht konnten ja so lang, so folgert sie, 46
Der Liebesschöpfung Wo und Wann und WieErkennst du nun, so, daß in dem Gehörten 49
Allein bevor man Zwanzig zählt, empörten[549]Die Engel sich zum Theil, so daß sie nun 52
Die Bleibenden begannen drauf das Thun,Das du hier wahrnimmst, also voll Entzücken, 55
Grund war des Falls, daß jener sich berückenVon frevlem Hochmuth ließ, der dir erschien, 58
Die du bei Gott hier siehest, sahn auf IhnBescheiden und mit Dank für seine Gaben, 61
Drum wurden sie zum Schauen so erhabenDurch Gnadenlicht und ihr Verdienst gestellt, 64
Und zweifelfrei besteh’s in eurer Welt:Verdienstlich ist’s, die Gnade zu empfangen, 67
Jetzt, wenn in’s Herz dir meine Lehren drangen,Errennst du ganz den englischen Verein, 70
Doch weil den Engeln Jene, die ihr SeinAuf Erden dort in Schulen euch erklären, 73
So zeig’ ich, um dich völlig zu belehren,Dir noch die Wahrheit rein und unbefleckt, 76
Die Wesen, die des Anschauns Lust geschmeckt,Verwenden nie den Blick vom ew’gen Schimmer 79
Drum unterbricht das Neu’ ihr Schauen nimmer,Drum brauchen sie auch die Erinn’rung nicht, 82
So träumt ihr unten wach beim Tageslicht;[550]Ihr glaubt und glaubt auch nicht, was ihr verbreitet,[551] Doch ärger kränkt dies Letzte Recht und Pflicht. 85
Der Eine Weg ist’s nicht, auf dem ihr schreitet[552]Bei eurem Forschen; drob ihr irre geht, 88
Doch, wenn die heil’gen Schriften man verschmäht,Dies hat den Himmel stets noch mehr verdrossen, 91
Nicht denkt man, wie viel theures Blut geflossen,Sie auszusä’n; nicht, wie Gott dem geneigt, 94
Zu glänzen strebt ein Jeder jetzt und zeigtSich in Erfindungen, die der verkehrte 97
Der sagt, daß rückwärts Luna’s Lauf sich kehrteBei Christi Leiden, und sich zwischenschob, 100
Der, daß von selbst das Licht erlosch und drob[553]Den Spanier, den Juden und den Inder 103
Lapi und Bindi hat Florenz weit minder,[554]Als Fabeln, die man von den Kanzeln schreit 106
So daß die Schäflein, blind zu ihrem Leid,Wind schlucken, wo sie sich zu weiden meinen, 109
Nicht sprach der Herr zur ersten der Gemeinen:[555]Geht hin, und thut der Erde Possen kund! – 112
Von ihr ertönt’ im Kampf des Jüngers Mund,Wenn er, die Welt zum Glauben hinzulenken, 115
Jetzt predigt man von Possen und von Schwänken,Und die Kapuze schwillt, wenn Alles lacht,[556] 118
Drin hat solch Vögelein sein Nest gemacht,[557]Daß, säh’ man’s, es den Werth dem Ablaß raubte, 121
Drob wuchs die Dummheit so in manchem Haupte,Daß, möcht’ ein Priesterwort das tollste sein, 124
Und damit mästet Sankt Anton das Schwein,[558]Und Andre, die noch ärger sind, denn Sauen, 127
Doch seitwärts führt’ ich dich von diesen Auen;Drum, daß zugleich sich kürze Zeit und Pfad,[560] 130
So sehr vervielfacht sind von Grad zu Grad[561]Der unzählbaren sel’gen Engel Schaaren, 133
Und Daniel will, dies kannst du wohl gewahren,Wenn er zehntausendmal zehntausend spricht, 136
Das ihnen Allen strahlt, das erste Licht,So vielfach wird’s von ihnen aufgenommen, 139
Drum, da vom Schau’n der Liebe Gluten kommen,Ist auch verschieden ihre Süßigkeit, 142
Sieh denn die Hoheit, die UnendlichkeitDer ew’gen Kraft, die, theilend ihren Schimmer, 145
Und Ein’ in sich bleibt ewiglich und immer.“
Dreißigster Gesang.
