Geschichte der im Jahre 1586 zu Durlach eröffneten und 1724 nach Karlsruhe verpflanzten Mittelschule
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[1] Geschichte
der
Im Jahr 1586 zu Durlach eröffneten und 1724 nach Karlsruhe vepflanzten Mittelschule.
von
Dr. K. F. Vierordt.
Mit einer lithographischen Planzeichnung.
Karlsruhe
Druck der G. Braun'schen Hofdruckerei
1859
Einleitung.
§. 2. Ungedruckte Quellen für meinen Gegenstand sind hauptsächlich die Alten der Anstalt selbst, die aber in Folge [4] des orleanischen Krieges nicht über das Zerstörungsjahr 1689 zurückgehen; ferner die Alten Großherzlicher Dikasterien, zu deren Geschäftskreis die Leitung unserer inneren Angelegenheiten oder die Sorge für unsere Einkünfte und Gebäude gehörte oder noch gehört: endlich Akten des Großherzoglichen General-Landesarchivs, die jedoch in Bezug auf unsere Schule kaum über die Zeit des westphälischen Friedens hinausreichen und zudem in ihren ältesten Urkunden fast nur Stipendien-Angelegenheiten betreffen. – Außerdem sind zwei ungedruckte Beschreibungen der Anstallt während der Jahre 1660 bis 1989, durch damalige Gelehrte verfaßt, hier dankbar zu erwähnen. Der Eine war Dr. Johann Fecht aus Sulzburg, von 1667 bis 1689 ausgezeichneter Lehrer und zuletzt auch Ephorus der Anstalt; seine Arbeit existirt in mehrfachen Abschriften.[2] Er hatte überdies in seiner lateinischen Schulreden 1681 „de Gmynasii nostri origine, progressu et fatis” gesprochen; aber das Manuscript dieses Vortrags wanderte 1690 mit ihm nach Rostock und war schon dem oben genannten Sachs 1787 unbekannt.[3] – Der andere gleichzeitige handschriftliche Beschreiber unseres Gymnasiums hat in seiner beträchtlich kürzeren Schilderung seinem Namen nicht angegeben; aber er (wie Fecht, ein Badener und früherer Zögling der Anstalt) berührt Manches, was in Fecht unerwähnt ist. Ich will ihn später unter der Benennung „Anonymous von 1689” citiren. Seine Arbeit wurde uns [5] durch Johann Jakob Wechsler erhalten, welcher, aus Weissenburg im Nordgau gebürtig, 1706 bis 1742 badischer Pfarrer zuerst in Knielingen, dann in Durlach war und 1745 als Dekan in Pforzheim starb. Unterstützt von seinem innnigen Freunde, dem Gymnasialrector Walch, sammelte Wechsler mit großem Fleiße für die Geschichte der badischen Kirchen und Schulen eine Menge Nachrichten, die durch seinen Schwiegersohn, Jakob Gottlieb Eisenlohr, Pfarrer zu Spöck, später zu Thiengen, noch vermehrt und 1748 zum Drucke geordnet wurden. Diese Sammlung blieb zwar Manuscript, aber Sachs hat sie sowohl in seiner Einleitung zur Geschichte der Markgrafschaft Baden, als auch in seiner Geschichte des Gymnasiums ausführlich benützt.[4] Zu den ungedruckten Quellen habe ich endlich zu zählen ältere Durlachische und Karlsruher Lagerbücher, denen ich Einzelnes entnehmen konnte, ältere Baurisse und geometrische Planzeichnungen und die in dem protestantischen Seminar zu Straßburg aufbewahrte reiche Briefsammlungen von Gelehrten des 16. und 17. Jahrhunderts. Unter den gedruckten Quellen habe ich ganz besonders die Programme der Anstalt zu nennen, welche aber blos aus dem 19. Jahrhundert vollständig sind und schon für das 18. nur aus wenigen Jahren in unserer Lyceumsbibiliothek sich vorfinden. Für das ganze 17. Jahrhundert sind sie, hauptsächlich in Folge ihres sehr verschiedenen Formats, weit dem größeren Theile nach verloren, und selbst die mit ausgezeichneter Liberalität dem Publikum offenstehende Großherzogliche Hofbibliothek besitzt nicht viele derselben. Sie steht dort in den Miscellenbänden zerstreut, deren Gesammtzahl sich aber auf 433 beläuft,[5] und [6] sind mit Ausnahme des Programmes von 1691 meinem Vorgänger Sachs unbekannt geblieben. Von den Programmen des 16. Jahunderts ist gar keine mehr übrig. – Als weitere Quellen von Werth dienten mir Schriften, die durch Lehrer der Anstalt herausgegeben wurden und in den Vorreden Bemerkenswerthes enthalten. Da übrigens unsere Anstalt in dem 16. Jahrhundert zu Durlach ihren Anfang nahm und erst 1724 in die 9 Jahre vorher gegründete Residenz Karlsruhe verlegt worden ist, so haben wir zuerst von den früheren Zuständen des Unterrichts in der Stadt Durlach zu sprechen. §. 3. Vor der Einführung der Reformation wissen wir nur sehr wenig von einer Schule zu Durlach. Daß eine solche schon vor dem Schlusse des Mittelalters bestanden habe, sehen wir mit Gewißheit blos daraus, daß in einer Urkunde von 1467 ein dortiger rector scolarium unter der Regierung des Markgrafen Carl I. beiläufig erwähnt wird.[6] Aus der nächstfolgenden Regierungszeit seines Sohnes Christoph I. ist nichts zu bemerken, als daß der nachmals bekannt gewordene Schweizer-Chronist, Johann Stumpf, geboren 1500 zu Bruchsal, von sich erzählt, er habe, ohngefähr in seinem 12. Lebensjahre, in Durlach eine zeitlang dürftigen Unterricht genossen und dann bessere Belehung in Colmar, Straßburg und Heidelberg gesucht, bis er 1520 die Priesterweihe erhielt. – Aus der durch den Markgrafen Philipp I. 1527 geordneten Competenz der Pfarrei Durlach erfahren wir, daß der Stadtschreiber auch hier zugleich Schulmeister war,[7] und bald darauf, daß der Stadtschreiber eine jährliche Besoldung von 10 Gulden und vier Malter[WS 1] Korn genoß.[8] [7] Doch unter des Markgrafen Ernst Regierung im Jahre 1536, in welchem Melanchthon seinen 4 Stunden von Durlach gelegenen Geburtsort nach zwölfjähriger Abwesenheit wieder besuchte, schrieb die städtische Obrigkeit in ihrer neuen Schulordnung dem Schulmeister vor, er habe die Knaben auch im Lateinischen zu unterweisen, dabei den Donat und noch eine andere, ihm selbst beliebige Grammatik zu gebrauchen, ferner einen Poeten und einen Historiographum zu erklären. Wenn er kann und Luft dazu hat, soll er auch im Griechischen und Hebräischen unterrichten. Diejenigen Knaben aber, deren Eltern kein Latein wünschen, hält er, wie alle, dazu an, Gott und die Obrigkeit zu ehren, lehrt sie deutsch lesen und schreiben; sie lernen das Pater noster und den Glauben auswendig und in jedem Monat einen anderen Psalm singen. Er straft die Säumingen mit der Ruthe, genießt freie Wohnung, muß aber jährlich bei Schultheis Gericht und Rath um Verlängerung seines Dienstes bitten. Beiden Theilen steht das Recht der vierteljährigen Auskündigung zu. [9] Aus dieser Schulordnung geht zugleich hervor, daß die Sorge für den Jugendunterricht auch in Durlach ausschließlich dem Stadtrathe überlassen war. Von einem Gebote, die Kinder in die Schule zu schicken, von einer Betheiligung des Staates oder der Kirche an dem Unterricht oder an den Unterrichtskosten, von einem zweitweisen Blicke der Geistlichkeit oder des Beamten, ob die Schule gedeihe oder auch ob sie noch exisitere, ist nicht die Rede. Zu einer solchen Sorge fühlten sie sich nicht verpflichtet. Und doch wissen wir aus einer Urkunde von 1502, daß an der Durlacher Pfarrkirche allein, neben welcher noch die Spitalkirche bestand, außer dem Pfarrer allerwenigstens 6 Kapläne bepfründet waren.[10] In dieser Gegend überhaupt sah es damals nur zu [8] Pforzheim mit dem Unterrichte besser aus. In Ettlingen gab es außer dem Stadtpfarrer und seinen Kaplänen ein Stift, in Bretten außer der Pfarrkirche 13 Frühmeß- und Kaplaneipfründen, und doch mußten 1507 dem gelehrten Unterricht zu Liebe, den sie daheim nicht fanden, Franz Trenicus, Caspar Hedio, Mathias Erb aus Ettlingen, Melanchthon und andere Gleichzeitige aus Bretten nach Pforzheim ziehen. Aber auch in Pforzheim wurde die vielbesuchte Schule nicht etwa durch Geistliche der dortigen 8 Klöster und Stifte, sondern durch 2 von dem Stadtrathe unterstützte gelehrte Laien, Georg Simler und Johann Hildebrand, gehalten, ehe die Stadt 1535 wieder Resizenz wurde. §. 4. Der erweiterte Unterricht seit der Reformationseinführung war eine nothwendige Folge der großen Veränderung, welche durch Karl II, als dieser Markgraf sich öffentlich für die Grundsätze der Reformatoren erklärte, im Jahre 1556 angeordnet wurde. Einer aus Geistlichen und Weltlichen zusammengesetzten Kommission, die das Land nun bereisen mußte, ertheilte er damals unter Andrem den Auftrag, in jeder beträchtlichen Gemeinde, wo bis dahin keine Schule bestanden hatte, eine solche zu gründen; wo nur zuweilen Unterricht ertheilt worden war, für einen ständigen zu sorgen. Überall solle künftig der Superindendent (Dekan) jeder Diöcese die Ortsschule jährlich mindestens zweimal visitiren und dem nummehr gegründeten Kirchenrathscollegium berichtlich schildern. Was für Einrichungen damals in Durlach getroffen wurden, [9] ist in Folge der späteren, den Archiven so verderblichen Kriege nicht mehr zu ermitteln. Fast eben so wenig wissen wir von den weiteren Maßregeln, die der Markgraf 9 Jahre später für den Schulunterricht in Durlach anordnete, als er dahin seine Residenz aus Pforzheim verlegte. In Pforzheim hatte schon zu Anfang des 16. Jahrhunderts jene im vorigen Paragraphen gepriesene Mittelschule geblüht, in welcher nicht blos die dort schon erwähnten, aus Bretten und Ettlingen gebürtigen Irenicus[WS 2], Melanchthon etc., sondern auch noch manche andere, später berühmt Gewordene, z.B. Nicolaus Gerbel, Berthold Haller, Simon Erynäus u. s. w., ihren Jugendunterricht erhielten; ja bereits am Schlusse des 15. Jahrhunderts hatte Johann Reuchlin öffentlich in einer Druckschrift von 1494 rühmen können, wie reich seine Vaterstadt Pforzheim an ausgezeichneten und gelehrten Männern sei.[11] Von Durlach war damals nichts der Art zu behaupten. Hier bestand zwar schon lange ein markgräfliches Schloß [12] und es wurde durch Karl II. seit 1563 erweitert und Karlsburg beannt. Es ist aber durchaus unwahrscheinlich, daß er sich begnügt habe, in dieser 1565 zur Residenz erhobenene Stadt blos die Armen durch die damalige Stiftung einer jährlichen Hebung des dortigen Bürgerstandes die Leibeigenschaft desselben abzuschaffen, [13] [10] sondern er trug wohl auch Sorge für die weitere Verbesserung des seit der Reformationseinführung 1556 geregelten Schulwesens, schon aus dem Grunde, damit die neue Residenz nicht allzu weit hinter der früheren zurückbleibe, und damit es den Söhnen sowohl der Bürger, als auch der nach Durlach gezogenen Räthe nicht an gelehrtem Unterricht mangle. Wie hätte ferner ein Regent, der so väterlich für die Gründung einer Schule in jedem beträchtlichen Dorfe bedacht gewesen war und seit Melanchthon’s letztem Besuche in seiner Heimath, 1557, immer 16 Jünglinge theils zu Basel, theils zu Tübingen während ihrer Studien unterhielt, die Vorbereitung dieser Jünglinge zur Akademie vernachlässigen können? — Dazu kommt, daß derjenige Gewährsmann, welcher oben als Anonymus von 1689 bezeichnet worden ist, ausdrücklich versichert, ein Theil der Einkünfte des nahe gelegenen, bei der Reformationseinführung aufgehobenen Benedictinerklosters Gottsau sei für die Gelehrtenschule zu Durlach bestimmt worden, wie denn Aehnliches in allen evangelischen Nachbargebieten schon geschehen war. Die Reichsstadt Straßburg hatte schon längst einen Theil ihrer Klöster zu Schulanstalten und reiche Klostereinkünfte zu Schuldotationen bestimmt; der pfälzische Kurfürst hatte die Erträgnisse des Benedictinerstiftes Sinsheim dem Pädagogium in Heidelberg zugewiesen; der Herzog von Würtemberg hatte wie der Kurfürst von Sachsen und andere deutsche Fürsten bei Errichtung der evangellschen Klosterschulen nach gleichen Grundsätzen gehandelt. Zwar in einem 100 Jahre späteren Bericht, welchen die Durlachische Rentkammer 18. Juli 1659 an den damals regierenden Markgrafen Friedrich V. erstattete, wird versichert, „bekanntlich müsse das fürstliche Kammergut die meisten Bedürfnisse des Gymnasiums an Geld und Naturalien liefern”; [14] [11] aber diese Versicherung fällt schon in die Zeit, wo das Kirchengut im Allgemeinen, also auch die Einkünfte des Klosters Gottsau, längst der Verwaltung jener Rentkammer anvertraut und durch diese allmählich mit dem Namen Kammergut bezeichnet werden war. Und wenn überhaupt die erwähnte Behauptung des sehr wohl unterrichteten Anonymus von 1689, Gottsauer Revenüen seien zu gelehrten Schul-Zwecken in Durlach bestimmt worden, mehrfach begründet scheint, so ist wohl nicht anzunehmen, daß die Regierung es erst seit 1583 gethan habe, theils zur Erbauung des Gymnasiums in Durlach, wo niemals ein Kloster existirt hatte, also auch kein Klostergebäude in ein Schulhaus zu verwandeln war, theils zur Erhaltung des Gymnasiums. Wir dürfen vielmehr voraussetzen, daß durch die Regierung schon seit der Reformationseinführung ein Theil jener Revenüen aus die Durlacher Schule verwendet wurde. — Einen weiteren Beweis aber, daß in Durlach eine nicht unbedeutende gelehrte Mittelschule schon vor dem Stiftungsjahre des Gymnasiums 1583 und schon vor dem 1577 erfolgten Tode des Markgrafen Karl II. bestanden habe, liefert Johann Burkhard May, welcher 1687, also in einer Zeit, wo die Gymnasialakten noch nicht verbrannt waren, die Stelle eines Hofbibliothekars und zugleich die Professur der Beredsamkeit in Durlach bekleidete. Er sagt in einem damals gedruckten, aber später in völlige Vergessenheit gerathenen Gymnasialprogramme: Karl II. hat den Grund zu unserer Schulanstalt gelegt, sittlich achtbare, wohl unterrichtete und methodisch gebildete Lehrer an sie berufen, unter. denen Andreas Hammer [15] und Johann Premer mit besonderem Danke genannt [12] werden müssen; durch sie ließ er zu Durlach in Religion, Latein und Griechisch wohlgeartete Knaben heranbilden, bis sie nach Basel unter die Aussicht des dortigen Professors Simon Sulzer oder nach Tübingen unter die des Erhard Cellius gebracht werden konnten. – Während alle übrigen fürstlichen Wohlthäter dieser Schule, so fährt das genannte Programm von 1687 weiter fort, Friedrich geheißen haben, nämlich Ernst Friedrich, Georg Friedrich, Friedrich V., Friedrich VI. und der, dessen Namenstag wir jetzt feiern, Friedrich VII., trug der erste Gründer unserer Schule den Namen Karl. Dabei lasse ich auch den weiteren Umstand nicht unerwähnt, daß May dieses Programm unter den Augen seines früheren Lehrers und nunmehrigen Vorgesetzten, des Kirchenraths und Ephorus Johann Fecht, herausgegeben hat, welcher, wie §. 2 bemerkt wurde, 6 Jahre vorher eine Schulrede über die Geschichte des Gymnasiums gehalten und sehr wahrscheinlich in ähnlichem Sinne geurtheilt hatte. — Doch damit wollte May keineswegs in Abrede stellen, daß die Anstalt zu ihrer größeren Vollständigkeit, von welcher der nächste Paragraph sprechen wird, erst nach dem Tode des Markgrafen Karl II. erweitert worden sei; er ladet vielmehr mit eben diesem Programme zur Feier ihres ersten Jubelfestes auf den Namenstag des damals regierenden Markgrafen, 5. März 1687, ein. Als weiterer Beweis, daß in Durlach schon vor dem Stiftungsjahre des Gymnasiums eine gelehrte Mittelschule und zwar bereits mit einem Alumnat bestanden habe, möge aus der 1631 in Durlach gedruckten Lebensbeschreibung [16] eines der frühesten Wohlthäter der Anstalt, des Hofpredigers Georg Felder, die [13] Versicherung gelten, er sei 1582 als 15jähriger armer und talentvoller Knabe aus Emmendingen auf Empfehlung der dortigen Beamten in dieses Alumnat der Durlacher Schule ausgenommen und 8 Jahre lang kostenfrei in demselben unterhalten worden. Schon oben habe ich die Geschichte des Gymnasiums eingetheilt: I. in die zu Durlach von 1586 bis 1724 zugebrachten 138 ersten Jahre, In jeder dieser beiden Perioden will ich die äußere Geschichte und die innere Einrichtung getrennt von einander behandeln. [Bearbeiten] Erste Periode des Gymnasiums, 1586-1724[Bearbeiten] Aeußere Geschichte.[13] §. 