Göttliche Komödie (Streckfuß 1876)/Purgatorio
|
[200]
Das Fegefeuer.
[Abfassungszeit: ca. 1308–1316 od. 1318.]
_____
Erster Gesang.[1]
Eingang. Cato von Thorn. Waschung und Gürtung. Einlaß.
1
Zur Fahrt durch bessre Fluren aufgezogenHat seine Segel meines Geistes Kahn, 4
Zum zweiten Reiche geht des Sanges Bahn,Wohin zur Reinigung die Geister schweben; [201]
7
Doch hier mag sich die todte Dichtung heben,O heil’ge Musen, da ich euer bin! 10
Sie folge mir mit jenem Ton dahin,Deß Streich, die armen Elstern einst erschreckend,[2] 13
Des Saphirs holde Farbe, ganz bedeckendDes reinen Aethers heiteres Gebäu, [202]
16
Erschuf vor mir der Augen Wonne neu,Sobald ich jetzt der todten Luft entklommen, 19
Der schöne Stern, der Lieb’ erregt, entglommen[4]Im Osten, hatt’ in Lächeln ihn verklärt, 22
Dann rechts, des Süden’s Pole zugekehrt,[5]Erblickt’ ich eines Viergestirnes Schimmer, 25
Der Himmel schien entzückt durch sein Geflimmer.O du verwaistes Land, du öder Nord, 28
Als ich darauf vom Viergestirne fort[6]Ein wenig hin zum andern Pole sahe, [203]
– Der Wagen war bereits verschwunden dort – 31
Erblickt’ ich einen Greis, allein, mir nahe,Der Ehrfurcht also werth an Mien’ und Art, 34
Lang war, mit weißem Haar vermischt, sein Bart,Und gleich dem Haar des Haupts, das, niedersinkend 37
Sein Angesicht, die heil’gen Strahlen trinkendDes Viergestirnes, war so schön und klar, 40
„Wer seid ihr, die ihr fortflieht, wunderbar,Aus ew’ger Haft, dem blinden Strom entgegen?“[7] 43
„Wer leitet’ euch? Wer leuchtet’ euren Wegen,Daß ihr entstiegt den Schatten tiefer Nacht, 46
Verlor des Abgrunds Satzung ihre Macht?[9]Hat neuer Rathschluß durch der Hölle Pforte 49
Hier fühlt’ ich mich erfaßt von meinem Horte,Ehrfürchig beugen hieß er Aug’ und Knie 52
Und sprach: „Nicht durch mich selber bin ich hie;[10]Ein Weib kam bittend aus den höchsten Sphären, 55
Doch da’s dein Will’ ist, daß ich dich belehrenVon unserm wahren Zustand soll, wie mag 58
Nicht sahe dieser noch den letzten Tag,Doch war er nah’ ihm, so vom Wahn verblendet, [204]
61
Um ihn zu retten, ward ich abgesendet,Und hierzu fand ich diesen Weg nur gut, 64
Ich zeigt’ ihm schon der Sünder ganze Brut,Nun aber ist er die zu sehn bereitet, 67
Lang wär’s zu sagen, wie ich ihn begleitet,Kraft kam von oben, helfend, daß ich ihn, 70
Laß dir’s gefallen, daß er hier erschien.Er sucht Freiheit – wie der sie werth zu halten, 73
Du weißt’s; du ließest gern, sie zu erhalten,In Utica die Hülle blutbenetzt, 76
Nicht ward der ew’ge Schluß von uns verletzt.[11]Er lebt und mich hält Minos nicht gefangen. 79
Noch keuschen Aug’s, dir ausspricht das Verlangen,O heil’g Herz, als dein sie anzusehn. 82
Laß uns durch deine sieben Reiche gehn,Dann grüß’ ich sie von dir in jenen Hallen, 85
„Gefiel auch,“ sprach er, „Marcia mir vor Allen,Da ich gelebt, so daß ich ihr erwies, 88
Doch jetzt nicht mehr bewegen darf mich dies,[13][205]
Da sie dort wohnt jenseits der nächt’gen Wogen,[14] 91
Doch hat ein Himmelsweib dich hergezogen,Wie du gesagt, was braucht’s da Schmeichelei’n? 94
Drum geh, zum weitern Weg ihn einzuweihn.[15]Ihn muß ein Gurt von glatter Bins’ umschnüren, 97
Das Aug’ umnebelt, will sich’s nicht gebühren,Zum ersten Diener, der vom sel’gen Land[16] 100
Rings trägt der kleinen Insel tiefster Strand,Wo Wog’ und Woge sich im Wechsel jagen, 103
Andre Gewächse, welche Blätter tragenUnd hartes Holz sind, kommen da nicht auf, 106
Dann kehrt hierher zurück nicht euren Lauf;Die Sonne zeigt – seht, dort ersteht sie eben! – 109
Hier sah ich ihn vor meinem Blick verschweben;Stumm stand ich auf und sah auf meinen Hort, 112
Er sprach: „Sohn, folge mir jetzt rückwärts. Dort[17][206]
Neigt mehr und mehr die Ebene sich immer 115
Schon trieb das Morgenroth mit lichtem Schimmer[18]Die Frühe vor sich her, und vom Gestad 118
Nun gingen wir dahin auf ödem Pfad,Wie wer, verirrt, zum rechten Wege schreitend, 121
Wir sahn den Thau bald, mit der Sonne streitend,[19]Doch, weil er dort an schatt’ger Stelle war, 124
Worauf mein Führer, seiner Hände PaarAusbreitend, sanft die frischen Gräser deckte, 127
Ihm die bethränte Wang’ entgegenstreckte.Rein wusch er mir die Farbe der Natur, 130
Nun gingen wir dahin auf öder FlurAm Strande fort, der nie ein Schiff erblickte, 133
Dort, so wie der geboten, der uns schickte,Umgürtet’ er mit schwanken Binsen mich, 136
Erhob sie neu aus ihrer Wurzel sich._______________
Zweiter Gesang.
I. Abtheilung. Vorfegefeuer. Die Ueberfahrenden. Casella.
1
Sol war zum Horizont herabgestiegen,[20]Deß Mittagskreis, wo er am höchsten steht, 4
Nacht, welche sich ihm gegenüber dreht,War mit der Waag’ am Ganges vorgegangen, 7
Drum hatten Eos weiß’ und rothe WangenDort, wo ich war, weil ihre Jugend schwand, 10
Wir waren noch am niedern Meeresstrand,Und gingen, ob des fernen Wegs in Sorgen, 13
Und wie in trüber Röthe, wenn der MorgenSich nähert, Mars, im Westen, nah dem Meer [208]
16
So sah ich jetzt ein Licht – o säh’ ich’s mehr! –[21]Und eilig, wie kein Vogel je geflogen, 19
Als ich von ihm die Augen abgezogenEin wenig hatt’ und zu dem Führer sprach, 22
Dann auf des Lichtes beiden Seiten brach[22]Ein weißer Glanz hervor, und bald erkannte, 25
Mein Meister, der nach ihm sich schweigend wandte,Indem der Flügel erstes Weiß erschien, 28
„O eile jetzt, o eile, hinzuknie’n!Sieh, Gottes Engel! Falte deine Hände! 31
Sieh, er verschmäht, was Menschenwitz erfände.Nicht Segel, Ruder nicht – sein Flügelpaar 34
Sieh, wie’s gen Himmel strebt so schön und klar!Die Luft bewegt das ewige Gefieder, 37
Und wieder naht er sich indeß und wiederIn hellerm Glanz, daß näher solchen Schein 40
Und leicht und schnell sah ich durch ihn alleinDas Schiff des Eilands niedern Strand gewinnen, 43
Voll Seligkeit stand er vor meinen Sinnen,Am Hintertheil des Schiff’s, der Steuermann, 46
„Als aus Aegypten Israel entrann,“[24][209]
Die Schaar, gewiß, das Ufer zu erreichen, 49
Er macht’ auf sie des heil’gen Kreuzes Zeichen,[25]Drauf warf sich jeder hin am Meeresbord, 52
Fremd schienen Alle, welche blieben, dort,Und um sich blickend sah ich sie verweilen, 55
Von allen Seiten schoß mit FeuerpfeilenDen Tag die Sonne, die vom Meridian[26] 58
Da hoben, die wir eben kommen sahn,Nach uns die Stirn empor mit diesem Worte: 61
Erwidert ward darauf von meinem Horte:„Wißt, wenn ihr wähnt, wir wüßten hier Bescheid, 64
Denn kurz vorher, eh’ ihr gekommen seid,Sind auf so rauhem Weg wir angekommen, 67
Wie Jene nun am Athmen wahrgenommen,Daß ich noch lebe, schienen sie bewegt, 70
Und wie dem Boten, der den Oelzweig trägt,[28][210]
Die Menge folgt, vor Neubegier sich pressend, 73
So drängten jetzt, mich mit den Augen messendZu mir die hochbeglückten Seelen sich, 76
Hervor trat Eine jetzt, so inniglichMich zu umarmen, mit so holden Mienen, 79
O leere Schatten, die Gestalt nur schienen![29]Dreimal hatt’ ich die Hände hinter ihr, 82
Das Antlitz, glaub’ ich, malt’ Erstaunen mir,Und Jenen sah’ ich lächelnd rückwärts schweben, 85
Und lieblich hört’ ich ihn die Stimm’ erheben:„Verweile!“ da erkannt’ ich ihn und bat 88
„Dich lieb’ ich,“ sprach er, als ich ihm genaht,„Wie einst im Leib, so jetzt der Haft entbunden, 91
„„O mein Casella, hier nur eingefundenHab’ ich mich, um zur Welt zurückzugehn. [211]
94
Und Er: „Drob ist kein Unrecht mir geschehn,Mußt’ Er auch öfters mich zurückeweisen, 97
Denn sein Will’ ist nur der des Ewig-Weisen;Und seit drei Monden hat er gern gewährt, 100
Auch mich, der ich mich zu dem Strand gekehrt,Wo salzig wird der Tiber süße Welle, 103
Jetzt schwebt er wieder hin zu jener Stelle,[31]Wo er vereint mit freudigem Empfang 106
Und ich: „„Hat dir nicht jenen Liebes-Sang,Den du geübt, ein neu Gesetz entrissen, 109
So laß mich jetzt nicht seinen Trost vermissen,Denn meine Seele, die der Leib umflicht, 112
„Die Liebe, die zu mir im Herzen spricht –“[32]Begann er jetzt, und ach, die süße Weise 115
Mein Herr und ich, wir standen still im Kreise[33]Der Andern dort, und Alle so beglückt, 118
Nur seinen Tönen horchend, hochentzückt.Da sieh bei uns den ehrenhaften Alten:[34] 121
Nachlässige, so lang’ euch aufzuhalten![212]
Zum Berg hin, wo man frei der Hüllen wird, 124
Wie wenn, von Weizen oder Lolch gekirrt,[35]Die Tauben still im Stoppelfelde schmausen, 127
Dann aber, wenn erscheint, wovor sie grausen,Sie alle jäh, mit größrer Sorg’ im Sinn, 130
So lief die Schaar der Seelen jetzt dahin,Vom Sange fort, zum Berge sonder Weile, 133
Wir aber folgten mit nicht mindrer Eile._______________
Dritter Gesang.
I. Abtheilung. Vorfegefeuer. Fortsetzung. Die Säumigen. a) Im Kirchenbann Gestorbene. Manfred.
1
Trieb jähe Flucht auch Alles, was vereinigtBeim Sänger war, zerstreut jetzt durch den Plan 4
Doch drängt’ ich’ mich dem treuen Führer an.Wie konnt’ ich ihn auch bei der Reise missen? 7
Er schien gepeinigt von Gewissensbissen.[37]O würdig reine Seele, wie empört, [213]
10
Als seines Laufes Eil’ nun aufgehört,Bei welcher Würd’ und Anstand nimmer waltet, 13
Zum Streben neu erweitert und entfaltet,Und, das Gesicht dem Berge zugewandt, 16
Der Sonne Licht, das hinter mir im Brand,Durch meines Körpers Umriß und Geberde 19
Und bang, daß ich allein gelassen werde,[38]Kehrt’ ich mich schleunig seitwärts, da ich sah, 22
„Was argwöhnst du?“ begann mein Tröster da,Zu mir gewandt, errathend, was ich dachte, 25
Dort liegt der Leib, in dem ich Schatten machte,[39]An Napels Strand, den jetzt schon Nacht umflicht, 28
Beschatt’ ich jetzt vor mir die Erde nicht,So staune nicht darum – hemmt doch der Schimmer[40] 31
Dergleichen Körper schafft der Herr noch immer,Und sie empfinden Hitz’ und Frost und Pein; 34
Thor, wer da hofft, er dring’ in Alles einMit der Vernunft, selbst in endlose Sphären, [214]
37
Strebt, Menschen, doch das Wie nicht aufzuklären;Denn wär’s gestattet, Alles zu erschau’n, 40
Wohl Mancher durft’ auf seinen Geist vertrau’n,Dem doch die Sehnsucht, Alles zu erkunden, 43
Du weißt, wo wir den Plato aufgefundenUnd Manchen sonst.“ – Er schwieg, die Stirn geneigt,[42] 46
Wir kamen hin, von wo man aufwärts steigt.Dort oben ist der Fels so steil gelegen, 49
Der rauhste von den öden Felsenwegen[43]Inmitten Lerci und Turbia schmiegt 52
„Wer weiß, zu welcher Hand der Hang sich biegt,“Der Meister sprach’s, und hielt jetzt ein im Schreiten, 55
Er ließ indeß den Blick zum Boden gleiten,Und nahm im Geist des Pfades Prüfung wahr. 58
Und da erschien mir linksher eine Schaar,Die schien so langsam zu uns her zu schweben, 61
„„Laß,““ sprach ich, „„Meister, deinen Blick sich heben,Die Rath ertheilen können, nahen schon, [215]
64
Frei schaut’ er auf, und alle Sorgen flohn.„Nur langsam,“ sprach er, „geht ihr Gang von statten, 67
Wir waren noch entfernt von jenen Schatten,Und ihnen etwa steinwurfweit genaht, 70
Da drängten Alle sich an’s Felsgestad’Und standen still und dicht, uns zugewendet, 73
„O Auserwählte, die ihr wohl geendet,“[44]Begann Virgil, „wie einst euch Friede letzt, 76
So zeigt uns des Gebirges Abhang jetztUnd laßt uns einen Weg nach oben sehen, 79
Gleichwie die Schäflein aus dem Stalle gehen,[45]Eins, zwei und drei, indessen noch verzagt 82
Bis was das erste that, nun jedes wagt,Wenn jenes harrt, geduldig die Beschwerde 85
So sah ich jetzt von der beglückten HeerdeDie Vordern sich bewegen und uns nahn, 88
Wie sie das Licht zur Rechten meiner Bahn[46]Getheilt, und, als des Erdenleibes Zeichen, 91
Sah ich sie stehn und etwas rückwärts weichen.Die Andern wußten zwar nicht, was geschehn, [216]
Doch Alle thaten sie sofort desgleichen. 94
„Ohn’ eure Frage will ich euch gestehn,Noch einem Menschen ist der Körper eigen, 97
Doch laßt Verwunderung und Staunen schweigen;Nicht ohne Kraft, die Gott nur geben kann, 100
Mein Hort sprach’s, und die würd’ge Schaar begann,Uns mit der Hände Rücken Zeichen gebend:[47] 103
Und einer drauf, zu mir die Stimm’ erhebend:„Wer du auch seist, blick’ um, mich anzuschau’n, 106
Ich wandt’ auf ihn die Augen voll Vertrau’n[WS 2].Blond war er, schön, von würdigen Geberden,[48] [217]
Doch war gespalten eine seiner Brau’n. 109
Demüthig sagt’ ich, daß ich ihn auf ErdenNiemals gesehn; da aber hieß er mich 112
Und lächelnd sprach er dann: Manfred bin ich!Wenn dich zur Welt zurück die Schritte tragen, 115
Die unter’m Herzen jenes Paar getragen,Das Arragonien und Sicilien ehrt, 118
Als zweimal mich durchbohrt des Feindes Schwert,Da übergab ich weinend meine Seele 121
O groß und schrecklich waren meine Fehle,Doch groß ist Gottes Gnadenarm, und faßt, 124
Und wenn Cosenza’s Hirt, der sonder Rast,Wie Clemens wollte, mich gejagt, dies eine 127
So lägen dort noch meines Leib’s GebeineAm Brückenkopf bei Benevent, vom Maal 130
Nun netzt’s der Regen, dorrt’s der Sonnenstrahl,Dort, wo er’s hinwarf, mit verlöschten Lichten, 133
Doch kann ihr Fluch die Seele nicht vernichten,Aus welcher nicht die frohe Hoffnung weicht, [218]
An ew’ger Liebe neu sich aufzurichten. 136
Wahr ist’s, daß, wer im Kirchenbann erbleicht,Wär’ auch zuletzt in ihm die Reu’ entglommen, 139
Bis dreißigmal die Zeit, seit ihm genommenDer Kirche Segen ward, verflossen ist, 142
Sieh, ob du mir zum Heil gekommen bist,Wenn du Constanzen, wie du mich gesehen, 145
Denn viel gewinnt man hier durch euer Flehen.“_______________
Vierter Gesang.
I. Vorfegefeuer. Fortsetzung. Säumige b), welche ihre Buße bis zum Sterbelager aufschoben. Belacqua.
1
Wenn etwas, was uns wohlthut oder kränkt,[49]Uns eine Seelenkraft in Aufruhr brachte, 4
Dann scheint’s, als ob sie keiner andern achte;Und dies beweist genugsam gegen den, 7
Indem wir etwas hören oder sehn,Was stark uns anzieht, ist die Zeit verschwunden, 10
Denn anders ist die Kraft, womit empfundenWird, anders unsrer Seele ganze Kraft; 13
Davon erhielt ich jetzo Wissenschaft.[219]
Indessen ich gehorcht und stillgeschwiegen, 16
War funfzig Grad die Sonn’ emporgestiegen,[50]Eh’ ich’s bemerkt – da ward ein Ruf mir kund 19
Die Oeffnung, die mit einem Dorngebund,[51]Wenn sich die Traube bräunt, die Winzer schließen, 22
Durch welchen uns die Seelen klimmen hießen.Er vor, ich folgend, stiegen wir allein 25
Empor zu Bismantova und bergein[52]Bei Noli kann man auf den Füßen dringen, 28
Ich meine, mit der großen Sehnsucht Schwingen,Die mich dem Führer nachzog mit Gewalt, 31
Wir stiegen innerhalb dem Felsenspalt,Von ihm bedrängt, und fanden kaum mit Händen 34
Nachdem wir aus den rauhen schroffen WändenEmporgelangt zum offenen Gestad, 37
Und Er: „Mir nach, zur Höhe geht dein Pfad!Rückwärts darf keiner deiner Schritte weichen, 40
Den Gipfel konnte kaum der Blick erreichen;Die Seite ging, stolz, senkrecht fast, hinan, [220]
43
Ich war bereits ermattet und begann:„„O süßer Vater, ich erlieg’ der Reise! 46
„Bis dorthin schleppe dich!“ So sprach der Weise,Und zeigt auf einen Vorsprung nahe dort,[54] 49
Mir war ein Sporn des edlen Meisters Wort,Mit aller Kraft die Reise fortzusetzen; 52
Und dort verweilten wir, um uns zu setzen,Ostwärts, nach dem erklommnen Pfad gewandt, 55
Die Augen kehrt’ ich erst zum tiefen Strand;[55]Dann, als ich sie zur Sonn’ emporgeschlagen, 58
Da sah Virgil, daß ich des Lichtes WagenAnstaunte, weil er zwischen Mitternacht 61
Und sprach: „Wenn jenem Spiegel ew’ger MachtCastor und Pollux jetzt Begleiter wären, [221]
Ihm, welcher auf- und abführt Licht und Pracht, 64
So würd’ er, kreisend näher bei den Bären,Wenn er vom alten Weg nicht abgeirrt, 67
Bedenke nur, wenn dich dies Wort verwirrt,Daß dieser Berg mit Zions heil’gen Höhen 70
Doch Beid’ auf andern Hemisphären stehen;Die Bahn, die Phaëton, der Thor, durchreist, 73
Indeß sie dorten sich zur rechten weist –So hoff’ ich denn, daß du zur klaren Kenntniß, 76
„„Gewiß, mir ward so klar noch kein Verständniß,Als hier““ begann ich, „„wo mir dein Beweis 79
Der ewigen Bewegung mittler Kreis,Den man Aequator in der Kunst benannte, 82
Zeigt, wie ich wohl aus deiner Red’ erkannte,Sich nordwärts hier, wie ihn die Juden sahn, 85
Doch sprich, wie weit hinauf geht unsre Bahn?[56]Denn sieh, so hoch, wie kaum die Augen kommen, 88
Und Er: „Wer ihn zu steigen unternommen,Trifft große Schwierigkeit an seinem Fuß, [222]
Die kleiner wird, je mehr man aufgeklommen. 91
Drum, wird dir erst die Mühe zum Genuß,Erscheint dir’s dann so leicht empor zu steigen, 94
Dann wird sich bald das Ziel des Weges zeigen,Dann wirst du sanft von deinen Mühen ruhn. 97
Er sprach’s und eine Stimm’ ertönte nunGanz nah’ bei uns: „Eh’ ihr so weit gegangen 100
Wir sahn dorthin, woher die Wort’ erklangen,Und linkshin lag ein Felsenblock uns nah, 103
Hin schritten wir und fanden Leute daVerdeckt vom Felsen und in seinem Schatten, 106
Und Einer, wie im gänzlichen Ermatten,[57]Saß dorten und umarmte seine Knie, 109
„„Der ist gewiß der Faulheit Bruder! sieh,““Begann ich, „„sieh nur hin, mein süßer Leiter, 112
Da kehrt’ er sich zu mir und dem Begleiter,Hob, doch nur bis zum Schenkel, das Gesicht, 115
Und da erkannt’ ich ihn und säumte nicht,Noch athemlos vom Klettern, vorzustreben 118
Schon bei ihm stand, das Haupt kaum merkbar heben.„Zur Linken fährt der Sonnenwagen fort,“ [223]
121
Ich mußte lächeln bei dem kurzen WortUnd bei den faulen langsamen Geberden; 124
Bezeugt mir deutlich, du wirst selig werden.Doch sprich: harrst du des Führers sitzend hier? 127
Und Er: „Was, Bruder, hilft das Steigen hier?Ich würde doch zur Qual nicht kommen sollen, 130
Hier außen muß um mich der Himmel rollen,[58]So oft als er im Leben that, da spät 133
Wenn mir nicht früher beispringt das Gebet,Das sich aus gläub’ger Brust emporgerungen. 136
Schon war vor mir Virgil hinaufgedrungen,Und rief: „Jetzt komm, schon hat in lichter Pracht 139
Und Mauritanien deckt der Fuß der Nacht.“[59]_______________
Fünfter Gesang.
I. Vorfegefeuer. Fortsetzung. Säumige. c), welche die Buße bis zu einem plötzlichen Tode aufsparten. (Ermordete, die noch im letzten Moment Gottes Gnade suchten, aber die Absolution nicht mehr empfingen.) Cassero. Buonconte.
