Geschichte des Illuminaten-Ordens/Die letzten Ordensgrade und der Austritt Philos

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« Freiherr v. Knigge und sein Einfluss auf die Ordensentwicklung Geschichte des Illuminaten-Ordens Die Ordensverfolgung in Bayern »
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behalten können. Lesen sie solche aufmerksam, und urtheilen sie als Jurist: sie werden finden, dass mir Philo zum Inspectorn von Niedersachsen, einen Erzrosenkreutzer, einen mystischen Narrn gestellt, der noch dazu mit W .. . (Wöllner) in corre- spondenz steht: der gar keine Anhänglichkeit hat: der Bericht

auf 6 Zeilen erstattet.---Es ist wahr, ich kann keinen

Fehler ausstehen, und muss ihn sogleich bereden: aber fordert das nicht das Wohl der Sache? Wäre meine Nachsicht nicht offenbarer Schaden? — — Dermalen steht noch alles auf Schrauben; lassen sie 5 oder 6 active Männer weichen, oder degoutirt werden, so ist alles verlohren. Und wie leicht werden diese Leute durch unkluge Streiche des Philo, den sie als einen Obern kennen, abgeschreckt. An Oberen sind die kleinsten Mängel entsetzliche Fehler, weil die Leute von Obern eines

solchen instituts auch hohen Begriff haben.--Dieses ist

warum ich lärme, weil ich die Folgen vorhersehe, die ihr, meine Herren, erst erwarten wollt. Ich sehe, dass beynahe noch kein einziger Areopagit meinen Plan ganz versteht: sie hangen noch allzusehr an der äussern Form, in das Innere, und Feinste dringt beynahe gar keiner ein. Doch hoffe ich, soll auch das noch gehen, wenn die Sache nicht zu frühe gänzlich ver- dorben wird.

Hier folgt ein insolenter Brief von Philo; lesen sie wie er . gross spricht, und alle Welt trotzen kann. Das konnte doch Cäsar und Alexander nicht.

Die letzten Ordensgrade nnd Philos Austritt

Aus den letzten Briefzitaten Weishaupts ist deutlich zu ersehen, dass langsam aber sicher eine Entzweiung zwischen Weishaupt und Knigge stattfand, die den äusseren Anlass durch die Ausarbeitung der weiteren Ordensgrade erhielt. Wir wissen, dass nach dem neuen Ordensplan der vierte Grad „der grössere Illuminat" hiess, dieser stammte von Weishaupt. Nach diesem beginnt die Arbeit Knigges mit dem Schottischen Ritter, dem der Priestergrad nunmehr folgte, fast gänzlich von Weishaupt entworfen, und dann der Regentengrad. Weitere Grade wurden wohl von Weishaupt ausgearbeitet, sind aber niemals bekannt geworden und haben auch niemals im Orden Geltung be- [127] — 127 —

kommen. Weishaupt hat die betreffenden Schriften hierüber sorgfältig bewahrt, gibt aber in seinen Briefen über den Inhalt gar keine Andeutungen und hat in späteren Jahren selbst alle Papiere, die heute noch Aufschluss geben könnten, vernichtet. — Wie er persönlich nun über die Arbeiten Knigges dachte, geht am klarsten aus einem Briefe an seinen Intimus Zwackh vom 7. Februar 1783*) hervor. Daselbst heisst es:

Die Abteilung in A., B. und C. ist von Mahomet, und ist nun von dem Grad nichts weiter übrig, als die Einweihung eines Decanus,**) die auch noch nebst Philos Original-Cahier folgen wird. Ich wünsche, dass alle Ceremonien, die wirklich einfaltig und unbedeutend sind, hinwegbleiben, und dieser Grad ausser den vorher aufzulösenden Fragen, der Anrede und dem Unterricht im scientivischen nichts weiter enthalte, auch die Kleidung ist einfältig: wieviel Geld geht dabey verlohren. Ich bin der Meynung, dass die Priester ausser einem kleinen rothen Kreuz auf der linken Seite des Rocks nichts tragen sollen: oder höchstens ein kurzes bis an die Hift reichendes weisses scapulier oder Brustfleck unter dem Rock, auf welchem das rothe Kreuz angebracht ist. Der Decanus unterscheidet sich durch ein grössers Kreuz, oder trägt solches ganz allein. Philo steckt voll solcher Narrheiten, welche seinen kleinen Geist verrathen.

Den Regentengrad habe ich nicht gemacht, obwohl beynahe alles von mir ist. Er ist ungleich unwichtiger, als der Priester- grad; und hier sieht man, wie wenig Philo im System arbeitet. Anstatt, dass die Grade, je höher sie sind, desto wichtiger werden sollen, um so schlechter werden sie bey ihm. Auf den Illum. maj. folgt der elende Schottische Rittergrad ganz von seiner composition, und auf den Priestergrad ein eben so elender Regentengrad; doch weil es ein dirigirender Grad ist, der die ganze Provincial-Instruction entfaltet, so ändere ich darum nichts, etwelche einfältige, niederträchtige Maximen ausgenommen: aber über diesen hinaus habe ich noch 4 Grade schon componirt, wo gegen den schlechtesten der Priestergrad Kinderspiel seyn soll; doch theile ich sie Niemand mit, bis ich sehe, wie die Sache geht, und wer es -verdient: lasse mir auch nichts darinn corrigieren.

  • ) Nachtrag von weiteren Originalschriften, S. 94/96.

■*) Vorsteher im Priestergrad. [128] — 128 —

Den Regentengrad schicke ich zum Abschreiben, sobald sie mit dem Priestergrad fertig sind.

Wenn Philo sich selbst wieder, wie vor dem, an mich wendet, und sein Unrecht erkennt, so werde ich mit ihnen wieder der alte seyn, aber suchen werde ich ihn auf keine Art; ich muss ihm beweisen, dass er mir nicht wesentlich ist; dass er dadurch, dass er beym Orden ist, nicht mir, sondern der Menschheit dient: dass ich nichts von ihm habe, ich auch durch ihn um nichts klüger geworden bin: und dass er durch seinen Umgang und correspondenz mit mir keinen Schaden gehabt. Man muss seine ihm und uns so schädliche Eitelkeit nicht er- nähren: eben weil er gebethen sein will, muss man ihn nicht bitten; ich am allerwenigsten, denn mich hat er schlecht be- handelt, doch nicht so schlecht, als A . . und Mahomet. Wenn ihm die gute Sache lieb ist, so wird er selbst kommen, und ich werde ihn mit offenen Armen empfangen: ist ihm aber sein Eigensinn und Eitelkeit lieber, so verdient er nicht, dass wir uns weiter um ihn sorgen, weil er ärger als zuvor seyn würde, indem man ihn gesucht, gebethen hat. Mit dem allem werde ich ihm das Zeugniss allzeit geben, dass er durch Anwerbung wichtiger Leute um den Orden grosse Verdienste hat: aber ausser dem hat er mir wenig genützt: hat mir oft manches verdorben, die Einheit meines Planes durch elende Einschal- tungen von unbedeutenden Graden sehr stark verdorben: ich hab ihm gewiss lang nachgegeben, aber nunmehro machte er es zu arg.--

Soweit Weishaupt. Um unparteiisch zu sein, müssen wir jedoch auch Knigge hören und dieser schrieb an Zwackh den nachfolgenden Brief, jedenfalls als Antwort auf ein Schreiben, das jener infolge Weishaupts Auslassungen an ihn richtete.

Bey der Lage, darinn ich, gewiss sehr unschuldiger Weise, mit Spartacus bin, war es mir ein herzlicher Trost, von ihnen, mein redlich geliebter Bruder! einen so freundschaftsvollen, gütigen, aufmunternden Brief zu erhalten. Ich würde der un- dankbarste Mensch seyn, wenn ich nicht mit gänzlicher Offen- herzigkeit darauf antwortete, und Ihnen mein ganzes Herz ausschüttete.

  • ) Nachtrag v. w. Or ig.-Schriften, S. 99.

Catoni amantissimo S. p. et Philo.*) [129] — 129 —

Nicht Mahomet und A . . so sehr sind Schuld an meiner Trennung von Spartacus, sondern dieses Mannes jesuitisches Verfahren, durch welches er uns so oft unter einander entzweyet hat, um despotisch über Menschen zu herrschen, die, wenn sie nicht eine so reiche Phantasie als er vielleicht, auch nicht so viel Feinheit und List besitzen, ihm wenigstens an guten Willen, gesunder grader Vernunft und Redlichkeit nichts nach- geben, die ihm so wesentliche Dienste geleistet haben, und ohne welche sein, mit einigen ohne Auswahl zusammengerafften jungen Leuten (man denke an Tiberius, Ajax etc.) angefangener Orden ein elendes Ding seyn würde. Lange habe ich voraus- gesehen, wie er mir mitspielen würde, aber mir auch fest vor- genommen, ihm zu zeigen, dass bei aller meiner Nachgiebigkeit, und beynahe übertriebener Unterwürfigkeit, ich unwiederbringlich zurücktrete, wenn man mich unedel behandelt, damit er einmal sehe, dass man nicht mit allen Menschen spielen könne. Also hier ist meine Erklärung: Mit Spartacus kann ich nie wieder auf den alten Fuss kommen, auf welchem ich mit ihm war, aber so lange ich lebe, werde ich alles beytragen zum Bessten des Ordens, und allem, wass sie, besste Freundet mir auftragen werden, nach meinen Kräften zu wirken. Jetzt komme ich zu meiner Erzählung.

Als Spartacus anfing mit mir über den Orden zu corre- spondiren, da malte er mir den Orden als ein völlig aus- gearbeitetes, tief durchgedachtes, weit ausgebreitetes System ab, und ermunterte mich, aller Orten erwachsene, angesehene, schon gebildete, gelehrte Männer anzuwerben. Es war natürlich, dass diese Männer nicht nur geschwinder befördert werden wollten, sondern dass ich auch die Direction ohne Nachtheil meiner Gesundheit und meines Geldbeutels nicht lange allein führen konnte. Die Sache griff so geschwind um sich, dass ich endlich 500 Menschen zu behandeln bekam. Um nun Mittelobere an- setzen zu können, bat ich um die nöthigen Instructionen, mit einem Worte, um höhere Grade, und nun machte mich Spar- tacus auf einmal zum Areopagiten, und entdeckte mir, dass alle übrige Grade nicht fertig wären. Diess schreckte mich nicht ab, nun bat ich dringend darum, eine gewisse Anzahl Grade, die zur Direction nöthig wären, auszuarbeiten und versprach unter- dessen alle meine Leute zwey Jahre lang hinzuhalten. Darauf schrieb er mir: ich solle alles nach Belieben machen, und so viel-Areopagiten aufnehmen, als mir beliebte. Ich nahm aber niemand zum Areopagiten auf, hielt durch unerhörte Schwanke