5. Die Stiftung des Gymnasiums führt uns in das Jahr 1583. Nachdem Markgraf Karl II. 1577 gestorben war, trat bis zum 4. Dezember 1584 eine Vormundschaft für seine drei minderjährigen Söhne Ernst Friedrich, Jakob und Georg Friedrich ein. Sie bestand aus seiner Wittwe Anna, von Geburt einer pfälzischen Prinzessin, und aus 3 befreundeten lutherischen Fürsten. Der Eine, Kurfürst Ludwig VI. von der Pfalz, starb schon im Oktober 1583, die beiden Anderen, Herzog Philipp Ludwig von Neuburg an der Donau und Herzog Ludwig von Würtemberg, überdauerten die Zeit der Vormundschaft. Wie wir aber diese 3 Vormünder, die den bereits gegründeten Mittelschulen ihrer eigenen Gebiete sorgsame Pflege angedeihen ließen, als Beförderer unserer Gymnasialstiftung mit Dankbarkeit erwähnen; so verdienen auch aus der Zahl der damaligen badischen Staatsmänner und Geistlichen diejenigen genannt zu werden, welche für die Gründung unserer Anstalt am thätigsten [14] gewesen sind. Zuerst der markgräfliche Statthalter und Geheimerath Martin von Remchingen, welcher, aus Hohenzollern’schen Diensten seines evangelischen Glaubens wegen entlassen, 1577 in badische getreten war[17] wo sein Geschlecht in der Nähe von Durlach Güter besaß; ferner der für den Unterricht überhaupt treu sorgende Kanzler Dr. Martin Achtsynit oder Amelius, 1526 zu Freiburg im Breisgau geboren, Sohn eines dortigen Professors der Rechtswissenschaft; außerdem der Vicekanzler Dr. Christoph Friedrich Kircher; der Durlachische Superintendent Dr. Ruprecht Dürr, 1525 zu Schorndorf geboren; endlich ganz besonders der Rath Dr. Johann Pistorius, welcher 1546 zu Nidda geboren, Sohn eines rühmlichst bekannten hessischen Geistlichen und gerade während der Stiftung des Durlacher Gymnasiums mit der Herausgabe seines verdienstlichen Werkes: Scriptores rerum germanicarum – beschäftigt war. Noch während der Vormundschaft wurde die Anstalt 1583 [18] in gemeinschaftlichem Namen der 3 fürstlichen Brüder gestiftet, das heißt beschlossen, die schon bestehende Mittelschule allmählich bis zu dem Grade zu erweitern, welcher zum Bezug einer Universität gehörig vorbereiten, den Aufenthalt aus der Universität abkürzen und für Theologie Studirende möglichst ganz entbehrlich machen sollte. Für den Kurs des eigentlichen Gymnasiums wurden 5 Klassen oder Kurien bestimmt, welche in 10 Jahren zu durchlaufen seien und erst nach dem Jahre 1614 aus 6 Klassen stiegen; an dieses Gymnasium classicum habe sich aber anzuschließen nicht blos ein zweijähriger für weitere, hauptsächlich [15] philosophische und rhetorische Studien bestimmter Kurs, der auch Gymnasium publicum hieß, sondern für die Theologen außerdem auch noch ein besonderes Biennium. — Bis zu welchem Grade dieser Plan schon 1583 und vor der Vollendung des dazu erforderlichen Neubaues ausgeführt worden sei, läßt sich nicht mehr ermitteln. Selbst die Stiftungsurkunde des Gymnasiums gehört, leider zu den vielen theils während des dreißigjährigen Krieges theils bei der Zerstörung von Durlach 1689 zu Grunde gegangenen Dokumenten. Das früheste Programm, welches 1583 bei der Stiftung im Drucke erschien, hatte den Professor der Eloquenz, Johann Schopff,[19] zum Verfasser und schilderte in lateinischen Versen die Pflichten der einzelnen Lehrer. Ein Exemplar dieser Schulschrift war noch etwa 70 Jahre später dem mehrmals genannten Johann Fecht einmal zu Gesicht gekommen; aber bereits im Anfange des 18. Jahrhunderts wurde bedauert, daß schon längst keines mehr vorhanden sei. — Vorsteher oder Rector der Anstalt war in der Stiftungszeit, doch nur noch wenige Monate lang, Martin Blank, an dessen Stelle noch im gleichen Jahre 1583 Lorenz Scheuerle oder Schyrius trat, gebürtig aus Ulm. [20] [16] §. 6. Markgraf Ernst Friedrich, der älteste der 3 Brüder, erreichte am 17. Oktober 1584 mit zurückgelegtem 24. Lebensjahre die Majorennität, so daß am 4. Dezember des gleichen Jahres die Vormundschaft sich auflöste. Zugleich wurde das Land, was nicht in der Absicht des Vaters gelegen hatte, getheilt und jedem der 2 jüngeren Brüder ein Gebiet in dem südlicher gelegenen Oberlande zugewiesen; eine Theilung, die glücklicherweise nur 2 Jahrzehnde bestand. — Als der Gymnasialbau fertig war, eröffnete Ernst Friedrich 1586 die nun beträchtlich erweiterte Mittelschule und das damit verbundene theologische Contubernium oder Convictorium, in welchem immer zwölf künftige Geistliche unter der Aufsicht des Rectors bei einander wohnten und die zum Kirchenamte nöthigen Kenntnisse während eines zweijährigen Aufenthaltes sich erwerben sollten. Wer seine theologischen Studien sodann noch weiter fortzusetzen wünschte, bezog, und zwar die Talentvolleren mit Stipendien versehen, irgend eine Universität. – An den Klassen lehrten 5, später 6 Präceptoren, [21] in den beiden höheren Anstalten der Rector und 4 Professoren; somit finden wir an der nun eröffneten Schule schon im Jahre 1586 eine Zahl von 10 Lehrern, welche, Straßburg ausgenommen, in keiner süddeutschen Schulanstalt jener Zeit größer war. – Von den weiteren Schicksalen des Gymnasiums unter Ernst Friedrich’s Regierung ist, da die Akten in späteren Verheerungskriegen zu Grunde gegangen sind und kein Lehrer kurz vor oder doch bald nach dem 30jährigen Kriege sich die Mühe nahm, die Geschichte der Schule in einer Druckschrift [17] zu beschreiben, so wenig bekannt, daß wir sogar von den frühesten Schulgesetzen blos wissen, sie seien 1588 erschienen. Schon 100 Jahre später bedauerte der Ephorus Fecht, er kenne sie nicht. [22] Auch von dem 1586 fertig gewordenen großen Gymnasialgebäude ist weder ein Grundriß, noch ein Aufriß mehr übrig. Doch geht aus Lagerbüchern der Stadt Durlach wenigstens der Platz (G auf der Beilage), wo das Gymnasium stand, hervor, nämlich zwischen der Stadtkirche und dem Basel-Thore, also im südlichen Stadttheile und zwar in der Kirchgasse. [23] Vergleichen wir die Lithographie, so finden wir dort aus der Südseite des geräumigen Gymnasialgartens einen minder breiten Gartenplatz, welcher, wie das dazu gehörige, mit B bezeichnete Haus, erst durch Vermächtniß des §. 8 zu rühmenden Samuel Beyerbeckh 1684 an das Gymnasium fiel. Das Gymnasialgebäude selbst enthielt 3 aus Stein ausgeführte Stockwerke. In dem untersten befanden sich das Lehrzimmer der untersten Klasse, die Bibliothek, das Refectorium der Convictoristen und die dazu gehörige Küche nebst der Vorrathskammer. In dem mittleren Stockwerke wohnte der Rector und dessen Pensionäre, deren steigende Anzahl durch die Oberaufsichtsbehörde, den Kirchenrath, gerne gesehen wurde. Alle anderen Lehrer wohnten in der Stadt zur Miethe. Das oberste Stockwerk umfaßte den großen Hörsaal und die übrigen Lehrzimmer. In dem Dachraume besanden sich die Stuben der 12 Convictoristen. [24] [18] – In der von Merian 1643 gezeichneten Ansicht der Stadt Durlach, von der Westseite her aufgenommen, und in einem späteren, dem Gemeinderathe gehörigen Gemälde, welches den südöstlichen Anblick der Stadt darstellt, ragt das Gymnasialgebäude hoch über alle Häuser des südlichen Stadttheiles empor. Nachdem der durch Ernst Friedrich ernannte Rector Lorenz Schyrius sein Durlacher Amt 1594 mit der Professur der orientalischen Sprachen an der Universität Helmstädt vertauscht hatte, finden wir in seinen 2 Nachfolgern gleichfalls Nichtbadener. Der Eine derselben, Daniel Riringer, wurde schon nach 2 Jahren in seine Vaterstadt Straßburg als Professor berufen; der Andere, Ludwig Lucius aus Basel, erhielt, wie der gleichzeitige Professor der Philosophie, Jakob Lorhard, 1604 wegen seiner reformirten Konfession nach dem Tode des kinderlosen Markgrafen Ernst Friedrich die Entlassung. Lucius starb als Professor der Philosophie an der Universität seiner Heimath Basel; Lorhard, welcher vor seiner Durlacher Anstellung Repetent in Tübingen gewesen war, wurde 1604 Pfarrer in St. Gallen. §. 7. Markgraf Georg Friedrich, welcher 1604 als der allein noch übrige Sohn Karl des Zweiten das 20 Jahre zuvor getheilte Land wieder vereinigte, war ein streng lutherischer Fürst und berief an die Stelle des von ihm entlassenen Baslers zum Rectorate den Magister Heinrich Mummius. Dieser versah das Amt 1604 bis 1608 und ist unter den 6 frühesten Rectoren der einzige, von welchem weder der Geburtsort, noch eine gedruckte schriftstellerische Arbeit angegeben werden kann. Sein Nachfolger Johann Himmel, 1608—12, war aus Stolpe in Pommern gebürtig und starb als Professor der Theologie in Jena. Nach ihm versah M. Christian Matthiä, aus Meldorf in Ditmarsen, 1614—18 das Rectorat. [25] Während seiner Amtsführung stiftete [19] Markgraf Georg Friedrich am 23. April 1614 jährlich 100 fl. aus der Kellerei Pforzheim, also aus Staatsmitteln, zu Stipendien für 40 Schüler aller Gymnasialklassen, jedes mit 15 bis 35 Gulden, weil er, so drückte er sich aus, voll Dankbarkeit gegen den Allmächtigen, durch den ihm unzählbare Gnaden erwiesen worden seien, bedacht habe, daß sowohl zu dem heiligen Predigtamte, als auch zu weltlichen Obrigleiten und zeitlichen Aemtern gelehrte und gottesfürchtige Männer gehören und daß die Schule das rechte, von Gott geordnete Mittel zur Erziehung derselben sei. [26] – Gleich im folgenden Jahre, am 17. November 1615, empfahl der nämliche Fürst durch §. 8 seines Vermächtnisses allen seinen Regierungsnachfolgern, auf die Erhaltung des Gymnasiums und auf die Verbesserung der Einrichtungen dieser Schule gewissenhaften Bedacht zu nehmen. Aber drei Jahre später brach der 30jährige Krieg aus und dieser bereitete, schon bald nach seinem Anfange, unserer Anstalt die große Noth, die er über die meisten deutschen Mittelschulen jener Zeit erst später gebracht hat. Mit [20] Entschlossenheit hing Markgraf Georg Friedrich aus Gründen, die ich anderswo aufgezählt habe, [27] an der evangelischen Union, und die große Truppenzahl, die er für die vorauszusehenden Kämpfe gesammelt hielt, erweckte bei seinen Unterthanen die gegründete Besorgniß, er werde sich an diesen Kämpfen unverweilt und energisch betheligen. Das bewog auch den genannten Rector Matthiä schon 1618, den badischen Dienst zu verlassen, und Matthiä’s Nachfolger, Dr. Thomas Wegelin aus Augsburg, blieb gleichfalls nur wenige Jahre. Markgraf Georg Friedrich selbst legte nach dem Verluste der Schlacht von Wimpfen 1622 die Regierung nieder. §. 8. Sein Sohn Friedrich V., dem er in dieser schweren Zeit die Regierung übergab, konnte sogar durch die friedlichsten Maßregeln die Verheerungen nicht verhüten, mit welchen die siegreichen Oesterreicher und Baiern in sein Gebiet eindrangen. Auch die meisten Gymnasiallehrer flohen aus Durlach bei dem Herannahen des grimmig hausenden Feindes [28] und nur ein Theil derselben kehrte nachher zurück. Der treffliche Samuel Gloner, dessen Lehrbuch der Prosodie noch hundert Jahre später in Durlach eingeführt war, ein Freund des berühmten Moscherosch, verschaffte sich schon 1622 in seiner Vaterstadt Straßburg eine andere Lehrstelle [29]; eben dahin zog, um den [21] fortwährenden Kriegsbedrängnissen zu entgehen, im folgenden Jahre 1623 auch der genannte Rector Wegelin, welcher eine theologische Professur an der Straßburger Universität erhielt.[30] – Das Durlacher Gymnasium, für dessen Gebäude kurz vor dem Unglücksjahre 1622 eine beträchtliche Erweiterung beschlossen und das Baumaterial bereits herbeigeführt war,[31] durfte nun die Ausführung eines solchen Planes so wenig erwarten, daß es sich vielmehr in seinem Fortbestehen schon jetzt zuweilen bedroht sah. In diesen auch durch große Theurung und durch Seuchen schwer heimgesuchten Jahren bemühte sich der um das Wohl der Anstalt bekümmerte Markgraf Friedrich V. ihr dadurch zu helfen, daß er ihr, gleichzeitig mit der durch ihn vorgeschriebenen neuen Schulordnung, am 1. August 1626 die künftige Ablieferung eines Theiles der im Lande zu erhebenden Straf- und Dispensations-Gelder zusagte und allen vermöglicheren kinderlosen Unterthanen milde Stiftungen zum Vortheil des Gymnasiums empfahl.[32] Es gelang ihm auch, den Convict in möglichst erträglichem Bestand zu erhalten bis zum Jahre 1634, wie aus einer gleichzeitigen Druckschrift[33] und aus andern Auszeichnungen dieser Jahre hervorgeht. [22] §. 9. Nach zahlreichen Wechselfällen des unseligen Krieges brachte vollends das Jahr 1634 dem Markgrafen Friedrich V. ein sehr lange dauerndes Exil und auch über das Gymnasium die tiefste Noth, aus der es sich vor dem westphälischen Frieden nie wieder erholt hat. Als nämlich die Oesterreicher und Baiern, siegreich in der Schlacht von Nördlingen, auf’s neue gegen den Oberrhein vordrangen, ging ihnen eine so erschreckende Schildederung der im Herzogthum Würtemberg durch sie verübten Grausamkeit voraus, daß in Durlach Jeder, der irgendwie einige Mittel zur Flucht besaß, aus das linke Rheinufer[34] floh; darunter auch sämmtliche Lehrer und die meisten Schüler. Von jenen kehrte nur Einer nach Durlach zurück, der seit 1623 mit dem Rectorat provisorisch und seit 1626 definitiv betraute Conrad Weininger. Er war der früheste Badener in der Rectorenreihe, Sohn des oberländischen Generalsuperintendenten Dr. Johann Weininger. Mit einer kleinen Beisteuer, die er von der Stadt erhielt, aber unbesoldet durch die von den Feinden des verjagten Markgrafen Friedrich V. in Durlach ausgestellte Landesadmintstration, doch durch diese, ohne seinen Willen, mit dem Titel Generalsuperintendent versehen, unterrichtete er 16 Jahre lang allein die aus eine sehr kleine Zahl herabgeschmolzenen Gymnasiasten, soweit die Kräfte eines einzelnen Mannes es vermochten, [23] und hielt zugleich den evangelischen Gottesdienst in der Stadt und in den benachbarten Pfarrorten, deren Geistliche während der Kriegsdrangsale theils vertrieben, theils umgekommen waren. Als der römische König Ferdinand III., Sohn des damals regierenden Kaisers, im Sommer 1636 sein Hauptquartier in dem Schlosse zu Durlach aufschlug und seine Feldkanzlei in dem Gymnasialgebäude unterbrachte, erhielt die Anstalt wenigstens einen Schutzbrief vom 21. Juli 1636, der sie von künftiger Einquartierung befreien sollte[35]; aber in Folge der zahlreichen Kontributionen und der immer neuen plündernden Durchzüge stieg der Mangel und die Theurung in der ganzen Gegend zuweilen auf einen solchen Grad, daß Weininger mit seiner Familie schon 1636, noch mehr im Juni 1639 dem Hungertode nahe stand und nur durch die Mildthätigkeit seiner Straßburgischen Freunde sein Leben zu fristen vermochte.[36] Das Kloster Gottsau, aus dessen Einkünfte das Gymnasium fundirt war, hatten oberschwäbische Benedictiner schon seit 1630 wieder besetzt, die zwar durch die Schweden 1632 wieder verjagt, aber 2 Jahre später durch die Nördlinger Schlacht abermalige Besitzer desselben geworden waren, sich jedoch selbst oft in bitterer Noth befanden, [24] oft vor andringenden Streifzügen fliehen mußten und im Sommer 1643 wiederholt versicherten, von dem durch Feinde und Freunde in der ganzen Gegend von Durlach angerichteten Jammer könne kein Mensch sich eine Vorstellung machen.[37] – Nach mehrfachem ähnlichen Wechsel der Kriegsereignisse in ihrer Nähe kehrten sie zur Zeit des westphälischen Friedensschlusses für immer in ihr oberschwäbisches Kloster Ochsenhausen heim. §. 10. Da bis zum Jahre 1650 fast in allen oberrheinischen Städten noch immer fremde Garnisonen hausten, so kehrte Markgraf Friedrich V. erst nach ihrem Abzuge endlich aus dem langen, zuletzt in Basel verlebten Exil nach Durlach zurück. Aber noch vor dem am 29. September 1650 gefeierten Friedensfeste versprach er schon am 12. August des gleichen Jahres, dem Rector Weininger möglichst bald die Opfer zu ersetzen und zu lohnen, welche dieser treue Diener auch für die wenn gleich kümmerliche Erhaltung der verarmten Schule so lange Zeit hindurch gebracht habe; nur vermied er es noch während der fünf nächsten Jahre, den Titel „Generalsuperintendent des Unterlandes” anzuerkennen, welchen Weininger durch die feindliche Landesadministration erhalten hatte. Der Markgraf ernannte ihn aber sogleich, unter Belassung seines Rectorates, zum Kirchenrath und erneute, noch von dem zwischen Basel und Lörrach gelegenen Schlosse Friedlingen aus, am 18. September 1650 den Seite 21 erwähnten Erlaß vom 1. August 1626, welcher die Gymnasialeinkünfte zu heben bestimmt, aber während des langen Krieges ganz außer Uebung gekommen war. Da übrigens in allen Landestheilen unzählige, noch schwerere Kriegswunden geheilt werden mußten, so wurde selbst die öffentliche Mildthätigkeit für das Gymnasium abermals in Anspruch genommen und den Pfarrern die Weisung ertheilt, in besonderen Predigten zu einer Landescollecte für die Wiederherstellung der Durlacher Schule [25] zu ermuntern. Diese Sammlung ertrug zwar sogar nach der gesegneten Ernte und Weinlese der Jahre 1653 und 1654 zusammen nur 2000 fl.; doch konnte der Markgraf nicht lange hernach aus die Besoldung der Gymnasiallehrer (mit Einschluß der nieder angeschlagenen Naturalien, d. h. Getraide, Wein und Holz) jährlich 1547 fl. verwenden, obwohl die Finanzbehörde, die sogenannte Rentkammer, eine solche Summe am 18. Juli 1659 zu hoch fand und die Administration des Gymnasiums künftig selbst zur Hand zu nehmen wünschte; denn auch auf den gerade jetzt wiederhergestellten theologischen Convict, unter dessen Zöglingen sich unter Andern der oft erwähnte Johann Fecht[WS 3] befand, hatte der Markgraf jährlich 671 fl. verwilligt. Doch Friedrich V. erfüllte jene Wünsche nicht,[38] und selbst sein Küchenmeister, ein geborener Durlacher, Samuel Beyerbeckh, nahm sich des Gymnasiums mit größerer Wärme als die Finanzmänner an. „Aus ernstlicher Begierdte, der lieben heranwachßenden Jugendt nach Vermögen förderlich zu seyn,” so drückte sich dieser, auch wegen seiner heiteren Laune in der ganzen Stadt beliebte Mann aus, legte er 1653 seine Hofstelle nieder, wurde Schaffner des Gymnasiums und übernahm um geringen Lohn die sorgfältigste Verpflegung der 12 Convictoristen oder der sogenannten Ernestischen [26] Stiftung.