Hexen, Teufel und Blocksbergspuk in Geschichte, Sage und Literatur

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Autor: Karl Knortz
Titel: Hexen, Teufel und Blocksbergspuk in Geschichte, Sage und Literatur
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Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: [1913]
Verlag: Graser (Richard Liesche)
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Erscheinungsort: Annaberg
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[I]
Hexen, Teufel und Blocksbergspuk
in Geschichte, Sage und Literatur


Allen anmutigen Blocksberghexlein

und munteren Teufelsbrüdern des

Harzgebirges gewidmet


von


Professor Karl Knortz.


Annaberg, Sachsen
Grasers Verlag (Richard Liesche).


[1]
I.
Hexen.

Die Kulturgeschichte hat überzeugend bewiesen, daß sich der Aberglaube mit jeder Religionsform friedlich verträgt; derselbe mag eine Zeitlang ins Verborgene gedrängt, niemals aber wird er gänzlich unterdrückt werden. Schon der allen Religionssystemen eigene Dualismus, also der Glaube an das Walten zweier sich feindlich bekämpfender Mächte, bewirkt, daß der Teufel und seine Helfershelfer nicht ignoriert werden dürfen, auch schon deshalb nicht, weil ihre Existenz durch die Bibel sanktioniert ist. Deshalb sagt auch John Wesley, der Gründer der Methodistenkirche, allen Ernstes, daß derjenige, welcher z. B. die Existenz der Hexen verneine, die Wahrheit der Bibel leugne.

Die Hexen stellten ursprünglich die im Wind und Wetter wirkenden Naturkräfte dar und hatten als solche natürlich weitgehenden Einfluß auf das Wohl und Wehe der Menschen. Als Hainbewohnerinnen – daher ihr Name – standen sie mit der Gottheit in unmittelbarem Verkehr und konnten deshalb, wie die gewöhnliche Redensart lautet, mehr als Brot essen. Es waren also weise Frauen, deren Rat häufig verlangt und stets geschätzt wurde. Auch das englische witch, das slavische vjestica und das lateinische saga bedeutet eine weise Frau. Unter dem lateinischen Worte strix, das vielfach für Hexe gebraucht wurde, ist eigentlich ein Nachtvogel oder ein Vampyr zu verstehen, der schlafenden Kindern das Blut aussaugt. Volatica heißt die Hexe im Lateinischen in Hinsicht auf ihr nächtliches Herumfliegen, und anus cautatrix in Bezug auf ihre Zaubersprüche. Das englische hag ist mit Hexe oder Hagesse etymologisch verwandt; man versteht jetzt darunter eine alte, runzliche, arme und verachtete Frau. – In Siebenbürgen werden die Hexen heute noch „gute Frauen“ genannt. Da aber ihr weiser Rat von den Christen auf heidnische Inspiration zurückgeführt wurde, so war es kein Wunder, daß diese [2] in jenen Seherinnen nichts als verworfene und verstockte Teufelsdienerinnen erblickten und ihr möglichstes taten, sie mit Feuer und Schwert vom Erdboden zu vertilgen.

Der Kirchenvater Origines lehrte, daß jeder Mensch von zahllosen guten und bösen Geistern umgeben sei und daß der Teufel sich keine Gelegenheit entgehen lasse, die Frommen in seine Gewalt zu bringen, weshalb stets die größte Wachsamkeit geboten sei. Gregor der Große erzählt von einer Nonne, in der sich, da sie einst vergaß das Zeichen des Kreuzes auf ein von ihr gegessenes Salatblatt zu machen, der Teufel so fest setzte, daß St. Equitus seine ganze Beschwörungskunst aufbieten mußte, denselben zum Weichen zu bringen.

Nach Cäsar von Heisterbach bekümmerte sich der Teufel beständig um menschliche Angelegenheiten; besonders suchte er in Gestalt einer üppigen Frau die Heiligen zu verführen und sich Gewalt über schwangere Weiber zu verschaffen. Sprenger, einer der Verfasser des berüchtigten Hexenhammers, bemerkt, wenn ein Mann zu seiner schwangeren Frau sage, der Teufel soll sie holen, so sei das Kind dem bösen Geiste verfallen; ja, er behauptet sogar, mehrere solcher unglücklichen Kinder gesehen zu haben. Jedes derselben hatte einen solchen Appetit, daß es nicht von fünf Ammen gestillt werden konnte; trotzdem sahen alle mager und abgezehrt aus, waren auch sehr schwach.

In der folgenschweren Bulle, die Papst Innocenz VIII. 1484, also im ersten Jahre seiner Amtsführung erließ, machte er die Welt auf die Tatsache aufmerksam, daß besonders in Deutschland die Zahl der Incuben, Succuben und Hexen in erschrecklicher Weise zugenommen hätte und daß, währenddem die erstgenannten hauptsächlich auf die Verführung junger Frauen und Männer ausgingen, die letzteren das heilige Sakrament verlästerten und durch gottlose Handlungen und Zaubersprüche den Weinbergen, Obstbäumen und Tieren empfindlichen Schaden zufügten. Deshalb beauftragte dann der Papst „seine geliebten Söhne“ Heinrich Institor und Jacob Sprenger, in Oberdeutschland und im Rheingebiete auf diese Übeltäter und Übeltäterinnen zu fahnden und die Ketzerei mit allen Mitteln auszurotten. [3] Genannte Herren fühlten sich durch diesen Auftrag so sehr geschmeichelt, daß sie nichts Eiligeres zu tun hatten, als die lateinische Schrift Malleus maleficarum (Hexenhammer) zusammenzustellen und darin erstens die Existenz der Hexen „wissenschaftlich“ zu beweisen und zweitens genau anzugeben, an welchen Merkmalen diese zu erkennen und durch welche Torturen sie zum Geständnis zu bewegen seien.

Diese Schrift, welche tausende von unschuldigen Frauen dem Flammentode überlieferte, beruht auf der Ansicht, daß hauptsächlich das Weib sich als Werkzeug des Satans gebrauchen ließe und dem christlichen Glauben weniger zugetan sei als der Mann.[1] Nach der von den Verfassern vertretenen Ansicht soll es hauptsächlich drei Dinge, nämlich Zunge, Geistlicher und Weib in der Welt geben, die sich stets in Extremen bewegen und entweder die höchste Güte oder die höchste Bosheit anstreben. Da die Frauen Vernunftgründen schwer zugänglich seien, so gäben sie leicht den Einflüsterungen des Teufels Gehör – kurzum, sie seien, da sie aus einer krummen Rippe erschaffen, zu allem fähig.

Aber nicht nur Frauen, sondern auch unschuldige Kinder wurden des Umgangs mit dem Teufel geziehen und demgemäß bestraft; deshalb erlauben die Bewohner einiger Dörfer Tyrols noch heute nicht ihren Kindern, nach dem Abendläuten auf die Straße zu gehen, weil sie befürchten, die Unholdinnen würden alsdann Macht über sie gewinnen.[2] Dr. Charles Mackay klagt in seinem Werke „Memoirs of extraordinary popular delusious“ (London 1841) bitter über den weitverbreiteten Glauben, daß Kinder, die noch nicht einmal zwölf Jahre zählten, [4] des Umgangs mit dem Teufel überführt und dann verbrannt wurden (convicta et combusta). Die letzte derartige Hinrichtung wurde in England 1716 vorgenommen; es wurde damals Frau Hicks mit ihrer neunjährigen Tochter dafür gehängt, daß sie ihre Seele dem Teufel verkauft und durch Abziehen ihrer Strümpfe und durch Seifenschaum einen schrecklichen Sturm erregt hatten.

Trotzdem ist der Hexenglaube in England ebensowenig ausgestorben, wie in andern christlichen und unchristlichen Ländern. In der Londoner „Times“ vom 18. Dezember 1845 befindet sich folgende, dem zu Iverneß in Schottland erscheinenden „Courier“ entnommene Mitteilung: „Nicht weit von Louisburg lebt ein Mädchen, das bis vor wenigen Tagen im Rufe stand, eine Hexe zu sein. Um ihm die Zauberei gründlich zu vertreiben, setzte es ein Nachbar in ein Loch, umgab es mit dürrem Holz und Hobelspänen und zündete diese an. Glücklicherweise trug das Kind keine gefährlichen Brandwunden davon, doch wurde es nach der Aussage intelligenter Nachbarn dadurch von seinem hexenähnlichen Aussehen befreit und machte sich später auch keiner Zauberei mehr schuldig.“

Es gibt kein Land ohne Hexensagen. Überall wird erzählt, daß diese Unholdinnen der Hausfrau das Buttern erschweren oder unmöglich machen, daß sie den Teufel verehren und Unzucht mit ihm treiben, daß sie durch die Luft auf Besenstielen, Ofengabeln, Böcken, Katzen, Hunden und sogar auf Menschen reiten, daß sie Gewitterstürme verursachen und die Kinder krank machen oder am Wachstum verhindern. Angesichts dieser Tatsachen darf man sich nun nicht verwundern, daß stets die schrecklichsten Mittel zur Ausrottung derselben angewendet wurden, besonders in Zeiten, da man infolge der Unkenntnis der Naturgesetze natürliche Vorgänge nicht auf natürliche Ursachen zurückführen konnte.

Vom Mitleide der Hexen gibt es nur wenige Beispiele. Als einst ein Tyroler in Koblenz am Heimweh erkrankte,[3] aber kein Reisegeld besaß, setzte ihn eine Hexe auf ihren [5] Geisbock und lieferte ihn nach einer Viertelstunde gesund und munter in seinem Geburtsorte ab.

Wollen die Tyroler Hexen einen Gewittersturm erregen, so ziehen sie rote Strümpfe, wodurch der Blitz versinnbildlicht wird, an und fliegen über Berg und Tal. Nur Glockengeläute, das ihnen überhaupt verhaßt ist, kann sie von ihrer verderblichen Luftfahrt abhalten, weshalb auch noch heute in zahlreichen Dörfern Oesterreichs beim Gewitter die Glocken geläutet werden.

Schon die alten Griechen glaubten, daß die Hexen den Lauf der Sonne aufhalten, Tote erwecken und Stürme hervorrufen konnten. Während der amerikanischen Kolonialzeit half einst eine Hexe einem Arzte, der mit Kornschaufeln beschäftigt war, dadurch, daß sie ihm günstigen Wind zufächelte. Um einen Sturm auf einem Meere oder Fluß zu erregen, brauchen die Hexen bloß ins Wasser zu schlagen; nach dem Hexenhammer müssen sie dabei den Teufel anrufen und einen schwarzen Hahn opfern. Wie G. P. Mac Lean in seinen „History of the Clan Mac Lean“ (Cincinnati 1889) erzählt, so wurde die berühmte spanische Armada durch eine schottische Hexe, die auf dem Berge Ben More wohnte, zerstört. Sobald sich nämlich ein spanisches Schiff auf englischem Wasser zeigte, stellte sie ein kleines Boot auf einen Bach und drehte es so schnell und so lange hin und her, bis es sank, worauf auch das feindliche Schiff von den Wellen verschlungen wurde.

Wenn die Tyroler Hexen ins Wasser schlagen, um ein Gewitter herbei zu zaubern, so bedienen sie sich eines Eschenzweiges, den sie beständig im Busen versteckt tragen. Die Esche, einer der wichtigsten Bäume der altnordischen Mythologie, steht nach Kuhn’s Forschungen in engster Beziehung zu den Wolkenbildungen. In Böhmen ist man der Ansicht, daß schon die Nähe derselben gegen Blitzgefahr schütze. In einigen Gegenden Deutschlands sollen die Hexen sich zur Hervorrufung eines Sturmes der Haselstaude bedienen; dieselbe, aus der auch die Wünschelrute gemacht wird, ist dem Gewittergotte Donar geweiht. Im Kanton Sankt Gallen heißen die Hexen „Haselnußfräuli“.

[6] Am Maria-Heimsuchungstage pflückt man Haselzweige und steckt sie vereint mit Palmzweigen vor die Fenster und auf die Felder. Sie schützen vor Blitz und Hagelschlag. Auch geht die Sage, daß sich unter der Hasel keine Schlange aufhalte, und daß mit einer Haselgerte alles giftige Gewürm getötet werden könne. Haselzweige dienen als Zauberstäbe, mit denen man Geister und Hexen bannen und zitieren kann. Die Rute muß aber von einer Weißhaselstaude in einer „heiligen“ Nacht, besonders der Christnacht, geschnitten sein.

Am Pfingstsonntage geht nach dem Volksglauben die Sonne dreimal auf. Wer nun vor dem dritten Sonnenaufgang mit einem Schnitt drei Kreuze in die Rinde einer Haselrute und diese selbst mit drei Schnitten glatt vom Stamme schneidet, der hat einen zauberkräftigen Stock. Er kann mit demselben ferne Feinde prügeln. Dies geschieht auf folgende Art: Er nimmt ein Kleidungsstück von demjenigen Körperteile, auf den er dem Feinde Hiebe versetzen will, schlägt auf dasselbe, und der Ferne wird den Schlag auf der betreffenden Stelle empfinden.

In England und Amerika nannte man eine gewisse Pflanze, aus welcher eine Flüssigkeit gewonnen wird, mit der man wunde Körperstellen befeuchtet, witch hazel. Der botanische Name dafür ist hamamelis virginica, also auf Englisch wych hazel.[4] Sie wurde nie für Zauberzwecke gebraucht.

Die Nordmänner nannten die Hexen zuweilen seidhr konur; das erste Wort, welches eigentlich Zauber bedeutet, soll von sjoda (kochen) abgeleitet sein und mit dem Kessel, in welchem die Hexen das Gewitter brauen, in Verbindung stehen.

Englische Hexen sollen häufig den Seeleuten günstige Winde verkauft haben. Eine solche lebte z. B. 1814 auf den Orkney-Inseln; nachdem sie das Wasser in ihrem Zauberkessel zum Kochen gebracht hatte, sprach sie einige Beschwörungsformeln darüber aus und verkaufte es dann. Auf der Insel Man verkauften die Hexen den Schiffern [7] Fäden, in die sie eine Anzahl Knoten gemacht hatten; je nachdem nun Wind gewünscht wurde, öffnete man dieselben.

Der Wende nennt den Sturm- oder Wirbelwind Wichar und stellt sich denselben als großen, grauen Kater vor. Stürmt es, so wirft er sein Messer in die Luft, um ihn zu verwunden. In Spalato schießen die jungen Leute geweihte Wachskugeln in die Gewitterwolken und glauben, daß nach jedem Schusse eine Hexe sterbe.

Die Bewohner von Krain stoßen bei einem schweren Gewitter zur Vertreibung der Hexen mit Kehrbesen, Mistgabeln und anderen ländlichen Waffen in der Luft herum. Auf der deutschen Sprachinsel Gottschee schießen bei derselben Veranlassung die jungen Leute zerstoßene Kupfermünzen, Schweinsborsten und dergleichen aus Pistolen, Gewehren und Mörsern in die Wolken und verursachen dadurch den Hexen Triefaugen.

Daß die amerikanischen Neger, besonders die dem unbeschränktesten Aberglauben blindlings ergebenen Bewohner der Südstaaten, sich das Leben und die Widerwärtigkeiten desselben nicht ohne Beeinflussung durch Hexen denken können, zeigen dieselben namentlich durch Erfindung zahlreicher Mittel, um die schädliche Wirksamkeit der unheimlichen Teufelinnen zu beseitigen und sich gegen die nächtlichen Besuche derselben zu schützen. Man füllt, um einige anzuführen, eine Flasche bis zur Hälfte mit Wasser und hängt sie an den Pfosten des Bettes, da, wo der Kopf liegt. Dann nimmt man einen ungebrauchten Kork, steckt zwölf neue Nadeln hinein und hängt ihn über die Öffnung der Flasche. Kommt dann die Hexe und setzt sich dem Schlafenden auf die Brust, so muß sich dieser ruhig verhalten; schickt sie sich aber gegen Morgen zur Abfahrt an, dann ist die Gelegenheit gekommen, sie zu fangen. Sie muß nämlich ihren Weg über den Pfosten, wo der Kopf liegt, nehmen und wird dann durch ihre innere Natur gezwungen, bei den Nadeln anzuhalten, um sie zu zählen. Nun muß man den Kork schnell in den Hals der Flasche drücken und die Hexe ist gefangen und unschädlich gemacht. Einige Tage später wird eine alte, kränkliche Frau kommen und bitten, ihre Seele aus der Flasche zu befreien, da sie sonst sterben [8] müsse. Erfüllt man ihren Wunsch nicht, so wird sie langsam dahinsiechen und schließlich auf dem Kirchhofe landen.

Auch kann man eine Hexe dadurch festbannen, daß man unbemerkt eine dreizackige Gabel unter ihrem Stuhle in den Zimmerboden sticht; erst nach Entfernung derselben kann sie sich wieder bewegen und auf Nimmerwiedersehen Abschied nehmen.[5]

Die Hexen sollen sich besonders gerne in Besen, die in der Stubenecke stehen, aufhalten; abgenutzte Besen werden daher in Oesterreich und Deutschland gewöhnlich verbrannt. Im erstgenannten Lande nennt man die auffallend dicht zusammengewachsenen Zweige eines Baumes Hexennest, weil eine Gewitter schickende Unholdin darin wohnen soll. Wenn der Wende einen Besen oder einen Schuh auf den Weg legt, so muß jede Hexe um diese Gegenstände herum, aber nicht darüber schreiten. In Teplitz und Umgegend sammeln die Kinder im Frühjahr alte Besen, zünden sie am Walpurgisabend auf einem hohen Berge an und schwenken sie in der Luft herum; dies nennen sie Hexenfeuer, weil dadurch die Hexen vertrieben werden sollen. Zu demselben Zwecke wird auch dort um genannte Zeit mit den Peitschen geknallt, mit Ketten gerasselt und auf Hörnern geblasen, die aus Weidenrinde verfertigt sind.

Wenn in Schlesien auf Ostermontag ein Besen vor die Kirchtüre gelegt wird, kann keine Hexe darüberschreiten. Will man die Hexen dort aus den Ställen halten, so braucht man bloß mit geweihter Kreide drei Kreuze an die Türe zu machen. Aus den Häusern hält man sie dadurch, daß man eine Fledermaus an die Türe nagelt.

Wenn in Waldeck ein junges Ehepaar seine neue Wohnung bezieht, so werden zum Schutz gegen Hexen Besen und Axt, welch’ letztere als Atribut Thors den Blitz repräsentiert, kreuzweis über die Türschwellen gelegt.

Da in einigen katholischen Gegenden Deutschlands in der Karwoche die Glocken nicht geläutet werden. so haben alsdann die Hexen freien Lauf, und die Hausfrau sucht sich gewöhnlich durch fleißiges Kehren, besonders [9] unter dem Bette, dagegen zu schützen. Auch in der Niederlausitz werden die Hexen mit dem Besen fortgekehrt. Die deutschen Bauern verstehen unter dem Ausdruck „Donnerbesen“ oder „Wetterhexe“ gewöhnlich ein fleißiges Mädchen, das mehr und schneller als ein anderes arbeitet.