Enjrel, Geschieht»' <les Illuminatenordens. y [130] — 130 -

und Wendungen die ältesten, klügsten Männer auf, setzte alles in Feuer, untergrub die stricte Observanz, arbeitete mit Hindan- setzung aller meiner häuslichen und anderer theils wichtigen, theils einträglichen Geschäfte 16 Stunden täglich für den Orden; nahm, um allem in diesen Gegenden so gewöhnlichen Verdachte des Eigennutzes auszuweichen, von niemand Geld, gab jährlich 250 fl. Porto aus, liess mich zu allem brauchen, schrieb gegen Jesuiten und Rosenkreutzer, die mich nie beleidigt haben, mich aber jetzt verfolgen, und arbeitete unterdessen die untern Glessen aus. Darauf liess man mich zu Ihnen, meine bessten Brüderl reisen, woselbst ich soviel Freundschaft und Güte genossen habe. Dort wurden nun die Grade bis zum Schottischen Rittergrad festgesetzt. Ich kam zurück und führte diess in meinen Pro- vinzen ein, und legte Versammlungen und Logen an (obgleich ich noch immer bey dem Satz bleibe, dass, wenn man vom Grund auf den Orden in einem Lande ausbreiten soll, man besser thut, mit einigen geprüften Männern von oben herunter, als mit einer Menge ungebildeter Leute, die alle befriedigt werden wollen, von unten hinauf zu arbeiten),*) aber ich ge- horchte. Nun aber wurde die Maschine für meine Schultern zu schwer. Deshalb bat ich um Festsetzung höherer Directions- grade, nemlich a) einen kleinen Priestergrad zur scientivisehen Direction; und b) einen kleinen Regentengrad zur politischen. Alsdann dachte ich können wir die sogenannten grösseren Mysterien noch immer für uns behalten, uns dahinter ver- stecken, und das ganze Gebäude andern Händen überliefern. Wir sehen, wie diese das Ding dirigiren, bleiben im Hinterhalt, und arbeiten nach Müsse die höheren Mysterien aus. Wenn aber die kleinen Mysterien fertig sind, so will ich jeder Provinz einen Provinzial geben, 3 Provinzialen einem Inspector unter- ordnen, und diese mögen dann Local-Obere vermög ihrer In- struction ansetzen und alles in Ordnung bringen. Nur flehete ich darum, man solle für eine tüchtige National-Direction sorgen, und dazu hatte A . . in Rom herrlich Gelegenheit, hat aber nichts geleistet: ich sollte immer alles allein thun, meine Leute mit Lügen hinhalten etc.

•) In diesem Gegensatz der Ansichten Weishaupts und Knigges liegt der Grund ihres Zwistes Knigge hätte recht gehabt, wenn der Orden ein fertiges System gewesen wäre. Weishaupt konnte aber, um nicht ins Blaue zu arbeiten und nach seiner Absicht, sein System auf die Natur des Menschen zu bauen, nur dieses nach den sich ergebenden Notwendigkeiten bilden.

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Unterdessen fing Spartacus an in mich zu dringen, ich sollte nach Edessa (Frankfurt a. M.) eine rechte Force vom Orden legen. Ich stellte ihm vor, dass daselbst die Leute zu wenig Bedürfniss hatten, zu faul, zu wohllüstig, zu reich, zu republicanisch wären; aber da half nichts. Er erinnerte mich so oft, dass ich endlich alles versuchte. Ich fieng nach der Reihe mit 10 bis 12 Leuten an, deren keiner ganz eingeschlagen ist, und da nun diese Leute unter 500 treuen Untergebenen nicht eingeschlagen waren, und viel andere kleine zufallige Um- stände machten dann, dass er anfieng, mich für einen höchst- übereilten mittelmässigen Menschen zu halten. Er correspon- dirte hinter meinem Rücken mit meinen Untergebenen, Ich habe Briefe von ihm gelesen, darinn er mit denen Leuten, die ich aufgenommen, über mich, wie über einen Novizen raisonirte. Unter andern warf er nun sein Vertrauen auf Minos, der ein sehr ehrlicher, wozu ich ihn brauchte, nützlicher, übrigens aber sehr unkluger übereilter Mensch ist, der auf besondere Art be- handelt, und sehr kurz gehalten seyn will. Da ich das merkte, liess ich mich nichts anfechten, machte ihm keine Vorwürfe, sondern arbeitete den Presbyter und Princeps aus und zwar nach folgenden Grundsätzen. Der kleine Priestergrad müsse die Direction in Scientificis haben, also legte ich dabey Spartaci Instruction der Provinzialen in Scientificis zu Grunde: bey dem Regenten hingegen, als welcher die politische Direction haben müsse, legte ich die erste Hälfte der Provinzial-Instruction unter. (Ich lasse jetzt alles für Sie, wie sie befohlen haben, abschreiben.) Nun kam es aber auf die Grundsätze an, welche man in diesen Graden lehren müsste, um im Systeme fortzurücken und da fiel mir folgendes ein: Man soll das Bedürfniss jedes Zeitalters überlegen.

Nun hat jetzt die Betrügerey der Pfaffen fast alle Menschen gegen die christliche Religion aufgebracht, aber zu eben der Zeit reisst wieder, wie es sehr gewöhnlich unter den Menschen ist, die immer an etwas sich hängen wollen, die ärgste Schwär- merey ein. Um nun auf beide Classen von Menschen zu würken, und sie zu vereinigen, müsse man eine Erklärung der christ- lichen Religion erfinden, die den Schwärmer zur Vernunft brächte, und den Freygeist bewöge, nicht das Kind mit dem Bade auszuschütten, diess zum Geheimniss der Freymaurerey machen, und auf unsere Zwecke anwenden. Von einer andern Seite haben wir es mit Fürsten zu thun. Indess der Despotismus

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derselben taglich steigt, reisst zugleich allgemeiner Freyheitsgeist aller Orten ein. Also auch diese beyden Extrema müssen ver- einigt werden. Wir sagen also: Jesus hat keine neue Religion einführen, sondern nur die natürliche Religion und die Vernunft in ihre alten Rechte setzen wollen. Dabey wollte er die Menschen in ein grösseres allgemeines Band vereinigen, und indem er die Menschen durch Ausbreitung einer weisen Moral, Aufklärung, und Bekämpfung aller Vorurtheile fähig machen wollte, sich selbst zu regieren; so war der geheime Sinn seiner Lehre: all- gemeine Freyheit und Gleichheit unter den Menschen wieder ohne alle Revolution einzuführen. Es lassen sich alle Stellen der Bibel darauf anwenden und erklären, und dadurch hört aller Zank unter den Secten auf, wenn jeder einen vernünftigen Sinn in der Lehre Jesu findet (es sey nun wahr oder nicht). Weil aber diese einfache Religion nachher entweyhet wurde, so wurden diese Lehren durch die Disciplinam Arcani und endlich durch die Freymaurerey auf uns fortgepflanzt, und alle Frey- maurerischen Hieroglyphen lassen sich auf diesen Zweck er- klären. Spartacus hat sehr viel gute Data dazu gesammelt, ich habe das meinige hinzugethan, und so habe ich die beyden Grade verfertigt, und darinn lauter Ceremonien aus den ersten Gemeinden genommen. Da nun hier die Leute sehen, dass wir die einzigen ächten wahren Christen sind, so dürfen wir da- gegen ein Wort mehr gegen Pfaffen und Fürsten reden, doch habe ich diess so gethan, dass ich Päbste und Könige nach vorhergegangener Prüfung in diese Grade aufnehmen wollte. (In den höheren Mysterien sollte man dann a) diese piam fraudem entdecken, und b) aus allen Schriften den Ursprung aller reli- giösen Lügen, und deren Zusammenhang entwickeln, c) die Ge- schichte des Ordens erzählen).*)

Nachdem der Presbyter, und Princeps fertig waren, schickte ich das Concept an Spartacus mit der Bitte, es an alle Areo- pagiten herumzusenden (ich hatte fast nichts gethan, als alle ihre verschiedenen Beyträge zusammengetragen, das mehreste war von Spartacus, ja fast alles), ich bekam aber in langer Zeit keine Antwort, meine Papiere nicht zurück, und indessen war

  • ) Aus dieser Stelle wird öfters auf den beabsichtigten Inhalt der letzten

nie ausgearbeiteten Grade: Magus und Rex geschlossen. Man vergisst jedoch, dass lediglich Knigge hier seine Ideen kundgibt, Weishaupt vier andere Grade bereits entworfen hatte, demnach Knigges Worte gar nicht in Betracht kommen können. [133] — 133 —

es nöthig meine Leute zu befördern, um die mehr als hercu- lische Last zu erleichtern. Endlich schrieb mir Spartacus, Mahomet habe zwar manches zu erinnern, doch wollte er schon sorgen, dass die Grade also angenommen würden. Da ich nun Eile habe; so solle ich die Grade nur nach meiner Art aüs- theilen. Diess that ich, attestierte mit meines Namens Unter- schrift die Aechtheit der Cahiers, und meine Leute waren ent- zückt über diese Meisterstücke, wie sie es nannten, ausser das zwey Personen kleine Einwendungen gegen einzelne Ausdrücke machten, welche leicht nach den Local-Umständen in jeder Provinz verändert werden können. Auf einmal schickte mir Mahomet nicht etwa Anmerkungen zu diesen Graden, sondern ganz verändertes verstümmeltes Zeug. Man verlangte, ich sollte meine Hefte zurückfordern, und als ich mich weigerte, bestand wenigstens Spartacus darauf, alle Abschriften selbst zu revidiren, den Leuten zu sagen, es hätten sich unächte Zusätze ein- geschlichen, um dadurch mich zum Lügner zu machen. Ob- gleich ich nun gewiss nicht herrschsüchtig bin, alle Provinzen abgegeben habe, und selbst jetzt unter Meinos stehe, und ihm monatlich mein Q. L. schicke; so konnte ich doch eine solche Beschimpfung nicht ertragen, und da Spartacus noch dazu grob wird, so sehe ich gar nicht ein, warum ich mich von einem Professor in Ingolstadt wie ein Student soll behandeln lassen. Also habe ich ihm allen Gehorsam aufgekündigt; Ihnen aber bin ich zu jedem Winke bereit,----

Der Zankapfel zwischen Weishaupt und Knigge war der Priestergrad. Letzterer entwickelte Ideen, die für die damalige Zeit allerdings recht bedenklich erscheinen konnten, denn sie enthielten eine freigeistige, wenn auch keineswegs irreligiöse Lebensauffassung, die öfters in derber Ausdrucksweise sich offenbarte. Weishaupt empfand sehr schnell das Unzulässige der letzteren und suchte, nachdem er jedenfalls die Wirkung auf Neuaufzunehmende erprobt hatte, diese Ausdrucksweise zu mildern. Er sagt deswegen auch im Hinblick auf diesen Um- stand: „Man muss sich niemalen scheuen, eine Sache besser zu machen, noch viel weniger, wenn dadurch für unser aller Sicher- heit gesorgt und Missverstand vorgebogen wird."*)

•) Nachtrag S. 89. [134] - 134 -

Knigge, der, wie aus seinem Brief hervorgeht, den Grad bearbeitete und jedenfalls in der Aneinanderreihung der Wei hauptschen Ideen, die der Priestergrad enthält, auch den seinen freien Lauf liess, scheute sich jedoch zu verbessern. Den durch Weishaupt vorgeschlagenen Weg, die zu derben Ausdrücke als unechte Zusätze, die sich eingeschlichen, auszugeben, sah er als das Mittel an, ihn zum Lügner zu machen. Letzteres war jedoch unmöglich, da niemand Knigge als den Verfasser kannte.