1
Schon hatt’ ich, auf der Spur des Führers steigend,Mich ganz von jenen Seelen abgewandt, 4
Mir nachrief: „Seht den Untern linker HandDie Sonne theilen und den Grund beschatten,[60] [224]
Und thun, als lebt er noch in jenem Land.“ 7
Sobald mein Ohr erreicht die Töne hatten,Kehrt’ ich mich ihnen zu, und Jene sahn 10
Da sprach Virgil: „Was zieht dich also an,[61]Daß du den Gang zum Gipfel aufgeschoben? 13
Was man auch spreche, folge mir nach oben!Steh’ wie ein fester Thurm, des stolzes Haupt 16
Das Ziel entweicht, dem man sich nah’ geglaubt,Wenn sich Gedanken und Gedanken jagen 19
„„Ich komme schon!““ was konnt’ ich anders sagen,Da mich mein Fehler zum Erröthen zwang, 22
Indessen sahn wir quer am BergeshangNah’ vor uns eine Schaar von Seelen kommen, 25
Wie sie an meinem Leib nun wahrgenommen,Daß er den Strahlen undurchdringlich sei, 28
Und, gleich Gesandten, kamen ihrer Zwei,Uns beide zu befragen, wer wir wären, 31
Da rief Virgil: „Ihr könnt zurückekehren,Sein Leib ist wirklich ganz von Fleisch und Bein, 34
Und wenn sie, wie ich glaube, dort alleinUm seinen Schatten anzuseh’n, verweilen, [225]
So wissen sie genug, um froh zu sein.“[62] 37
Und schnell hingleitend, wie, gleich Feuer-Pfeilen,[63]Entflammte Dünste, wenn die Nacht beginnt, 40
So kehrten sie empor, um dann geschwindSich mit den Andern nach uns umzudrehen, 43
„Sieh, dichtgedränget jetzt, dich anzuflehenGar Viele kommen, sprach mein Meister drauf, 46
„O du, der du zum Heil den Berg herauf[64]Die Glieder trägst, die immer dich umfingen,“ 49
Sieh, um zur Welt von uns Bericht zu bringen,Uns an – erkennst du Antlitz und Gestalt? 52
Getödtet sind wir alle durch Gewalt;Der Sünd’ uns bis zur letzten Stunde weihend, 55
Verstarben wir, bereuend und verzeihend,Und fühlten Gottes Frieden und das Licht, 58
Und ich: „„Zwar kenn’ ich Keinen von Gesicht,Doch fordert nur, ihr, die zum Heil geboren, 61
Bei jenem Frieden sei es euch beschworen,Den ich, fortklimmend auf des Führers Spur, 64
Darauf begann der Eine: „Hindert nurNicht Ohnmacht deinen Willen, so vertrauen [226]
67
Und solltest du, ein Lebender, die AuenDer Mark Ankona jemals wiedersehn,[66] 70
Laß die von Fano gläubig für mich flehn,Daß mir gestatten himmlische Gewalten, 73
Von dort war ich – allein die tiefen Spalten,Woraus das Blut, in dem ich lebte, floß, 76
Deß Schooß mich, den Vertrauenden, umschloß.Zum Mord hatt’ Este den Befehl gegeben, 79
Den Mordstahl sah ich bei Oriac sich heben,[67]Doch wenn ich Mira mir zur Flucht erkor,[68] 82
Ich lief zum Sumpf und dort in Schlamm und RohrVerstrickt’ ich mich und fiel und sah die Erde 85
Ein Andrer: „Wie dein Wunsch befriedigt werde,Deß Fittig hin zum Bergesgipfel fleugt, 88
In Montefeltro hat mich Guid’ erzeugt;Ach wenn Johannen noch mein Schicksal rührte, 91
„„Welche Gewaltthat, welch’ Verhängniß führte,““So sprach ich, „„dich so weit vom Campaldin, [227]
Daß Niemand noch bis jetzt dein Grab erspürte?““ 94
„O,“ sprach er drauf, „am Fuß des CasentinStrömt vor der Archian, ein Fluß, entsprungen[69] 97
Bis dorthin, wo sein Namenslaut verklungen,Floh ich, durchbohrt den Hals, zu Fuße fort; 100
Verlor ich dorten Augenlicht und Wort,Um mit Maria’s Namen wohl zu enden, 103
Da fühlt’ ich mich in eines Engels Händen,[70]Doch schreiend fuhr ein Teufel auch herzu: 106
Wahr ist’s, was ewig ist, erbeutest duNur durch ein Thränlein, das ihn mir entzogen;[71] 109
Du weißt, wenn feuchten Dunst emporgesogen[72]Die Sonne hat, so stürzt er, wenn ihn dann 112
Zum Willen nun, der stets nur Böses sann,[73]Fügt’ er Verstand, und Rauch und Sturm erregte 115
Als drauf der Tag erloschen war, belegteEr Pratomagno’s Thal mit schwarzem Duft, 118
Zu Fluten wurde nun die schwang’re Luft,Zum Strombett rann, was von den Regengüssen [228]
Der Grund nicht trank, hervor aus Thal und Kluft. 121
Der Archian, gleich andern großen Flüssen,Ergoß zum Königsstrom den Sturmeslauf,[74] 124
Wie nun den starren Leib, nicht weit heraufVon seiner Mündung, jene Flut gefunden, 127
Das ich gemacht, da Schmerz mich überwunden,Und wirbelte zum Strom die träge Last. 130
Als drauf der dritte Geist das Wort gefaßt,Sprach er: „Wenn du, zur Welt zurückgekommen, 133
So laß dein Hiersein auch der Pia frommen.[76]Siena gebar, Maremma tilgte mich. 136
Der Treue Pfand, er weiß, wie ich erblich._______________
Sechster Gesang.
Fortsetzung. Sordello. Weheruf über Italien.
1
Wenn Spieler sich vom Würfelspiel entfernen,[77]Bleibt, der verlor, betrübt und ärgerlich, [229]
4
Doch Alles drängt um den Gewinner sich,Der folgt und sucht, wie er sein Kleid erlange, 7
Doch er verweilt nicht, hört auf Keinen lange,Und wem er etwas gibt, der macht sich fort; 10
So war ich in dem dichten Haufen dort,Und mußte hier- den Kopf und dorthin wenden, 13
Sah Benincasa, der den Wüthrichs-Händen[78]Des Ghin’ erlag und sah darauf auch ihn,[79] 16
Novello bat mich flehend, zu verziehn;[80]Auch der von Pisa dann, durch den der gute,[81] 19
Graf Orso auch und der im Frevelmuthe[82][83]Vertilgt ward, wie er sagt’, aus Neid und Groll, 22
Den Broccia mein’ ich – mag sich demuthsvollZur Reue die Brabanterin bequemen, [230]
25
Kaum war ich frei von allen jenen Schemen,Die dort mich angefleht, zu flehn, daß sie 28
Da sprach ich: „„Du, der stets mir Licht verlieh[84],Hast irgendwo in deinem Werk geschrieben, 31
Doch hörtest du, wozu mich diese trieben.Täuscht nun vielleicht die Hoffnung diese Schaar? 34
„Nicht täuscht sie Hoffnung, und mein Wort ist klar,“So sprach er drauf, „du magst es nur betrachten 37
Ist für gebeugt das strenge Recht zu achten,Wenn das erfüllt der Liebe heißer Trieb, 40
Da, wo ich jenen Grundsatz niederschrieb,Da sühnte man durch Bitten keine Sünden, 43
Doch kannst du jetzt so Tiefes nicht ergründen,So harr’ auf Sie, die zwischen deinem Geist 46
Beatrix ist’s, wenn du’s vielleicht nicht weißt,Die Lächelnde, Beglückte, die zu sehen [231]
49
Und ich: „„Mein Meister, laß uns schneller gehen![85]Mir kehrt die Kraft, die kaum noch unterlag, 52
„Wir gehn so weit als möglich diesen Tag,“Entgegnet’ Er, „doch Andres wirst du finden,[86] 55
Die Sonne, deren Strahlen jetzt verschwinden,So, daß zugleich dein Schatten flieht, sie kehrt, 58
Doch eine Seele sieh, uns zugekehrt,Allein, betrachtend, wie du dich bewegtest, 61
O Geist von Mantua, wie du lebend pflegtest,[87]So bliebst du stolzen, strengen Angesichts, 64
Er ließ uns Beide gehn und sagte nichts,Gleich einem Leu’n, der ruht, uns still betrachtend 67
Allein Virgil, nur nach der Höhe trachtend,Befragt’ ihn: „Wo erklimmt man diese Wand?“ 70
Fragt uns nach unserm Leben, unserm Land.Und: „Mantua“ – begann nun mein Begleiter; 73
Sich schnell vom Sitz und ward theilnehmend heiter.„Sordell bin ich, dein Landsmann!“ rief er aus, [232]
76
Italien, Sclavin, Schlund voll Schmerz und Graus,[89]Schiff ohne Steuer auf durchstürmten Meeren, 79
Wie sah ich jenen Schatten dort, den hehren,Beim süßen Klange seiner Vaterstadt 82
Doch deine Lebenden sind nimmer satt,Im tollen Kampf sich wechselweis zu morden, 85
Elende, such’ an deinen Meeresborden,Im Innern such’ und keinen Winkel letzt 88
Was hilft dir’s, da dein Sattel unbesetzt,[90]Daß Justinian die Zügel dir erneute? 91
Ihr hättet längst mit frommem Sinn, ihr Leute,[91]Zu Cäsar’s Sitz den Sattel eingeräumt, 94
Seht, wie das wilde Thier sich tückisch bäumt,[233]
Seit Niemand es die Sporen fühlen lassen, 97
O deutscher Albrecht, der dies Thier verlassen,[92]Das drum nun tobt in ungezähmter Wuth, 100
Gerechtes Strafgericht fall’ auf dein Blut!Und neu und offen mög’ es deiner warten. 103
Schuld bist du sammt dem Vater an dem hartenGeschick Italiens, da ihr, deutsche Gau’n 106
Komm her jetzt, der Montecchi Stamm zu schau’n,[93]Leichtsinniger, komm, sieh die Capelletten,[WS 4] 109
Komm, Grausamer, die Treuen zu erretten!Sieh, ungestraft drängt sie der schnöde Feind! 112
Komm her und sieh, wie deine Roma weint,Und höre Tag und Nacht die Wittwe stöhnen: [234]
Mein Cäsar, ach, warum nicht mir vereint? 115
Komm her und sieh, wie alle dich verhöhnen,[94]Komm her, und fühlst du dann auch Mitleid nicht, 118
Verzeih’, o höchster Gott im ew’gen Licht,Der du für uns gekreuzigt wardst auf Erden, 121
Wie? oder soll aus schrecklichen Beschwerden,Ein neues Heil, von keinem Aug’ entdeckt, 124
Wie voll Italien von Tyrannen steckt![95]Will sich ein Bauer der Partei verschwören, 127
Du, mein Florenz, du kannst dies ruhig hören,[96]Da dieser Abschweif nimmer dich berührt. 130
Gerechtigkeit hegt Vieler Herz, nur spürtMan etwas spät, wie sehr es ihr gewogen, 133
Wenn Bürgerämtern Viele sich entzogen,Nimmt sie dein Volk freiwillig an und schreit: 136
Nun freue dich, denn du verdienest Neid,Du Reiche, du Friedselige, du Weise – 139
Man spreche von Athen und Sparta leise!Sollt’ ihr Gesetz wohl werth der Rede sein, 142
Denn dein Gesetz, es ist so klug und fein,[97][235]
Daß, hast du’s im October angesponnen, 145
Wie oft hast du geendet und begonnen,Hast über Münz’ und Art, Gesetz und Pflicht, 148
Bist du nicht völlig blind für jedes Licht,So mußt du dich gleich einer Kranken sehen. 51
Und wendet sich, den Schmerzen zu entgehen._______________
Siebenter Gesang.
Vorfegefeuer, Schluß. Die Säumigen, d), welche über Staatsgeschäften die Buße vernachlässigten. Die Blumenwiese. Kaiser Rudolph u. a. Fürsten.
1
Nachdem sie würdig und voll FreudigkeitDrei-, viermal mit den Armen sich umgaben, 4
„Eh’ sich zu diesem Berg gewendet haben[98]Die Seelen, welche Gott zu schauen werth, 7
Ich bin Virgil. – des Himmels Eingang wehrt[99]Mir Glaubensmangel nur, nicht andre Sünde.“ 10
Als ob ein Wunder plötzlich hier entstünde,Bei dem man sagt: Es ist! dann: Es ist nicht! 13
So schien Sordell – dann neigt’ er das Gesicht,[100]Worauf er zu den Knien Virgils sich beugte 16
„O Latiums Ruhm, du, dessen Werk bezeugte,[236]
Wie reich die Sprache sei an Kraft und Zier, 19
Bringt mein Verdienst, mein Glück dich her zu mir?Und wenn ich werth mich solcher Huld erweise, 22
Virgil darauf: „Ich kam durch alle KreiseDes wehevollen Reichs in dieses Land, 25
Nicht Thun, nein, Nichtthun nur, hat mich verbannt,Hinab verbannt von hoher Sonne Strahlen,[101] 28
Zu jenen tiefen, nachterfüllten Thalen,[102]Zum Ort, wo leises Seufzen nur ertönt, 31
Wo um mich her die Schaar der Kindlein stöhnt,Die ungetauft aus jener Welt geschieden, 34
Wo die sind, die mit ird’schem Werth zufrieden,Die Tugenden bis auf die heil’gen Drei,[103] 37
Doch, wenn du kannst, so bring’ uns Kunde bei,Um schneller uns zu unserm Ziel zu leiten, 40
Und Er: „Ich darf umher und aufwärts schreiten,[104][237]
Denn kein gewisser Ort ist uns bestimmt. 43
Doch sieh, wie schon des Tages Licht verglimmt,Drum ist auf guten Aufenthalt zu sinnen, 46
Dort rechts sind Seelen, nicht gar weit von hinnen;Zu diesen, wenn du einstimmst, führ’ ich dich, 49
Virgil: „Wenn’s Nacht wird, steigt man nicht? So sprich,[105]Erliegt vielleicht die Kraft dann der Beschwerde? 52
Mit seinem Finger streifte nun die ErdeSordell und sprach: „Nicht hoffe, daß bei Nacht 55
Am Steigen hindert sonst dich keine Macht,Als Dunkelheit, die, wie sie uns ermattet, 58
Hinab zu gehn und rückwärts ist gestattet,Und irrend rings umher zu gehn am Bord, 61
Mein Meister stand erst wie bewundernd dort;„Wie du versprachst,“ so hört’ ich drauf ihn bitten, 64
Wir waren eben noch nicht weit geschritten,Da war ein hohler Raum am Berg zu sehn, 67
„Dorthin“, so sprach der Schatten, „laß uns gehn,Seht dort den Berg von einer Höhlung theilen, 70
Ein krummer Fußpfad führte zwischen steilen[106][238]
Felshöh’n und Ebene zum Rand der Schlucht, 73
Gold, feines Silber und des Coccums Frucht,[107]Bleiweiß und Indiens Blau in hellster Reine, 76
Bei dieses Grases, dieser Blumen Scheine,Schwänd’ ihrer Farben ganzer Glanz dahin, 79
Nicht war Natur allein hier Malerin,Mit tausend wunderbar gemischten Düften 82
Salve Regina, tönt’ es in den LüftenVon Seelen auf dem blumenreichen Beet, 85
„Bevor die Sonne ganz zur Rüste geht,[108]Gehn“, sprach Sordell, „wir nicht hinab zu ihnen; 88
Erkennt ihr besser Aller Art und Mienen,Als sie im Thale selber, im Gedrang 91
Der höher sitzt und scheint, als hätt’ er langVersäumt, wozu ihn seine Pflicht verbunden, 94
Ist Kaiser Rudolph, der Italiens Wunden[109]Zu heilen zwar vermocht, doch nicht geheilt, 97
Der, dessen Anblick jetzt ihm Trost ertheilt,[110][239]
Einst Herr des Landes, das der Fluß durchschneidet, 100
Hieß Ott’kar, der, mit Windeln noch umkleidet,Besser als Wenzeslaus, sein Sohn, erschien,[111] 103
Dort der Stumpfnas’ge scheint zu Rath zu ziehn[112]Den Güt’gen dort – er ist es, der, geschlagen, 106
Seht ihn die Brust in bitterm Kummer schlagen!Den Andern seht – zum Bett für sein Gesicht 109
An Frankreichs Aussatz, an den Bösewicht,Den Sohn und Eidam denken sie, deß Leben 112
Den Gliederstarken sieh! Mit dem daneben,[113]Dem Adlernas’gen, singt er im Accord, 115
Und konnt’, als er verstarb, der Jüngling dort,[114]Der hinten sitzt, den Königsthron ererben, 118
Jakob und Friederich, die andern Erben,Sie sollten zwar des Thrones Herrlichkeit, [240]
Doch nicht des Vaters bess’res Gut erwerben. 121
Denn selten nur soll Menschenredlichkeit,Nach Gottes Schluß, neu aus der Wurzel schlagen, 124
Dem Adlernas’gen ist dies auch zu sagen,[115]So gut als Petern, welcher mit ihm singt, 127
Weil so viel schlechtern Keim sein Same bringt,Als höher sich Konstanza’s Gatt’ im Preise[116] 130
Den König seht von schlichter Lebensweise,[117]Der einsam sitzt, Heinrich von Engelland, 133
Der tiefer sitzt, den Blick emporgewandt,Ist Markgraf Wilhelm, welchen noch die Seinen[118] 136
Um Alessandria’s Tück’ und Krieg beweinen.“_______________
Achter Gesang.
Vorfegefeuer. Schluß. Abend im Thal der Fürsten. Das Dreigestirn. Die Schlange. Malaspina.
1
Die Stunde war es, die zu stillem Weinen[119]Vor Heimweh den gerührten Schiffer zwingt, [241]
Am Tag, da er verließ die theuren Seinen, 4
Die Liebesleid dem neuen Pilgrim bringt,Wenn fernher, klagend ob des Tags Erbleichen, 7
Jedweder Laut schien mit dem Licht zu weichen,Und eine von den Seelen trat hervor, 10
Und naht’ und hob die beiden Händ’ emporAls sagte sie: Du, Gott, nur bist mein Trachten! 13
Te lucis ante – diese Worte brachten[120]Dann ihre Lippen vor, so fromm, so schön, 16
Mit andachtsvollem lieblichen GetönStimmt’ ein der Chor zu reichen Wohllauts Fülle, 19
Und nun, o Leser unter leichter Hülle[121]Such’ jetzt die Wahrheit du mit Blicken klar! 22
Demüthiglich sah ich die edle SchaarNach oben schau’n, erwartungsvoll und schweigend, [242]
Und sah aus himmlischem Gewölb’ ein Paar 25
Von Engeln durch die Luft herniedersteigend,Zwei Flammenschwerter zwar in ihrer Hand, 28
Grün, wie das Laub, das eben erst entstand,Und, von der grünen Flügel Weh’n gehoben, 31
Der Eine blieb nah’ über uns, und droben,Jenseit des Thales, blieb der Andre stehn; 34
Ich konnte wohl die blonden Häupter sehn,Doch am Gesicht verging mein Blick, geblendet, 37
„Dies Paar ist aus Maria’s Schooß gesendet,Zur Hut des Thales, weil die Schlange naht.“ 40
Und ich, der ich nicht wußt’, auf welchem Pfad,[122]Ich schaut’ umher, indem ich starr vor Grauen 43
Sordell begann auf’s Neu’: „Geht mit VertrauenJetzt zu den Großen hin und sprecht sie an, 46
Ich war im Grund, als ich drei Schritt gethan,Und nach mir forschend spähn sah ich den Einen, 49
Schon schwärzte sich die Luft, doch zwischen seinenUnd meinen Blicken ließ sie, nah’, was sich 52
Nun ging ich auf ihn zu und er auf mich.„„Mein edler Richter Nino, welch’ Vergnügen![123] 55
Kein schöner Gruß ward zwischen uns verschwiegen.Und Er: „Wann bist du aus dem fernen Meer [243]
Am Fuße dieses Berges ausgestiegen?“ 58
„„Heut Morgen kam ich aus der Hölle her,““Entgegnet’ ich, „„und bin im ersten Leben, 61
Ich sah, als ich die Antwort ihm gegeben,[124]Zurückgetreten den Sordell und ihn, 64
Sordell, gekehrt zu dem Virgil, und NinZu Einem, der dort saß am Thalgestade: 67
Und drauf zu mir: „Erwies besondre GnadeDir Der, deß erster Grund verborgen ruht, 70
So sag’ einst jenseits dieser weiten FlutMeiner Johanna, daß sie für mich flehe,[125] 73
Nicht liebt die Mutter wohl mich noch, wie ehe,Da sie den Wittwenschleier abgelegt, 76
An ihr sieh, wie ein Weib zu lieben pflegt,Wenn ihre Liebesglut nicht um die Wette 79
Gewiß wird einstens ihre GrabesstätteVon Mailands Schlange nicht so schön geschmückt, 82
Er sprach’s, und ihm im Antlitz ausgedrücktWar ein gerechter Eifer, der dem Weisen 85
Ich blickte sehnlich nach des Himmels Kreisen,[244]
Dorthin, wo träger ist der Sterne Lauf,[126] 88
Mein Führer sprach: „Was blickst du dort hinauf?Und ich: „„Nach den drei Lichtern, denn mit ihnen[127] 91
Und Er: „Die vier, die dir heut’ Morgen schienen,Sind tief jetzt unter’m Horizont versteckt, 94
Hier ward ich durch den Ruf Sordells erschreckt:„Den Widersacher seht!“ Er sprach’s und zeigte[128] 97
Wo sich das kleine Thal geöffnet neigte;Dort war die Schlange, die wohl jener glich, 100
Wie sie daher durch Gras und Blumen strich,Hob sie von Zeit zu Zeit den Kopf zum Rücken 103
Nicht sah ich, und vermag’s nicht auszudrücken,Wie die zwei Engel sich bewegt zum Flug, 106
Und wie ihr Flügelpaar die Lüfte schlug,Entfloh die Schlang’, und jene beiden flogen [245]
109
Der Schatten, der, von Nino’s Ruf bewogen,[129]Sich uns genähert, hatte bei dem Straus 112
„Soll jener Leuchte, die zu Gottes Haus[130]Dich führt, in deinem Willen und Verstande 115
Begann er, „laß, wenn von der Magra Strande,Du wahre Kunde hast, sie werden mir; 118
Corrado Malaspina spricht mit dir,Der Alte bin ich nicht, doch ihm entsprungen; 121
„„O,““ sprach ich, „„nimmer noch ist mir’s gelungen,Dies Land zu sehn, allein sein Nam’ und Werth 124
Der Ruf, der euer Haus erhebt und ehrt,Schallt zu der Herr’n, schallt zu des Landes Preise, 127
Ich schwör’ es dir beim Ziele meiner Reise,Daß dein Geschlecht in voller Blüte steht, 130
Und wenn die Tollheit alle Welt verdreht,Sitt’ und Natur wird ihm den Vorzug schenken, 133
Und Er: „Jetzt geh’, nicht siebenmal versenkenWird sich die Sonn’ im Bett an jenem Ort, [246]
136
So wird dir diese gute Meinung dortIn deinem Kopfe festgenagelt werden, 139
Wird nicht des Schicksals Lauf gehemmt auf Erden.“_______________
Neunter Gesang.
Dante wird im Schlaf vor das Thor des eigentlichen Fegefeuers getragen und erhält Absolution und Einlaß. Lucia. Die sieben P.
1
Schon hob sich Thithons Buhlerin, entgleitend[131]Dem Arm des süßen Freunds und einen Kranz 4
Geschmückt die Stirn mit der Demanten Glanz,Die jenes kalten Thiers Gestaltung zeigen, 7
Zwei Schritte hatte, wo ich war, im SteigenDie Nacht gethan, um sich zum dritten jetzt 10
Als meine Sinne, da ich herversetzt,Mit Adams Erbschaft war, dem Schlaf erlagen 13
Zur Stunde war es, wo mit bangen Klagen,Wenn sich der Morgen naht, die Schwalbe girrt, 16
Und wo der Geist, vom Leibe nicht verwirrt,Frei und entledigt von den Sorgen allen, [247]
Im Traumgesicht beinahe göttlich wird. 19
Da sah ich, träumend, an des Himmels HallenMit goldenem Gefieder einen Aar, 22
Mir schien’s der Ort, wo Ganymedes war,[133]Als er, indem die Seinen ihn umfingen, 25
„„Er ist gewohnt sich hier herabzuschwingen,““So dacht’ ich, „„und verschmäht von anderm Ort 28
Ein wenig kreist’ er erst im Bogen dort,Dann schoß er schrecklich, wie ein Blitz, hernieder, 31
Mir schien, ich brenn’, auch brenne sein Gefieder,Und ganz erglüht von dem erträumten Brand, 34
So fuhr Achill empor im fremden Land[135]Und drehte die erwachten Blick’ im Kreise, 37
Als Thetis ihn im Schlaf dem Chiron leiseEntführt und ihn nach Skyros hingebracht, 40
Wie ich emporfuhr, da ich aufgewacht;Doch fühlt’ ich Frost sich über mich verbreiten, 43
Mein treuer Hort allein war mir zur Seiten.Hoch stand die Sonn’, als ich mich aufgerafft, [248]
Zwei Stunden schon, ich sah das Meer sich breiten, 46
Da sprach mein Herr: „Nicht sei durch Furcht erschlafft!Muth, denn uns ist das Schwerste nun gelungen, 49
Du hast zum Läut’rungsort dich aufgeschwungen.[136]Den Felsen sieh, der’s einschließt – sieh das Thor 52
Noch glänzt’ Aurora nicht dem Tage vor,Du aber lagst, den Geist vom Schlaf befangen, 55
Da kam ein Himmelsweib dahergegangen.„„Lucien seht – den Schläfer nehm’ ich fort, 58
Sordell blieb mit den andern Seelen dort;Sie faßte dich, und als der Tag begonnen, 61
Ich folgt’ ihr; und als mir ihr Blick voll WonnenDas Thor gewiesen, legte sie dich hin 64
Gleich wie wir, wenn uns offenen GewinnDie Wahrheit zeigte. Sorg’ und Furcht verjagen, 67
So ich – und da mich frei von Angst und Zagen[249]
Mein Meister sah, so schritt er zu den Höh’n, 70
Sieh, Leser, hier sich meinen Stoff erhöhn,Drum staune nicht, wenn größre Kunst die Worte, 73
Wir gingen fort und nahten einem Orte,Der erst als Felsenspalt’ erschien; doch nah’ 76
Drei Stufen von verschiednen Farben, sahIch unter ihr, um zu ihr aufzusteigen; 79
Der auf der höchsten saß in tiefem Schweigen;Doch wie ich auf sein Antlitz hingewandt 82
Er hatt’ ein nacktes Schwert in seiner Hand,Und wollt’ ich auf dies Schwert die Blicke kehren, 85
„Von dorten sprecht, was mögt ihr hier begehren?“Sprach er, „wer bracht’ euch bis zu mir empor?“ 88
Mein Meister drauf: „Uns sagte kurz zuvorEin Weib, vom Himmel selbst dazu berufen: 91
Da hört’ ich gleich den edlen Pförtner rufen:„So mögt ihr denn durch Sie zum Heile ziehn; 94
Wir kamen hin – die erste Stufe schienVon Marmor, weiß, von höchster Glätt’ und Reine, 97
Die zweite schien mir von verbranntem Steine,Rauh, lang und quer geborsten und zerschlitzt, 100
Die dritte höchste Stuf’ erschien mir itztWie Porphyr, flammend, gleich des Blutes Quelle, 103
Dem Engel diente sie zur RuhestelleFür seine Füß’, und höher saß er dann 106
Mein Führer zog die Stufen mich hinan,[250]
Und sprach: „Jetzt geh’, ihn flehend zu begrüßen, 109
Demüthig sank ich zu des heil’gen Füßen,Schlug dreimal erst auf meinen Busen mich, 112
Mit seines Schwertes scharfer Spitze strichEr sieben P auf meine Stirn und machte 115
Noch, wenn ich Asch’ und Erdenstaub betrachte,Seh’ ich des Kleides Farb’, aus welchem Er[138] 118
Von Gold war dieser und von Silber der.Den weißen sah ich ihn, den gelben drehn, 121
Er sprach darauf: „Trifft einer von den zweenIm Schloß beim Umdrehn irgend Widerstand, [251]
124
Mehr Werth hat der von Gold, doch mehr VerstandUnd Kunst wird jener, eh’ er wirkt, bedürfen, 127
Beim Oeffnen sollt’ ich eher irren dürfen,Sprach Petrus, der sie gab, als beim Verschluß, 130
Er stieß ans heil’ge Thor und sprach zum Schluß:„So geht denn ein, doch daß euch’s nicht entfalle, 133
Beim Oeffnen drehte so mit lautem Schalle[139]Die heil’ge Pfort’ in ihren Angeln sich, 136
Daß es dem Knarren jenes Thores glichBeim Berg Tarpeja, dessen Riegel sprangen, 139
Ich horcht’ aufmerksam hin, denn Stimmen sangen[140]Und ein Te Deum schien mir, was man sang, 142
Denn das, was jetzt zu meinen Ohren drang,War, wie wenn zu Gesängen Orgeln gehen, 145
Die Worte halb verstehn, bald nicht verstehen._______________
Zehnter Gesang.