III. Abtheilung. 10) Das Empyreum, der eigentliche Himmel, Sitz der Seligen und Gottes selbst. – Die Engel der neunten Sphäre verschwinden. Höchster Glanz der Beatrix. Der kreisrunde Lichtstrom; die Himmelsrose; Heinrichs VII. Platz; Clemens’ V. Fall.[562]
1
Uns fern, etwa sechstausend Meilen, steiget[563]Der Mittag auf, indeß schon diese Welt 4
Wenn nach und nach sich uns der Ost erhellt;Dann wird der Glanz erst manchem Stern benommen, 7
Und wie Aurora mehr emporgeklommen,Verschließt der Himmel sich von Glanz zu Glanz, 10
So der Triumph, der ewiglich im Tanz[564]Den Punkt umkreist, der Alles hält umschlungen, 13
Er schwand allmälig, meinem Aug’ entschwungen,Drum kehrt’ ich zu der Herrin das Gesicht, 16
Wär’ Alles, was bis jetzo mein GedichtVon ihr gelobt, in ein Lob einzuschließen, 19
Denn Reize, wie sie hier sich sehen ließen,[567]Weit überschreiten sie der Menschen Art; 22
Ich bin besiegt von dem, was ich gewahrt,Mehr als ein Komiker von seinen Stoffen, 25
Gleichwie ein Blick, den Sonnenstrahlen offen,Vergeht vor ihren Blitzen, so geschieht 28
Vom ersten Tag, da mir der Herr beschied,[568]Ihr Angesicht zu schau’n in diesem Leben, 31
Doch jetzt muß ich des Wunsches mich begeben,– Kein Künstler je sein letztes Ziel errang! –[569] 34
Und so, wie ich sie lasse vollerm Klang,Als meiner Tuba, die ich also richte, 37
Sprach sie, mit Ton, Geberd’ und AngesichteEifrigen Führers froh zu mir: „Du bist[570] 40
Von geist’gem Licht, das nur ein Lieben ist,Ein Lieben jenes Guts, des ewig wahren, 43
Du siehst hier beide Himmelskrieger-Schaaren,[571]Und siehst die ein’ in jener Hülle heut’,[572] 46
Wie jäher Blitz des Auges Kraft zerstreut,[573]So, daß er jeden Gegenstand umdunkelt, 49
So ward ich von lebend’gem Licht umfunkelt,Deß Glanz mir that, wie uns ein Schleier thut, 52
„Die Lieb’, in welcher dieser Himmel ruht,Pflegt so in sich zum Heile zu empfangen, 55
Wie mir die kurzen Wort’ in’s Inn’re drangen,Da fühlt’ ich, daß sich Geist mir und Gemüth[574] Weit über die gewohnten Kräfte schwangen. 58
Und neue Sehkraft war in mir entglüht,So, daß mein Auge, stark und ohne Qualen, 61
Ich sah das Licht als einen Fluß von Strahlen[575]Glanzwogend zwischen zweien Ufern ziehn, 64
Und aus dem Strom lebend’ge Funken sprühn;Und in die Blumen senkten sich die Funken, 67
Dann tauchten sie, wie von den Düften trunken,Sich wieder in die Wunderfluten ein, 70
„Dein heißer Wunsch, in dem dich einzuweihn,Was deine Blicke hier auf sich gezogen, 73
Doch trinken mußt du erst aus diesen Wogen,Eh’ solch ein Durst in dir sich stillen kann.“ 76
„Der Fluß und diese Funken,“ sprach sie dann,„Und dieser Pflanzen heitre Pracht, sie zeigen 79
An sich ist ihnen zwar nichts Schweres eigen,Sie zu erkennen fehlt nur dir die Macht, 82
Kein Kind, das durstig langer Schlaf gemacht,Kann sein Gesicht zur Brust so eilig kehren, 85
Als, um der Augen Spiegel mehr zu klären,Ich mein Gesicht zu jenem Flusse bog, 88
Und wie der Rand der Augenlider sogVon seiner Flut, da war zum Kreis gewunden, 91
Dann, wie ein Mensch, der sich verlarvt befunden,Ein Andrer scheint, wenn abgethan das Kleid, 94
Verwandelten zu größrer HerrlichkeitSich Blumen mir und Funken und ich schaute 97