Jedenfalls war auf Weishaupts Seite mehr Verständnis für den Entwickelungsgang einer Sache vorhanden, als bei Knigge. Dabei ist gar nicht zu leugnen, dass Weishaupt infolge dieses Anpassungsvermögens gewundene Wege gehen musste, um zum Ziele zu gelangen. Es ist jedoch mehr als fraglich, ob Knigge mit seinem eigensinnigen Beharren auf dem einmal eingenom- menen Standpunkt bessere Resultate erzielt hätte. Weishaupt schreibt: „Ich lasse alles Anstössige hinweg; beweise und er- läutere alles besser; denn Philo hat es erschrecklich verdorben, und seithero haben sich meine Einsichten vermehrt.'1 Weil er das aber tut, kündigt ihm Knigge allen Gehorsam. — Es ist augenscheinlich, dass beide Männer nicht miteinander, bei so verschiedenen Grundsätzen, dauernd verbunden bleiben konnten.

Knigge braust denn auch weiterhin gewaltig auf, lässt sich zu Drohungen hinreissen und zeigt sich in einer theatralischen Pose, dabei seinen edlen Charakter öfter in das rechte Licht setzend. In den Seite 111—129 abgedruckten Briefen Philos im Nachtrag zu den Originalschriften rindet jeder sehr leicht die Beweise. Er beschwört dort Cato, die Sache in Ordnung zu bringen, denn es kostet ihn wenig, ein sehr festes Bündnis gegen Spartacus zu stiften, aber etwas in ihm empört sich da- gegen. Er droht, wenn er aber den Jesuiten und Rosenkreutzern, gegen die er geschrieben, nun einen Wink gäbe, wer sie ver- folgt, die kleine unbedeutende Entstehung des Ordens nur einigen Personen entdeckte, bewiese durch seine Konzepte, dass er einen Teil der Grade selbst aufgesetzt habe, wenn er versichern würde, dass die, welche Geheimnisse suchen, nichts zu erwarten haben, wenn er die Logen auf eine Association aufmerksam machen würde, hinter welcher die Illuminaten stecken, wenn er gewissen Leuten in Bayern einen Wink gäbe, wer der Stifter sei, wenn er sich mit Fürsten und Freimaurern wieder verbände usw. Doch er erschrickt vor den Gedanken, denn so weit wird die [135] — 135 —

alten Fuss zu arbeiten, ja»die grössten Dinge für den Orden zu wirken, wenn man ihm aufs Neue ganz uneingeschränktes Zutrauen zeigt. Er versteigt sich sodann Zwackh (S. 116) und Weishaupt (S. 121) gegenüber zu Versprechungen, die er wie folgt bezeichnet, da er in Kassel durch geheime Konferenzen mit dem Prinzen Karl von Hessen und andern Männern dazu in den Stand gesetzt sei

a) Die ganze ächte Geschichte von der Entstehung der Freymaurerey und Rosenkreutzerey zu besitzen, und in die höheren Mysterien zu legen, wenn Sie mich so behandeln, wie ich es zu verdienen glaube,

b) dem Orden Naturgeheimnisse mitteilen zu lassen, die erstaunlich und einträglich sind (obgleich keine Wunder),

c) die ganze stricte Observanz nicht mit uns zu ver- einigen, sondern uns unterwürfig zu machen,

d) dem Orden feste Grundlage, Macht und Geld zu ver- schaffen, ohne seine Einrichtung im Geringsten zu erschüttern,

e) einen freyen Handel und Privilegien in Dännemarkt, Holstein etc. wie auch Vorschüsse dazu,

f) eine mächtige Parthey gegen Jesuiten,

g) eine eben so feste Anstalt gegen die deutschen Rosen- kreuzer, die uns täglich gefährlicher werden. — —

Auf Weishaupt machten diese Versprechungen keinen tieferen Eindruck, er sprach sich daher auch offen darüber aus, dass er sie als Lockspeise ansehe, worüber natürlich grosse Empörung Philos. Letzterer versteigt sich infolgedessen in späteren Briefen zu immer heftigeren Drohungen und klagt gegen Cato am 27. März 1783 im dramatischen Tone: — Nur aus Freund« schaft, aus zärtlicher inniger Liebe und Freundschaft zu ihnen, meine geliebtesten theuersten Brüder! will ich noch gegen niemand öffentlich reden. Aber wenn Spartacus zwischen heute und dem 26ten April nicht alles gut macht — dann stehe ich für nichts. Ich bin bin im Stande, alles zu zernichten, Areopagiten in Menge zu machen, das ganze System zu zerstören, — O! halten Sie mich ab zu thun, was ich ungern thue — Ich fange an zu argwöhnen — Sollte selbst Spartacus ein ver- langter Jesuit sein — dann bin ich der Mann, der ihn zu Boden schlagen kann — Gottl welch ein MenschI —

Knigge schlug jedoch Weishaupt nicht zu Boden, sondern beruhigte sich wieder. Er schrieb am 31. März, also vier Tage

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später bereits in ganz anderem Tone einen höchst charak- teristischen Nachtrag zu seinem zurückgekommenen Brief, der hier unverkürzt wiedergegeben sein mag, um Knigges Art und Pläne, die in seinem Kopfe schwirrten, zu kennzeichnen. Das bisher ungedruckte Original befindet sich im Geheimen Haus- Archiv zu München:

Nr. 123. Nr. III. d. 31. März 1783.

Aus Unordnung der Posten, ist mir mein Paket an Sie wiederum zurückgeschickt worden, weil ich es nur bis Schmal- kalden frankiert hatte, das gibt mir Zeit Ihnen und den sämtlichen Areopagiten folgendes vorzutragen:

Ich setze voraus:

I. dass es nur sehr vortheilhaft sein würde, (ja! dass es in unseren Plan gehört) alle Fry.-Mr Systeme in unsere Gewalt zu bekommen, weil sie unseren Weg durchkreutzen.

II. dass das aber auf eine Art geschehen müsste, dass wir weder Gefahr laufen verrathen, noch in unserer festen Einrich- tung erschüttert zu werden.

III. dass es uns ein wahrhafter Ernst ist, für das Wohl der Menschheit, und nicht zur Befriedigung unseres kleinen Eigennutzes, unserer Herrschsucht nach anderen Leidenschaften zu arbeiten, und dass jeder redliche Mann willkommen seyn muss, der Fähigkeiten und guten Willen hat, auf unsere Art zu gleichen Zwecken an einem Werk theilzunehmen, welches wir aus redlichem Herzen, für das allgemeine Wohl zu Stande bringen; denn wir haben doch kein Monopolium für die Mensch- heit zu arbeiten, würden im Gegentheil sehr glücklich sein, wenn die ganze Welt nach einem sehr edlen Plan regiert würde.

IV. dass wenn uns ein anderer überzeugt, dass man auf bessere Art für das Wohl der Menschen wirken kann, als wir thun, wir unseren Operationsplan umändern müssen.

V. dass wenn uns jemand richtige Kenntnisse, die der Menschheit unendlich interessant wären, mittheilen wollte, wir uns nicht für so überklug halten sollten, diesen Mann von unserer Thür wegzujagen, sondern erst seine Bedingungen zu hören.

Das setze ich voraus, denn wenn z. B. ein lebhafter un- ruhiger Kopf, der allerley Zeug unter einander gelesen hätte, mit diesem Plunder ausstaffiert, in einem Lande, wo man sehr weit in der Aufklärung zurück wäre, sich so hoch stehen fühlte, dass er sich zum Reformator aufwürfe; wenn dieser nun ein [137] — 137 —

System zusammenflickte, woraus hie und da ein Funken von lichtvoller obgleich erborgter Grösse hervorleuchtete, wenn er den Jesuiten die Künste ablernte, gutwillige, zu allem Edlen bereitwillige Menschen für das scheinbare System mit En- thusiasmus zu erfüllen, wenn das ihm um so leichter in einem Lande gelänge, wo das Bedürfnis so gross, der Drang nach Auf- klärung und Freyheit so lebhaft und die Kenntnisse der Lite- ratur so geringe wären, dass dieser Mann die herzliche Freude hätte, alle seine Aufsätze, worin vielleicht nicht ein Wort seyn wäre, für eigenes Fabrikat geltend zu machen; wenn er dann die besten Köpfe an sich zöge, die Kenntnisse eines jeden nützte, sie aller Gefahr einer undankbaren Arbeit aussetzte und sie dann untereinander, damit er im Trüben fischen, immer für den Klügsten und Besten gelte, die zu geraden feinen Köpfe, wenn er ihnen den Honig gestohlen, muthlos machen und entfernen könnte; wenn er nun die Pläne ergriffe, die ihn mächtig und grösser machen könnten, alle übrigen aber elend und jämmerlich fände, folglich eine Menge Menschen blos deswegen in Bewegung setzte, damit er die Wonne hätte, bey einem Pfeif- chen Taback sich selbst zu sagen: „Wohl dir lieber Magisterl hier in Leipzig drehest du Nasen in aller Form, für Männer aller Art, von denen zum Theil die undankbare Welt sagt, dass du nicht werth seyest ihre Schuhriemen aufzulösen; wenn dieser Elende vielleicht gar von den Jesuiten heimlich gedungen wäre, möchte er auch noch so sehr auf dieselben schimpfen;

Oder wenn ein anderer mit gutem Talente und warmen Herzen, aber mit einem unbezwinglichen Hochmuth, mit gänz- lichen Mangel an Weltkenntnis, ein solches Werk anfinge; wenn er schwankend in seinen Grundsätzen, seine Mitarbeiter übel wählte, bald diesen Mann für einen Engel, bald denselben für einen Teufel, einen schiefen Kopf, für ein Wissen-Genie, einen Sokrates, für reif zum Tollhaus hielte:

Ja, dann würde ich es für Pflicht halten, eine dergleichen Anstalt zu zerstören, sollte mir es auch das Leben kosten und jenen Schurken und diesen Herren öffentlich an den Pranger zu stellen, um manchen redlichen Mann vor Thorheit und Ge- fahr zu retten I

Aber Gott sey Dankl Wir sind in diesem Falle nicht, wir stehen nicht unter einer sklavischen Regierung. Wer von uns Areopagiten würde sich auch so blindlings führen lassen? Wir haben ein Oberhaupt, dem wir uns freywillig unterworfen haben, [138] — 138 —

damit es, mit unserer Hülfe, den Orden nach Gesetzen regiere, die wir selbst gemacht haben, und diese Gesetze beruhen auf die, eben vorausgeschickten Grundpfeiler.

Nun hat sich folgende Begebenheit zugetragen, die ich geradezu erzählen will, und dann mögen Sie übrigen Areopagiten entscheiden, ob ich recht oder unrecht gehandelt habe, ob Sie mich schützen, oder mich mir selbst überlassen wollen, der ich mich auch selbst schützen muss und kann.

Ich bekam von unserem General vor ein Paar Jahren Er- laubniss so viel Areopagiten zu machen, als ich zu meiner Hülfe nötig finden würde. — Ich machte nicht einen einzigen, aus Vorsicht, um sicherzugehen. Der General bath mich, 5 Pro- vinzen von Deutschland unter meiner Direktion im Auge zu be halten, ich gab sie alle ab, weil mir es nicht um Ansehen und Macht zu thun ist, sondern nützlich zu werden, behielt aber vorerst die noch nicht in Ordnung gebrachte Provinz Jonien und Präfektur Klein Lydien. Dabei begnügte ich mich, nur zu rathen, weil ich den Zustand der Freymaurer besser kenne als er.

Spartacus erlaubte mir vor dritthalb jähren, dem Herzog Ferdinand und den übrigen Cheffs der stricten Observanz einen Wink zu geben, dass wir uns mit Ihnen in Unterhandlungen ein- lassen wollten. Ich that dies, mit ausserster Vorsicht, liess mich aber nicht weiter heraus, verschob alles, um Zeit zu gewinnen, nahm indessen die edelsten Menschen aus der stricten Obser- vanz in unser Bündnis auf und liess die Zeit des Convents in Wilhelmsbad herankommen.