[39]Ihre Zahl konnte nun mit einem 13ten vermehrt werden, der als Amanuensis des Rectors damals hinzu kam. Der kinderlose Beyerbeckh setzte 31 Jahre später das Gymnasium, dem er schon vorher große Wohlthaten erwiesen hatte, zu seinem alleinigen Erben ein.[40] §. 11. Auch unter der Regierung Friedrich VI., welcher am 8. September 1659 aus seinen Vater folgte, fuhr die Rentkammer in der bezeichneten ökonomischen Richtung gegen die Oberbehörde des Gymnasiums, das Kirchenraths-Kollegium, fort und trug am 8. November 1660 darauf an, die Besoldungen der Professoren ganz zu sparen, ihre bei den sogenannten Exemten vorzuragenden Lehrfächer unter die Präceptoren zu vertheitheilen; das Gymnasium habe man bisher zu hoch gespannt, als daß länger so fortgefahren und ein so kostspieliger Eingriff in das Kammerwesen geduldet werden könne.[41] – Demungeachtet war es gerade dieser Markgraf Friedrich VI., der das Gymnasium auf eine solche Stufe erhob, daß der Zustand vor dem 30jährigen Kriege übertroffen wurde. Zum Professor der Beredsamkeit ernannte er 1664 den gelehrten Schwager Spener’s, Johann Gerhard Arnold, geboren zu Friedberg in der Wetterau; zum Professor der Theologie 1667 jenen früheren Zögling des Gymnasiums, Johann Fecht, den er unterdessen, wie manchen anderen talentvollen jungen Mann, während der [27] Universitätsstudien viele Jahre lang unterstützt hatte. Zum Ephorns wählte er 1667 den mit klassischer Literatur vertrauten Hofrath Joh. Christian Keck, der gleich im ersten Jahre seines Amtes die Zahl der Klassen wieder auf 6, also auch die Zahl der Präceptoren erhöhtes Für die Anstalt kaufte Friedrich VI. um 900 fl. die Bibliothek des 1660 zu Heidelberg verstorbenen Philologen Johann Freinsheim[ws 1]. Zur Ermunterung fleißiger Schüler ließ er seit 1669 eigens geprägte Silbermünzen als Prämien jährlich vertheilen.[42] Jedem Professor schrieb er vor, im Jahre wenigstens zweimal feierliche oratorische Uebungen mit seinen Zöglingen vorzunehmen; solche Schulfeste wurden durch eigene Programme angekündigt, die auf Kosten der Anstalt im Drucke erschienen. Auch an öffentlichen dialectischen Uebungen oder Disputationen fehlte es durchaus nicht; sie hatten zum Inhalt theils theologische, theils philosophische, theils philologische Gegenstände und die bedeutendsten unter den 1668 bis 1672 aufgeführten sind gleichfalls durch Druckschriften uns erhalten.[43] Zumal seit Arnold 1668 Rector geworden war, mehrte sich die Frequenz auch durch Ausländer. Während jede einzelne Klasse durchschnittlich 20 bis 30 Schüler zählte, enthielt der höhere Theil der Anstalt, das aus 2 Jahreskursen bestehende sogenannte Publicum, selten weniger als 60 Exemten oder Studiosen, und darunter finden sich Stuttgarter, Franken, Hanseaten, selbst aus Frankreich manche evangelische Adelige. — Da trat dem weiteren Gedeihen des Gymnasiums 1674 der neue französische Krieg, welchen unsere damaligen Landsleute den Luxemburgischen Krieg [28] nannten, sehr hemmend in den Weg, so daß der Convict schon im folgenden Jahre 1675, als Turenne bei dem durch ihn so eben in Brand gesteckten Sasbach fiel, auf 7 Alumnen beschränkt werden mußte, und noch während des Krieges starb am 31. Januar 1677 der preiswürdige fürstliche Gönner unserer Anstalt, Friedrich VI., der einst unter Bernhard von Weimar, Banner und Wrangel ruhmvoll gefochten hatte und noch im Jahre vor seinem Tode als kaiserlicher und Reichs-Generalfeldmarschall den Franzosen die Festung Philippsburg entriß, pflegte es nicht zu verschmähen, mit seinen Prinzen den öffentlichen Prüfungen des Gymnasiums seine persönliche Theilnahme zu schenken. §. 12. Letzteres haben wir auch von seinem Sohne und Regierungsnachfolger dankbar zu erwähnen. Markgraf Friedrich Magnus oder Friedrich VII. sah sich 1678, also im Jahre vor dem Ende dieses französischen Krieges, zwar genöthigt, die Zahl der Convictoristen bis auf 4 zu vermindern, so daß die Verköstigung derselben in dem Gymnasialgebäude von nun an ganz aufhörte, nie mehr wiederhergestellt und nur noch in den nächsten elf Jahren wenigstens mit einem verwilligten Kostgelde einigermaßen ersetzt wurde. Doch wohnten sie noch fortwährend bis 1689 in dem Gymnasium und der Markgraf erklärte, sobald der Nimweger Frieden 1679 geschlossen war, seine Bereitwilligkeit, dem vorelterlichen Beispiele zu folgen und je nach den durch Gott gereichten Mitteln das Gymnasium wieder zu seinem alten Ruhme zu bringen. Es gelang ihm auch. Aus der Zahl der früheren Zöglinge des Convicts, die unterdessen bei ihrem Streben nach weiterer akademischer Ausbildung mit Stipendien unterstützt worden waren, berief er 4 zu Lehrämtern der Anstalt. Der Eine war Michael Förtsch, der Sohn einer im Kriege verarmten Familie aus Wertheim, der einst auf markgräfliche Kosten das Gymnasium besucht hatte und jetzt, 1681, zum Professor der Theologie in Durlach ernannt wurde; der Andere Dr. Med. Matthäus Scherff aus Sulzburg, welcher Mathematik und Naturwissenschaft zu lehren bekam; die beiden Uebrigen waren die gelehrten Brüder Johann Burkhard May und [29] Johann Heinrich May, Söhne des damaligen Pfarrers von Bauschlot. Dem Ersteren dieser Beiden übertrug er die Professur der Beredsamkeit, dem Letzteten die der orientalischen Sprachen. Noch länger dauernde Dienste leistete dem Gymnasium classicum der kenntnißreiche ungarische Edelmann Michael Bulyowsky de Dulycz, welcher seines evangelischen Glaubens wegen durch die Jesuiten aus seiner Heimath verjagt worden war und von 1679 an mit kurzer Unterbrechung 33 Jahre lang an der Anstalt segensreich wirkte. Mittelst dieser und der schon früher genannten Lehrer hob Friedrich VII. seit dem Friedensjahre 1679 die Schule und die Schülerzahl wieder so sehr, daß er schon im Begriffe stand, die 6 Schulklassen wegen Ueberfüllung der untersten mit einer siebenten zu vermehren. Ebenso wollte er die Gymnasialbibliothek, für welche das Vermächtnis des 1684 verstorbenen edlen Schaffners Beyerbeckh eigens 600 Gulden bestimmt hatte, mit der großen Battier’schen Büchersammlung in Basel verstärken; ja er ging sogar, seit Straßburg, die durch Badener am häufigsten besuchte Universitätsstadt, 1681 in französische Hand gefallen war, mit dem Gedanken um, eine Universität in Durlach zu errichten, kam aber theils durch das Bedenken, daß akademische Freiheit einer kleinen Residenz Ungelegenheiten bereite, theils durch die gegründete Besorgniß eines neuen französischen Krieges davon zurück. Denn abgesehen von der bedrohlichen Maßregel, daß Ludwig XIV. das mitten im Frieden weggenommene Kehl auch im Waffenstillstand von 1684 nicht zurückgegeben hatte, war 2 Jahre später die französische Festung Hüningen mit einem Brückenkopfe auf badischem Grund und Boden versehen und im Unterelsaß oberhalb Rastatt die Festung Fortlouis angelegt worden. Wegen dieser in hohem Grade bedenklichen Lage sei unter der Regierung Friedrich’s VII. auch die 1. Jubelfeier des Gymnasiums unterblieben, so berichtete 100 Jahre später, am 1. September 1786, das Kirchenrathskollegium an Karl Friedrich, [30] weil die damaligen Historiker Sachs und Posselt[44] einer solchen Ansicht waren und Akten, die darüber besseren Aufschluß geben konnten, sich gar nicht mehr vorfanden. Daß aber allerdings die Jubelfeier unter Friedrich VII. stattgefunden habe, erhellt vollkommen klar aus zwei 1687 zu Durlach bei Martin Müller gedruckten und später in völlige Vergessenheit gerathenen Gymnasialschriften. Die Eine haben wir schon Seite 11 wegen ihres für die frühere Geschichte unserer Anstalt wichtigen Inhaltes citirt; sie ist durch den vorhin genannten Professor der Beredsamkeit, Johann Burkhard May, lateinisch geschrieben, ladet zu den am 5. März 1687, dem Namensfeste des regierenden Markgrafen, zu begehenden Säkularfeierlichkeiten des Gynmasiums ein, kündigt die zahlreichen Reden an, die dabei in deutscher, lateinischer, griechischer und in mehreren anderen Sprachen[45] den Dank gegen Gott für die Erhaltung der Schule, wie die Bitte um ihr ferneres Wohl ausdrücken werden, und rühmt die große Zahl ihrer vornehmen Schüler, zu welchen die Grafen von Solms und von Limpurg, die Freiherrn von Eck, von Gemmingen, von Göler, von Helmstätt, von Löwenstein, von Peblis, von Remchingen, von Steinfels, Thum von Neuburg und Zillenhart, auch Patriciersöhne aus Frankfurt und anderen Reichsstädten und adelige Franzosen wie de Favières u. s. w. gehörten. – Die zweite für ein größeres Publikum bestimmte Festschrift ist deutsch, führt den Titel „Christlicher Jubel- und Freudenschall” und feiert mit Gedichten[46] „die Wiedergedächtniß des in fürstlicher [31] Residenzstatt Durlach vor hundert Jahren fundirten Gymnasii“. – Auch zwei weitere Programme sind aus den nächstfolgenden Monaten noch vorhanden; das Eine lud am 2. November 1687 auf den folgenden Tag zur Feier des glänzenden Sieges ein, welchen der badische Markgraf Ludwig Wilhelm unlängst bei Mohacz in Ungarn hatte erkämpfen helfen; das Andere kündigte auf den 17. Januar 1688, wie damals überhaupt Schauspiele häufig durch die Gymnasiasten ausgeführt wurden, ein solches Schauspiel an, mit welchem zwölf Zöglinge der Anstalt[47] den Geburtstag des Erbprinzen feierten. Das waren freudige Feste, die nun für das Gymnasium sehr bald auf lange Zeit verstummen mußten. Noch im nämlichen Jahre brach der Orleanische Krieg aus, welcher, viel verheerender als der dreißigjährige, auch dem Gymnasium die tiefste Noth bereiten sollte, von der es jemals heimgesucht worden ist. [32] §. 13. Das Zerstörungsjahr 1689, nachdem die Franzosen schon im September zuvor jenen Krieg mit der Eroberung von Speier eröffnet und gleich darauf auch Philippsburg und Mannheim erobert hatten, begann bereits in seinen ersten Wochen einzelne Theile unserer Heimath mit vandalischer Wuth zu verheeren. Im Juli 1689 fiel, von Philippsburg aus, eine zahlreiche Mordbrennerbande des Generals Mélac zuerst über die Stadt Bruchsal her, plünderte sie, legte sie dann nebst Bretten, Gochsheim und anderen Orten in Asche und erschien, noch ehe das gleiche Schicksal die Städte Ettlingen, Rastatt, Baden u. s. w. traf, am 3. (13.) August vor Durlach, wo der Hof und sehr viele Einwohner bereits entflohen waren. Sonntag 4., wo der herkömmlich vorgeschriebene Predigttext: Von der Zerstörung Jerusalems — die Angst der erschreckten Gemüther noch erhöhte, sah diese Residenz sich genöthigt, ihre Thore zu öffnen und am 5. fand die allgemeine Plünderung statt. — Während dieser fürchterlichen Stunden wurden wir Alle, die in der Stadt geblieben waren, so erzählt der oben erwähnte Gymnasiallehrer Bulyowsky[48], im Schloßhofe zusammengesperrt und erst Abends 5 Uhr zum östlichen Stadtthore hinausgelassen. Schon brannte der Thurm auf dem Thurmberge und wir namenlos unglücklichen Menschen wanderten in Haufen zu 30 und 40 über die Berge, auf deren Höhe wir in östlicher Richtung gleichfalls eine große Feuersbrunst, wir vermutheten Pforzheim, erblickten. Nachdem wir in einem Walde bei Langensteinbach die folgende Nacht voll Jammer zugebracht hatten, sahen wir von einem Berge herab nach Anbruch des verhängnißvollen 6. August unter Thränen ohne Zahl, wie Durlach zu brennen anfing und Carolus Magnus, actus oratorio-historicus. – Mit Recht konnte Professor Johann Heinrich May in seiner 1687 zu Durlach gedruckten Lebensbeschreibung Reuchlin’s Seite 148 sagen: Hodie gymnasium nostrum in tanta est celebritate, quanta unquam alias fuit.. [33] sammt seinem herrlichen Schlosse und allen 3 Kirchen und dem Gymnasium und dessen schönen Sammlungen noch am gleichen Tage in Trümmer und Asche sank. Meine trostlose Familie fand ich in dem armen Dorfe Feldrennach wieder; ich hatte sie dahin schon vor dem Herannahen der kannibalischen Feinde am 2. August bei gänzlichem Mangel an Fahrmitteln, die durch Reichere allerseits in Anspruch genommen waren, ohne Habe und zu Fuß vorausgeschickt. — Auch Rektor Arnold, während der Schreckenstage persönlich mißhandelt und mit dem Tode bedroht, verlor, wie alle seine Amtsgenossen, sein ganzes Vermögen. Er wanderte nach Wildbad, später nach Calw; da wurden dem frommen und kenntnißreichen Manne vier deutsche Gymnasial-Rectorate angeboten: Schulpforte, Lüneburg, Wismar und Frankfurt a. M. Er wählte Letzteres und hörte bis an seinen Tod 1717 niemals auf, auch aus der Ferne seine Theilnahme an den Versuchen, die Durlacher Anstalt wiederherzustellen, durch treuen Rath zu beweisen. Der Ephorus und Professor Fecht[49] folgte einem Rufe als Professor der Theologie zu Rostock und trug, bis er 1716 dort starb, nicht Wenig zu der größeren Frequenz dieser Universität bei. Von den Brüdern May zog der jüngere, Johann Heinrich, als Professor der orientalischen Sprachen an die Universität Gießen; sein älterer Bruder, Johann Burkhard May, wurde Morhof’s Nachfolger an der Kieler Universität. Förtsch begleitete den Markgrafen aus der Flucht nach Basel und erhielt noch während des Krieges 1695 eine theologische Professur in Tübingen[50]; Dr. Scherff wurde würtembergischer Physikus und Regierungsrath. Der Glanz des in den letzten Jahrzehenden [34] so freudig wiederaufgeblühten Gymnasiums schien für immer erloschen und bei der Allgemeinheit der entsetzlichen Roth, da von mehr als 200 badendurlachischen Orten keine 50 von dem Niederbrennen verschont geblieben waren, glaubten Viele aus lange Zeit an gar keine Möglichkeit denken zu dürfen, daß der gelehrte Unterricht in Durlach wiederhergestellt werden könne. Auch die meisten Schüler zerstreuten sich nach allen Richtungen; die älteren Zöglinge großentheils nach Tübingen, Gießen, Rostock und Kiel. Demungeachtet finden wir in der mißhandelten Heimath überraschend bald das erfreuliche Bestreben, der Schule aus dem gewaltigen Kriegesjammer wiederemporzuhelfen und wenn es auch zuerst nur kümmerlich und auf kurze Zeit und selbst bei den weiteren Bemühungen nur einigermaßen und nur sehr allmählich gelang, so müssen wir doch inmitten der furchtbaren Verwüstung und schon in den ersten Wochen, wo zahllose Trümmer noch rauchten, die auf Wiederherstellung des gelehrten Unterrichts gewendete Sorgfalt eines väterlich gesinnten Fürsten und treuer Lehrer hochachten. Kaum sehen wir jenen ungarischen Edelmann, den wir oben als einen hülflosen Flüchtling zu Feldrennach verließen, am 10. August 1689 aus diesem armen, auf den Höhen des Dobels gelegenen Dorfe mit seiner Gattin und mit seinen Kindern ohne Habe nach Stuttgart wandern; so erreicht ihn dort schon am 27. des gleichen Monats ein Schreiben des Geheimenrathes von Gemmingen, das ihn nach Pforzheim rief, wo nach dem Wunsche des selbst im Exil zu Basel lebenden Markgrafen Friedrich VII. der Unterricht in dem ehemaligen Dominikanerkloster, so gut es gehe und damit die Jugend nicht verwildere, wieder beginnen solle. [35] Zwar auch in Pforzheim hatte am 5. August 1689 Mélac, dessen Name in dem Munde unseres Volkes noch jetzt als Hundenamen fortlebt, den Einwohnern, die ihn anflehten, ihre ausgeplünderten Häuser nicht auch noch niederzubrennen, nur den Trost, in Paris sei der Teufel Kriegspräsident, zugerufen und jeden Versuch, das nun beginnende Feuer zu löschen, mit dem Tode bedroht; aber dennoch wurde durch muthige Bürger mancher der gelegten Pulversäcke mit doppelter Lebensgefahr fortgeschasst und ein großer Theil der Stadt gerettet, so daß nur 82 Häuser zu Grunde gingen und namentlich die östliche Stadtseite nebst den Vorstädten verschont blieben. Am 8. September 1689 kam Bulyowsky in Pforzheim an; im folgenden Frühjahr hatte er und seine zwei Amtsgenossen schon wieder 50 Schüler in 3 Klassen, im Mai 1691 sogar 150 Schüler, die er mit Hülfe von 3 Kollegen laut seinem damals gedruckten Programme in 4 Klassen unterrichtete. Erst als der eine Lehrer, Ludovici, den körperlichen und geistigen Leiden unterlag und als neue Schwärme französischer Plünderer von Fortlouis her am 25. Juli und 10. August 1691 die kaum gebauten Hütten auf den Ruinen von Durlach und das halbverwüstete Pforzheim abermals heimsuchten; da hörte der gelehrte Unterricht auch in Pforzheim ganz auf, noch ehe diese Stadt im September 1692 auf’s neue durch die Franzosen angezündet wurde, wobei auch jenes Schulgebäude, das ehemalige Dominikanerkloster, in Asche sank[51]. Bulyowsky’s Kollegen Resch und Bendel zogen fort, jener nach Augsburg, dieser nach Schleswig[52]; Bulyowsky selbst empfahl den ärmsten seiner Schüler, den 17jährigen Johann Caspar Malsch aus Staffort, der ihm schon zu Durlach lieb geworden und in Pforzheim die Zierde der obersten Klasse war, einem Landsmanne, dem ungarischen Husaren-Oberst, [36] Grafen Zobor, der den talentvollen Jüngling als Regimentsschreiber mitnahm, und folgte selbst 1692 dem Rufe als Rector des Gymnasiums zu Oehringen; drei Jahre später wurde er Prorector am Stuttgarter Obergymnasium[53]. Unterdessen wiederholten die Franzosen auch 1693 und 94 jährlich ihre Plünderungszüge in die Gegend von Durlach und Pforzheim und noch in den zwei folgenden Jahren standen ihr Heer und das deutsche einander am Oberrhein gegenüber. Erst 1697 gingen die 9 Kriegsjahre, welche, wie Einer unserer damaligen Landsleute mit Recht versicherte[54], „mehr zerstört hatten als der ganze alte deutsche Krieg in seinen 30 Jahren”, durch den Frieden von Ryßwik 1697 zu Ende. §. 