Gotthold Ephraim Leßing (Zweite Sammlung)
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Gotthold Ephraim Leßing.
[379] Kein neuerer Schriftsteller hat, dünkt mich, in Sachen des Geschmacks und des feineren, gründlichen Urtheils über litterarische Gegenstände, auf Deutschland mehr gewirkt, als Leßing. Was war Deutscher Geschmack im Anfang dieses Jahrhunderts? Wie wenig war er, als Gottsched ihn aus den Händen der Talander, Weise, Menantes empfing und nach seiner Art fortbildete! Er ward gereinigt und gewässert, er empfing Körper, aber ohne Geist und Seele. Bodmer kam dem Mangel zu Hülfe und führte Provisionen von Gedanken aus Italien, England, den Alten, und woher es sonst anging, herbey; Schade aber, es waren fremde, zum Theil einförmige und schwere Gedanken, die in Deutschland nicht so leicht allgemeinen Curs finden konnten. Jetzt kam Leßing. Sowohl an Witz als in Gelehrsamkeit, an Talenten und im Ausdruck war er beynah Gottscheds Antipode. [380] Von den Schweizern nutzte er ihre Belesenheit und ihr gründlicheres Urtheil; er übertraf sie bald in Beydem. Am meisten aber übertraf er sie und alle seine Vorgänger in der Geschlankigkeit des Ausdrucks, in den immer neuen und glänzenden Wendungen seiner Einkleidung und Sprache, endlich in dem philosophischen Scharfsinn, den er mit jedem Eigensinn seines muntern, dialogischen Styls zu verbinden und die durchdachtesten Sachen mit Neckerey und Leichtigkeit gleichsam nur hinzuwerfen wußte. So lange Deutsch geschrieben ist, hat, dünkt mich, niemand wie Leßing, Deutsch geschrieben; und komme man und sage, wo seine Wendungen, sein Eigensinn nicht Eigensinn der Sprache selbst wären? Seit Luther, hat niemand die Sprache, von dieser Seite so wohl gebraucht, so wohl verstanden. In beyden Schriftstellern hat sie nichts von der plumpen Art, von dem steifen Gange, den man ihr zum National-Eigenthum machen will; und doch, wer schreibt ursprünglich Deutscher als Luther oder Leßing? Und überhaupt, [381] was wäre es für eine Sprache, die nicht jedem guten Kopf, nachdem er sie brauchen kann, gern dienen wollte? Ich begnüge mich, Leßings Arbeiten mit einigem Urtheil durchzugehen. Lobrede brauchts bey ihm nicht; unbestimmte, schlechte, übertriebene Lobsprüche haßte er mehr, als den bittersten, nur einigermaaßen gründlichen Tadel. Noch entfernter bin ich, über alle Leßingschen Arbeiten und Verdienste mir ein Urtheil anzumassen. Ich masse mir eigentlich gar kein Urtheil über ihn an; sage nur über Einiges meine Meynung, und überlasse das andre, insonderheit seine Theaterwerke, andern. Mein Sinn ist nur, überhaupt die Spur zu verfolgen, wo Leßing seinen Weg nahm, wo er anfing, wo er aufhörte, wo andre ihm nachzugehen, oder weiter zu gehn haben. Leßings erste Schriften und Lebensumstände kenne ich nicht; a)[1] das erste Buch, das ich [382] von ihm habe, ist seine Uebersetzung Huarts. b)[2] Eine Uebersetzung aus dem Spanischen war in Deutschland 1752. wieder ein seltenes Ding, so häufig auch unsre liebe Vorfahren ein Jahrhundert vorher aus dem Spanischen übersetzt hatten. Zumal die Uebersetzung eines so paradoxen Schriftstellers, als Huart ist – In der kurzen Vorrede zu ihm ist Leßing schon ganz kenntlich. Sein eigentlicher Name fängt ziemlich mit den