II. Abtheilung. I. Kreis. Die (noch zu) Stolzen.
1
Kaum war ich innerhalb der Thür der Gnade[141]Die selten aufgeht durch den schlechten Hang, [252]
Der grad’ erscheinen läßt die krummen Pfade, 4
Da hört’ ich, wie sie beim Verschließen klang.Wie ward’s auch wohl entschuldigt, wie verziehen,[142] 7
Wir mußten durch gespaltnen Felsen ziehen,[143]Der vor und rückwärts sprang vor unsrer Bahn, 10
„Jetzt gilt es Kunst“, so fing mein Führer an!„Bald hier, bald dorten angeschmiegt den Seiten, 13
Wir durften drum nur langsam vorwärts schreiten,Und schon war Luna’s Rand dem Meer genaht,[145] 16
Eh’ wir zurückgelegt den engen Pfad;Doch blieben wir an seinem offnen Rande, 19
Ich matt, und fremd wir Beid’ in diesem Lande,In Zweifeln stehn an einem ebnen Ort, 22
Von wo sein Rand ans Leere gränzt, bis dort[146]Zum Fuß der Felsen, die sich jenseits heben, 25
So weit grad’ aus der Blicke Flügel schweben,Schien solch ein Raum zur recht’ und linken Hand [253]
28
Wie ich dort still mit meinem Führer stand,[147]Erkannt’ ich, daß der Felsrand’ uns entgegen, 31
Von weißem Marmor war, und allerwegenVoll Bildnerei, um Polyklet zur Scham, 34
Der mit dem Friedensschluß, den längst in Gram[148]Die Welt ersehnt, auf’s irdische Gefilde, 37
Der Engel war dort eingehau’n, und MildeUnd Liebe that so wahr sein Wesen kund, 40
Man schwor, ein Ave schweb’ auf seinem Mund,Denn Sie war dort, durch die des Himmels Riegel 43
Es zeigte der Geberde reiner SpiegelDas Wort: Sieh Gottes Magd, so ausgeprägt, 46
„Was schaust du“, sprach Virgil, „so unbewegt,Als ob nur diesem Bild dein Blick gebührte?“ – 49
Daher sich jetzt dorthin mein Auge rührte;Und hinter der Maria war der Stein, [254]
Zur andern Seite dessen, der mich führte, 52
Geschmückt mit andern schönen Schilderei’n.Drum trat ich, vor Virgil vorbeigeschritten, 55
Der Wagen war, in Marmor eingeschnitten,[149]Die stierbespannte Bundeslade da, 58
Das Volk voraus, in sieben Chören, sahIch jubelnd ziehn, und fragt’ ich: ob sie singen? 61
Sah Weihrauchduft sich in die Lüfte schwingen,Und auch bei diesem Bilde ließen schwer 64
Im Tanze vor der heil’gen Lade her,Sah ich erhöht in Demuth den Psalmisten, 67
Und, wie erfüllt von Ränken und von Listen,Am Fenster des Palasts mit schnödem Wort 70
Darauf bewegt’ ich mich von meinem Ort,Um weiter hin ein andres Bild zu schauen,[150] 73
Zu hohem Ruhm in Marmor eingehauen,Ihn, der zum großen Siege den Gregor [255]
Beseelt mit Kraft und gläubigem Vertrauen. 76
Trajan, den Imperator, stellt’ es vor,Und eine Wittw’, ihm in den Zügel fallend, 79
Rings Reiterei gedrängt. Trompeten schallend– So schien’s dem Aug’ – als goldenes Panier 82
Die Arme schrie mit Macht, so schien es mir:„Verweile, Herr, mir ward der Sohn erschlagen, 85
„„So warte, bis ich kehre!““ Dies zu sagenSchien Er, und Sie darauf: „Und wenn du nun“ 88
„Nicht wiederkehrst?“ – „„So wird’s mein Folger thun!““ –„Vertraust du, was dir obliegt, fremden Armen, 91
„„So tröste dich,““ entgegnet’ er der Armen,„„Bevor ich ziehe, lös’ ich meine Pflicht, 94
Sichtbar macht’ Er die Red’, Er, deß Gesicht[151]Von Ewigkeit nichts Neues noch gesehen; 97
Indeß ich mich ergötzte hinzuspähenNach solcher Demuth Bildern, deren Werth 100
Da flüsterte Virgil, mir zugekehrt:„Sieh Jene dort, die langsam, langsam schreiten, 103
Ich ließ, da immer hier nach NeuigkeitenMein Streben war, vor Freud’ und Ungeduld 106
Vernimmst du, Leser, wie sich Gott die Schuld[152][256]
Bezahlen läßt, nicht denke drum zu weichen 109
Nicht sieh auf dieser Qualen Form und Zeichen;Denk’ an die Folg’ – im schlimmsten Falle wird 112
Ich sprach: „„Nur unklar seh’ ich und verwirrt[153]Was dort sich naht. Sind’s menschliche Gestalten, 115
„Kaum seh’ ich jetzt ihr Bild sich klar entfalten,“Entgegnet’ Er, „weil erdwärts tief gebückt 118
Sieh, was dort unter Steinen näher rückt,Sieh scharf, und du entwirrst gequälte Schatten, 121
O stolze Christen, o ihr Armen, Matten!Der Fuß schlüpft rückwärts, doch, am Geiste blind, 124
Bemerkt ihr nicht, daß wir nur Würmer sind,Bestimmt zu jenes Schmetterlings Entfaltung, 127
Was tragt ihr hoch das Haupt in stolzer Haltung?Gewürm, das öfters, wenn’s der Pupp’ entflieht, 130
Wie man zuweilen wohl Gestalten sieht,[154]Anstatt des Simses tragend Dach und Decken, 133
Die im Beschauer wahres Leid erwecken,[257]
Durch falschen Schmerz – so konnt’ ich jetzo klar 136
Den mehr, den minder tief gebogen zwar,Als ob die Last hier mehr, dort minder wiege, 139
Schien thränenvoll zu sagen: Ich erliege!_______________
Eilfter Gesang.
I. Kreis. Fortsetzung. Das Vaterunser. Oderisi der Maler und Andere.
1
„O Vater Unser, in den Himmeln wohnend,[155]Du, nimmer zwar von ihrer Schrank’ umkreist, 4
Es preise deinen Namen, deinen Geist,Was lebt, weil deinem süßen Hauch hienieden[156] 7
Zu uns, Herr, komme deines Reiches Frieden,Den Keiner je durch eigne Kraft errang, 10
Gleichwie die Engel beim Hosiannah-SangIhr Wollen auf das Deine nur beschränken, 13
Woll’ unser täglich Manna heut uns schenken;[157]Darohn’ zurück auf dieser wüsten Bahn 16
Wie wir, was Andre Böses uns gethan,Verzeihn, o so verzeih’ uns du in Hulden, 19
Nicht laß die schwanke Kraft Versuchung dulden[258]
Vom alten Feinde, sondern mache los[158] 22
Für uns nicht, theurer Herr, für jene blos,Geschieht, thut Noth die letzte dieser Bitten, 25
So für sich selbst, für uns auch betend, schrittenDie Schatten langsam unter schwerer Last, 28
Im ersten Vorsprung, der den Berg umfaßt;Sie läutern sich vom Erdenqualm und tragen 31
Wenn stets für uns dort jene Gutes sagen,[159]Was kann für sie von solchen hier geschehn, 34
Sie unterstütze treulich unser Flehn,Daß sie der Erdenschuld sich bald entringen 37
„Soll Recht und Mitleid euch Erleicht’rung bringen,[160]Um zu dem Ziel, das euch die Sehnsucht zeigt, 40
So zeigt’ uns jetzo, wo man aufwärts steigt;Weis’t uns den Weg, und gibt es mehr als einen, 43
Denn dieser hier, mit Fleisch und mit Gebeinen[161]Von Adam her bekleidet und beschwert, 46
So sprach mein Führer, Jenen zugekehrt,Und diese Rede ward darauf vernommen, 49
„Ihr könnt mit uns zur rechten Seite kommen,Dort ist ein Paß, nicht steiler, als der Fuß 52
Und drückte nicht der Stein nach Gottes Schluß[259]
Den stolzen Nacken jetzt der Erd’ entgegen, 55
So würd’ ich nach ihm hin den Blick bewegen,Zu sehn, ob ich ihn, der sich nicht genannt, 58
Wilhelm Aldobrandeschi, der dem Land,[162]Das ihn geboren, Ruhm und Ehre brachte, 61
Das alte Blut, der Ruhm der Ahnen, machteSo übermühtig mich und stolz und roh, 64
Und ich verachtete die Menschen so,Daß ich drum starb, wie die Sanesen wissen 67
Omberto bin ich; nicht nur mein GewissenBefleckt den Stolz, er hat auch Alle schier 70
Bis ich dem Herrn genug that, ruht auf mirDie schwere Last, und was ich dort im Leben 73
Ich horcht’ und ging gesenkten Haupts daneben,Ein Andrer aber, unterm Steine, fing 76
Er sah, erkannt’ und nannte mich und hing,Kaum fähig doch den Blick vom Grund zu trennen, 79
„„Du, Odris!““ rief ich, froh ihn zu erkennen,[164]„„Scheinst Gubbio’s Ruhm, der Ruhm der Kunst zu sein,[165] [260]
Die Miniaturkunst die Pariser nennen.““ 82
„Ach, Bruder, heitrer sind die Schilderei’n,“Versetzte Jener, „Franks, des Bolognesen,[166] 85
So edel wär’ ich, lebend, nicht gewesen,Dies zu gestehn, denn ach! vor Ruhmgier schwoll 88
Für solchen Stolz bezahlt man hier den Zoll;Trug ich nicht lebend noch der Reu’ Beschwerden, 91
O eitler Ruhm des Könnens auf der Erden![167]Wie wenig dauert deines Gipfels Grün, 94
Als Maler sah man Cimabue blühn,[168]Jetzt sieht man über ihn den Giotto ragen, 97
Den Ruhm der Sprachen nahm in diesen Tagen[169]Ein Guid’ dem andern, und ein Andrer lauscht 100
Ein Windstoß nur ist Erdenruhm. Er rauschtVon hier, von dort, um schleunig zu verhallen, 103
Wird lauter wohl dereinst dein Ruhm erschallen,Wenn du als Greis vom Leib geschieden bist, [261]
Als wenn du stirbst beim ersten Kinderlallen, 106
Eh’ tausend Jahr’ entfliehn? – wohl kürz’re Frist[170]Zur Ewigkeit, als zu dem trägsten Kreise 109
Toskana ganz scholl einst von dessen Preise,[171]Der dort vor mir so träg und langsam schleicht, 112
Wo er geherrscht, als, vom Geschick erreicht,Firenza’s Wuth erlag, der stolzen, kühnen, 115
Dem Grase gleicht der Menschenruhm, dem Grünen,Das kommt und geht, und durch die Glut verdorrt, 118
Und ich: „„Mir dämpft den Stolz dein wahres WortUnd weiß mir trefflich Demuth einzuprägen; 121
„Salvani,“ sprach er, „ist es, hier deswegen,Weil sich so weit sein toller Stolz vergaß, 124
Drum ging er so und geht ohn’ Unterlaß,Seitdem er starb – der Zoll wird hier erhoben 127
Und ich: „„Weilt Jeder, welcher aufgeschobenBis zu dem Rand des Lebens Reu und Leid, [262]
Dort unten erst und dringet nicht nach oben, 130
Wenn ihm nicht Hülfe gläubig Flehn verleiht,Bis so viel Jahr’, als er gelebt, vergangen,[172] 133
Und Er: „Er ist auf Siena’s Markt gegangen[173]Zur Zeit, da er den höchsten Ruhm erstrebt, 136
Nein, weil sein Freund in Carlo’s Haft gelebt,Um Hülf’ ihm und Befreiung zu gewähren, 139
Ich red’ unklar, doch wird’s nicht lange währen,So handelt also deine Nachbarschaft, 142
Die That hat jene Schrank’ ihm weggeschafft.“_______________
Zwölfter Gesang.
Zum zweiten Kreise. Bilder am Ausgang. Der Engel nimmt dem Dichter das erste P. von der Stirn.
1
Gleichmäßig, wie zwei Stier’ im Joche ziehn,[174]Ging ich dem schwerbeladnen Geist zur Seiten, 4
Doch als er sprach: „Laß ihn, um vorzuschreiten,Hier gilt’s, so viel man immer kann, den Kahn [263]
Mit Segeln und mit Rudern fortzuleiten!“ 7
Da richtet’ ich mich auf zur weitern BahnMit meinem Leib, obwohl gebeugt und bange[175] 10
Und folgte meinem Hort im regen DrangeDer Wißbegier und beide zeigten wir, 13
Bis daß er sprach: „Zu Boden blicke hier,Um, was dein Fuß beschreitet, zu gewahren, 16
Wie, um der Freund’ Erinn’rung zu bewahren,Auf ird’schen Gräbern dargestellt erscheint, 19
So daß bei diesem Anblick Jeder weint,Wenn die Erinn’rung schmerzt in frischer Wunde,[177] 22
So wies der Vorsprung mir, der in der Runde,Den Pfad dort bildend, jenen Berg umschloß, 25
Ihn, edler, als was je der Erd’ entsproß,[179]Erschaffen, sah ich, welcher mit der Eile 28
Dort aber auf des Weges anderm Theile,[180][264]
In starrem Todesfrost und träg und schwer, 31
Mars, Phöbus, Pallas standen hoch und hehr,Auf die zerstreuten Riesenglieder sehend, 34
Am Fuß des großen Werks den Nimrod stehend,[182]Erblickt’ ich dann, und wie verwirrt und toll 37
Dich Niobe, dich sah ich jammervoll,– Hier sieben Kinder todt, dort andre sieben – 40
O Saul, du schienst, in’s eigne Schwert getrieben,Todt, wie auf Gilboa, das seit der Zeit 43
Arachne, Thörin, einst voll Eitelkeit,[183]Halb Spinn’ jetzt, auf den Fetzen von Gewebe, 46
Rehabeam – es schien, als ob er bebe,Als ob er, statt wie immer sonst zu drohn, 49
Man sah Eriphylen sich mit dem Lohn,[184]Für den Verrath am Gatten, frevelnd schmücken; [265]
Doch theuer macht ihr das Geschmeid’ ihr Sohn! 52
Sah den Sennacherib – im Tempel zücken[185]Auf ihn die Söhn’ ihr Schwert voll Frevelmuth, 55
Des Cyrus Tod und der Tomyris Wuth –[186]Sie schien zum abgeschnittnen Haupt zu sagen: 58
Dann der Assyrer Heer – es floh, geschlagen,[187]Nach Holofernes Tod, noch hinterdrein 61
O Ilion, wie niedrig und wie klein!Wohl standest du auf Troja’s Fluren dreister, 64
Wer war des Griffels und des Pinsels Meister,Der Formen und Geberden ausgedrückt 67
Mir schien, wie ich dahin ging, tief gebückt,Was todt war, todt, was lebend war, zu leben, 70
Stolzirt nur hin, fahrt fort, das Haupt zu heben,Senkt nicht den Blick, ihr, Evens Söhn’, er weist 73
Schon hatten wir vom Berge mehr umkreist,Schon war die Sonne weiter fortgegangen, 76
Als Er, deß Fuß und Seele vorwärts drangen,Begann: „Blick’ auf, erhebe Haupt und Sinn! 79
Ein Engel naht – drum blick’ empor, dorthin!Schon kehrt, von schnellen Fittigen getragen, [266]
82
Schmück’ jetzt mit Ehrfurcht Antlitz und Betragen,Dann führt er wohl mit Freuden uns empor. 85
Und da er mich ermahnt schon oft zuvor,Die Zeit zu nutzen, kam es, daß ich nimmer 88
Das schöne Wesen naht’ – ein weißer SchimmerWar sein Gewand; dem Stern des Morgens war 91
Die Arm’ erschloß er, dann das Flügelpaar,Und sprach: „Komm jetzt, denn nahe sind die Stufen 94
Nur Wen’ge nahn von Vielen, die berufen.O Mensch, du fällst bei jedes Windes Wehn, 97
Bald ließ er uns des Felsens Oeffnung sehn.Dort schlug er meine Stirn mit seinem Flügel 100
Wie ob der Stadt, die ihrer Herrschaft Zügel[189]So wohl zu führen weiß wie Recht und Pflicht, 103
Den kühnen Schwung des Bergs die Treppe bricht,Die man gebaut in jenen guten Zeiten, 106
So war der Fels durch Stufen zu beschreiten,Obwohl er jäh sich senkt als steile Wand, 109
Laut klang’s, indem ich dort mich aufwärts wand,„Den geistlich Armen Heil!“ – mit einem Sange,[190] [267]
112
Wie anders war es hier, als bei dem GangeDurch’s Höllenreich. Bei Liedern klomm ich auf 115
Die heil’gen Stiegen klommen wir hinauf,Und leichter schien mir’s hier, empor zu kommen, 118
„„Sprich, Meister, welche Last ist mir entnommen,““So rief ich, da ich dies bemerkt, zuletzt, 121
Und Er: „Sind diese P, die zwar noch jetzt[191]Dein Antlitz trägt, doch die schon halb verschwinden, 124
Dann wird den Fuß dein Streben überwinden,So daß ihm Klimmen keine Mühe macht, 127
Da that ich Jenen gleich, die, sonder Acht,Etwas mit sich am Haupte tragend, gehen, 130
Drum sie die Hand gebrauchen, um zu spähen,Mit dieser suchen, finden und damit 133
Denn mit den ausgespreizten Fingern glittIch an der Stirne hin und, sieh, vergangen 136
Da schwebt’ ein Lächeln um des Meisters Wangen.
_______________
Dreizehnter Gesang.
II. Kreis. Die Neidischen, Blindheit erduldend. Sapia.
1
Wir waren auf dem Gipfel jener Stiegen,Wo sich des Berges zweiter Abschnitt zeigt, 4
Hier, wo man auf den zweiten Vorsprung steigt,Der, gleich dem ersten, rings die Höh’ umwindet, 7
Hier ist kein Bild, und jedes Zeichen schwindet,Einförmig man den Weg und das Gestad 10
„Dafern wir harrten, bis der Führer naht,“So sprach Virgil darauf, „hier säumig stehend, 13
Dann macht’ er festen Blicks zur Sonne sehend,Für die Bewegung seinen rechten Fuß 16
„O süßes Licht, du flößest den EntschlußZum neuen Weg mir ein, du führ’ uns weiter,“ 19
„Du wärmst die Welt, du machst sie hell und heiter!Stets wollen wir, wenn Andres nicht befiehlt 22
So viel auf Erden eine Miglie gilt,So weit schon gingen wir auf jenen Pfaden 25
Ein Geisterzug flog längs den Felsgestaden,Gehört, doch nicht gesehn, herbei, und schien [269]
28
Der erste Geist rief im Vorüberfliehn:[194]Sie haben keinen Wein! Die Worte klangen 31
Und eh’ sie, sich entfernend, ganz verklangen,Da rief: Ich bin Orest! – ein zweiter Geist, 34
„„O,““, sprach ich, „„Vater, sage, was dies heißt?““Da klang die dritte Stimm’ in meine Frage, 37
Und Er: „Du findest hier des Neides Plage!Gegeißelt wird er hier, doch Liebe schwingt 40
Doch wisse, daß der Zügel anders klingt.[195]Du wirst ihn hören, eh’ im Weitergehen 43
Versuch’ es jetzo, scharf dorthin zu spähen,Und vor uns wirst du Leute, lang gereiht, 46
Da öffnet’ ich sogleich die Augen weit,Und sah die Schatten an der Felsenhalle, 49
Und, näher, hört’ ich sie mit lautem Schalle„Bitte für uns, Maria!“ brünstig schrei’n, 52
Möcht’ Einer noch so hart und grausam sein,Vor Mitleid wäre doch sein Herz entglommen, 55
Denn als ich nun so nahe hingekommen,Daß ich Geberd’ und Angesicht erkannt, [270]
58
Ihr Anzug war ein schlechtes Bußgewand;[196]Sie lehnten sich an sich, und ihren Rücken 61
Den Blinden gleich, die Noth und Hunger drücken,[197]Und die an Ablaßtagen bettelnd stehn, 64
Indem sie, um das Mitleid zu erhöhn,Nicht minder mit den jämmerlichen Mienen, 67
Und, gleich den armen Blinden, war auch ihnenDen bangen Schatten, welchen ich genaht, 70
Gebohrt war durch die Augenlider Draht,Ihr Auge, wie des Sperbers, ganz vernähend,[198] 73
Mir aber schien es Unrecht, daß ich sehend,Doch ungesehn dort ging, drum wandt’ ich mich 76
Er, der sogleich errieth, weswegen ichNoch stumm, auf ihn die Blicke fragend lenkte, 79
An jener Seite, wo der Fels sich senkte,Ging mir Virgil, wo leicht zu fallen war, 82
Zur andern Seite saß die fromme Schaar,[271]
Und durch die grause Nacht gepreßte Zähren, 85
„„Ihr, sicher, euch im Lichte zu verklären,““Begann ich nun, „„das einzig euer Traum, 88
Die Gnade lös’ euch des Gewissens Schaum[199]Und mache drin auf reinem lautern Grunde 91
Doch bitt’ ich euch, gebt mir gefällig Kunde:Ist eine Seel’ aus Latium hier? – Ich bin 94
„O Bruder, jede Seel’ ist Bürgerin[200]Von einer wahren Stadt – doch willst du fragen, 97
So schien’s von mir noch etwas fern zu sagen,Daher ich, weil ich fast das Wort verlor, 100
Und Eine wartete, so kam mir’s vor,Auf Antwort, und, um’s deutlicher zu zeigen 103
„„Du, die der Qual sich beugt, um aufzusteigen,Warst du’s, die Antwort gab, so magst du mir 106
„Ich war von Siena, und mit diesen hier,“So sprach sie, „läutr’ ich mich vom Lasterleben 109
Sapia hieß ich und ich war ergeben[201]Der Thorheit, denn mir schien der Andern Leid [272]
Weit größre Lust, als eignes Glück zu geben. 112
Doch zweifelst du an meinem tollen Neid,So höre nur! – Die Jugend war verflossen, 115
Als nah’ bei Colle meine LandsgenossenDen kampfbereiten starken Feind erreicht; 118
Drauf wird ihr Heer geschlagen und entweicht,[202]Und ich, erblickend, wie der Feind es jage, 121
So daß ich kühn den Blick gen Himmel schlage,Und rufe: „Gott, nicht fürcht’ ich mehr dich jetzt“, 124
Nach Gottes Frieden sehnt’ ich mich zuletztAm Rand des Lebens, aber meine Schulden 127
Wenn Pettinagno meiner nicht in Hulden[204]Gedacht in seinem heiligen Gebet; 130
Doch wer bist du, der offnen Auges geht,So scheint’s, um unsern Zustand zu erkunden, 133
„„Mit Draht wird einst mein Auge hier durchwunden,““[205]So sprach ich, „„doch ich hoffe kurze Frist, 136
Mehr als das Leid, ob deß du traurig bist,[273]
Hat Sorge mir die untre Qual bereitet. 139
Und Sie: „Wer also hat dich hergeleitet,Daß du, um rückzukehren, hier erscheinst?“ 142
Ich leb’, erwählter Geist, und wenn ich einstJenseits als Sterblicher für dich bewegen 145
„So neu ist, was du sagst,“ sprach Sie dagegen,„Daß es dir sicher Gottes Huld bewährt. 148
Ich bitte dich, bei Allem, was dir werth,Wirst du dich je im Tuscier-Land befinden, 151
Beim eiteln Volk wirst du die Meinen finden,[207]Das Talamon verlockt zum Hoffnungswahn; 154
Doch setzen mehr die Admiräle dran.“_______________
Vierzehnter Gesang.
