Hamlet/Zweiter Aufzug

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Erste Scene.

[424]

Ein Zimmer im Hause des Polonius. (Polonius und Reinhold treten auf.)
Polonius. Gib ihm dies Geld und die Papiere, Reinhold.

Reinhold. Ja, gnäd’ger Herr.

Polonius. Ihr werdet mächtig klug thun, guter Reinhold,
Euch zu erkund’gen, eh’ ihr ihn besucht,
Wie sein Betragen ist.

Reinhold.  Das dacht’ ich auch zu thun.

Polonius. Ei, gut gesagt! recht gut gesagt! Seht ihr,
Erst fragt mir, was für Dänen in Paris sind,
Und wie, wer, auf was Art, und wo sie leben,
Mit wem, was sie verzehren; wenn ihr dann
Durch diesen Umschweif eurer Fragen merkt,
Sie kennen meinen Sohn, so kommt ihr näher.
Berührt alsdann es mit besondern Fragen,
Thut gleichsam wie von fern bekannt; zum Beispiel:
„Ich kenne seinen Vater, seine Freunde,
Und auch zum Teil ihn selbst.“ – Versteht ihr, Reinhold?

Reinhold. Vollkommen, gnäd’ger Herr.

Polonius. „Zum Teil auch ihn; doch,“ mögt ihr sagen, „wenig,
Und wenn’s der rechte ist, der ist gar wild,
Treibt dies und das“ – dann gebt ihm nach Belieben
Erlogne Dinge schuld; nur nichts so Arges,
Das Schand’ ihm brächte; davor hütet euch.
Nein, solche wilde, ausgelass’ne Streiche,
Als hergebrachtermaßen die Gefährten
Der Jugend und der Freiheit sind.

Reinhold.  Als spielen.

Polonius. Ja, oder trinken, raufen, fluchen, zanken,
Huren, – so weit könnt ihr gehn.

Reinhold. Das würd’ ihm Schande bringen, gnäd’ger Herr.

Polonius. Mein Treu nicht, wenn ihr’s nur zu wenden wißt.
Ihr müßt ihn nicht in andern Leumund bringen,
Als übermannt’ ihn Unenthaltsamkeit;
Das ist die Meinung nicht; bringt seine Fehler zierlich
Ans Licht, daß sie der Freiheit Flecken scheinen,
Der Ausbruch eines feurigen Gemüts
Und eine Wildheit ungezähmten Bluts,
Die jeden anficht.

Reinhold.      Aber, bester Herr –

Polonius. Weswegen ihr dies thun sollt?

Reinhold.  Ja, das wünscht’ ich
Zu wissen, Herr.

Polonius.      Ei, nun, mein Plan ist der,
Und, wie ich denke, ist’s ein Pfiff der anschlägt:
Werft ihr auf meinen Sohn so kleine Makeln,
Als wär’ er in der Arbeit was beschmutzt –
Merkt wohl!
Wenn der Mitunterredner, den ihr aushorcht,
In vorbenannten Lastern jemals schuldig
Den jungen Mann gesehn, so seid gewiß,
Daß selb’ger folgendergestalt euch beitritt:
„Lieber Herr,“ oder so; oder „Freund,“ oder „mein Wertester,“
Wie nun die Redensart und die Betitlung
Bei Land und Leuten üblich ist.

Reinhold.  Sehr wohl.

Polonius. Und hierauf thut er dies: – Er thut - ja,
was wollte ich doch sagen? Beim Sakrament, ich habe was
sagen wollen. Wo brach ich ab?

Reinhold. Bei, folgendergestalt euch beitritt.

Polonius. Bei, folgendergestalt euch beitritt. – Ja,
Er tritt euch also bei: „Ich kenn’ ihn wohl, den Herrn,
Ich sah ihn gestern oder neulich ’mal,
Oder wann es war, mit dem und dem; und wie ihr sagt,
Da spielt’ er hoch; da traf man ihn im Rausch,
Da rauft’ er sich beim Ballspiel; oder auch
Ich sah ihn gehn in solch ein saubres Haus,“
(Will sagen: ein Bordell) und mehr dergleichen. – Seht nur,
Eu’r Lügenköder fängt den Wahrheitskarpfen;
So wissen wir, gewitzigt, helles Volk,
Mit Krümmungen und mit verstecktem Angriff
Durch einen Umweg auf den Weg zu kommen:
Und so könnt ihr, wie ich euch Anweisung
Und Rat erteilet, meinen Sohn erforschen.
Ihr habt’s gefaßt, nicht wahr?

Reinhold.  Ja, gnäd’ger Herr.

Polonius. Nun, Gott mit euch! Lebt wohl!

Reinhold.  Mein bester Herr -

Polonius. Bemerkt mit eignen Augen seinen Wandel.

Reinhold. Das will ich thun.

Polonius. Und daß er die Musik mir fleißig treibt.

Reinhold. Gut, gnäd’ger Herr.
     (Ab.)
     (Ophelia kommt.)

Polonius. Lebt wohl! – Wie nun, Ophelia, was gibt’s?

Ophelia. O lieber Herr, ich bin so sehr erschreckt!

Polonius. Wodurch, ins Himmels Namen?

Ophelia. Als ich in meinem Zimmer näht’, auf einmal
Prinz Hamlet – mit ganz aufgeriss’nem Wams,
Kein Hut auf seinem Kopf, die Strümpfe schmutzig
Und losgebunden auf den Knöcheln hängend;
Bleich wie sein Hemde, schlotternd mit den Knie’n;
Mit einem Blick, von Jammer so erfüllt,
Als wär’ er aus der Hölle losgelassen,
Um Greuel kund zu thun – so tritt er vor mich.

Polonius. Verrückt aus Liebe?

Ophelia.  Herr, ich weiß es nicht,
Allein ich fürcht’ es wahrlich.

Polonius.  Und was sagt er?