sogenannten kleinen Schriften an, die seit 1753. in Berlin erschienen. In ihnen zeigte er sich von allen den mancherley Seiten, von denen er nachher mit den Jahren immer reifer und glänzender hervortrat. In diesen sechs Bändchen was für ein Reichthum an Inhalt und Einkleidung! eine Abwechslung und Gründlichkeit [383] in Materien, die man sonst in Duodezbändchen nicht findet! Lieder und Fabeln, Sinn- und Lehrgedichte, Aufsätze in Poesie und Prose, sogar lateinische Verse treffen hier zusammen. Es folgen Briefe, fast so mancherley Inhalts, als gelehrte Briefe seyn können; Kritik und Philosophie, Geschichte und Litteratur, selbst Supplemente zum Jöcherschen Lexicon nehmen hier Briefgestalt an, und man muß gestehen, ganz auf die Leßing eigne, leichte und glückliche Weise. Hierauf ein Theilchen gelehrter Abhandlungen, Rettungen des Horaz, Cardans, gar des Cochläus und des Inepti Religiosi, die man schwerlich vor dem, was folgt, vor Lust- und Trauerspielen, erwartet. Daß dies abwechselnde Mancherley, in dem sich Leßing, meistens nur Proben- nur Stückweise, gleich Anfangs zeigte, nicht Eitelkeit, nicht Prahlerey war, beweiset sein weiteres literarisches Leben. Alle die Beschäftigungen, alle die Einkleidungen hat er fortgesetzt; und gewiß keine mit minderm Glück, als er in diesen Jugendversuchen zeigte. [384] Wenn ein Schriftsteller mit seiner Zeit fortging und Blüthen in Früchte verwandelt hat, ists Leßing; ja was sage ich, fortging? bis an sein Ende ging er seiner Zeit vor.
[385] Mit der neuen Ausgabe seiner Fabeln a)[4] fing er an. Aus wenigen Proben, die er gegeben hatte, wurden drey Bücher, meistens eigner oder fortgesetzter Aesopischer Erfindung. Die gereimten oder ihre Reime sind weggefallen; und statt dieser, der Fabel unnöthigen oder hinderlichen Fesseln, (wenigstens wie Leßing es glaubte) stehn sie hier in eine Sprache gekleidet, die in einer jedem Gegenstande angemessenen Prose die schönste Poesie ist. Der blanke männliche Harnisch kleidet Leßing mehr, als das Gängelband der Reime; seine Fabeln sind nicht blos für Kinder sondern auch Männern, und Männern insonderheit, lesbar. Noch mehr sinds die Abhandlungen über das Wesen, den Nutzen, die Einkleidung, das Wunderbare der Fabel, die er seinen Proben beyfügte. Unstreitig ist dies die bündigste, gewiß philosophische Theorie, die seit Aristoteles Zeiten über eine Dichtungsart gemacht ist, und es wäre zu wünschen, daß Leßing sie, [386] wie hier über die Fabel, wie nachher übers Sinngedicht, wie in der Dramaturgie übers Trauer- und Lustspiel, im Laokoon über die Grenzen der Poesie und bildenden Kunst, und in den Litteraturbriefen über kleinere Materien litterarischen Inhalts, so über alle Dichtungsarten und Darstellungen der Poesie und Künste hätte machen können. Es wird vielleicht Jahrhunderte währen, ehe die vielen und leichten Talente, die ausgebreiteten und gründlichen Kenntnisse sich mit dem philosophischen Geist, mit dem Scharfsinn und schönen Ausdruck in einem Manne vereinigen, wie sie in Leßing vereinigt waren. Die Abhandlungen über die Fabel insonderheit sind mit einer so glücklichen, leichten, sokratisch-platonischen Analyse geschrieben, daß ich im Geist dieser Methode ihnen in unsrer Sprache Weniges an die Seite zu setzen wüßte.