14. Nun erst konnte Markgraf Friedrich VII. aus dem Exil in sein verwüstetes Land zurückkehren und nun mußte aus sein Verlangen wenigstens Ein Lehrer den lateinischen Unterricht zu Durlach in einem der 5 kleinen bei dem Brande von 1689 verschont gebliebenen Häuser wieder beginnen. Der alte Schulmann klagte in einem Berichte vom 9. April 1698 bitter über die „verwilderte, harte und unartige Jugend”[55]. – Friedrich VII. selbst wohnte damals, da alle seine Schlösser niedergebrannt waren, in seinem Hause zu Grötzingen, verlangte aber, während er 1698 einen Theil seines Schlosses zu Durlach wieder auszubauen anfing, zugleich einen Plan, wie das Gymnasium hergestellt werden könnte, und bat auch den früheren, nun zu Frankfurt segensreich wirkenden Rector Arnold um ein Gutachten darüber. Dieser sprach ihm zu, das Gymnasialgebäude auf den Trümmern des alten wiederzuerrichten und der Anstalt [37] nicht nur alle früheren Bezüge, auch die vielerlei Sporteln, Dispenstaren und Strafgelder, sondern sogar die Einkünfte vakanter Pfarreien zuzuweisen. — Letzteres verwarf der gewissenhafte Fürst und genehmigte zwar im Sommer 1699[56] den Vorschlag, einstweilen das durch Hauptmann Langenbach in der Rappengasse neu erbaute Haus um 1230 fl. für die zu restituirende Anstalt zu erkausen, drang aber wiederholt auf Vorlagen, wie der vollständige Gymnasiumsbau möglichst bald unternommen werden könne. Schon am 23. April des gleichen Jahres 1699 hatte er aus Stuttgart den von ihm hochgeachteten Bulyowsky zum Prorectorate nach Durlach berufen und bald daraus auch dessen ehemaligen Zögling Malsch, welcher unterdessen durch günstige Umstände zur Vollendung seiner Studien und zu würtembergischen Lehrstellen in Cannstadt und Stuttgart gelangt war. Obwohl aber im Jahre 1700 ein abermaliger Krieg mit Frankreich, der spanische Successionskrieg, nach kurzer Friedenszeit dem Lande neue Wunden zu schlagen anfing, gelang es doch, die Zahl der Klassen allmählich wieder auf 5 zu heben und über ihnen auch das Gymnasium publicum in einiges Leben zurückzurufen. So stand es, als am 22. April 1706 endlich wieder ein gedrucktes Programm, das erste seit 15 Jahren, erschien[57]. Schon im folgenden Jahre 1707 wurde die überfüllte unterste Klasse in 2 getheilt, die Klassenzahl also wieder auf 6 gehoben. Bald vorübergehend war damals das Vordringen der Franzosen unter [38] Marschall Villars, welches den Markgrafen aus’s neue zur Flucht nach Basel zwang und auch manche Lehrer und Schüler des Gymnasiums aus einige Wochen wieder vertrieb[58]. – Nachdem der tresfliche Fürst 6 Monate später in Durlach wiedereingetroffen war, starb er hier, noch mitten im Kriege, am 25. Juni 1709. Er hatte unter seinen 32 Regierungsjahren nur 12 friedliche erlebt, auch von diesen 12 viele durch französischen Uebermuth in gewaltthätigster Weise getrübt gesehen. §. 15. Die Regierung seines Sohnes und Nachfolgers Karl Wilhelm brachte dem Gymnasium sogar nach wiederhergestelltem Frieden kein erfreuliches Loos und wurde nach einer so schwer heimgesuchten Zeit dem Lande auch durch Baulust drückend. Schon als Erbprinz hatte er den Plan mißbilllgt, nach welchem sein Vater das Durlacher Schloß 1698 wiederherzustellen anfing, und schon damals versinnlichte er in vertraulichem Kreise durch eine fächerförmige Zeichnung die Art, wie er selbst einst bauen möchte. Zugleich wünschte er einen großen, dem Schlosse möglichst nahe gelegenen Wildpark, was zu Durlach nicht auszuführen war. Dazu kam ferner das seltsame Wohlgefallen damaliger Regenten an der Ebene, wornach die Residenz 1707 aus Baden nach Rastatt, bald auch von Heidelberg nach Mannheim verlegt, Ludwigsburg dem Ausenthalt in Stuttgart, Waghäusel dem in Bruchsal vorgezogen wurde. Daß der neue Regent mit dem Durlacher Magistrate in Unfrieden gelebt habe, ist nur eine spätere Vermuthung; doch konnten ihm die scharfen Urtheile der dortigen Einwohner bei manchen Anlässen zuwider sein, z. B. im Jahre 1711, als ein ihnen mißliebiger [39] Diacon angestellt und eine Zahl Ausländer durch Privilegien zum Bau modellmäßiger Häuser in ihre Stadt gelockt wurde. Noch andere Gründe sind in den gleichzeitigen Briefen der pfälzischen Prinzessin Elisabeth Charlotte, Gemahlin des Herzogs von Orleans, lebhaft gerügt; gar keiner aber findet sich angegeben in dem, was Eisenlohr später, nach des Markgrafen Tod, handschriftlich aufgezeichnet hat, sondern er begnügt sich, Seite 845 zu sagen: Was den Fürsten zu einer Residenzänderung bewog, ist den Meisten ein Geheimniß geblieben; mihi scire licet, quod ita; cur ita, non licet. Als das Durlacher Gymnasium 1712 seinen tresslichff Vorstand Bulyowsky durch den Tod verlor, galt dessen ehemaliger Schüler und in letzter Zeit nächster Kollege, der 38jährige Professor Malsch, zwar für einen ausgezeichneten Kenner der alten Sprachen und für einen sehr glücklichen lateinischen Dichter, aber für minder bewandert in philosophischen Wissenschaften und trotz seiner heiteren Laune für geneigt zum Pietismus. Man warf ihm vor, daß er mit August Hermann Franke (dem edlen Stifter des Waisenhauses zu Halle) und mit dessen Schwiegersohn Freylinghausen korrespondirte, mit einem dem Pietismus ergebenen Informator in dem von Marschall’schen Hause zu Durlach, Pelletier, freundschaftlich umging und über die Schriften eines damals beliebten Mystikers Pierre Poiret vortheilhaft urtheilte[59]. Der Markgraf ließ also das Rectorat vakant bis 1714, wo der Frieden zu Rastatt[60] dem 14jährigen spanischen Erbfolgekrieg endlich ein Ziel setzte, und theilte die Stelle nun einem jungen Manne von 29 Jahren zu, der in Jena als Privatdocent der Philosophie lebte. – Der gelehrte Magister Johann Ludwig Boye, aus Königsberg gebürtig, [40] trat im Januar 1715 sein Amt zu Durlach an. Unbekannt mit den Verordnungen und Gewohnheiten des Landes, sogar ohne weitere Kenntniß des Schulwesens außer derjenigen Kenntniß, die er seit seiner eigenen Schülerzeit noch im Gedächtnisse trug, behandelte er die älteren Knaben und die Jünglinge der zwei obersten Jahreskurse wie vornehme Männer, dictirte seine Hefte in bequem akademischer Weise, obwohl alles Dictiren in höheren Klassen bisher verboten war[61], übersah Schulversäumnisse, ließ überhaupt die Disciplin sinken. Mit ihr sank zugleich das Vertrauen in die kaum wieder erweckte Schule und die allmählich gestiegene Frequenz begann wieder abzunehmen. – Aber zwei andere sehr schwere Gründe, warum die Schule zurückging, lagen in dem tadelnswerthen, oft häßlichen Kampfe, welchen der gekränkte Malsch gegen den in vieler Beziehung achtbaren Boye erhob, und in der finanziellen Verkümmerung des Gymnasiums. Einerseits unterließ man es, das nur zum provisorischen Gebrauch bestimmte Privathaus, in welchem zu Durlach Schule gehalten wurde, zu erweitern, so daß die zwei unter- sten Klassen in demselben Zimmer bei einander bleiben, die zwei obersten Jahreskurse in den Privatwohnungen ihrer Lehrer unterrichtet, die Prüfungen nebst den oratorischen Feierlichkeiten in der minder kleinsten der Schulstuben gehalten werden mußten. Andererseits ließ man schon 1714, als der Lehrer der zweitobersten Klasse aus seine Bitte einen Pfarrdienst erhielt[62], die Stelle desselben unbesetzt, weil man mit seiner Besoldung den Rectoratsgehalt verbesserte, um jenen Universitätslehrer Boye [41] für das Rectorat zu gewinnen. Seitdem gab es abermals nur noch fünf Klassen, und diese fünf schmolzen aus vier, als 1719 Einer der Durlachischen Gymnasial-Lehrer in die neue Residenz versetzt wurde. Das führt uns zu der eigentlichen Ursache der zuletzt erwähnten finanziellen Beschränkungen. Am 17. Juni 1715 hatte der Markgraf den Grundstein zu seinem eine Stunde von Durlach entfernten Schlosse Karlsruhe gelegt. Drei Monate später verküdigte er die Privilegien einer dort anzulegenden neuen Stadt. Nachdem er auch die Dikasterien dahin verlegt hatte, sprach er am 1. März 1719 den vorhin erwähnten Befehl aus, daß Einer der Durlachischen Gymnasial-Lehrer[63] in die neue Residenz herüberziehe, um die Söhne der Räthe und anderer Einwohner nicht ohne lateinischen Unterricht zu lassen; aber schon im folgenden Jahre wünschte er das ganze Gymnasium allmählich nach Karlsruhe zu versetzen und ließ sich auch durch die Vorstellungen des Ephorus[64] nur ungern davon abbringen. Dieser, sein Hofprediger, erinnerte ihn am 15. Febr. 1720, wie viel die Stadt Durlach schon durch die Residenzverlegung verloren habe und wie viel schlimmer es mit der ohnehin schwer zu bändigenden Durlachischen Jugend nach der Vollziehung des neuen Wunsches künftig aussehen würde, gab aber zu, auch dem gelehrteu Unterrichte in der neu gegründeten Stadt müsse man billige Rechnung tragen, dadurch daß man die Durlacher Anstalt auf beide Orte vertheile[65]. – Auf’s neue zum Bericht über das Durlacher Gymnasium und über die nöthige Vergrößerung der in Karlsruhe erst beginnenden lateinischen Schule aufgefordert, schrieb der Ephorus am 23. April 1720: An dem verwahrlosten [42] Zustande der Durlacher Anstalt, welchen der Markgraf hinlänglich kenne, trage allerdings Boye die Hauptschuld, und dieser Schulmann wünsche nun selbst, gegen Vorausbezahlung eines Jahrgehaltes, sich nach Jena zurückzuziehen. („Das wäre das Beste”, schrieb der Markgraf an den Rand.) – Doch auch sich selbst sprach der Ephorus in jenem Berichte nicht frei von einem Theile der Schuld. Als Geistlicher habe er nämlich sein Ephorat nicht mit gehörigem Nachdrucke durchführen können, um den Pasquillen zu entgehen, in denen seine anfängliche Strenge durch die scharfe Zunge der Durlacher angegriffen wurde. Unter solchen Umständen habe er, da noch Höhere schliefen, das Schulschiff den Meereswellen überlassen. Und doch sei ein gutes Gymnasium ein unschätzbares Kleinod für ein Land; es mache nicht nur die Berufung fremder Diener entbehrlich, in denen man sich so häufig getäuscht sehe, sondern es belohne überhaupt in reichlichem Maaße die Opfer, die durch die Rentkammer so ungern und so spärlich verwilligt werden. Als Schullokal in Karlsruhe könne man entweder eines der neuerbauten landständischen Häuser miethen[66] oder auch bei der dortigen Stadtkirche neu bauen, dazu die aus dem Verkaufe des alten Durlachischen Gymnasialplatzes etwa zu erlösenden 600 fl, ferner einen namhaften Theil der einstweilen zurückzuhaltenden Stipendien, weiter die persönlichen Beiträge verwenden, die durch Angestellte in Karlsruhe zugesagt worden seien; auch eine Collecte könne man versuchen. §. 16. Als der Plan des Markgrafen, das Gymnasium aus der kaum verlassenen Residenz in die neue zu verlegen, immer klarer hervortrat, wendeten sich an ihn 14. Juni 1720 Bürgermeister, Gericht und Rath der Stadt Durlach. Sie thaten es in beweglichen Ausdrücken; wenn, dem Vernehmen nach, nun [43] auch die einst so berühmt gewesene Anstalt ihnen entzogen werden sollte, so würden sie einem totalen Ruin entgegen gehen. – Am 1. Juli erhielten sie aber blos die Antwort, er werde darauf Reflexion nehmen, und auch Malsch verwendete sich vergebens für das Verbleiben der Anstalt in Durlach[67]. – Der Markgraf selbst ließ sich die frühesten Gymnasialakten aus dem Archive geben[68], schöpfte aus ihnen keine Ueberzeugung, daß diese Gelehrtenschule an jene Stadt gebunden sei, ordnete eine genauere Visitation des Gymnasiums durch besondere Kommissäre an[69], äußerte seine gegründete Unzufriedenheit über mangelnde Eintracht und Ordnung und berief im folgenden Jahre 1721 den Professor Malsch aus Durlach nach Karlsruhe zur Erweiterung des dortigen Unterrichts. – Am 16. Juni 1721 kündigte der Ephorus durch ein gedrucktes Programm an, das Athenaeum (diesen großartigen Namen erhielt die kleine Schule) solle am 20. Juni zwar nur mit 2 Lehrern in Karlsruhe eröffnet, aber bald mit einer größeren Lehrerzahl und mit einem hinreichend großen Gebäude versehen werden[70]. – In Durlach blieben vor der Hand noch Rector Boye nebst Wasmuth und 2 andern Präceptoren, während durch dortige Geistliche, soviel ihre Berufsgeschäfte es erlaubten, die lectiones publicae fortversehen wurden. Gleich am Tage nach der förmlichen Eröffnung des Athenäums, welches aus 2 Klassen bestand und in der untersten 45 Schüler zählte, also am 21. Juni 1721, schrieb der Markgraf, [44] welcher in der Stille ganz andere Baumittel als die ihm durch den Ephorus vorgeschlagenen beizog, an diesen Ephorus und an den Oberbaudirector von Wollin, verlangte einen Plan und Kostenüberschläge für den Neubau der Karlsruher Mittelschule und zeichnete an den Rand dieses Schreibens mit leichten Strichen die Grundrisse der zwei seit 1719 begonnenen, aber damals noch im Bau begriffenen Kirchen der Lutheraner und der Reformirten und zwischen Beiden zog er zwei längere parallellaufende Linien. Jene erst im Herbst 1722 fertig gewordenen Kirchen lagen damals am Südende der Stadt und zwar an dem „Mühlburger Wege”[71], welcher später den Namen Lange Straße erhielt; die auf dem Marktplatze gelegene lutherische Kirche, sehr leicht kenntlich an der Gestalt eines vierblätterigen Kleeblattes (vergl. den lithographirten Plan), bildete das südliche Ende der jetzigen Karl-Friedrich-Straße, wurde 1807 abgebrochen und der Ort, wo ihr Altar stand, ist jetzt durch die Pyramide bezeichnet. Die reformirte Kirche machte in dem hier fraglichen Jahre 1721 den südlichen Schluß der jetzigen Kreuzstraße aus; sie steht noch jetzt und wird „Kleine Kirche” genannt. Mit den zwischen beiden Kirchen, nur um einige Schritte nördlicher, gezeichneten Parallel-Linien beschrieb der Markgraf offenbar den Bauplatz, den er für unsere Schule wünschte. Es ist die Stelle, wo heutiges Tages, seit 1808, längs der Südseite dieses Theiles der Langen Straße das Haus des Herrn Bürgermeisters Herzer und seiner Nachbarn, Nro. 129 b, 131 und 133 stehen und wo (von 1724 an) das Gymnasium bis 1807 sein Gebäude und seine Gärten hatte. — Während der Markgraf zwischen jenen beiden Kirchen bauen ließ und zwar, wie die meisten übrigen Häuser, aus Holz, doch gerade auf, also ohne die für Privatgebäude vorgeschriebene Mansardenform, übrigens so, daß im [45] oberen Stockwerke eine Reihe von 21 Fenstern, im unteren aber 17 nebst 2 großen Thoren die Vorderseite bildeten, hielt Malsch nebst seinem Kollegen Schule in dem blos aus einige Zeit dem damaligen Bürgermeister abgemietheten Hause „Zum Waldhorn”[72]. Es ist der jetzige Gasthof zum Ritter. Noch im Anfange des Jahres 1723 lud Malsch in einem lateinischen Programme ein zu dem oratorischen Akt, welcher am 11. Februar „in aedibus Waldhorn.” gehalten werden solle[73]. – In der Stadt glaubte man, der zweistöckige langgestreckte Neubau zwischen den beiden Kirchen sei für Pfarr- und deutsche Schulhäuser bestimmt; als aber der Markgraf, von einer holländischen Reise zurückkehrend, am 12. Juni 1724 das fertig gewordene Gebäude besichtigte, wies er es dem Gymnasium zu, welches er nun definitiv aus Durlach hieher verlegte. Jedem der 4 Lehrer, welche an der Anstalt zu unterrichten hatten, gab er dort eine Wohnung nebst einem Garten. Die Kosten des Baues waren den geistlichen Verwaltungen Karlsruhe, Hochberg und Röteln aufgebürdet worden, so schwer diese Fonds sich noch immer in Folge der letzten ruinenreichen Kriege mit Bauausgaben belastet fühlten. Für den lutherischen Stadtpfarrer zu Karlsruhe ließ der Markgraf nun dicht an der Ostseite der Kirche seiner Konfession ein Pfarrhaus, für die Stadtschule den nöthigen Bau dicht an der Westseite errichten. Rector Boye, wie der Hauptlehrer der obersten Klasse, Präceptor Joh. Wasmuth, mußte 1724 nach Karlsruhe übersiedeln; Boye starb aber hier schon nach 3 Monaten, [46] 16. Sept 1724[74] — In Durlach blieb nur noch ein Pädagogium mit 2 Lehrern, da das Personal der beiden Anstalten zusammen allmählich auf 6 Köpfe reducirt worden war[75]. Wie lange dieser kümmerliche Zustand gedauert habe, ist in der äußeren Geschichte der zweiten Periode oder der Karlsruher Zeit zu berichten. Vorher müssen wir noch einen näheren Blick auf die innere Einrichtung des Gymnasiums während der ersten oder Durlacher Periode zurückwerfen. B. Innere Einrichtung des Gymnasiums 1586-1724.