Ophelia. Er griff mich bei der Hand und hielt mich fest,
Dann lehnt’ er sich zurück, so lang sein Arm;

[425]
Und mit der andern Hand so überm Auge,

Betrachtet’ er so prüfend mein Gesicht,
Als wollt’ er’s zeichnen. Lange stand er so;
Zuletzt ein wenig schüttelnd meine Hand,
Und dreimal hin und her den Kopf so wägend
Holt’ er solch einen bangen tiefen Seufzer,
Als sollt’ er seinen ganzen Bau zertrümmern,
Und endigen sein Dasein. Dies gethan,
Läßt er mich gehen; und über seine Schultern
Den Kopf zurückgedreht, schien er den Weg
Zu finden ohne seine Augen; denn
Er ging zur Thür hinaus ohn’ ihre Hilfe,
Und wandte bis zuletzt ihr Licht auf mich.
Polonius. Geht mit mir, kommt, ich will den König suchen.
Dies ist die wahre Schwärmerei der Liebe,
Die, ungestüm von Art, sich selbst zerstört,
Und leitet zu verzweifelten Entschlüssen
So oft als irgend eine Leidenschaft,
Die unterm Mond uns quält. Es thut mir leid –
Sagt, gabt ihr ihm seit kurzem harte Worte?
Ophelia. Nein, bester Herr, nur wie ihr mir befahlt,
Wies ich die Briefe ab, und weigert’ ihm
Den Zutritt.

Polonius. Das hat ihn verrückt gemacht.
Es thut mir leid, daß ich mit besserm Urteil
Ihn nicht beachtet. Ich sorgt’, er tändle nur
Und wolle dich verderben: doch verdammt mein Argwohn!
Uns Alten ist’s so eigen, wie es scheint,
Mit unsrer Meinung übers Ziel zu gehn,
Als häufig bei dem jungen Volk der Mangel
An Vorsicht ist. Gehn wir zum König, komm.
Er muß dies wissen, denn es zu verstecken,
Brächt’ uns mehr Gram, als Haß, die Lieb’ entdecken.
Komm
     (Ab.)

Zweite Scene.

Ein Zimmer im Schlosse. (Der König, die Königin, Rosenkranz, Güldenstern und Gefolge.)
König. Willkommen, Rosenkranz und Güldenstern!
Wir wünschten nicht nur sehnlich, euch zu sehn,
Auch das Bedürfnis eurer Dienste trieb
Uns zu der eil’gen Sendung an. Ihr hörtet
Von der Verwandlung Hamlets schon; so nenn’ ich’s.
Weil noch der äußre, noch der innre Mensch
Dem gleichet, was er war. Was es nur ist,
Als seines Vaters Tod, das ihn so weit
Von dem Verständnis seiner selbst gebracht,
Kann ich nicht raten. Ich ersuch’ euch beide –
Da ihr von Kindheit auf mit ihm erzogen,
Und seiner Laun’ und Jugend nahe bliebt –
Ihr wollet hier an unserm Hof verweilen
Auf ein’ge Zeit, um ihn durch euren Umgang
In Lustbarkeit zu ziehn und zu erspähn,
Soweit der Anlaß auf die Spur euch bringt,
Ob irgend was, uns unbekannt, ihn drückt,
Das, offenbart, zu heilen wir vermöchten.

Königin. Ihr lieben Herrn, er hat euch oft genannt,
Ich weiß gewiß, es gibt nicht andre zwei,
An denen er so hängt. Wenn’s euch beliebt,
Uns so viel guten Willen zu erweisen,
Daß ihr bei uns hier eine Weile zubringt,
Zu unsrer Hoffnung Vorschub und Gewinn,
So wollen wir euch den Besuch belohnen,
Wie es sich ziemt für eines Königs Dank.

Rosenkranz. Es stände Euren Majestäten zu,
Nach herrschaftlichen Rechten über uns
Mehr zu gebieten nach gestrengem Willen,
Als zu ersuchen.

Güldenstern. Wir gehorchen beide,
Und bieten uns hier an, nach besten Kräften,
Zu euren Füßen unsern Dienst zu legen,
Um frei damit zu schalten.

König. Dank, Rosenkranz und lieber Güldenstern!

Königin. Dank, Güldenstern und lieber Rosenkranz!
Besucht doch unverzüglich meinen Sohn,
Der nur zu sehr verwandelt. Geh wer mit,
Und bring die Herren hin, wo Hamlet ist.

Güldenstern. Der Himmel mach ihm unsre Gegenwart
Und unser Thun gefällig und ersprießlich!

Königin. So sei es, Amen!
     (Rosenkranz, Güldenstern und einige aus dem Gefolge ab.)
 (Polonius kommt.)

Polonius. Mein König, die Gesandten sind von Norweg
Froh wieder heimgekehrt.

König. Du warest stets der Vater guter Zeitung.

Polonius. Nicht wahr? Ja, seid versichert, bester Herr,
Ich halt’ meine Pflicht wie meine Seele,
Erst meinem Gott, dann meinem gnäd’gen König,
Und jetzo denk’ ich (oder dies Gehirn
Jagt auf der Klugheit Fährte nicht so sicher,
Als es wohl pflegte), daß ich ausgefunden,
Was eigentlich an Hamlets Wahnwitz Schuld.

König. O davon sprecht: das wünsch’ ich sehr zu hören.

Polonius. Vernehmt erst die Gesandten; meine Zeitung
Soll bei dem großen Schmaus der Nachtisch sein.

König. Thut ihnen selber Ehr’ und führt sie vor.
     (Polonius ab.)
Er sagt mir, liebe Gertrud, daß er jetzt
Den Quell vom Uebel eures Sohns gefunden.

Königin. Ich fürcht’, es ist nichts anders als das eine,
Des Vaters Tod und unsre hast’ge Heirat.

König. Gut, wir erforschen ihn.
     (Polonius kommt mit Voltimand und Cornelius zurück.)
Willkommen, liebe Freunde! Voltimand,
Sagt, was ihr bringt von unserm Bruder Norweg.