Leßings Lieder sind bekanntermassen von der muntern, nicht zärtlichen und schmachtenden Gattung. In häufigen Compositionen sind sie im Munde der Nation und bedürfen keines Urtheils mehr. Wer blos Eine Gattung von Liedern, die zärtliche, die rührende haben möchte; [391] habe sie für sich und lasse andern ihren Geschmack, ihr Vergnügen. – Seine Lehrgedichte hat er nicht neu herausgeben wollen oder es auf die Zukunft verspart. Sie haben viel scharfsinnige, treffende Gedanken und stehn der Art und den Gegenständen nach meistens den Kästnerschen an der Seite. Was Leßing überhaupt von den Grenzen der Philosophie und des Lehrgedichts gehalten, mag man in seiner und Mendelssohns Schrift Pope ein Metaphysiker! a)[8] lesen. Aber es ist Zeit, von diesen einzelnen Vorübungen, die für andre wichtiger wären als sies bei Leßing seyn durften, näher zu dem Haupttalent überzugehen, wodurch er auf Deutschland vorzüglich gewirkt hat; es ist seine philosophische Kritik, sein immer darstellender und immer zugleich denkender, forschender Geist, den er in mancherlei Werken und Einkleidungen, überall glücklich gewiesen. Schon unter seinen kleinen Schriften waren Briefe, gelehrten, [392] philosophischen, kritischen Inhalts. Die Streitigkeit mit Lange, seine Vorrede zu Mylius Schriften, seine theatralische Bibliothek u. f. zeigte dies Talent noch auszeichnender; und mich dünkt, die Litteraturbriefe, sind davon die unzweifelhafteste Probe. Von diesen war Er Urheber und Vater: der Ton in ihnen war sein Ton, wie mans aus den Briefen in seinen kleinen Schriften und aus der Vorrede zu Mylius Werken sonnenklar siehet; es ist falsch und elend, daß man diesen Briefen den Ton der Clement’schen Lettres eritiques Schuld gab. *)[9] Das Glück führte ihm einen edlen Gehülfen zu, Moses Mendelssohn, zwey Männer, die [393] sich, wie aus mehreren Aeußerungen erhellet, als philosophische Freunde schätzten und liebten. Man lese Mendelssohns Brief an Leßing hinter Rousseaus Abhandlung: a)[10] man sehe die Achtung, mit der Leßing bey jeder Gelegenheit an Mendelssohn denket. Zwei solcher Menschen, am Geist hell und im Herzen rein, ohne politische Hindernisse und Nebenumstände, traten verbunden zu diesem Werk, das noch manche Zeit hin das Deutsche Journal genannt werden sollte. Ohne Schwärmerey und Ausgelassenheit herrschet in ihm Freimüthigkeit und Einsicht, insonderheit im Anfange oder zu zwei Drittheilen der Briefe. Leßing (ohne allen Zweifel ist er der Fll., denn wer sollte es sonst seyn? ob er sich gleich auch anders unterzeichnet) *)[11] gieng [394] ohngefähr bis zum siebenten Theil mit: Mendelssohn behielt seinen geprüften Charakter bis zum Ende, Abbt trat, mit mehrerer Kühnheit, aber nicht mit mehrerem Glück in Leßings Tritte; und auch die andern Gehülfen sind gute, wenigstens nicht schlechte Köpfe gewesen. Leßings Urtheile, (von denen ich hier allein rede) hat größtentheils die Zeit bewähret. Was damals scharf hies, nennet man jetzt recht; was hart schien, ist jetzt (wenige Urtheile ausgenommen) billige Wahrheit. Fast kenne ich niemanden, der auch von sich, dem Schrifsteller, mit mehr [395] Bescheidenheit und Würde reden konnte, als Leßing; und überhaupt ist wohl unstreitig Er, an Umfang der Belesenheit, an Schärfe des Urtheils und an vielseitigem männlichen Verstande in Sachen wovon hier die Rede ist, der erste Kunstrichter Deutschlands. Wo sind jetzt Litteraturbriefe, wie er sie anfing? *)[12] Um eben diese Zeit machte er sich noch auf zweierlei Art um Deutschland verdient, durch die Wiederaufweckung Logau’s a)[13] und durch die Uebersetzung von Diderots Theater. b)[14] Bey dem ersten standen Er und Rammler für Einen Mann: wahrscheinlich rühren von