Die Hexen scheinen also eine besondere Vorliebe für Besen zu haben. Wenn sie sich heimlich in die „Hölle“, d. h. in eine warme Ecke hinter dem Ofen begeben, so verkriechen sie sich gewöhnlich in den dort stehenden Besen. Auch benutzen sie ein solches Hausgerät bei ihrer nächtlichen Frühlingsfahrt zum Blocksberg. Ehe sie abfahren, beschmieren sie den Besen oder irgendein anderes lebloses Fahrzeug mit Hexensalbe.[6] Diese bereiten sie auf folgende Weise: sie stecken beim Abendmahl eine geweihte Hostie heimlich in die Tasche, füttern eine Kröte damit und verbrennen sie. Die Asche derselben vermischen sie mit dem Blute eines ungetauften Kindes, mit gewissen Kräutern und mit Knochenmehl, das von einem Gehenkten stammt.

Heyl erzählt in seinem früher erwähnten Sammelwerke, daß einst ein Tyroler Knecht die mit ihm in demselben Hause dienende Magd in der ersten Mainacht heimlich beobachtete und sah, wie sie mit jener Salbe eine Ofengabel bestrich und mit den Worten: „Überall auf und nirgends an!“ durch den Schornstein verschwand. Als sie fort war, probierte der Knecht auch sein Glück. Er beschmierte mit dem Reste der Hexensalbe ein ähnliches Fahrzeug, doch da er dabei die Zauberworte verkehrt sprach, so stieß er unterwegs überall an. Als er nun schließlich mit zahlreichen Löchern im Kopfe auf dem Hexentanzplatze anlangte, sah er, wie jene Magd geschlachtet, gebraten und gegessen wurde. Eine Rippe derselben warf man ihm zu, doch er verzehrte sie nicht, sondern steckte sie in seine Tasche. Als sich nun die Hexe zur Heimfahrt rüstete, belebte sie die übrigen Knochen wieder und da sie ausfand, daß ihr eine Rippe fehlte, machte sie sich eine aus Haselholz. Als sie späterhin der Knecht daran erinnerte, stürzte sie tot zur Erde.

[10] Eine Tyroler Hexe, wie ebenfalls Heyl erzählt, warf, wenn sie eine nächtliche Versammlung besuchen wollte, jedesmal einen Sattel auf den Rücken ihres Stiefsohnes, worauf er in ein Pferd verwandelt wurde und sie forttragen mußte. Zu Hause angekommen, nahm sie dem Jungen den Sattel ab und verlieh ihm seine frühere Gestalt wieder. Als sie nun einst ihren Bruder zu demselben Geschäfte zwingen wollte, warf dieser schnell den Sattel über sie und verwandelte sie in eine Stute. Mit derselben ritt er zur nächsten Schmiede und ließ sie beschlagen; doch als er ihr den Sattel wieder abnahm, war sie tot.

Ist eine Hexe verheiratet, so legt sie vor Antritt ihrer nächtlichen Fahrt ihrem schlafenden Manne ein Stück Holz oder einen Stiefelknecht, dem sie menschliche Gestalt angezaubert, ins Bett.

Die Hauptversammlung der Hexen findet in der ersten Mainacht statt, also zur Zeit, da die Anfänger des deutschen Volksglaubens, besonders die durch Karl den Großen in Schrecken versetzten Sachsen, in heiligen Hainen zusammenkamen und frohen Gottesdienst feierten. Der bei dieser Gelegenheit verehrte Wotan wurde von den Christen zum Teufel gestempelt, wie man auch den Waldensern nachsagte, sie beteten bei ihren heimlichen Zusammenkünften den Teufel in Gestalt einer Kröte, einer Katze oder eines Bockes an und pflegten fleischlichen Umgang mit ihnen.

Die Walpurgisnacht hat ihren Namen von einer Heiligen, die im achten Jahrhundert im Kloster Heidenheim bei Eichstadt lebte und mit den heidnischen Festen in keinerlei Verbindung stand. Ihr Name bedeutet „Totenbergerin“; vielleicht wurde sie deshalb so genannt, weil bis zum Mai die Erde im Schlummer liegt. Nach Vernalekens Alpensagen tritt sie als Frau mit feurigen Schuhen, langem, flatterndem Haar und einer Goldkrone, also mit Merkmalen auf, die auf ihre Beziehungen zum Gewitter hindeuten.

Um genannte Frühlingszeit feierten die Griechen ihre kleinen Eleusynien und die Römer ihre Floralien; letztere dauerten vom 28. April bis zum 1. Mai und arteten gewöhnlich in wüste Orgien aus. Der 1. Mai war der Hauptfeiertag der Göttin Flora, der ein fettes Schwein geopfert [11] wurde. Die Griechen verehrten in jener Zeit auch Hekate, eine der Unterwelt entstiegene Göttin der Zauberei, die über Kirchhöfe und Kreuzwege fuhr, Wind und Wetter machte und den Kräutern geheime Kräfte verlieh. Hekate, die oft mit Diana verwechselt wird und auch manche Ähnlichkeit mit ihr zeigt, war eine mystische, von Hesiod zuerst erwähnte Göttin des nachhomerischen Zeitalters, der alle Schreckmittel der Natur zur Verfügung standen, weshalb sie auch häufig für das Menschen fressende und sich in allerlei Gestalten zeigende Gespenst Empusa gehalten wird.

Jede Gegend Deutschlands und Oesterreichs hat einen bestimmten abgelegenen Platz, auf dem die Hexen ihre Jahresfeste abhalten. Der Hauptort ist jedoch der im Harz gelegene Brocken, der häufig von Nebelschichten umgeben ist, die im Sturm alle erdenklichen Gestalten annehmen und dadurch die Phantasie mit den wildesten Bildern beleben. Dort feierten auch die alten Sachsen ihr jährliches Frühlingsfest mit Freudenfeuer und Tanz.[7]

Nach einer von Dr. Bienemann mitgeteilten Sage[8] wurde für die deutschen Hexen auf dem Blocksberg [12] besonders gekocht, und ein Bäuerlein, das einst neugierig in den betreffenden Kessel blickte, erhielt vom Küchenmeister des Teufels einen solch’ kräftigen Schlag auf den Mund, daß er die Vorderzähne der oberen und unteren Kinnlade einbüßte.

Um die Hexen zu verhindern, auf ihrer nächtlichen Fahrt unterwegs Schaden anzurichten, machte man mit Kreide Kreuze an Haus, Scheune und Stall, zündete Feuer auf hohen Bergen an und läutete die Kirchglocken. Letzteres war ihnen ebenso zuwider, wie Goethe im zweiten Teile des „Faust“ spricht:

„Vom verfluchten Bimbambimmel
Umnebelnd heitern Abendhimmel,
Mischt sich in jegliches Begebnis
Vom ersten Bad bis zum Begräbnis,
Als wäre zwischen Bein und Baum
Das Leben ein verschollner Traum.“

In Böhmen, woselbst es die Hexen hauptsächlich auf die Verheerung der Felder abgesehen haben, wird in der ersten Mainacht fleißig geschossen, „damit der Brand nicht hinein komme“. Zuweilen wird auch ein Feuer angezündet und eine weibliche Figur hineingeworfen. In Oberösterreich pflegen Mägde und Knechte allerlei zur Reinigung des Hauses und Hofes gebrauchte Geräte, wie Rechen, Gabeln, Schaufeln und Besen umgekehrt in den Boden zu stecken, damit die Hexen daran hängen bleiben. Oft wird auch am ersten Mai das Vieh ausgetrieben und mit geweihten, aus Birkenreisern bestehenden und mit Blumen geschmückten Ruten geschlagen.

Eine drastische Beschreibung des Hexensabbathes findet man im „Simplizissimus“; doch fügt der Verfasser am Schlusse ironisch hinzu, daß dieselbe entweder auf einen Traum oder auf Aufschneiderei beruhe.

Von einem merkwürdigen Hexenritt berichtet das folgende isländische Märchen:

„Es war einmal ein Pfarrer, ein vortrefflicher und tüchtiger Mann. Als diese Geschichte sich zutrug, war er noch nicht lange verheiratet und hatte eine junge, hübsche Frau, die er sehr liebte; sie zeichnete sich aber auch in jeder Hinsicht vor allen anderen Frauen in jener Gegend [13] vorteilhaft aus. Ein Makel aber haftete an ihrem Lebenswandel, der dem Pfarrer gar nicht so geringfügig vorkam, der bestand eben darin, daß sie in jeder Christnacht verschwand und niemand wußte, was dann aus ihr geworden war. Der Pfarrer drang deshalb häufig mit Fragen in sie, allein, sie sagte, ihn gehe das gar nichts an. Dies war die einzige Sache, über die sie uneins waren.

Einst verdingte sich bei dem Pfarrer ein armer Wanderbursche[WS 2]; er war unansehnlich von Gestalt und Wuchs, doch glaubten die Leute, er verstehe sich auf mehr Dinge als gewöhnliche Menschen. So ging es auf Weihnachten zu, ohne daß sich etwas besonderes zutrug. Am Weihnachtsheiligabend jedoch ist der Bursche draußen im Pferdestall damit beschäftigt, die Leibpferde des Pfarrers zu kämmen und zu verpflegen. Da schlüpft auf einmal die Frau des Pfarrers herein und beginnt mit dem Burschen ein Gespräch über allerlei Dinge, und ehe er sichs versieht, zieht sie unter der Schürze ein Gebiß mit Zaumzeug hervor[9] und legt es dem Burschen an. Dasselbe aber übt eine solche Zauberkraft aus, daß der Bursche die Pfarrersfrau ruhig seinen Rücken besteigen läßt und wie der Wind mit ihr davonläuft. Es geht über Berg und Tal, über Felsen und Geröll, nichts hemmt den Ritt; dem Burschen ist beinah, als wate er durch dicken Rauch. Zuletzt kommen sie an ein kleines Haus. Dort steigt sie ab und bindet den Burschen an einen in der Hauswand befindlichen Pflock. Darauf geht die Pfarrersfrau an die Tür des Hauses und klopft an. Es kommt nun ein Mann heraus und empfängt sie ausgezeichnet freundlich und nimmt sie mit ins Haus. Sobald sie aber darin verschwunden sind, löst der Bursche den Zügel von dem Pflock, befreit sich mit einiger Mühe von dem Gebiß und steckt es zu sich. [14] Dann kriecht er auf das Dach des Hauses und späht durch einen Ritz im Dache, um zu sehen, was drinnen los sei. Da sieht er zwölf Frauen an einem Tische sitzen und als den dreizehnten jenen Mann, der herausgekommen war. Er erkannte auch seine Hausmutter unter ihnen. Er nimmt wahr, daß diese Frauen dem Manne große Ehrfurcht erweisen und im Begriffe sind, ihm allerlei von ihren Kniffen und Schlichen zu erzählen. Unter anderem berichtet da die Pfarrersfrau, sie sei auf einem lebendigen Menschen hergeritten, was der Hausherr sehr erstaunlich findet, denn er sagt, dies sei der schwierigste Hexenritt, einen lebendigen Menschen reiten zu können. Er meint, sie werde an Zauberkünsten alle anderen übertreffen, „denn ich weiß niemanden, der das bisher gekonnt hätte, außer mir selber“. Nun bitten ihn die Frauen fußfällig, sie doch auch diese Kunst zu lehren. Da legt er auf den Tisch ein Buch mit Blättern von grauer Farbe mit feuriger Schrift geschrieben. Diese Schrift sandte helle Strahlen durch das Haus, welches von keinem anderen Lichte erleuchtet wurde. Der Hausherr beginnt nun, die Frauen aus diesem Buche zu unterweisen und ihnen den Inhalt desselben auszulegen; der Bursche aber prägt sich alles, was jener vorträgt, genau ein. Nun wird mit dem Unterricht aufgehört, jede der Frauen aber zieht ein Glas aus der Tasche und reicht es dem Hausherrn. Der Bursche sieht, daß etwas Rotes darin ist, was der Hausherr trinkt, worauf er den Frauen die Gläser zurückgibt. Dann verabschieden sie sich sehr höflich von ihm und verlassen das Haus. Nun sieht der Bursche, daß von den Frauen eine jede ihr Zaunzeug und ihr Reitpferd hat; die eine hat einen Pferdefuß, die andere eine Kinnlade, die eine ein Schulterblatt usw. Jede nimmt nun ihren Gaul und reitet fort. Von der Pfarrersfrau aber ist zu erzählen, daß sie ihr Reitpferd nirgends findet; sie läuft wie besessen um das ganze Haus herum, wie sie sich’s am wenigsten versieht, springt der Bursche vom Dach herunter und legt ihr das Gebiß an. Dann sitzt er auf und macht sich auf den Heimweg. Er hatte in dieser Nacht so viel gelernt, daß er die Pfarrersfrau ganz richtig lenken konnte, und von ihrem Ritt ist weiter nichts zu sagen, als daß sie wieder in demselben Pferdestall anlangte, [15] von dem sie ausgeritten waren. Hier steigt der Bursche ab und bindet die Pfarrersfrau im Stalle an. Dann geht er heim und, erzählt die Zeitung, wo er gewesen und wo die Pfarrersfrau hingekommen sei und wie sich das alles zugetragen habe. Darüber verwundern sich nun alle Leute, und nicht am wenigstens der Pfarrer. Nun wurde die Pfarrersfrau herbeigeholt und verhört, und da gesteht sie nun zuletzt ein, daß sie und elf andere Pfarrersfrauen einige Jahre lang die schwarze Schule besucht hätten, wo der Teufel selber sie in Zauberkünsten unterwiesen habe, und daß nur ein Jahr noch von ihrer Lehrzeit übrig gewesen sei. Als Lehrgeld habe er sich Blut von ihnen ausbedungen, und dies sei das Rote gewesen, was der Bursche in den Gläsern gesehen habe. Der Pfarrersfrau wurde darauf für ihre Missetat eine wohlverdiente Züchtigung zuerteilt.“[10]

Der Boden, auf dem die Hexen getanzt, bleibt ein Jahr lang unfruchtbar.

Nach einer Rügen’schen Sage[11] war ein Bauer in der Walpurgisnacht in einen Wald geraten, wo die Hexen gerade[WS 3] eine Versammlung abhielten. Sie riefen ihm zu, er solle ihnen zum Tanz aufspielen und reichten ihm ein Horn. Als nun um ein Uhr plötzlich alles verschwand, sah er, daß sein musikalisches Instrument ein tote Katze war, der er die Gedärme aus dem Leibe gesogen hatte.

Zwei Bauern von Niederwangen im Sarntal, der Gänsbacher und der Hofer, gehen einmal des Nachts über den Tanzbach und hören eine wunderschöne Musik. Der Gänsbacher, ein Meister der Hexenkunst, sagte zum Hofer, er solle ihm auf den Fuß treten, dann werde er den Teufel mit dem Hexenvolk sehen. Der Hofer tat es, und nun sahen sie den Spuk. Es war ein langer Zug, zuerst lauter junge Mädchen, das eine schöner als das andere, darauf immer ältere Weiberleut und zuletzt der Satan mit einer vornehmen, alten Frau, die sie die würdige Mutter hießen. Der Satan führte diese höchst galant, und unter dem linken Arme trug er einen Dudelsack, dem er bezaubernde Töne entlockte. Der Gänsbacher hatte schon [16] vorher seinem Begleiter aufgetragen, ja keine Silbe zu reden und keines der Mädchen, die sie beide genau kannten, beim Namen zu rufen, sonst würde sie das Hexenvolk in Stücke reißen. So blieben sie nun beide fein stille. Als der Zug vorbei war, gingen sie raschen Schrittes zum Haus des Hofer und legten sich daneben im Heu schlafen. Da kam der Zug zurück, das Stadttor ging von selber weit auf, und der Satan stieg mit allen seinen Herrn auf den gleichen Heustock, auf dem die Bauern lagen. Da oben begann nun der Hexenball. „Herr Hatzer“ rief nun eine Stimme „spiel mir auch eins auf!“ Da wurde der Gänsbacher zornig und schlug den Satan vom Heustock hinab, daß er wie ein Holz in zwei Stücke brach. Darauf war im Nu der ganze Spuk verschwunden.[12]

Die irländischen Hexen halten ihre nächtlichen Versammlungen gern in gut gefüllten Schloßweinkellern ab.

Als Pastor Hooker anfangs dieses Jahrhunderts nach Springfield in Massachusetts[WS 4] gereist war und sich in einem Hotel niederlassen wollte, erklärte ihm der Wirt, daß er nur noch ein Zimmer frei habe, was er ihm leider deshalb nicht geben könne, weil es darin spuke. Doch der Geistliche ließ sich nicht abschrecken und bezog jenes Zimmer. In der Nacht kamen nun zahlreiche Hexen zum Schlüsselloch herein, schleppten goldene und silberne Schüsseln herbei, bereiteten ein Mahl und ersuchten ihn, daran teilzunehmen. Er nahm die Einladung auch an, doch als er nach alter Gewohnheit ein Tischgebet sprach, huschten die Hexen wieder zum Schlüsselloch hinaus und ließen das wertvolle Tischgerät zurück. Der Geistliche steckte dasselbe in seine Reisetasche, und als er am nächsten Morgen damit weiter fuhr, hörte er, wie eine Krähe über ihm schrie: „You are Hooker by name, and Hooker by nature, and you have hooked it all!“[13][WS 5]

Ehe sich die Hexen bei ihrer Jahresversammlung zum gemeinschaftlichen Mahle, bei dem weder Brod noch Salz gebraucht werden darf, niedersetzen, beten sie den Teufel, der zur Verhöhnung Jesu als dreißigjähriger Mann erscheint, [17] an und lesen ihm eine Messe. Vor der Aufnahme in diese Gesellschaft erhält jede Hexe einen neuen Namen und wird bei der Taufe mit dem Urin des Bocks, eines Repräsentanten des Teufels, bespritzt.[14]

Das Mahl besteht hauptsächlich aus dem Fleische Gehenkter. Auch müssen die Hexen es sich gefallen lassen, betreffs ihrer im verflossenen Jahre begangenen Taten gründlich examiniert zu werden, wie z. B. Ben Jonsons „The witches song“ andeutet.

Die Erste.
Habe heute einem Raben
Bei dem Mahle aufgepaßt;
Als den Kopf er dreht’, entriß ich
Ihm das Fleisch in wilder Hast.

Die Zweite.
Seit der Abendstern scheint, habe
Ich getan manch’ edlen Fund:
Wolfshaar, Natterohren und den
Schaum von einem tollen Hund.

Die Dritte.
Diesen Totenkopf, den hab’ ich
In dem Beinhaus aufgespürt,
Und dabei den Totengräber
Ganz empfindlich angeführt.

Die Vierte.
Ich schlich hinter eine Wiege,
Sog den Hauch des Kindes ein;

[18]

Und die Amme, die im Schlafe,
Kniff ich in das Nasenbein.

Die Fünfte.
Einen Dolch, gar scharf geschliffen,
Hatte ich; zum Zeitvertreib
Schälte einem jungen Knaben
Ich das Fett aus seinem Leib.

Die Sechste.
Einem Mörder, der am Galgen,
Ich den Rock vom Leibe riß,
Schnitt sein Haar ab, diese Sehne
Aus dem rechten Arm ich biß.

Die Siebente.
Hab’ der schwarzen Federn und der
Euleneier mitgebracht,
Und aus einer Froschhaut hab’ ich
Diesen Beutel mir gemacht.