O Gottes Glanz, o du, durch den ich schauteDes ewig wahren Reichs Triumphespracht, 100
Licht ist dort, das den Schöpfer sichtbar macht,Damit er ganz sich dem Geschöpf verkläre, 103
Es dehnt weithin sich aus in Form der Sphäre,[577]Und schließt so viel in seinem Umkreis ein, 106
Und einem Strahl entquillt sein ganzer Schein,[578]Rückscheinend von des schnellsten Kreises Rande, 109
Und wie ein Hügel, an der Wogen Strande,[579]Sich spiegelt, wie um sich geschmückt zu sehn 112
Also sich spiegelnd, sah ich in den Höh’nIn tausend Stufen, die das Licht umringen, 115
Und kann der tiefste Grad solch Licht umschlingen,[580]Zu welcher Weite muß der letzte Kranz 118
Mein Aug’ ermaß die Weit’ und Höhe ganzUnd unverwirrt, und konnte sich erheben 121
Nicht Fern noch Nah kann nehmen dort noch geben,Denn da, wo Gott regiert, unmittelbar, 124
In’s Gelb der Rose, die sich immerdar[583]Ausdehnt, abstuft, und Duft des Preises sendet 127
Zog, wie wer schweigt, doch sich zum Sprechen wendet,Beatrix mich und sprach: „Sieh hier verschönt 130
Sieh, wie so weit hin unsre Stadt sich dehnt,Sieh so gefüllt die Bänk’ in unserm Saale, 133
Auf jenem großen Stuhl, wo du dem Strahle[585]Der Krone, die dort glänzt, dein Auge leihst, 136
Wird sitzen des erhabnen Heinrichs Geist,Des Cäsars, der Italien zu gestalten 139
Die blinde Gier ist’s, die mit ZauberwaltenEuch gleich dem Kind macht, das die Brust verschmäht, 142
Dem göttlichen Gerichtshof aber steht[586]
145
Doch stürzt des Himmels Rach’ ihn ohne SäumenVom heil’gen Stuhl zur qualenvollen Welt, 148
Drob tiefer noch der von Alagna fällt.“
Einunddreißigster Gesang.
Fortsetzung. Die zwei Höfe der Seligen in der Himmelsrose. Beatrix ist verschwunden und hat sich in die Rose gesetzt. Abschiedsworte (letzte Cardinalstelle). Der heil. Bernhard. Die Himmelskönigin.
1
So sah ich denn, geformt als weiße Rose,[587]Die heil’ge Kriegsschaar, die als Christi Braut 4
Allein die andre, welche, fliegend, schautUnd singt deß Ruhm, der sie in Lieb’ entzündet, 7
Sie senkt’, ein Bienenschwarm, der jetzt ergründetDer Blüthen Kelch, jetzt wieder dorthin eilt, 10
Sich in die Blum’, im reichen Kelch vertheilt,Und flog dann aufwärts aus dem schönen Zeichen, 13
Lebend’ger Flamm’ ihr Antlitz zu vergleichen,Die Flügel Gold, das Andre weiß und rein, 16
Und in die Rose zog von Reih’n zu Reih’nFrieden und Glut, von ihnen eingesogen 19
Und ob sie zwischen Blum’ und Höhe flogen,Doch ward durch die beschwingte Menge nicht 22
Denn so durchdringend ist das höchste Licht,Das seinen Schimmer nach Verdienste spendet, 25
Dies Freudenreich, gesichert und vollendet,Bevölkert von Bewohnern, neu und alt,[589] 28
O dreifach Licht, du, einem Stern entwallt,[590]Die dort dich schau’n, in sel’gem Frieden hegend, 31
Wenn die Barbaren, kommend aus der Gegend,[592]Die stets die Bärin deckt, in gleicher Bahn 34
Zu jenen Zeit, als noch der Lateran[593]Die Welt beherrscht’, von Staunen überwunden, 37
Wie ich, der ich, dem Menschlichen entwunden,Zum Höchsten kam, von Zeit zur Ewigkeit, 40
Wie mußt’ ich staunen solcher Herrlichkeit?Lust fühlt’ ich, nicht zu sprechen, nichts zu hören, Getheilt in Staunen und in Freudigkeit. 43