§. 17. Das Vorbild, nach welchem die Durlacher Mittelschule bei ihrer Erweiterung 1586 eingerichtet wurde, finden wir zunächst in dem evangelischen Gymnasium zu Lauingen, welches 22 Jahre früher als das unsrige, aber mit einem ganz gleichen Aufwand von Lehrkräften in jener an der Donau gelegenen, zum Gebiete der pfälzischen Nebenlinie Neuburg gehörigen Stadt gegründet und durch Johann Sturm nach dessen Studienplan geordnet worden war. In der Zeit, in welcher die nach dem Tode des Markgrafen Karl II. eingetretene Vormundschaft für die Stiftung des Durlacher Gymnasiums 1583 sorgte, blühte die Lauinger Anstalt unter der Regierung des trefflichen Herzogs Philipp Ludwig, welcher zugleich das thätigste Mitglied jener Vormundschaft über die badischen Prinzen genannt werden darf. So kam es, daß die durch Joh. Sturm für die Lauinger Schule ausführlich entworfene und 1565 im Drucke bekannt gemachte Organisation[76] bei der Eröffnung des [47] Durlacher Gymnasiums 1586 ihre wiederholte Anwendung fand. Zahl, Benennung, Einrichtung, Methode der Klassen und der 2 noch höheren Jahreskurse, welche aus den vollständig durchlaufenen Klassenkurs folgten, waren in Lauingen und Durlach gleich[77]. – Schon früher aber finden wir den Lehrplan des nämlichen von seiner Zeit hochgefeierten Pädagogen in einem noch beträchtlich größeren Maßstab und mit einem Aufwand von reicheren Mitteln durch das berühmte Gymnasium der Reichsstadt Straßburg verwirklicht und wenn wir vollends noch weiter zurückgehen und nach der Quelle fragen, aus welcher Johann Sturm die Grundsätze seiner Schulorganisation hauptsächlich geschöpft habe, so finden wir sie bei den Brüdern vom gemeinsamen Leben. Sie sind in trefflicher Weise durch Ullmann in dem 2. Bande der „Reformatoren vor der Reformation” geschildert, haben seit Ende des 14. Jahrhunderts in den Niederlanden angefangen, den gelehrten Unterricht umzugestalten, die Liebe zu der heiligen Schrift, aber auch zu den klassischen Studien in ihren Schülern genährt und den Grundsatz festgehalten, daß Kenntnisse nur dann Werth haben, wenn dadurch zugleich der religiöse Sinn gehoben wird. Die pietas instructa wurde als Ziel ihres pädagogischen Strebens gepriesen und ein Hauptmittel zur Erreichung eines solchen Zieles in dem wohlgegliederten Stufengang des Unterrichts gefunden, so daß ihre Schüler in zahlreichen, nach einander zu durchlaufenden Klassen ihren Unterricht erhielten. In ihrer Anstalt zu Lüttich war Johann Sturm, gebürtig aus Schleiden in der Eiffel, in dem jetzt königlich preußischen [48] Regierungsbezirk Aachen, bis in sein 17tes Lebensjahr ihr Zögling geblieben. Vierzehn Jahre später, 1538, eröffnete er in der Reichsstadt Straßburg, die ihn zu diesem Zwecke berufen hatte, ein Gymnasium mit einer viel größeren Zahl von Klassen, als es in irgend einer Stadt bisher je der Fall gewesen war. Auch im Uebrigen folgte er den Gewohnheiten und Grundsätzen seiner früheren Lehrer; er faßte vor Allem die Belebung des religiösen Sinnes, zumal durch fleißiges Lesen der heiligen Schrift, ins Auge, förderte aber zugleich eifrig das Studium der klassischen Literatur, erlaubte den einigermaßen vorgeschrittenen Knaben und allen Jünglingen, selbst bei ihren Spielen und bei der geselligen Unterhaltung, nur den Gebrauch der lateinischen Sprache, prägte ihnen besonders große Vorliebe für ciceronischen und terentischen Ausdruck ein, vernachlässigte dagegen einzelne andere, selbst ausgezeichnete Autoren, wie Tacitus, den wir daher, wie zu Straßburg und Lauingen, so während des 16. und 17. Jahrhunderts weder in der Durlacher Schule, noch in der zu Heidelberg und Stuttgart antreffen, und wollte auch Ovid’s Metamorphosen nicht getrieben wissen[78], so daß diese Poesie in allen den genannten Anstalten zu jener Zeit gleichfalls nicht vorkommt, sondern blos die Fasti, Trista und Epistolae ex Ponto. Auch Livius gehörte zu den von Sturm versäumten Autoren[79] und nur Reden, die aus Liv gezogen sind, finden sich bei den zahlreichen nach dem Sturmischen Muster eingerichteten Schulen zuweilen in einer oratorischen Chrestomathie jener Zeit. – Sehr [49] häufig führte Johann Sturm römische Dramen durch seine Schüler auf. Die Vocabularien ließ er lieber nach Materien als nach dem Alphabet zusammen stellen. Die Realien vernachlässigte er; aber mit ausdauerndem Fleiße behandelte er in den obersten Jahreskursen, nach seinem Wahlspruche: Pietas sapiens et eloquens est finis studiorum, — die philosophischen Wissenschaften und die Rhetorik, doch immer streng nach dem Muster der Alten. An diese Studienwege war er einst zu Lüttich gewöhnt worden; diese Unterrichtsmethode hatte er an den schönen Erfolgen seines ausgezeichneten Freundes und Landsmannes Sleidanus und an andern Jugendgenossen erprobt gefunden und lieb gewonnen; alles Genannte und außerdem viele andere Eigenthümlichkeiten aus der Zeit seiner Schuljahre führte er also sowohl in Straßburg ein, als auch in Lauingen und in den vielen übrigen Mittelschulen, auf deren Organisation er Einfluß hatte. In Straßburg bekleidete er 48 Jahre lang das Amt eines Rectors. Um seine Zöglinge nicht, nach der damals üblichen Gewohnheit, zu wenig vorbereitet der Universität zu übergeben, ließ er sie bei dem Austritt aus der obersten Klasse erst noch in eine Art von Selecta vorrücken, die bei ihm das Gymnasium publicum oder lectiones liberae sive publicae genannt wurde. Theologen vollends fanden in seiner Anstalt eine besonders berücksichtigte Vorbereitung, ehe er diese Zöglinge der in Straßburg bestehenden theologischen Fachschule zur Vollendung ihrer Studien übergeben konnte; also wie wir es im Kleinen zu Durlach angetroffen haben. Sein 9 Jahreskurse umfassendes Gymnasium in Straßburg zählte 1546 bereits 624 Zöglinge[80], und als 12 Jahre später der früheste deutsche Jesuit, Peter Canisius, aus einer Reise nach Straßburg kam, enthielt die Anstalt schon 1000[81]. [50] Wenden wir nun unseren Blick aus die Seite 13 erwähnten fürstlichen Vormünder über die 3 minderjährigen badischen Markgrafen im Jahr 1583, in welchem die Stiftung der erweiterten Mittelschule zu Durlach beschlossen wurde, obwohl diese Anstalt erst 2 Jahre nach der 1584 zu Ende gegangenen Vormundschaft zur wirklichen Eröffnung gelangte; so finden wir in ihren Gebieten (Pfalz, Würtemberg und Fürstenthum Neuburg an der Donau) den Sturm’schen Lehrplan schon eingeführt, das Heidelberger Pädagogium seit 1565, das Stuttgarter seit 1582 im Sinne des Straßburgischen Vorbildes erweitert und Sturm selbst schon 1564 in das Fürstenthum Neuburg berufen, um das damals gegründete Gymnasium zu Lauingen vollkommen nach seiner Weise einzurichten. Während aber in Heidelberg durch die philosophische Facultät und durch die Errichtung der Sapienzanstalt, im Würtembergischen durch die Klosterschulen und durch das theologische Stift zu Tübingen anders modificirte Bildungswege vorgezeichnet waren, glichen sich Zweck und örtliche Verhältnisse der Schulen von Lauingen und Durlach, so daß auch in letzterer etwa 30 Jahre lang nur 5 Klassen wie zu Lauingen bestanden und aus der obersten oder Prima die Zöglinge erst noch in den zweijährigen Vorbereitungskurs traten, ehe sie das theologische Studium in der gleichen Stadt oder ein anderes aus irgend einer Universität beginnen durften. Auch in der Markgrafschaft Baden hatte Johann Sturm’s Lehrgang schon beträchtliche Zeit vor der Eröffnung des Durlacher Gymnasiums verdiente Anerkennung bei der Pforzheimer Mittelschule gefunden und war bereits 1552 durch den dortigen Rector, Jakob Bobhart, einen Schüler Sturm’s, in einer Druckschrift dem Pforzheimer Magistrate empfohlen worden.[82] Auch mit dem damals noch in dieser Stadt residirenden badischen Hofe [51] selbst stand der weder von Sachs, noch von den übrigen Historikern der badischen Markgrafschaft erwähnte Johann Sturm in vielfacher Berührung. Er war sehr wohl gelitten schon bei dem Markgrafen Ernst, von welchem die allein noch blühende Ernestinische Linie ihren Namen trägt. Bei einer Durchreise 1546 durch Pforzheim in das Schloß zur Tafel geladen, beschreibt er uns die Person dieses Fürsten, und erzählt, daß er mit ihm auch bei zwei anderen Gelegenheiten längere und inhaltreiche Unterredungen gehabt habe; er nennt den Markgrafen „gesund und festgedrungen an Körper und Geist.”[83] – Auf einer anderen seiner zahlreichen diplomatischen Reisen kam der gefeierte Gelehrte 1562 auch zu Ernst’s Sohn und Regierungsnachfolger Karl ll. nach Pforzheim und bewog ihn, 10,000 Gulden zur Unterstützung der schwer verfolgten Protestanten in Frankreich zu verwilligen. Noch im gleichen Jahre 1562 erwarb Karl II. sich in Straßburg das bei der Nicolaibrücke gelegene Haus zum Drachen, welches dem in dieser Reichsstadt eingebürgerten Herrn von Renchen um 4,000 Gulden abgekauft wurde und unter dem späteren Namen Durlacher Hof über ein Jahrhundert lang in den Händen seiner Familie blieb. Dahin zog, im Jahre nach Karl’s Tod, dessen zweiter Sohn, der 16jährige Markgraf Jakob III., am 4. Dezember 1578; er wurde eigens, um Sturm’s Unterricht zu genießen, auf Anordnung seiner Mutter und der erwähnten Vormünder hieher gebracht, wo gleichzeitig auch der junge Herzog Wilhelm Robert von Bouillon, überhaupt 3 Prinzen und etwa 200 gräfliche oder adelige Jünglinge ihrer Studien wegen sich aufhielten.[84] Jakob III. blieb 2 Jahre in Straßburg. Nicht viel später wurde auch sein jüngster Bruder, der minderjährige Markgraf Georg Friedrich, auf 3 Jahre zu gleichem Zwecke dahin gebracht. [52] Aus allem Diesem erklärt es sich leicht, warum man die durch Sturm berühmt gewordenen Anstalten zum Vorbild für das Durlacher Gymnasium wählte. Gleich der erste Rector desselben im Jahre 1586, der Seite 15 erwähnte Lorenz Schyrius, war selbst, von 1574 an, mehrere Jahre lang ein Schüler Sturm’s zu Straßburg gewesen. Die ursprüngliche Einrichtung der Durlacher Schule ist aber schon deßwegen wichtig, weil sie nicht etwa einer baldigen Veränderung unterworfen wurde, sondern der Hauptsache nach bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts dauerte. §. 18. Den religiös kirchlichen Sinn in den Zöglingen des Durlacher Gymnasiums zu nähren, war seit der Gründung dieser wie der übrigen nach Sturm’s System eingerichteten Anstalten offenbar der hauptsächlichste Zielpunkt und an den christlichen Glauben wie an die öffentlche Gottesverehrung lehnte sich schon ein großer Theil des Schematismus der Lectionen unmittelbar an. Es bedarf kaum der Versicherung, daß in der heiligen Schrift sehr fleißig gelesen und daß für die Religionsstunden, denen der Anfang der Tagesordnung zugetheilt war, zahlreiche einzelne Sprüche und ganze Psalmen, auch geistliche Lieder und, so wie die Verschiedenheit des Alters es mit sich brachte, der kleine oder der große Katechismus nach sorgfältiger Erklärung auswendig gelernt wurden. Nachdem eine der letzten wöchentlichen Lectionen den aus den morgenden Sonntag vorgeschriebenen Text, den deutschen oder in den oberen Klassen den griechischen, erläutert hatte, begannen mit dem folgenden Montag schon wieder die musikalischen und Gesang-Uebungen für die nächste gottesdienstliche Feier. Am Sonntage selbst wurde mit dem bestimmten Glockenzeichen die ganze Schülerzahl in dem Gymnasiumsgebäude versammelt, von da klassenweise durch ihre Lehrer in Procession[85] an die ihnen zugewiesenen Kirchenplätze begleitet, dort beaufsichtigt, aus der Kirche in die Lehrzimmer der einzelnen Klassen zurückgeführt und hier geprüft, ob der Inhalt [53] der Predigt gehörig ausgefaßt worden sei. In der heiligen Schrift, die Jeder für den Gottesdienst bei sich haben mußte, [86] wurden die wichtigsten der vom Geistlichen citierten Beweisstellen nachgeschlagen; die oberen Klassen befragte man zugleich nach der genaueren Disposition des Vorgetragenen. — Auch der Besuch der Wochenpredigt am Freitag und der Litaneivesper des Sonnabends stand auf dem Schematismus. – Täglich vereinigten sich die im Gymnasium wohnenden Convictoristen um 6 Uhr des Morgens bei einem Zeichen mit der Schulglocke zu der gemeinsamen Andacht, wobei derjenige unter ihnen, welcher bei dem Rector die Stelle eines Amanuensis versah, das Gebet vorlas. Das Gleiche geschah des Abends um 8 Uhr. [87] – Das ganze Gymnasium, Lehrer und Schüler, versammelte sich täglich Morgens 8 Uhr in dem großen Hörsaale. Nach dem vierstimmigen Gesange (gewöhnlich: Veni sancte spiritus) las ein Schüler der obersten Klasse (damals Prima, jetzt Quinta) ein biblisches Kapitel vor; dann knieten alle Anwesenden während des durch einen Secundaner (jetzigen Quartaner) verlesenen Gebetes. Letzteres, für jeden Wochentag ein besonderes, stand in der kleinen Schulagende gedruckt. So oft als irgend ein kranker Einwohner von Durlach wünschte, daß für ihn bei dieser Jugendandacht gebetet werde, wurde es durch den Hauptlehrer der obersten Klasse verkündigt und nun sprachen alle Lehrer und Schüler mit lauter Stimme dreimal das Vaterunser in deutscher Sprache und stets mit dem Beisatze: Herr, erbarme Dich über uns; Christe, erbarme Dich über uns; Herr Gott heiliger Geist, erbarme Dich über uns. – „Wer diese dreimalige Wiederholung angeordnet habe, weiß ich nicht”; so äußert 1689 der Ephorus [54] Fecht, welchem das Dreimalige nicht protestantisch schien, obwohl er es fortbestehen ließ. – Nach diesem allgemeinen Gebete und nach dem Schluß-Choral (gewöhnlich: Da pacem Domine) wurde ein kleiner Spaziergang vorgenommen und dann zur Schularbeit geschritten. – Das um 11 Uhr und das am Ende der Nachmittagstunden gehaltene Schlußgebet fand in den einzelnen Klassen und zwar in den obersten lateinisch statt; aber zur religiösen Eröffnung der Nachmittagstunden versammelten sich wieder Alle in dem großen Auditorium, wobei der Choral: Veni creator spiritus als gewöhnliche Eröffnung diente.[88] – Bemerkenswerth scheint noch, daß die im Gymnasium eingeführten kirchlichen Lehrbücher (auch der Katechismus) regelmäßig zugleich als Stoff zum mündlichen Uebersetzen in’s Lateinische[89] und zu prosodischen Uebungen dienten und daß das Griechische des Neuen Testaments für die ersten Jahreskurse des griechischen Unterrichts, wie schon Melanchthon verlangt hatte, sogar die einzige griechische Lectüre ausmachte. Fast ausschließlich religiöskirchlichen Charakter trug der Musik- und Gesangunterricht, auf welchen große Sorgfalt zur Verschönerung des öffentlichen Gottesdienstes verwendet wurde. Nicht nur bei Verleihung von Stipendien an Schüler, sondern auch bei Anstellung der Lehrer nahm die Oberbehörde, das Kirchenrathskollegium, besondere Rücksicht auf musikalische Qualification. Markgraf Georg Friedrich in seiner Stiftung von 1614 verlangte zwar vor Allem, jeder Stipendiat habe sich „der Gottesfurcht mit emsiger Besuchung der Predigt und der heiligen Sakramente zu befleißigen, aber neben anderen Studiis [55] sich auch in der Musika zum Behuf des Gottesdienstes fleißig zu exerciren, es wäre denn, daß er von Natur einer dazu tauglichen Stimme ermangle.” – Den vierstimmigen Chorgesang in der Schloßkirche besorgte bis gegen Ende des 17. Jahrhunderts der Cantor Gymnasii mit den besten Sängern seiner Schüler und sein Amt war nicht etwa an eine der untersten Lehrstellen geknüpft, sondern wurde je nach Vorzüglichkeit in der Tonkunst auch Einem der oberen Klassenlehrer übertragen. Der damit Betraute hatte die Gymnasiasten auch in der Instrumentalmusik zu unterweisen[90] und zwar täglich in der Stunde von 12 bis 1 Uhr, da die Mittagsmahlzeit damals um 11 Uhr üblich war. Die Gesammtübungen hatte er an jedem Mittwoch und Samstag Mittag in Gegenwart aller Lehrer anzustellen, dabei die für den nächst folgenden öffentlichen Gottesdienst nöthigen Stücke zur Fertigkeit zu bringen. Wie er die im Gymnasium stehende treffliche Orgel spielte, so nahmen seine Zöglinge die „Violinen, Violen, Fagote, Zinken, Posaunen“[91] und andere Instrumente zur Hand, welche in beträchtlicher Zahl nebst der musikalischen Bibliothek in einem eigenen Zimmer neben der Prima aufbewahrt wurden. Obwohl aber die Schule ihre besten musikalischen Kräfte zu dem Schloßgottesdienste zu verwenden hatte, so setzten doch die übrigen Gymnasiallehrer und Schüler ihre Ehre darein, den Gottesdienst der Pfarr- oder ersten Stadtkirche in dieser Beziehung dem der Schloßkirche gleich zu bringen und ihrem Wetteifer gelang es sogar, denselben zu übertreffen.