II. Kreis. Fortsetzung. Guido del Duca und Rinier de Calboli. Strafrede gegen Florenz und Pisa.
1
„Wer ist der, welcher unsern Berg umgeht,Eh’ ihn der Tod beschwingt – dem nach Behagen [274]
Das Auge bald sich schließt, bald offen steht?“ – 4
„Daß er allein nicht ist, das kann ich sagen,Nicht wer er ist. Da ich ihm ferner bin, 7
So redeten, von mir zur Rechten hin,Zwei Geister dort sich zu einander neigend, 10
„O Seele, die, empor zum Himmel steigend,“Sprach dann der Eine, „noch im Körper steckt, 13
Woher? wer bist du? denn solch’ Staunen wecktDie Gnade, die wir an dir schauen sollen, 16
Und ich: „Ein Fluß, der Falteron’ entquollen,[209]Lustwandelt mitten durch das Tuscier-Land, 19
Ich bringe diesen Leib von seinem Strand.Doch sagt’ ich, wer ich sei – nicht würd’ euch’s frommen,[210] 22
„Bin ich auf deiner Meinung Grund gekommen,Meinst du den Arno und sein Thalgebiet?“ 25
Der Zweite sprach darauf: „„Warum vermiedEr jenes Flusses Namen zu verkünden, [275]
28
Und Jener sprach: „Nicht kann ich dies ergründen,Doch werth des Untergangs ist jenes Wort, 31
Denn von dem Ursprung im Gebirge dort,[211](Von dem sich einst Pelorum trennen müssen,) 34
Bis dahin, wo der Fluß mit ew’gen GüssenDas, was dem Meer die Sonn’ entsaugt, ersetzt, 37
Wird, sei’s durch schlechte Sitt’ und Neigung jetzt,Sei’s, daß der Ort an einem Fluche leide, 40
Die Menschen drum in diesem Thal voll LeideSo gänzlich haben die Natur verkehrt, 43
Zu garst’gen Schweinen, mehr der Eicheln werth,[213]Als dessen, was Natur den Menschen spendet, 46
Dann, wie er weiter seine Wogen sendet,Trifft er ohnmächt’ge kleine Kläffer an, 49
Je mehr er schwillt in seiner tiefern Bahn,Sieht der unselige, verfluchte Graben 52
In tiefen Klüften scheint er drauf vergraben,Und trifft dann Füchs’, in List so eingeweiht, [276]
Daß keine Angst sie vor dem Schlau’sten haben. 55
Frei red’ ich, sei der Hörer auch nicht weit,[214]Und gut wird’s diesem sein, das zu behalten, 58
Ich sehe deinen Neffen furchtbar schalten[215]Am grausen Strom, der so zu jagen weiß[216] 61
Denn er verkauft sie lebend schaarenweis,Dann sticht er sie, gleich altem Schlachtvieh, nieder. 64
Zuletzt verläßt er, blutbespritzt die Glieder,[217]Den Wald, gefällt und ringsum öd’ und todt, 67
Wie bei Verkündigung zukünft’ger NothDes bangen Hörers Züge sich umschatten, 70
So sah ich jetzo jenen andern Schatten,Der zugehorcht, verstört und bange stehn, 73
Was ich von dem gehört, von dem gesehn,Mich reizt’ es, ihren Namen nachzufragen, 76
Und den, der erst gesprochen, hört’ ich sagen:„Du also willst, für dich thun soll ich dies, [277]
79
Doch kargen will ich nicht, denn herrlich ließGott in dir strahlen seine Huld und Güte. 82
Von Neid verbrannt war also mein Geblüte,Daß, wenn ich sah, ein Andrer sei erfreut, 85
Hier mäh’ ich Saat, die ich dort ausgestreut.O Sterbliche, was müßt ihr das begehren, 88
Der hier ist Rainer, der zu Preis und EhrenDas Haus von Calboli gebracht, deß Muth 91
Und nicht nur Alle jetzt aus seinem Blut[219]Der Lust und Wahrheit Güter träg versäumen,[220] 94
Das ganze Land ist voll von gift’gen Bäumen!Vergeblich wär’s, durch Anbau, dieser Art 97
Wo findt’ ein Lizio heut’, wo ein Manard,[221]Carpigna, Traversaro seines Gleichen? 100
Wer in Bologna mag Fabbro erreichen?[222][278]
Wann in Faënza wird, gleich Bernardin,[223] 103
Nicht staune, Tuscier, daß ich traurig bin,[224]Wenn ich des Guid’ von Prata noch gedenke, 106
Dann auf Tignoso die Erinn’rung lenke,Auf Traversar’s und Anastasens Haus, 109
Auf Ritter, Frau’n, auf Spiele, Kampf und Straus,Was wir aus Lieb’ und Edelsinn begannen, 112
O Brettinoro, fliehst du nicht von dannen,[225]Da, um zu fliehn Verderben, Schand’ und Hohn, 115
Wohl dir, Bagnacaval, dir fehlt der Sohn![226]Weh, Castrocaro, dir, da mit Verderben 118
Gut werden thun, wird erst ihr Dämon sterben,[227]Faënza’s Herrn, doch nimmer werden sie 121
Dir, Ugolin von Fantoli, wird nie[228]Des edlen Namens reiner Glanz gebrechen, 124
Doch jetzt, Toskaner, geh, denn nicht zum Sprechen,[279]
Mich reizt zum Weinen nur mein armes Land, 127
Durchs Ohr ward Jenen unser Gehn bekannt,[229]Drum wußten wir, da sie es schweigend litten, 130
Indem wir einsam nun von dannen schritten,Scholl eine Stimm’ uns zu, eh’ wir’s gedacht, 133
Mich tödtet, wer mich trifft! sie rief’s mit Macht[230]Und floh im schnellen Flug dann, und verhallte, 136
Und wie sie kaum an uns vorüberwallte,Braust’ eine zweite schon an unser Ohr, 139
Ich bin Aglauros, die zum Stein erfror![231]Und als ich an Virgil mich drängen wollte,[232] 142
Schon schwieg die Luft, kein dritter Donner rollte,Da sprach Virgil: „Dies ist der harte Zaum, 145
Doch winkt des alten Feindes Köder kaum,So laßt ihr euch in seinem Hamen fangen, 148
Euch rufend, hält der Himmel euch umfangen,[280]
Der, ewig schön, rings seine Kreise zieht, 151
Und deshalb schlägt euch der, der Alles sieht.“_______________
Fünfzehnter Gesang.
Das zweite P. verschwindet unmerklich. III. Kreis, Zornige, im Rauch. Vision der Sanftmuth. Abend.
1
So viel, als, bis zum Schluß der dritten Stunde,[233]Vom Tagsbeginn des Wegs die Sphäre macht, 4
So viel des Weges hatt’, eh’ noch vollbrachtIhr Tageslauf, die Sonne zu vollbringen; 7
Auf jenen Pfaden, die den Berg umringen,[235]Schien jetzt die Sonn’ uns mitten in’s Gesicht, 10
Da fiel ein Glanz mit lastendem Gewicht[236]Mir auf die Stirn, mich mehr, als erst, zu blenden. [281]
13
Schnell deckt’ ich mir die Augen mit den Händen,[237]Als wie mit einem Schirm, daß vor der Glut 16
Gleichwie der Strahl vom Spiegel, von der FlutZurückprallt, nur, um wieder aufzusteigen, 19
Weil er von Linien, die sich senkrecht neigen,So hier, wie dort abweicht in gleichem Zug, 22
So ward mein Auge jetzt in jähem FlugGetroffen vom zurückgeworfnen Lichte, 25
„„Was, süßer Vater, ist dies? dem GesichteWill, was ich thue, nicht zum Schutz gedeihn. 28
Drauf Er: „Nicht staune, wenn in solchem Schein,[238]Noch blendend dir des Himmels Diener nahen. 31
Bald wird, was erst die Augen thränend sahen,Dir so zur Lust, als du nur Fähigkeit, 34
Der Engel sprach zu uns voll Freudigkeit:„Geht dorten ein auf minder schroffen Stiegen,[239] 37
Indem wir nun zusammen aufwärts stiegen,Sang’s hinter uns: „Heil den Barmherz’gen, Heil!“ [282]
40
Und da wir Beid’ allein, und minder steilDie Treppen waren, dacht’ ich: Noch im Gehen 43
„„Was mochte Guido bei dem Gut verstehen,[241]Das Ausschluß der Genossenschaft gebeut?““ 46
„Weil stets sein Hauptfehl ihm den Schmerz erneut,“Sprach drauf Virgil, „will er dich weiser machen, 49
Denn euer Sehnen geht nach solchen Sachen,Die Mitbesitz verringert, die durch Neid 52
Doch möchten in des Himmels HerrlichkeitDes Menschen Wünsch’ ihr rechtes Ziel erkennen, 55
Je Mehrere dies Gut ihr eigen nennen,Je mehr besitzt des Guts ein Jeder dort, 58
„„Noch fass’ ich nichts,““ versetzt’ ich meinem Hort,Und mindre Zweifel hat vorher das Schweigen 61
Kann höher je der Reichthum Vieler steigen,Wenn man ein Gut vertheilt, als wenn es nicht 64
Und Er: „Weil, nur auf Erdengut erpicht,Dein Geist noch nicht den höhern Flug gewonnen, 67
Des Himmels unaussprechlich große Wonnen,Sie eilen so in’s liebende Gemüth, 70
Sie geben sich je mehr, je mehr es glüht,Und reicher strömt die ew’ge Kraft hernieder, 73
Erhebt die Seel’ erst aufwärts ihr Gefieder[WS 7],[283]
Liebt mehr’re sie, je mehr zu lieben ist, 76
Und g’nügt mein Wort dir nicht, in kurzer FristWird dort von dir Beatrix aufgefunden,[242] 79
Jetzt sorge nur, daß bald von deinen Wunden[243]Die fünf sich schließen wie das erste Paar; 82
Schon wollt’ ich sagen: Deine Red’ ist klar!Da war ich an des andern Kreises Saume, 85
In einen Tempel schien, von wachem Traume[244]Dahingerissen, meine Seel’ entflohn, 88
Am Eingang schien mit süßem Mutterton[245]Und zärtlicher Geberd’ ein Weib zu sagen: 91
Wir suchten dich voll Angst seit dreien Tagen,Ich und der Vater“ – sprach’s, und wundersam 94
Drauf vors Gesicht mir eine Zweite kam,[246]Von Zähren naß, die – wohl war’s zu erkennen – [284]
97
Sie rief: „Willst du den Herrn der Stadt dich nennen,Ob deren Namen Götter sich gegrollt,[247] 100
Dann, Pisistrat, zahl’ ihm der Frechheit Sold,Der’s wagte, deine Tochter zu umfassen!“ 103
Entgegnet’ ihr, die also rief, gelassen:„Wird Jener, der uns liebt, von uns verdammt, 106
Dann sah ich eine Schaar, von Zorn entflammt,[248]Und einen Jüngling dort, von ihr gesteinigt, 109
Er beugte sich, schon bis zum Tod gepeinigt,Deß Last ihn zu der Erde niederrang, 112
Und fleht empor zu Gott in solchem Drang:„Vergieb der Wuth, die gegen mich entbrannte!“ 115
Als meine Seele sich nach außen wandte,[249]Zurück zu dem, was wahr ist außer ihr, 118
Da sprach mein Führer, der, nicht weit von mir,Mich gleich dem Schläfer, der erwacht, erblickte: 121
Bereits seit einer halben Stunde knickteDein Knie, du taumeltest, dein Auge brach, 124
„„O süßer Vater, hörst du’s an““ – dies sprachIch drauf zu ihm – „„so will ich dir verkünden, [285]
Was mir erschien, als mir die Kraft gebrach.““ 127
„Ob mir entgegen hundert Masken stünden,“Entgegnet’ er, „und deckten dein Gesicht, 130
Das, was du sahst, du sahst’s, damit du nichtDich ungemahnt verschlössest jenem Frieden,[250] 133
Was ist dir? fragt’ ich nicht, wie der daniedenZu fragen pflegt, deß Auge nicht mehr schaut, 136
Die Füße dir zu kräft’gen, fragt’ ich laut,Denn treiben muß man so den wachen Trägen, 139
Wir gingen Beid’ in sinnigem ErwägenDem Abend zu, und sahn, so weit man kann,[251] 142
Und sieh, ein Rauch kam nach und nach heran,Der, schwarz wie Nacht, sich bis zu uns erstreckte, 145
Daher er bald uns Aug’ und Himmel deckte._______________
Sechszehnter Gesang.
III. Kreis. Fortsetzung. Marco Lombardo’s Rede von den zwei Sonnen. Dante’s politisches Glaubensbekenntniß.
1
Das Schwarz der Höll’ und einer Nacht, durchfunkelt[253]Nicht von des ärmsten Himmels bleichstem Schein, [286]
Vom dichtesten der Nebel rings umdunkelt, 4
Nie schloß es mich in gröbern Schleier ein,Als jener Rauch, der dorten uns umflossen; 7
Nicht konnt’ ich stehn, die Augen unverschlossen,[254]Drum nahte sich und seine Schulter bot 10
So wie der Blinde gern in seiner NothDem Führer nachfolgt, um nicht anzurennen 13
So folgt’ ich ihm, ohn’ etwas zu erkennen,Durch widrig bittern Qualm, und horcht’ auf ihn, 16
Ich hörte Stimmen dort, und jede schienUm Gnad’ und Frieden zu dem Lamm zu stöhnen, 19
Agnus Dei, hört’ ich den Anfang tönen,Wobei sich Aller Wort und Weise glich, 22
„„Dies sind wohl Geister, Herr!““ so wandt’ ich michAn ihn, und Er: „Es ist, wie du entscheidest; 25
„Wer bist du, der du unsern Rauch durchschneidest,Von dem man, wie du von uns sprichst, vernimmt, 28
Die Rede ward von einem angestimmt,Drum sprach mein Meister: „Stille sein Begehren, [287]
Und frag’ ihn, ob man hier nach oben klimmt.“ 31
„„Geschöpf, das, um zum Schöpfer heimzukehren,Sich reiniget und schön wird, wie zuvor, 34
So ich, und Er: „Ich schreite mit dir vor,So weit ich darf, und, um uns nicht zu scheiden, 37
Drauf ich: „„Obschon die Hüllen mich umkleiden,Die nur der Tod lös’t, schreit’ ich doch hinauf, 40
Und nahm der Herr mich so zu Gnaden auf,Daß ich vermag zu ihm empor zu streben, 43
So sage mir, wer warst du einst im Leben,Und ob ich hier die rechte Straße hielt, 46
„Mark hieß ich einst, und was die Welt enthielt,[257]Ich kannt’ es wohl und strebte nach dem Preise, 49
Grad’ vor dir ist der Weg zum höhern Kreise.“Er sprach’s: „Noch bitt’ ich dich,“ so fügt’ er bei, 52
Und ich zu ihm: „„Bei meiner Treu’, es sei!Doch wisse, daß ich einen Zweifel finde,[258] 55
Er war einst einfach, doppelt jetzt empfindeIch ihn in mir, nach dem was du gesagt, 58
Wahr ist’s, die Welt, so wie du mir geklagt,[288]
Ist öd’ an jeder Tugend, jeder Ehre, 61
Doch daß ich sie erkenn’ und Andern lehre,So bitt’ ich, deute jetzt die Ursach’ mir. 64
Ein bang gepreßtes Ach! entwand sich hierLaut seiner Brust, und dann begann er: „Wisse, 67
Ihr, die ihr lebt, sprecht immer nur, es müsseDer Himmel selber Schuld an Allem sein, 70
Wär’s also, sprich, wo wäre nur ein Schein[259]Von freiem Willen? wie entspräch’s dem Rechte, 73
Anstoß leih’n eurer Regung Sternenmächte;[260]Nicht jeglicher; jedoch auch dies gesetzt. 76
Und freier Wille, der, wenn er auch jetztZuerst nur mühsam mit den Sternen streitet, 79
Und seid ihr frei, so ist das, was euch leitet,Bess’re Natur und größre Kraft – ein Geist, 82
Drum, wenn die Welt mit sich der Irrthum reißt,In euch nur liegt der Grund, liegt in euch Allen, 85
Es kommt aus dessen Hand, deß Wohlgefallen[261][289]
Ihr lächelt, eh’ sie ist, gleich einem Kind, 88
Die junge Seele, die nichts weiß und sinnt,Als, daß, vom heitern Schöpfer ausgegangen, 91
Sie schmeckt ein kleines Gut erst, fühlt VerlangenUnd rennt ihm nach, wenn sie kein Führer hält, 94
Gesetz, als Zaum, ist nöthig drum der Welt,[262]Ein Herrscher auch, der von der Stadt, der wahren, 97
Gesetze sind, doch wer mag sie bewahren?[263]Kein Mensch, denn seht, ein Hirt, der wiederkaut, 100
Daher die Heerde, die dem Führer traut,Der das verschlingt, wonach sie selber lüstert, 103
Drum, was man auch von anderm Grunde flüstert,Nicht die Natur ist ruchlos und verkehrt, 106
Rom hatte, da’s zum Glück die Welt bekehrt,Zwei Sonnen, und den Weg der Welt hatt’ Eine,[264] [290]
Die andere den Weg zu Gott verklärt. 109
Verlöscht ward eine von der andern Scheine,Und Schwert und Hirtenstab von einer Hand 112
Denn nicht mehr fürchten, wenn man sie verband,[265]Sich Hirtenstab und Schwert – du kannst’s begreifen, 115
Man sah im Land, das Etsch und Po durchstreifen,[266]Eh’ man dem Kaiser Widerstand gethan, 118
Jetzt finden, die den Guten sich zu nahnUnd sie zu sprechen, sich erröthend scheuen, 121
Die alten Zeiten schelten dort die neuenNoch durch drei Greise von der ächten Art, 124
Konrad Pallazzo ist es und Gherard[267]Und Guid’ Castel, der besser heißen würde 127
Roms Kirche fällt, weil sie die Doppelwürde,[268]Die Doppelherrschaft jetzt in sich vermengt, [291]
In Koth besudelnd sich und ihre Bürde.“ – 130
„„Mein Marco,““ sprach ich, „„klares Licht empfängtDurch deine Rede jetzt mein Geist – ich sehe[269] 133
Doch sage, welcher Gherard, meinst du, steheAls Denkmal noch versunkner guter Zeit, 136
„Betrügst, versuchst du mich in meinem Leid?“So Er: "Du, Tuskisch sprechend, thust dergleichen, 139
Den Namen kenn’ ich, sonst kein andres Zeichen,Wenn man’s von seiner Gaja nicht entnimmt,[270] 142
Sieh, wie im weißen Glanz der Rauch entglimmt. –Fort muß ich, denn schon ist der Engel dorten; 145
Er sprach’s, und horchte nicht mehr meinen Worten._______________
Siebenzehnter Gesang.
Vision der Bilder des Zorns. IV. Kreis: Träge Christen, eilig laufend. Abend. Excurs über die moralische Eintheilung des Fegefeuers.
1
Denk, Leser, wenn dich Nebel je umstrickteAuf Alpenhöh’n, durch den, wie durch die Haut 4
Wie, wenn der feuchte Qualm, der dich umgraut,Nun dünn wird und beginnt sich zu erhellen, [292]
7
Und doch vermagst du kaum dir vorzustellen,Wie ich die Sonn’ jetzt wiedersah, die sich 10
So, gleichen Schritts mit meinem Hort, entwichIch aus der Wolk’, als wie aus dunkler Klause, 13
O Phantasie, die du aus ihrem Hause[271]Weithin die Seel’ entrückst, daß man’s nicht spürt, 16
Was regt dich auf, wenn nichts dein Sinn berührt?Das Himmelslicht erregt dich, das hernieder 19
Die Arge sah ich, die sich im Gefieder[272]Des Vogels barg, der ewig Reu’ und Gram 22
Und ganz zurückgedrängt ward wundersamHier meine Seel’ in sich, zu nichts sich neigend, 25
Darauf erschien, der Phantasie entsteigend,[273]Ein Mann am Kreuz, so trotzig stolz, wie er 28
Ich sah dabei den großen Ahasver,Esther, sein Weib, und Mardochai, den Frommen, 31
Und dieses Bild zersprang, kaum wahrgenommen,Gleich einer Blase, die mit kurzem Schein 34
Dann zeigte mein Gesicht ein Mägdelein.[274][293]
„O Fürstin, Mutter!“ rief die Thränenvolle, 37
Du starbst, daß dein Lavinia bleiben solle.Bin ich nun dein? Vor seinem Tode zwingt 40
Gleich wie der Schlaf in jähem Schreck zerspringt,Wenn Strahlen an des Schläfers Antlitz prallen, 43
So sah ich jetzt mein Traumbild niederfallen,Als mir ein Licht ins Antlitz schlug, so klar, 46
Ich wandte mich, zu sehen, wo ich war,Als eine Stimm’ erklang: „Hier müßt ihr steigen!“ 49
Sie zwang den Willen, sich dorthin zu neigen,Zu sehn, wer sprach, und ließ, bis ich belehrt, 52
Wie von der Sonne, die den Blick beschwert,Durch zu viel Licht ihr eignes Bild bedeckend, 55
„Ein Himmelsbot’ ist’s, uns den Weg entdeckend,Der aufwärts führt, auch ohne daß wir flehn, 58
Wie wir uns selber thun, ist uns geschehn;[275]Denn wer die Noth erblickt und harrt der Bitte, 61
Auf! solchem Rufe nach mit raschem Tritte![276]Wir müssen aufwärts, eh’ das Dunkel naht, 64
Mein Führer sprach’s, worauf zum Felsgestad’Wir, hingewandt nach einer Stiege, gingen, [294]
67
Fühlt’ ich ein Weh’n, wie von bewegten Schwingen,[277]Im Angesicht, und laut erklang’s, mir nah’: 70
Der Sonne letzte bleiche Strahlen sahIch über uns, gefolgt von nächt’gen Schatten. 73
„„O, meine Kraft, was mußt du so ermatten!““[278]So sprach ich still bei mir, denn ich empfand, 76
Wir waren auf der höchsten Stufe Rand,Und standen fest, wie angeheftet, dorten, 79
Aufmerksam lauscht’ ich erst nach allen Orten,Ob nichts zu hören sei, und wandte nun 82
„„Mein süßer Vater, sprich, welch übles ThunFührt uns zur Läuterung in diesem Kreise? 85
„Trägheit zum Guten,“ Sprach darauf der WeiseZahlt hier die dort gemachten Schulden erst; 88
Merk’ auf, damit du’s deutlicher erfährst,Weil ungenutzt sonst unser Stillstand bliebe. 91
Nicht Schöpfer, noch Geschöpf ist ohne Liebe,[279][295]
Noch war es je. Du weißt, in der Natur 94
Nie irrt die erste von der rechten Spur.Die zweite kann im Gegenstande fehlen, 97
Weiß sie zum Ziel das erste Gut zu wählen,Ist sie beim zweiten nicht zu heiß, zu kalt, 100
Doch schweift sie ab zum Bösen, ist sie baldZum Guten lau, zu eifrig bald im Rennen, 103
So muß die Liebe, wie du wirst erkennen,In euch die Saat zu jeder Tugend streu’n, 106
Nun, weil ob ihres Gegenstands sich freu’nDie Liebe muß, an dessen Heil sich weiden, 109
Und weil kein Sein sich kann vom Ursein scheidenUnd ohne dieses für sich selbst bestehn, 112
Drum kannst du, folgr’ ich richtig, deutlich sehn:Am Nächsten nur hat Liebe man zum Schlimmen, 115
Der hofft zur Herrlichkeit empor zu klimmenDurch Andrer Fall, und dieses muß zur Lust, [296]
Die Größe zu erniedrigen, ihn stimmen. 118
Der Gunst, des Ruhmes und der Macht VerlustScheut der, wenn sich ein Andrer aufgeschwungen, 121
Der ist entrüstet von Beleidigungen,Drob Durst nach Rach’ in ihm sich offenbart, 124
Ob dieser Liebe von dreifacher ArtWeint man dort unten – jetzt vernimm von Liebe, 127
Nach einem Gute strebt mit dunklem TriebeDer Mensch, und fühlt, daß seiner Wünsche Glut, 130
Die träge Lieb’ ist’s zu dem wahren Gut,Die säumt, es zu erschau’n, es zu erringen, 133
Gut scheinen andre Güter, doch sie bringenNicht wahres Glück, sind Stoff und Wurzel nicht, 136
Die Lieb’, auf solches Gut zu sehr erpicht,Büßt in drei Kreisen oberhalb mit Zähren;[282] 139
Das sollst du selbst dir suchen und erklären.“_______________
Achtzehnter Gesang.