Die Achte.
Einer wohlgenährten Kröte
Riß ich beide Augen aus,
Und zerschnitt darauf zum Spaß die
Schwingen einer Fledermaus.

Die Alte.
Hab’ das Blut von Basilisken
Und hab’ Schlangenhaut gebracht:
Somit wäre alles fertig
Für das lust’ge Fest der Nacht.[15]

Wie die vom Sturme gepeitschten Wolken allerlei Gestalten annehmen, so erscheinen auch die Hexen als Töchter der Wolken in wechselnden Formen, vorzugsweise aber als Katzen, Raben, Elstern usw. In Katzengestalt liefern sie für die nächtlichen Versammlungen häufig Musik, indem sie den Schwanz in den Mund stecken und darauf blasen.

[19] Die Zauberer der Wotjäcken konnten sich in wilde Tiere verwandeln; dies vermochten auch die Medizinmänner der Irokesen. Einer derselben, der in Vogelgestalt ansteckende Krankeiten verbreitet hatte, wurde von einem Pfeil getroffen und starb. Darauf setzte seine Mutter als Meerkatze das Geschäft der Zauberei so lange fort, bis sie ebenfalls ihren Tod fand.

Bei den Irokesen nehmen die Hexen auch die Gestalt von Ochsen, Schweinen und Hunden an. Auf der Buffalo-Reservation begegnete einst ein Indianer einer Hexe, deren Mund Feuer entströmte. Er eilte nun schnell nach Hause und holte sein Gewehr. Bei seiner Rückkehr fand er jedoch einen Hund, der seine Vorderpfoten auf einen Baumstamm gelegt hatte und Feuer aus den Nasenlöchern blies. Er schoß und sah auch den Hund fallen, holte ihn aber der Dunkelheit wegen nicht. Am nächsten Morgen fand er an jener Stelle Blutspuren, die ihn in die auf der Tonawanda-Reservation gelegene Hütte einer alten Hexe führten, die aber bereits an ihrer Wunde verschieden war.

Die Algonquin-Hexe Pook-jm-skweß war eine schwarze Katze, die als Mann oder Frau erscheinen konnte.[16]

Der Besitzer einer Sägemühle in Neuengland mußte eines Abends noch spät arbeiten und sah dann, wie sich eine schwarze Katze an ihn schmiegte und bei dieser Gelegenheit der Säge so nahe kam, daß ihr eine Klaue abgeschnitten wurde. Als er später nach Hause kam, sah er, daß seiner Frau ein Finger fehlte; nun wußte er, daß sie eine Hexe war.

Hexen mit Katzengestalt müssen nicht mit bleiernen, sondern mit silbernen Kugeln geschossen werden, denn mit ersteren können sie nach Ansicht der Neuengländer nur verwundet, nicht aber getötet werden. „If it isn’t pure silver it only maims and doesn’t kill her.“[WS 6]

Nach zwei von F. M. Böhme[17] mitgeteilten Kinderliedern werden zuweilen auch Unheilstifter[WS 7] in Katzen verwandelt.

Auch Hasengestalt nehmen die Hexen manchmal an und laufen dann wild durch Feld und Wald.

[20] Doch die Hexen können nicht nur sich, sondern auch andere in Tiere verwandeln.

„Es war einmal ein Bräutigam, dessen Braut war eine Hexe, und ihre Mutter war auch eine Hexe. Als nun der Tag kam, an dem die Hexen nach dem Brocken ziehen, gingen Mutter und Tochter auf den Heuboden, nahmen ein kleines Glas und tranken aus demselben; da waren sie auf einmal verschwunden.

Der Bräutigam war ihnen auf den Heuboden nachgegangen; er fand das Glas, aus dem sie getrunken hatten und dachte, ich will doch auch einmal aus dem Glase trinken. Er nahm es also vor den Mund und nippte nur ein wenig. Da befand er sich auf einmal auf dem Brocken, aber er fror sehr, denn es war dort sehr kalt. Aber er wurde nicht wie die Hexen wieder zurückgezaubert, sondern mußte den Rückgang zu Fuß machen.

Nach einer sehr beschwerlichen Reise kam er wieder bei seiner Braut an, aber die war sehr böse auf ihn, daß er aus dem Glase getrunken hatte und dadurch auf den Blocksberg gekommen war, und auch die Mutter zankte mit ihm. Endlich kamen Mutter und Tochter überein, den Bräutigam in einen Esel zu verwünschen, was denn auch geschah.

Der arme Bräutigam war also ein Esel geworden; er ging nun betrübt von Haus zu Haus und schrie: „ya! ya!“ Endlich erbarmte sich ein Mann über ihn, nahm ihn in seinen Stall und legte ihm Heu vor; aber der Esel wollte es nicht fressen. Da wurde er mit Schlägen aus dem Stalle getrieben. Er irrte nun lange umher; endlich kam er wieder vor das Haus seiner Braut und schrie recht kläglich. Als die junge Hexe ihren ehemaligen Bräutigam als elendes Grautier mit gesenktem Kopfe und herabhängenden Ohren stehen sah, bereute sie, was sie getan hatte und sprach zum Esel: „Du sollst wieder ein Mensch werden! Gehe hin, und wenn ein Kind getauft wird, so stelle dich vor die Kirchentür und laß dir das Taufwasser über den Rücken gießen; dann wirst du wieder verwandelt werden.“

Der Esel folgte dem Rate seiner Braut, und als am nächsten Sonntage ein Kind getauft wurde, stellte er sich [21] vor die Kirchentür. Nach der Taufe kam denn auch der Küster und wollte das Wasser fortgießen. Der Esel stellte sich ihm gerade in den Weg, und der Küster, welcher sich über das dumme Tier ärgerte, rief: „Geh, alter Esel!“ Aber das unglückliche Grautier regte sich nicht von der Stelle. Da wurde der Küster zornig und goß ihm das Wasser über den Rücken; aber im nächsten Augenblick rannte er mit entsetzlichem Geschrei davon, denn das Tier fing an, sich zu verwandeln und gewann wieder Menschengestalt.

Der erlöste Bräutigam ging nun zu seiner Braut, und alsbald fand die Hochzeit statt, und beide sollen recht glücklich miteinander gelebt haben, weil der ehemalige Esel alles tat, was seine Frau haben wollte.[18]

Einige Hexen sollen sich auch durch Salben unsichtbar machen können. Wenn sie sich in Hasen verwandeln, was besonders in Irland vorkommen soll, so tun sie es hauptsächlich zu dem Zwecke, um schnell, nachdem sie einer Kuh die Milch ausgesogen haben, fortlaufen zu können.

Als der Neuengländer Daniel Smith einst am Buttern war und trotz der größten Anstrengung keinen Erfolg hatte, kam er zu der Überzeugung, daß sich eine Hexe im Kamin befinden müsse. Er warf also einige Tropfen Milch in das Kohlenfeuer, und als ihm am folgenden Tage die Witwe Brown begegnete, sah er, daß dieselbe stark verbrannt war. Nun wußte er, daß diese eine Hexe war und ihm das Buttern erschwert hatte. Ein Tyroler wurde einst bei derselben Beschäftigung so zornig, daß er sein Gewehr nahm und eine Kugel in das Butterfaß schoß. Am nächsten Tage hörte er, daß um dieselbe Zeit eine Hexe plötzlich gestorben sei.

Am ersten Mai verkaufen die Irländerinnen keine Milch, denn sie befürchten, die Käuferin könne eine Hexe sein und ihre Kühe bezaubern, sodaß sie ein ganzes Jahr lang keine Milch gäben.

Einst versteckte sich ein Irländer, dessen Kühe trocken geworden waren, früh am Morgen im Stalle und sah dann, [22] wie ein Hase kam und die Euter aller Kühe der Reihe nach leerte. Am nächsten Morgen nahm er seine Hunde mit, und als der Hase wieder erschien, vertrieben sie ihn und verfolgten ihn bis in die Nähe eines Farmhauses, woselbst ihn einer ins Bein biß. Am folgenden Tage hinkte die Bewohnerin jenes Hauses. Als sie später starb und zum Grabe gefahren werden sollte, erschraken auf einmal die Pferde und liefen ohne anzuhalten eine Meile fort. Da es das zweite Gespann ebenso machte, so blieb nichts anderes übrig, als die Leiche der Hexe auf den Kirchhof zu tragen. Die Pferde sollen die Nähe des Teufels gespürt haben.

Zu Empire, einer Vorstadt von Wilkensbarre in Pennsylvanien, wohnte einst ein gewisser George Evans, der sehr unschuldig aussah, aber doch ein gefährlicher Zauberer war. Einst wollte er dem Bergmann John Caffrey eine Kuh abkaufen, und als dieser nicht darauf einging, sagte der Zauberer, er solle das alte Tier nur behalten und er wolle schon sorgen, daß ihm keiner einen Cent dafür gebe.

Von Stund an gab die Kuh keine Milch mehr. Nun eilte Caffrey eines Tages zu Evans und fragte ihn, weshalb er ihm die Kuh behext habe. Dieser machte ihm darauf ein neues Angebot, aber dasselbe wurde entschieden zurückgewiesen. Darauf erkrankten die Frau und Kinder des Bergmannes, jedoch glücklicherweise nicht gefährlich. Caffrey machte nun alle Nachbarn mit seinen Erlebnissen bekannt und Evans verließ lange Zeit sein Haus nicht, aus Furcht, totgeschlagen zu werden.

In Pennsylvanien legen die Bauern den behexten Kühen Jungfernhaare ins Futter, worauf sie wieder Milch geben.

Von einer Tyroler Hexe wird berichtet, daß sie die Milch der Kühe in Bäume oder Steine zauberte; wenn sie später Milch brauchte, so molk sie einfach einen Zweig oder drückte auf einen Stein. Die bestohlenen Kühe aber gaben inzwischen Blut anstatt Milch. Diese Hexe, die allerlei erstaunliche Zauberkünste verstand, wurde später gefangen und zum Scheiterhaufen geführt; doch sie fror so lange im Feuer, bis man geweihte Kräuter hineinwarf. Erst dann verbrannte sie.

[23] Als im April 1750 eine Frau nebst Tochter zu Gerresheim im Bergischen zum Feuertode verurteilt wurde und man der jungen Hexe das Leben schenken wollte, war ihr Vater damit nicht einverstanden und reichte ihr ein Tuch, woraus sie einen Eimer voll Milch molk. Nun wurde auch sie verbrannt.

In demselben Lande ging einst ein Bauer zu einem Zauberer und sagte ihm, seine Kuh gebe keine Milch mehr. Dieser nahm nun die letzte Milch der Kuh und kochte sie. Bald darauf klopfte es an seiner Türe und eine bekannte Nachbarin begehrte Einlaß. Doch der Zauberer bekümmerte sich nicht weiter darum, schürte das Feuer tüchtig und fuhr mit einer spitzen Gabel in der kochenden Milch herum. Nun jammerte und schrie die Frau vor Schmerz und versprach, die Kuh in Zukunft nicht mehr zu belästigen. Am nächsten Tage fand man die Hexe verbrannt und ihr Gesicht war so verkratzt, als ob sie jemand durch eine Dornhecke gezerrt hätte.[19]

Nach dem „Hexenhammer“ sollen die Unholdinnen dadurch Butter machen, daß sie Wasser hinter sich werfen.[20]

Ist die Milch der Kühe rot, so läßt man sie in Schlesien durch einen Trauring laufen und gießt sie, indem man eine Beschwörungsformel murmelt, ins Feuer. Dadurch werden der schuldigen Hexe die Augen ausgebrannt.

Wenn das Buttern nicht nach Wunsch vonstatten geht, so bestreicht die Hausfrau in Tyrol den Schwengel der größten Kirchenglocke mit Rahm, und der erste Schlag, der damit getan wird, tötet die Hexe.

Zuweilen nehmen die Hexen auch einen Kübel zwischen die Beine, nennen die Kuh, welche sie melken wollen, beim Namen, und bald ist ihr Gefäß gefüllt. Der Eigentümer jener Kuh wartet an diesem Tage vergeblich auf Milch. Er kann sich nur dadurch gegen diesen Diebstahl schützen, daß er der Kuh das Wachs einer brennenden und geweihten Kerze auf die Hörner träufelt und ein Kreuz über der Stalltüre anbringt.

[24] Trotz aller ihrer Zauberkünste verbittern die Hexen doch nur das Leben anderer, sowie ihr eigenes; selten, daß von einer eine anständige Tat berichtet wird. Schon ihr Blick genügt, um den Menschen Krankheiten anzuzaubern. Erblicken sie säugende Frauen, so hauchen sie dieselben an und ihre Milch trocknet ein. Demjenigen, der sie bei ihren nächtlichen Gelage belauscht, reißen sie das Herz aus dem Leibe, was hauptsächlich von slavischen Hexen erzählt wird.

Im Jahre 1898 glaubten die Bewohner von Richfield in Ohio behext zu sein. Eine merkwürdige Krankheit befiel gleichzeitig ganze Familien. Die Leute konnten nachts nicht schlafen und magerten ab. Manche der Patienten sagten, daß sie beständig von schwarzen Katzen verfolgt würden, welche Grimassen schnitten und die Kranken anbrummten. Während gewisse Zimmer ihres Hauses von dem bösen Geiste besetzt waren, seien andere frei von diesem. Sogar Pferde, Rindvieh, Schafe und Schweine wurden angeblich von der Krankheit befallen. Die Pferde wurden wild, rannten wie verrückt umher, legten sich dann hin und starben. Die Kühe gaben blutige Milch, wurden schwach und hauchten ihr Leben aus. Die Federn in den Betten wurden von unsichtbaren Mächten zu kleinen Knoten zusammengebunden, sodaß die Leute schließlich die Federbetten verbrannten, um des Zaubers ledig zu werden. Allein, sie hatten noch lange Zeit darunter zu leiden.

Nach dem „Hexenhammer“ bekannte eine Hexe zu Dann im Bistum Basel vor ihrer Verbrennung, daß sie vierzig kleinen Kindern gleich nach der Geburt eine Nadel ins Gehirn gestoßen und aus ihren toten Körpern Hexensalbe gemacht habe.

Oft bildeten auch die Hexen die Figur eines ihnen verhaßten Menschen in Wachs nach und durchstachen dieselbe mit Nadeln, worauf der Betreffende heftige Schmerzen empfand. In Schottland gebrauchten sie dazu Pfeilspitzen oder „elfshots“, was auf das hohe Alter dieses Glaubens hindeutet. In Irland tragen die Bauern heute noch Feuersteine, die wie Pfeilspitzen geformt und mit Silber eingefaßt sind, als Amulette gegen die „elfshots“ in der Tasche.

[25] Anstatt aus Wachs machen die schottischen Hexen, welche auf Gälisch Doideagan (die Gelockten) heißen, Bilder von Menschen aus Ton und durchlöchern sie mit Nadeln. Auch zerbrechen sie dort nächtlich alles Ton- und Porzellangeschirr im Hause einer ihnen feindlich gesinnten Person.

E. G. Squier berichtet von einer Hexe, einer sogenannten Sukia-Frau in Zentralamerika, die unter den Ruinen eines alten alten Maya-Tempels wohnte und deshalb von einigen verehrt und von andern gehaßt wurde, weil sie über das Leben und den Tod der Menschen verfügte.

Bei den Irokesen entstehen die Krankheiten dadurch, daß den Menschen von Zauberern Haare und Würmer in den Körper geblasen werden. Dasselbe glauben auch die Karaiben.

Der sogenannte Hexenschuß entstammt, wie die Hexen, der Luft und kann daher auch durch das Abschießen einer Pistole vertrieben werden. Man bekommt ihn leicht, wenn man der Spur eines Wagens folgt. In der Heimat der Wenden soll übrigens nur das Vieh vom Hexenschuß befallen werden. Die Angelsachsen hatten einen Heilsegen dagegen. Man glaubte, dieses Übel käme durch ein Geschoß, das mächtige Frauen oder Schicksalsjungfrauen abgesandt hätten,[21] während sie über den Hügel ritten. Der Entzaubernde sucht daher durch seine Beschwörung sowohl den kleinen Speer oder Pfeil aus dem Körper des Erkrankten zu entfernen als ihn auch durch einen übergehaltenen Schild vor weiterer Gefahr zu bewahren.

„Laut waren sie, ja laut, da sie über den Hügel ritten; sie waren grimm, da sie über das Land ritten. Decke dich nun mit dem Schild, du sollst vor ihrer Feindschaft sicher sein! Heraus kleiner Speer, wenn du hierinnen bist! Ich stand unter der Linde, unter leichtem Schilde, da die mächtigen Frauen ihr Kraftgeschoß bereit machten und gellende Speere sendeten. Ich will ihnen einen anderen fliegenden Pfeil entgegen senden. Heraus, kleiner Speer, wenn du hierinnen bist!“[22]

[26] Besonders gefährlich können die Hexen werden, wenn sie sich Haare, Nägelabschnitte oder Fäden von Kleidern solcher Personen verschafft haben, gegen welche sie eine feindliche Gesinnung hegen. Dies wußten auch die Priester von Ceylon. Einige Hexen sollen Schlüssel besitzen, die in alle Schlösser passen. Gelegentlich brauen sie auch Liebes- oder Zaubertränke; wie denn auch der Wahnsinn Caligulas einem Tranke zugeschrieben wird, den ihm seine Frau Caesonia beigebracht hatte.

Nach einer bergischen Sage gaben die Hexen den Leuten manchmal Äpfel; wer sie ißt, wird krank und spuckt, wenn der Zauber nicht zeitig durch geistlichen Beistand gebrochen wird, eine Kröte aus.

In Peru stehen besonders die alten Weiber im Geruch, Hexen zu sein und den Tod verursachen zu können.

Nach einem von Marie Schaeling mitgeteilten Märchen schnitt einst eine Hexe einem Raubritter, der ihren Mann ermordet hatte, in der Nacht mit einem Zaubermesser die linke Seite auf, nahm sein Herz heraus und setzte ihm dafür das eines Hasen ein. Der früher furchtlose Ritter zitterte nun, sobald er das geringste Geräusch vernahm. Als dies seine Nachbarn ausfanden, machte es ihnen den größten Spaß, ihn beständig in die Angst zu jagen.

Polnische, auf dem Lande lebende Edelleute sollen keine alte Frau in den Dienst nehmen, aus Furcht, sie würde ihren Söhnen Hasenherzen einsetzen.

Daß die Hexen auch die Geschicklichkeit besitzen, einen Buckligen von seinem unangenehmen Rückengewächs befreien zu können, lehrt uns die kostbare Geschichte „Von den zwei buckligen Schustern und den Hexen“ in J. Heyl’s Sammlung tyroler Volkssagen.[23]

Die Hexe trägt nach A. Petöfi’s markigem Gedicht „Schwert und Kette“ die Mitschuld an der menschlichen Knechtschaft.

„Einst stieg mit des Satans Willen
Auf der häßlichste der Teufel
Zu der Erde, um zu suchen
Dort die gräßlichste der Hexen.