Leßing die Vorrede und einige Anmerkungen über die Sprache des Dichters her, so wie von Rammler vielleicht die Auswahl und Veränderung der Stücke [396] selbst herrührt. Da ich die alte Ausgabe besitze: so bekenne ich zwar gern, daß es einem alten Dichter Wohlthat sey, wenn er in Hände fällt, die ihn verändern, wie diese Herausgeber ihn verändert haben; im Ganzen aber dürfte es besser seyn, wenn man ältere und vergessene deutsche Dichter uns zwar mit Auswahl der besten Stücke, aber unverändert gäbe. So machens unsre Nachbarn sämmtlich und sonders; so hats Leßing mit den aufgefundenen Gedichten Scultetus, mit der Zugabe zu den Fabeln der Minnesinger u. f. gemacht, und so ists in der Ordnung. Bey einem alten Dichter muß man wissen, daß man wirklich ihn und keinen neuern Dichter lese. – – Diderot, sagt Leßing selbst zur zweiten Ausgabe seines Theaters, a)[15] „Diderot scheint auf das deutsche Theater weit mehr Einfluß gehabt zu haben, als auf das Theater seines eignen Volks;“ und er rechtfertigt diesen Ausspruch [397] mit guten Gründen. Er siehets selbst für Pflicht der Dankbarkeit an, sich als den Uebersetzer eines Mannes zu nennen, „der an der Bildung seines Geschmacks so großen Antheil gehabt. Denn es mag, fährt er fort, mit diesem beschaffen seyn wie es will: so bin ich mir doch zuwohl bewußt, daß er, ohne Diderots Muster und Lehren, eine ganz andere Richtung würde bekommen haben. Vielleicht eine eignere; aber doch schwerlich eine, mit der am Ende mein Verstand zufriedner gewesen wäre.“ Mich dünkt, jeder Verständige werde es mit ihm seyn. Die großen Schritte, die er von seinen ersten Schauspielen, so angenehm und nothwendig sie unserm Theater noch lange seyn werden, zu einem Philotas, einer Emilia Galotti, einem Nathan gethan hat, sind auch dem stumpfsten Auge unverkennbar. Und wenn er von Diderot sagt, „daß sich nach dem Aristoteles, kein philosophischerer Geist mit dem Theater abgegeben habe, als er,“ von wem gälte das reichlicher, von Diderot oder Leßing? [398] Jetzt ruhete er einige Zeit, und nach solcher Arbeit konnt’ er ruhen. In weniger als 10 Jahren hatte er alle diese so verschiednen Werke und in den Jahren 59. 60. 61. eine Reihe der besten geliefert, von denen zuletzt die Rede war. Im Jahre 1766. trat er wieder hervor; mit eben so goldnen, glänzenden Waffen, nur in einem andern Felde. Die meisten meiner Leser erinnern sich noch wohl des Geschreies von Kunst, das, nachdem Winkelmann, Lippert, Heyne, Hagedorn, Mengs, geschrieben hatten, in Deutschland aufkam. Alles sollte Kunst lernen, das Kind in den Schulen, der Jüngling auf Universitäten, der Mann im Amt. Aus Statuen sollte der Geistliche predigen, aus Münzen der Jurist Urtheil sprechen, aus Gemmen und Pasten der Maler malen, der Dichter dichten. - Hier trat nun Leßing mit seinem Laokoon a)[16] auf, leise, aber sehr gewiß und weitaussehend. Von [399] einer Stelle Winkelmanns fing er an, und ging über Caylus, Spence und weiter fort, jetzt nur einige Grenzen der Poesie und Malerey auszuzeichnen, mit der Zeit aber diesen Gang über die Grenzen andrer Künste zu vollenden. Er hat ihn nicht vollendet; und wer wirds an seiner Stelle? Laokoon steht wie ein philosophisches Kunstwerk da, das der Künstler mit Fleiß unvollführt gelassen, damit man sich erinnere, daß man ihn nicht mehr habe.