Von allen dort versammelten Mannern gefiel mir der Lege- tionsrat Bode am besten. Es ist nur eine Stimme über ihn. Er ist in und ausser Deutschland als ein trefflicher Schrift- steller, kluger, geschickter, streng rechtlicher Greis, der ohne Vor- urtheil Wahrheit zu linden und nützlich zu werden sucht, be- kannt. . . Ich nahm ihn unter dem Namen Aemilius auf, denn er wohnt in Jonien, wovon ich noch vorerst Provinzial bin. Da ich indessen den Epaminondas in Tarsus unter dem Namen Hierotheus selbst zum Inspektor über Jonien und Aeonien an- gesetzt hatte, so berichtete ich an diesen, als wenn er mein Oberer wäre, ordnungsmässig, und alles ging erwünscht, Aemilius ist voll Eifer für den Orden, fest entschlossen, alles insgeheime so zu lenken, dass wir die stricte Observanz in unsere Gewalt bekommen, ohne dass sie es selbst gewahr wird. Er hat in meine Hände sehr wichtige geheime Nachrichten über die Ent- [139] — 139 —

hung der Freymaurerei und Rosenkreutzerei gelegt, will diese . Orden schenken, sich in seinem 54t. Jahren ganzlich von s leiten lassen und die Ausbreitung in Jonien ubernehmen, u er den herrlichsten Grund gelegt hat, (wie ich nachher d noch künftig erzählen werde). Als ich diese freudige Nach- richt melde, bekomme ich auf einmal einen von Spartacus durch meinen eigenen Recepten-Hierotheus mir insinuirten Befehl:

Die Oberen verlangten nichts zu wissen, verlangten keine Gewalt über andere Systeme, ich soll den Aemilius weder weiter befördern, noch ihm Papiere geben, und in Obersachsen ver- lange man keine Etablissements zu haben. — Gott erhalte unseren würdigen General bis zu den spätesten Zeiten bey ge- sunder Vernunft. Es muss ein Irrtum mit diesem Befehle er- gangen seyn. —

Da ich indessen den Aemilius, wie jeden Minervalen er- laubt hatte, in Jonien Mitglieder zu insinuiren, so schlug er mir den regierenden Herzog von Gotha vor. Man erkundige sich wo man will, und wenn man ein anderes Urteil über diesen Fürsten hört, als folgendes: so will ich lebenslang in's Tollhaus gesperrt werden, oder in Ingolstadt Menschenkenntnis lernen: „Der Herzog von Gotha ist der besste Landesvater, der treueste Freund, der festeste, redliche, massige, bescheidene Mann von geradem Kopf, ohne Vorurtheil und Fürstenstolz, gerecht bis zur Strenge, wohlwollend bis zur Weichlichkeit. Den Mann, den er als Richter sein Vermögen einziehen muss, beschenkt er heimlich als Mensch doppelt, den Bösewicht, den er als Herzog zu einer körperlichen Strafe verdammt gibt er durch Briefgen von unbekannter Hand einen Wink, sich vorher aus dem Staub zu machen. Er ist ein Oberer des Zinnendorfischen Systems! aber nicht aus Vorliebe anhänglich an dieses System; sondern in Wahrheit. Das Jahr hindurch, wenn er nicht zum Obern gewählt ist, gehorcht er pünktlich, wie der gemeinste Freymaurer. Die anderen Fürsten hüben ihn nie bewegen können, zur stricten Observanz überzugehen, seine Antwort war: wer mich haben will, der muss mir etwas besseres geben. Konnte es eine Frage sein, ob man einen solchen Fürsten aufnehmen soll? Man müsste denn besorgt seyn, nur solche Menschen haben zu wollen, die man bey der Nase herumführen kann, und das ist Gott sey Dank unser Fall nicht. — Ich nehme den Herzog auf, hier sind zwey Briefe von ihm an Bode, darüber Anlage a und B. Es war nicht möglich, ihn so zu behandeln [140] — 140 —

wie man andere behandelt. Ich liess ihn einen so bündigen Revers eidlich unterschreiben, als je einer unterschrieben hat Von beyden Theilen verbanden wir uns, wenn wir nicht einig werden könnten, ewig zu schweigen. Aber nun las er die O.-Papiere, und sehen Sie, was er daüber sagt, ob er Wahrheit und Licht vertragen kann, ob er nicht die wichtigste Aquisition ist, die wir je gemacht haben! Spartacus weiss noch nichts von seiner Aufnahme. Er hat versprochen, sogleich eine Buch- druckerey für uns anzulegen, alles zu thun was in seynen Kräften steht, und nichts zu thun, als was wir befehlen. Dies hat er noch den letzten Tag mit Thränen in den Augen ge- schworen. Ich bitte dies alles an Spartacus zu melden, aber doch baldmöglichst.

Der Prinz Carl von Hessen ist die wichtigste Person im System der stricten Observanz. Man hält ihn für einen Schwärmer. Aber ich habe mit ihm über manche wichtige Gegenstände ge- redet und einst sollen Sie es, wenn Sie wollen, erfahren dass er bey meiner Seelel kein Schwärmer ist. Des guten Minos unversöhnlicher Privathass gegen die, welche an der Spitze der Freymaurer stehen, hat diesen armen Fürsten, der wie alle Prinzen, Professoren, Räthe, Bannerherren, Offiziers, Priester und übrigen Menschenkinder seine Fehler hat, von einer solchen Seite geschildert, dass Spartacus, der zuviel Geschäfte hat, um mit eigenen Augen zu sehen, jetzt sehr gegen alle Menschen eingenommen ist, die in Wilhelmsbad gewesen sind, oder des Bruder Minos erste Vorlesung ein bischen übereilt, und am unrechten Platze angebracht gefunden haben. Ich, der ich ohne Leidenschaft Fürsten und Professoren darauf anblicke, wie sie als Menschen aussehen, ich finde folgendes zu überlegen:

Der Prinz Carl hat redliche, gute Absichten. Wenn er fehlt, so fehlt er, weil er nicht geleitet wird. Sein Einfluss in der politischen Welt ist gross, und wohin er kommt, da liebt und schätzt ihn jedermann. Was geht es mich an, zu welchem System er gehört? Lassen sie uns ihn aufnehmen! Wenn er nicht gehorchen will, ey nunl so lässt man ihn laufen wie jeden anderen Minervalen. Schlägt er gut ein; so ist das ein grosser Gewinnst. Uebrigens ist er von sehr grossen Gewicht in der Freymaurerey und da unsere Logen Association von dem Herrn General ohne mich zu befragen (da ich nicht nur als Areopagit verlangen kann um alles befragt zu werden, sondern auch mehr von den feinen Verbindungen und Verhältnissen der Logen [141] — 141

weiss als Spartacus und Minos, da noch dazu bey Letzterem Leidenschaft sein gutes Herz berauscht), da diese Association sage ich, auf die allerunwürksamste Art angefangen wird, wie sie es einst empfinden werden, und ich schon durch meinen Briefwechsel weiss, so dünkte es mir eine sehr gute Sache, nun, indem von meiner Seite die vielfältigen widrigen Vorfälle die stricte Observanz ein wenig von ihrem Stolze herabstimmte, wir dann von einer andern Seite einen nach Wahrheit und Güte dürstenden Mann wie der Prinz Carl ist, eine Aussicht er- öffneten, etwas Solides zu finden und ihn dann zwängen, die untere Freymaurerey nacn unserem Plane einzurichten.

Da ich nun, wie eben erwähnt worden, längst auf Spartacus Befehl mich der stricten Observanz entdeckt hatte, und seit der Zeit oft von dem Prinzen Carl gepresst wurde, ihn aufzunehmen; so entschloss ich nun, es unter folgenden Bedingungen zu thun, wozu ich wieder Aemilian vorschob.

1. Er muss sich behandeln lassen, wie jeder Andere, folg- lich sich entweder von unseren Obern leiten lassen, oder ab- treten.

2. Wenn er glaubt, dass eine Vereinigung unserer unteren Logen für sein System zu wünschen wäre; so muss darüber mit unseren Obern tractirt werden, ohne dass dies auf des Prinzen Verbindung mit uns Einflüss habe.

3. Er bekömmt keine Schriften in die Hände, und wenn die ganze Sache nicht zu Stande kömmt, so ist er entweder Mitglied unseres Ordens oder er schweigt.

4. Unsere höheren Mysterien bleiben ihm so lange ver- borgen, bis er nach seinen Kräften für die gänzliche Gründung des niederen Operationsplanes thätig gewürkt hat.

Dies alles hat er nicht allein unterschrieben (doch mit der Bedingung, dass indessen seine Handschrift bey mir deponirt bleiben) sondern hat zugleich

a) beiliegende Vollmacht (Anlage C) auf Aemilius ausgestellt.

b) Mir musst seine Ehre versprechen, wenn er überzeugt wäre, dass er nun endlich die in der Fr. M. so lange vergeb- lich gesuchte Gesellschaft uneigennütziger, edler Männer ge- funden hätte, so wolle er diejenigen nicht übernatürlichen, aber sehr wichtigen Naturkenntnisse, welche ihn St. Germain und andere gelehrt, nemlich den jetzt in ganz Deutschland so be- rühmten Gesundheitsthee zu machen, Diamanten von Flecken zu reinigen, die Composition des goldähnlichen Metalls, wovon [142] — 142 —

in Ludwigsburg die so einträgliche Fabrik angelegt worden, und viel grössere Dinge in unseren Schooss legen.

c) uns dann grosse Handelsvorteile in den dänischen Staaten verschaffen.

So stehen die Sachen — habe ich gut oder schlecht ge- handelt? Ich bin wenig dabey interessiert, weiss was ich zu thun habe, es gehe, wie es wolle. Mir kommt es darauf an Gutes zu stiften. Für mich verlange ich weder Geld noch Ehre. Aber Gründe will ich hören, und wenn ich sehe, dass auch bey uns Vorurtheil, Eigensinn, Leidenschaft herrschen, dann suche ich mir andere Milverbundene aus, und rette meynen Ruf, bey denen ich für die Güte und Grösse der Sache Bürge geworden bin, Ueberlegen Sie alles. — Ich bin nicht dafür bekannt, Fürsten- knecht zu seyn, aber einen solchen regierenden Herrn zur Be- förderung unserer Br. Br. in Bewegung zu setzen, das dünkt mich nicht zu verachten. — Richten Sie mich! nur Spartacus allein kann und soll mich nicht richten.

den 1. Aprill.

Ist Spartacus zur Billigkeit zurückzuführen, so verlange ich nichts, als dass er mir sein Zutrauen wieder zeige. Aus Leidenschaft kann man leicht fehlen, ja, ich bin bereit, wenn er es wahrlich aufrichtig und ehrlich mit mir meint, ihm zuerst die Hand zu reichen.

2. Er muss aber alles, was er etwa in der Hitze an Leute, die nicht Areopagiten sind, gegen mich geschriben hat, auf eine gute Art widerrufen, weil es, wegen der Folgen nötig sein wird, dass wir uns selbst unser Ansehen nicht rauben.

3. Ich komme auf meine Kosten mit Bode und einen Deputirten der vereinigten Loge nach Bayern, um die Ver- bindung der blauen Loge und was sonst zu verbinden ist, zu Stande zu bringen.