Fortsetzung des Excurses über die Liebe. Die Schatten. Albertus von S. Zeno.
1
Mein hoher Lehrer hatte seiner LehreEin Ziel gesetzt, und blickt’ aufmerksam mir 4
Ich, noch gereizt von frischem Durst nach ihr,Schwieg äußerlich, doch sprach bei mir im Stillen: 7
Doch der wahrhafte Vater, der den Willen,[297]
Den schüchternen, bemerkt, gab sprechend jetzt 10
Drum ich: „„Dein Licht, mein theurer Meister, letztMein Auge so, daß es an allen Dingen, 13
Doch, süßer Vater, laß es tiefer dringen.Was ist doch jene Lieb’ – ich bitte, sprich! – 16
„Scharf richte deines Geistes Aug’ auf mich,“Versetzt’ er, „und den Irrthum jener Blinden, 19
Der Geist, geschaffen, Liebe zu empfinden,[283]Bewegt sich schnell zu Allem, was gefällt, 22
Was Wirklichkeit euch vor die Augen stellt,Faßt der Begriff, dem Willen es zu zeigen, 25
Und diese Richtung, dies Entgegenneigen,[298]
Lieb’ ist es, ist Natur, die dem, was schön 28
Dann, wie die Flamm’ emporglüht zu den Höhn,Durch ihre Form bestimmt, dorthin zu streben,[284] 31
So scheint der Geist der Sehnsucht nur zu leben,Der geistigen Bewegung, die nicht ruht, 34
Drum sieh, wie noth die Wahrheit Jenen thut,Die, lehren wollend, noch den Irrwahn hegen, 37
Gut ist vielleicht ihr Grundstoff allerwegen;Doch sei das Wachs auch echt und gut, man preist 40
Drauf ich: „„Dein Wort und mein folgsamer Geist,Sie lassen mich der Liebe Wesen sehen, 43
Denn, muß durch äußern Reiz die Lieb’ entstehen,Lenkt die Natur die Seele, wie ist’s dann 46
„Hör’ jetzt, wie weit Vernunft hier schauen kann,“[285]So Er, „dort stellt Beatrix dich zufrieden, 49
Die wesentliche Form – sie ist geschiedenVom Stoff und ihm vereint, und eine Kraft 52
Sie kann, nicht fühlbar bis sie wirkt und schafft,Durch Wirkung nur sich zeigen und bewähren, 55
Daher vermag der Mensch nicht, zu erklären,Woher zuerst in ihm Begriff’ entstehn, 58
Denn wie den Trieb, dem Honig nachzugehn,Die Bien’ erhielt, so habt ihr es erhalten, [299]
61
Doch fühlt ihr auch die Kraft, die Rath giebt, walten,Und sie, der andern Haupt und Herrscherin, 64
Sie, des Verdienstes und der Schuld Beginn,Nimmt, wie euch gut’ und schlechte Lieb’ entzündet, 67
Drum haben Jene, so die Sach’ ergründet,[286]Die angeborne Freiheit wohl bedacht, 70
Mag wirklich nun im Innern, angefachtVon der Nothwendigkeit, die Lieb’ entbrennen, 73
Die edle Kraft wird Beatrice nennen,Wenn sie dir kund vom freien Willen thut, 76
Der Mond, der fast bis Mitternacht geruht,[287]Kam jetzt hervor, der Sterne Zahl beschränkend, 79
Den Pfad dem Himmelslauf entgegen lenkend,[300]
Den Pfad, den Sol, von Rom gesehn, durchglüht, 82
Der edle Geist, ob deß im Ruhme blüht[288]Pietola vor Mantua’s andern Orten, 85
Ich, der die Zweifel all in seinen WortenGelöset sah, und alles hell und klar, 88
Doch plötzlich naht’ im Kreislauf eine Schaar,[290]Und scheuchte diese Schläfrigkeit des Matten, 91
Und wie Böotiens Flüss’ in nächt’gen Schatten[291]Ein wild Gedräng’ an ihrem Strande sahn, 94
So sah ich Jen’ im Kreise trabend nahnUnd alle trieb – so wollte mir’s erscheinen – 97
Und schon bei uns, denn zögern sah ich Keinen,War angelangt der ganze große Hauf’. 100
„Rasch zum Gebirge ging Mariens Lauf![292][301]
Und Cäsar, um Ilerda zu gewinnen,[293] 103
„Rasch, laßt aus Trägheit nicht die Zeit entrinnen,“Schrie’n Alle nun, „es macht der rege Fleiß 106
„O Ihr, in denen Eifer scharf und heißDas, was ihr dort aus Lauheit nicht vollbrachtet, 109
Der, welcher lebt – nicht sag’ ich Lügen – trachtetEmporzusteigen, wenn der Morgen wach, 112
Mein Führer sagte dies, und Einer sprach:„Wollt ihr zum Orte, wo der Fels, gespalten 115
Uns ist es nicht erlaubt, uns aufzuhalten,Denn Eile treibt uns fort, drum mögt ihr nicht, 118
Ich übt’ in Zeno’s Haus des Abtes Pflicht,[294]Unter des guten Rothbart Herrscherstabe, 121
Und Einer, schon mit einem Fuß im Grabe,Er weint, gedenkend jenes Klosters, bald, 124
Weil er den Sohn, verpfuscht an der Gestalt,Noch mehr verpfuscht am Geiste, schlecht geboren, 127
Ob er noch sprach? ob schwieg? – vor meinen OhrenVerklang, sich schnell entfernend, jener Ton. [302]
Doch merkt’ ich dies, und hab’ es nicht verloren. 130
Und Er, in jeder Noth mein Helfer schon,Sprach: „Sieh dorthin, woher die beiden kommen, 133
Sie riefen Jenen nach: „Erst umgekommen[295]War jenes Volk, dem sich das Meer erschloß, 136
Und Jenes, das die edle Müh’ verdroß,[296]Bis an sein Ziel Aeneen zu begleiten, 139
Die Schatten schwanden kaum in fernen Weiten,Als ein Gedank’ aufs Neu’ in mir entstand, 142
Dem sich verwirrt der Dritte, Viert’ entwand,Bis wonnig mir die Augenlider sanken; 145
Da ward zum Traum das Wogen der Gedanken._______________
Neunzehnter Gesang.
Vision der Weltlust und der Gnade. V. Kreis, Geizige und Verschwender, (22, 34), an der Erde, gefesselt. Fünfter Morgen der Reise. Das vierte P verschwindet. Papst Hadrian V.
1
Wenn – von der kalten Erde überwunden,[297]Auch vom Saturn – den Nachtfrost zu durchlau’n, 4
Wenn in dem Osten vor des Frühlichts Grau’n,[298][303]
Auf Wegen, drauf die Nacht bald wird vergehen, 7
Sah ich ein Weib im Traume vor mir stehen,[299]Ganz fahl, verstümmelt, stotternd, krumm gebückt, 10
Ich schaut’ auf sie – wie der, den Nachtfrost drückt,Gestärkt wird und belebt vom Blick der Sonnen, 13
Schnell sprang das Band, das ihre Zung’ umsponnen;Sie richtete sich auf; ein rother Schein, 16
Kaum fühlte sie die Zunge sich befrei’n,Als sie ein Lied begann, so holden Sanges, 19
„Ich, der Sirenen süßeste,“ so klang es,„Ich bin’s, durch die vom Weg der Schiffer schweift; 22
Mir folgt’ Ulyß, der lang umhergestreift,[300]Und wie Entzücken ihn und Wollust kirren, 25
Noch hört’ ich in der Luft die Töne schwirren,Da trat geschwind ein heil’ges Weib mir nah’, 28
„Virgil! Virgil! sprich, wer ist diese da?“Sie rief’s mit Streng’, als sie dies Weib entdeckte, [304]
31
Sie aber riß das Kleid, das Jene deckte,Ihr vorn entzwei, daß mir der Leib erschien, 34
Ich schlug die Augen auf und sah auf ihn.„Schon dreimal rief ich dich,“ begann der Weise. 37
Ich richtete mich auf, und alle KreiseDes heil’gen Bergs erfüllte Morgenpracht, 40
Ich folgt’ ihm nach, und neigte, ganz erwacht,Die Stirn, wie Einer, der in schweren Sinnen[302] 43
„Kommt, hier steigt auf!“ So hört’ ich’s nun beginnen,Mit Tönen, wie sie nie im ird’schen Land 46
Die Flügel, wie des Schwanes, ausgespannt,Winkt’ uns der Engel vor, und beide gingen 49
Er weht’ uns an mit den bewegten Schwingen,[303]Und sprach: „Heil dem, der stark das Leid erträgt, 52
„Was hast du, das dich immer noch erregt?Was sinkt verworren noch dein Blick zur Erden?“ 55
„„Ein neu Gesicht – noch seh’ ich die Geberden““ –Versetzt’ ich, „„macht mich so in Zweifeln gehn! 58
„Die alte Hexe – hast du sie gesehn,Ob der man dorten klagt, wohin wir reisen,“ [305]
Sprach Er, „und wie man’s macht, ihr zu entgehen? 61
Doch weiter jetzt. Schau auf! das mächt’ge Kreisen[304]Der Himmel in des Königes Gebiet, 64
Wie erst der Falk auf seine Klauen sieht,Doch dann nicht säumt, sich nach dem Ruf zu wenden, 67
So ich – so klomm ich zwischen Felsenwänden,Soweit der Weg sich hebt im engen Schlund, 70
Und als ich frei im fünften Kreise stund,Da lagen Leute, die sich weinend plagten,[305] 73
„Ach! meine Seele klebt’ am Staube!“ klagtenSie All’ und ihrer Seufzer laut Getön, 76
„Ihr Gotterwählte, deren AngstgestöhnGerechtigkeit und Hoffnung mild versüßen, 79
„Kommt ihr, gewiß, nicht liegend hier zu büßen,So nehmt nur, links den Felsen, euren Lauf, 82
So bat Virgil und so versetzt’ es draufNicht weit von uns, und, schnell errathend, klärte 85
Als ich den Blick nach dem des Führers kehrte,Stimm’ er mit frohem Winke gern mir bei, 88
Kaum stand mir nun nach Wunsch zu handeln frei,So sucht’ ich ihn, deß Wort den Sinn verborgen: [306]
Er wisse nicht, daß ich noch lebend sei. 91
Und sprach: „„O Geist, für den des Heiles MorgenDurch Thränen früher tagt, o laß für mich 94
Wer warst du, und was kehrt dein Rücken sichEmpor? und dort, woher ich, noch im Leben, 97
„Wie wir hier liegen für verkehrtes Streben,Bald hörst du’s,“ sprach er, „doch vernimm zuvor: 100
Bei Sestri rollt aus einem Thal hervorEin schöner Fluß, den das Geschlecht der Meinen 103
Ich fühlt’ als Papst fünf Wochen lang, daß Einen,Der rein die Stola hält, sie so beschwert, 106
Und leider ward ich nur zu spät bekehrt;Doch als ich zu dem heilgen Stuhl gelangte, 109
Ich sah, daß dort das Herz nie Ruh’ erlangte,Daß jenes Leben mir nichts Höh’res bot, 112
Bis dahin war ich arm, getrennt von Gott,Und völlig machte mich der Geiz zum Sklaven, 115
Die Läut’rungsqualen, die mich hier betrafen,Thun dir des Geizes Art und Wesen kund, 118
Wie einst das Auge nicht nach oben stund,Und nur gefesselt war von ird’schen Dingen, 121
Und wie den Trieb, das Gute zu vollbringen,Der Geiz erstickt und nimmer handeln läßt, 124
Hier Hand und Fuß gebunden und gepreßt;[307]
So liegen wir bis uns der Herr die Glieder 127
Antworten wollt’ ich ihm und kniete nieder,[307]Doch da ich sprach, und er durch’s Ohr erkannt, 130
„Was kniest du hier?“ Und ich drauf: „„Ich empfand[308]Ob deiner Würde Vorwürf’ im Gewissen, 133
„Bruder, steh’ auf!“ – so Er – „du mußt ja wissen,Dein Mitknecht bin ich nur von Eines Macht, 136
Und hattest du des heil’gen Spruches Acht:[309]Sie freien nicht, so wirst du dir erklären, 139
Jetzt geh. Dein Weilen hemmt den Lauf der Zähren,Die früher mir – denk’ an dein eignes Wort –[310] 142
Alagia, eine Nichte, hab’ ich dort,[311]Gut von Natur, reißt nicht zu schlechten Trieben 145
Und sie allein ist jenseits mir geblieben.“_______________
Zwanzigster Gesang.
Fortsetzung. Hugo der Große (Capet). Rede von der Würde des Papstthums an sich.
1
Schwer kämpft der Wille gegen bessern Willen,[312]Drum zog ich ungern jetzt vom Quell den Mund, 4
Wir gingen einen Weg, wo frei der Grund[313]Zum Gehen war, entlang dem Felsgestade, 7
Denn jene Schaar, die sich im Thränenbade[315]Vom Uebel, das die Welt erfüllt, befreit, 10
Du alte Wölfin, sei vermaledeit!Kein Thier erjagt sich Beute gleich der Deinen, 13
O Himmel, dessen Kreislauf, wie wir meinen,[316]Der Erde Sein und Zustand wandeln soll, 16
Wir gingen langsam fort und mühevoll,Ich horchend, als aus jener Schatten Mitte [309]
19
„Maria, süße!“ klang’s vor meinem Schritte,[317]Und wie ein kreisend Weib zu jammern pflegt, 22
„Du warst so arm!“ so sagt’ es dann bewegt,„Der Armuth sehn wir jene Kripp’ entsprechen, 25
„Fabricius, Wackrer!“ hört’ ich’s weiter sprechen,[318]„Tugend mit Armuth schien dir mehr Gewinn, 28
Gar wohl gefiel mir dieser Rede Sinn,Und um zu sehn, wer von den Felsenbänken 31
Und weiter sprach er noch von den Geschenken,Die Nicolas gemacht den Mägdelein,[319] 34
„„O Geist, der du so wohl sprichst,““ fiel ich ein,„„Sprich jetzt, wer warst du und aus welchem Grunde 37
Nicht unbelohnt soll bleiben solche Kunde,Kehr’ ich zurück zum Rest der kurzen Bahn 40
Und Er: „Nicht will von dort ich Hülf’ empfahn,[321]Doch red’ ich, denn mir strahlt im hellen Lichte 43
Des Baumes Wurzel bin ich, der in dichte[322][310]
Umschattung hüllt die ganze Christenheit, 46
Doch wäre schon die Rache nicht mehr weit,Wenn Macht Gent, Brügge, Lill’ und Douais hätten, 49
Hugo bin ich, der Stammherr der Capetten,Philipp’ und Ludwige, die auf dem Thron 52
Als ich lebt’ in Paris, ein Metzgersohn,Erstarb der Königsstamm in allen Zweigen 55
Da macht’ ich mir des Reiches Zaum zu eigen,Und so vermehrt’ ich meine Macht alsdann, 58
Daß den verwaisten Thron mein Sohn gewann,Von welchem nach dem Walten ew’ger Mächte 61
Bis der Provence Mitgift dem GeschlechteDer Meinen nicht die heil’ge Scham entriß, 64
Seitdem verübt’ es That der Finsterniß,Log, raubt’ und stahl, worauf’s aus Reu’ und Buße, 67
Karl kam nach Welschland, und, aus Reu’ und Buße,Köpft’ er den Konradin, und sandte drauf [311]
70
Bald bricht ein andrer Karl im vollen Lauf,[323]Damit man möge besser noch erkennen, 73
Zur Rüstung wird er nicht sich Zeit vergönnen,Und nur mit Judas Lanze, so, daß dir, 76
Nicht Land, nur Sünd’ und Schmach gewinnt er hier,Und trägt er sie gar leicht und unbefangen, 79
Ein andrer Karl, im Seegefecht gefangen,[324]Verschachert, wie die Sclavin der Corsar, 82
O Habgier, was vermagst du nicht! SogarSein eignes Fleisch beut, schmählich überwunden 85
Doch ist der Frevel schon in Nichts verschwunden![325][312]
Ich seh’ Alagna, wo die Lilie weht! 88
Seh’ ihn darauf verspottet und geschmäht!Seh’ ihm auf’s Neue Gall’ und Essig bieten! 91
Den grimmigen Pilatus seh’ ich wüthen,[326]Seh’ nimmersatt und ohne Freibrief ihn 94
O Herr des Himmels! Wann wird mir verlieh’n,Daß ich seh’ freudenvoll die Rache tagen, 97
Du hörtest mich vorhin von Jener sagen,[327]Die einzig ist des heil’gen Geistes Braut, 100
Von ihr erklingt das Flehen leis und laut[328]Beim Tageslicht, doch von den Gegensätzen 103
Dann denken wir Pygmalions mit Entsetzen,[329]Der ein Verwandtenmörder ward, ein Dieb 106
Des Midas auch, deß Elend her sich schrieb[330][313]
Von seinem gier’gen Wunsch, der ihn nicht freute 109
Des tollen Achan auch, des Diebs der Beute,[331]Der, wie es scheint, noch hier nicht tragen kann 112
Sapphiren tadeln wir und ihren Mann,[332]Und loben den, der hinwarf Heliodoren;[333] 115
Polynestor, der todtschlug Polydoren,[334]Zuletzt erklingt es: Crassus, sprich, wie schmeckt[335] 118
Der redet laut, der leis und unentdeckt,Je wie der Drang des Leids, das wir erproben, 121
Ich sprach vom Heil, das wir am Tage loben,[336]Hier nicht allein, nur daß zu lautem Klang, 124
Wir richteten nun vorwärts unsern Gang,Nachdem wir diesen Schatten kaum verlassen, 127
Da aber zitterten des Berges Massen,[337]Als stürz’ er hin und Furcht erfaßte mich, 130
Nicht schüttelte so heftig Delos sich,[338][314]
Eh’, beide Himmelsaugen zu gebären, 133
Rings braust’ ein Ruf, um meine Furcht zu mehren,Doch näher trat zu mir mein Meister da: 136
Und konnt’ ich aus den Stimmen, die mir nah’Erklangen, recht das ganze Lied verstehen, 139
Wir blieben staunend, gleich den Hirten, stehen,Die diesen Sang zum erstenmal gehört, 142
Doch dann, zum heil’gen Weg zurückgekehrt,Sahn wir die Schatten, die am Boden lagen, 145
Noch nie bekämpften sich mit solchen PlagenIn mir Unwissenheit und Wißbegier, 148
Wonach ich grübelnd je gespäht? – wie hier.Nicht fragen durft’ ich, denn er ging von hinnen, 151
So ging ich schüchtern fort in tiefem Sinnen._______________
Einundzwanzigster Gesang.
V. Kreis. Schluß. Erklärung, warum der Berg erzitterte. Statius.
1
Der Durst, den die Natur gegeben hat,[339]Den nur das Wasser stillt, um dessen Gnade 4
Verzehrte mich und auf verengtem PfadeTrieb Eile mich, dem Führer nachzuziehn, 7
Und sieh, wie Kunde Lucas uns verliehn,[340]Daß Christus Zween, die unterweges waren, [315]
Erstanden aus dem Grabgewölb’, erschien; 10
So uns ein Schatten – hinter uns, die Schaaren,Dort ausgestreckt, betrachtend, ging er fort,[341] 13
„Gott geb’ euch Frieden, Brüder!“ war sein Wort,Das plötzlich hin zu ihm uns Beide kehrte; 16
Und sprach: „Zu denen, so der Herr verklärte,Versetz’ er dich, zu jenem sel’gen Chor, 19
Und Jener sprach: „Wenn Gott euch nicht erkor,Wenn Er euch nicht berief, hinauf zu gehen, 22
Virgil darauf: „Sieh hier die Zeichen stehen,[343]Die diesem eingeprägt vom Engel sind, 25
Allein weil Sie, die unablässig spinnt,[344]Ihm noch nicht ganz den Rocken abgesponnen, 28
Hätt’ er, allein, die Höhe nie gewonnen,Weil seine Seele, Schwester dir und mir, 31
Drum bin ich aus dem Höllenschlunde hier,Und meine Schule wies und weist ihm Alles, 34
Doch sprich, was schwankte so gewalt’gen PrallesVorhin der Berg? Was tönte bis zum Strand 37
Mein theurer Meister, also fragend, fandSo meiner Sehnsucht Oehr, daß mein Begehren, [316]
Mein Durst durch Hoffnung Lind’rung schon empfand. 40
Und Jener sprach: „Den Berg, den heil’gen, hehren,Nichts kann ihn sonder Ordnung treffen, kein 43
Frei ist von jedem Wechsel er; alleinWenn, was vom Himmel selber ist gekommen, 46
Wer jene kleine Stieg’ emporgeklommen[346]Von dreien Stufen, sieht nicht Reif noch Thau, 49
Kein Wölkchen trübt hier je des Himmels Blau,Nie blinkt des Blitzes schnell verschwundne Helle, 52
Kein trockner Dunst steigt über jene Stelle,[347]Von der ich sprach, auf der die Füße stehn 55
Von Stürmen, die im Erdenschooß entstehn,Mag’s sein, daß unten oft der Berg erdröhne; 58
Hier bebt er, wenn in neuer Rein’ und Schöne[348]Die Seele fühlt, sie woll’ erhoben sein; [317]
61
Der Reinheit Prob’ ist dieser Will’ allein;Frei, treibt er sie, zum Zuge sich zu rüsten, 64
Lang möchte sie, doch fühlt’ auch, mit GelüstenNach läng’rer Qual, daß, nach Gerechtigkeit, 67
Ich lag fünfhundert Jahr’ in diesem LeidUnd länger noch, und fühlte mir so eben 70
Drum fühltest du den ganzen Berg erbeben,Drum pries den Herrn die ganze fromme Schaar; 73
Sprach’s, und je heißer die Begierde war,Je mehr fühlt’ ich vom Tranke mich erquicken, 76
Virgil drauf: „Welche Netz’ euch hier umstricken,Wie ihr entschlüpft, was durch den Berg gezückt, 79
Das hat dein Wort mir deutlich ausgedrückt;Jetzt sage mir: Wer bist du einst gewesen? 82
Drauf Jener: „Damals als das höchste Wesen,[349][318]
Das Blut zu rächen, das für schnödes Geld 85
Da lebt’ ich mit dem Namen, der bei WeltUnd Nachwelt gilt, geschmückt mit höchstem Preise, 88
So süß war des klangreichen Geistes Weise,Daß Rom mich Tolosanen rief und hoch 91
Mich, Statius, nennt man jenseits heute noch.Von Theben hab’ ich, vom Achill gesungen, 94
Auch meine Glut ist an der Flamm’ entsprungen,Der göttlichen, die Funken ausgesprüht 97
Sie, die Aeneis, ist’s, die mich durchglüht,Sie nur war Mutter, Amme mir im Dichten, 100
O hätt’ ich mit Virgil gelebt! Mit nichten[350]Schien mir’s zu schwer, ein Jahr lang, noch im Bann, 103
Bei diesen Worten sah Virgil mich an,[351]Mit einem Blick, der schweigend sagte: „Schweige!“ 106
Nicht hindern kann, daß sich die Seele zeige,Und, wie durch sie die jähe Regung blitzt, 109
So blinkt’ ich lächelnd mit den Augen itzt,Drum sah mir Jener, dem dies nicht entgangen, 112
„So wie du mög’st zum großen Ziel gelangen,“Begann er drauf, mir zugewandt, „so sprich: [319]
115
Nun zeigen hier und dorten Schlingen sich.Der heißt mich schweigen, Jener offenbaren. 118
„Du magst dir jetzt das längre Schweigen sparen,“Begann Virgil, „sprich nur, denn er beweist 121
„„Vielleicht wohl wundert’s dich, du alter Geist,““Also begann ich jetzo, „„daß ich lachte; 124
Er, der mich aufwärts führt, wohin ich trachte,Er ist Virgil, der Quell, der deinen Sang 127
Glaubst du, daß andrer Grund des Lachens DrangIn mir erregt, magst du den Glauben lassen; 130
Da neigt’ er sich, die Knie ihm zu umfassen,Zu meinem Hort, der sprach: „Laß, Bruder, laß! 133
Und er stand auf und sprach: „Du wirst das MaßDer Liebe, die mich an dich zieht, begreifen, 136
Und Schatten sucht’ als Festes zu ergreifen.“_______________
Zweiundzwanzigster Gesang.