*)[17] Er gerieth darüber in einen Streit mit der Klotzischen Schule; und es ist nicht Leßings Schuld, daß der Streit für Deutschland nicht nutzbarer ausfiel. Er betraf Theils zu armselige Dinge, Theils zu armselige Leute. Kein Zeitungsblatt erschien damals, in dem nicht die muthwilligen Knaben kamen und auch Leßing einen Kahlkopf schalten; da schickte er endlich [400] zwey Bären über sie, a)[18] die zerrissen den Hauptknaben und jagten die übrigen in ihre Löcher und Winkel. Jeder Verständige schämt sich jetzt dieser Scene, und des Werths, den man damals manchen Kindereien beylegte. Damals indessen wars anders, und Leßing hatte alle Stärke und männliche Dreustigkeit deutscher Sprache nöthig, um zu zeigen, was an manchen Armseligkeiten sei; welche Stärke man denn auch im zweiten Theil der vorgenannten Briefe, insonderheit gegen das Ende, b)[19] reichlich antrift. Jetzt ist jedermann mit ihm einig; und das schöne Werkchen „wie die Alten den Tod gebildet“ c)[20] so schön in seinem Inhalt als in seiner Entwicklung, ist fast das Einzige, was sich dabey gewinnen ließ. Dies gehört aber auch Leßingen zu, und nicht dem öden Kunstgeschwätz seiner Gegner. [401] Lessing lebte damals in Hamburg, und sollte einer Bühne vorstehen, die unter ihm erst deutsche Nationalbühne werden wollte. Warum sies nicht werden konnte? oder was überhaupt an dem ganzen Wort sey? hat er selbst zu Ende seiner Dramaturgie a)[21] bescheiden und aufrichtig gesagt. Wären indessen auch nur die zwei Bände Dramaturgie die Frucht seines Aufenthalts in dieser Lage: so wäre das deutsche Theater überhaupt für die kleinen Veränderungen, die er dort machen oder nicht machen konnte, reichlich entschädigt. Sein Urtheil über einzelne Schauspiele und Schauspieler, so bescheiden, durchdacht und männlich es allemal ist, war ihm immer nur Veranlassung, sich über die Quellen der Schauspielkunst, über das Wesen des Trauer- und Lustspiels, von den Zeiten der Griechen bis zu uns herab, zu verbreiten. Insonderheit sind Schakespear, Aristoteles, Voltaire u. a. hin und wieder in ein Licht gestellt worden, in [402] das sie bisher kaum gestellt waren, und es ist allemal Licht der Wahrheit. Von keinem Werk des Genies schloß Leßing das Denken aus; er war überzeugt, daß jeder Künstler und Dichter nur durch deutliche Begriffe von seiner Kunst zur Vortreflichkeit in derselben gelangen könne und diesen Weg zu deutlichen Begriffen über die Kunst des Schauspiels half Leßing in seiner Dramaturgie bahnen.
Von Hamburg kam Leßing nach Braunschweig in ein wie anderes Feld gelehrter Arbeit! [404] Er zeigte sich aber, nach seiner Art, darin gleich so bekannt als ob er lange Jahre nur dafür gearbeitet hätte. Sein erster Griff in die Bibliothek war Berengarius Turonensis, a)[25] eine Entdeckung an die niemand dachte, weil niemand, daß diese Schrift des Berengarius in der Welt sey, vermuthen konnte; eine Entdeckung aber auch, die einem Zwist, der Jahrhunderte durch unbestimmt, wenigstens unbewiesen geführt war, ein klares Ende machte. Und zwar sehr zum Vortheil der Lutherschen Kirche: denn die Entwicklung des Dogma, die Leßing am Ende der Schrift b)[26] angiebt, ist nicht nur der Natur der Sache gemäß, sondern läßt sich auch aus der Geschichte wirklich beweisen. - So lange also des Berengarius Buch nicht edirt ist, wird diese reiche und entwickelte Anzeige Leßings statt des Buchs selbst dienen. [405] Die andern kleinern Entdeckungen, die Leßing in so kurzer Zeit in mehreren Fächern des gelehrten Alterthums oder der Bücherkunde machte, a)[27] sind hier nicht wohl herzuzählen; sie können auch nicht jedem gleich interessant seyn; genug, wenn sie nur dem Liebhaber des besondern, einzelnen Faches angenehm sind, zu dem sie gehören. Aber das war nur Leßing, der Bibliothekar; Leßing, der unter dem Gewühl dieser Art eine Emilia Galotti, einen Nathan den Weisen machte, Leßing, der zu eben der Zeit sich auch jedem seiner Freunde anschlang und ihm half zu seinem Geschäfte! Leßing, der an jedem Ort jeden gern ins Licht zog; wem er dienen konnte, dem gern diente – der