Voltimand. Erwiderung der schönsten Grüß’ und Wünsche.
Auf unser erstes sandt’ er aus und hemmte
Die Werbungen des Neffen, die er hielt
Für Zurüstungen gegen den Polacken;
Doch näher untersucht, fand er, sie gingen
Auf Eure Hoheit wirklich. Drob gekränkt,
Daß seine Krankheit, seines Alters Schwäche,
So hintergangen sei, legt’ er Verhaft
Auf Fortinbras, worauf sich dieser stellt,
Verweis’ empfängt von Norweg, und zuletzt
Vor seinem Oheim schwört, nie mehr die Waffen
Zu führen gegen Eure Majestät.
Der alte Norweg, hocherfreut hierüber,
Gibt ihm dreitausend Kronen Jahrgehalt
Und seine Vollmacht, gegen den Polacken
Die so geworbnen Truppen zu gebrauchen;
Nebst dem Gesuch, des weitern hier erklärt,
Ihr wollt geruhn, für dieses Unternehmen
Durch eu’r Gebiet den Durchzug zu gestatten,
Mit solcherlei Gewähr und Einräumung,
Als abgefaßt hier steht.

König.  Es dünkt uns gut,
Wir wollen bei gelegner Zeit es lesen,
Antworten und bedenken dies Geschäft.
Zugleich habt Dank für wohlgenommne Müh’:
Geht auszuruhn, wir schmausen heut zusammen.
Willkommen mir zu Haus.
     (Voltimand und Cornelius ab.)

Polonius. So wäre dies Geschäft nun wohl vollbracht.

[426]
Mein Fürst, und gnäd’ge Frau, hier zu erörtern,

Was Majestät ist, was Ergebenheit,
Warum Tag, Tag; Nacht, Nacht; die Zeit, die Zeit:
Das hieße, Nacht und Tag und Zeit verschwenden.
Weil Kürze dann des Witzes Seele ist,
Weitschweifigkeit der Leib und äußre Zierat,
Fass’ ich mich kurz. Eu’r edler Sohn ist toll,
Toll nenn’ ich’s: denn worin besteht die Tollheit,
Als daß man gar nichts anders ist als toll?
Doch das mag sein.

Königin.  Mehr Inhalt, wen’ger Kunst.

Polonius. Auf Ehr’, ich brauche nicht die mind’ste Kunst.
Toll ist er, das ist wahr; wahr ist’s, ’s ist schade;
Und schade, daß es wahr ist. Doch dies ist
’ne törichte Figur: sie fahre wohl,
Denn ich will ohne Kunst zu Werke gehn.
Toll nehmen wir ihn also; nun ist übrig,
Daß wir den Grund erspähn von dem Effekt,
Nein, richtiger, den Grund von dem Defekt;
Denn dieser Defektiveffekt hat Grund.
So steht’s nun, und der Sache Stand ist dies.
Erwägt!
Ich hab ’ne Tochter; hab’ sie, weil sie mein;
Die mir aus schuldigem Gehorsam, seht,
Dies hier gegeben; schließt und ratet nun.
„An die himmlische und den Abgott meiner Seele, die liebreizende Ophelia“ –
Das ist eine schlechte Redensart, eine gemeine Redensart; liebreizend ist eine gemeine Redensart. Aber hört nur weiter:
„An ihren trefflichen zarten Busen diese Zeilen“ etc.

Königin. Hat Hamlet dies an sie geschickt?

Polonius. Geduld nur, gnäd’ge Frau, ich meld’ euch alles.
 „Zweifle an der Sonne Klarheit,
 Zweifle an der Sterne Licht,
 Zweifl’, ob lügen kann die Wahrheit,
 Nur an meiner Liebe nicht.
O liebe Ophelia, es gelingt mir schlecht mit dem Silbenmaße; ich besitze die Kunst nicht, meine Seufzer zu messen, aber daß ich dich bestens liebe, o Allerbeste, das glaube mir. Leb wohl.
Der Deinige auf ewig, teuerstes Fräulein, so lange diese Maschine ihm zugehört, Hamlet.“
Dies hat mir meine Tochter schuld’germaßen
Gezeigt, und überdies sein dringend Werben,
Wie sich’s nach Zeit und Weis’ und Ort begab,
Mir vor das Ohr gebracht.

König.  Allein wie nahm
Sie seine Liebe auf?

Polonius.  Was denket ihr von mir?

König. Daß ihr ein Mann von Treu’ und Ehre seid.

Polonius. Gern möcht’ ich’s zeigen. Doch was dächtet ihr,
Hätt’ ich gesehn, wie diese heiße Liebe
Sich anspann (und ich merkt’ es, müßt ihr wissen,
Eh’ meine Tochter mir’s gesagt), was dächtet
Ihr, oder meine teure Majestät,
Eu’r königlich Gemahl, hätt’ ich dabei
Brieftasche oder Schreibepult gespielt,
Hätt’ ich mein Herz geängstigt still und stumm,
Und müßig dieser Liebe zugeschaut?
Was dächtet ihr? Nein, ich ging rund heraus,
Und red’te zu meinem jungen Fräulein:
„Prinz Hamlet ist ein Fürst; zu hoch für dich:
Dies darf nicht sein;“ und dann schrieb ich ihr vor,
Daß sie vor seinem Umgang sich verschlösse,
Nicht Boten zuließ’, Pfänder nicht empfinge.
Drauf machte sie sich meinen Rat zu Nutz,
Und er, verstoßen (um es kurz zu machen),
Fiel in ’ne Traurigkeit; dann in ein Fasten;
Drauf in ein Wachen; dann in eine Schwäche;
Dann in Zerstreuung; und durch solche Stufen
In die Verrücktheit, die ihn jetzt verwirrt,
Und sämtlich uns betrübt.

König.  Denkt ihr, dies sei’s?

Königin. Es kann wohl sein, sehr möglich.

Polonius. Habt ihr’s schon je erlebt, das möcht’ ich wissen,
Daß ich mit Zuversicht gesagt: „So ist’s,“
Wenn es sich anders fand?