Gleichwie ein Pilgrim, der sein lang BegehrenIm Tempel des Gelübdes, schauend, letzt, 46
So war ich, zum lebend’gen Licht versetzt,Den Blick, lustwandelnd, durch die Stufen führend, 49
Gesichter sah ich hier, zur Liebe rührend,In fremdem Licht und eignem Lächeln schön,[595] 52
Im Allgemeinen konnt’ ich schon ersehn,[596]Wie sich des Paradieses Form gestalte, 55
Und da mir neuer Wunsch im Herzen wallte,So kehrt’ ich, um zu fragen, mich nach Ihr, 58
Sie fragt’ ich, und ein Andrer sprach zu mir.[597]Sie suchend, fand ich mich bei einem Greise, 61
Auf Aug’ und Wang’ ergoß sich gleicherweiseSo Güt’ als Freude – fromm war Art und Thun, 64
„„Und wo ist Sie?““ so sprach ich eilig nun.Drum Er: „Beatrix hat mich hergesendet 67
Du wirst, den Blick zum dritten Kreis gewendetDes höchsten Grads, sie auf dem Throne schau’n, Der ihren Lohn für ihr Verdienst vollendet.“ 70
Ohn’ Antwort hob ich rasch die Augenbrau’n –Sah Sie, – sah ew’ge Strahlen ihr entwallen 73
Vom Raum, aus dem die höchsten Donner hallen,War nimmer noch ein Menschenblick so weit 76
Als ich von meiner Herrin Herrlichkeit;Doch sah ich klar ihr Bildniß niederschweben 79
„O Herrliche, du, meiner Hoffnung Leben,Du, der’s zu meinem Heile nicht gegraut, 82
Dir dank’ ich Alles, was ich dort geschaut,Wohin du mich durch Macht und Güte brachtest, 85
Die du zum Freien mich, den Sclaven, machtest,Mir halfst auf jedem Weg, in jeder Art, 88
Hilf, daß, was du geschenkt, mein Herz bewahrt.[600]Daß dir sich einst die Seele dort geselle, 91
So betet’ ich – und Sie, von ferner Stelle,Sie lächelte, wie’s schien, und sah mich an, 94
„Damit du ganz vollendest deine Bahn,“Begann der Greis, „auf der dich fortzuleiten 97
Laß deinen Blick durch diesen Garten gleiten,Denn stärken wird dir dies des Auges Sinn 100
Und Sie, die mich entflammt, die KöniginDes Himmels, läßt uns ihre Gnade frommen, 103
Wie der, der von Croatien hergekommen,Um unser Schweißtuch zu betrachten, nicht[602] 106
Und, wenn man’s zeigt, zu sich im Innern spricht:Herr Jesus Christus, wahrer Gott, hienieden 109
So ich, als mir der Anblick ward beschiedenDer Liebe dessen, der in dieser Welt, 112
Er sprach: „Was Schönes dieses Reich enthält,Wird, Sohn der Gnade, sich dir nimmer zeigen, 115
Doch laß den Blick von Kreis zu Kreise steigen,Bis daß er sich zur Königin erhöht, 118
Aufschaut’ ich, und, wie, wenn die Früh ersteht,[604]Der Ost den Himmelstheil mit goldnen Strahlen 121
So, steigend mit dem Blick, wie wir aus ThalenDie Berg’ ersteigen, sah ich einen Ort 124
Und als ob früh der Ost, da, wo sofortDie Sonne steigen soll, sich mehr entflamme, 127
So sah ich jene Friedens-Oriflamme[605]Inmitten mehr erglühn, und bleicher ward 130
Ich sah viel tausend Engel, dort geschaart,Sie feiernd, mit verbreitetem Gefieder, 133
Und Schönheit lachte bei dem Klang der LiederUnd bei dem Spiel, und strahlt’ in Seligkeit 136
Und reichte meiner Sprache Kraft so weit,Als meine Phantasie, doch nie beschriebe 139
Bernhard, bemerkend, daß mit heil’gem TriebeAn seiner glüh’nden Glut mein Auge hing,[606] 142
Daß mein’s zum Schauen neue Glut empfing.Zweiunddreißigster Gesang.