männliche, thätigfreundschaftliche, Neidlose Leßing, wird nicht so gar oft und viel seines Gleichen haben. In Berlin waren die Besten, auch die in einerley Gattung der Wissenschaften arbeiteten, mit ihm. Von Mendelssohn, Rammler u. a. ist [406] schon geredet. Kleist war sein Freund: der Biedergeschmack seiner Gedichte zeigt ihre ähnliche Denkart. Gleim, der Kriegssänger, desgleichen; Leßings ist die Vorrede zu den Kriegsliedern. *)[28] In Braunschweig schloß er seinen Berengar an Schmids Adelmann an: Zachariä gab er den aufgefundnen Skultetus: und die Urne des jungen Jerusalems a)[29] umwand er mit immergrünenden Sprossen eines schönen philosophischen Laubes. Der große Mann, sagt sein Nathan: Der große Mann braucht überall viel Boden, [407]
Nur muß der Knorr den Knubben hübsch vertragen, Gnug hievon. Die letzten Tage Leßings sollten durch eine Theologische Streitigkeit verbittert werden, bei der, wenn das Publikum noch nicht so viel Nutzen draus gezogen hat, als es Leßings Absicht und Meynung gewiß war, es schwerlich seine Schuld seyn dürfte. Er gab Fragmente eines Ungenannten heraus, über die Auferstehungs- und andre Stücke der biblischen Geschichte; und ich, der ich Leßing persönlich gekannt, ihn zu einer Zeit gekannt habe, da obgedachte Stücke wahrscheinlich in seine Hände gefallen waren und wie ich aus manchen Aeußerungen jetzt schließe, seinen Geist damals lebhaft beschäftigten; ich, der über Sachen dieser Art [408] ihn auch sprechen hörte, und seinen Charakter über das was männliche Wahrheitsliebe ist, gnug zu kennen glaube; ich bin für mich überzeugt (für andre mag ichs nicht seyn noch werden) daß er auch die Ausgabe dieser Stücke allein und eigentlich zum Besten der Wahrheit, zu einer freyern und männlichen Untersuchung, Prüfung und Befestigung derselben von allen Seiten, veranstaltet habe. Er hat dies selbst so oft, so stark, so deutlich gesagt: die ganze Art, wie er die Fragmente herausgab und, als Laye, seine Gedanken allenfalls zur Widerlegung hin und wieder sagte: überhaupt Leßings Charakter, wie er jedem eingedrückt seyn muß der ihn gekannt hat (und andre sollten doch darüber behutsam urtheilen) alle dies ist mir Bürge für seine reine philosophische Ueberzeugung, daß er auch hiemit etwas Gutes veranlasse und bewirke; nämlich – ich wiederhole es noch einmal, freye Untersuchung der Wahrheit, und einer so wichtigen Wahrheit, als diese Geschichte für jeden der sie [409] glaubt, und der an sie glaubt, seyn muß. Darf unter allen Wahrheiten und Geschichten nun diese Wahrheit, diese Geschichte allein nicht untersucht, nicht gegen jeden Zweifel und Zweifler untersucht werden, so ist das Leßings Schuld nicht; aber zu unsern Zeiten wird kein Theolog und kein Religios seyn, der so etwas zu behaupten wage. Giebt man aber diesen einzigen Satz zu: „Wahrheit müsse und könne untersucht werden: Wahrheit gewinne jedesmal bey jeder neuen, freyen und ernsten Prüfung, eben in dem Maas und Verhältniß, als sie für uns erkennbare, folglich auch nur in solchem Maas für uns zu befolgende Wahrheit ist“ gibt man diesen Satz zu, den die Geschichte aller Zeiten, aller Religionen und Völker, insonderheit die Geschichte und Wahrheit der Christlichen Religion überall, wo sie bezweifelt und angefochten ist, unwidersprechlich beweiset: so hat Leßing gewonnen; so müssen wir, statt von krummen, hämischen, bösen Absichten zu reden, ihm danken, daß er uns eine neue Gelegenheit zu Untersuchung [410] und Bevestigung der wichtigsten Wahrheit, kurz zum Triumph gegeben. Je schwächer der Feind ist, je stumpfer und elender die Waffen sind, mit denen er auf uns losgeht, desto leichter wird uns ja der Sieg, desto sichrer und geschwinder können wir triumphiren; und