König.  Nicht daß ich weiß.

Polonius. (indem er auf seinen Kopf und Schultern zeigt).
Trennt dies von dem, wenn’s anders sich verhält.
Wenn eine Spur mich leitet, will ich finden,
Wo Wahrheit steckt, und steckte sie auch recht
Im Mittelpunkt.

König.  Wie läßt sich’s näher prüfen?

Polonius. Ihr wißt, er geht wohl Stunden auf und ab,
Hier in der Galerie.

Königin.  Das thut er wirklich.

Polonius. Da will ich meine Tochter zu ihm lassen,
Steht ihr mit mir dann hinter einem Teppich,
Bemerkt den Hergang: wenn er sie nicht liebt
Und dadurch nicht um die Vernunft gekommen,
So laßt mich nicht mehr Staatsbeamten sein.
Laßt mich den Acker baun und Pferde halten.

König. Wir wollen sehn.
     (Hamlet kommt lesend.)

Königin. Seht, wie der Arme traurig kommt und liest.

Polonius. Fort, ich ersuch’ euch, beide fort von hier!
Ich mache gleich mich an ihn. O erlaubt!
     (König, Königin und Gefolge ab.)
Wie geht es meinem besten Prinzen Hamlet?

Hamlet. Gut, dem Himmel sei Dank.

Polonius. Kennt ihr mich, gnäd’ger Herr?

Hamlet. Vollkommen. Ihr seid ein Fischhändler.

Polonius. Das nicht, mein Prinz.

Hamlet. So wollt’ ich, daß ihr ein so ehrlicher Mann wär’t.

Polonius. Ehrlich, mein Prinz?

Hamlet. Ja, Herr, ehrlich sein heißt, wie es in dieser Welt hergeht, ein Auserwählter unter Zehntausenden sein.

Polonius. Sehr wahr, mein Prinz.

Hamlet. Denn wenn die Sonne Maden in einem toten Hunde ausbrütet: eine Gottheit, die Aas küßt – habt ihr eine Tochter?

Polonius. Ja, mein Prinz.

Hamlet. Laßt sie nicht in der Sonne gehen. Gaben sind ein Segen: aber da eure Tochter empfangen könnte – seht euch vor, Freund.

Polonius. Wie meint ihr das? (Beiseite.) Immer auf meine Tochter angespielt. Und doch kannte er mich zuerst nicht; er sagte, ich wäre ein Fischhändler. Es ist weit mit ihm gekommen, sehr weit! Und wahrlich, in meiner Jugend brachte mich die Liebe auch in große Drangsale, fast so schlimm wie ihn. Ich will ihn wieder anreden. – Was leset ihr, mein Prinz?

Hamlet. Worte, Worte, Worte.

Polonius. Aber wovon handelt es?

Hamlet. Wer handelt?

Polonius. Ich meine, was in dem Buche steht, mein Prinz.

Hamlet. Verleumdungen, Herr; denn der satirische Schuft da sagt, daß alte Männer graue Bärte haben; daß [427] ihre Gesichter runzlicht sind; daß ihnen zäher Ambra und Harz aus den Augen trieft; daß sie einen überflüssigen Mangel an Witz und daneben sehr kraftlose Lenden haben. Ob ich nun gleich von allem diesem inniglich und festiglich überzeugt bin, so halte ich es doch nicht für billig, es so zu Papier zu bringen; denn ihr selbst, Herr, würdet so alt werden wie ich, wenn ihr wie ein Krebs rückwärts gehen könntet.

Polonius. (beiseite.)
Ist dies schon Tollheit, hat es doch Methode.
Wollt ihr nicht aus der Luft gehn, Prinz?

Hamlet. In mein Grab?

Polonius. Ja, das wäre wirklich aus der Luft. (Beiseite.)
Wie treffend manchmal seine Antworten sind! Dies ist ein Glück, das die Tollheit oft hat, womit es der Vernunft und dem gesunden Sinne nicht so gut gelingen könnte. Ich will ihn verlassen und sogleich darauf denken, eine Zusammenkunft zwischen ihm und meiner Tochter zu veranstalten. – Mein gnädigster Herr, ich will ehrerbietigst meinen Abschied von euch nehmen.

Hamlet. Ihr könnt nichts von mir nehmen, Herr, das ich lieber fahren ließe – bis auf mein Leben, bis auf mein Leben.

Polonius. Lebt wohl, mein Prinz.

Hamlet. Die langweiligen alten Narren!
     (Rosenkranz und Güldenstern kommen.)

Polonius. Ihr sucht den Prinzen Hamlet auf; dort ist er.

Rosenkranz. Gott grüß’ euch, Herr. (Polonius ab.)

Güldenstern. Verehrter Prinz –

Rosenkranz. Mein teurer Prinz –

Hamlet. Meine trefflichen, guten Freunde! Was machst du, Güldenstern? Ah, Rosenkranz! Gute Bursche, wie geht’s euch?

Rosenkranz. Wie mittelmäß’gen Söhnen dieser Erde.

Güldenstern. Glücklich, weil wir nicht überglücklich sind,
Wir sind der Knopf nicht auf Fortunas Mütze.

Hamlet. Noch die Sohlen ihrer Schuhe?

Rosenkranz. Auch das nicht, gnäd’ger Herr.

Hamlet. Ihr wohnt also in der Gegend ihres Gürtels, oder im Mittelpunkte ihrer Gunst?

Güldenstern. Ja wirklich, wir sind mit ihr vertraut.

Hamlet. Im Schoße des Glücks? O sehr wahr! sie ist eine Metze. Was gibt es Neues?

Rosenkranz. Nichts, mein Prinz, außer daß die Welt ehrlich geworden ist.

Hamlet. So steht der jüngste Tag bevor; aber eure Neuigkeit ist nicht wahr. Laßt mich euch näher befragen: worin habt ihr, meine guten Freunde, es bei Fortunen versehen, daß sie euch hieher ins Gefängnis schickt?