4. Das Ganze muss (besonders vor Minos und jedermann) ein strenges Geheimnis bleiben. Philo.

Die Anspielung in Punkt 3 bezieht sich auf die Errichtung des Eklektischen Bundes in der Freimaurerei, der auf Knigges Betreihen zwar zustande kam, dessen Entwurf jedoch von ihm aus egoistischen Triebfedern ausgearbeitet war. Für letztere Tatsache ist der mitgeteilte Brief ein unumstösslicher Beweis. [143] — 143 —

e Anlagen, zwei Briefe des Herzogs Ernst von Gotha und ein

  • ef des Prinzen Carl von Hessen, die Knigge erwähnt, lauten

verkürzt wie folgt:

Hier, mein bester Bodel erhalten Sie die erste Classe der mir anvertraut gewesenen Schriften, nebst Ihrem Togebuche vom Wilhelmsbader Conv. mit dem theuersten Danke zurücke. Erstere habe ich als ein Meisterstück menschlicher Einsichten in die Grunderkenntnis des Menschen selber, bewundert, aber bei weitem nicht genug durchstudiert und hiezu gehört viel und lange Zeit. Bios die Übersicht derselben überzeugt mich, dass die Männer auf dem rechten Wege sind, um auf andere zu wurken. — Nur der Zweifel ängstigt mich, das nicht ganz reine Absichten zu Grunde liegen. Wäre dieses, so würde das In- stitut eines der gefährlichsten seyn, das je erdacht und ersonnen worden wäre. Im Gegenteil aber, hegen unsere neuen Obern Liebe zur Wahrheit, wie ich mich dessen nur allzugerne schmeichle und zu überreden suche, so weide ich mich ihnen mit den aufrichtigsten und reinsten Vergnügen gerne überlassen. Haben Sie denn schon daran gedacht Ihren neuen Schüler Ini- tirten einen Namen beyzulegen? Ich beschwöre Sie indessen lieber Freund, ja Ihres mir gegebenen Worts bey Ihrer Rück- kehr nach W. eingedenk zu seyn und mir sobald es erlaubt ist, diese Schriften abschreiben zu lassen und hier die Ver- sicherung meiner Dankbarkeit und Freundschaft mit Nachsicht und Ueberzeugung anzunehmen. Ernst.

Hier, mein bester Bodel erhalten Sie die letzten Hefte, die Sie mir zu Weimar zum Lesen anvertrauten mit dem ergeben- sten Danke zurück. Die Sache ist äusserst interessant, aber auch so weitaussehend und compliciert, dass ich mir nicht ge- traue, über das erste Mal Durchlesen, dieselben im geringsten ein anderes als sehr generales Urteil darüber zu fällen. Mehr Scharfsinn, mehr Folge eines ausgedachten und lange wohl- überlegten Planes lässt sich nicht leicht in einen engen Baum der Hefte zusammendrängen, als es hier geschehen ist. Ich erstaune nur, kann es noch nicht so vollkommen im ganzen über- sehen als ich es wohl wünschte, und es bey einer so flüchtigen Leetüre möglich war. Durchstudieren und viel Monathe darüber

den 31. Januar 1783

d. 12. Febr. 1783 [144] - 144 —

nachdenken möchte ich wohl solches im ganzen kennen. Ohn- geachtet aller der Bitterkeiten, die über die Vorurtheile meines Standes darin befindlich sind, so bin ich doch aufrichtig zu reden, völlig mit dem Verfasser dieser Schriften einig, und wünschte im Stande zu seyn, sie zu überzeugen, dass es dennoch auch redliche Herzen in dieser Classe Menschen gebe. Einige kleine Zweifel über die Reinigkeit der Absichten sind mir .noch nicht ganz gehoben, auch glaube ich hin und wieder einige Wider- sprüche bemerkt zu haben, doch dieses alles ist vielleicht die unvermeidliche Folge einer allzuschnellen Uebersicht des Ganzen, und ich beschwöre Sie bey der Freundschaft und dem Vertrauen, womit Sie mich brüderlich beehren, mich so bald als möglich in den Stand zu setzen, das Ganze mit kaltem Blute durch- denken und studieren zu können. Ich versichere Sie bey dem Worte eines ehrlichen und die Wahrheit und die Menschen liebenden Mannes, mich sobald als alle Zweifel gehoben, und ich ganz überzeugt sein werde, für die Ausbreitung und Anlage dieses so weit aussehenden Werkes aufs eifrigste und wärmste zu verwenden. Ja, ich wage es Ihnen zu gestehen, dass ich glaube Fähigkeit und Beruf im innersten meines Herzens zu empfinden, um mich der guten Sache ganz zu weihen, und vielleicht solche mehr, als irgend ein anderer Mensch befördern zu können.

Bey Ihren Gesinnungen mein lieber Bode! bey der meinigen kann der Menschheit überhaupt kein Schaden hierbey erwachsen, mit weniger redlichen Herzen und Absichten als es die unsrigen sind, konnte demnach, dünkt mich, einiger Missbrauch entstehen. Für mich und für die Reinheit meines Herzens kann aber mit Gewissheit rechnen p. p. Ernst.

Copey einer Vollmacht des Prinzen Carl v. Hessen an den Brd. Bode.

Der hochwürdige Bruder Bode hat mir von Seiten einer gewissen geheimen Gesellschaft so schätzbare Beweise ihres gegen mich hegenden Vertrauens gegeben, dass ich solche nicht allein dankbar, sondern auch auf das vollkommendste zu er- widern wünsche, da mir auch nichts mehr angelegen ist, als zu den aus den Akten und Papieren dieser ehrwürdigen Ge- sellschaft mir bekannt gewordenen, guten, einsichtsvollen, auf die Wohlfahrt und Verbesserung des Menschengeschlechtes ab- [145] — 145 —

zielenden Endzweck und Veranstaltungen, soviel mir immer nur möglich, beyzutragen, und mich dazu mit derselben zu verbinden, so ertheile ich als Prinzipal-Grossmeister der Ordens der Frei- maurer in ganz Deutschland, gedachten, mir besonders werten Br. Bode hierdurch den Auftrag, mit dieser ehrwürdigen Ge- sellschaft in meinem Nahmen in Unterhandlung zu treten, mich mit den ersten hohen Obern derselben, nach meinen ihm be- wussten Grundsätzen bestens bekannt zu machen, und ihnen meinen aufrichtigsten Wunsch, mich unmittelbar selbst mit ihnen zu vereinbaren, erkennen zu geben, damit ich durch diese nähere Vereinigung in den Stand gesetzt werde, in den mir an- vertrauten Provinzen mit Nutzen und sicherem Erfolge wirksam zu seyn. Indem aber auch zugleich von meiner Seite diesen ehrwürdigen Obern mit jeden von mir abhängenden Beweise meines Zutrauens und meiner vorzüglichsten Hochachtung ent- gegen zu gehen, so erteile ich dem hochwürdigen Bruder Bode hiermit die Erlaubniss, und gebe ihm brüderlich auch Ihnen alle auf dem General-Convent des Ordens in Wilhelmsbad vor- gegangenen Verhandlungen aus den Akten und Protokollen des Convents mitzuteilen, auch ihnen nichts von dem hinterhalten, was ich ihm selbst bey mehrerer Gelegenheit über die Verfassung und die grossen heiligen Absichten des Ordens anvertraut habe. In dessen Urkunde habe ich diese Vollmacht eigenhändig unter-

So geschehen Weissenstein, den 101_ März im Jahre Ein- tausend siebenhundert Drey un dachtzig.

, Carl P. zu Hessen.

Die Mitgliedschaft des Herzogs Ernst v. Gotha sollte einige Jahre später für Weishaupt von grösstem Nutzen werden, denn nur dadurch, dass dieser edle Fürst ihm seinen Schutz verlieh* rettete er Weishaupt vor Untergang und sicherem Verderben.

Trotz aller Verdienste, die unzweifelhaft Knigge sich um die Ausbreitung des Ordens erwarb, blieb der Riss zwischen ihm und Weishaupt unheilbar. Vergleicht man kritisch alle die Gründe, die solchen Gegensatz hervorriefen, so findet man immer wieder, dass Weishaupt als der Mann der ernsteren, inneren Arbeit angesehen werden muss, Knigge als der Hascher nach äusserem Glänze, unter Vernachlässigung des eigentlichen Ordens- zweckes. Diese Ansicht spricht indirekt auch Zwackh in seiner Ordensgeschichte aus und beweist durch Aufzählung der Namen

Engel, Geschichte des Illuminatenordens. 10

schrieben und besiegeln lassen. — [146] — 146 -

hervorragender Mitglieder, dass Knigge durchaus nicht so leicht imstande gewesen wäre, seine Drohung, alles zu zernichten, auszuführen.

Knigge einigte sich 1784 mit den Areopagiten über seinen Austritt, der alsdann am 1. Juli desselben Jahres erfolgte, kurz bevor die Verfolgungsperiode des Ordens eintrat.

Zwacks Ordensgeschichte, im Anschluss an den bereits be- kannt gegebenen Teil, muss hier der Vollständigkeit wegen ein- gefügt werden; sie gibt dem Leser wertvolle Gesichtspunkte zum Verständnis des Weiteren.

§ 12.

Unter diesem Titel (den der Illuminaten-Freimaurer) wurden nun in ganz Deutschland Männer von entschiedener Gelehrsamkeit, Ansehen und Würden angeworben, und einige davon zu areo- pagiten aufgenohmen. Ich nenne von diesen letzteren nur die- jenigen, welche die einzigen waren, die Einfluss auf Bayern hatten und die hinlängliche Bürgen sind, dass die Direction des Ordens in keine unwürdige Hände gekommen und missbraucht worden sey.

Graf Stollberg zu Neuwied wurde zum Natzional von Deutschland ernannt. Weishaupt übernahm mit dem Kammer- gerichtsassessor von Dietfurth das Amt eines Präfect und Inspektors der deutschen Directionen und Graf Stahemberg, Domherr zu Eichstedt vermehrte die Zahl der fränkischen, sowie Graf Kostanza, nachdem er von seiner Maurerischen Reise wiederum nach Bayern zurückkam, jener der bayerischen areo- pngiten. Die schon angezogene Beylage*) bestimmt genau den Zusammenhang der Direction und es erhellt daraus, dass in keiner Provinz ohne Vorwissen der ersten Ordens-Vorgesetzten etwas ausserordentliches konnte unternohmen werden, sodass alle nur auf einen Zweck und nach dem allgemein beliebten Plan arbeilen mussten.

§ 13.


Wegen Bayern verdient hier noch besonders angemerkt zu werden, dass das geheime Kapitel aus nachstehenden Mit- gliedern bestand, nehmlich Graf von Törring Seefeld, Hofkammer- präsident, Professor Bader, Revisionsrath von Berger, Grafen

  • ) Es ist dieselbe, die im Nachtrag der Originalschriften s. Zt. bekannt

gegeben wurde.