[27]

Und er fand sie und er liebt’ sie.
Und von da ward ihm die Erde
Schöner als der Hölle Tiefe,
Und seitdem stieg jeden Abend
Um die mitternächt’ge Stunde
Durch den Rachen eines Vulkans
Er hinauf zu seiner Hexe,
Krötenhäuptig, schlangenschwänzig,
Flammenmähnig, drachenfüßig,
Brachte stets ein wildes, schwarzes
Pferd der Teufel auf die Erde.
Und die Hexe kam gefolgt von
Fledermäusen und von Eulen,
Reitend auf dem Besenstiele
In des feuerspei’nden Berges
Graus’gen Rachens glühende Tiefe.
Dorten saßen sie und sprachen
Bis des Hahnes Krähn ertönte;
Und sie sprachen über alles,
Was nur häßlich war und heillos.
Und der Teufel sprach: „Mich frieret,
Komm’ doch tiefer, komm’ doch tiefer
Auf den tiefsten Grund des Vulkans,
Wo von je die Gluten hausen.
Huh, auch hier noch, hier noch friert mich,
Sieh wie meine Zähne klappern!
Komm’, umarme mich und küss’ mich!“
Sie umarmten dort sich küssend –
Welch ein Kuß war dieser! Als des
Teufels und der Hexe Lippen
Sich bewährten, da erbebte
Schaudervoll die ganze Erde,
Donnernd, knurr’nd, als hätt’ verschluckt sie
Pechschwarze Gewitterwolken;
Und der Berg begann zu speien,
Und er spie hinan zum Himmel
Lavaregen, Feuersteine.
Eine Flamme ward die Erde,
Nur die Sterne mit dem Monde
Zogen einen Flor ums Antlitz,

[28]

Einen dichten schwarzen Schleier,
Denn sie wollten gar nichts sehen.
Und der Kuß des Teufels keimte,
Mutter ward darauf die Hexe
Und gebar ein Ungeheuer,
Wie es da nur wird geboren,
Wo sich Erd’ und Höll umarmen,
Und der Hexe abscheulichen
Balg, er ward genannt „die Kette“,
Und die „Kette“ ist die Knechtschaft!“
 (Übersetzt von J. Goldschmidt.)

Gewöhnlich werden die Hexen als triefäugige, bucklige, runzlige, hinkende Weiber mit spitzen Nasen dargestellt.[24] Selten finden wir eine schöne darunter, wie z. B. Sidonia von Borken, die 1620 zu Stettin verbrannt wurde und die, wie Temme in seinen pommer’schen Volkssagen erzählt, alle, die in ihre Nähe kamen, durch ihre blendende Schönheit bezauberte.

[29] Häufig geraten die Hexen in Ekstase und sehen, wie die als Unholdin verschriene Jungfrau von Orleans, Erscheinungen oder haben Offenbarungen.

Jede Walachin, die das vierzigste Lebensjahr überschritten hat, soll mit dem Teufel in Verbindung treten und eine Hexe werden. Alsdann bekommt sie graues Haar, ihre Stirne wird reich an Runzeln, und ein Bärtchen wächst ihr unter der Nase. Auch die drei Macbeth-Hexen bei Shakespeare tragen Bärte. Er nennt jene weird sisters oder Schicksalsschwestern, sodaß man in ihnen nicht mit Unrecht die in deutschen Kinderreimen unter verschiedenen Namen auftretenden Nonnen Urd, Verdandi und Skuld vermutet.

Auch sollen die Hexen nur vier Zehen an jedem Fuße haben.

Wenn in früheren Zeiten die Kirchen Deutschlands zur Pfingstzeit mit Maien geschmückt wurden, sodaß sie wie ein Hag aussahen, dann ließen sich auch die Hagesen oder Hexen und andere böse Geister in den Zweigen nieder, und man konnte sie unter Umständen genau erkennen. Setzten sich die Hexen in die Kirchstühle, so trugen sie, wie Eingeweihte zu sehen vermeinten, Butterfässer und Milcheimer auf dem Kopfe.

Um Hexen in der Kirche am Ostertage zu erkennen, braucht man sich blos ein an einem Donnerstage gelegtes Ei in die Tasche zu stecken. Dasselbe muß man jedoch in eine starke Blechbüchse tun, denn sonst erdrücken es die Hexen und das Herz des Besitzers dazu.

Die Hexen sollen niemals weinen. Diese Ansicht ist sicherlich auf die Tatsache zurückzuführen, daß ihnen bei der Anwendung der Folter infolge allzugroßen Schmerzes der Tränenquell versagte.

Wenn eine alte Frau in Pennsylvanien keine Hühner besitzt, trotzdem aber reichlich Eier zu verzehren hat, so weiß man sicher, daß sie eine Hexe ist und sich im Keller oder in einem hohlen Baum eine Kröte hält, welche das Eierlegen besorgt.

Zur Zeit der Hexenverfolgungen wollte man die Schuld einer angeklagten Frau dadurch beweisen, daß man eine gefühllose Stelle an ihrem Körper auszufinden suchte. [30] Diese Stelle, welche sie dem Teufel verdankte, wurde stigma diabolicum genannt. In England gab es professionelle „prickers“ (Stecher), welche jenen Punkt am Körper mittelst Nadeln ausfindig machten. Vom schottischen „witch pricker“ Kincaid wird in Rogers’ „Scotland social and domestic“ erzählt, daß er die Hexen entkleidete, ihnen Hände und Füße zusammenband und dann die einzelnen Körperteile mit einer langen Nadel durchstach, sodaß sie zuletzt vor Erschöpfung kein Lebenszeichen mehr von sich gaben. Nun hatte er den gewünschten Punkt entdeckt.

Die Hexe die in einen Fluß oder Teich mit kaltem Wasser geworfen wurde und oben schwamm, war schuldig (judicium aquae frigidae). Diese Probe beruht auf dem alten arischen Glauben, daß das Wasser als ein reines Element nichts Unreines in sich aufnehme, also in diesem Falle auf der Oberfläche schwimmen ließ. Die Angeklagte wurde an einem Seile gehalten, um im Notfalle schnell herausgezogen zu werden. Wenn nach einer angelsächsischen Regel die Angeklagte anderthalb Ellen unter das Wasser sank, so war sie frei.

Auch in Indien hatte man ein solches Wasserordeal. Nach einem aus dem siebenten Jahrhundert stammenden und von den buddhistischen Mönche Hiouen Thsang stammenden Berichte wurde ein der Zauberei angeklagter Mann in einen Sack, der an einen anderen mit einem Stein gefüllten gebunden war, gesteckt und dann in ein tiefes fließendes Wasser geworfen. Blieb der Stein oben und der Mann sank, so war letzterer schuldig; im umgekehrten Falle wurde er freigesprochen. Ähnlich lehrt auch ein Gesetzparagraph Manus.

Die Wasserprobe in Europa läßt sich bis ins neunte Jahrhundert zurück verfolgen; sie soll ursprünglich von einem Papste eingeführt worden sein. In demselben Jahrhundert wurde sie übrigens durch ein in Worms abgehaltenes Konzil verboten, jedoch ohne Erfolg.[25]

Daß die Hexen leichter als Wasser sind, berichtet Plinius in seiner Naturgeschichte. Nach vielverbreiteter [31] Ansicht sollte jene Unglückliche vom Teufel besessen sein, und da dieser als Luftgeist nicht so schwer wie das Wasser ist, so teilte er seiner Verehrerin diese Eigenschaft mit.

Noch 1836 warfen die Bewohner von Hela, einem Dorfe bei Danzig, eine alte, im Rufe der Hexerei stehende Frau ins Wasser, und da sie stets auf die Oberfläche kam, so wurde sie schuldig befunden und totgeschlagen.

Nach einer in Cardonne’s „Mélanges de Littérature Orientale“ enthaltenen Erzählung schickt der Schwiegervater die der Untreue verdächtige Schwiegertochter nach der großen Badewanne zu Agra, deren Wasser die Kraft besitzt, die Wahrheit an den Tag zu bringen. Schwört die Frau, stets treu gewesen zu sein, so schwimmt sie, wenn sie ins Wasser geworfen wird und wirklich die Wahrheit gesagt hat, aber im entgegengesetzten Falle sinkt sie unter.[26]

Um sich gegen Behexung zu schützen, braucht man blos einen Kreuzdornstock bei sich zu führen; dies soll deshalb helfen, weil der Sage nach das Kreuz Christi aus solchem Dorn gemacht war. Nach Temme sollen die pommerischen Bauern den beim Buttern gebrauchten Stab aus Kreuzdorn verfertigen.

Die Südslaven vertreiben die Hexen mit Lauch, oft auch mit aus Disteln gemachten und über der Türschwelle angebrachten Kreuzen. Setzen sich die Hexen als krächzende Krähen auf ein Dach, so können sie nur mit geweihtem Pulver und mit Nägeln, die ein Schmied beim ersten Beschlagen eines Pferdes zufällig fallen ließ, geschossen werden.

Ein alter Zauberspruch gegen Hexen lautet: „Trottenkopf, ich verbiete dir mein Haus und mein Hof, ich verbiete dir meine Pferde und Kuhstall, ich verbiete dir meine Bettstatt, daß du nicht über mich tröste, tröste in ein ander Haus, bis du alle Berge steigest und alle Zaunstecken zählest und über alle Wasser steigest, so kommt der liebe Tag wieder in mein Haus, im Namen Gottes [32] des Vaters, Gottes des Sohnes und Gottes des Heiligen Geistes. Amen.

Ist einer Kuh die Milch genommen, so wird folgendes Mittel empfohlen:

I. Kreuz Jesu Christi Milch goß.
I. Kreuz Jesu Christi Wasser goß.
I. Kreuz Jesu Christi haben goß.

Diese Worte müssen auf drei Zettel geschrieben sein, darnach nimm Milch von der kranken Kuh und diese drei Zettel, schabe etwas von einer Hirnschale eines armen Sünders; thue alles in einen Hafen, vermache es wohl, so muß die Hexe crepieren, man kann auch die drei Zettel in das Maul nehmen, vor die Dachtraufe hinausgehen und dreimal sprechen, darnach dem Vieh eingeben, so wirst du nicht allein alle Hexen sehen, sondern es wird auch dem Vieh geholfen werden.[27]

In Pennsylvanien zeichnen die Deutschen zur Fernhaltung der Hexen einen Frosch auf die Türschwelle oder nageln ein Hufeisen oder einen Besen über die Türe.

In Brabant setzen die Bauern jede Nacht ihre Schuhe oder Holzpantoffeln vor das Bett, und zwar so, daß die Hacken gegen dasselbe gerichtet sind; dies soll vor Hexen schützen. Um diese zu verhindern, beim Verlassen ihrer nächtlichen Versammlung bei ihnen einzukehren, wird jede Ritze und Öffnung am Hause sorgfältig verstopft.

Die am Fuße des Aetna lebenden Leute glauben, daß man, wenn man sich vor dem Johannestage unter einen Baum lege, behext oder krank werde. Tut man es doch, so muß man vorher dem Baum zu Ader lassen, d. h. einen Zweig abbrechen. In der Umgegend von Ragusa muß ein alter Mann über das Johannisfeuer springen und alle in der betreffenden Nacht umherschwärmenden Hexen verwünschen.

Derjenige, der auf Rügen einen Nagel findet, der aus einem Sarge gefallen ist, diesen an einem Stocke befestigt und dann eine Hexe damit blutig schlägt, bleibt vor jeder Zauberei verschont.

Da die Neuengländer gerade solche orthodoxe Christen [33] waren, wie ihre Stammesgenossen in der alten Heimat, so huldigten sie natürlich auch dem Hexenglauben und taten ihr Möglichstes, den Einfluß des Teufels in den amerikanischen Kolonien zu brechen. Wie viele Hexen und Hexer damals hingerichtet wurden, kann nicht mit Bestimmtheit angegeben werden, da nur die in Salem inszenierten Hexenverfolgungen bis jetzt einen zuverlässigen Historiker, C. W. Upham nämlich,[28] gefunden haben. Die erste in Neuengland (1648) am Galgen verendete Hexe war Margarete Jones; die zweite Anne Hibbins (1656), die Witwe eines reichen Bostoner Kaufmanns, welcher mehrere einflußreiche Stellen bekleidete, aber kurz vor seinem Tode sein bedeutendes Vermögen durch unglückliche Spekulationen verloren hatte. Die Witwe hatte damals weder Neigung noch Verständnis besessen, mit wenigem hauszuhalten und war durch die unausbleiblichen Folgen so mürrisch und zänkisch geworden, daß niemand mit ihr verkehrte. Den Zorn der Frauen forderte sie besonders dadurch heraus, daß sie dieselben verleumdete, und da sie außerdem mehr Kenntnisse besaß, als irgend eine andere Bostonerin, so mußte sie natürlich eine Hexe sein. Sie wurde aus der kirchlichen Gemeinschaft ausgeschlossen, und damit war ihr Schicksal besiegelt.

Die Hexenverfolgungen in Salem fanden unter Gouverneur William Phipps, einem ehemaligen Schiffszimmermann, statt. Er hatte erst als junger Mann lesen und schreiben gelernt, dann eine reiche Witwe geheiratet und darauf einen Schiffsbauhof errichtet, in dem er schweres Geld verdient hatte. 1690 ließ er sich von dem tyrannischen Geistlichen Cotton Mather taufen, einem jener Zeloten, der da glaubte, vor Ankunft der Puritaner sei Neuengland ein Reich des Teufels gewesen. Da damals der Blitz, ein Geschoß des Satans, lieber in einen Kirchturm als in [34] ein gewöhnliches Gebäude fuhr, so war es endlich einmal an der Zeit, alle teuflischen Mächte auszurotten. Auf den Rat der Gottesmänner Cotton und Increase Mather wurde nun ein geistlicher Gerichtshof organisiert, um die Hexen und Zauberer zum Geständnis zu bringen. Die Folge davon war, daß 19 unschuldige Personen so lange am Halse aufgehängt wurden, bis sie tot waren. Einer, nämlich der 80jährige Farmer Giles Corey, dem Longfellow in einer seiner Neuengland-Tragödien ein Denkmal gesetzt hat, wurde, da er sein Verbrechen unter keiner Bedingung eingestehen wollte, auf Grund eines altenglischen Gesetzes (peine forte et dure) mit schweren Gewichten erdrückt.

Zu den speziell auf Cotton[WS 8] Mathers Veranlassung gehenkten Zauberern gehörte auch der Geistliche George Burroughs aus Wells. Als er den Galgen bestieg, hielt er eine lange, ernste Rede über das ihm zugefügte Unrecht, sodaß die Zuhörer von seiner Unschuld überzeugt waren. Der genannte Zelot, der auch zugegen war, erklärte jedoch, daß der Teufel zuweilen Engelsgestalt annehme und daß der Angeklagte nur infolge eines unparteiischen Urteils den Tod erleide. Ein anderer Hauptagitator in dieser Tragödie war der verschmitzte, fanatische und dem unglücklichen Burroughs feindlich gesinnte Geistliche Samuel Parris, in dessen Hause sich auch die ersten Symptome der teuflischen Umtriebe gezeigt hatten.

Mit der Hinrichtung der Hexen in Massachusetts starben dieselben jedoch weder in Neuengland noch in den anderen Teilen Nordamerikas aus. Professor Charles Elliot Norton vom Harward College, der berühmte Danteforscher, erzählt, daß ihm in seiner Jugend eine gewisse alte Frau als Hexe bezeichnet worden sei. Auch wurde ihm gesagt, daß, wenn man ein Messer in ihre Fußstapfen steche, sie zurückblicken müsse. Dies versuchte auch eines Tages ein Knabe, fand jedoch aus, das die vermeintliche Hexe ruhig weiter ging.

„Where folks believe in witches, witches are,
But when they don ’t believe, there are none here“,

lautet ein alter Reim Neuenglands.

In früheren Zeiten, so berichtet der amerikanische [35] Geistliche W. Halstead in seinem Buche „Life on a Bookwoods Farm“ (Cincinnati 1894), gab es im Westen Leute, welche von Farm zu Farm reisten, besonders zur Essenszeit eintraten und sich an den Tisch setzten. Dieselben blieben auch häufig über Nacht und vertrieben den Familienmitgliedern die Zeit durch Erzählen von Neuigkeiten und Spukgeschichten. Alle Farmer glaubten damals an Hexen. Wenn sich ein Pferd bäumte, wenn eine Kuh blutige Milch gab, wenn jemand beim Holzhacken ein Splitter in das Auge fuhr, wenn einer Frau das Seifenkochen nicht geriet, so hatte eine Hexe die Hand im Spiele.

Zu Marblehead in Neuengland gab es im 19. Jahrhundert eine berühmte Hexe, die im Volksmund Mammy Redd genannt wurde. Sie schickte Krankheit und Streit wohin sie wollte. Ein alter, sie betreffender Reim lautet;

„Old Mammy Redd,
Of Marblehead,
Sweet milk would turn
To mould in churn“.

Die Hexe Old Meg war besonders den Bürgern von Cape Ann im vorigen Jahrhundert verhaßt. Als während der Belagerung von Louisburg (1745) eine Krähe beständig über den Köpfen einiger Soldaten der Kolonialarmee herumflatterte und mehrmals erfolglos auf sie geschossen worden war, kam einer auf den Gedanken, daß die Krähe die alte Meg sei und feuerte zwei silberne Knöpfe auf sie ab, worauf sie tot zur Erde fiel. Um dieselbe Zeit war auch, wie mehrere geschichtliche Werke berichten, die Originalhexe zu Gloucester, einem 500 Meilen von dem Schußorte entfernten Städtchen, gestorben. In ihrem Körper wurden auch die silbernen Knöpfe gefunden.[29]

Wenn im vorigen Jahrhundert zu Hampton in Massachusetts die Kinder nur den Namen der Hexe Goody Cole hörten, so waren sie ruhig und verkrochen sich in eine Ecke. Das allgemeine Vorurteil gegen dieselbe war so groß, daß sie der dortige Bürgermeister im Interesse der Sicherheit an einem Fuße fesseln und ins Gefängnis werfen [36] lassen mußte. Später wurde sie jedoch wieder freigelassen. Nach ihrem in hohem Alter erfolgten Tode blieb der Leichnam lange unberührt liegen, und als man ihn endlich der Erde überlieferte, durchstach man ihn, damit er sich ja nicht wieder belebe, mit einem Pfahl. Whittier’s Gedicht „The wreck of Rivermouth“ ist Goody Cole’s Lebenslauf gewidmet.

Moll Pitcher, die 1813 zu Lynn in Massachusettes im Alter von 75 Jahren starb, hatte im genannten Städtchen 50 Jahre lang das Geschäft als Wahrsagerin erfolgreich betrieben und in Liebes- und Erbschaftsangelegenheiten, sowie in kaufmännischen Unternehmungen Jung und Alt, Fremde und Einheimische beraten. Auch sie ist später poetisch verherrlicht worden.[30]

Die „Hoosier“ tun sich auf die in Indiana herrschende Bildung nicht wenig zu gut, aber auch hier ist der Hexenglaube noch lange nicht ausgestorben. Zwei Meilen nördlich von Milan im County Ripley im südöstlichen Indiana ist Red Hosia, ein sehr wohlhabender Viehzüchter ansässig, in dessen Kopf der Glaube an die vermeintlich schlimmen Einflüsse von Hexen fest eingenistet ist. Er leidet an einem Übel, das man wohl als Hexensucht bezeichnen könnte. Es vergeht kein Jahr, in welchem er nicht eine Zauberin aus Cincinnati kommen läßt, die er für gutes Geld anstellt, um längere Zeit auf seiner Farm zu verweilen und die vermeintlichen Gespenster und Hexen aus allen Ecken und Winkeln in den Wohnräumen, in Küche, Keller, sowie in den Stallungen und aus dem Brunnen zu vertreiben.