Güldenstern. Ins Gefängnis, mein Prinz?

Hamlet. Dänemark ist ein Gefängnis.

Rosenkranz. So ist die Welt auch eins.

Hamlet. Ein stattliches, worin es viele Verschläge, Löcher und Kerker gibt. Dänemark ist einer der schlimmsten.

Rosenkranz. Wir denken nicht so davon, mein Prinz.

Hamlet. Nun, so ist es keiner für euch, denn an sich ist nichts weder gut noch böse, das Denken macht es erst dazu. Für mich ist es ein Gefängnis.

Rosenkranz. Nun, so macht es euer Ehrgeiz dazu; es ist zu eng für euren Geist.

Hamlet. O Gott, ich könnte in eine Nußschale eingesperrt sein, und mich für einen König von unermeßlichem Gebiete halten, wenn nur meine bösen Träume nicht wären.

Güldenstern. Diese Träume sind in der That Ehrgeiz; denn das eigentliche Wesen des Ehrgeizes ist nur der Schatten eines Traumes.

Hamlet. Ein Traum ist selbst nur ein Schatten.

Rosenkranz. Freilich, und mir scheint der Ehrgeiz von so lustiger und loser Beschaffenheit, daß er nur der Schatten eines Schattens ist.

Hamlet. So sind also unsre Bettler Körper und unsre Monarchen und gespreizten Helden der Bettler Schatten. Sollen wir an den Hof? Denn mein Seel’, ich weiß nicht zu räsonniren.

Beide. Wir sind beide zu euren Diensten.

Hamlet. Nichts dergleichen, ich will euch nicht zu meinen übrigen Dienern rechnen, denn, um wie ein ehrlicher Mann mit euch zu reden: mein Gefolge ist abscheulich. Aber um auf der ebnen Heerstraße der Freundschaft zu bleiben, was macht ihr in Helsingör?

Rosenkranz. Wir wollten euch besuchen, nichts andres.

Hamlet. Ich Bettler, der ich bin, sogar an Dank bin ich arm. Aber ich danke euch, und gewiß, liebe Freunde, mein Dank ist um einen Heller zu teuer. Hat man nicht nach euch geschickt? Ist es eure eigne Neigung? Ein freiwilliger Besuch? Kommt, kommt, geht ehrlich mit mir um! wohlan! Nun, sagt doch!

Güldenstern. Was sollen wir sagen, gnädiger Herr?

Hamlet. Was ihr wollt – außer das rechte. Man hat nach euch geschickt, und es liegt eine Art von Geständnis in euren Blicken, welche zu verstellen eure Bescheidenheit nicht schlau genug ist. Ich weiß, der gute König und die Königin haben nach euch geschickt.

Rosenkranz. Zu was Ende, mein Prinz?

Hamlet. Das muß ich von euch erfahren. Aber ich beschwöre euch bei den Rechten unsrer Schulfreundschaft, bei der Eintracht unsrer Jugend, bei der Verbindlichkeit unsrer stets bewahrten Liebe, und bei allem noch Teurerem, was euch ein besserer Redner ans Herz legen könnte: geht grade heraus gegen mich, ob man nach euch geschickt hat oder nicht.

Rosenkranz. (zu Güldenstern.) Was sagt ihr?

Hamlet. So, nun habe ich euch schon weg. Wenn ihr mich liebt, tretet nicht zurück.

Güldenstern. Gnädiger Herr, man hat nach uns geschickt.

Hamlet. Ich will euch sagen, warum; so wird mein Erraten eurer Entdeckung zuvorkommen, und eure Verschwiegenheit gegen den König und die Königin braucht keinen Zollbreit zu wanken. Ich habe seit kurzem – ich weiß nicht wodurch – alle meine Munterkeit eingebüßt, meine gewohnten Uebungen aufgegeben; und es steht in der That so übel um meine Gemütslage, daß die Erde, dieser treffliche Bau, mir nur ein kahles Vorgebirge scheint; seht ihr, dieser herrliche Baldachin, die Luft, dies wackre umwölbende Firmament, dies majestätische Dach mit goldnem Feuer ausgelegt: kommt es mir doch nicht anders vor, als ein fauler, verpesteter Haufe von Dünsten. Welch ein Meisterwerk ist der Mensch! Wie edel durch Vernunft! Wie unbegrenzt an Fähigkeiten! In Gestalt und Bewegung wie bedeutend und wunderwürdig! Im Handeln wie ähnlich einem Engel! Im Begreifen wie ähnlich einem Gott! Die Zierde der Welt! Das Vorbild der Lebendigen! Und doch, was ist mir diese Quintessenz von Staube? Ich habe keine Lust am Manne – und am Weibe auch nicht, wiewohl ihr das durch euer Lächeln zu sagen scheint.

Rosenkranz. Mein Prinz, ich hatte nichts dergleichen im Sinne.

Hamlet. Weswegen lachtet ihr denn, als ich sagte: ich habe keine Lust am Manne?

Rosenkranz. Ich dachte, wenn dem so ist, welche Fastenbewirtung die Schauspieler bei euch finden werden. Wir holten sie unterwegs ein, sie kommen her, um euch ihre Künste anzubieten.

Hamlet. Der den König spielt, soll willkommen sein, [428] seine Majestät soll Tribut von mir empfangen; der kühne Ritter soll seine Klinge und seine Tartsche brauchen; der Liebhaber soll nicht unentgeltlich seufzen; der Launige soll seine Rolle in Frieden endigen; der Narr soll den zu lachen machen, der ein kitzliges Zwerchfell hat; und das Fräulein soll ihre Gesinnung frei heraussagen, oder die Verse sollen dafür hinken. – Was für eine Gesellschaft ist es?

Rosenkranz. Dieselbe, an der ihr so viel Vergnügen zu finden pflegtet, die Schauspieler aus der Stadt.

Hamlet. Wie kommt es, daß sie umherstreifen? Ein fester Aufenthalt war vorteilhafter sowohl für ihren Ruf als ihre Einnahme.