Rückblick auf Kreis V. Statius und Virgils vierte Ecloge. Zweite Art der nicht ganz überwundenen Weltlust (19, 7): a. VI. Kreis, die Schwelger, hungernd, unter dem Baum des Lebens liegend. (Das fünfte P an Dante’s Stirn ist verschwunden.)
1
Schon hinter uns geblieben war der Engel,[352]Der unsern Schritt zum sechsten Kreis gekehrt, 4
Sie, deren Wunsch Gerechtigkeit begehrt,[320]
Sie riefen: „Heil dem Dürstenden!“ und schwiegen,[353] 7
Ich, leichter als auf andern Felsenstiegen,[354]Ging aufwärts, den behenden Geistern nach, 10
„An Lieb’, entzündet von der Tugend,“ sprach[355]Mein Meister nun, „ist andre stets entglommen, 13
Darum, seit Juvenal hinabgekommen,Zum Höllenvorhof, und mit uns vereint, 16
War ich in Liebe dir so wohl gemeint,Wie wir sie selten Nie-Geseh’nen weihen, 19
Doch sprich, und wolle mir als Freund verzeihen,Löst mir zu große Sicherheit den Zaum, 22
Wie fand der Geiz doch – ich begreif es kaum –Bei solcher Weisheit, wie dein eifrig Streben 25
Hier sah ich Lächeln Jenes Mund umschweben,Dann sprach er: „Jedes Wort aus deinem Mund, 28
Oft werden uns von außen Dinge kund,Die falsche Zweifel in der Seel’ erregen, 31
Du scheinst – die Frage zeigt’s – den Wahn zu hegen,Daß mich der Geiz auf Erden einst geplagt, [321]
34
Jetzt wisse, daß ich ihm zu sehr entsagt,[356]Und dieses Unmaß hab’ ich hier in Schlingen 37
Dort unten müßt’ ich, Steine wälzend, ringen,Hätt’ ich dein zürnend Warnen nicht gehört:[357] 40
Verfluchter Durst nach Gold, der uns bethört!“ –Die ernste Mahnung hört’ ich dich verkünden, 43
Daß nur zu offen meine Hände stünden,Dies ward mir nun in meinem Geiste klar, 46
Wie Viel’ erstehn einst mit verschnittnem Haar,[358]Weil bis zum Tod sie nicht erkannt, daß Sühne 49
Wisse, die Schuld, die auf des Lebens Bühne[359]Sich einer andern grad’ entgegensetzt, 52
Drum sahst du mich bei jenen Schaaren jetztDer Reuigen, die einst der Geiz bezwungen; 55
„Zur Zeit, da du der Waffen Graus gesungen,[360][322]
Die Iokasten Gram zu Gram gefügt,“ 58
„War, wenn, was Klio aus dir singt, nicht trügt,Nicht durch den Glauben noch dein Herz gelichtet, 61
Nun, welche Sonne hat die Nacht vernichtet,Welch irdisch Licht, daß du an deinem Kahn 64
Und Er: „Du zeigtest mir zuerst die BahnZu dem Parnaß und seinen süßen Quellen, 67
Dem, der bei Nacht geht, warst du gleich zu stellen,[362]Dem seine Leuchte selbst kein Licht verleiht, 70
Indem du sprachst: „Erneuert wird die Zeit,Ich seh’ ein neu Geschlecht vom Himmel steigen 73
Durch dich ward mir der Ruhm des Dichters eigen;Durch dich ward ich den Christen beigesellt; 76
Von wahrem Glauben schwanger war die WeltSchon überall; es streuten diesen Samen 79
Mit deinem jetzt berührten Worte kamenDie neuen Pred’ger sämmtlich überein. 82
Sie schienen mir so heilig und so rein –Und als sie Domitian verfolgte, machten [323]
85
Und ihnen beizustehn war all mein Trachten,Da mir so redlich ihre Sitt’ erschien; 88
Eh’, dichtend, ich an Thebens Flüsse ziehn[363]Die Griechen ließ, hatt’ ich die Tauf’ empfangen, 91
Und ein versteckter Christ verblieb aus Bangen;Und ob der Lauheit hab’ ich mehr als vier 94
Sprich jetzo du, der du den Schleier mirGehoben hast vom Heile, das ich preise, 97
Wo Freund Terenz, wo Varro ist, der Weise,Cäcilius, Plautus? – sprich, ich bitte sehr, 100
„Sie, ich, und Mancher sonst,“ erwiedert’ Er,[364]„Wir sind beim Griechen, jenem blinden Alten, 103
Im ersten Kreis der blinden Haft enthalten;Oft sprachen wir von jenem Berge schon, 106
Dort ist Euripides, AnakreonMit vielen Griechen, die der Lorbeer krönte, 109
Auch Sie, von welchen einst dein Lied ertönte,[366]Antigone, Ismene, so gebeugt, 112
Auch Jene, die das Kind, das sie gesäugt,[367]Rückkehrend von Langia, todt gefunden, 115
Die Dichter schwiegen beide jetzt und stunden,Vom Steigen frei und von der Felsenwand,[368] [324]
Und sahn umher, das Weitre zu erkunden. 118
Die fünfte Dienerin des Tages stand[369]Am Wagen schon, um seinen Lauf zu leiten, 121
„Wir kehren, denk’ ich, unsre rechten Seiten,Begann mein Herr, „zum freien Rande hin, 124
So ward Gewohnheit uns’re Führerin;Auch Statius winkte Beifall dem Genossen, 127
Sie mir voraus, ich einsam, unverdrossen,Ging hinterdrein, den Reden horchend, fort, 130
Doch machte bald der Dichter süßes Wort[370]Ein Baum mit würzig duft’gen Aepfeln schweigen. 133
Und wie die Tann’ aufwärts, von Zweig zu Zweigen,Sich enger abstuft, so von Sproß zu Sproß 136
Auf jener Seite, wo der Weg sich schloß,Fiel klares Naß vom hohen Felsensaume, 139
Da nahte sich das Dichterpaar dem Baume,Aus dessen Zweigen eine Stimm’ erscholl: [325]
„Die Speise hier wird theuer eurem Gaume![371] 142
Der Hochzeit nur, um ganz und ehrenvoll[372]Sie auszurichten, galt Maria’s Sinnen, 145
Nur Wasser tranken einst die Römerinnen;Nicht Königskost hat Daniel gewollt,[373] 148
Die Urzeit war so schön wie lautres Gold,Als Eichen noch dem Hunger leckre Speisen, 151
Heuschrecken hat und Honig einst zu speisenDer Täufer in der Wüste nicht verschmäht, 154
Wie’s offenbart im Evangelium steht.“_______________
Dreiundzwanzigster Gesang.
Fortsetzung. Die Schatten. Forese Donati redet über die Ueppigkeit der florentinischen Frauen.
1
Indeß ins Laubwerk meine Blicke drangen,[374]So scharf und spähend, wie sie Einer spannt, 4
Rief Er, der mehr als Vatersorg’ empfand:„Sohn, komm. Die Zeit, die uns verliehn zum Reisen, 7
Schnell wandt’ ich Blick und Schritt zu beiden Weisen,Die also sprachen, daß zum leichten Gang [326]
10
Sieh, da erklangen Klagen und Gesang:„Herr, meine Lippen,“ klang’s mit einem Stöhnen,[375] 13
„„Mein süßer Vater, welche Stimmen tönen?““Ich rief’s und Er drauf: „Schatten sind’s, die nun 16
Wie unterweges eil’ge Wandrer thun,Die Leut’ einholen, welche sie nicht kennen, 19
So kam jetzt hinter uns in schnellerm RennenEin frommer Haufe, lief vorbei und schaut’ 22
Die Augen tief und hohl und nachtumgraut,Erschienen sie, die Hagern, die Erblaßten, 25
So mager, glaub’ ich, war nach langem Fasten,[376]So ausgetrocknet nicht Erisichthon, 28
Sie gleichen jenen, dacht’ ich, da sie flohn,Die einst Jerusalem verloren haben, 31
Tief war das Aug’ in seinem Rund vergraben,[377]Das einem Ringe sonder Gemme glich, 34
Daß eines Apfels Duft so jämmerlich[378]Zurichten könn’ und Duft von einer Quelle, [327]
37
Schon forscht ich, wie der Hunger sie entstelle,Indem ich noch die Ursach nicht verstund, 40
Da sah’ ich, wie aus seines Hauptes GrundEin Geist auf mich die Augen forschend richte, 43
Nie hätt’ ich ihn erkannt am Angesichte,Doch durch die Stimme ward mir offenbar, 46
Und dieser Funke machte völlig klarMir die Erinn’rung, daß ich sein gedachte, 49
Und er begann nun flehend: „Ach verachteDie dürre Haut nicht, noch mein blaß Gesicht, 52
Gieb wahrhaft mir von deinem Loos Bericht,Und von den Zwei’n, die bei dir sind – ich flehe! – 55
„„Dein Angesicht, bei dem mit tiefem Wehe,““Begann ich, „„als ich’s todt sah, ich geklagt, 58
Drum sprich, bei Gott, was so dein Laub zernagt?Nicht wolle, daß ich, weil ich staun’, erzähle, 61
„Vom ew’gen Rath,“ so sprach Forese’s Seele,„Sinkt eine Kraft, die Bach und Baum durchdringt,[380] 64
Sie ist’s, die Jeden, der hier weinend singt,Zur Heiligkeit vom wüsten Schwelgerleben 67
Der Duft, den jene Früchte von sich geben,Der Quell auch, der sie netzt, entflammt der Brust [328]
70
So oft im Kreis wir dorthin ziehn gemußt,Wird immer diese Pein in uns erneuert – 73
Weil nach dem Baum uns jener Drang befeuert,Der Christum froh dahin zum Kreuz gebracht, 76
Drauf ich: „„Forese, seit du jene NachtVertauscht mit diesem bessern Leben, zählte 79
Wenn dir die Kraft zu sünd’gen eher fehlte,[381]Als du durchdrungen warst von gutem Leid, 82
Wie stiegst du in so kurzer Frist so weit?Dort unten dich zu finden mußt’ ich meinen,[382] 85
Und Er: „Zum süßen Wermuthstrank der PeinenHat mich befördert meiner Nella Fleiß[383] 88
Denn ihr Gebet, ihr Stöhnen fromm und heiß,Hat mich der Küste, wo man harrt, entzogen, 91
Ihr, die ich so geliebt, ist Gott gewogen,Weil sie, der nur der Tugend Reiz gefällt, 94
Der Sarden rauhes Bergesland enthält[384]Mehr Scham und Sitte noch in seinen Frauen, 97
O süßer Bruder, soll ich dir’s vertrauen?[329]
Ich glaube schon die Zukunft, der das Heut 100
Wo man den frechen Frau’n, die ungescheut[385]Den Busen mit den Brüsten offenbaren, 103
Wann mußten Frau’n von Türken und Barbaren,Um mit bedeckter Brust einherzugehn, 106
Doch könnten nur die Unverschämten sehn,Was ihnen schon der Himmel vorbereitet, 109
Sie jammern, wenn kein Wahn mich hier verleitet,Eh’ auf deß Wange, der jetzt eingelullt[386] 112
Jetzt sprich von dir und zahle mir die Schuld.Sieh Alle, die dorthin die Augen lenken, 115
Und ich versetzt’ ihm: „„Willst du deß gedenken,Was du mit mir einst warst, und ich mit dir, 118
Vor Kurzem hat von dort Er, der vor mirAls Führer geht, mich mit sich fortgenommen, 121
– Die Sonne zeigt’ ich; „„mir zum Heil und FrommenBin ich durch wahren Todes tiefe Nacht 124
Er hat im Kreislauf mich emporgebrachtZu diesem Berg, wo die sich grad’ erheben, 127
Er wird mir sein Geleit so lange geben,Bis ich gelangt zu Beatricen bin; 130
Es ist Virgil““ – hier zeigt’ ich nach ihm hin –[330]
„Sieh auch den Andern, und erkenne diesen, 133
Da euer Reich ihn von sich weggewiesen.“_______________
Vierundzwanzigster Gesang.
VI. Kreis, Schluß. Forese zeigt Papst Martin IV. u. A. Das vorletzte P an Dante’s Stirn verschwindet.
1
Nicht hemmt’ uns Gehn im Reden, Red’ im Gehn;Der Lauf ging beim Gespräch so rasch von statten, 4
Und die, wie’s schien, zweimal gestorbnen Schatten,Sie sogen Staunen durch die Augen ein, 7
„„Wohl eil’ger,““ sprach ich weiter, „„würd’ er sein,[388]Zum Platz zu ziehn, der dort ihm angewiesen, 10
Doch sprich, wo ist Piccarda? Wer von diesen,[389]Von welchen jeder Blick jetzt auf mir ruht, 13
„Sie, meine Schwester, einst so schön als gut,Trägt dort, wo wir das ew’ge Licht erkennen, 16
Sprach’s, und darauf: „Hier darf man Alle nennen,Denn, vom heilsamen Fasten abgezehrt, 19
Sieh dort“ – er sprach’s, den Finger hingekehrt –„Den Buonagiunta; sieh dort den Erblaßten, 22
Deß Arme dort die heil’ge Kirch’ umfaßten![390][331]
Er war von Tours und büßt hier manchen Schmaus 25
Noch wählt’ er Manchen von der Schaar heraus,Und nannt’ ihn mir, was Jeden sehr erfreute, 28
Ich sah den Bonifaz, der viele Leute[391]Mit Pfründen-Fett geazt; den Ubaldin, 31
Sah den Marchese, den, trotz allem ZiehnAus seinem Krug, der Durst nur ärger brannte, 34
Doch wie, wer viel sah, Eins nur wählt, so wandte,Ich mein Gesicht nun zu dem Buonagiunt,[392] 37
Er murmelt’ in sich, und von seinem Mund,An dem sich hier der Schlemmer Sünden rächen, 40
Ich sprach: „„Der du das Schweigen abzubrechenSo lüstern scheinst, sprich so, daß man’s versteht, 43
Drauf Er! „Ein Weib, das noch entschleiert geht,Gibt dir dereinst an meiner Stadt Behagen, 46
Du wirst dorthin die Rede mit dir tragen,Und trog mein Murmeln dich, in kurzer Zeit 49
Doch sprich, erblick’ ich den in meinem Leid,Der jene neuen Weisen fand, beginnend: [332]
52
Drauf ich: „„Dem Hauch der Liebe lausch’ ich sinnend;[394]Was sie mir immer vorspricht, nehm’ ich wahr 55
„Den Knoten, Bruder,“ sprach er, „seh’ ich klar,Die von dem neuen süßen Styl gehalten 58
Ich seh’, ihr lasset nur die Liebe walten,Und eure Feder folgt, wie sie gebeut, 61
Wer, Beifall suchend, keck sie überbeut,Gibt Schwulst, statt deß, was euch Natur verliehen.“ 64
Wie Vögel, die zum Nil im Winter ziehen,Bald sich versammeln im gedrängten Hauf, 67
So machten alle dort sich wieder auf;Uns abgewendet, sie sich fortbegaben, 70
Und gleich wie Einer, athemlos vom Traben,Die Andern läßt, um ganz gemach zu gehn, 73
So war es mit Forese jetzt geschehn;Er ließ voraus uns ziehn die heil’ge Heerde [333]
76
„„Nicht weiß ich es. Doch glaub’ ich, daß der Erde,““[397]Versetzt’ ich, „„nicht so schnell mein Geist entfleugt, 79
Seh’ ich die Stätte dort, die mich erzeugt,Tagtäglich mehr vom Guten sich entblößen, 82
Und Er: „Jetzt geh; den Stifter alles Bösen[398]Seh’ ich am Schweif des Pferds geschleppt zum Ort, 85
Stets schneller geht der Lauf des Thieres fort,Und endlich läßt’s den Leib des Jammervollen 88
Nicht lange werden diese Kreise rollen“– Zum Himmel blickt er auf – „und klar wird dir, 91
Bleib’ jetzt zurück; die Zeit ist theuer hier,Und daß ich gleichen Schritts mit dir gegangen, 94
Wie Einer, wenn die Reiter vorwärts drangen,Hervorsprengt aus der Reih’, in der er ritt, 97
So trennt’ er sich von uns mit größerm Schritt,Indeß ich hinter ihm mit meinem Horte 100
Schon war er vor uns an so fernem Orte,Daß ihm mein Blick mehr folgen konnte kaum, 103
Als wir voll Obstes einen andern BaumMit üppigem Gezweig nicht fern entdeckten, 106
Und Leute, die hinauf die Hände streckten,[400][334]
Schrie’n auf zum Laub, das in die Lüfte steigt, 109
Die bitten, während der Gebetne schweigt,Und um zu schärfen die Begier, ihr Sehnen[401] 112
Dann gingen sie, geheilt vom eitlen Wähnen;Wir aber schritten zu dem Baum heran, 115
„Vorüber schreitet, denn ihr dürft nicht nahn!Der Baum, der Even reizt’, ist weiter oben, 118
So sprach, ich weiß nicht wer, vom Baume droben,[402]Weshalb Virgil mit Statius, eng gedrängt, 121
„An die verfluchten Wolkensöhne denkt,“[403]Sprach’s, „die dem Theseus mit den Doppelbrüsten 124
An die Hebräer denkt und ihr Gelüsten,[404]Und denkt, weshalb verschmäht hat Gideon, 127
So gingen wir, dem Felsen nah’, davon,Und hörten aus des Laubs geheimer Regung 130
Dann aber ging’s mit freierer Bewegung[335]
Auf breitem Pfad an tausend Schritte fort, 133
„Was geht ihr Drei so ernst erwägend dort?“Rief’s plötzlich nun, ich aber fuhr zusammen 136
Mein Haupt kehrt’ ich dorthin, woher zu stammenDie Rede schien, und sah in rothem Schein 139
Wie Einen hier, der sprach: „Hier geht ihr ein,Wollt ihr empor zur freien Höhe kommen, 142
Mir hatte das Gesicht sein Glanz benommen,Drum wand ich mich zu meinen Führern hin, 145
Und wie des Morgenroths Verkünderin,Die, Düfte raubend, in den Blüthen wühlte, 148
So fühlt’ ich an der Stirn ein Wehn, so fühlte[405]Ich ein Gefieder, sanft bewegt, das mir 151
Und dann erklang dies Wort: „O selig ihr,Die ihr die Gnad’ empfingt, daß unverdüstert 154.
Indem euch nur, wie’s ziemt, nach Speise lüstert.“_______________
Fünfundzwanzigster Gesang.
Zum siebenten Kreise. Unterwegs das philosophische Gespräch über die Entstehung der Seele, über Tod und Schattenleib. b) VII. Kreis. Wollüstige, in Flammen und Sturm. (Zu b. vergleiche Ueberschrift von Gesang 22.)
1
Die Stund’ erheischte rasches Steigen schon,[406]Nachdem hier Sol bereits den Mittagsbogen [336]
Dem Stier geräumt, dort Nacht dem Scorpion. 4
Drum, wie ein Mann, der, von nichts angezogen,Was sich auch zeige, seines Weges zieht 7
So drangen wir in’s höhere GebietDurch eine Stiege, die uns so beschränkte, 10
Und wie ein Störchlein, das die Flügel schwenkte,[407]Aus Lust zum Flug, dann aber, sonder Muth, 13
So ich, bald lodernd, bald verlöscht die GlutDer Fragelust, das Antlitz also zeigend, 16
Da sprach mein Herr, obwohl voll Eifer steigend:„Laß nicht der Rede Pfeil unabgeschnellt, 19
Worauf ich, sicher durch dies Wort gestellt,Den Mund erschloß: „„Wie wird man hier so mager, 22
Drauf Er: „Gedächtest du an Meleager,[408]Der eben, wie verzehrt ein Holzbrand ward, 25
Und dächtest du, wie, gleich an Mien’ und Art[409][337]
Sich euer Antlitz regt in Spiegelbildern, 28
Allein um Alles dir nach Wunsch zu schildern,Sieh hier den Statius, welcher dir verspricht. 31
„Entwickl’ ich ihm das göttliche Gericht,“[411]Sprach Statius drauf, „hier, wo du gegenwärtig, 34
Und dann: „Jetzt sei dein Geist bereit und fertigFür meine Rede, Sohn – dann sei des Wie? 37
Das reinste Blut, das von den Adern nie[412]Getrunken wird, vergleichbar einer Speise, 40
Empfängt im Herzen wunderbarer WeiseDie Bildungskraft für menschliche Gestalt, 43
Noch mehr verkocht, zu einem Aufenthalt,Den man nicht nennt, von wo’s zu ander’m Blute[413] [338]
In ein natürlich Becken überwallt. 46
Daß beides zum Gebild zusammenfluthe,[414]Ist leidend dies, und thätig das, vom Ort, 49
Drin angelangt, beginnt’s sein Wirken dort;Geronnen erst, erzeugt es junges Leben 52
Es wird die Seel’ aus thät’ger Kräfte Streben,[415]Wie die der Pflanze, die nur still’ schon steht, 55
Bewegung zeigt sich dann, Gefühl entsteht,Wie in dem Schwamm des Meers, und zu entfalten 58
Wie nun des Herzens Zeugungskräfte walten,Wird ausgedehnt die Frucht, geschwellt, entwirrt, 61
Doch, Sohn, wie nun das Thier zum Menschen wird,Noch siehst du’s nicht, und dies ist eine Lehre, [339]
Worin ein Weiserer als du, geirrt.[416] 64
Er war der Meinung, von der Seele wäreGesondert die Vernunft, weil kein Organ 67
Jetzt sei dein Herz der Wahrheit aufgethan,Damit dein Geist, was folgen wird, bemerke! 70
Kehrt, froh ob der Natur kunstvollem Werke,Zu ihr der Schöpfer sich, und haucht den Geist, 73
Daß er, was thätig dort ist, an sich reißt,Und mit ihm sich vereint zu Einer Seele, 76
Und daß dir’s nicht an hellerm Lichte fehle,So denke nur, wie sich zum edlen Wein 79
Gebricht es dann der Lachesis an Lein,[417]Dann trägt im Keim sie aus des Leibes Hülle [340]
82
Und wenn die andern Kräfte stumm und stille,Bleibt, schärfer als vorher, in Macht und That 85
Und ohne Säumen fällt sie am Gestad’,Dem oder jenem, wunderbarlich nieder, 88
Ist sie nun am bestimmten Orte wieder,So strahlt die Bildungskraft rings um sie her, 91
Und wie die Luft, vom Regen feucht und schwer,Sich glänzend schmückt mit buntem Farbenbogen 94
So jetzt die Lüfte, so die Seel’ umwogen,Worein die Bildungskraft ein Bildniß prägt, 97
Und gleich der Flamme, die sich nachbewegt,Wo irgend hin des Feuers Pfade gehen, 100
Sieh daher die Erscheinung dann entstehen,Die Schatten heißt; so bildet sich in ihr 103
Und daher sprechen, daher lachen wir,Und daher weinen wir die bittern Zähren 106
Der Schatten drückt sich’s aus, je wie BegehrenUnd Leidenschaft uns reizt und Lust und Gram; [341]
109
Und schon, da ich zur letzten Marter kam,[418]Indem wir, rechts gewandt, die Schlucht verließen, 112
Den Felsen sah ich Flammen vorwärts schießen,[419]Der Vorsprung aber haucht empor zur Wand 115
Wir mußten einzeln gehn am freien Rand,[420]Und ängstlich hört’ ich hier die Flamme schwirren, 118
Mein Führer sprach: „Hier laß dich nichts verwirren,Und halte straff der schnellen Augen Zaum, 121
Gott höchster Gnade, hört’ ich’s aus dem Raum,[421]Den jene große Glut erfüllte, singen, 124
Ich sah dort Geister, die durch’s Feuer gingenUnd sah auf meinen bald, bald ihren Gang, 127
Ich weiß von keinem Mann – dies Wort erklangMit lautem Ruf, als jenes Lied verklungen, [342]
Und neu begannen sie’s mit leisem Sang, 130
Und riefen wieder, als sie’s ausgesungen:„Diana blieb im Hain und jagt’ ergrimmt[423] 133
Dann ward die Hymne wieder angestimmt,Dann riefen sie von keuschen Frau’n und Gatten, 136
Und dies nur thun sie, ohne zu ermatten,Wie’s scheint, so lang die Flamme sie umfließt, 139
Zuletzt die Wund’ auf ewig wieder schließt._______________
Sechsundzwanzigster Gesang.