Wie in der guten alten Zeit der deutsche Bauer sich nicht wohl fühlte, wenn er es versäumte, im Frühjahr den Bader des Ortes kommen zu lassen, um ihn zu schröpfen oder zur Ader zu lassen, so hat der Farmer Hosia im Frühjahr keine Rast und Ruhe, bis eine Hexenbannerin sich an Ort und Stelle befindet, um ihren Hokuspokus zu treiben und seiner wohlgefüllten Börse Ader zu lassen. Im Jahre 1898 erkrankten ihm einige Pferde und Rinder. Er schrieb nach Cincinnati. Umgehend kam die Antwort, [37] sein Vieh sei verhext und die böse Person müßte ausfindig gemacht werden. In diesem Antwortschreiben war ein Mittel zur Ausfindigmachung der Hexe angegeben. Dem ersten Stück Vieh, welches verendete, sollte er das Herz ausschneiden, es abkochen und an der vor seiner Farm vorbeiführenden Landstraße aufhängen. Die erste Person, die vorbeigehe, sollte nach den Angaben des genannten Schreibens die Schuld an der Verhexung des Viehs treffen. Farmer Hosia tat, wie ihm verordnet war. Das Herz eines verendeten Pferdes wurde aufgehängt und der erste, der vorbeiging, war Charles Arhenburg, ein reicher Holzhändler von Milan.

Die Neger von Südkarolina vertreiben die Hexen, böse Geister, Muskitos und überhaupt alles, was eine Nase hat, mit alten Schuhen und brennendem Schwefel. Im Staate Georgia machen die Neger das Bild einer Hexe aus Teig, binden einen Faden darum und backen ihn, worauf die Teufelin während eines ganzen Jahres kein Unheil anstellen kann. Dort hängen sie auch ihren Kindern zum Schutze gegen das Stottern die Vorderfüße eines Maulwurfs um den Hals. Dieser Gebrauch steht mit folgender Sage in Verbindung;

„Eine faule, gefallsüchtige Negerin machte einst die Bekanntschaft einer Hexe, die ihr das schönste Seidenkleid der Welt gegen Bedingungen versprach, die sie ihr später mitteilen wollte. Nachdem sich nun die Negerin zu jedem Opfer bereit erklärt hatte, wurden ihr die Augen ausgestochen und dann mußte sie den Rest ihres Lebens in der Dunkelheit unter der Erde zubringen. Dort erhielt sie auch ein weiches Seidenkleid.“

Die Tlinkit-Indianer nennen die Hexen nakutsati. Sie sollen ihre Künste von Jelch, dem listigen und verschmitzten Rabengott, über den sich bei dem erwähnten Volke ein reichhaltiger Sagenkreis gebildet hat, erlernt haben. Wenn sie einen Menschen verderben wollen, so nehmen sie ein Haar oder den Speichel desselben und legen dies auf einen Leichnam, worauf der betreffende Mensch erkrankt. Die Schamanen haben nun die Pflicht, die Unheilshexe ausfindig zu machen, was sie, da sie dabei häufig an ihnen verhaßten Frauen Rache nehmen, zu gefürchteten Persönlichkeiten [38] macht. Sie binden der der Hexerei verdächtigen Frau die Hände auf den Rücken, schleppen sie in eine Hütte, legen sie auf heiße Asche, schlagen sie mit stachligen Ruten, geben ihr Salzwasser zu trinken und lassen sie so lange ohne Nahrung, bis sie ihre Schuld bekannt hat.

Die Indianer im südlichen Alaska und im nördlichen Britisch-Columbia töteten früher alle der Hexerei verdächtige Personen.

Die Haidas entdecken die Hexen auf folgende Weise: Drei bestimmte Personen zerreiben einen getrockneten Frosch zu Pulver, vermischen dies mit Wasser und Salz und trinken es. Dann müssen sie ihren Körper durch Erbrechen und Purgieren gründlich reinigen, eine Maus fangen, sie in einen Käfig stecken und diesen auf den Tisch des Richters stellen. Letzterer nennt nun die Namen der verdächtigen Personen und die Eigentümerin desjenigen, bei dessen Nennung die Maus den Kopf bewegt, ist die Gesuchte.

Als die Huronen und Irokesen beständig von Hexen geplagt wurden, machten sie mit denselben kurzen Prozeß und töteten sie einfach. Sobald sich unter jenen Indianern überhaupt eine Person verhaßt gemacht hatte, erklärten sie die Häuptlinge für eine Hexe, sprachen das Todesurteil über sie aus und beauftragten dann einige junge Leute, es heimlich auszuführen.

Im „Journal of American Folk-lore“ (Jahrgang I, Nr. 3) wird von einer Hexe zu Onandaga erzählt, der nachts, wenn sie ausging, Feuerflammen von verschiedenen Farben aus dem Munde fuhren und ihr den Weg erleuchteten.

Unter den Irokesen gilt die Hexerei als eine Kunst, die wie jede andere erlernt werden müsse. Wer dies tun will, hat vorher ein Mitglied seiner Familie zu opfern. Genannte Indianer glauben auch, daß der Geist eines Menschen an einem, der Körper zu derselben Zeit an einem anderen Orte sein könne. Die von den Irokesen gebrauchte Hexensalbe ist auf folgende Weise entdeckt worden. Ein Junge fing einst eine schöne Schlange, steckte sie in ein halb mit Wasser gefülltes Gefäß von Birkenrinde und fütterte sie mit Vögeln. Alle Dinge, die er in das Wasser dieses Reptils brachte, wurden lebendig. [39] Sobald er seine Augen mit diesem Schlangenwasser rieb, konnte er alle verborgene Dinge sehen; wenn er seinen Zeigefinger damit bestrich und dann auf eine Person deutete, so wurde diese behext. Nun legte er einige Kräuter, aber keine giftigen, in das Wasser des Schlangenbehälters; sobald er später mit dieser Flüssigkeit seine Zunge benetzte und dann ausspuckte, wurde es hell um ihn her. Auch konnte er sich damit unsichtbar machen und in eine Schlange verwandeln. Jeder Pfeil, den er damit bestrich, traf.

Die Dakota-Indianer nennen den Zauberer wicahmunga, d. h. „einer, der magische Pfeile oder Kugeln schießt.“[31]

Wenn die St. Regis-Indianer jemanden krank machen wollten, so treiben sie einen Holznagel in den Erdboden oder in einen Baumstamm, und ihr Opfer lebt so lange, wie jener Nagel dauert.

Unter den Schawanos standen anfangs letzten Jahrhunderts einige Propheten auf, welche Kindergeschichten aus dem Geisterlande erzählten, gegen Trunkenheit und Hexerei predigten und mehrere Zauberer, sowie eine alte Zauberin verbrennen ließen.[32] Letztere wurde, da sie ihren Zaubersack durchaus nicht ausliefern wollte, vier Tage lang über ein Feuer gehalten; doch erst kurz vor ihrem Tode sagte sie, ihr Enkel besitze denselben. Letzterer wurde nun geholt und gefesselt; er erklärte, daß er einstmals den Zaubersack seiner Großmutter geborgt, mittelst desselben in einer Nacht über den Mississippi und wieder zurück geflogen sei und ihn dann der Eigentümerin wieder gegeben habe. Nach diesem Geständnis wurde er mit einem Tomahawk erschlagen und dann verbrannt.

Auch unter den Eingebornen von Neumexiko ist der Glaube an die Hexen allgemein. Niemand wagt es dort, den Haß der Hexe herauszufordern oder ihr eine Bitte abzuschlagen; niemand ißt von der Speise, die ihm eine Hexe anbietet, denn er fürchtet, dieselbe würde sich in seinem Körper in Nagetiere verwandeln. Am Tage haben [40] die Hexen ihre natürliche Gestalt, in der Nacht aber verwandeln sie sich in Raubvögel oder andere Tiere und fliegen über Berg und Tal zu ihren Versammlungen. In dunkler Nacht leuchten sie wie Feuerkugeln. Oftmals eignen sie sich auch nur die Augen und Beine eines Präriehundes oder eines anderen Tieres an und lassen die ihrigen zu Hause. So bekam einst ein Zauberer dadurch für sein ganzes Leben Katzenaugen, daß ihm ein Hund seine Augen während seiner Abwesenheit fraß. Ehe die neumexikanischen Hexen durch die Luft reiten, rufen sie beständig „Sin Dio“ und „Sin Santa Maria“ (ohne Gott und ohne die heilige Maria), und dann gehts los. Wer mit einer solchen Hexe auf vertrautem Fuße steht, kann sich z. B. von derselben von Neumexiko bis nach New-York in einer Sekunde tragen lassen, nur muß er sich vorher die Augen verbinden lassen und sich auf der Fahrt ruhig verhalten. Wer nur ein Wort spricht, sinkt in eine Wildnis; wer „Gott hilf!“ ruft, fällt auf die Erde, bricht aber den Hals nicht. Dies soll schon öfters vorgekommen sein. Nur ein mit Weihwasser versehener Priester oder ein Mann namens Johann kann eine solche Hexe fangen; auch eine Johanna soll es fertig bringen können. Der Juan macht einen großen Kreis auf den Boden und ruft; „Venga bruja!“ (Komm’ Hexe), darauf stürzt die Hexe in den Kreis und ist dann in seiner Gewalt. Diese Methode wird übrigens deshalb selten angewandt, weil sich alle Hexen gegen den Übeltäter verschwören und ihn tot peitschen würden.

Eine fremde Katze erschien einst im Zimmer einer neumexikanischen Braut und verschwand wieder. Bald darauf flog eine Eule herein und biß die junge Dame ins Gesicht, worauf sie sich ebenfalls entfernte. Die Wunde heilte erst dann, nachdem die Hexe, mit welcher sich die Braut kurz vorher gezankt, durch ein Geschenk versöhnt worden war. Einst verwandelte eine Hexe einen Mann in eine Frau und ließ ihn mehrere Monate in diesem Zustande, erst dann war sie durch eine wertvolle Gabe zu besänftigen.

Am Rio Grande glauben die meisten Leute an Hexen und halten die Amerikaner, die dies nicht tun, für ungebildete Menschen. Wer sich dort gegen Hexen schützen [41] will, muß einem wundertätigen Heiligen, einem „Milago“ nämlich, ein Silberstück opfern, das die Form eines behexten Viehgliedes oder eines Baumzweiges hat. Dieser Gebrauch soll nach C. G. Leland auch in Italien bekannt sein.

Am Rio Grande soll es auch gente de chusma (Elfen) geben, die ihre Seelen dem Teufel verkauft haben und auf ihren Wanderungen niemals ein Haus betreten, in dem sich Senf befindet.[33] Dort zaubern die Hexen ihren Feinden Würmer (gusanos) in den Leib, die grüne Köpfe haben, sonst aber weiß sind. Wer sich am Rio Grande gegen Hexen schützen will, kniet abends, ehe er sich schlafen legt, nieder und spricht mit leiser Stimme folgendes Gebet:

Cuatro esquinas tiene mi casa.
(Mein Haus hat vier Ecken)
Cuatro angeles que la adora.
(Vier Engel bete ich an)
Lucas, Marcos, Juan y Mateo.
Ni brujas, ni hechiceras,
Ni hombre malhechor.
(Weder Hexen noch Zaubrer,
noch Übeltäter sollen mir ein
Leid zufügen,)
En el nombre del Padre,
J del hijo, y del Espiritu Santo.“
(Im Namen des Vaters, des
Sohnes und des heiligen Geistes.)


[42]
II.
Blut Teufel und Teufelsbündnisse.

„Blut ist ein ganz besonderer Saft“ spricht Mephisto zu Faust, als sich dieser in höchster Aufregung bereit erklärt hatte, einen Pakt mit ihm zu schließen und denselben durch seine Namensunterschrift in Erz oder Marmor, auf Pergament oder Papier zu bekräftigen. Ob nun der Teufel, der, wie er besonders bei der Versuchung Jesu zeigte, in der Bibel trefflich beschlagen war, auch mit der Bemerkung Mosis, daß das Blut die Seele enthalte, bekannt war, mag ein fahrender Scholast untersuchen; beide, Faust und Mephisto, wußten ganz genau, um was es sich hier handelte.

Da das Blut von jeher bei den meisten, wenn nicht bei allen Kultur- und Naturvölkern als ein besonderer, magische Kräfte enthaltender Saft betrachtet wurde und vielfach auch noch als solcher angesehen wird, so ist es leicht erklärlich, daß es im religiösen Kultus stets eine weitgehende Rolle spielte und mit dem Wohl und Wehe der Menschen im innigsten Zusammenhange stand. Durch Anwendung des Blutes entschleierte man die Zukunft, schützte Tiere und Menschen gegen alle erdenkliche Krankheiten, bewirkte unwiderstehliche Liebe zwischen Jüngling und Jungfrau, erhielt Auskunft über die Keuschheit der Braut, fand das Versteck gestohlener Sachen, entlarvte den Mörder – kurzum, man machte das scheinbar Unmögliche möglich.

Will der ungarische Zigeuner ein Tier gegen Diebe schützen, so läßt er aus dem Finger eines kleinen Kindes drei Tropfen Blut auf ein Stückchen Brot fließen, gibt es dem Tiere und spricht dabei:

[43]

„Ich gebe dir drei Tropfen Blut,
Jung ist es und gut!
Der dich stiehlt, dem verdorre
Blut und Fleisch!
Wenn das Blut, wenn das Blut
In deinem Leibe ruht,
Soll die Feuersglut, soll die Feuersglut
Jedermann verzehren,
Der sich an dir will nähren.“[34]

Jedes neue Zelt befeuchten die Zigeuner mit Kinderblut, um es gegen Zauberei und Unglücksfälle zu feien. Daß besonders das Blut unschuldiger Kinder wunderkräftig ist, zeigt folgende serbische Volkslegende:

Djakon Stefan macht sich auf am Morgen,
Früh am Sonntag vor der warmen Sonne,
Warmen Sonne, vor dem Gottesdienste,
Doch er gehet nicht zur weißen Kirche,
Schreitet schweigend zu dem offnen Felde,
Weißen Weizen auszusä’n im Felde.

Siehe, kommen da zwei greise Wandrer,
Hilfe Gottes rufen fromm sie zu ihm,
Rufen: „Helfe Gott Dir, Djakon Stefan!“
Drauf erwidert er den Männern schönrer:
„Gutes gebe Gott, ihr greisen Wandrer!“
Sprachen aber drauf die greisen Wandrer:
„Beim lebend’gen Gott, o Djakon Stefan!
Scheinst im Hause große Not zu leiden,
Daß du also früh bist aufgestanden,
Früh am Sonntag vor der warmen Sonne,
Warmen Sonne vor dem Gottesdienste,
Weißen Weizen auszusä’n im Felde.

Wahnsinn hat dir, Held, den Geist ergriffen,
Bist, so scheint es, heut ein Türke worden,
Hast das heil’ge Kreuz, den schönen Glauben,
Mit den Füßen frech getreten, Djakon!
Und den Glauben dran hast du verloren,

[44]

Da du also früh bist aufgestanden.
Früh am Sonntag, vor der warmen Sonne,
Warmen Sonne, vor dem Gottesdienste,
Weißen Weizen auszusä’n im Felde.

Es erwidert drauf der Djakon Stefan:
„Beim lebend’gen Gott, ihr greisen Wandrer,
Da ihr fraget, will ich euch es sagen,
Nicht wahnsinnig bin, der Held ich, worden,
Oder worden ein ungläub’ger Türke;
Noch hab’ ich das Kreuz, den schönen Glauben
Mit den Füßen frech getreten heute,
Aber große Not hab’ ich ja leider,
Denn in meinem Hof muß ich ernähren,
Neun der Stummen, neun der armen Blinden,
Muß ich nähren mit der treuen Gattin
Und die Sünde wird mir Gott verzeihen“.
Und es sagten drauf die beiden Alten:
„Gehn zum Hofe wir des Djakon Stefan,
Um zu sehn die Gattin Djakon Stefans,
Was die Gattin dort des Djakon schaffet.
Langsam gingen sie zum Hofe Djakons;
Doch die Gattin ist früh aufgestanden,
Früh am Sonntag vor der warmen Sonne,
Warmen Sonne, vor dem Gottesdienste,
Um zu rein’gen ihren weißen Weizen.

Hilfe Gottes rufen fromm sie zu ihr,
„Gattin Stefans, helf’ dir Gott zur Arbeit!“
Drauf erwidert sie den Männern schön’rer:
„Hüter gebe Gott, ihr greisen Wandrer!“
Sprachen aber drauf die greisen Wandrer:
„Beim lebend’gen Gott, o Gattin Stefans,
Scheinst im Hause große Not zu leiden,
Daß du also früh bist aufgestanden,
Früh am Sonntag, vor der warmen Sonne,
Um zu reinigen den weißen Weizen.
Du bist, junges Weib, wahnsinnig worden,
Oder wurdest zur ungläub’gen Türkin,
Hast das heil’ge Kreuz, den schönen Glauben
Mit den Füßen frech getreten, Törin!

[45]

Und den Glauben dran hast du verloren,
Daß du also früh bist aufgestanden,
Früh am Sonntag, vor der warmen Sonne,
Warmen Sonne, vor dem Gottesdienste,
Um zu reinigen den weißen Weizen.“

Und die Gattin sprach darauf des Djakon:
„Beim lebend’gen Gott, ihr greisen Wandrer,
Da ihr fraget, will ich es sagen:
Nicht wahnsinnig bin ich, Weib, geworden,
Oder worden zur ungläub’gen Türkin,
Noch hab ich das Kreuz, den schönen Glauben,
Mit den Füßen frech getreten heute;
Aber große Not hab’ ich zu leiden,
Denn in meinem Hof muß ich ernähren
Neun der Stummen, neun der armen Blinden,
Muß ernähren ich mit meinem Herrn,
Und die Sünde wird mir Gott verzeihen!“
Und es sagen drauf die greisen Wandrer:
„Beim lebend’gen Gott, o Gattin Stefans,
Gib du mutig uns dein männlich Kindlein,
Gib dein männlich Kind aus goldner Wiege,
Schlachten wollen wir dein männlich Kindlein
Und das rote Blut vom Kindlein nehmen,
Deinen weißen Hof damit besprengen,
Und was stumm ist, wird sogleich dir reden,
Und was blind ist, das wird alles sehen.“
Und die Gattin sann des Djakon Stefan,
Dachte sinnend allerlei Gedanken,
Bis das junge Weib hat sich entschlossen,
Und das Kindlein gab aus goldner Wiege,
Und sie schlachten gleich das kleine Kindlein,
Fangen sorgsam auf den roten Blutstrom,
Und den weißen Hof damit besprengen,
Hat was stumm war, jetzt sogleich geredet,
Und was blind war, hat gesehen alles.