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Googl [147] — 147 —

Savioli, Revisionsrath von Werner, Marquis von Kostanza, Hofrath Zwackh, Freiherr von Monjellas, Kanonikus Hertel. Neben diesen hatten den Schottischen Rittergrad Graf von Seins- heim, Baron von Ecker, Major von Ow, Pfarrer Socher und Bucher, der Schulrat Franhofer, Freiherr von Meggenhofer, Professor Grünberger, Apotheker Wörz und Unterbibliothekar Drechsl, welche entweder wegen Abwesenheit von München, oder anderen Ursachen in dem geheimen Kapitel keinen Beisitz hatten, sondern nur den förmlichen Versammlungen des grösseren und dirigierenden Illuminaten beywohnten. Weil den Münchener areopagiten durch ihre gehäuften Berufsgeschäfte nicht so viel Zeit mehr übrig blieb, als der Orden erforderte, so übergaben sie die Stelle eines Provinzialen dem Grafen Kostanza, jedoch dergestalten, dass Ihnen dieser von Zeit zu Zeit das Wichtigere vortragen, und auf Verlangen in allen Dingen Ein- sicht geben musste, auch wurden um eben diese Zeit Graf Sinsheim, Regierungs-Vizepresident, einstimmig dem Provinzial Collegio in Bayern einverleibt.

Nach dieser Verfassung und unter Anführung so vieler ehrwürdiger Männer, versprach sich der grössere Theill des Illum. Ordens eine ruhige, ewige Fortdauer, es mangelte auch an dem Fleiss der mittel und unmittelbaren Oberen gewiss nicht, diese berichteten und jene entschieden pünktlich, aber dadurch wurde der Orden mit den nötigen Kenntnissen nicht bereichert, deren Sammlung seinem Zweck das Verträglichste hätte seyn sollen und von welchen man den Mitgliedern einen so grossen Vorrath versicherte. Es schien, dass diese ganze Epoche mehr zu der äusserlichen Zierde als zu der innerlichen Verstärkung angewendet wurde, und ausser Weishaupt werden wenige an dem Hauptplan und den sogenannten Mysterien etwas bearbeitet haben. Desswegen kam auch ausser den bisshero gesagten Graden keine weiteren mehr zu Stande, und eben war man im Begriff den von W. entworfenen Provinzial- grad, oder Sacerdotium, zu durchlessen, worin die Wissen- schaften abgetheilt, jedem eine gewisse Klasse von arbeiten an- gewiessen, die Methode ihren Unterricht zu erleichtern gezeiget und das resultat vorgelegt wurde, was bissher in jedem geleistet worden, dann wo nun mit der weiteren Erforschung anzubinden wäre, als der schon längere Zeit von Jesuiten, Mönchen, Rosen-

§ 14.

10* [148] - 148 —

kreutzern und Sektirern, gewissen sonderbahren Verbindungen ausgestreute Saamen der Zwietracht Wurzel fasste und der erste Sturm in Bayern eben gegen diejenigen ausbrach, welche die ersten Stifter und die thätigsten Arbeiter stetshin gewesen waren; in einem Lande ausbrach, wo man sich von der herrschenden Wuth der Feinde der Aufklärung mehr als in jedem andern versprechen konnte, und wo man vorher sähe, dass die Verfolgten wegen ihrer geringen Staats-Verhältnisse und Einfluss auf die Persohn des Fürsten könnten zertretten werden, und wo man sich endlich den grössern Anhang der Unzufriedenen selbst aus der Gesellschaft der Illuminaten ge- worben hatte.

Wenn ich unter die Verfolger die Jesuiten, Mönche und Rosenkreutzer rechne, so verstehe ich darunter nicht jedes Individuum, welches zu dieser Klasse gehört, ich kenne selbst darunter Männer, die es den andern verdachten, aber die Mehrheit derselben bleibt immer mit meiner gegründeten Be- schuldigung behaftet. Die Predigten, welche in Bayern von den Mönchen gehalten worden, und wo man sich alle Mühe gab das Volk gegen die Illuminaten und Maurer durch die niederträchtigsten Schilderungen von ihnen aufzuwiklen (auf- zuwiegeln), das Bestreben der Jesuiten, in Privathäussern das zu werden, was Beichtvater Frank am Hof, die abscheulichsten Schandthaten der Gesellschaft zuzuschreiben und endlich die Mitwirkung der Rosenkreutzer ist aus der Geschichte der Ver- folgung der Illuminaten*) und aus dem Schreiben der letzteren SB Prof. Bader und seine Antwort, die dort abgedruckt ist, hin- länglich bekannt

Das Müncbcuer Kabinet begnügte sich nicht durch wieder- holte Mandate, diese und alle maurerischen Gesellschaften zu Verbieten, sondern entschloss, die Illuminaten-Sekte mit Gewalt zu vertilgen, und so gnädig und massig die Verordnungen selbst abgefnssi waren, um desto schärfer war ihr Vollzug. Man ver- bannte mehrere ihrer Mitglieder, zerstreute die andern durch Drohungen und Furcht und machte dadurch das Ausland auf- merksam und schüchtern. Selbst die auswärtigen Mitglieder stellten umsomehr ihre Arbeiten und Versammlungen ein, als

•) Genanntes Buch ist von Weishaupt herausgegeben.

§ 15. [149] — 149 —

man die weiteren Folgen von dem allen Orten verbreiteten üblen Ruf der III. Verbrüderung und von der Rechtfertigung ihrer Verfolgten erwarten wollte und die ersten Vorgesetzten ohnehin im Begriff waren in den unteren Graden Verbesserungen vor- zunehmen, und mit vereinigten Kräften die höhere zu Stande zu bringen.

Das war der Anfang und das Ende von einer geheimen Gessellschaft, welche seit drey Jahren beynahe ganz Europa auf- merksam und neugierig machte, welche die grösste Regierungs- beschäftigung vor das Kurpfalz-bayrische Kabinet waren, der man eine Macht, Absichten und einen Zweck zumuthete, vor welchem sich ganze Staaten fürchten sollten, dessen unbekannte Obere man vor nichts weniger als Landesverräther, Dokumenten- räuber, Majestätsverbrecher und Meuchelmörder schilderte, alles bloss deswegen, weil man sich die Mühe nicht gab mit gesunden Augen zu sehen, jede Anklage vor erwiessen annahm, die Be- schuldigten nicht anhören und den Inquisitoren kein Mittel bey- fallen oder beyfallen wollte, durch welche nach Vorschrift der Gesetze das ganze sich sehr leicht hätte entdecken lassen. —

Was war denn nun der Inhalt des Priestergrades, den wir als den eigentlichen Zankapfel erkannt haben und der als ganz be- sonders gefährlich in seinem Ideengang bezeichnet wurde? Es gibt ein Buch, 1794 anonym gedruckt, betitelt: »die neuesten Arbeiten des Spartacus und Philo in dem Illuminaten-Orden«, dieses ent- hält das gesamte Ritual des Grades, wie es von Knigge laut seiner brieflichen Erklärung verbreitet wurde. Weiterhin be- findet sich in dem Nachtrag zu den Originalschriften eine An- rede an die Illuminatos dirigentes, die fast denselben Inhalt hat wie die in dem genannten Buche enthaltene Anrede an den neuaufgenommenen Priester. — Aus diesen Werken kann jeder die Grundsätze des damaligen Priestergrades erkennen und wollen wir versuchen, einen Extrakt aus der sehr langen Rede herauszuziehen, die in ihrer ganzen Länge nur ermüden würde. Die als Unterricht bezeichnete Anrede umfasst nämlich 72 ge- druckte Seiten.

Unbedingt notwendig ist es jedoch, den Inhalt derselben zu kennen, denn hier liegt der Angelpunkt, um den sich alle Anklagen gegen den alten Orden drehen. — Man wird sehen,

§ 16. [150] — 150 —

wie der Verfasser der Anrede in vielen Punkten stark über das Ziel hinausschiesst, aber auch erkennen, dass die Zeit sehr viele der aufgestellten Forderungen erfüllt hat. Klar ersichtlich wird es jedoch, dass in jener Zeit, in der der Despotismus noch seine Blüten trieb, solche Gedanken recht wohl als aufrührerisch, volksverderblich und verderblich angesehen werden konnten. Unsere jetzt wesentlich kühlere Denkungsart erkennt heute manch ausgesprochenes Wort als unzweifelhaften Irrtum, über- sieht die Grenzen, die einer derartigen Gesellschaft gezogen sind und innegehalten werden müssen zum Wohle der Allgemeinheil, weit leichter, als es jenen nach Freiheit dürstenden Seelen mög- lich war. Der Freiheitsdrang, der in Schiller einen so bereiten, begeisternden Sänger fand, pulsierte überall; die Sturm- und Drangperiode machte sich gewaltig fühlbar, und unter Berück- sichtigung dieser Tatsachen gewinnen heute viele Vorgänge ein ganz anderes Gesicht.

Man wollte das Gute, aber über die Mittel es zu erringen, darüber war man nicht einig. Deswegen brachte jene Zeit wohl eine Fülle von Theorien zu stände, die alle in beschränkter Weise ihren Einfluss ausübten, aber keine durchbrechende Macht besessen, bis die Weltereignisse selbst mit eherner Ge- walt das Morsche stürzten und die Bahn freimachten für Seg- nungen, die das heutige Geschlecht geniesst. Geahnt jedoch haben unsere Vorkämpfer eine neue Zukunft, die uns inzwischen Gegenwart geworden ist; wie sich dieselbe nun in ihren Köpfen ausmalte, das wurde in der Anrede oft recht unverblümt ausge- sprochen. Letztere hat nun folgenden Inhalt; es sei jedoch gleich hier eindrücklichst betont, dass der heutige Orden nicht mehr mit den oftmals unhaltbaren Ansichten und klaren Irrtümern übereinstimmt, Die ganze Anrede hat nur historisches Interesse:

»Nach sorgfältiger Vorbereitung und Prüfung rückt nun- mehr die Zeit deiner Belohnung herbei: Du hast deinen Verstand aufgeklärt, dein Herz gebessert, du hast dich und andere er« kennen und bilden gelernt. Nun trifft auch dich die Reihe, andere zu erleuchten und zu regieren. Das was du bis jetzt weisst und was du noch lernen wirst, giebt dir Überlegenheit und Einsichten über andere Schwächere und eben diese Über- legenheit ist die einzig wahre Quelle der Macht des Menschen über andere Menschen. [151] — 151 —

Durch den Eintritt in die unsichtbare Versammlung wirst du heute dem höheren Orden zugestellt. — Weisst du aber auch hinlänglich, was es heisst herrschen? Nicht über den geringem oder vornehmern Pöbel, sondern über die besten Menschen ohne äusserlichen Zwang, ihnen einerlei Geist und Seele einhauchen? Das ist eine bishero in der Staatsklugheit noch unaufgelöste Aufgabe. Dort werden die Menschen aus Furcht und Zwang zum handeln bestimmt, hier bei uns soll sich jeder selbst dazu be- stimmen.

Weist du auch, was geheime Gesellschaften sind? O, mein Bruder! Gott und die Natur, welche die Dinge der Welt, die Grössten sogut wie die Kleinsten zur rechten Zeit und am gehörigen Ort geordnet haben, bedienen sich solcher als Mittel, um ungeheure, sonst nicht erreichbare Endzwecke zu erreichen.