VII. Kreis. Fortsetzung. Abend. Die provencalischen Dichter.
1
Indem wir, Einer so dem Andern nach,Am Rand hingingen, sprach mein treu Geleite: 4
Die Sonne traf auf meine rechte Seite[424]Und übergoß, ein blendend Strahlenmeer, 7
In meinem Schatten schien die Glut noch mehr[425]Hochroth zu glühn, drum sahn bei solchem Zeichen 10
Und dieses schien zum Anlaß zu gereichen,Daß über mich sich ein Gespräch erhob: 13
So viel sie konnten, richteten sie drobSich zu mir hin, doch immer wohl beachtend, [343]
Daß nie ihr Fuß der Flamme sich enthob.[426] 16
„Du, der du wohl, sie ehrerbietig achtend,Und nicht aus Trägheit nachgehst diesen Zwei’n,[427] 19
Und sprich, uns Allen Labung zu verleihn;Denn wie wir jetzt nach deinem Wort verlangen, 22
Wie machst du’s doch, die Strahlen aufzufangen,Gleich einer Wand, als wärest du dem Tod 25
So rief der Ein’ in seiner Flammennoth,Und eben wollt’ ich Alles ihm verkünden, 28
Denn auf dem Weg, den Flammen rings entzünden,Entgegen Jenen, kam ein zweiter Hauf, 31
Und Die und Jene machten schnell sich aufUnd küßten sich mit kurzer Lust und waren 34
So sieht man im Gewühl der braunen SchaarenSich Aems’ und Aemse mit den Rüsseln nahn, 37
Sobald der Gruß der Freundschaft abgethan,Hob, eh’ sie weiter zog, nach kurzer Weile 40
„Sodom! Gomorra!“ klang’s von diesem Theile;Von dort: „Pasiphaë kroch in die Kuh, 43
Wie Kranichschaaren theils nach kurzer Ruh’Gen Libyen fliegen, scheu vor Frost und Eise,[428] 46
So zieh’n Die hier-, Die dortenhin im KreiseUnd singen dann ihr Lied mit Reu’ und Gram, [344]
Und schrei’n von ihrer Schuld nach alter Weise. 49
Doch jene Schaar, die vorhin näher kamUnd bat, blieb wieder mit den Andern stehen, 52
Ich, der ich zweimal ihren Wunsch ersehen,Begann: „„O Ihr, die Hoffnung aufrecht hält, 55
Nicht reif noch unreif ließ ich auf der Welt[429]Den Leib zurück; ich hab’ auf diesen Wegen 58
Ich steig’ empor, die Blindheit abzulegen,Und geh’ – ein Himmelsweib erfleht’ es mir – 61
Doch wie sich euch erfüllen mag, was ihrSo heiß ersehnt: zum Himmel euch zu schwingen, 64
So sprecht, ich will’s zu Aller Kunde bringen,Wer seid doch ihr, um die die Flamme schwirrt, 67
So stutzt und staunt, verblüfft, der Bergeshirt,Dem beim Umherschau’n selbst die Worte fehlen, 70
Wie sie – ihr Ansehn konnt’ es nicht verhehlen.Allein sobald ihr trübes Staunen schwand, 73
„Heil dir, deß Fuß den Weg in unser Land,“Sprach Er, den ich aus frührer Frage kannte, 76
Vernimm, daß jene Schaar im Trieb entbrannte,Ob deß man Cäsarn, so, daß er’s gehört,[430] 79
Drum schrie’n sie: Sodom! – was sie einst bethört,Voll Reue tadelnd, wie du jetzt vernommen; [345]
So wird der Brand durch Scham noch aufgestört. 82
Im Zwittertriebe waren wir entglommen;Und weil wir menschliches Gesetz verlacht,[431] 85
Drum rufen wir, auf eigne Schmach bedacht,Des Weibes Namen aus, wenn wir uns trennen, 88
Nun hörtest du mich unsre Schuld bekennen,Doch unsre Namen kund zu thun verbeut 91
Wer ich bin, höre, wenn es dich erfreut,Guid’ Guinicell, zur Läut’rung zugelassen,[432] 94
Wie hergestürzt, die Mutter zu umfassen,[433]Die Söhne, da sein Schwert Lykurgus schwang, 97
Als meines Vaters Name mir erklang,Des Vaters von so Manchem, der vom Minnen, 100
Ich ging und sah ihn an in tiefem Sinnen,Und sagte nichts und hörte keinen Laut, [346]
Auch ließ die Glut mich weiter nicht nach innen. 103
Doch als ich satt mich dann an ihm geschaut,Erbot ich mich, in Allem ihm zu dienen, 106
Und Er: „Wie du so freundlich mir erschienen,Tilgt deine Spur in mir nicht Lethe’s Flut, 109
Doch meinst du’s wirklich denn mit mir so gut,So sprich, warum? Sprich, weshalb eben wieder 112
Und ich darauf: „„Ob Eurer süßen Lieder,[436]Die theuer sind den Herzen fort und fort, 115
„Ach Bruder,“ sprach er und bei diesem Wort[437]Zeigt’ er mit seinem Finger hin auf Einen, 118
Der in Romanz’ und Liebesliedern KeinenUnüberwunden ließ; und Thoren sind, 121
Nicht nach der Wahrheit – nach des Rufes WindGerichtet werden Meinung und Gesichter; 124
So machten’s mit Guitton’ viel alte Richter,[438]Deß Lob so Viele schrie’n, weil Andre schrie’n, 127
Jetzt, wenn so weites Vorrecht dir verliehn,Daß dir’s erlaubt ist, zu dem Kloster droben, 130
So bet’ ein Paternoster doch dort obenBei ihm für mich, so weit’s in dieser Welt [347]
133
Drauf schwand er, Jenem, der sich nah’ gestellt,Vielleicht Platz machend, in der Flammen Röthe, 136
Und dem Gewies’nen naht’ ich mich und flehteIhn inniglich um seinen Namen an, 139
Worauf er gleich mit frohem Muth begann:„Die edle Frage weißt du zu verschönen,[439] 142
Ich bin Arnald und geh’ in Schmerz und Stöhnen,Den Wahn erkennend der Vergangenheit, 145
Jetzt bitt’ ich dich, bei jenem Machtgeleit,Durch das du bald den Gipfel aufgefunden: 148
Hier war er in der Läut’rungsglut verschwunden._______________
Siebenundzwanzigster Gesang.
Aufstieg durch’s Feuer zum Paradies. Nacht. Dante’s Traum von Lea und Rahel. Virgils Abschied.
1
Wie wenn der erste Strahl vom jungen Tage[440]Im Lande glänzt, benetzt von Gottes Blut, 4
Und Mittagshitz’ erwärmt des Ganges Flut,So stand die Sonn’ itzt, drob der Tag entflohe, 7
Er sang am Felsrand, außerhalb der Lohe:[348]
„Beglückt, die reines Herzens sind!“ – und mehr[441] 10
Drauf: „Weiter nicht, ihr Heil’gen, bis vorherDie Glut euch nagte! Tretet in die Flammen, 13
Dies Wort ertönte jetzt, da wir zusammenUns ihm genaht, so schrecklich in mein Ohr, 16
Ich sank auf die gefalt’nen Hände vor,[442]Ins Feuer schauend, – wen ich brennen sehen, 19
Die Führer nahten sich, mir beizustehen,Und tröstend sprach zu mir Virgil: „Mein Sohn, 22
Gedenk’, gedenke, – konnt’ ich früher schonDich sicher auf Geryons Rücken führen,[443] 25
Wär’ auch die Glut noch loher anzuschüren,[444]Und stündest du auch tausend Jahre drin, 28
Glaubst du, daß ich nicht treu der Wahrheit bin,So nahe dich und halt’, um selbst zu schauen, 31
Leg’ ab, mein Sohn, leg’ ab hier jedes Grauen,Dorthin sei sicher jetzt dein Fuß gewandt!“ 34
Er, sehend, daß ich starr und stille stand,Sprach, fast unwillig: „Wie, Sohn, noch verdrossen?[445] [349]
Von Beatricen trennt dich diese Wand!“ 37
Wie sterbend Pyramus den Blick erschlossen,[446]Da’s: Thisbe! klang, gekehrt zum theuren Bild, 40
So kehrt’ ich, nicht mehr hart, nein, sanft und mild,Zum Führer mich, sobald der Nam’ erschollen, 43
Drob schüttelt’ er das Haupt und sagte: „Sollen[447]Wir diesseits bleiben?“ lächelnd, denn ich that 46
Drauf trat er vor mir in die Flamm’ und batDen Statius, uns folgend nachzukommen, 49
Ich folgt’ und hätt’, um Kühlung zu bekommen,Mich in geschmolz’nes Glas gestürzt, so war 52
Doch bot mir Trost mein süßer Vater dar,Sprechend von Ihr, und half mir weiter dringen, 55
Wir hörten jenseits eine Stimme singen,Und dieser folgten wir, ihr horchend, nach, 58
„Gesegnete des Vaters, kommt!“ so sprachDie Stimm’ aus einem Licht, dort aufgegangen, 61
„Die Sonne geht, der Abend kommt!“ so klangenDie Töne fort – „nicht weilt, beeilt den Lauf, [350]
64
Grad durch den Felsen ging der Weg hinauf,Und, ostwärts steigend, hielt vor meinen Tritten[449] 67
Und als wir wenig Stufen aufgeschritten,Bemerkten wir am Schatten, der verging, 70
Eh’ gleiches Grau den Horizont umfingIn allen seinen unermeßnen Theilen, 73
Da mußt’ auf einer Stufe Jeder weilen,Die uns zum Bett ward, denn die Zeit benahm 76
Gleich wie die Ziegenheerde, satt und zahm,[451]Im Schatten wiederkäut in stillem Brüten, 79
Wenn nun im Mittagsbrand die Lüft’ entglühten,Indeß der Hirt den Stab zur Stütze macht, 82
Und wie ein Hirt im freien Feld bei Nacht,Damit kein wildes Thier der Heerde schade, 85
So jetzt wir drei auf engem Bergespfade,Der Zieg’ ich gleich, den Hirten jenes Paar, [351]
88
Ob wenig gleich zu sehn nach außen war,[452]Doch sah ich durch dies Wenige die Sterne 91
Indeß ich staunt’ in unermeßne Ferne,Befiel mich Schlaf, der öfters uns befällt, 94
Zur Stunde, glaub’ ich, da vom Sternenzelt[453]Cytherens erster Strahl die Höhe schmückte, 97
Sah ich im Traum, der mich mir selbst entrückte,[454]Ein schönes junges Weib, das hold bewegt, 100
„Lea bin ich, dies wisse, wer mich frägt,Ich liebe, Kränze windend, hier zu wallen, 103
Ich will, geschmückt, im Spiegel mir gefallen.Die Schwester Rahel liebt es, stets zu ruhn, 106
Und freut sie sich der schönen Augen nun,So bin ich froh, mich mit den Händen schmückend, 109
Des Tages Vorlicht, um so mehr entzückend,[455]Je mehr des Pilgrims Nachtquartier dem Ort [352]
Der Heimath nah’ ist, scheuchte, höher rückend, 112
Die Finsterniß von allen Seiten fort,Mit ihr den Traum; drum eilt’ ich aufzusteigen, 115
„Die süße Frucht, die auf so vielen Zweigen[456]Voll Eifer sucht der Sterblichen Begier, 118
Mit dieser Rede sprach Virgil zu mir,Und nie empfand bei Erden-Herrlichkeiten 121
Hinauf! Mich trieb’s und trieb’s, hinauf zu schreiten!So fühlt’ ich nun mit jedem Schritt zum Flug 124
Und wie er mich empor die Stufen trug,Stand bald ich auf der höchsten dort mit Beiden, 127
„Des zeitlichen und ew’gen Feuers Leiden,[457]Sahst du, und bist, wo weiterhin nichts mehr 130
Durch Geist und Kunst geleitet’ ich dich her;Zum Führer nimm fortan dein Gutbedünken;[458] 133
Sieh dort die Sonn’ auf deine Stirne blinken,[459][460][353]
Sieh, durch des Bodens Kraft und ohne Saat 136
Bis sich dir froh ihr schönes Auge naht.Das mich zu dir einst rief mit bittern Zähren, 139
Nicht harre fürder meiner Wink’ und Lehren;Frei, grad’, gesund ist, was du wollen wirst, 142
Drum sei fortan dein Bischof und dein Fürst.“_______________
Achtundzwanzigster Gesang.
III. Abtheilung: das irdische Paradies. Sechster Morgen der Reise. Der Hain. Der Bach. Mathilde.
1
Begierig schon, zu spähn umher und innen,[461]Im göttlichen, lebend’gen dichten Wald, 4
Verließ ich das Gestad nun alsobald,Um langsam, langsam in das Feld zu treten, 7
Von einem Lüftchen, einem sanften, stäten,[462]Ward leiser Zug an meiner Stirn erregt, 10
Er zwang das Laub, zum Zittern leicht bewegt,Sich ganz nach jener Seite hin zu neigen,[463] 13
Doch nicht so heftig wühlt er in den Zweigen,Daß es die Vöglein hindert’, im Gesang 16
Verborgen zwischen Laub, in freud’gem Drang,Frohlockten sie ihr Morgenlied entgegen, 19
So klingt’s, wenn Zweig’ um Zweige sich bewegenIm Pinienwald an Chiassi’s Meergestad’,[464] [355]
Sobald sich des Sirocco Schwingen regen. 22
Schon war ich mit langsamem Schritt genaht,[465]Und bald so dicht vom alten Hain umschlossen, 25
Da sieh die Bahn durch einen Bach verschlossen,[466]Der linkshin, mit der kleinen Wellen Schlag 28
Das reinste Wasser hier, am klarsten Tag,Trüb scheint es und vermischt mit fremden Dingen, 31
Obwohl, da Schatten ewig es umringen,Es dunkel, dunkel strömt und nie hinein 34
Es stand mein Fuß, doch jenseits in den HainLieß über’n Fluß ich meine Blicke schreiten, 37
Und mir erschien – so stellt dem Blick zu ZeitenSich unversehn Erstaunenswerthes dar, 40
Ein einsam wandelnd Weib, das wunderbar[467][356]
Im Gehen sang, aufsammelnd Blüth’ um Blüthe, 43
„„O Schöne, die du, zeigt sich das Gemüthe,Wie’s pflegt, im Aeußern, mich zu glauben zwingst, 46
O käme Lust dir, daß du näher gingst,““Ich sprach’s zu ihr, den Fuß zum Bache lenkend, 49
Dich seh’ ich jetzt, Proserpinens gedenkend,[468]Des Orts auch, wo die Mutter sie verlor, [357]
52
Und wie im Tanz ein Mägdlein kaum emporDie Sohlen hebt, mit engen Schritten gleitend, 55
So sah ich sie durch bunte Blumen schreitend,Jungfräulich bodenwärts den Blick gewandt, 58
So daß ich bald den Wunsch befriedigt fand,Indem ich, wie sie näher hergezogen, 61
Sobald sie dort war, wo des Flusses WogenDen grünen Rasen am Gestad’ besprühn, 64
Nicht mocht’, als Amor, übermäßig kühn,Die Mutter wund mit seinem Pfeile machte, 67
Am rechten Ufer stand sie dort und lachte,Und pflückte Blumen von der Wiese Saum, 70
Der Bach, er trennt’ uns um drei Schritte kaum;Doch Hellespont, den Xerxes überschritten, 73
Hat schärfer nicht Leanders Haß erlitten,Indem er Sestos und Abydos schied, 76
„Ihr seid hier neu, und weil in dem Gebiet,“[469]Begann sie nun, „das an der Menschheit Morgen 79
Ich lächle, staunt ihr noch und seid in Sorgen?[470]Doch zeigt der Psalm: Herr, du erfreutest mich – 82
Du, der du vorn stehst und mich batest, sprich;Noch scheinst du einem Zweifel nachzuhängen, [358]
85
„„Das Wasser,““ sprach ich, „„sammt des Waldes Klängen,[471]Sie müssen das, worauf ich kaum getraut, 88
Drum Sie: „Vom Grunde deß, was du geschaut,Und was gehört, sei Kunde dir beschieden; 91
Das höchste Gut, allein in sich zufrieden,[472]Den Menschen schuf’s zum Guten gut, und wies 94
Aus welchem bald ihn seine Schuld verstieß,Die Schuld, die süßes Spiel ihn mit Beschwerden, 97
Damit, entqualmt dem Wasser und der Erden,[473][359]
Die Dünste, die der Hitze nach, so weit 100
Ihn nicht befehdeten mit ihrem Streit,Stieg himmelwärts der Berg in solcher Weise, 103
Nun, weil noch immerfort im ersten Gleise[474]Der Lüfte ganzer Zirkellauf sich dreht, 106
Trifft diesen Gipfel, der frei ragend steht,Die Lebensluft, die, jedes Blatt bewegend, 109
Die Pflanze, sich in ihrem Hauche regend,[475]Beschwängert dann die Luft mit ihrer Kraft, 112
Auch andres Land, nachdem sein Boden schafft,Durch Sterngunst oder eig’ne Kraft, es treibet 115
Nun denk’ ich, daß dir’s mehr kein Wunder bleibet,Wie manche Pflanze, wo man nicht bestellt, 118
Und wissen sollst du, daß im heil’gen Feld,In dem du bist, die Samen alle sprießen, 121
Den Fluß auch siehst du nicht aus Adern fließen,Genährt vom Dunst, den Kälte niederpreßt, [360]
124
Ihm ward ein Quell, aus welchem, stät und fest[476]Die Wässer, die dem Doppelarm entfluthen, 127
Der Arm hier hat die Kraft, daß in den FluthenJedweder Schuld Erinnerung versinkt; 130
Der hier heißt Lethe; aber dorten winktDir Eunoe – allein nur Jenen letzen 133
Kein Wohlgeschmack ist Seinem gleich zu schätzen;Und wäre schon genügend, was ich sprach, 136
Doch bring’ ich gern noch einen Zusatz nach,Und deinen Dank vermein’ ich zu verdienen, 139
Den alten Dichtern, glaub’ ich, wenn von ihnenGepriesen ward das Glück der goldnen Zeit, 142
Hier sproß die Menschheit ohne Schuld und Leid,Hier jede Frucht in ew’gen Frühlingsleben, 145
Und als Sie noch mir solches kund gegeben,Kehrt’ ich mich um, und sah ein Lächeln hier[477] 148
Dann aber wandt’ ich wieder mich zu Ihr._______________
Neunundzwanzigster Gesang.
Der Siegeszug der wahren Kirche erscheint jenseits des Baches.
1
In Sang, nach liebentglühter Frauen Art,Ließ sie zuletzt der Rede Schluß verhallen; 4
Und gleichwie Nymphen in der Waldnacht HallenHier vor der Sonne Strahlen fliehend, dort 7
Ging sie dem Strom entgegen hin am Bord,Ich, folgend kleinem Schritt mit kleinem Schritte, 10
Kaum hundert waren mein’ und ihrer Tritte,Da bog mit beiden Ufern sich der Bach, 13
Nicht lange zog ich dieser Richtung nach,Da sah ich sich zu mir die Schöne wenden: 16
Sie sprach’s, und gleich durchlief von allen Enden[479]Ein schnell entstandner Glanz den großen Hain; 19
Doch weil, wie kommt, so geht des Blitzes Schein,Und dieser Glanz sich dauernd nur vermehrte, 22
Und durch die Luft, die helle, lichtverklärteZog süßer Laut, und eifrig schalt ich jetzt,[480] 25
Wo Erd’ und Himmel nicht sich widersetzt,[362]
Da fühlt’ ein Weib sich, kaum der Ripp’ entsprossen, 28
O hätte sie sich fromm in ihm verschlossen,Hätt’ ich die überschwänglich große Lust 31
Nachdem ich zweifelnd, meiner kaum bewußt,In diesen Erstlingswonnen fortgegangen, 34
Da glüht’, als wär’ ein Feuer aufgegangen,Die Luft im Laubgewölb’ – es scholl ein Ton, 37
Hochheil’ge Jungfrau’n, wenn ich öfter schon[481]Frost, Hunger, Wachen treu für euch ertragen, 40
Laßt auf mich her des Pindus Wellen schlagen,Urania sei meine Helferin, 43
Ich glaubte sieben Bäume weiterhinVon Gold zu schau’n, allein vom Schein betrogen 46
Denn als ich nun so nahe hingezogen,Daß sich vom Umriß, der den Sinn bethört,[482] 49
Da ließ die Kraft, die den Verstand belehrt,Statt Bäumen sieben Leuchter mich erkennen,[483] [363]
Und deutlich ward Hosianna-Sang gehört. 52
Und oben sah ich das Geräthe brennen.Und heller ward die Flamm’, als Luna’s Licht 55
Zum Führer wandt’ ich staunend mein Gesicht,[484]Doch nichts vermocht’ er weiter vorzubringen, 58
Da blickt’ ich wieder nach den hohen Dingen,Die langsamer, als eine junge Braut, 61
„Was bist du doch“, so schalt die Schöne laut,„Für die lebend’gen Lichter so entglommen, 64
Und hinter ihnen sah ich Leute kommen,Wie man dem Führer folgt, weiß ihr Gewand, 67
Das Wasser glänzte mir zur linken Hand[485]Worin, wenn ich in seinen Spiegel sahe, 70
Als ich am rechten Platze war, so nahe,Daß nur der Fluß mich schied, hemmt’ ich den Schritt, 73
Ich sah, wie jede Flamme vorwärts glitt,Und hinter jeder blieb ein helles Strahlen, 76
So sah man sieben Streifen oben strahlen,[364]
Sie allesammt in jenen Farben bunt, 79
Nicht ward ihr Ende meinem Auge kund,Doch sah ich, daß an beiden äußern Gränzen[486] 82
Und wie ich also sah den Himmel glänzen,[487]Da zogen drunter, Zwei an Zwei gereiht, 85
Und Alle sangen: „Sei gebenedeit[488]Aus Adams Töchtern! Herrlich und gepriesen 88
Und als nun die beblümten frischen Wiesen,Die jenseit das Gestad’ des Bachs begränzt, 91
Sah ich, wie Stern um Stern am Himmel glänzt,[489]Vier Thiere dort zunächst sich offenbaren. 94
Und war versehn mit dreien Flügelpaaren,Mit Augen ihre Federn ganz besetzt, 97
Nicht viel der Reime, Leser, wend’ ich jetztAuf ihre Form, denn sparsam muß ich bleiben, 100
Laß von Ezechiel sie dir beschreiben;[365]
Von Norden sah er sie, so wie er spricht, 103
Wie ich sie fand, beschreibt sie sein Bericht;Nur stimmt Johannes in der Zahl der Schwingen 106
Es stellt’ im Raum sich, den die Thier’ umfingenEin Siegeswagen auf zwei Rädern dar,[490] 109
Und in die Streifen ging der Flügel Paar,Die hoch, den mittelsten umschließend, standen, 112
Sie hoben sich so hoch, daß sie verschwanden;[492]Gold schien, so weit er Vogel, jedes Glied, 115
Nicht solche Wagen zum Triumph beschied[493]Rom dem Augustus, noch dem Afrikanen; [366]
Ja, arm erschiene dem, der diesen sieht, 118
Sols Wagen, der, entrückt aus seinen Bahnen,Verbrannt ward auf der Erde frommes Flehn 121
Man sah im Kreis drei Frau’n sich tanzend drehn[494]Am Rande rechts, und hochroth war die eine, 124
Die zweite glänzte hell in grünem Scheine,Gleich dem Smaragden, und die dritte schien 127
Die Weiße sah man bald den Reigen ziehn,Die Rothe dann, und nach dem Sang der Letzten 130
Links Vier im Purpurkleid, die sich ergetzten,Und, wie die Eine, mit drei Augen, sang, 133
Nach allen diesen kam den Pfad entlang,[495]Ungleich in ihrer Tracht, ein Paar von Alten, 136
Der Erste war für einen Freund zu haltenDes Hippokrat, den die Natur gemacht, 139
Der Andre schien auf’s Gegentheil bedacht,Mit einem Schwert, und durch das scharfe, lichte, [367]
142
Dann kamen Vier daher, demüth’ge, schlichte[496]Und hinter ihnen kam ein Greis, allein[497] 145
Die sieben schienen gleich an Tracht zu sein[498]Den ersten zweimal zwölf, doch nicht umblühten 148
Rosen vielmehr und andere rothe Blüthen;Wer’s aus geringer Fern’ erblickte, schwor, 151
Mir gegenüber fuhr der Wagen vor,Worauf ein Donnerhall mein Ohr ereilte, 154
Der jetzt zugleich mit seinen Fahnen weilte.[499]_______________
Dreißigster Gesang.
Der Zug steht still. Beatrix, noch verschleiert, redet über Dante’s Liebe zu ihr und Abfall von ihr und ihre Veranstaltung zu seiner Rettung – also Grundgedanke der göttl. Kom. parallel mit Hölle, Ges. 2.