Rosenkranz. Ich glaube, diese Unterbrechung rührt von der kürzlich aufgekommenen Neuerung her.

Hamlet. Genießen sie noch dieselbe Achtung wie damals, da ich in der Stadt war? Besucht man sie eben so sehr?

Rosenkranz. Nein, freilich nicht.

Hamlet. Wie kommt das? werden sie rostig?

Rosenkranz. Nein, ihre Bemühungen halten den gewohnten Schritt; aber es hat sich da eine Brut von Kindern angefunden, kleine Nestlinge, die immer über das Gespräch hinausschrein, und höchst grausamlich dafür beklatscht werden. Diese sind jetzt Mode, und beschnattern die gemeinen Theater (so nennen sie’s) dergestalt, daß viele, die Degen tragen, sich vor Gänsekielen fürchten, und kaum wagen hinzugehn.

Hamlet. Wie, sind es Kinder? Wer unterhält sie? Wie werden sie besoldet? Wollen sie nicht länger bei der Kunst bleiben, als sie den Diskant singen können? Werden sie nicht nachher sagen, wenn sie zu gemeinen Schauspielern heranwachsen (wie sehr zu vermuten ist, wenn sie sich auf nichts Besseres stützen), daß ihre Komödienschreiber unrecht thun, sie gegen ihre eigne Zukunft deklamiren zu lassen?

Rosenkranz. Wahrhaftig, es hat an beiden Seiten viel zu thun gegeben, und das Volk macht sich kein Gewissen daraus, sie zum Streit aufzuhetzen. Eine Zeit lang war kein Geld mit einem Stück zu gewinnen, wenn Dichter und Schauspieler sich nicht darin mit ihren Gegnern herumzausten.

Hamlet. Ist es möglich?

Güldenstern. O, sie haben sich gewaltig die Köpfe zerschlagen.

Hamlet. Tragen die Kinder den Sieg davon?

Rosenkranz. Allerdings, gnädiger Herr, den Herkules und seine Last obendrein.

Hamlet. Es ist nicht sehr zu verwundern: denn mein Oheim ist König von Dänemark, und eben die, welche ihm Gesichter zogen, so lange mein Vater lebte, geben zwanzig, vierzig, fünfzig, bis hundert Dukaten für sein Porträt in Miniatur. Wetter, es liegt hierin etwas Uebernatürliches, wenn die Philosophie es nur ausfindig machen könnte.
     (Trompetenstoß hinter der Scene.)

Güldenstern. Da sind die Schauspieler.

Hamlet. Liebe Herren, ihr seid willkommen zu Helsingör. Gebt mir eure Hände. Wohlan! Manieren und Komplimente sind das Zubehör der Bewillkommnung. Laßt mich euch auf diese Weise begrüßen, damit nicht mein Benehmen gegen die Schauspieler (das, sag’ ich euch, sich äußerlich gut ausnehmen muß) einem Empfang ähnlicher sehe, als der eurige. Ihr seid willkommen, aber mein Oheim-Vater und meine Tante-Mutter irren sich.

Güldenstern. Worin, mein teurer Prinz?

Hamlet. Ich bin nur toll bei Nordnordwest; wenn der Wind südlich ist, kann ich einen Kirchturm von einem Leuchtenpfahl unterscheiden.
     (Polonius kommt.)

Polonius. Es gehe euch wohl, meine Herren.

Hamlet. Hört, Güldenstern! – und ihr auch – an jedem Ohr ein Hörer: Der große Säugling, den ihr da seht, ist noch nicht aus den Kinderwindeln.

Rosenkranz. Vielleicht ist er zum zweitenmal hineingekommen, denn man sagt, alte Leute werden wieder Kinder.

Hamlet. Ich prophezeie, daß er kommt, um mir von den Schauspielern zu sagen. Gebt acht! – Ganz richtig, Herr, am Montag Morgen, da war es eben.

Polonius. Gnädiger Herr, ich habe euch Neuigkeiten zu melden.

Hamlet. Gnädiger Herr, ich habe euch Neuigkeiten zu melden. – Als Roscius ein Schauspieler zu Rom war –

Polonius. Die Schauspieler sind hergekommen, gnädiger Herr.

Hamlet. Lirum, larum.

Polonius. Auf meine Ehre –

Hamlet. „Auf seinem Es’lein jeder kam“ –

Polonius. Die besten Schauspieler in der Welt, sei es für Tragödie, Komödie, Historie, Pastorale, Pastoral-Komödie, Historiko-Pastorale, Tragiko-Historie, Tragiko-Komiko-Historiko-Pastorale, für unteilbare Handlung oder fortgehendes Gedicht. Seneka kann für sie nicht zu traurig, noch Plautus zu lustig sein. Für das Aufgeschriebne und für den Stegreif haben sie ihresgleichen nicht.

Hamlet. „O Jephta, Richter Israels“ –
Welchen Schatz hattest du?

Polonius. Welchen Schatz hatte er, gnädiger Herr?

Hamlet. Nun:
     „Hätt’ ein schön Töchterlein, nicht mehr,
     Die liebt’ er aus der Maßen sehr.“

Polonius. (beiseite.) Immer meine Tochter.

Hamlet. Habe ich nicht recht, alter Jephta?

Polonius. Wenn ihr mich Jephta nennt, gnädiger Herr, so habe ich eine Tochter, die ich aus der Maßen sehr liebe.

Hamlet. Nein, das folgt nicht.

Polonius. Was folgt denn, gnädiger Herr?