[92] Für den Gesang in der zweiten, bei dem Spitale gelegenen Stadtkirche [56] sorgten die deutschen Schulmeister mit ihren Schülern. Hinsichtlich des Gymnasiums bemerken wir als weiteren Nutzen der musikalischen Uebungen, daß die Convictoristen bei ihrem längeren Aufenthalt es zu einer Fertigkeit brachten, durch welche sie später bei ihrem Predigeramte den Kirchengesang der Dörfer und kleineren Stadtgemeinden hoben oder in gutem Stand erhielten. – Hauptsächlich gepriesen waren bis 1689 die musikalischen Leistungen, womit die Gymnasiasten am Abend vor den hohen Festen von der Gallerie des Stadt-Kirchenthurmes herab Alt und Jung erfreuten, während dort an den übrigen Tagen blos die städtischen Zinkenisten und Posaunenbläser kirchliche Melodien zu spielen pflegten.[93] §. 19. Der Unterricht in den klassischen Sprachen, zumal in der lateinischen, hatte auch in dem Durlacher Gymnasium, während das kirchliche Element in erster Reihe [57] stand, die zweite Geltung, nahm aber weit die größere Hälfte des ganzen Schematismus ein. Ehe ich jedoch davon rede, muß ich vorher angeben, wie die Klassen zu Durlach benannt wurden Die oberste hieß Prima sowohl hier, als auch in Straßburg, Lauingen und in den vielen übrigen nach Sturm’s Lehrplan organisirten Mittelschulen,[94] und aus ihr stieg man zu der noch höheren Stufe, in das Gymnasium publicum, aus welchem der Zögling nach 2 Jahren zum Studium der Jurisprudenz oder Medicin auf irgend eine Universität oder zu dem der Theologie in das theologische Biennium zu Durlach selbst überging. Demnach laufen die Kurse des Durlacher Gymnasiums mit unseren jetzigen Klassen, wie sie seit 1837 im Großherzogthum benannt sind, aus folgende Weise parallel: a) Das Gymnasium publicum oder die lectiones liberae, deren Zuhörer Publici oder Studiosi, später auch Exemti hießen, bildeten einen zweijährigen Kurs, der sich in den der Veteranen und Novizen theilte und unserer jetzigen Ober- und Unter-Sexta entspricht. b) Das sogenannte Gymnasium classicum theilte sich im Anfange in 5, später in 6 Klassen, welche innerhalb einer Zeit von 10 Jahren durchlaufen wurden. 1. Die oberste Klasse Prima, zweijährig, wo die Schüler mit dem 14. oder 15. Lebensjahre eintraten und bis zum 16. oder 17. blieben, entspticht unserer Ober- und Unter-Quinta. 2. Secunda, ebenfalls zweijähriger Kurs, für Schüler von etwa 12 oder 13 bis zu 14 oder 15 Jahren, ist mit unserer Ober- und Unterquarta vergleichbar. 3. Die einjährige Tertia nahm Knaben vom 11. oder 12. Lebensjahr auf und heißt auch nach unserer Benennungsweise Tertia. [58] 4. Quarta, wieder nur einjährig, ist unsere Secunda und hatte in der Regel 10- oder 11jährige Knaben aufzunehmen. 5. Quinta, zweijährig, wurde von 8- oder 9- bis 10- oder 11jährigen Knaben besucht und entspricht unserer Prima nebst der obersten Vorschule. 6. Sexta, gleichfalls zweijährig, ließ schon 6- oder 7jährige Anfänger zu, wie jetzt die beiden unteren Abtheilungen unserer Vorschule, lehrte sie aber außer der Religion nicht blos deutsch lesen und schreiben (Rechnen wurde gar nicht getrieben), sondern auch schon in zahlreichen Stunden die Elemente der lateinischen Sprache. Zugleich memorirten sie täglich lateinische Wörter, aber nur solche, die leicht zu flectiren sind und im gewöhnlichen Leben vorkommen.[95] Sobald der Schüler hier die einfache Declination und Conjugation gelernt hatte, gab man ihm möglichst früh die Colloquia des 22 Jahre vor der Eröffnung des Durlacher Gymnasiums gestorbenen Corderius in die Hand und er lernte sie mit viel größerer Lust[96] als das lateinische Wörterbuch auswendig. Diese Gespräche über Gegenstände des allergewöhnlichsten täglichen Verkehrs wurden erst im 18. Jahrhundert mit ähnlichen durch Seybold und Lange verfaßten vertauscht, blieben aber auch in dieser neuen Form ein beliebtes Elementarbuch, das noch bis in meine Schülerzeit reichte und erst ums Jahr 1802 weichen mußte. Schwerere und inhaltreichere Colloquia, namentlich die des Erasmus, finden sich neben den klassischen Autoren noch im 18. Jahrhundert bei unseren oberen Gymnasialkursen eingeführt. [59] Außer den Corder’schen Gesprächen bildeten im 16. und 17. Jahrhundert einen Gegenstand zum Auswendiglernen für untere Klassen die Sentenliae latinae. Johann Sturm schrieb sie schon für die unterste Klasse zu Lauingen vor, zuerst nur ganz einfache (sentenliae, singulis membris comprehensae, z. B. Magnum vectigal parsimonia est). In Bezug auf römische Autoren begann die Uebersetzung des Cornelius Nepos[97] schon früh und die der Comödien des Terenz und der Ciceronischen Briefe offenbar viel zu früh, bereits in unserer Secunda. Es geschah freilich anfangs nur mit den leichteren und in der Absicht, das Lateinsprechen und den correcten Ausdruck zu fördern. Dann kamen die übrigen Schriften Cicero’s, auch Plin’s Briefe und Panegyricus an die Reihe; von historischen Schriftstellern zwar kein Tacitus vor dem Jahre 1729[98] und kein Livius vor dem Jahre 1750, aber viele andere, theils solche, die, wie Cäsar, noch jetzt im Gebrauche sind, theils solche, die, wie Eutrop, Curtius und Justin, noch bis in die ersten Decennien des 19. Jahrhunderts eingeführt blieben, theils solche, die, wie Sueton, Bellejus und Florus, schon früher aus unserem Schematismus verschwanden. Die Autoren, welche durch die Behörde für das nächste Halbjahr gewählt wurden, gab man 4 Wochen zuvor den Lehrern an. Am meisten vervielfältigte am Ende des 17. Jahrhunderts der Seite 29 ff. erwähnte Bulyowsky die Zahl der zu lesenden Schriftsteller. Er räth in dem Programme von 1691, von Jedem nur einen Theil zu behandeln, weil er aus Erfahrung wisse: Faciliu est multa facere quam diu. Uebrigens fand Beifall bei den Eltern einmal, daß das in einer unteren Klasse [60] eingeführte Lehrbuch auch in den nächst folgenden möglichst lange beibehalten wurde[99]; ferner daß es bei der Angabe der Autoren in dem Schematismus oft ausdrücklich hieß, jede Ausgabe sei zulässig; z. B. 1710 bei Terenz, Virgil u. A; „Editio quaeconque“, denn auch die Schematismen, von unserer Vorschule und Prima an, waren bis gegen Ende des 18. Jahrhunderts lateinisch. Noch im Jahre 1710 enthält das Lectionsverzeichniß für unsere jetzige Prima 11 lateinische Lehrstunden,für unsere Secunda 18, für Tertia 15, für Quarta 12, für Quinta 7, für Sexta zwar nur sehr wenige, aber die Vorträge und Eraminatorien über Philosophie, Rhetorik und Geschichte nebst den oratorischen Uebungen wurden hier alle lateinisch gehalten. Auf Prosodie und Fertigung lateinischer Verse verwendete man, schon von den mittleren Klassen an, viele Zeit; unter den Dichtern, welche am häufigsten gelesen wurden, findet sich, außer dem bereits erwähnten Terenz, hauptsächlich Phädrus, Virgil und Horaz, mit welchem sogar schon in Tertia ein Anfang gemacht wurde; von Ovid gleichfalls Einiges mit Ausnahme der Metamorphosen, welche erst 1726 Eingang fanden. Als lateinische Sprachlehre diente in Durlach weit über 100 Jahre lang die Grammatica latina minor des Seite 51 schon zum Jahre 1578 citirten Straßburgers Theophilus Golius; die major des gleichen Verfassers von den mittleren Klassen an. Beide waren lateinisch geschrieben, doch für die ersten Anfänger gab es eine deutsche Uebersetzung, deren Gebrauch allmählich bis Tertia einschließlich gestattet wurde. Letzteres geschah aber in Durlach erst seit 1713. Wenige Jahre nachher führte der Kirchenrath die Lang’sche Grammatik im Gymnasium ein. Zu Stilübungen, von denen bei 9- bis 12jährigen Knaben 1565 in Lauingen täglich Eine und in Durlach noch 1706 wöchentlich vier vorgeschrieben waren, brauchte unsere Anstalt damals den Speccius [61] und Seybold und ohngefähr seit 1722 „die lateinischen Sprachexercitia, die der berühmte berlinische Schulmann Muzelius mit großem Fleiße nach dem auch bei uns eingeführten Vocabulario eingerichtet hat“. So heißt es in einem damaligen Berichte. — „Den Stilum elegantiorem vor allen anderen Stücken den Schülern zu inculciren“, war eine Verordnung, welche in Durlach oft, z. B. 1705, wiederholt steht; ebenso die andere, sowohl in den Lectionen, als sonst in conversatione nur lateinisch zu reden[100]. Doch beschränkte man die für Uebertretung der letzteren Vorschrift bestimmte Schulstrafe in jenem Jahre 1705 ausf die oberen Klassen, von unserer jetzigen Unterquinta auswärts. – Auch durch die Aufführung lateinischer Schauspiele wurde bis zu dieser Zeit die Fertigkeit im Lateinsprechen gefördert. Selbst noch der ernste Arnold, Spener’s Schwager, ließ während seines Rectorats (1668–89) jährlich Eines durch die Studiosen aufführen[101]. Das in den ersten Tagen des Jahres 1688 durch ein lateinisches Programm angekündigte Schauspiel Carolus Magnus wurde durch 12 Zöglinge am 17. Januar, dem Geburtstage des Erbprinzen Carl Wilhelm, lateinisch auf die Bühne gebracht[102]. – Arnold’s Nachfolger Bulyowsky setzte diese Uebung sogar in den unglücklichen Zeiten des orleanischen Krieges fort und erlaubte 1690, als das Gymnasium sich in Pforzheim anfhielt, seinen Schülern, mit dem Stücke „Cyrus inter [62] pueros rex” aufzutreten, wobei der ausgezeichnetste der obersten Klasse, Johann Caspar Malsch, die Rolle des Astyages und sein Mitschüler, Reinhard von Gemmingen, die des Cyrus übernahm. Das Griechische, welches in der Vorschrift für die Durlacher Schule von 1536 (oben §. 3) nur mit dem Bemerken vorkommt, der Schulmeister solle es lehren, wenn er es könne und wolle, wurde in dem 50 Jahre später errichteten Gymnasium mit 12- bis 13jährigen Knaben (wie noch jetzt in unserer Unterquarta) begonnen, zwar bis zum Bezuge der Universität fortgesetzt, aber mit wenigeren Lehrstunden als heutiges Tages bedacht. Eingeführt war die in lateinischer Sprache abgefaßte Grammatik des mehrmals citirten Straßburgers Golius, die man erst in dem 2. Decennium des 18. Jahrhunderts durch die Lang’sche ersetzte. Seit Anfang des Gymnasiums las man, wie Sturm es schon der Lauinger Schule vorgeschrieben hatte, besonders den neutestamentlichen Urtext. Doch wurde der philosophische und mathematische Unterricht an die Lectüre des Aristoteles und Euclid, der rhetorische an Demosthenes, Isocrates und selbst an Hermogenes angeknüpft, da Sturm auf diesen Rhetor des zweiten christlichen Jahrhunderts besonders viel hielt. Auch einige der von Sturm sehr empfohlenen Homilien des Eyrysostomus und Basilius wurden zuweilen gelesen. Von Historikern fand ich den Herodot niemals in dieser ersten, bis 1724 reichenden Periode, aber den Herodian zuweilen; von griechischen Dichtern auffallend wenig, darunter die Gnomen des Phokylides und Anderer. Homer war unter Johann Sturm, und daher wohl auch in unserer Anstalt anfangs, gelesen worden, aber dann etwa 100 Jahre nicht mehr bis 1761. – Die Schulverordnung von 1705 verlangt, in graecis solle mehr daraus gesehen werden, daß die Jugend einen Text wohl analysiren lerne, als daß man sie mit vielem Vertiren plage. – Dieses Vertiren geschah immer in das Lateinische. Griechische Stile, bei denen man ganz besonders den Sprachgebrauch des Neuen Testaments berücksichtigte, sind 1706 und in den folgenden Jahren wenigstens [63] Einer monatlich vorgeschrieben. Bei Schulfeierlichkeiten erscheinen zuweilen auch griechische Reden, die durch Exemten vorgetragen wurden. §. 20. Der Unterricht in Philosophie und Rhetorik hatte in Bezug aus die Wichtigkeit, welche durch Johann Sturm den Lehrfächern des Gymnasiums beigemessen wurde, den dritten Platz inne. Die pietas seiner Zöglinge sollte sapiens et eloquens werden. Die Vorträge über philosophische Disciplinen schlossen sich zwar auch zu Durlach seit Anfang des dortigen Gymnasiums sehr enge an die Lectüre der klassischen Autoren an und hatten, so war die ausdrückliche Weisung, die „fontes argumentorum ex antiquitate anzurühmen und aufzusuchen“[103], also namentlich an Aristoteles und an Cicero’s philosophische Schriften anzuknüpfen; doch durfte der Lehrer zugleich zur Kenntniß neuerer philosophischer Schriftsteller leiten, dem logischen Unterricht ein Lehrbuch zu Grund legen, herausgegeben durch Johann Conrad Dannhauer, welcher aus Köndringen bei Emmendingen gebürtig und seit 1628 Professor zu Straßburg war. Sein Kompendium war noch bis zu Anfang des 18. Jahrhunderts in dem Gymnasium eingeführt, und zwar in Quinta, nach unserer jetzigen Art die Klassen zu benennen; denn schon aus dieser Stufe begann, wie Sturm es auch dem Lauinger Gymnasium mit 3 wöchentlichen Stunden vorgeschrieben hatte, der logische Unterricht, auf welchen in den zwei obersten Jahreskursen Ethik, Politik und Methaphysik folgten. Ueberhaupt wurden, wie die grammatischen, so auch die philosophischen Lehrbücher in unserer Anstalt von jeher gerne nach dem Muster der Straßburgischen gewählt, sagt ein Durlachischer Schulbericht vom Jahr 1710, fügt jedoch bereits hinzu, heutiges Tages seien die philosophischen Bücher „der Wechslung sehr unterworfen und das Gymnasium [64] müsse sich hierin jetzt nach verschiedenen Universitäten richten“[104]. – Nachdem seit langer Zeit gewöhnlich der Rector selbst die Philosophie docirt hatte, namentlich die Seite 22 ff. genannten Schulvorstände Weininger, Lembke, Arnold und Bulyowsky, fand die Regierung 1714 einen Grund, warum sie das Rectorat einem aus Jena berufenen Universitätslehrer, nicht aber dem ältesten Durlacher Professor, dem in vielen Beziehungen trefflichen Malsch, anvertraute, darin, daß dieser Letztere sich nicht genug mit Philosophie befasse. Er antwortete, das geschehe, weil die Anstalt ein Gymnasium und keine Academie sei. – Zehn Jahre später, also am Schlusse der mit 1724 sich endigenden ersten Periode, ist ein Regierungserlaß bemerkenswerth, man solle die Fundamente der Logik nach dem zum Behus „der studierenden Noblesse“ durch Grosser deutsch verfaßten Lehrbuche vortragen, dem höheren Kurse aber Grosser’s lateinisches Compendium zu Grunde legen, während die Metaphysik nach Aepinus, die Moralphilosophie und die Politik nach Buddeus und Puffendorf zu lehren sei. – In dem Schematismus von 1710 sind jedem Exemten (Sextaner) noch immer, wie früher, wöchentlich sechs philosophische Unterrichtsstunden vorgeschrieben. Neben den theoretischen Vorträgen über Philosophie wurden schon seit dem Bestehen des Gymnasiums auch praktische Uebungen, exercitia disputatoria, häufig vorgenommen. Diese theilte man in gewöhnliche und in feierliche. Doch nicht blos der Professor der philosophischen Fächer, sondern jeder Professor hatte monatlich Einmal über den Inhalt des zuletzt Vorgetragenen eine gewöhnliche Disputation im Kreise seiner Zöglinge anzustellen. Er selbst präsidirte, eröffnete die Diskussion mit einer in den Gegenstand einleitenden Rede [65] und sorgte dafür, daß jeder als Thema aufgestellte Satz durch die Opponenten nur mit solchen Argumenten bekämpft werde, welche den Forderungen der Dialektik entsprachen, und daß der Respondent die Gegengründe gleichfalls in schulgerechter Form zu widerlegen suche. – Die öffentlichen und feierlichen Disputationen, für welche der Respondent wenigstens