Du stehst hier in der Mitte zwischen der vergangenen und künftigen Welt. Mache dich gefasst einen flüchtigen oder kühnen Blick hineinzuwagen. — Die Natur, welche stufenweise Ent- wickelung eines unendlichen Planes ist, wo das nämliche Ur- bild in allen möglichen Veränderungen, Graduationen und Formen zum Grunde liegt, und von uns Menschen nach Verschiedenheit seiner Gestalt verschiedene Namen enthält, macht in allen diesen Veränderungen keinen Sprung, sie fängt von dem kleinst-mög- lichen und unvollkommenen an, durchläuft ordentlich alle Mittel- stufen, um zum grössten und vollkommensten dieser Art zu ge- langen, welches Höchste vielleicht neuerdings die niederste Stufe einer neuen höhern Veränderung ist: sie macht Kinder, und aus ihnen Männer; und Wilde, um daraus gesittete Menschen zu machen. So wie der einzelne Mensch, ebenso hat auch das ganze Geschlecht seine Kindheit, Jugend, männliches und graues Alter. Mit jeder dieser Perioden des ganzen Geschlechtes lernen die Menschen neue, ihnen vorher unbekannte Bedürfnisse. Aus jedem befriedigten Bedürfnis entsteht wieder ein neues und die Ge- schichte des Menschengeschlechtes ist die Geschichte seiner Be- dürfnisse, wie das eine aus dem andern entstanden, diese Ent- wickelung der Bedürfnisse ist die Geschichte der Vervollkomm- nung des ganzen Geschlechtes; denn nach diesen richten sich Kultur, Verfeinerung der Sitten, Entwickelung der schlafenden Geisteskräfte. Damit ändert sich zugleich die Lebensart, der moralische und politische Zustand, die Begriffe von Glückselig- keit, das Betragen der Menschen gegen einander, ihre Verhältnisse unter sich, die ganze Lage der jedesmaligen gleichzeitigen Welt.

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Die erste Stufe von dem Leben des ganzen Geschlechtes ist Wildheit, ist rohe Natur: wo die Familie die einzige Ge- sellschaft und leicht zu befriedigender Hunger und Durst, Schutz vor dem Ungestüm des Wetters, ein Weib, und nach der Er- müdung die Ruhe, die einzigen Bedürfnisse sind, ein Zustand, in welchem der Mensch die beiden vorzüglichsten Güter, Gleich- heit und Freiheit, in voller Fülle geniesst und auch ewig ge- messen würde, wenn er das schon wäre, wozu sein Geschlecht erst durch lange Vorbereitung gelangen sollte. Glückliche Menschen, die noch nicht aufgeklärt genug waren, um ihre Seelen- ruhe zu verlieren, und die grossen unseligen Triebfedern und Ursachen unseres Elends, die Liebe zur Macht, die Begierde sich zu unterscheiden und andere zu übertreffen, den Hang zur Sinnlichkeit und die Begierde nach den vorstellenden Zeichen aller Güter, diese wahre Erbsünde aller Menschen mit ihrem mühseligen Gefolge, dem Neid, Geiz, Unmässigkeit, Krankheiten und allen Foltern der Einbildungskraft zu empfinden. Aber bald entwickelte sich in ihnen dieser unselige Keim und ihre Ruhe und ursprüngliche Glückseligkeit war dahin, als die Familien sich vermehrten, der Unterhalt zu mangeln anfing, das nomadische Leben aufhörte, das Eigentum entstand, die Menschen feste Sitze wählten und durch den Ackerbau die Familien sich einander näherten, dabei die Sprache sich entwickelte und durch das Zusammenleben die Menschen ihre Kräfte gegen einander zu messen anfingen, hier Überlegenheit, dort Schwäche sahen. Hier sah man wie der eine den andern nutzen, wie Klugheit und Stärke des einen die zusammenlebende Familie ordnen und einen ganzen Landstrich gegen die Angriffe des andern Sicher- heit verschaffen konnte. Aber hier wurde auch zugleich der Grund zum Untergang der Freiheit gelegt, die Gleichheit ver- schwand. Man fühlte neue unbekannte Bedürfnisse, man fühlte auch, dass sie durch eigene Kraft nicht wie vorhin zu befriedigen wären. In dieser Absicht unterwarf sich der Schwache ohne Bedenken dem Stärkern und Klügern, nicht um von diesem misshandelt, sondern geschützt, geleitet, belehrt zu werden; die Fähigkeit dem andern zu nützen, war der einzige anerkannte, rechtmässige Titel zum Thron und so wie vorher Väter und Häupter der Familien die ersten, so waren nunmehr Wohlthäter die zweiten und einzigen Könige der Welt.

Nun waren also die Menschen aus ihrer ruhigen Lage in den Stand der Unterwürfigkeit versetzt. Eden, der Garten des [153] - 153 —

Paradieses, war für sie verloren, denn sie waren gefallen, der Sünde und Knechtschaft unterworfen, sie mussten ihr Brod in der Unterwürfigkeit, im Schweisse ihres Angesichts verdienen. Andere bemächtigten sich ihrer, versprachen ihnen Schutz und wurden ihre Anführer: oder die Klügern, um sie zu ihren Ab- sichten zu leiten und ihren Vorschriften grosses Ansehen zu geben, gaben sich für übernatürliche Wesen und Abgesandte Gottes aus: und auf diese Art wurde die Theocratie unter ihnen eingeführt.

Doch war noch keines dieser Völker zu gross, sie waren in Horden verteilt, deren jede ihren Anführer hatte. Diese An- führer, eben so ungleich an Kräften, als die einzelnen natürlichen Menschen, mussten nach und nach ebenfalls der Überlegenheit des Klugen und Tapfersten unter ihnen weichen, und so wurden viele kleine Stämme in ein grosses Volk vereinigt. Es ent- standen Nationen und Vorsteher, Könige der Nationen.

Mit dem Ursprung der Nationen und Völker hörte die Welt auf, eine grosse Familie, ein einziges Reich zu sein, das grosse Band der Natur wurde zerrissen.

Man vereinigte Menschen, um sie von einander zu trennen; man zog zwischen Menschen und Menschen eine Linie, diese hörten auf, sich unter einem gemeinschaftlichen Namen zu kennen. Der Mensch fing an, dem Landesmanne nachzustehen, und der Nationalismus trat an die Stelle der Menschenliebe. Nun wurde es zur Tugend, auf Unkosten derer, die nicht in unsere Grenzen eingeschlossen waren, sein Vaterland zu ver- grössern. Nun wenn es ein Mittel war zu diesem engern Zweck, so war es erlaubt, Freunde zu verachten, zu hinterlisten oder wohl gar zu beleidigen. Diese Tugend hiess Patriotismus, und der Mann, der gegen alle übrigen ungerecht war, um gegen die Seinigen gerecht zu sein, der seine Vernunft so weit herunter- geführt hatte, dass er gegen fremde Vorzüge blind war, und die Mängel seines Vaterlandes gar nicht, oder wohl gar als Voll- kommenheit betrachtete, dieser Mann erhielt den Namen des Patrioten. Die Liebe gegen Menschen war im genauesten Ver- hältnisse mit der Grösse seines Vaterlandes.

War es einmal erlaubt oder wohl gar tugendhaft, Menschen die nicht mit mir einerlei Land bewohnten, geringer zu halten oder wohl gar zu beleidigen, warum sollte es nicht auch erlaubt sein, diese Liebe noch enger auf die Bewohner meiner Stadt oder wohl gar auf die Mitglieder meiner Familie, oder auf mich [154] allein zu beschränken? Und so entstand aus dem Patriotismus der Localismus, der Familiengeist, und am Ende gar der Egoismus.*)

Nun hatten die Menschen Ursach genug sich zu hassen, aber beinahe keine sich zu lieben. Nun liebte man nicht mehr den Menschen, sondern einen solchen Menschen. Dieses Wort ging gänzlich verloren, und nun nannten sich Menschen: Römer und Griechen und Barbaren, Heiden und Juden, Mahomedaner und Christen. Diese teilten sich wieder in weitere neue Seelen bis auf den Egoismus herunter. Nun brauchte man nur das Wort Christ oder Jud, Römer oder Barbar zu hören, so ent- stand Neigung für seine und Verfolgungsgeist gegen die andere Partei. Intoleranz war nun auf allen Seiten, und weil der Patriotismus den Egoismus geboren, so hassten sich Menschen von der nemlichen Seele und Nationen darum nicht weniger.

Die Nation war geteilt, so wie die verschiedenen Interessen, dieser Name vergessen, und die Könige fingen an, sich an die Stelle der Nation zu setzen, sie als ihr Eigentum zu behandeln und sich nicht weiter als Vorsteher zu betrachten.

Um die Nation vollends zu unterjochen, trug die Eroberungs- sucht der Monarchen nicht das Wenigste bei. Man gebot über hunderttausend Menschen, mit diesen konnte man so sicher über die Nachbarn herfallen.

Nun fielen Menschen über Menschen, Nationen über Nationen, Menschenblut floss auf allen Seiten. Es entstand aus den Überwundenen eine neue Klasse von Menschen, die man Sklaven nannte, ganz für andere, nicht für sich geschaffene Menschen, zur Willkür des Überwinders, ohne Erwerb, ohne Eigentum.

Törichte Völker! die es nicht vorher sahen, was mit ihnen geschehen sollte, die dem Despoten halfen, die menschliche Würde bis zum Vieh zu erniedrigen, um dereinst mit ihnen ein Gleiches zu versuchen, die Sklaverei der Überwundenen wurde das Modell von der Sklaverei der Überwinder. Ihr Ver- brechen war an ihren Nachkommen gerochen, sie durften nur ihre strengen Sitten verlieren, der Weichlichkeit sich ergeben, und an den sinnlichen Bedürfnissen Geschmack finden, wozu sie der Überfluss der gemachten Beute vorbereitet, so war der Sieger der Überwundene, und der Überwundene der Sieger.

•) Man sieht, auch Tolstoi hatte seine Vorgänger. [155] — 155 —

Diese waren wichtige, aber nicht die einzigen Folgen von der Errichtung der Staaten.

Um nicht zu ermüden, schliessen wir hier den wörtlichen, wenn auch nur im Auszuge gegebenen Gedankengang und be- schränken uns darauf, das Weitere inhaltlich anzugeben:

Die Anrede entwickelt weiter, dass Nationalhelden als ausserordentliche Menschen, als Götter angesehen wurden und aus dem Glauben, der Sohn eines Wohltäters müsse ebenfalls ein Wohltäter sein, das Wahlreich und schliesslich das Erb- reich entstand. Mit letzterem stürmte der Despotismus auf die sorgenlosen Menschen herein und alle Laster desselben hatten diese zu ertragen. Die Folgen des Despotismus war das Bedürfnis nach Freiheit Tyrannen wurden gestürzt, Revolutionen entstanden. Um letztere zu verhüten oder doch zu erschweren, wurde das System vom Gleichgewicht der Staaten erfunden, sodass dadurch nicht so häufig wie vordem, Staaten entstehen und vergehen, es sei denn, dass mehrere der Stärkern sich zum Raub und Ver- teilung des sinkenden Reiches einigen. Da es aber im Inter- esse der einzelnen Könige liegt, sich zu hehaupten, und diese einsehen, dass es zu diesem Zwecke nicht gut sei, über eine Horde zu herrschen, sondern über vernünftige Köpfe, so wird die Aufklärung befördert und die vorher unterdrückte Freiheit steigt aus ihrer Asche empor. Die Aufklärung verbreitet sich jedoch jetzt nur in der Absicht, listige Menschen zu bilden, als Mittel zur Befriedigung der Eroberungssucht der Könige und zur Unterdrückung anderer. Um solchen Missbrauch zu hindern und einem Rückfall in vorige Erniedrigung vorzubeugen, hat die Vorsicht seit uralten Zeiten ein dauerhaftes Mittel geboten — geheime Weisheitsschulen.c

Die Anrede versteigt sich nun in dem Wunsche, die Wichtig- keit solcher Schulen zu begründen, zu einem Satze, den wir wörtlich wiedergeben müssen, weil aus diesem die unzweifel- hafte Absicht des Ordens — die Fürsten zu stürzen und eine Vernunftreligion herzustellen — abgeleitet worden ist, sowie der ebenso klare Beweis, dass die französische Revolution im Jahre 1789 durch die Illuminaten bewirkt wurde. Es heisstda:

»Diese Mittel sind geheime Weisheitsschulen, diese waren vor allzeit die Archive der Natur und der menschlichen Rechte, durch sie wird der Mensch von seinem Fall sich erholen, Fürsten und Nationen werden ohne Gewalttätigkeit von der Erde [156] — 156 —

verschwinden, das Menschengeschlecht werde dereinst eine Familie, und die Welt der Aufenthalt vernünftiger Menschen werden. Die Moral allein wird diese Veränderungen unmerk- bar herbeiführen. Jeder Hausvater wird dereinst, wie vordem Abraham und die Patriarchen, der Priester und der uneinge- schränkte Herr seiner Familie und die Vernunft das alleinige Gesetzbuch der Menschen sein.« —

In dem Weiteren wird nun ausgeführt, dass, wer all- gemeine Freiheit einführen will, allgemeine Aufklärung verbreiten müsse.