Empyreum, Fortsetzung. – Bernhard erklärt die Rose im Einzelnen; ihre beiden Halbrunde; die Gesammtheit der Seligen. – Ueber die Erwählung der Kinder.
1
Indeß sein Blick nach seiner Wonne flammte,[607]That er mit heil’gem Wort mir dieses kund, 4
„Sieh zu Mariens Fuß, die euch gesundUnd heil gemacht, die erste dort der Frauen, 7
Im Range, den die dritten Sitze bauen,Wirst du sodann die Rahel unter ihr, 10
Sara, Rebecca, Judith zeigen dirSich mit deß Ahnfrau, der im Bußgesange 13
Absteigend stufenweis von Rang zu Range,Gereiht, wie Kunde dir mein Wort verlieh 16
Hebräerfrau’n, vom siebten Ring ab, wieBis hin zu ihm, ward dieser Sitz zu Theile, 19
Weil sie, je wie sie sich zu Christi Heile,Gläubig gewandt, so nun als Mauer stehn, 22
Hier, wo die Blume reich und voll und schönEntfaltet ist, hier sitzen die Verklärten, Die gläubig auf den künft’gen Christ gesehn. 25
Dort, wo noch leere Lücken für GefährtenIm Halbkreis sind, dort sitzen die gereiht, 28
Wie hier der Fürstin Stuhl in HerrlichkeitUnd unter ihr die Andern zu gewahren, 31
So jenseits der des Täufers, der erfahren,Der immer Heil’ge, Wüst’ und Märtyrpein[608] 34
Franz, Benedict und Augustin – sie reihnSich unter ihm, die Scheidewand zu bauen, 37
Hier magst du Gottes hohe Vorsicht schauen,Denn Glaube, welcher vor- und rückwärts eilt, 40
Und von der Stuf’ abwärts, die mitten theiltDie Scheidewände, sitzt die Schaar der Seelen, 43
Nein, fremdes – nur darf der Beding nicht fehlen –Denn hier sind Alle, die dem Leib entflohn, 46
Dies merkst du an den Angesichtern schonUnd an den Stimmen, die noch kindlich klingen, 49
Nun seh’ ich schweigend dich mit Zweifeln ringen,[610]Doch lösen werd’ ich dir das feste Band, 52
Aus unsers ew’gen Königs weitem LandIst auch des kleinsten Zufalls blindes Walten, 55
Nach ewigem Gesetz muß sich gestaltenWas du hier siehst, und muß sich, wie der Ring 58
Daher auch, wer dem Truge früh entging,Und zu der Wahrheit kam, nicht ohne Gründe 61
Der Fürst, durch den dies Reich, entrückt der Sünde,In solcher Lieb’ und solcher Wonne ruht, 64
Vertheilt den Seelen, seiner heitern Glut[611]Entstammt, nach eigner Willkür seine Gaben:[612] 67
Und hiervon legt in jenen Zwillingsknaben[613]Die heil’ge Schrift ein deutlich Beispiel dar, 70
Und gleichwie färbt der Gnade Schein ihr Haar,Gleich also scheint das höchste Licht in ihnen, 73
Verschieden, nicht nach dem, was sie verdienen,Sind sie von Grad zu Grade hier gestellt, 76
So g’nügt’ es in der Jugendzeit der WeltUnschuld’gen, um zum Heile zu gelangen, 79
Dann mußte, wie die erste Zeit vergangen,Was männlich war, zuvor zur Seligkeit 82
Doch blieb, als kommen war der Gnade Zeit,Unschuld ohn’ die vollkommne Taufe Christi 85
Jetzt schau’ ins Antlitz, das dem Antlitz Christi[615]Am meisten gleicht, und deine Kraft erhöhn 88
Wonn’ strahlt aus dem Gesicht, so klar und schön,[616]Die Christus Ihr durch jene Heil’gen schickte, 91
Daß nichts, was ich noch je zuvor erblickte,Mich also mit Bewunderung durchdrang, 94
Die Liebe, die zuerst sich niederschwang,[618]Verbreitete vor Ihr jetzt das Gefieder, 97