drei Monate und die Opponenten 8 Tage Vorbereitungszeit erhielten, fanden immer Mittwoch von 1 Uhr an statt und dauerten bis gegen Abend, zuweilen bis 6 oder bis 8 Uhr. Sie sollten eigentlich zweimal des Jahres durch jeden Professor veranstaltet werden, wurden aber hie und da durch Einzelne unterlassen; doch der mehrmals erwähnte Johann Fecht allein präsidirte während seiner 22jährigen Functionszeit am Gymnasium bei mehr als 50 dieser feierlichen Uebungen und Viele der in der theologischen Bildungsanstalt seit 1667 gehaltenen Disputationen machte er auch im Drucke bekannt[105]. Die Theses zu jedem derartigen Aktus mußten an den Thüren des Gymnasiums angeschlagen, die Behörden und Honoratioren dazu eingeladen und auch die Schüler der oberen Klassen zugelassen werden. Unter den Zuhörern befanden sich zuweilen auch die Landesherren nebst ihren Prinzen, und unter den Opponenten nicht blos Studiosen des Gymnasiums, sondern auch Lehrer desselben und Geistliche sowohl aus der Stadt, als auch der Nachbarschaft, zu deren Kenntniß die Thesen in der vorangegangenen Woche zu gelangen pflegten. Daß Alles in lateinischer Sprache vorging, braucht nicht erst bemerkt zu werden. In der zweiten Hälfte des dreißigjährigen Krieges und abermals nach dem Unglücksjahre 1689 war eine lange Unterbrechung dieser öffentlichen Uebungen eingetreten; seit 1715 führte Rector Boye sie, wenn auch seltener als früher, wieder aus und so dauerten sie noch lange Zeit fort; die lateinischen Disputirübungen mit Ausschluß der öffentlichen fanden [66] sogar noch in den ersten Jahren des 19. Jahrhunderts statt[106]. Die 1725 publicirten neuen Gymnasial-Gesetze verlangten von jedem Abiturienten, daß er, abgesehen von dem zu bestehenden öffentlichen Examen, entweder eine Discutatie solennis, oder, wenn die damit verbundenen Kosten ihm zu groß seien, mindestens eine Orstio soieunie halten müsse. Auch die Rhetorik war, seit Gründung des Gymnasiums, durch eine besondere Professur vertreten und wurde, nach Theorie und Vorbild römischer und griechischer Redner, schon von unserer Quarta an getrieben, in jedem der zwei obersten Jahreskurse vollends mit wöchentlich 6 Stunden. Dabei bediente man sich des von Johann Sturm verfaßten Lehrbuchs, später des von Gerhard Vossius herausgegebenen. Viele Versuche in Dispositionen wurden mündlich besprochen, schriftlich entworfen, noch im Jahre 1717 an das Kirchenrathskollegium monatlich eine Chria als Probe von jedem der älteren Zöglinge eingesandt. Von vielen dieser Entwürfe mußten die vollständigen Ausarbeitungen, alle lateinisch, gefertigt werden. Auch praktische Redeübungen (Exercitia oratiria) fanden häufig statt. Letztere unterschied man, wie die Disputationen, in gewöhnliche, welche im Kreise der einzelnen Abtheilungen gehalten wurden, und in feierliche (orationes solennes), zu denen sich das Gymnasium entweder vollständig oder doch bis Tertia einschließlich einfand. Solche Schulfestlichkeiten (actus publici) kehrten namentlich bei jedem Geburts- oder Namenstage des Landesherrn und des Erbprinzen wieder, wurden durch den Professor der Eloquenz in einem gedruckten Programme angekündigt und mit Musik eröffnet. Dann trat zuerst Einer der Lehrer aus den etwas höher stehenden, blos für Lehrer bestimmten Suggestus, und zwar derjenige Lehrer, an welchem der Turnus dieses Redehaltens [67] war, denn von Jedem, der auf Vorrücken Anspruch machte, erwartete die Oberbehörde eine Theilnahme an dieser oft vorkommenden rhetorischen Thätigkeit[107]. Auf ihn folgten sodann einige Zöglinge, die, von einem etwas tiefer stehenden Platze aus, lateinische, zuweilen auch griechische und andere Reden hielten. Musik, wie immer ausschließlich durch die Zöglinge ausgeführt, beschloß die Feier. – Ebenso gab sich in den jährlich zweimal, nach dem Ende der öffentlichen Oster- und Herbstprüfung, vorkommenden Schlußakten, welche jederzeit mit einer Rede des Rectors eröffnet wurden, eine Gelegenheit für die Zöglinge, ihre rhetorischen Fortschritte zu beweisen, und hier waren es alle Abiturienten oder, wie sie damals hießen, Valedicenten, falls sie dieser Verbindlichkeit nicht schon durch eine öffentliche Disputation Genüge geleistet hatten. – Daß man auch durch Aufführung von lateinischen Schauspielen in älteren und jüngeren Schülern zugleich die Befangenheit und die Scheu vor dem öffentlichen Auftreten bewältigte, ist schon Seite 61 erwähnt. §. 21. Fragen wir nach dem Unterricht in neueren Sprachen, namentlich in der deutschen Muttersprache, während die lateinische Beredsamleit so sorgfältige Pflege fand; so fällt uns schon hier eine der Schattenseiten aus, die dem Lehrgange Sturm’s seit dem 18. Jahrhundert vorgeworfen wurden. Sturm selbst schrieb und sprach das Lateinische mit Anmnth und Würde; sein Deutsch ist schwerfällig zu lesen. Er selbst versah zwar eine der frühesten deutschen Grammatiken[108] mit einer Vorrede; er überließ es aber dem Uebersetzen aus dem Lateinischen, den Schüler gelegenheitlieh an einen erträglichen deutschen Ausdruck [68] zu gewöhnen, bestimmte niemals eine Stunde zum Unterricht in der Muttersprache oder auch nur zur Fertigung oder Ablieferung und Censur eines freien deutschen Aussatzes, sah vielmehr in dieser Muttersprache nur eine Barbarei, über die man eben mit größter Anstrengung Meister werden müsse und leider in den meisten Fällen nicht Meister werde. Solche Ansichten gingen von seinen Musteranstalten auf deren zahlreiche Töchter über. Neben den vielen Reden, die auf dem Durlacher Gymnasium in alten Sprachen durch Schüler gehalten worden sind, weiß ich keine deutsche vor dem Jahre 1687 aufzuführen, wo endlich neben sieben in lateinischer, griechischer, hebräischer, chaldäischer, syrischer, arabischer und äthiopischer Zunge gehaltenen Vorträgen auch ein deutscher austreten durfte. Zwar in der mit dem Gymnasium verbundenen theologischen Bildungsanstalt wurde zu deutschen Kanzelreden angeleitet, die schriftliche Fertigung wie das Halten der Predigten fleißig geübt, so erzählt Fecht in seinem Manuscript 1689, aber einen Tadel über das ausschließlich lateinische Rhetorisiren der vorangehenden Gymnasialjahre spricht auch er nicht aus. Erst der Anfang des 18. Jahrhunderts begann die der Muttersprache gebührenden Rechte wenigstens einigermaßen anzuerkennen. Die „Ordnung für das fürstliche Gymnasium zu Durlach” vom 15. Juni 1705 enthält Kapitel III, §. 8 wenigstens die Worte [109]: Die deutsche Sprach selbsten ist in prosa und ligata zuweilen zu ercoliren; – aber 1706 und in den folgenden Jahren ist noch lange keine deutsche Sprachstunde in dem Schematismus, sondern blos vorgeschrieben, daß die Tertianer ihren Cicero und Phädrus daheim in’s Deutsche schriftlich übersetzen sollen. Das war aber auch durch Johann Sturm schon längst vorgeschrieben und zwar zu dem Zweck, daß diese daheim gefertigte schriftliche Version in der Schule mündlich revertirt werde. – Daher berichtete der 1715 aus Jena nach Durlach als Rector berufene Königsberger Boye fünf Jahre später: „In der teutschen Poësi und Oratoria wird [69] auf dem Durlacher Gymnasio Nichts gethan, welches mir niemahlen gefallen wollen, angesehen man heut zu tag einen guten teutschen vers höher als einen lateinischen ästimirt. Auch dörffte überhaupt künftighin von unseren Studiosis mehr die teutsche als die lateinische gebrauchet werden. Meines erachtens könnte man ein progymnasma oratorium erst in teutscher Sprach elaboriren lassen. Unsere Studiosi denken mehr in teutscher als lateinischer Sprach.” – Dann schlägt er vor, um auch für das Lateinische zu sorgen, solle man die Schüler ihre deutsch geschriebenen Aufsätze sofort in das Lateinische übersetzen lassen[110], und bald daraus empfahl er weiter, die Eloquentiam latinam et germanicam in vier wöchentlichen Stunden bei den Studiosis mit einander zu verbinden. – Gegen diese Aeußerungen behauptete noch im gleichen Jahre 1720 sein Widersacher Malsch einerseits, darin liege eine Geringschätzung des klassischen Sprachstudiums, und doch versicherte Malsch andererseits, schon vor Boye’s An-Ankunft in den Jahren 1712 bis 1714 „die teutsche Oratoriam und Poësin mit den ältesten Zöglingen getrieben und pro norma die libellos oratories des Weise und Hübner gebraucht zu haben[111]”. – Wie wenig es ihm damit Ernst gewesen sei, erhellt daraus, daß der lange nach Boy’s Tod endlich Rector gewordene Malsch noch am 27. Juni 1742 den wiederholten Tadel des Kirchenrathes hören mußte: „Die Jugend habe seither in der Teutschen Sprache, deren Cultur doch mit denen gelehrten Sprachen gleich ohnumgänglich nöthig sei, wenig oder gar keinen Unterricht empfangen; man solle sie künftig zur Beredtsamkeit sowohl in teutscher als lateinischer Sprache fleißiger anweisen und zu solchem Ende sonderlich in den 4 obersten Jahreskursen der Reihe nach wochentlich ein oder zweimahl Actus Oratorios, jedoch nur privatim halten lassen.”[112] [70] Was die französische Sprache betrifft, zu welcher zuerst unsere höheren Stände schon vor dem dreißigjährigen Kriege zuweilen eine bemerkenswerthe Vorliebe zeigten[113], so nahm die Gymnasialeinrichtung Sturm’s, obwohl er selbst diese Sprache während seines langen Aufenthaltes in Frankreich vollkommen gelernt hatte, auf den öffentlichen Unterricht im Französischen eben so wenig als aus den im Deutschen irgend eine Rücksicht, so daß auch der Schematismus des Durlacher Gymnasiums noch im 17. und 18. Jahrhundert durchaus keine Stunde darauf [71] verwendet. Unter den Vorträgen der Zöglinge bei öffentlichen Redeakten kenne ich gleichfalls keinen französischen vor dem Jahre 1754[114]; doch wurde der Unterricht in dieser Sprache wenigstens früher als der in der Muttersprache, nämlich schon seit 1670, den Gymnasiasten durch Rector Arnold, unter welchem die Anstalt so lange blühte, und durch dessen Nachfolger sehr empfohlen. Der früheste Lehrer, der sich aus des Nectors Bitten den Durlacher Zöglingen dazu anbot, war 1670 der durch Arnold geschätzte Hofgerichtsadvokat Johann Martin Zandt[115]. Das gedruckte Programm des Durlacher Gymnasiums von 1706 empfiehlt sogar schon zwei französische Sprachlehrer, Bonville aus Clermont und Riccius, von denen der Letztere zugleich Anleitung zum Italienischen gab. Drei Jahre später äußerte, obwohl ohne Erfolg, ein Bericht des Prorectors Bulyowsky vom 28. Juli 1710, wie nützlich es sein würde, wenn man das Französische propter vicinitatem gentis wirklich einführte; der Arme dachte dabei vielleicht auch daran, daß sowohl [72] er, als auch ein anderer Einwohner von Durlach, Hosrath Boch, von welchem wir, wie von Bulyowsky, eine Schilderung der Jammerscenen des Jahres 1689 besitzen, die Bitten an vor- nehme französische Qfsiziere damals nur lateinisch vorzutragen im Stande waren, auch nur lateinische Antworten, die ihnen allerdings zu Theil wurden, wirklich verstanden. Von einem Unterrichte im Englischen bietet die Geschichte unserer Anstalt vor dem Jahre 1770 keine Spur und sogar das Französische, obwohl fast jährlich den Schülern empfohlen und im Lokale der Anstalt selbst gelehrt, wurde erst mit dem Anfangsjahre des Rheinischen Bundes 1806 ein für alle Schüler verbindlicher Lehrgegenstand. §. 22. Auch der Unterricht in Geschichte und Geographie gehörte zu denjenigen Lehrgegenständen, welche durch Sturm und überhaupt in den Mittelschulen seiner Zeit keine besonderen Stunden zugewiesen erhielten, sondern (wie etwa nach dem uns jetzt vorgeschriebenen Lehrplane die Alterthümer) den Lectionen klassischer Autoren überlassen blieben. Für die mit dem Untergange des weströmischen Reiches beginnende Zeit war also in dieser Hinsicht am wenigsten gesorgt. Alte Geschichte lernten auch die Durlacher Gymnasiasten bis zum Ansange des 17— Jahrhunderts hauptsächlich aus den eingeführten und oben Seite 59 genannten Historikern der Rö- mer und Griechen; doch außerdem wurden historische Stosse auch der mittleren und neueren Zeit theils zu den sehr häusigen lateinischen Stilen besonders gerne gewählt, theils in Menge bei ethischen und anderen philosophischer: Leetionen und bei rhetorischen Uebungen angewandt. Historische Schriften Neuerer empfahl der Lehrer, wenigstens nach dem westphälischen Frieden zum Privatstudium. So wünschten z. B. Arnold und Fecht die Universalgeschichte (gualuoe Summe imperis) des Sleidanus, später Pussendorfs llietaris prsooipnctnm rcgnornm — in der Hand eines jeden Zöglings. Ausschließlich für Geschichte be- stimmte Lectionen enthält der Schematismus erst seit Beginn s des 18. Jahrhunderts. Der von 1710 schrieb den zwei obersten [73] [74] des Pomponius Mela in unserer Quinta. Doch das Bedürfniß einer zweckmäßigeren Vorbereitung zur Geschichte mußte in allen nach Sturm’s Plan eingerichteten Anstalten sehr bald fühlbar werden und irgend eine neuere Länderbeschreibung zu Grunde legen. Zu Letzterer wählte man im Durlacher Gymnasium während der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts Varenii Geographia universalis und später, seit 1705, die Elementa geographica, verfaßt durch einen damals noch lebenden Straßburgischen Professor Julius Reichelt. Der ganze geographische Unterricht beschränkte sich aber noch immer auf Ein Jahr unserer Quinta und fand sich bei keiner der unteren Klassen mit irgend einer Spur. Malsch, welcher ihn zu jener Zeit ertheilte, berichtet (ohne Staunen und ohne Klage über die engen Grenzen), er habe in dem ersten Semester sphärische Geographie und Europa, in dem zweiten die übrigen Erdtheile durchgenommen. – Doch scheint er später das Ungenügende eines so beschränkten Kurses gefühlt zu haben; denn nachdem er 1712 bis 1714 interimistischer Vorstand des Gymnasiums geworden war, erzählt er, er habe während dieser zwei Jahre die Exemten (unsere Sextaner) dadurch in der Geographie und Geschichte weiter zu bringen gesucht, daß er wöchentlich zweimal die Zeitung vorlesen ließ, um für Erläuterung in diesen Gebieten, besonders für Erläuterung der jetzigen Zustände, Gelegenheit zu finden[116]. – Die frühesten solcher Zeitungsstunden hätte ich ohne diese Versicherung in viel späteren Jahrzehenden vermuthet, d. h. in demjenigen Zeitraum, in welchem die Geographie durch Cook und Andere an Inhalt und Interesse, der geographische Unterricht in unseren Schulen an Umfang sehr gewonnen hatte. [75] §. 