Weiter gingen dann die alten Wandrer,
Weiter reisten sie mit Gott, dem Herren,
Djakons Gattin sah sich um im Raum,
Und sie schaute hin zur goldnen Wiege,

[46]

Saß ihr Kindlein still in seiner Wiege,
Lächelnd spielts mit einem goldnen Apfel,
Und die Gattin spricht des Djakon Stefan:
„Dank für alles sei dir, lieber Herrgott,
Daß die beiden alten Wandrer kamen,
In der Wiege mir das Kind geschlachtet,
Auf das rote Blut vom Kindlein fingen,
Mit dem Blut besprengt die weißen Höfe;
Denn was stumm war, hat sogleich geredet,
Und was blind war, hat gesehen alles.
In der Wiege sitzet jetzt das Kindelein,
Lächelnd spielts mit einem goldnen Apfel.
Aus der Wiege da beginnt das Kindlein:
„Süße Mutter, o du süße Nahrung,
Jene waren keine alten Wandrer,
Engel Gottes sind die zwei gewesen!“[35]

Nach einer alten Sage wurde dem am Aussatze leidenden Kaiser Konstantin angeraten, sich zur Linderung in dem Blute von dreitausend Kindern zu baden, doch zog er es vor, sein Leben unter dieser Bedingung nicht zu verlängern.

Als Papst Innozenz XIII. im Sterben lag, kam sein jüdischer Arzt auf den Gedanken, ihm das Blut von drei zehnjährigen Knaben einzuflößen; der Kranke ging jedoch nicht auf diesen Vorschlag ein, sondern stieß den Doktor von sich.

Konrad von Würzburg, ein frömmelnder und redseliger, aber an Erfindungsgabe armer Dichter des 13. Jahrhunderts, erzählt in einem die alte in Frankreich und England damals wohlbekannte Sage von Amicus und Amelius behandelnden Gedichte von Dietrich, dessen Aussatz nur durch das Blut der Kinder seines besten Freundes Engelhard geheilt werden konnte; da es ihm jedoch unmöglich war, ein solches Opfer zu verlangen, so tötete der Freund seine beiden Kinder heimlich, und das Blut derselben bewirkte seine Gesundheit. Als Engelhard zu Hause ankam, traf er die Kinder beim lustigen Spiele [47] fröhlich und heiter an. So war also seine Freundschaft durch ein Wunder Gottes belohnt worden.

Auch das Katamenienblut besitzt geheime Heil- und Wunderkraft. Ein damit beflecktes Hemd schützt gegen Hieb und Stich; wird ein solches ins Feuer geworfen, so erlöscht dies plötzlich. Man heilt damit den Biß eines tollen Hundes und auch den Aussatz; außerdem gilt es als sicheres Mittel gegen Muttermäler, Leberflecken, Warzen, Krätze, Blattern und Podagara, auch kann man sich damit dauernd unsichtbar machen.

Das Blut ist die Seele. Diese Ansicht ist heute noch nicht ausgerottet und lebt noch fort im Glauben an die Vampire, der sogar in dem aufgeklärten Deutschland manchmal noch die Gerichte beschäftigt. Der Vampir, auch Nachzehrer genannt, verläßt in der Nacht sein Grab, saugt das Blut seiner Verwandten und bereitet diesen dadurch einen frühzeitigen Tod. Man kann sich nur dadurch vor ihm retten, daß man sein Grab öffnet und ihm einen Pfahl durch die Brust stößt oder ihm den Kopf spaltet.

Der böse Geist Sohak, von dem der persische Dichter Firdusi berichtet, nährt sich nur von Menschenblut und ist deshalb stets so mutig wie ein Löwe. Von Caligula erzählt man sich, daß er mit Menschenblut genährt worden sei.

Nach altgermanischem Glauben verleiht das Blut des getöteten Feindes dem, der es trinkt, die Kraft desselben. So saugt der Unhold Grendel im „Beowulf“ den von ihm Ermordeten das Blut aus den Adern; Niddhögger der „Edda“ tut dasselbe. Auch das Blut eines starken Tieres gibt Kraft.

Von einem Volksstamm auf den Philippineninseln wird berichtet, daß er das Herz des Feindes mit Pommeranzen- und Zitronensaft anfeuchtet und dann verzehrt, um dadurch in den Besitz der Seele und des Mutes des Erschlagenen zu kommen.

Achill klagt im 23. Gesang der Iliade, daß die Seelen in der Unterwelt besinnungslose Gespenster seien, doch sollen dieselben, wie Homer mehrfach in der Odyssee (10. und 11. Gesang) erwähnt, durch Blutgenuß ihre frühere Verstandeskraft erhalten. So erkennt die Mutter des [48] Odysseus ihren Sohn in der Unterwelt erst dann, nach dem sie Blut getrunken.[36]

Das Blut ist die Quintessenz des Lebens, deshalb verlangen die Toten nach dem Genusse desselben und deshalb wurden denselben auch von den Lebenden Trank und Speise geopfert, ursprünglich hauptsächlich Tiere, um sich am Blute derselben zu laben und dadurch die Freuden zu genießen, die sie in ihrem eigentlichen Leben entbehrten.[37]

Wer einem andern sein Blut trinken läßt, gibt ihm seine Seele; beide sind von nun an auf das innigste verbunden. Wer Gott sein Blut opfert, vereinigt sich mit ihm.

Die Nahuas von Zentralamerika hatten nach den Aufzeichnungen des mexikanischen Historikers Clavigero folgenden Gebrauch: Der Hohepriester öffnete mit einem Absidianmesser die Brust des unglücklichen Opfers, riß mit einer Sicherheit und Geschicklichkeit, die er in langer Übung erworben, das schlagende Herz heraus, opferte es zuerst der Sonne und warf es dann dem Götzenbild zu Füßen.

Die Mayas in Yukatan befolgten nach dem Spanier Gomara eine etwas umständlichere Methode: das zitternde, blutende Herz wurde gegen die Sonne gehalten und dann in ein Gefäß geworfen. Dann sog ein Hilfspriester durch ein hohles Rohr das Blut aus der Brustwunde und leerte es in einen mit Blumen geschmückten Topf. Derselbe wurde in den Tempel gestellt.

Man liest zuweilen von Männern, die ihr Herz demjenigen vermachten, den sie im Leben am liebsten hatten. Das Herz des englischen Dichters Shelley wurde von einem seiner Freunde aufbewahrt und später seiner Witwe übergeben. Der in Illinois verstorbene deutsche Revoluzzer Hecker bestimmte in seinem Testamente, daß sein Herz nach Mannheim geschickt werde, was seine Erben jedoch unterließen.

Daß das Volk im Blute das Leben erblickt, zeigt auch folgende mexikanische Erzählung. Als einst das [49] Menschengeschlecht ausgestorben war, baten einige Götter niederen Ranges ihre höher gestellten Kollegen um Rat, wie ein neues ins Leben zu rufen sei. Darauf wurde ihnen gesagt, die Knochen und Asche der Verstorbenen zu sammeln und diese mit ihrem Blute anzufeuchten. Sie befolgten diese Mahnung, und so entstand das jetzige Menschengeschlecht.

Eine altchäldäische, von Borosus aufgezeichnete Legende schreibt die zweite Schöpfung der Menschen dem Umstande zu, daß die Götter den Staub der Erde mit dem Blute, welches dem abgeschlagenen Haupte des Gottes Belus entströmte, vermischten. Infolge dieses Ursprunges sollen auch die Menschen Teilhaber der himmlischen Weisheit sein.

Blut beseitigt Krankheiten. Nach Plinius schlürften Fallsüchtige den Fechtern das warme Blut aus der Wunde, und der Glaube, daß man damit den Aussatz heilen könne, war im Mittelalter allgemein.[38]

Fielde erzählt in seinem Werke „Pagoda Shadows“ von einer alten Chinesin, die, wenn sie den Ausbruch der Cholera oder sonst einer ansteckenden Krankheit witterte, ihre Zunge mit einem Messer ritzte und einige Tropfen ihres Blutes in ein großes, mit Wasser gefülltes Gefäß fallen ließ. Die Kranken, die sich dieses Mittels bedienten, wurden gesund. Mit dem Safte des Blutes schrieb sie Zaubersprüche, welche die Chinesen entweder an ihre Türpfosten hefteten oder stets als Schutzmittel gegen Seuchen bei sich trugen.

Wenn in Südafrika ein Zulukönig erkrankt, muß sich sein Diener gefallen lassen, daß ihm etwas Blut abgezapft und in die Adern des Patienten geführt wird. Als Gegensatz erhält er auch einige Tropfen königlichen Blutes, so berichtet wenigstens Shooter in seinem Buche „Kafrirs of Natal.“

Durch das Blut eines anderen nahm man dessen Haupteigenschaften in sich auf und gewann eine neue Natur.

[50] Als Jean de Brébeuf im 17. Jahrhundert den Katholizismus unter den Huronen in Nordamerika zu verbreiten suchte, wurde er von den genannten Rothäuten den scheußlichsten Qualen unterworfen, die er mit einer Standhaftigkeit ertrug, welche alle Zuschauer mit der höchsten Bewunderung erfüllte. Jeder Indianer hatte den sehnlichsten Wunsch, sich seinen Mut und seine Unerschrockenheit anzueignen. Nachdem sie ihm die Augen ausgestochen und ihn skalpiert hatten, öffneten sie ihm die Brust und tranken sein Blut in der Hoffnung, dadurch die bewunderten Eigenschaften zu erwerben. Ein Häuptling riß ihm in gleicher Erwartung das Herz aus der Brust und verschlang es.[39]

Der verdienstvolle amerikanische Historiker Parkman berichtet auch in dem unten angeführten Werke, daß die Indianer einem gefangenen Feinde, der im Kampfe auffallenden Mut bewiesen, das Herz aus dem Körper rissen, es rösteten und dann in kleine Stücke zerschnitten, die sie den jungen Männern zu essen gaben, um ihnen Tapferkeit einzuflößen. Einen ähnlichen Gebrauch hatten nach Schomburgh[40] die Kariben in Britisch-Guiana; dieselben zerrieben das getrocknete Herz eines getöteten Feindes zu Pulver und mischten es in ihre Getränke.

Die Aschantee-Schamanen in Westafrika vermischen Teile der Herzen ihrer Feinde mit Blut und heiligen Kräutern und geben dies ihren Kriegern zu essen, um sie zur Tapferkeit anzuspornen. Besonders müssen diejenigen, die nie einen Feind getötet, davon essen; tun sie es nicht, so wird ihr Mut durch Spukgeister heimlich verringert.[41]

Arabische Frauen im nördlichen Afrika sollen zuweilen ihren Kindern ein Stückchen Löwenfleisch zu essen geben, um sie tapfer zu machen. Aus demselben Grunde benetzen die Kariben einen neugebornen Knaben mit einigen Blutstropfen aus den Adern seines Vaters. Die Yorubas in Zentral-Afrika beschmieren die Stirne eines Kranken mit Tierblut und erwarten, daß er gesund wird.

[51] Die Veden lehren, daß die Götter früher sterblich waren und daß sie vom höchsten Wesen deshalb das Geschenk der Unsterblichkeit erhielten, weil sie demselben Blut geopfert hatten. Daß Jehova blutige Opfer angenehmer als unblutige sind, zeigt die Geschichte von Kain und Abel, so auch der Tod Jesu nach orthodoxer Auffassung.

Auch die Aegypter sahen im Blute das eigentliche Leben und erblickten im Herzen den Sitz desselben. Deshalb wurde auch das Herz als göttlicher Natur in den Mumien mit besonderer Sorgfalt einbalsamiert. Es wurde niemals gegessen, selbst das der Tiere nicht, wie einige Historiker behaupten. Wenn nach dem „Totenbuche“ die Seele sich vor den 42 Richtern zu verantworten und von ihren Handlungen Rechenschaft abzulegen hatte, führte sie als eine die erwartete Strafe mildernde Tatsache an, kein Herz gegessen zu haben.

Daß die Aegypter im Herzen die Quelle des Lebens sahen, geht auch aus dem „Märchen von zwei Brüdern“ hervor, von dem der verstorbene G. Ebers in seinem „Wunderbuche“[42] eine getreue Übersetzung geliefert hat. Daß es in Aegypten auch Blutbündnisse gab, erwähnt Ebers in seinem Romane „Uarda“. Als der Arzt Nebschecht das Leben Uardas gerettet hatte, sprach ihr Vater Kaschta zu ihm, um seine Dankbarkeit zu zeigen: „Wenn du jemals Hilfe gebrauchen solltest, so rufe mich, und ich werde dich gegen zwanzig Feinde verteidigen. Du hast mein Kind am Leben erhalten – gut; Leben für Leben – ich erkläre mich für deinen Blutsbruder – hier –.“

Mit diesen Worten zog er seinen Dolch aus dem Gürtel, ritzte seinen Arm und ließ Blut auf einen Stein zu Füßen Nebschechts tröpfeln. „Sieh’“, sprach er, „hier ist mein Blut; Kaschta hat sich hier unterzeichnet – du kannst über mein Leben verfügen, wie ich über das deinige.“[43]

[52] Wer einen Teil seines Blutes mit dem eines anderen vermischt, wird dessen Blutsbruder. Die „Gesta Romanorum“ schildern die Aufforderung zu einem Blutsbunde wie folgt: Jeder lasse Blut an seinem rechten Arme, ich werde deines trinken und du meines, auf daß keiner den anderen verlasse weder im Glück noch im Unglück, und was immer einer erworben habe, dem andern zur Hälfte gehöre!“

An solche Blutsverwandtschaft erinnert in der Edda (Oegisdrecka 9) Loki den Odin:

„Gedenkt dir, Odin,
Wie wir in Urzeiten
Das Blut mischten beide?
Du gelobtest, nimmer
Dich zu laben mit Trank,
Würd’ er uns beiden nicht gebracht.“

Bei den Isländern wurde der betreffende Gebrauch auch manchmal blodi i spor renna (Blut in die Fußspuren rinnen lassen) genannt. Unter allerlei Formen wurde eine Grube in die Erde gemacht, in welche die zu Verbindenden traten, um Blut in die Fußspur zu lassen und zu mischen. Dazu kam ein feierlicher Schwur.

Mit der Anwendung des Blutes wurden stets die heiligsten und wichtigsten Bündnisse abgeschlossen und die Blutsfreunde als zuverlässige Verwandte anerkannt. Sie redeten sich häufig mit Cousin an, einem Worte, das dem lateinischen consanguineus entlehnt ist. Auch die jüdische Beschneidung war das Zeichen eines Bündnisses zwischen Jehova und Abraham und dessen Nachkommen. Cassel erzählt, daß noch in der Neuzeit jüdische Brautpaare in Schlesien bei der Hochzeit Blut aus ihren Fingern vermischten.[44]

Griechen und Römer bedienten sich zum Abschluß eines wichtigen Bündnisses oder zur Beteuerung eines Gelöbnisses zuweilen des Tierblutes. In den „Sieben gegen Theben“ von Aeschylos meldet der Kundschafter dem Eteokles von den Gebahren der Feinde:

[53]

Der Scharen Führer, sieben an der Zahl
Sah ich, wie sie des Opferstieres Blut
Im schwarz umzogenen Schilde fingen.
Dann taucht ein jeder in das Blut, die Rechte hebend, sprechend:
„So hört es Ares, Enyo,
So Phöbos der Blutdürstende, es sink’
In Trümmern hin die Kadmosstadt, gestürtzt
Von dieser Rechten, oder selbst mein Blut
Wird hier verspritzt.“

Das Bündnis der Könige bei den Armeniern stellt Tacitus (Annal. 12,47) in folgender Weise dar: „Sie haben, sobald sie einen Bund schließen, den Brauch, zuerst die rechte Hand zu geben; dann werden die beiderseitigen Daumen gebunden und mit einem Knoten fest verschlungen. Sobald nun das Blut in die äußersten Glieder sich ergießt, locken sie durch einen leichten Stich Blut heraus und trinken es gegenseitig. Dies wird für ein geheimes Bündnis gehalten, geheiligt durch das gegenseitige Blut.“

Die Mitglieder der gegen die römische Republik gerichteten, von Catilina geleiteten Verschwörung bekräftigten ihr Bündnis durch Blutmischung, wie dies auch ein im Pitti-Palast zu Florenz ausgestelltes Bild Salvator Rosas zeigt.

In China und Birma, sowie auf Borneo und Madagaskar ist die Sitte des Blutbündnisses noch vielfach im Gebrauch.

Da man jede Familie früher für eine aus Blutsverwandten bestehende Schutzgenossenschaft hielt, so mußte auch nach einem so ziemlich überall verbreiteten Glauben das an einem Mitgliede begangene Unrecht von dem andern gerochen werden, wenn auch erst durch ein späteres Geschlecht. Deshalb verschont der grimme Wate des Gudrunliedes auch die Kinder in der Wiege nicht, damit dieselben nicht später Rache nähmen.[45]

[54] Auch ein Bündnis mit dem Teufel erlangte früher nur dann Geltung, wenn es der Mensch, der sich der Dienste des Gottseibeiuns versichern wollte, mit seinem Blute unterzeichnet hatte. Von solchen Bündnissen hört man allerdings nichts mehr; der Teufel aber lebt, trotzdem inzwischen ein Ozean voll Tinte gegen ihn verspritzt worden ist, noch immer weiter, und zwar nicht nur durch Sagen, Redensarten, Sprichwörter und derbe Flüche, sondern hauptsächlich durch glaubensstarke Vertreter des Christentums, die in ihm eine unbedingt notwendige Stütze ihrer Religion erblicken. Wer die Existenz des Teufels[WS 10] bezweifelt ist ein Verächter der Bibel, also des göttlichen Wortes, hat er doch, wie klar und deutlich geschrieben steht, die ersten Menschen verführt und auch versucht, mit dem Heilande einen Kontrakt abzuschließen und ihm die verlockendsten Anträge gestellt, um ihn für sich zu gewinnen. Allerdings scheint sein Einfluß merklich abgenommen zu haben, sicherlich aber nicht dadurch, daß ihn die christlichen orthodoxen Geistlichen jedem Täuflinge bald nach seiner Geburt austreiben, denn da sucht er sich einfach einen anderen Zufluchtsort. Daß es übrigens den Theologen mit der Vernichtung des Teufels wirklich jemals ernst gewesen ist, kann nicht behauptet werden; wer wird auch verlangen, daß jemand seinem Interesse schnurstracks zuwider handelt? Der Teufel ist auch für die Herren Prediger ein Teil jener Kraft, der stets das Böse will und stets das Gute schafft – das Gute für sie nämlich, denn ohne ihn gäbe es kein Fegefeuer, und die Hölle erlöschte, und beide bringen ihnen doch jährlich eine schöne Summe ein, die sie, wenn sie sich zum Freidenkertum bekehrten, unbedingt vermissen würden. Der Tod des Teufels würde die Kirchen leeren und die Priesterherrschaft stürzen; dies muß verhindert werden, natürlich nur, um dem Volke den Glauben zu erhalten.

Daß der Teufel noch immer an der Arbeit ist, Menschen, besonders recht fromme, in sein Garn zu ziehen, kann man besonders hier in Amerika tagtäglich sehen. Wird da, wie es auffallend häufig vorkommt, ein Methodistengeistlicher bei seiner Kirchenbehörde angeklagt, sträflichen Umgang mit einigen seiner weiblichen Gemeindemitglieder [55] gepflogen zu haben, so erklärt er einfach, wenn er den Tatbestand mit dem besten Willen nicht ableugnen kann, er sei in die Netze des Teufels geraten und habe sich als schwacher Mensch nicht augenblicklich aus denselben retten können; später aber, nachdem er sich wieder durch ein Gebet gestärkt, sei er demselben entronnen und Gott habe ihn darauf seine Gnade versichert. Darauf singt dann der Kirchenrat das trostreiche Lied „Jesus nimmt die Sünder an“, und die Sache ist erledigt.