Und alsogleich antworteten die LiederDer sel’gen Geister diesem Himmelslied, 100
„O Heil’ger, du, den Lieb’ herniederzieht,Der du für mich dem süßen Ort entronnen, 103
Wer ist der Engel, der mit solchen WonnenIm Blick Maria’s mit dem seinen ruht, 106
So wandt’ ich mich zu Ihm mit heiterm Muth,Und sah ihn in Maria’s Glanz entbrennen, 109
Und Er: „Was Seel’ und Engel haben können[619]Von Kühnheit und von Schönheit, er bekam 112
Weil Er zu Ihr einst mit der Palme kam,Als Gottes Sohn die Lasten, die euch drücken, 115
Doch folge meinem Wort mit deinen Blicken,Und von dem frommen und gerechten Reich 118
Die Zwei dort, an der höchsten Wonne reich,Weil sie die Nächsten sind der Benedeiten, 121
Der Vater sitzt zu ihrer linken Seiten,Deß kühner Gaum der Menschheit fort und fort 124
Sieh rechts der heil’gen Kirche Vater dort,Dem dieser Blume Schlüssel übergeben 127
Und jener, welcher noch im Erdenleben[620]Das Mißgeschick der schönen Braut erblickt, 130
Neben dem Andern sitzt, in Ruh’ beglückt,Des Volkes Führer, das der Herr mit Manna 133
Dort sitzt, dem Petrus gegenüber, Anna,Und blickt die Tochter so zufrieden an, 136
Und gegenüber sitzt dem ersten AhnLucia, die die Herrin dir gesendet, 139
Doch bald ist nun dein hoher Traum beendet,[621]Drum thun wir, wie der gute Schneider thut, 142
Die Augen richten wir auf’s höchste Gut,Und dringen so, indem wir nach ihm sehen, 145
Doch wahrlich, soll’s mit dir nicht rückwärts gehen,Ob vorwärts sich dein kühner Flügel schwingt, 148
Gnade von Jener, die dir Hülfe bringt;Und folgen wirst du mir, wenn deine Liebe 151
Und also betet’ Er mit brünst’gem Triebe:[622]Dreiunddreißigster Gesang.
Schluß. – Bernhard’s Gebet. Maria. Dante schaut die heil. Dreieinigkeit.
1
„O Jungfrau Mutter, Tochter deines Sohns,Demüth’ger, höher, als was je gewesen, 4
Geadelt hast du so des Menschen Wesen,Daß, der’s erschaffen hat, das höchste Gut, 7
In deinem Leib entglomm der Liebe Glut,An der die Blume hier zu ew’gen Wonnen 10
Die Lieb’ entflammst du, gleich der Mittagssonnen,In diesem Reich; dort, in der Sterblichkeit, 13
Du giltst so viel, ragst so in Herrlichkeit,Daß Gnade suchen und zu dir nicht flehen, 16
Du pflegst dem Armen nicht nur beizustehen,Der zu dir fleht, nein, öfters pflegt von dir 19
Erbarmen ist, und Mitleid ist in dir,In dir großmüth’ges Wesen – ja, verbunden, 22
Er, der vom tiefsten Schlund sich eingefundenDes Weltalls hat, der Geister Art und Sein 25
Er fleht zu dir, ihm Kräfte zu verleihn,[625]Daß er die Augen höher heben könne, 28
Und ich, der ich so für sein Schauen brenne,Daß ich dem eig’nen nie mehr Glut geweiht, 31
Jedwede Wolke seiner SterblichkeitSei weggebannt durch dein Gebet! Entfalten 34
Noch bitt’ ich, Königin, dich, die du waltenKannst, wie du willst, in ihm und solchem Sehn 37
Laß ihn der ird’schen Regung widerstehn;[626]Sieh Beatricen, sieh so viel Verklärte 40
Die Augen, die Gott lieb und werth hält, kehrteSie fest dem Redner zu und zeigt’ daran, 43
Zum ew’gen Lichte wandten sie sich dann, |