23. Mathematik und Naturwissenschaften waren in Sturm’s Lehrplan nicht ausgeschlossen, aber allerdings gleichfalls nur spärlich bedacht und auf die höheren Jahreskurse beschränkt. In Bezug aus die Vorbereitung zum mathematischen Unterricht fällt schon das auf, daß Sturm in den Schematismus der unteren und mittleren Klassen gar kein Rechnen aufgenommen hat und es dort selbst in dem ausführlichen Lehrplane für die Lauinger Anstalt mit keiner Silbe berührt. So war es aber damals allgemein in allen Schulen schon vor Stunn’s Zeit und selbst in denjenigen Verträgen, die ein städtischer Magistrat mit irgend einem Lehrer schloß, findet sich das Rechnen entweder gar nicht oder höchstens als ein Gegenstand des Privatunterrichtes erwähnt, für welchen der Lehrer besondere Bezahlung verlangt[117]. Und wie wir in der Durlacher Schulordnung von 1536 (oben Seite 7) das Rechnen ganz übergangen finden, so kommt es auch in den unteren und mittleren Klassen des Durlacher Gymnasiums während der ganzen ersten bis 1724 reichenden Periode nicht vor, sondern man überließ es der häuslichen Unterweisung. Dennoch bekamen die obersten Abtheilungen Anleitung zur Mathematik z.B. 1653 bei dem damaligen Professor dieser Wissenschaft David Fleckhammer. Letzterer, welcher während des dreißigjährigen Krieges Ingenieur-Offizier in dem Weimar’schen Heere gewesen war, lehrte Mathematik bis nahe an seinen Tod 1668 und erhielt zu seinem Nachfolger in jener Durlachischen Professur einen Dr. Medicinae, Matthäus Scherff aus Sulzburg, der nun bis 1689 Mathematik docirte. Das man sich dabei an Euclid gehalten habe, ist schon oben bemerkt worden; doch diente zugleich, schon vor 1689 und [76] noch 1710, als Lehrbuch die Synopsis mathematica des Johann Jacob Hainlin, eines Würtembergers, in dessen heimathlichen Mittelschulen die Mathematik damals noch 80 Jahre lang gar nicht vorkam. Als das Gymnasium zu Durlach nach Beendigung des verheerenden orleanischen Krieges wiederhergestellt wurde, führte der Kirchenrath die Arithmetik und Geometrie in den mittleren Klassen zwar ein und der Schematismus von 1706 enthält die arithmetischen Anfangsgründe für Quarta, wie wir jetzt sagen würden, ferner Arithmetik mit gebrochenen Zahlen nebst einiger Geometrie für Quinta, während in Sexta der Prorector Bulyowsky Algebra nach dem Compendium eines damals zu Frankfurt an der Oder lehrenden Mathematikers Leonhard Christoph Sturm vortrug. Doch dieser Einrichtung, die an einen Unterricht im Rechnen für die untersten Klassen noch immer nicht dachte, wurde durch die Oberbehörde sehr bald wieder die ältere Uebung vorgezogen, so daß schon 1710 außer den 2 wöchentlichen Mathematikstunden in unserer jetzigen Sexta nur Eine in Quinta und gar nichts Mathematisches in Quarta mehr vorkommt. Daher klagte im gleichen Jahre 1710 der genannte Prorector, diese Wissenschaft sei in Durlach übel bedacht, da der Kirchenrath, statt an Melanchthon’s edlen Vorgang und an die Worte zu denken, welche Plato über seinen Eingang geschrieben habe: Μηδεὶς ἀγεωμέτρηρτος εἰσίτω –, die Mathematik aus der Schule in die Privatstunden relegire. Dagegen berief sich, nach Bulyowsky’s 1712 erfolgtem Tode, sein Nachfolger Malsch darauf, in unserem Gymnasium sei die Mathematik immer nur als πἁρεργον behandelt, fast blos Arithmetik getrieben worden; auch der 1715 aus Norddeutschland gekommene Rector Boye wünschte, daß der mathematische Unterricht auf Arithmetik und Geometrie beschränkt bleibe. Erst die folgende mit 1724 beginnende Periode wird uns in dieser Hinsicht nicht mehr sehr lange aus einen Fortschritt warten lassen. Die Naturlehre wurde schon seit der Gründung des Durlacher Gymnasiums nur den ältesten Zöglingen und, da ja, wie [77] Fecht behauptete, alles Tiefwahre, Schöne und Gründliche in aller Wissenschaft den alten Klassikern bekannt war, hauptsächlich nach Aristoteles Physica in vier Semestern vorgetragen. Dieses geschah meistens durch einen Arzt; so ums Jahr 1590 ff. durch Dr. Philipp Schops, 1614 ff. durch Matthias Pregizer, 1654 bis 74 durch den Leibmedikus Dr. Sigmund Close (vergl. oben Seite 25), 1674 bis 89 durch den Doctor Medicinae Matthäus Scherff, welcher vorhin auch als Mathematiklehrer bezeichnet wurde und bei seinem physikalischen Unterricht anfangs die Physica Gothana, später die Institutiones physicae des Wittenbergischen Professors Johann Sperling als Lehrbuch gebrauchte. Von den damals im Gymnasium vorhandenen physikalischen Apparaten wissen wir fast Nichts; doch ist gelegenheitlich bemerkt, daß man acht Thaler aus Anschassung eines Microscops verwendet, ferner daß das Gymnasium mathematische Instrumente in beträchtlicher Zahl und auch 3 Himmelskugeln besessen habe.[118] Gewiß mehr zu bedauern war in dieser Beziehung bei der Einäscherung von Durlach eine größere im Schlosse besindliche Sammlung von mechanischen und andern Werkzeugen. Sie war angelegt worden hauptsächlich durch den Markgrafen Friedrich V., welcher auch in der Selbstbiographie des gleichzeitigen, persönlich mit ihm bekannten Johann Valentin Andreä[119] als [78] feiner Kenner und sogar als Verfertiger solcher Kunstwerke gerühmt ist. — Die neuen Gymnasialgesetze von 1705 ließen die Physik in dem Schematismus der Exemten (unserer Sexta) fortbestehen; auch Sperling’s Lehrbuch blieb noch ziemlich lange im Gebrauch. Doch 1720 äußerte Rector Boye, welcher im damaligen Lectionsverzeichnisse der Exemten ankündigte, er werde allgemeine Physik und specielle de coelo et corporibus coelestibis nach Aepinus lesen, in seinem Berichte an den Kirchenrath, daß er „Opticam, Astronomiam und andere Scientias physico-mathematicas nicht tractire, weil es propter instrumenta et libros viel zu kostbar wäre.“ Doch sei er dazu bereit, wenn man künftighin ein Mehreres darauf verwenden wolle.[120] – Diese Bedingung wurde erst in der folgenden Periode und in ausgezeichneter Weise durch Karl Friedrich erfüllt. Naturgeschichte zählte während des ersten Zeitraums als Theil der Physik und zu der Ausgabe des Physiklehrers, wird aber nur bis zu dem Jahre 1689 erwähnt. Wenn Scherff im Laufe des ihm zugewiesenen Bienniums mit der Physik zu Ende gekommen war, verwendete er den Rest der Zeit auf Anthropologie, Zoologie u. s. w.[121], also mit geringer Ausführlichkeit. Später ist von naturgeschichtlichem Unterricht gar nicht mehr die Rede, bis abermals durch Karl Friedrich in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts auch dieser Lehrzweig Leben gewann. §. 24. Was die übrigen Unterrichtsgegenstände betrifft, so haben wir schon Seite 58 erwähnt, daß Knaben des erstbeginnenden Schulalters („Abecedarii“) in die unterste Klasse, in welcher sie 2 Jahre lang blieben, aufgenommen wurden, und daß sie hier die ersten Elemente des Deutschlesens („Adecedatio“ [79] u. s. w.), im zweiten Semester freilich auch schon die lateinische Deklination lernten. Die bei dem Anfänger zu befolgende Methode ist in der Gynmasialordnung von 1705 umständlich vorgeschrieben, z. B. der Lehrer solle einen Buchstaben zuerst an die Tafel zeichnen und benennen, dann die Kinder auffordern, den Buchstaben nachzusprechen und ihn im ABC-Buche zu suchen. – Auch den ersten Schritt des Schreibunterrichts bezeichnete jene Gymnasialordnung; der Lehrer mußte die Buchstaben mit „Reißblei“ vorschreiben und der Schüler ihnen mit Dinte nachfahren[122]. — Dabei fällt aber in dem Schematismus auf, daß dieser Schreibunterricht sich auf die zwei untersten Klassen, also auf die vier frühesten Schuljahre beschränkte, nur noch in unserer jetzigen Prima, aber nicht mehr in Secunda statt fand, noch weniger in Tertia[123]. Eine so kurze Dauer scheint er bereits in der Gründungszeit des Gymnasiums und auch in andern gleichzeitigen Anstalten gehabt zu haben. Daraus erklärt es sich, warum die damaligen Schriftzüge selten recht deutlich und schön sind. Unter 10 Schülern, so klagte 1715 der aus Norddeutschland nach Durlach berufene neue Rector Boye, kann höchstens Einer ordentlich schreiben. Deßwegen ließ er die Schreibübungen auch in der drittletzten Klasse (unserer Secunda) fortsetzen und dieses ging nach dem 1724 erfolgten Tode des vielfach angefeindeten Mannes in die Gymnasialgesetze von 1725 über „weilen auch eine saubere Handschrift in allen Ständen des Lebens ihren ohnentbärlichen Nutzen hat“. Erst in der folgenden Periode werden wir sehen, wie Karl Friedrich den kalligraphischen Unterricht bis einschließlich unsere Oberquinta auszudehnen befahl und für schöne Schriftproben [80] Seite:Mittelschule Durlach (Vierordt) 080.jpg [81] Seite:Mittelschule Durlach (Vierordt) 081.jpg [82] Seite:Mittelschule Durlach (Vierordt) 082.jpg [83] Seite:Mittelschule Durlach (Vierordt) 083.jpg [84] Seite:Mittelschule Durlach (Vierordt) 084.jpg [85] Seite:Mittelschule Durlach (Vierordt) 085.jpg [86] Seite:Mittelschule Durlach (Vierordt) 086.jpg [87] Seite:Mittelschule Durlach (Vierordt) 087.jpg [88] Seite:Mittelschule Durlach (Vierordt) 088.jpg [89] Seite:Mittelschule Durlach (Vierordt) 089.jpg [90] Seite:Mittelschule Durlach (Vierordt) 090.jpg [91] Klassen zu trennen und eine Septima zu errichten, was aber wegen der Kriegszeit nicht ausgeführt werden konnte. Wass die frühesten Schulgesetze, welche 1588 verkündigt wurden, und die späteren betrifft, die den Ephorus, Hofrath Jüngler, 1626 zum Verfasser hatten, so sind beide Redactionen noch während des dreißigjährigen Krieges verloren gegangen und 1689 waren sie keinem der Gymnasiallehrer mehr bekannt. Aber auch von der 3. Redaction, welche aus den Zeiten nach dem westphälischen Frieden stammte und durch den Ephorus Keck in den 1670er Jahren Aenderungen erlitt, war nach den darauf folgenden Verheerungen Nichts mehr übrig und als im Jahre 1705 die vierten Gesetze entworfen wurden, konnte man kein Exemplar der dritten mehr auftreiben; doch erhielt die damalige Oberbehörde, welche ihren Entwurf einem viel älteren Geschäftsmanne mittheilte, die Versicherung, dieser Entwurf stimme mit den dritten, die er noch wohl im Gedächtnisse trage, im Wesentlichen durchaus überein. Am 15. Juni 1705 publicirte der Kirchenrath die „Ordnung für das fürstliche Gymnasium zu Durlach“; so sind diese allein noch vorhandenen älteren Gesetze überschrieben[124]. Auch hier steht die Vorschrift, jeder neueintretende Zögling müsse dem Rector mit Handschlag geloben, den Gesetzen der Schule nachzuleben. Im Anfange jedes Semesters wurden sie den versammelten Schülern vorgelesen. Auswärtige Gymnasiasten, d. h. solche, deren Eltern nicht in Durlach wohnten, durften zur Wohnung und Kost nur bei [92] solchen Familien untergebracht werden, die dem Rector als gottesfürchtige und achtbare Leute bekannt waren und sich verpflichteten, ihm von Zeit zu Zeit Bericht als Fürsorger zu erstatten. Als äußerliche Auszeichnung der Schüler vor den Knaben der Stadtschule war auch zu Durlach, von 1586 an, der Mantel vorgeschrieben, in welchem sie zur Schule zu kommen, überhaupt öffentlich zu erscheinen hatten. Da er erst mit dem Schlusse der Gymnasialjahre beseitigt werden durfte, so war er für die zwei obersten Jahreskurse eine Last, der sie sich unter Berufung aus ihren Namen Studiosen gerne zu entledigen suchten. Dagegen kämpfte die Oberbehörde und schrieb auch in den Gesetzen von 1705 (Cap. XVII, §. 1) vor: Studiosus palliatus tam in gymnasio quam extra illud incedat. – Aber Boye, 1715 Rector geworden, hielt nicht mehr darauf und nun brachten Viele ihre bisher unter dem Mantel bedeckt gebliebenen Bücher und Schriften nur noch insoweit zum Unterricht mit, als es äußerlich unbemerkt in den Taschen geschehen konnte. Auch nach seinem 1724 erfolgten Tode überließ man es den Eltern, ob sie ihren Söhnen den kostspieligen Mantel anschaffen wollten, der nun unter allen Schulbesuchern allmählich verschwand. Noch viel länger dauerte aber die Widersetzlichkeit in Bezug aus das Degentragen. Dieses Recht begann erst mit der Immatrikulation auf der Universität. So war es schon in der Zeit, als das Durlacher Gymnasium gegründet wurde; doch allmählich machten die sogenannten Studiosen desselben gleichfalls Anspruch darauf. Zwar auch durch die Schulgesetze von 1705 wurde ihnen das Verbot wiederholt, in oder außerhalb des Gymnasiums mit dem Degen zu erscheinen, und eine Ausnahme blos dann erlaubt, wenn sie einige Meilen weit über Feld reisten; aber mit dem Beisatz, die adeligen Studiosen betreffe dieses Verbot nur in der Kirche und Schule. Wer in die beiden Letzteren dennoch seinen Degen mitbrachte, büßte es noch unter Bulyowsky’s Prorectorat mit drei Tagen Carcer. Dagegen sein Nachfolger Boye ließ es allen, auch den bürgerlichen Studiosen [93] hingehen und nach seinem Tode 1724 wurde es ihnen ausserhalb des Gottesdienstes und der Collegien förmlich gestattet, so lange kein Mißbrauch mit dem Degen getrieben werde[125]. Das Certiren der Klassenschüler wurde durch Bulyowsky, welcher 1699 bis 1712 Vorstand der Anstalt war, aus mancherlei Gründen, die aber nicht genannt sind, abgeschafft, jedoch schon 2 Monate nach seinem Tode durch eine Kirchenrathsveordnung wieder eingeführt, weil es „den profectibus der Jugend Vortheil bringe“[126]. Einen Haupteinfluß aus die „Collocation“ hatten damals noch weit mehr als jetzt die lateinischen Stile, deren vier wöchentlich in einzelnen Klassen gefertigt wurden. Andere äußere Mittel zur Ermunterung des Fleißes waren die Prämienmünzen, die, wie ich Seite 27 berichtet habe, 1669 Markgraf Friedrich VI. für die ausgezeichnetsten Schüler prägen ließ. Aber schon mehrere Jahre vorher kommen in den Rechnungen, z. B. in der von 1659, 24 Gulden jährlich für Prämien der Gynmasiasten vor[127]. Als sein Sohn und Regierungsnachfolger, [94] Seite:Mittelschule Durlach (Vierordt) 094.jpg [95] Seite:Mittelschule Durlach (Vierordt) 095.jpg [96] Seite:Mittelschule Durlach (Vierordt) 096.jpg [97] Seite:Mittelschule Durlach (Vierordt) 097.jpg [98] Seite:Mittelschule Durlach (Vierordt) 098.jpg [99] Seite:Mittelschule Durlach (Vierordt) 099.jpg [100] Seite:Mittelschule Durlach (Vierordt) 0100.jpg
Referenz-Fehler: Das [Bearbeiten] Anmerkungen (Wikisource)
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[Bearbeiten] §. 5. Die Stiftung des Gymnasiums
[Bearbeiten] §. 6. Markgraf Ernst Friedrich
[Bearbeiten] §. 7. Markgraf Georg Friedrich
[Bearbeiten] §. 8. Sein Sohn Friedrich V.
[Bearbeiten] §. 9. Markgraf Georg Friedrich
[Bearbeiten] §. 10. Da bis zum Jahre 1650 fast in allen oberrheinischen Städten ...
[Bearbeiten] §. 11. Auch unter der Regierung Friedrich VI. ...
[Bearbeiten] §. 12. Letzteres haben wir auch von seinem Sohne .. zu erwähnen.
[Bearbeiten] §. 13. Das Zerstörungsjahr 1689
[Bearbeiten] §. 14. Auch unter der Regierung Friedrich VI. ...
[Bearbeiten] Zweite Periode. Karlsruher Zeit unserer Mittelschule. 1724 bis 1859
[Bearbeiten] Aeußere Geschichte. § 35-44
[Bearbeiten] §. 35. Das Gymnasium während der 14 letztem Regierungsjahre Karl Wilhelms 1724-38
[Bearbeiten] §. 36. Das Gymnasium unter der Bormundschaft(?) während Karl Friedrich's Minderjähigkeit 1738 bis 1746
[Bearbeiten] §. 37. Das Gymnasium in Karl Friedrich's 18 ersten Regierungsjahren 1746-64
[Bearbeiten] §. 38. Das Gymnasium in Karl Friedrich's 25 weiteren Regierungsjahren 1764-89
[Bearbeiten] §. 39. Das Gymnasium in Karl Friedrich's 22 letzten Regierungsjahren 1789-1811
[Bearbeiten] §. 40. Das Lyceum unter Großherzog Karl 1811-1818
[Bearbeiten] §. 41. Das Lyceum unter Großherzog Ludwig 1818-30
[Bearbeiten] §. 42. Das Lyceum unter Großherzog Leopold 1830-52
[Bearbeiten] §. 43. Das Lyceum unter Großherzog Friedrich 1852 bis jetzt
[Bearbeiten] §. 44. Das Unterrichtslokal der Anstalt
[Bearbeiten] Innere Veränderungen. § 45-64
[Bearbeiten] §. 45. Die religiös-kirchliche Einrichtung
[Bearbeiten] §. 46. Der Unterricht in den klassischen Sprachen
[Bearbeiten] §. 47. Der Unterricht in den hebräischen
[Bearbeiten] §. 48. Der Unterricht in Philosphie
[Bearbeiten] §. 49. Der Unterricht in deutscher Sprache und Rhetorik
[Bearbeiten] §. 50. Der Unterricht in Englischer Sprache
[Bearbeiten] §. 51. Der Unterricht in Geographie und Geschichte
[Bearbeiten] §. 52. Der Unterricht in Mathematik und Naturwissenschaften
[Bearbeiten] §. 53. Der Unterricht vom Schreiben und Zeichnen
[Bearbeiten] §. 54. Der Unterricht im Turnen
[Bearbeiten] §. 55. Theologische, juristische und medizinische Vorbereitungscollegien
[Bearbeiten] §. 56. Die Realschule und die Lycealvorschule(?)
[Bearbeiten] §. 57. Der Schematismus und die Ferien
[Bearbeiten] §. 58. Die Zöglinge
[Bearbeiten] §. 59. Die Einkünfte der Anstalt
[Bearbeiten] §. 60. Programme
[Bearbeiten] §. 61. Die Prüfung und der Schlußakt
[Bearbeiten] §. 62. Die Bibliothek
[Bearbeiten] §. 63. Die Lehrer
[Bearbeiten] §. 64. Der Name und die Behörden der Anstalt
| Seite | 34 | Zeile | 12 | von unten lies: | Verhöhen statt Höhen (?) |
| — | 46 | — | 3 | — | Johann Martin Beck |
| — | 47 | — | 5 | — | Lavinganae |
| — | 91 | — | 7 | — | nur von 102 Schülern besucht. |
| — | 102 | — | 14 | — oben — | Erst seit 1815 erscheinen sie. |
[Bearbeiten] Inhalt
[Bearbeiten] Anmerkungen (Wikisource)
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