Der Teufel ist ewig und allgegenwärtig.

„Gäbs schwarze Flocken überall, wo der Satan gesessen.
Du sähest manche Kirche an für alte Schmiedeessen“

schreibt W. Müller. Bei allen Natur- und Kulturvölkern erscheint er als das zerstörende, mächtige Prinzip in der Welt, als der Feind der Menschheit. Wo er auftritt, da spielt er auch die erste Geige. Was wäre Goethes Faust ohne Mephisto und Miltons verlornes Paradies ohne Satan? Wo bliebe auch der Dichterruhm der Genannten?

Im alten Testament scheint Jehova die Rolle des Teufels übernommen zu haben, da die meisten Kriege der Juden, die Abschlachtung der Feinde, der Mord der Erstgeburt, die Zerstörung der Städte, der Untergang von Sodom und Gomorrha usw. auf seinen ausdrücklichen Befehl unternommen wurden, was sich mit dem Charakter eines Gottes, dessen Hauptvorzug doch in der Ausübung von Werken der Liebe bestehen soll, eigentlich nicht gut verträgt. Doch man darf da nicht vergessen, daß Jehova bei allem was er tat, schließlich doch nur im Interresse seines auserwählten Volkes handelte. Auch stand er, wie das Buch Hiob lehrt, mit dem Teufel auf vertrautem Fuße.

Der Teufel der Buddhisten führt verschiedene Namen. Als Mara repräsentiert er alle erdenklichen Laster, wie Wollust, Faulheit und Heuchelei und außerdem Krankheit und Tod. Beständig durchkreuzte er die Pläne Buddhas und bombardierte ihn mit Felsen, feurigen Kohlen und sonstigen Wurfgeschossen, die sich aber, ehe sie ihr Ziel erreichten, in unschädliche Gegenstände verwandelten. So besiegte ihn der Heilige mit Güte.

[56] Der Glaube der alten Deutschen war eine Religion der Streiter und Kämpfer. Ohne Krieg hatte das Leben keine Bedeutung für sie. Ihre heiligste Tugend war die Tapferkeit, ihre Sehnsucht galt dem Tode auf dem Schlachtfelde. Nach der jüngeren Edda hatte Loki die Sünde in die Welt gebracht und das Herz der Menschen mit üblen Leidenschaften und Gelüsten erfüllt. Er beschimpfte die Götter, tötete auch meuchlings Balder, den Gott des Lichtes und der Reinheit, worauf er in Asgard nicht mehr geduldet wurde.

Im Mittelalter bildete der Teufel in Deutschland eine Macht, mit der jeder gläubige Christ rechnen mußte, wenn ihm das irdische Leben und die himmlische Seligkeit lieb waren. Er war an jedem Unglück irgendwelcher Art schuld. Ein Spruch aus einem Bündlerischen Landesprotokoll vom Jahre 1548 lautet;

„Mönchen und Pfaffen,
Nunnen und Affen,
Viltzluß und Fledernüß,
Hudern und bös Gelt,
Tragt den Teufel in alle Welt.“

Wenn irgendwo Feuer ausbrach, dann bließ er so lange darauf, bis alle Häuser verbrannt waren; wenn ein Priester in seinem Bevier las, machte er ihn so müde, daß er einschlief; verheerte eine gefährliche Seuche das Land, so hatte er sie geschickt. Er trat in allen erdenklichen Gestalten, als fahrender Scholast, Priester, Jäger, Tänzer, Affe, Kröte, Schlange, Hund usw. auf, wenn er nur Aussicht hatte, eine Menschenseele zu gewinnen.

Für Luther war der Teufel eine wirkliche Person, deren sich Gott bei Ausführung der Strafe so wie auch zur Versuchung der Menschen bediente. Er unterbrach den Reformator häufig bei der Arbeit, besonders als dieser sich mit der Übersetzung der Bibel beschäftigte. In jedem Unglücksfalle witterte Luther das Werk des Teufels, und seine echten Nachfolger tun dies noch auf den heutigen Tag. Der überfromme Vilmar behauptete sogar allen Ernstes, einst den Teufel gesehen zu haben und verlangt von einem pflichttreuen Geistlichen, der recht lehren und [57] die Seelen behüten wolle, des Teufels Zähnefletschen aus der Tiefe beobachtet – mit leiblichen Augen, wie er ausdrücklich hinzufügt, – seine Kraft an einer armen Seele empfunden und sein Hohnlachen aus dem Abgrunde gehört zu haben.

„Das Wort sie sollen lassen stahn“ war Luthers und seiner Nachfolger Leitmotiv. Die Bibel enthielt die unfehlbare göttliche Wahrheit, und der Teufel mußte daher am Leben gelassen, seine Dienerinnen aber, die Hexen, verbrannt werden. Für die Aufklärung der Volksmasse war also die protestantische Bewegung von untergeordneter Bedeutung, vielmehr diente der Teufelsglaube zur Machtbefestigung der herrschsüchtigen Geistlichkeit. Seit jener Zeit spukt er weiter in der Konfession oder Konfusion jeder geistlichen Glaubenssekte; denn er gehört einmal in die göttliche Welteinrichtung. Ohne Böses kein Gutes, das lehren auch die Philosophen oder, wie einst ein Dorfschulmeister seinen Schülern erklärte um die Weisheit des Schöpfers zu beweisen, ohne Läuse gebe es eine Tugend, nämlich Reinlichkeit, weniger.

Da die fortschreitende Wissenschaft unbedingt in Zwiespalt mit dem herrschenden Glauben geraten mußte, so standen die Vertreter und Beförderer derselben natürlich mit dem Teufel in naher Verbindung, und die Verfolgung und Vernichtung derselben gehörte mithin zur moralischen Aufgabe der Kirche, die mit den Zauberern zugleich auch die gottlose Zauberei ausrotten wollte. Und als Zauberer galt früher jeder Gelehrte und Fortschrittsmann, überhaupt ein jeder, der sich erkühnte, durch auffallende Leistungen die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.

„Der Teufel bildet den logischen Gegensatz zu Gott, deshalb glaube ich steif und fest an ihn“, erklärte ein preußischer Gymnasiallehrer vor langen Jahren in seiner Schülerklasse, der ich anzugehören das zweifelhafte Vergnügen hatte. Daß dieser Philosophie-Doktor, das unverfälschteste Exemplar eines protestantischen Jesuiten, mit dem ich jemals in Berührung gekommen bin, es infolge seiner kernchristlichen Gesinnung später zum Hofprediger und Konsistorialrat eines deutschen Duodezfürsten brachte, ist leicht erklärlich. Gott verläßt die Seinen nicht, aber auch [58] der Teufel erfüllt denen, die sich ihm mit Blut verschrieben, alle Wünsche, wie die Märchen aller gläubigen Völker der Vergangenheit und Gegenwart beweisen. Welche fabelhafte Summen hat doch der französische Schalk Taxil, der unverschämteste Schwindler der Neuzeit, aus seinen Mitteilungen über die Teufelsanbeterei der Freimaurer geschlagen und wie beispiellos plump ist er dabei vorgegangen, die Hohe Geistlichkeit hinters Licht zu führen! Wenn irgend jemand jemals in überzeugender Weise die Wahrheit des Spruches „Die Dummheit der Gläubigen ist grenzenlos“ bewiesen hat, so hat es der genannte Eulenspiegel getan.[46]

In der Bibel spricht Gott der Herr klar und deutlich zu den Menschen: „Rufe mich an in der Not, so will ich dich erretten und du sollst mich preisen.“[47] Nun aber hat die Erfahrung überzeugend bewiesen, daß dem betenden Menschen gerade das, was ihn aus seiner augenblicklichen [59] schlimmen Lage hätte befreien können, entschieden verweigert wurde, sodaß er also in seiner Verzweiflung sich an eine andere Macht, nämlich den Teufel, um Hilfe wandte und ihm dafür seine Seele verschrieb. Und die Mären der alten Zeiten berichten auch einstimmig, daß Mephistopheles den einzelnen Bedingungen des Kontraktes, und war ihre Ausführung auch noch so schwierig, stets gewissenhaft nachkam, manchmal aber auch um den Preis seiner Opfer schmählich betrogen wurde, sodaß ihm mit der Zeit das Geschäft des Seelenfangs gründlich verleitet worden ist. Auch braucht er sich zur Füllung seiner Hölle jetzt schon deshalb nicht mehr in große Unkosten zu stürzen, weil, sofern es noch mit rechten Dingen zugeht und jeder nach Verdienst im Jenseits seinen Lohn erhält, vielleicht mehr Höllenkandidaten sich bei ihm einfinden, als er beherbergen kann. Jetzt kann sichs der Teufel bequem machen und ein Herrenleben führen, wo er früher oft genug gezwungen war, sich sklavisch in die Launen seines Verbündeten zu fügen und sich zu den verächtlichsten Handlangerdiensten zu erniedrigen. So ändern sich Zeiten und Menschen. Zu den zahlreichen Bedingungen, welchen sich der Teufel unterwarf, um die Seele des „Welt berufenem“ Herzogs von Luxemburg zu gewinnen, gehörten unter anderen folgende:

„Sollte ihm der Satan sobalden baar zehntausend Reichstaler an Geld liefern. Sollte solches Geld nicht falsch oder betrüglich, noch von einem solchen Materia seyn, welches unter der Hand entweder verschwindet oder zu Steinkohlen werde, sondern es soll deshalb von solchem Metall seyn, welches von Menschenhänden geprägt worden und in allen Orten und Landen, wo es auch hinkommen mag, gültig und gangbar sey. – Solle er ihn weder an seinem Leib, noch an seinen Gliedmaßen beschädigen, noch an seiner Gesundheit angreiffen, sondern ihm dieselbe ohne einige menschliche Schwachheit und Gebrechen 36 Jahre lang unversehrt erhalten. – Soll er ihn beym König wie auch bey allen vornehmen Herrn, in Summa bey Großen und Kleinen, Hohen und Niedern, Manns- und Weibs-Personen beliebt machen, sodaß er ihrer Gunst und Gewogenheit allezeit versichert sey und sie ihm in [60] allem, was er an sie begehren werde, willig willfahren möchten. – Soll er ihn selbst an alle Ort und Ende der Welt führen, und ihm selbige Sprache alsbald kund machen, daß er dieselbe fertig reden könne, auch wenn er seiner Curiosität ein Genügen getan, wieder unversehrt zurück in seine Wohnung bringen. Solle er ihm einen Ring verschaffen, welcher, so offt er ihn an den Finger stecke, ihn unsichtbar und unüberwindlich mache. – Soll er ihm in allen Stücken, so er ihn fragen würde, wahrhaffte und gründliche, nicht aber verkehrte, zweifelhafte und zweydeutige Nachrichten ertheilen. – So offt er seiner begehre, soll er ihm in einer leiblich, freundlichen, keineswegs aber in erschrecklicher Gestalt erscheinen.[48]

Von den zahlreichen Bündnissen, die im christlich-katholischen Mittelalter hervorragende Personen mit dem Teufel schlossen und welche Dichter und Historiker vielfach beschäftigten, seien hier nur einige erwähnt.

Die erste poetische Behandlung eines solchen Bündnisses finden wir in der Legende „Fall und Bekehrung des Vicedomus Theophilus“ der Roswitha von Gaudersheim.

Theophilus, ein Neffe des Bischofs von Adona in Cilicien war schon in jungen Jahren zum Vicedomus seines Oheims emporgestiegen. Als solchem lag ihm ob, für die Armen zu sorgen, und da er seines Amtes in Weisheit und Liebe wartete, begehrte ihn nach dem Tod des alten Bischofs die Gemeinde einmütig zu dessen Nachfolger. Theophilus aber hielt sich so hoher Ehren unwert, er schlug Stab und Mitra aus, und der Erzbischof mußte über Adona einen andren Oberhirten setzen. Diesem nun wollte es nicht gelingen, sich die Liebe der Gemeinde zu erwerben, und da er Theophilus die Schuld daran beimaß, so entsetzte er ihn seines Amtes. Ohne über dieses Unrecht zu murren, fuhr Theophilus fort, sich der Armen auf eigene Hand anzunehmen. Aber Satan ruhte nicht, bis er des Jünglings Herz umstrickt und mit Ehrgeiz und [61] Vergeltungssucht angefüllt hatte. Es verlangte Theophilus, sich in sein ehemaliges Amt wieder eingesetzt zu sehen, doch statt sich mit einer Bitte an den Bischof zu wenden, was ihm sein verletzter Stolz verbot, begab er sich zu einem alten Juden, der im Geruche stand, mit Hilfe der bösen Geister das Unmögliche möglich machen zu können. Der Jude, von teuflischer Freude über des Armen Fehltritt, beschied ihn die folgende Nacht zu sich. Theophilus kam und wurde von jenem nach langem Wandern an einen Ort gebracht, da scheußliche Gespenster sich drängten und in weißen Gewändern, mit Kerzen in der Hand – Bewohner der Hölle – umherstanden. Mitten unter ihnen saß Satan. Theophilus ward von dem Juden vor den Höllenfürsten geführt. Doch als dieser des Jünglings Begehr vernahm, fuhr er auf:

„Wie? Ich soll einen Christen mit meiner Macht unterstützen,
Den seine Taufe erlöst und das Wasser völlig gefeit hat?
Alles, was mein, das leugnet die Schrift und leugnet auch Christum,
Leugnet sogar, daß unbefleckt Maria empfangen!
Schwer zwar trag’ ich an Christi Geburt, doch nahet die Stunde,
Da mit gewaltiger Faust ihn selbst darnieder ich schmettre!
Dann erkenn’ es die Welt, wer das All beherrscht und regieret!
Dann, du Menschengewürm, das jetzo mich schmäht und lästert,
Schlepp dich zu meinem Altar! Anbetet ihr Pfaffen und Priester!
Seht, euer Christus selbst wagt nicht meiner Werke, zu trotzen!

Theophilus, der Unglückselige, widersprach mit keiner Silbe diesen Lästerungen, und als der Teufel von ihm forderte, er solle zum Entgelt für seine Hilfe einen Pakt unterschreiben, in welchem er sich zum Genossen der dunklen Geister bekannte und deren ewige Qualen mitzutragen [62] sich verpflichtete, tat er es ohne Sträuben. Kaum war dies vollbracht, so verschwanden die Gespenster und Theophilus kehrte mit seinem heimtückischen Freunde, dem Juden, nach Adona zurück.

Am folgenden Morgen kamen in feierlichem Zuge die Geistlichen und Abgeordneten der Gemeinde in Theophilus Haus gezogen. Der Bischof bat ihm das angetane Unrecht ab und nahm ihn von neuem zum Vicedomus an.

Theophilus verdrängte nunmehr jeden Gedanken an Gott aus seiner Seele. Der Jude ward sein beständiger Begleiter und half ihm nach Kräften das frühere, Gott wohlgefälligere Leben zu vergessen. Lange Jahre verharrte der Unselige in seiner Verblendung. Aber die Stimme des Gewissens ließ sich nicht gänzlich ersticken, immer und immer wieder warf sie ihm seinen Abfall vor und malte ihm die ungeheuren Qualen aus, welche seiner in der Hölle warteten, bis er zuletzt sich keinen Rat mehr wußte, als Trost im Gebete zu suchen. Er eilte in den Tempel der Gottesmutter und betete daselbst fünf Tage ununterbrochen bis er vor Hunger und Mattigkeit einschlief. Da erschien ihm Maria. In strengen Worten hielt sie dem Sünder seinen Abfall vor, dann aber tröstete sie ihn auch und versprach, seine Fürsprecherin bei ihrem Sohne zu werden. Drei Tage später erschien sie ihm von neuem verkündend, daß seine Schuld vergeben sei. Selbst jene Verschreibung, welche Theophilus einst dem Teufel gegeben, brachte ihm die Allbarmherzige auf sein Flehen zurück.

Bald darauf wurde ein hohes Kirchenfest gefeiert. Da trat Theophilus vor die versammelte Gemeinde hin, berichtete öffentlich seine Schuld und verbrannte die Verschreibung. Sogleich begann sein Antlitz hell wie die Sonne zu erglänzen. Drei Tage hielt das Wunder an, dann ward seine Seele von Christus und Maria selbst in den Himmel geleitet.

Man braucht diese schlichte Erzählung Roswithas durchaus nicht mit gefärbter Brille zu betrachten, um an ihr eine gewisse Verwandtschaft gerade mit der erhabensten Vorstellung der Faustsage, dem Werke Goethes, zu bemerken. Die beiden Dichtungen gleichen einander, wie [63] das unscheinbare Samenkorn dem herrlichen, hochragenden Baum, der ihm entsproß. Roswithas Theophilus entspricht Goethes Faust. Der alte Jude, welcher den Vicedomus verhöhnt und als beständigen Genossen in seiner Verblendung bestärkt, ist Mephistopheles, und das Ewige Weibliche, bei Goethe in Gretchen Fleisch geworden, schildert Roswitha an der Jungfrau Maria. In beiden Dichtungen wird der Sünder durch die unergründliche Liebe des Weibes gerettet, während fast alle andern Bearbeitungen der Faustsage den Helden ewiger Verdammnis anheimgaben.

Es läßt sich vermuten, daß Roswitha mit ihrem Theophilus großen Beifall gefunden hat, denn sie ließ ihm eine Erzählung folgen, welche den gleichen Stoff behandelt. Ein junger Sklave verschreibt sich in dem betreffenden Gedichte dem Teufel, um die Liebe seiner Herrin zu erlangen, der heilige Basilius aber entreißt ihn den Klauen Satans.[49]

Derjenige, der sich dem Teufel verschrieben, aber schnell vor seinem Tode seine Seele durch Buße reinigt, kann also erlöst werden. So erzählt Luther in einer „Tischrede“:

„Einer wäre gern Papst worden und ergab sich dem Teufel, daß er ihn zum Papsttum förderte und hülfe, doch mit der Kondition wollte er des Teufels sein nicht eher, denn wenn er zu Jerusalem Messe hielte. Nun begab sich’s ungefähr, daß er Papst war worden, daß er unwissend in einer Kapelle zu Rom, so Jerusalem hieß, Messe hielt; da kamen die Teufel häufig geflogen. Fragt er, wie die Kapelle hieße, und da ihm angezeigt ward, erinnerte er sich des Pakts und Bündnisses mit dem Teufel, bekannte es öffentlich und befahl, daß man ihn alsbald nach gehaltener Messe zu kleinen Stücke hiebe, und Achtung darauf gebe, ob die Raben den Leib wegführten, und da sie das Herz da liegen ließen, so hoffte er, daß er noch wollte selig werden. Welches also geschah, denn er hatte Buße getan, und, wie sie sagen, mit solchem Tode gebüßt und genug getan.“

[64] Eine, wenn auch etwas entfernte Ähnlichkeit mit Goethes „Faust“ hat des fruchtbaren Spaniers Calderon Intriguenspiel „Der wundertätige Magus“ (El Magico prodigiosa). Cyprian, ein Heide, zieht sich an einem dem Dienste Jupiters geweihten Tage aus dem Lärm der Stadt Antiochia zurück, um sich dem Nachdenken über das Dasein eines einzigen höchsten Gottes zu ergeben. Da er der Wahrheit in seinen Schlüssen nahe zu kommen scheint, stört der Teufel, wohl gekleidet und sich für einen Gelehrten ausgebend, sein Nachdenken und erbietet sich, mit ihm über jeden beliebigen Gegenstand philosophisch zu streiten. Cyprian erkämpft einen vollständigen Sieg, fühlt aber dabei die Geisteskraft seines Gegners so sehr, daß er dafür seine Bewunderung deutlich ausspricht. Der böse Geist ist nicht entmutigt, sondern sucht ihn auf andere Weise zu verderben. Er sorgt dafür, daß sich Cyprian in die schöne Justina, eine Christin, rasend verliebt und ihm zur Erlangung derselben seine Seele verschreibt. Da auch Cyprian zum Christenum übertritt, wird er samt der Geliebten von seinem Vater, dem Statthalter von Antiochia, zum Tode verurteilt. Beide sterben als christliche Märtyrer, und der Teufel, der auf einem Drachen erscheint, muß die höhere Macht Gottes eingestehen und unter Donner und Erdbeben verkünden, daß Cyprian und Justina der ewigen Seligkeit teilhaftig geworden sind.