Aufklärung ist zu wissen, was ich bin, was andere sind, was andere fordern, was ich fordere; zu wissen, dass ich mir nicht allein genug bin, dass ich ohne Hilfe meiner Neben- menschen nichts bin, sie demnach als wesentlichen Teil meiner Glückseligkeit betrachte, dass, wenn ich nichts für sie leiste, sie auch nichts für mich übernehmen. Man muss nachgiebig gegen Fehler sein, tolerant gegen andere Meinungen, mit seinem Schick- sal zufrieden leben, mit andern trauern, ihnen helfen wo man kann und sich freuen über andere Freuden, seinen Überfluss zum Nutzen anderer verwenden.

Wenn solche Aufklärung ein Werk der Moral ist, so nimmt auch Aufklärung und wechselseitige Sicherheit zu. Die Moral ist also die Kunst, welche Menschen lehrt volljährig zu werden, der Vormundschaft los zu werden und Fürsten und Staaten entbehrlich zu machen. Oder wozu braucht man sie sodann?*)

Die Anrede geht dann auf Jesus über, dessen Lehre nun in dem Sinne ausgelegt wird, wie es Knigge in dem Briefe an Cato-Zwackh (S. 128) mitteilt und die rein in den Symbolen der Freimaurerei erhalten wurde.

Die drei Zustände der Menschheit werden in der Hierogly- phie der Freimaurerei durch den rohen, gespaltenen und glatten Stein vorgestellt. Der erste ist der erste Zustand des mensch- lichen Geschlechts im Stande der Wildheit. Die zweite die Hieroglyphie der gefallenen, abgewürdigten Natur, des Menschen in Staaten; dieser mittlere Stein ist gespalten, weil in diesem Zu-

•) Dieser in seiner Logik groteske Satz enthält die berühmte Öse zum Einhaken aller möglichen Angriffe Ober die Staatsgefährlichkeit des damaligen Ordens. Wir erblicken jetzt in diesem nur den paradoxen Ausspruch über- eifriger Köpfe, die sich über den Begriff der Ordnung nicht klar waren und übersahen, dass wenn nicht die Moral, doch die Ordnung immer Rangstufen bedingt. [157] — 157 —

stand das menschliche Geschlecht nicht mehr eine Familie aus- macht, sondern durch Verschiedenheit der Regierung, Länder und Religionen unter sich geteilt ist. Sobald dieser gemachte Unterschied verschwindet, sobald wird dieser gespaltene Stein wieder ganz. Und daher ist der dritte die Hieroglyphe des Zu- standes von unserer zurückerhaltenen Würdigung unsere Ge- schlechts. Der flammende Stern mit dem Buchstaben G. ist die Aufklärung, die Gnade, Gratia, die uns leuchtet auf unsern bisherigen Irrwegen. Die, in welchen diese Gnade wirkt, sind die Erleuchteten, Illuminati: ein Name, mit welchem in der ersten Kirche alle Christen nach der Taufe, hiemit alle Gläubigen belegt wurden.

Es wird nun der geistliche Despotismus, die Religions- verfolgung geschildert, dass das Christentum seine Reinheit ver- lor und die echten Lehren unter Hieroglyphen, die in geheimen Gesellschaften bewahrt wurden, sich verbargen. In der Frei- maurerei bedeutete daher Hieram den für das Beste der Welt erschlagenen Meister, Jesus von Nazareth. Der Name Hieram ist entstanden aus den Anfangsbuchstaben folgender Worte: Hic Jesus est restituens amorem mundi, oder wie andere lesen: Hic Jesus est resurgens a mortuis. Dahin deutet auch das rabbinische Wort Mac-benac, er hat den Sohn erschlagen. Da nach der Lehre Jesu die Menschen zu ihrer Freiheit durch Ge- rechtigkeit und Wohlwollen gelangen, so werden diese durch zwei Säulen mit den Buchstaben J. und B. (Justitia und Bene- volentia) angezeigt, als auf welchen beiden Grundsäulen das Ge- bäude der menschlichen Unabhängigkeit beruht. Das Winckel- maass, Senkblei usw. sind die Symbole und Hieroglyphen der Rechtmässigkeit unserer Handlungen, mit welchen wir ihr Ver- hältnis zum Zweck bestimmen und abmessen. Die 9 Meister, welche den erschlagenen Hieram gesucht, stellen die ersten Stifter des Ordens vor, welche die unter Menschen verloschene Menschenliebe nach der Lehre ihres erschlagenen Meisters wieder unter sich in Gang gebracht, und von den Schlacken und menschlichen Zusätzen gereinigt. Und weil die Freimaurerei die Menschen die Kunst lehrt, sich selbst zu beherrschen, so wird sie eine königliche Kunst genannt. Sonne, Mond und Sterne sind die verschiedenen Grade der Erleuchtung, welche der Mensch auf seinem Wege zu diesem Zweck erhält.

Und so wäre also der Zweck der echten Freimaurerei durch tätiges Christentum, durch die Verbreitung der Lehre Jesu und [158] — 158 —

durch die Aufklärung der Vernunft, die Menschen zu ihrer Frei- heit fähig zu machen, die Welt und die durch verschiedene Ein- richtungen getrennte Menschen in eine Familie zu vereinigen, und das Reich der Gerechten und Tugendhaften herbeizuführen.

Es wird nun dargestellt, dass auch die Freimaurerei auf Abwege geriet, dass Grade auf Grade erfunden wurden, wodurch der eigentliche Zweck vergessen und nur der Hang zum Wunder- baren gereizt wurde, dass aber einige gute Arbeiter diesem ein- brechenden Verderben sich entgegenstellten, und der Same zu einer neuen Welt nunmehr Wurzel geschlagen habe.

Es wird dann betont, dass wir (die Ordensangehörigen) uns bei dem Beginnen der Natur ihr Tagewerk zu vollenden, nur als Zuschauer verhalten, keinen Erfolg beschleunigen, und sich keine anderen Mittel erlauben als Aufklärung, Wohlwollen und Sitten zu verbreiten. Des unfehlbaren Erfolges sicher, ent- halten wir uns aller gewaltsamen Mittel, vielleicht vergehen Jahrtausende oder hunderttausende darüber, wir begnügen uns damit, das Vergnügen und die Glückseligkeit der Nachwelt schon sofern vorhergesehen und durch die unschuldigsten Mittel den Grund dazu gelegt zu haben.

»Wir beruhigen uns dabei in unserm Gewissen gegen jeden Vorwurf, dass wir den Umsturz und Verfall der Staaten und Thronen eben so wenig veranlasset, als der Staatsmann von dem Verfall seines Landes die Ursache ist, weil er solchen ohne Möglichkeit der Rettung vorhersieht. Als fleissige und genaue Beobachter der Natur verfolgen und bewundern wir ihren unaufhaltbaren majestätischen Gang, freuen uns unsers Geschlechts und wünschen uns Glück, Menschen und Kinder Gottes zu sein.« —

Nachdem der Neuaufgenommene noch aufmerksam gemacht wurde, dass man diese Lehre ihm nicht aufdringe, sondern falls er besseres wüsste, das nicht verhehlen möge, er daher heraus- suchen solle, was ihm gefällt, schloss die Anrede. —

Es folgte nun das Zeremoniell der Aufnahme, das aber nie- mals gründlich in der Weise durchgeführt wurde, wie es Knigge angab. Die Anrede allein ist nur umhergesandt worden, wurde abgeschrieben und von einigen Mitgliedern so begeistert auf- genommen, dass Weishaupt kopfschüttelnd an Zwackh schrieb:

»Sie können nicht glauben, wie unser Priestergrad bei den Leuten Auf- und Ansehen erweckt. Das wunderbarste ist, dass

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grosse protestantische und reformirte Theologen, . die vom Orden sind, noch dazu glauben, der darin ertheilte Religions- unterricht enthalte den wahren und ächten Geist und Sinn der christlichen Religion. 0 Menschen! zu was kann man euch bereden: hätte nicht geglaubt, dass ich noch ein neuer Glaubens- stifter werden sollte, c —

Das weitläufige Zeremoniell bestand wesentlich in der Über- gabe des Priesterkleides, wer sich für die genauen Angaben interessiert kann das in dem angegebenen Buch * Neueste Arbeiten etc.« nachlesen. —

Nach dem Priestergrad folgte als letzter der Regentengrad, eine Einführung in die Reihe der regierenden Mitglieder. Es wurde hier eröffnet, dass der Orden folgendermassen regiert werde: Unser Bund hat einen National-Obern, unter diesem stehen die Provmzialen, Vorsteher eines jeden Kreises. Zu dessen Hilfe stehen Consultoren und unter ihnen eine gewisse Anzahl Präfekten oder Lokal-Obere. Aus diesen Mitgliedern be- stand der Regentengrad, über den dann noch der Areopag und der Ordensgeneral als höchste Obere standen. In diesem Grade herrschte völlige Freiheit und Unabhängigkeit, nur das Empfinden einer guten Sache zu dienen, sollte das Bindemittel der Brüder- schaft sein, infolgedessen erhielt der neue auf Lebenszeit er- nannte Regent alle seine Unterschriften und Papiere bei der Aufnahme zurück. —

So war der Orden gestaltet, als Knigge denselben verliess und als das Unwetter bald danach hereinbrach, das für viele tüchtige Menschen von den schwersten Folgen sein sollte. Knigge blieb verschont von dem Sturme der Ordensverfolgung, er gelangte schliesslich nach Bremen und starb daselbst am 6. Mai 1796. Sein Grab befindet sich im Dom zu Bremen. Der Grabstein befindet sich gegenüber dem Eingang zur berühmten Bleikammer, in der aufgestellte Leichname nicht verwesen, linker Hand. Er ist von einer grossen Schutzmatte bedeckt, weil der Besucher des Domes, die Leichenkammer verlassend und links sich haltend, über ihn hinwegschreiten muss, die Inschrift lautet: Hier ruhet Adolph Freiherr Knigge

Königl. Grossbrittanischer Oberhauptmann in Bremen. Er wurde geboren d. 10. October 1752 in Bredenbeck bei Hannover und starb den 6. Mai 1796 in Bremen.

Digitized by VjOOQIC [160] Knigges Grabstein im Dom zu Bremen.

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