1
Sobald das Nordgestirn der Empyreen[500](Das nimmer aufgeht, noch sich wieder senkt, [368]
Das nur duch Sünde je man trüb gesehen; 4
Bei welchem Jeder dort der Pflicht gedenkt,Zu der es leitet, wie den Kahn hinieden, 7
Still stand, da wandten, die’s vom Greifen schieden,[501]Die zweimal zwölf wahrhaften Zeugen sich 10
Und Einer, der des Himmels Boten glich,Rief dreimal singend zu der Andern Sange: 13
Wie bei des Weltgerichts PosaunenklangeDer Sel’gen Schaar, mit leichtem Leib umfahn, 16
So hoben von des heil’gen Wagens Bahn[503]Wohl hundert sich bei solcher Stimme Schalle, 19
„Heil dir, der kommt!“ so klang’s im Wiederhalle,[504]„Streut Lilien jetzt mit vollen Händen hin!“ 22
Oft sah ich bei des Tages AnbeginnGeschmückt den Osten sich mit Rosen zeigen, 25
Des Tages, sanft umschattet, höher steigen,So daß, da ihren Schimmer Dunst umfloß, [369]
Mein Blick ihn aushielt, ohne sich zu neigen. 28
So, durch die Blumenflut, die sie umschloß,Und niederstürzend um und in den Wagen 31
Sah ich ein Weib in weißem Schleier ragen,[505]Olivenzweig’ ihr Kranz, und um’s Gewand, 34
Mein Geist, dem schon so manches Jahr entschwand,Seit er in ihrer Gegenwart mit Beben 37
Fühlt’, eh’ das Aug’ ihm Kunde noch gegeben,Durch die geheime Kraft, die ihr entquoll, 40
Kaum war der hohen Kraft die Seele voll,Der Kraft, durch die, bevor ich noch entgangen 43
So wandt’ ich links mich hin, mit dem Verlangen,Mit dem ein Kind zur Mutter läuft und Muth 46
Um zu Virgil zu sagen: „„Ach mein Blut!Kein Tröpflein blieb mir, das nicht bebend zücke, [370]
49
Doch sein beraubt ließ uns Virgil zurücke,[506]Virgil, der väterliche Freund – Virgil, 52
Was Eva einst verloren, da sie fiel,Nicht half es mir, die Thränen zu vermeiden, 55
„O Dante, mag Virgil auch von dir scheiden,[507]Nicht weine drum, noch jetzo weine nicht: 58
Und wie mit ernstgebietendem GesichtEin Admiral, der, musternd seine Schaaren 61
So war Sie links im Wagen zu gewahren,Als ich nach meines Namens Klang mich bog, 64
Ich sah die Frau, die erst sich mir entzog,Als sie erschien, in jener Engelfeier,[508] 67
Doch ihr vom Haupte wallend ließ der Schleier,[509]Der von Minervens Laub umkränzet ward, 70
Stolz sprach sie nun mit königlicher Art,Gleich Einem, der erst mild spricht, anzuschauen, 73
„Schau her, Beatrix bin ich! Welch VertrauenFührt dich zu diesen Höh’n? Wie? weißt du nicht, 76
Ich sah zum Bach hinab, sah mein Gesicht,[371]
Sah auf die Blumen dann, die mich umgaben, 79
So stolz erscheint die Mutter ihrem Knaben,Wie sie mir schien; denn ihr mitleidig Wort 82
Sie schwieg, da sang der Engel Chor sofort[510]Den Psalmen: Herr, auf dich nur steht mein Hoffen, 85
Wie auf den Rücken Welschlands, welcher offenDen Stürmen ragt, der Schnee, im Forst gehäuft, 88
Dann, in sich selbst versickernd, niederträuft,Wenn laue Wind’ aus Libyen ihn verzehren, 91
So war ich ohne Seufzer, ohne Zähren,Bevor die Engel sangen, deren Sang 94
Doch als im Lied ihr Mitleid mir erklang,Wohl heller klang, als hätten sie gesungen: 97
Da ward das Eis, das fest mein Herz umschlungen,Zu Hauch und Wasser bald, und kam durch Mund 100
Sie, welche, wie zuvor, im Wagen stund,Sie wandte sich dem Engelchor entgegen, 103
„Ihr wacht im ew’gen Tag und nimmer mögenEuch einen Schritt entziehen Schlaf und Nacht, 106
Drum ist die Antwort mehr für ihn bedacht,[372]
Der drüben weint, damit sie klar beweise, 109
Nicht durch die Kraft allein der ew’gen Kreise,Die jedes Wesen zu dem Ziele lenkt, 112
Durch das auch, was der Gnade Regen schenkt,[512](Der aus so hohem Dunstkreis, daß zu schweben 115
War dieser einst in seinem neuen Leben[513]Gar hoch begabt, um ganz zur Trefflichkeit 118
Doch wilder wird in schnöder UeppigkeitJedweder schlechte Same sich entfalten, 121
Wohl wußt’ ich ein’ge Zeit ihn festzuhalten,Indem ich ihm die jungen Augen wies; 124
Doch hatt’ er, als ich kaum die Welt verließ,Zum bessern Sein zu gehn, sich mir entzogen, 127
Als ich vom Fleisch zum Geist emporgeflogen,Und höh’re Tugend, höhern Reiz empfahn, 130
Er wandte seinen Schritt zur falschen Bahn,[514][373]
Trugbildern folgend schnöden Wonnelebens, 133
Im Traum und Wachen rief ich ihn vergebens,Und Mahnung haucht’ ich ihm und Warnung ein, 136
Ein Mittel konnt’ ihm nur zum Heil gedeihn,So tief schon hatt’ er sich im Wahn verloren, 139
Deswegen drang ich zu der Hölle Thoren,Und habe den, der ihn heraufgeführt, 142
Nicht wär’s, wie sich’s nach ew’gem Rath gebührt,Wenn er durch Lethe ging’ und sie genösse, 145
In Reuezähren seine Schuld ergösse.“_______________
Einunddreißigster Gesang.[515]
Fortsetzung. Dante’s Generalbeichte vor Beatrix. Eintauchung und Uebergang über den Bach in’s Paradies. Beatrix entschleiert sich.
1
„Du, jenseits dort am heil’gen Strom,“ so kehrteSie jetzt der Rede Spitze gegen mich,[516] [374]
Nachdem die Schneide schon mich hart versehrte, 4
Fortfahrend ohne Säumen: „Sprich, o sprich,Ist dieses wahr? erkennst du deine Fehle? [375]
Auf solche Klage ziemt die Beichte sich.“ 7
Die Stimme regte sich, doch in der KehleErstarb das Wort; denn, statt gehoffter Huld. 10
Nur wenig hatte sie mit mir Geduld:„Was sinnst du? sprich! Noch tilgten nicht die Wogen 13
Furcht und Verwirrung, sich vermischend, zogenEin Ja aus meinem Mund, das zwar erblickt 16
Gleichwie zu scharf gespannt die Armbrust knickt,Und, wenn sich Sehn’ und Bogen überschlagen, 19
So brach, zu schwach, so schwere Last zu tragen,Ich jetzt in Seufzer aus und Thränenflut, 22
Drum Sie zu mir: „In meiner Wünsche Glut,[517]Die einst nach jenem Gut dich lehrte streben, 25
Was fandest du für Ketten, was für Gräben,Die dich bewogen, mit verzagtem Sinn, [376]
28
Und welche Förd’rung, welcherlei Gewinn,Die lockend dir von Andrer Stirne lachten? 31
Nach einem tiefen, bittern Seufzer machtenSich Töne mühsam frei aus meiner Brust, 34
„„Die Gegenwart, mit ihrer falschen Lust,““So weint’ ich, „„hat, als eure Blick’ entschwanden, 37
„Verschwiegst, verneintest du, was du gestanden,“Sprach Sie, „nicht minder wär’s dem Richter kund, 40
Doch wenn man sich verklagt mit eignem Mund,[518]So wird hier abgestumpft das Schwert der Rache, 43
Drum, daß dein Wahn dich mehr erröthen mache,Und daß dein Herz zu jeder andern Zeit[519] 46
Laß ab von Weinen jetzt und Traurigkeit;Vernimm vielmehr, welch andern Weg zu wallen 49
Nichts ließ Natur und Kunst dir je gefallen,Wie jenen Leib, in dem ich dort erschien, 52
Und sahest du die höchste Wonn’ entfliehn[520]Bei meinem Tod, was konnte dich besiegen? 55
Beim Reiz der Dinge, die das Herz betrügen,Bei ihrem ersten Pfeil, war’s ziemend mir, 58
Nicht niederzieh’n sollt’ er die Schwingen dir,[377]
Nicht harren solltest du der andern Pfeile, 61
Der junge Vogel harrt in träger WeileDes zweiten Pfeils, doch der Beschwingte flieht 64
Gleichwie ein Knabe schweigend niedersieht,Wenn Vorwurf und Bewußtsein ihn verstören, 67
So stand ich dort: „Betrübt dich schon das Hören,“Sie sprach’s, „so sei emporgewandt dein Bart;[521] 70
Der Eiche Widerstand ist nicht so hart,Läßt ihre Wurzel sie dem Grund entreißen, 73
Als meiner, da sie dieses mich geheißen!Auch fühlt’ ich, da sie Bart für Antlitz sprach, 76
Das Antlitz hob ich zögernd und gemach,Und sieh, die schönen englischen Gestalten, 79
Mein Blick, kaum fähig noch, ein Bild zu halten,Erschaute Sie, dem Greifen zugewandt,[523] [378]
In dem, dem Einen, zwei Naturen walten. 82
Sie schien, verschleiert, jenseits dort am Strand,Das, was sie einst war, jetzt zu überwinden, 85
Wie mußt’ ich da der Reue Schmerz empfinden!Wie, was mich von ihr abgewandt, die Lust 88
So nagte Selbstbewußtsein meine Brust,Daß ich hinsank – mit welchem inn’ren Beben, 91
Als äuß’re Kraft das Herz mir neu gegeben,Sprach über mir sie, die mir einst allein 94
Sie zog mich bis zum Hals den Fluß hinein,Glitt, wie ein Webschiff, ohne sich zu senken, 97
Um mich zum sel’gen Ufer hinzulenken.Dort klang’s: „Entsünd’ge mich!“ so süß – ich kann[524] 100
Die schöne Frau erschloß die Arme dann,Umschlang mein Haupt und taucht es in die Wogen, 103
Drauf, als sie mich gebadet vorgezogen,Bot sie zum Tanze mich den schönen Vier, 106
„Wir sind am Himmel Sterne, Nymphen hier.Noch eh’ zur Welt Beatrix kam, so gingen[525] [379]
Wir aus, bestimmt zu Dienerinnen ihr. 109
Wir werden dich ihr vor die Augen bringen;Dir schärfen dann, für’s heitre Licht darin 112
Sie sangen diese Worte zum Beginn,Worauf sie mich zur Brust des Greifen brachten.[526] 115
Sie sprachen dann: „Hier darfst du frei betrachten,Wir stellten dich vor jener Augen Licht, 118
Mir weckt’ ein glühend Sehnen ihr Gesicht,Und band an ihrer Augen Glanz die meinen; 121
Und drinnen sah ich den zwiefachen Einen,[527]Gleichwie die Sonn’ im Spiegel, schimmernd klar, 124
Nun denke, Leser, selbst, wie wunderbar,Das Abbild, sich verwandelnd, zu erblicken, 127
Indeß die Seel’ in Staunen und EntzückenDie Speise kostete, die größerm Drang 130
Da sah ich jene Drei vom höchsten Rang,[528]Dies zeigte die Geberd’, uns nahe kommen, [380]
Der Engeltanz begleitend mit Gesang. 133
„Beatrix, laß den Blick, den heil’gen, frommen,“So sangen sie, „auf deinen Treuen sehn, 136
Enthüll’ aus’ Gnad’ ihm deinen Mund, wir flehn!Die zweite Schönheit, die du noch verborgen, 139
O Glanz lebend’gen Lichts! o ew’ger Morgen![529]Wer trank so tief aus des Parnassus Flut, 142
Daß er vermag, mit freiem, kühnem MuthSich deiner Schilderung zu unterfangen, 145
Den unbewölkten Lüften aufgegangen?_______________
Zweiunddreißigster Gesang.
Wiedersehen mit Beatrix – Vereinigung mit der göttl. Gnade. Der Zug schwenkt rechts zurück, am „Baum der Erkenntniß“ haltend. Der Wagen wird dort angebunden, Christus und die Seligen verschwinden. Beatrix steigt ab. Vision der Geschichte der sichtbaren, streitenden Kirche.
1
Den zehenjähr’gen Durst zu löschen, hingen[530]An ihrem Reiz die Augen, so voll Gier, 4
Alles was um mich war, so dort wie hier,Nicht achtet’ ich’s, denn mit dem Netz, dem alten, 7
Da wandten mir die himmlischen Gestalten[381]
Mit Macht nach meiner Linken das Gesicht, 10
Nun stand ich dort, wie Einer, den das LichtDer Sonne mit dem Flammenpfeil geblendet, 13
Doch als das Wen’ge sie mir neu gespendet– Nach jenem Vielen wenig und gering, 16
Da sah ich, das ruhmvolle Kriegsheer fingSich rechts zu kehren an, indem’s den Lichten, 19
Wie wenn die Schaaren auf den Sieg verzichten,Sie unterm Schild sich mit der Fahne drehn, 22
So war die Schaar des Himmelreichs zu sehn,Und eh’ sich um des Wagens Deichsel legte, 25
Die sieben Frauen rechts und links, bewegte[533]Der Greif die heil’ge Last mit stiller Macht, 28
Ich, Statius, Sie, die mich zum Furt gebracht,Wir leiteten dem Rade nach die Schritte, 31
So ging es durch des hohen Waldes Mitte,Oed’, weil der Schlang’ einst Eva Glauben gab,[534] 34
Dreimal so weit nur, als ein Pfeil herab[382]
Vom Bogen fliegt, war nun der Zug gekommen, 37
„Adam!“ so ward ein Murmeln rings vernommen,Und einen Baum, von Laub und Blüten leer,[535] [383]
Umringt’ im Kreise nun die Schaar der Frommen. 40
Sein Haar verbreitet sich so mehr, je mehr[536]Er aufwärts steigt, hoch, daß er selbst den Indern 43
„Heil dir, o Greif! mit deinem Schnabel plündernWillst du nicht diesen Baum, der Süßes zwar 46
So rief rings um den starken Baum die Schaar.Und Er, in dem sich Leu und Aar verbunden: 49
Die Deichsel, wo ich ziehend ihn gefunden,[384]
Schob er zum öden Stamm, und ließ am Baum, 52
Wie unsre Pflanzen, wenn zum Meeressaum[537]Das große Licht sich senkt, von dem umschlossen, 55
Sich üppig blähn zu neuen jungen Sprossen,Jede gefärbt nach der Natur Gebot, 58
So, mehr als Veilchen zwar, doch minder rothAls Rosenglut, erneute sich die Pflanze, 61
Und wie sie nun erblüht’ im neuen Glanze,Scholl ein hier nie gehörter Lobgesang – 64
Könnt’ ich euch malen, wie, mit süßem Klang[538]Von Pan und Syrinx, einst Merkur den Späher, 67
So zeigt’ ich, wie nach einem Urbild, eher,Wie jener Sang in Schlummer mich gebracht; 70
Ich übergeh’ die Zeit, bis ich erwacht,Bis mir ein Glanz zerriß den dunklen Schleier, 73
Wie, zu der Blüt’ des Baums (deß Aepfel theuer[539]Den Engeln sind, den nichts erschöpfen kann, 76
Geführt, Jacobus, Petrus und JohannAus ihrer Ohnmacht bei dem Wort erstanden, 79
Und nun vermindert ihre Schule fanden,– Denn Moses und Elias waren fort – [385]
82
So ich; und über mich gebogen dort[540]Stand jetzt die Schöne, wie um mein zu hüten,[541] 85
„„Wo ist Beatrix?““ rief ich, und mir glühtenVor Angst die Wangen. „Auf der Wurzel“, sprach 88
Sieh hin, wer sie umgiebt. Dem Greifen nachEntflohn empor die Anderen, mit Sange, 91
Ob sie noch mehr gesprochen und wie lange,Nicht weiß ich es, denn mir im Auge stand 94
Sie saß allein auf jenem reinen Land,Wie’s schien, zur Hut des Wagens dort gelassen, [386]
97
Die sieben Nymphen sah ich sie umfassen,Im Kreis, die Lichter haltend, die vom Zwist 100
„Als Fremdling weilst du dort nur kurze Frist,[542]Und wirst mit mir als ew’ger Bürger bleiben 103
Zum Heil der Welt mit ihrem bösen TreibenSchau auf den Wagen, um, was du gesehn, 106
Beatrix sprach’s – wie konnt’ ich widerstehn?Ganz so, wie’s der Gebieterin gefallen, 109
Nicht sah man je so schnell aus Himmels Hallen,Aus dichter Wolk’, ein flammendes Geschoß, 112
Als durch den Baum herab Zeus’ Vogel schoß,[544][387]
Nicht wühlend blos in Blüten und in Blättern, 115
Dann sah man ihn zum Wagen niederschmettern,Der bei dem Stoße rechts und links sich bog, 118
Dann war ein Fuchs, der jähen Sprunges flog,Ins Inn’re selbst des Wagens eingebrochen, 121
Doch mit dem Vorwurf deß, was er verbrochen,Trieb meine Herrin ihn so eilig fort, 124
Und nochmals stürzte von dem hohen Ort,Wie schon vorhin, der Adler in den Wagen,[545] 127
Und wie aus banger Brust der Laut der Klagen,Klang aus dem Himmel eine Stimm’ und sprach: 130
Und unten, zwischen beiden Rädern, brachDer Erde Grund, ausspeiend einen Drachen,[546] 133
Dann zog er ihn zurück, wie’s Wespen machen,Nahm einen Theil des Bodens mit und schien, 136
Der Rest des Wagens blieb, doch sah man ihn[388]
Mit Federn, die wohl reiner Sinn gespendet, 139
Und dieses Werk war so geschwind vollendet,Und voll die Deichsel und das Räderpaar, 142
Und Häupter trieb, als er verwandelt war,[547]Der Wagen vor, an den vier Ecken viere, [389]
145
Die letzten drei gehörnt wie die der Stiere,Die ersten vier mit einem Horn versehn[WS 10]; 148
Und sicher, wie auf Bergen Schlösser stehn,Saß eine zügellose Hure drinnen 151
Und, gleich als solle sie ihm nicht entrinnen,Stand ihr zur Seit’ ein Ries’ und diese Zwei 154
Allein, weil sie die Augen gierig freiAuf mich gewandt, schlug sie der grimme Freier 157
Drauf löst er ab vom Baum das Ungeheuer,Von wildem Zorn erfüllt und bösem Arg, 160
Die Hure sammt dem neuen Thier verbarg._______________
Dreiunddreißigster Gesang.
Beatrix erhebt sich mit den Frauen. Ihre Weissagung von der Errettung der Kirche und Wiederherstellung der göttlichen Ordnung. Eunoë, Eintauchung in dieselbe. Schluß.
1
Herr, eingefallen sind die Heiden! fingen,[548]Abwechselnd drei und vier, mit süßem Klang, 4
Beatrix horchte seufzend dem Gesang,Verwandelt wie Maria, die mit Grauen 7
Doch als nun ihrem Wort die andern FrauenErst Raum gegeben, sah ich Sie erstehn, 10
„Ueber ein Kleines sollt ihr nicht mich sehn,[549]Und wiederum, ihr Schwestern, meine Lieben, 13
Sie sprach’s und stellte vor sich alle Sieben,[550][390]
Und hinter sich, durch ihren Wink allein, 16
Sie ging, doch mochten’s kaum zehn Schritte sein,Die sie gegangen und uns gehen lassen, 19
„Geh jetzt geschwinder,“ sagte sie gelassen,„Komm’ näher her, daß, red’ ich nun mit dir, 22
Kaum war ich, wie ich sollte, nah’ bei Ihr,[551]Da sprach sie: „Bruder, bist mir nah’ gekommen, 25
Wie wenn von zu viel Ehrfurcht schwer beklommenMit seiner Obrigkeit ein niedrer Mann 28
So sprach ich jetzt, da ich zu Ihr begann:„„O Herrin, ihr erkennt ja mein Verlangen, 31
Und Sie: „Mach jetzt dich los von Scham und Bangen,Ich will’s, und rede sicher nun und wach 34
Es war der Wagen, den der Wurm zerbrach,Er ist nicht; doch der Schuld’ge wiss’: es scheute, 37
Nicht immer sonder Erben wird, wie heuteDer Adler sein, der ihm die Federn ließ, 40
Schon nahen Sterne sich – wie ich’s gewiß[391]
Im Geist erkannt, so sei es ausgesprochen – 43
Fünfhundertzehn und fünf hervorgebrochen,Ein Gottgesandter, der die Dirn erschlägt [392]
46
Und hab’ ich jetzt dir Worte vorgelegt,Wie Sphinx und Themis, schwierig zu errathen, 49
So lösen bald dies Räthsel dir die ThatenStatt der Najaden auf, und unbedroht[554] [393]
Verbleiben drob die Heerden und die Saaten. 52
Merk, was ich sagt’ und höre mein Gebot:Du sollst es dort den Lebenden erzählen, 55
Nicht sollst du, wenn du dorten schreibst, verhehlen,Wie du den Baum gesehn. Erinnre dich: 58
Wer diesen Baum bestiehlt und freventlichVerletzt, kränkt Gott mit thät’gen Lästerungen, 61
Für solchen Raub hat qualenvoll gerungenFünftausend Jahr und mehr der erste Geist[556] 64
Wohl schlummert dein Verstand, wenn du nicht weißt,[557]So hoch sei jener Baum aus tiefern Gründen,[558] [394]
67
Und hätte nicht, wie Elsa’s Flut, mit Rinden[559]Von Stein dein Grübeln die Vernunft bedeckt, 70
So hättest du, was das Verbot bezweckt,Und wie darin der Herr gerecht erscheine, 73
Doch weil dein Geist verhärtet ist zum Steine,Befleckt von Schuld, verworren und berückt, 76
So nimm, zwar nicht als Wort, doch ausgedrücktAls Bild, in dir die Rede mit von hinnen, 79
Und ich: „„So fest, als nur im Wachse drinnenDas Bild sich hält, das drein das Siegel gräbt, 82
Doch was, wenn sich so hoch mein Blick nicht hebt,Fliegt eu’r ersehntes Wort in solche Sphären, 85
„Auf daß du wissest, welcher Schule Lehren,“[561]So sprach sie, „du gefolgt, und sehst, wie weit 88
Und wie ihr fern mit eurem Wege seidVon Gottes Weg, so fern, wie von der Erden [395]
Des höchsten Himmels Glanz und Herrlichkeit.“ 91
Und ich: „„Nicht will’s mir klar im Geiste werden,Daß ich mich je entfernt von eurer Spur; 94
„Entsinnst du dessen dich nicht mehr?“ so fuhrSie lächelnd fort; „doch von der Lethe Fluten 97
Und, wie man richtig schließt vom Rauch auf Gluten,So siehest du durch dies Vergessen klar,[562] 100
Jetzt wahrlich stellt, von jeder Hülle bar,So viel, im engen Kreise sich bewegend, 103
Und flammender, sich trägern Schrittes regend,[563]Betrat jetzt Sol des Meridians Gebiet, 106
Da standen still, wie, wer als Führer ziehtVor einer Schaar, sich schickt zum Stillestande, 109
Die sieben Frau’n an dichten Schattens Rande,[564]Wie grünbelaubt schwarz-ästig Waldgeheg 112
Euphrat und Tigris schien vor ihrem Weg[565]Sich aus derselben Quelle zu ergießen, [396]
115
„„O Licht, der Menschheit Ruhm, welch’ Wasser sprießenSeh ich aus Einem Ursprung hier und dann, 118
Auf diese Bitte hob Beatrix an:„Mathilden bitt’,“ – und diese sprach dagegen, 121
„Dies und noch Anderes ihm auszulegen[566]Versäumt ich nicht, was, deß bin ich gewiß, 124
Beatrix drauf: „Die größ’re Sorg’ entriß,[567]Wie’s oft geschieht, dies seinem Angedenken, 127
Doch Eunoe sieh – eil’ ihn dahin zu lenken,Und, wie du immer pflegst, ihm durch die Flut 130
Wie ohn’ Entschuldigung, wer, mild und gut,Als eignen Willen fremden aufgenommen, 133
So ging, nachdem sie mich am Arm genommen,Die schöne Frau, und sagte weiblich mild 136
Hätt’ ich, o Leser, Raum zu größerm Bild,[568]So würd’ ich dir zum Theil die Wonnen singen 139
Doch läßt sich nichts mehr auf die Blätter bringen,Die ich zu diesem zweiten Lied erkor, 142
Ich ging aus jener heil’gen Flut hervor,[569]Wie neu erzeugt, von Leid und Schwäche ferne, 145
Rein und bereit zum Flug ins Land der Sterne._______________
|
Anmerkungen der Vorlage
Berichtigungen und Nachträge
Anmerkungen (Wikisource)
|