dann verdient Leßing wiederum Dank oder wenigstens Mitleiden, daß er uns eine Windmühle statt eines Riesen in den Weg stellte. Gnug, wenn wir klar zeigen daß es eine Windmühle und kein Riese sey; der sie für etwas anders hielt, mag seinen Schimpf tragen. Thun wir das aber nicht, lassen die Windmühle stehen, und gehn hauptsächlich auf den los, der uns sagt: „da ist ein Riese! der muß erst erlegt werden, wenn eure Wohnung sicher seyn soll“, gehn wir auch ihm nicht in Absicht der That, die er gethan hat, (und die ihm, philosophisch betrachtet, ohne alle Widerrede erlaubt war) sondern mit Untersuchung der Beweggründe und Absichten, aus und zu denen er sie unausbleiblich gethan haben soll, auf den Hals; wäre das vernünftig, [411] billig, theologisch, christlich? Beweggründe und Absichten der Seele stehn allein unter Gott, unter keinem menschlichen Richter; in philosophische, historische, theologische Streitigkeiten gehören sie ganz und gar nicht. Mag Leßing sich vor dem Richter, vor dem er jetzt steht, rechtfertigen: warum er die Fragmente herausgegeben? gnug, für uns sind sie herausgegeben, sie liegen vor aller Welt da; es kommt jetzt allein auf Uns an, ob wir sie Nutzen oder Schaden wollen bringen lassen. Alles unnütze Zetergeschrei, alles verläumderische Gekreisch vermindert ihren Schaden nicht, sondern muß ihn befördern. Geheul der Weiber vertheidigt die Vestung nicht; und wenn der Feind hinanstürmt, schaft man die ächzenden Weiber weg. – –
[419] Und wo bist du nun, edler Wahrheitsucher, Wahrheitkenner, Wahrheitverfechter – was siehest, was erblickst du jetzt? Dein erster Blick, da du über die Grenzen dieser Dunkelheit, dieses Erdenebels hinwegwarst, in welch anderm, höhern Lichte zeigte er dir alles, was du hienieden sahest und suchtest? Wahrheit forschen, nicht erforscht haben, nach Gutem streben, nicht alle Güte bereits erfaßt haben, war hier dein Blick, dein strenges Geschäft, dein Studium, dein Leben. Augen und Herz suchtest du dir immer wach und wacker zu erhalten, und warst keinem Laster so feind, als der unbestimmten, kriechenden Heucheley, unsrer gewohnten täglichen Halb-Lüge und Halb-Wahrheit, der falschen Höflichkeit, die nie dienstfertig, der gleißenden Menschenliebe, die nie wohlthätig seyn will oder seyn kann; am meisten, (deinem Amt und Beruf nach) der langweiligen, schläfrigen Halbwahrheit, die wie Rost und Krebs in allem Wissen und Lernen von frühauf an menschlichen [420] Seelen naget. Dies Ungeheuer und ihre ganze fürchterliche Brut gingst du, wie ein Held, an, und hast deinen Kampf tapfer gekämpfet. Viele Stellen in deinen Büchern voll reiner Wahrheit, voll männlichen, vesten Gefühls, voll goldner ewiger Güte und Schönheit, werden, so lange Wahrheit Wahrheit ist und der menschliche Geist das, wozu er erschaffen ist, bleibet – sie werden aufmuntern, belehren, bevestigen, und Männer wecken, die auch wie du der Wahrheit durchaus dienen: jeder Wahrheit, selbst wo sie uns im Anfange fürchterlich und häßlich vorkäme, überzeugt, daß sie am Ende doch gute, erquickende, schöne Wahrheit werde. Wo du irrtest, wo dich dein Scharfsinn und dein immer thätiger, lebendiger Geist auf Abwege lockte, kurz, wo du ein Mensch warst, warst du es gewiß nicht gern, und strebtest immer ein ganzer Mensch, ein fortgehender, zunehmender Geist zu werden. – [421] Verzeihe der Leser meine Apostrophe; die letzten Situationen seines Lebens rissen mich hin, und ich wollte eigentlich nichts über seinen Charakter sagen. Den wird und kann sein näherer Freund besser schildern.*)[32]
Vitis ut arboribus decori est, ut vitibus vuae, [422]
Tu decus omne tuis: postquam te fata tulere,
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