Hamlet. Ei,
 „Wie das Los fiel,
 Nach Gottes Will’,“
Und dann wißt ihr:
 „Hierauf geschah’s,
 Wie zu vermuten was“ –
Aber ihr könnt das im ersten Abschnitt des Weihnachtsliedes weiter nachsehn; denn seht, da kommen die Abkürzer meines Gesprächs. (Vier oder fünf Schauspieler kommen.) Seid willkommen, ihr Herren, willkommen alle! – Ich freue mich, dich wohl zu sehn. – Willkommen, meine guten Freunde! – Ach, alter Freund, wie ist dein Gesicht betroddelt, seit ich dich zuletzt sah! Du wirst doch hoffentlich nicht in den Bart murmeln? – Ei, meine schöne, junge Dame! Bei unsrer Frauen, Fräulein, ihr seid dem Himmel um die Höhe eines Absatzes näher gerückt, seit ich euch zuletzt sah. Gebe Gott, daß eure Stimme nicht wie ein abgenutztes Goldstück den hellen Klang verloren haben mag. – Willkommen alle, ihr Herrn! Wir wollen frisch daran, wie französische Falkeniere auf alles losfliegen, was uns vorkommt. Gleich etwas vorgestellt! Laßt uns eine Probe eurer Kunst sehen. Wohlan! eine pathetische Rede.

Erster Schauspieler. Welche Rede, mein wertester Prinz!

Hamlet. Ich hörte dich einmal eine Rede vortragen – aber sie ist niemals aufgeführt, oder wenn es geschah, nicht mehr als einmal; denn ich erinnre mich, das Stück gefiel dem großen Haufen nicht, es war Kaviar für das [429] Volk. Aber es war, wie ich es nahm, und andre, deren Urteil in solchen Dingen den Rang über dem meinigen behauptete, ein vortreffliches Stück: in seinen Scenen wohlgeordnet und mit eben so viel Bescheidenheit als Verstand abgefaßt. Ich erinnre mich, daß jemand sagte, es sei kein Salz und Pfeffer in den Zeilen, um den Sinn zu würzen, und kein Sinn in dem Ausdrucke, der an dem Verfasser Ziererei verraten könnte, sondern er nannte es eine schlichte Manier, so gesund als angenehm, und ungleich mehr schön als geschmückt. Eine Rede darin liebte ich vorzüglich: es war des Aeneas Erzählung an Dido; besonders da herum, wo er von der Ermordung Priams spricht. Wenn ihr sie im Gedächtnisse habt, so fangt bei dieser Zeile an. – Laßt sehn, laßt sehn –
     „Der rauhe Pyrrhus, gleich Hyrkaniens Leu’n –
nein, ich irre mich; aber es fängt mit Pyrrhus an.
     Der rauhe Pyrrhus, er, dess’ düstre Waffen,
Schwarz wie sein Vorsatz glichen jener Nacht,
Wo er sich barg im unglückschwangern Roß,
Hat jetzt die furchtbare Gestalt beschmiert
Mit grausamer Heraldik; rote Farbe
Ist er von Haupt zu Fuß; scheußlich geschmückt
Mit Blut der Väter, Mütter, Töchter, Söhne,
Gedörrt und klebend durch der Straßen Glut,
Die grausames, verfluchtes Licht verleihn
Zu ihres Herrn Mord. Heiß von Zorn und Feuer,
Bestrichen mit verdicktem Blut, mit Augen,
Karfunkeln gleichend, sucht der höllische Pyrrhus
Altvater Priamus“ –
Fahrt nun so fort.

Polonius. Bei Gott, mein Prinz, wohl vorgetragen:
mit gutem Ton und gutem Anstande.

Erster Schauspieler.  „Er find’t alsbald ihn,
Wie er den Feind verfehlt: sein altes Schwert
Gehorcht nicht seinem Arm; liegt, wo es fällt,
Unachtsam des Befehls. Ungleich gepaart
Stürzt Pyrrhus auf den Priam, holt weit aus:
Doch bloß vom Sausen seines grimmen Schwertes
Fällt der entnervte Vater. Ilium
Schien, leblos, dennoch diesen Streich zu fühlen:
Es bückt sein Flammengipfel sich hinab,
Bis auf den Grund, und nimmt mit furchtbarm Krachen
Gefangen Pyrrhus Ohr: denn seht, sein Schwert,
Das schon sich senkt auf des ehrwürd’gen Priam
Milchweißes Haupt, schien in der Luft gehemmt.
So stand er, ein gemalter Wütrich, da,
Und, wie parteilos zwischen Kraft und Willen,
That nichts.
Doch wie wir oftmals sehn vor einem Sturm,
Ein Schweigen in den Himmeln, still die Wolken,
Die Winde sprachlos, und der Erdball drunten
Dumpf wie der Tod – mit eins zerreißt die Luft
Der grause Donner; so, nach Pyrrhus Säumnis
Treibt ihn erweckte Rach’ aufs neu zum Werk;
Und niemals trafen der Cyklopen Hammer
Die Rüstung Mars, gestählt für ew’ge Dauer,
Fühlloser als des Pyrrhus blut’ges Schwert
Jetzt fällt auf Priamus. –
Pfui, Metze du, Fortuna! All ihr Götter
Im großen Rat, nehmt ihre Macht hinweg;
Brecht alle Speichen, Felgen ihres Rades,
Die runde Nabe rollt vom Himmelsberg
Hinunter bis zur Hölle.“

Polonius. Das ist zu lang.

Hamlet. Es soll mit eurem Barte zum Balbier. – Ich bitte dich, weiter! Er mag gern eine Posse oder eine Zotengeschichte, sonst schläft er. Sprich weiter, komm auf Hekuba.

Erster Schauspieler. „Doch wer, o Jammer!
Die schlotterichte Königin gesehn“ –

Hamlet. Die schlotterichte Königin?

Polonius. Das ist gut; schlotterichte Königin ist gut.

Erster Schauspieler. „Wie barfuß sie umherlief, und den Flammen
Mit Thränengüssen drohte; einen Lappen
Auf diesem Haupte, wo das Diadem
Vor kurzem stand; und an Gewandes Statt
Um die von Weh’n erschöpften magern Weichen
Ein Laken, in des Schreckens Hast ergriffen.
Wer das gesehn, mit gift’gem Schelten hätte
Der an Fortunen Hochverrat verübt.
Doch wenn die Götter selbst sie da gesehn,
Als sie den Pyrrhus argen Hohn sah treiben,
Zerfetzend mit dem Schwert des Gatten Leib:
Der erste Ausbruch ihres Schreies hätte
(Ist ihnen Sterbliches nicht gänzlich fremd)
Des Himmels glüh’nde Augen tau’n gemacht,
Und Götter Mitleid fühlen.“

Polonius. Seht doch, hat er nicht die Farbe verändert, und Thränen in den Augen. – Bitte, halt inne!

Hamlet. Es ist gut, du sollst mir das Uebrige nächstens hersagen. – Lieber Herr, wollt ihr für die Bewirtung der Schauspieler sorgen? Hört ihr, laßt sie gut behandeln, denn sie sind der Spiegel und die abgekürzte Chronik des Zeitalters. Es wäre euch besser, nach dem Tode eine schlechte Grabschrift zu haben, als üble Nachrede von ihnen, solange ihr lebt.

Polonius. Gnädiger Herr, ich will sie nach ihrem Verdienst behandeln.

Hamlet. Potz Wetter, Mann, viel besser. Behandelt jeden Menschen nach seinem Verdienst, und wer ist vor Schlägen sicher? Behandelt sie nach eurer eignen Ehre und Würdigkeit: je weniger sie verdienen, desto mehr Verdienst hat eure Güte. Nehmt sie mit.

Polonius. Kommt, ihr Herren.

Hamlet. Folgt ihm, meine Freunde! morgen soll ein Stück aufgeführt werden. – Höre, alter Freund, könnt ihr die Ermordung Gonzagos spielen?

Erster Schauspieler. Ja, gnädiger Herr.

Hamlet. Gebt uns das morgen Abend. Ihr könntet im Notfall eine Rede von ein Dutzend Zeilen auswendig lernen, die ich abfassen und einrücken möchte? Nicht wahr?

Erster Schauspieler. Ja, gnädiger Herr.

Hamlet. Sehr wohl. – Folgt dem Herrn, und daß ihr euch nicht über ihn lustig macht.
     (Polonius und die Schauspieler ab.)
Meine guten Freunde, ich beurlaube mich von euch bis abends: ihr seid willkommen zu Helsingör.

Rosenkranz. und Güldenstern. Sehr wohl, gnädiger Herr.
     (Rosenkranz und Güldenstern ab.)

Hamlet. Nun, Gott geleit euch. – Jetzt bin ich allein.
O, welch ein Schurk und niedrer Sklav bin ich!
Ist’s nicht erstaunlich, daß der Spieler hier
Bei einer bloßen Dichtung, einem Traum
Der Leidenschaft, vermochte seine Seele
Nach eignen Vorstellungen so zu zwingen,
Daß sein Gesicht von ihrer Regung blaßte,
Sein Auge naß, Bestürzung in den Mienen,
Gebrochne Stimm’, und seine ganze Haltung
Gefügt nach seinem Sinn. Und alles das um nichts!
Um Hekuba!
Was ist ihm Hekuba, was ist er ihr,
Daß er um sie soll weinen? Hätte er
Das Merkwort und den Ruf zur Leidenschaft
Wie ich: was würd’ er thun. Die Bühn’ in Thränen
Ertränken, und das allgemeine Ohr
Mit grauser Red’ erschüttern; bis zum Wahnwitz

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Den Schuld’gen treiben, und den Freien schrecken.

Unwissende verwirren, ja betäuben
Die Fassungskraft des Auges und des Ohrs.
Und ich,
Ein blöder, schwachgemuter Schurke, schleiche
Wie Hans der Träumer, meiner Sache fremd,
Und kann nichts sagen, nicht für einen König,
An dessen Eigentum und teurem Leben
Verdammter Raub geschah. Bin ich ’ne Memme?
Wer nennt mich Schelm? bricht mir den Kopf entzwei?
Rauft mir den Bart und wirft ihn mir ins Antlitz?
Zwickt an der Nase mich? und straft mich Lügen
Tief in den Hals hinein? Wer thut mir dies?
Ha! nähm’ ich’s eben doch. – Es ist nicht anders:
Ich hege Taubenmut, mir fehlt’s an Galle,
Die bitter macht den Druck, sonst hätt’ ich längst
Des Himmels Gei’r gemästet mit dem Aas
Des Sklaven. Blut’ger, kupplerischer Bube! –
Fühlloser, falscher, geiler, schnöder Bube! –
Ha, welch ein Esel bin ich! Trefflich brav,
Daß ich, der Sohn von einem teuren Vater,
Der mir ermordet ward, von Höll’ und Himmel
Zur Rache angespornt, mit Worten nur,
Wie eine Hure, muß mein Herz entladen,
Und mich aufs Fluchen legen, wie ein Weibsbild,
Wie eine Küchenmagd!
Pfui drüber! Frisch ans Werk, mein Kopf! Hum, hum
Ich hab’ gehört, daß schuldige Geschöpfe,
Bei einem Schauspiel sitzend, durch die Kunst
Der Bühne so getroffen worden sind
Im innersten Gemüt, daß sie sogleich
Zu ihren Missethaten sich bekannt:
Denn Mord, hat er schon keine Zunge, spricht
Mit wundervollen Stimmen. Sie sollen was
Wie die Ermordung meines Vaters spielen
Vor meinem Oheim: ich will seine Blicke
Beachten, will ihn bis ins Leben prüfen:
Stutzt er, so weiß ich meinen Weg. Der Geist,
Den ich gesehen, kann ein Teufel sein;
Der Teufel hat Gewalt sich zu verkleiden
In lockende Gestalt; ja und vielleicht,
Bei meiner Schwachheit und Melancholie,
(Da er sehr mächtig ist bei solchen Geistern)
Täuscht er mich zum Verderben. Ich will Grund,
Der sichrer ist. Das Schauspiel sei die Schlinge,
In die den König sein Gewissen bringe.
     (Ab.)

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