In Marlowes nach dem ersten deutschen Volksbuche bearbeiteten Tragödie der Faustsage, wird der Held schließlich vom Teufel geholt. Dort geht er das Bündnis ein, um in den Besitz höherer Kenntnisse zu gelangen; in einer altenglischen, aus dem Jahre 1589 stammenden Ballade jedoch nur zum Zwecke, um ein an sündhaften Vergnügungen reiches Leben zu führen. Daß in England die Faustsage früher allgemein bekannt war, zeigt auch nachstehendes altes Kinderlied, das uns den deutschen Gelehrten als fahrenden Scholasten vorführt.

Doctor Faustus was a good man,
He whipped his pupils now and then,
He whipped his pupils and made them dance
Out of Scotland, into France,

[65]

Out of France into Spain,
And then he whipped them back again.

Faust war eine historische Persönlichkeit; er lebte zur Zeit der Reformation, an der er nicht den geringsten Anteil nahm, und führte als Zauberer und fahrender Scholast ein unstetes Wanderleben. Besonders stand er durch seine magischen Künste beim ungebildeten Volke in hohem Ansehen. Sobald ihm Entlarvung oder Gefängnis drohte, machte er sich schnell aus dem Staube. Melanchthon erwähnt seiner als eines Schwarzkünstlers, so auch Luther in seiner Tischrede (Ausgabe vom Jahre 1570). Schon frühe bemächtigte sich seiner die Volkssage und dichtete ihm die abenteuerlichsten und lächerlichsten Geschichten an. Mit Hilfe eines ihn begleitenden Hundes, der entweder ein Geist oder der Fürst der Hölle war, rote Augen hatte und sein Aussehen nach Belieben verändern konnte, führte er die erstaunlichsten Kunststücke auf. Er betrog die Leute und hielt sie zum Narren, quälte die Meßpfaffen, trank den Bischöfen die Weinkeller leer, fraß einen mit Heu beladenen Wagen, prellte einen Juden um sein Geld, zaubert einem Ritter ein Hirschgeweih an den Kopf, sorgte dafür, daß es seinen Freunden nicht an den seltensten Speisen und Getränken fehlte und machte auf seinem Mantel Luftreisen mit größerer Sicherheit und Schnelligkeit, als Graf Zeppelin und seine Nachfolger.

In dem ältesten von Spieß herausgegebenen Faustbuche, das Marlowe bei der Ausarbeitung seiner früher erwähnten Tragödie benutzte, verschwor sich der Held dem Teufel, um den Kreis seiner Kenntnisse zu erweitern und das Unerklärliche zu begreifen, was nach den Ansichten des Mittelalters ohne die Anwendung der Magie oder der schwarzen Kunst nicht möglich war. Dies behauptete auch der in der Reformationszeit wirkende Agrippa von Nettelsheim in seinem Werke „De occulta philosophia“, in welchem er seinen Glauben an die Wirkungen der Zaubersprüche Ausdruck verlieh und die Behauptung aufstellte, daß der Mensch durch eine mystische Vereinigung mit Gott Dinge zu tun vermöge, die sonst nur die Hexe durch Hilfe des Teufels bewerkstelligen könnte. Später kam er allerdings zu der Überzeugung, daß es überhaupt [66] keine magische Kunst gebe, weder eine himmlische, noch eine höllische; zur eigentlichen Wissenschaft aber hatte er auch kein Vertrauen.

In Widmanns Faustbuche tritt schon mehr die egoistische, auf Vergnügen gerichtete Natur des Helden hervor.

Daß in früheren Zeiten Gelehrte und Geistliche vom gemeinen Volke als Zauberer angesehen wurden, ist bekannt;[50] ebenso auch, daß diese den Teufel sehr oft um [67] den ausgedungenen Lohn betrogen und kontraktbrüchig wurden, was man dem Höllenfürsten niemals mit Recht nachsagen konnte. Dies zeigt die Geschichte von Faust, sowie von zahlreichen anderen Teufelsbündlern, von denen später die Rede sein soll.

Faust ist das trockne Leben eines Gelehrten satt, und da ihm die Wissenschaft seine Fragen unbeantwortet läßt, wendet er sich in seiner Verzweiflung an die Geisterwelt um Auskunft. Allein auch von dieser erlangt er den ersehnten Trost nicht, sodaß er schließlich allem flucht, das ihm bisher teuer gewesen ist. Da naht sich ihm Mephisto, um ihn aus allem Elend zu erlösen, natürlich gegen die bekannte Entschädigung. „Was kannst du armer Teufel geben?“ fragt Faust: „Deine Speise sättigt nicht, dein Gold zerrinnt quecksilbergleich in der Hand, deine Frucht fault schon, ehe man zum Brechen herbeieilt, und die Blätter deiner Bäume haben keinen Bestand, denn sie verdorren schon an dem Tage, an dem sie gewachsen sind“.

Mit solchen flüchtigen Gaben konnte ihm allerdings Mephisto dienen und da er glaubte, Faust gerade dadurch zu gewinnen, daß er ihn zu einem an tollen Abwechslungen reichem Leben verführte, so ging er auch dessen Bedingung ein, sich ihm nur dann zu eigen zu geben, wenn er sich auf ein Faulbett legte und zum Augenblicke sagte: „Verweile doch, du bist so schön!“

[68] Faust genießt alles, was ihm die Welt bietet, ohne dauernde Befriedigung zu finden; schließlich wendet er sich, nachdem er, wie er Mephisto sagt, ausgefunden, daß Genießen gemein mache, nützlicher, praktischer Beschäftigung zu, läßt das Meer eindämmen und Sümpfe trocken legen, um Land zu gewinnen für ein glückliches, fleißiges Volk, das sich Freiheit und Leben täglich durch Arbeit im Dienste der Menschheit erobert.

„Solch ein Gewimmel möcht ich sehn,
Auf freiem Grund mit freiem Volke stehn.
Zum Augenblicke dürft’ ich sagen:
Verweile doch, du bist so schön!“

Nach jener bedingungsweisen Äußerung glaubt Mephisto, er habe doch einen rechtsgiltigen Anspruch auf Fausts Unsterbliches; da er aber sehr wohl weiß, daß es so viele Mittel gibt, dem Teufel die Seele zu entziehen, so ruft er die „Dickteufel vom kurzen, geraden Horne“ und die „Dünnteufel vom langen, krummen Horne“ zur Hilfe herbei, die Flüchtige zu fangen. Während der langen Reden, die er diesen „wanstigen Schuften“ und „Firlefanzen“ hält, fliegen die himmlischen Heerscharen herbei, streuen Rosen und singen und bezaubern den hartgesottenen Mephisto und seine Trabanten derartig mit ihrem Gesang und ihrer Schönheit, daß sie nicht einmal bemerken, wie die himmlischen Hexenmeister Faust’s Unsterbliches entführen, und zwar nach einer Gegend, die von heiligen Anachoreten, seligen Knaben, jüngeren und vollendeteren Engeln, Büßerinnen, Heiligen beiderlei Geschlechtes, darunter auch dem verklärten Gretchen, bewohnt ist.

„Gerettet ist das edle Glied
Der Geisterwelt vom Bösen:
„Wer immer strebend sich bemüht,
Den können wir erlösen.“
Und hat an ihm die Liebe gar
Von oben teilgenommen,
Begegnet ihm die selige Schar
Mit herzlichem Willkommen“,

singen die siegesfrohen Engel in der höheren Atmosphäre.

[69] Faust ist also gerettet und in den katholischen Himmel, in den er als Protestant schlecht paßte, geraten. Übrigens war er auch kein solcher, eher ein Pantheist, allein er war sich in seinem dunklen Drange stets des rechten Weges bewußt gewesen und hatte sich strebend bemüht und dadurch Anspruch auf Erlösung. Der Teufel war wieder einmal geprellt worden; wie hätte er auch den zum Schlusse herbeigeeilten Heiligen widerstehen können? An gebrochenem Herzen aber ist er deshalb doch nicht gestorben, und die gläubigen Christen und ungläubigen Dichter haben wacker dafür gesorgt, daß er heute am Leben geblieben ist. Zu bedauern ist nur, daß er durch die Abgewöhnung seiner früheren Freigebigkeit seinen Weltruf eingebüßt hat und wirklich nicht nur zum armen Teufel, sondern auch zum dummen Teufel herabgesunken ist. Auch ist er nachgerade so furchtsam geworden, daß er sich, wie ein deutsches Volkslied beweist, sogar vor einem Schneider fürchtet. Seine Drohungen werden verlacht. Als er einst vor Cuvier erschien und Miene machte, ihn zu verschlingen, sprach dieser Naturforscher spöttisch zu ihm: „Hörner und Huf! Du bist ein Pflanzenfresser und kannst mich nicht verdauen!“ worauf der Höllenfürst verdutzt den Rückzug antrat.

Auf die Frage, wie der Teufel aussieht, gibt es, da er in den verschiedensten Gestalten und Verkleidungen auftritt, auch ebenso verschiedene Antworten. Als er bei Gott erschien, um mit ihm wegen des frommen Hiob zu verhandeln, ist er sicherlich in anständiger Außenseite erschienen, denn das erforderte schon die gute Lebensart. Auch beim Erzengel Michael, mit dem er nach französischen Märchen freundschaftlich verkehrte, wird er sich nicht in einem schäbigen Kleide gezeigt haben, so auch nicht bei den Mönchen, bei denen er übrigens stets Unheil anrichtete, manchmal aber auch selber hinters Licht geführt wurde.

Görres, der sogenannte Geistesriese der Römlinge, sagt: „Der Teufel ist entweder schwarz, unsauber, stinkend, furchtbar, oder doch wenigstens verdunkelnd, dabei häßlichen Angesichts, mit schnabelartig gebogener oder glatter [70] Nase, verstockten, flammenden Augen, krallenden Händen und Füßen, die Beine haarig, oft eins oder das andere lahm.“

Die Neger in Maryland glauben, der Teufel trage niemals einen Hut, da er das Loch, das er im Kopfe habe, um die Hitze und den Dampf der Hölle durchzulassen, nicht verstopfen wolle.

Liguori, der Stifter des Redemptoristenordens, schreibt: „Martin Luther wurde zu Eisleben in Sachsen 1483 geboren. Der Kardinal Goti schreibt, man habe gesagt, der Teufel habe, in Gestalt eines Trödlers in seinem elterlichen Hause aufgenommen, mit seiner Mutter Umgang gehabt, und so habe sie das verfluchte Kind empfangen.“ (Geschichte der Ketzereien. Deutsche Ausgabe, 3. Auflage, Band 1, Seite 4.)

Heine liefert folgende Beschreibung des Teufels:

Ich rief den Teufel, und er kam,
Und ich sah ihn mit Verwundrung an,
Er ist nicht häßlich und ist nicht lahm,
Er ist ein lieber, scharmanter Mann,
Ein Mann in seinen besten Jahren,
Verbindlich und höflich und welterfahren.
Er ist ein gescheuter Diplomat
Und spricht recht schön über Kirch’ und Staat.
Blaß ist er etwas, doch ist es kein Wunder,
Hegel und Sanskrit studiert er jetzunder;
Sein Lieblingspoet ist noch immer Fouqué.
Doch will er nicht mehr mit Kritik sich befassen,
Die hat er jetzt gänzlich überlassen,
Der teuren Großmutter Hekate,
Er lobte mein juristisches Streben,
Hat früher sich auch damit abgegeben.
Er sagte, meine Freundschaft sei
Ihm nicht zu teuer, und nickte dabei,
Und frug, ob wir uns früher nicht
Schon eimal gesehn beim span’schen Gesandten?
Und als ich recht besah sein Gesicht
Fand ich in ihm einen alten Bekannten.

[71] Auch Viktor Hugo zeigt uns den Teufel als Vertrauten Gottes im Kartenspiel.

Un jour Dieu sur la table
Jouait avec le diable
Du genre humain haï,
Chacun tenait sa carte,
L’ un jouait Bonaparte,
Et l’ autre Mastaï.

Un pauvre abbé bien mince,
Un méchant petit prince,
Polisson hasardeux!
Quel engeu pitoyable
Dieu fit tant que le diable
Les gagna tous les deux.

„Prends!“ cria Dieu le père,
„Tu ne sauras qu’ en faire!“
Le diable dit: „Erreur!“
Et, ricanant sous cape,
„Il fit de l’un un pape,
De l’ autre un empereur!“

Trotzdem sich der Teufel geistlichen Schutzes erfreute, diente er doch dem Volke zum Spott. Die Zahl der Geschichten vom geprellten Teufel ist Legion, wie die Märchensammlungen irgendeines Landes beweisen. Nur drei derselben wollen wir daher mitteilen und bei dieser Gelegenheit das Buch von Prof. A. Wünsche „Der Sagenkreis vom geprellten Teufel“ (Leipzig 1905) empfehlen.

Ein armer Schmied in Vogelsberge hatte seine Seele dem Teufel verschrieben. Dafür sollte der ihm drei Jahre lang als Schmiedegeselle umsonst dienen und seinen Meister reich machen. Ausbedungen war auch noch, daß zu Ende der Gesellenzeit der Teufel ein Meisterstück liefern oder drei Fragen beantworten mußte. Nun, die drei Jahre gingen herum und dem Schmiede sank mehr und mehr das Herz in die Kniekehle.

Da er eines Tages kleinmütig durch die Felder schlenderte, begegnete ihm ein altes Weib, dem klagte er seine Not, da sie ihn um seine Trauer ansprach.

[72] Wenn es weiter nichts wäre, sagte die Alte, so dürfte er sich noch lange nicht fürchten, er solle beim Probestück nur tun, wie sie ihn hieße. Zuerst, sagte sie, gibst du dem Teufel eine Handvoll von deinen krausen Haaren, die soll er gerade schmieden. Zweitens mußt du ihm ein Ding vorschmieden, das sich zu zweierlei verwenden läßt, z. B. wo man eine Feuerschüppe oder eine Krauthacke daraus machen kann. Hierauf fragst du den Teufel, was das geben solle; was er auch antworte, du lässest ihn falsch raten. Drittens lässest du deine Ehefrau sich nackend erst im Backtroge, dann aber in einem Federbett herumwälzen. So muß sie sich auf einen Baum setzen, und der Teufel soll raten, was das für ein Vogel sei.

So geschah es denn auch. Je länger der Teufel die Haare auf dem Ambosse hämmerte, desto krauser wurden sie. Und wie der Teufel bei der zweiten Probe auf eine Schüppe riet, schlug der Schmied das Eisen mit zwei Hieben krumm, und die Krauthacke war fertig. Den seltsamen Vogel aber hat der dumme Teufel gar nicht erraten und ist zur Hölle abgefahren.[51]

Das in England allgemein bekannte Märchen vom Teufel und dem Steuerempfänger, das sich auch in Chaucers „Canterbury-Geschichten“ befindet, wird in Irland, wo es sich besonderer Beliebtheit erfreut, erzählt wie folgt:[52]

Der Teufel und der Steuerempfänger gingen eines Morgens aus, um eine Wette zu entscheiden, die sie am Abende vorher beim Punsche gemacht hatten. Sie wollten nämlich ausfinden, wer bis gegen Abend das wertvollste Geschenk erhalten habe; doch war es keinem erlaubt, etwas anzunehmen, was ihm der Eigentümer nicht gutwillig gab.

Zuerst kamen sie an ein Haus, in dem eine Frau ihre faule Tochter ausschimpfte und unter anderem zu ihr sagte, daß, wenn sie nicht bald das Bett verlasse, der Teufel kommen und sie holen möge.

„Greif zu!“ sprach der Steuerempfänger zum Teufel.

[73] „Nein,“ erwiderte dieser, „es ist ihr Ernst nicht, und wir müssen weiter gehen.“

Darnach sahen sie eine Frau, die ihrem Mann, der gerade mit dem Flicken seiner Schuhe beschäftigt war, ärgerlich zurief: „Pat, gib doch auf die Schweine acht, sie verwüsten uns ja das ganze Kornfeld. Wenn sie doch der Teufel holte!“

„Hier kannst du deinen Sack füllen,“ sprach der Steuereinnehmer, aber sein schwarzer Gefährte schüttelte den Kopf und sagte, er wolle die arme Frau nicht in Verlegenheit bringen. Ähnliche Wünsche mußte er noch sehr oft auf dem Wege hören, aber er bekümmerte sich nicht weiter darum.

Als es bald Abend war, kamen beide in ein Haus, in dem der Steuereinnehmer sehr genau bekannt zu sein schien, denn der alte Hausherr rief ihm gleich entgegen: „Ach, da ist ja der Allerweltsbetrüger, wenn dich doch der Teufel auf der Stelle holte!“

Kaum hatte er ausgesprochen, so faßte der Teufel den Betreffenden am Kragen und steckte ihn in seinen großen Sack.

„Es ist sein Ernst nicht gewesen“, schrie er jammernd, doch der Teufel tat, als höre er es nicht und marschierte lächelnd weiter.

Der Priester, der dem armen Gretchen in Goethes „Faust“ die ihm von ihrem Geliebten zugedachten, von Mephisto gelieferten Diamanten und Perlen im Namen und zum Besten der Kirche durch fremde Redensarten wegstibitzt, war, wenn nicht ein Vorgänger oder Nachfolger, so doch ein ein echter Gesinnungsgenosse des Pfarrers, der nach einem Gedichte des Hans Sachs einem Bauern einen bodenlosen Sack[WS 12] abschwatzte, mit dem dieser den Teufel um unermeßliche Summen geprellt hatte.

Im Oberland ein Bauer saß,
Der sehr in Sorg’ und Armut was.
Er sprach: „Mich hat das Glück verschworn,
Mir schlugen Weizen um in Korn,
Linsen, Erbsen, Rüben, Kraut,
Was alles heuer ich gebaut;
Auch sind zwei Mastsäu mir gestorben,

[74]

Im Brunnen auch ein Kalb verdorben,
Dazu auch noch ein Roß gestohlen.
Ich weiß mich nicht mehr zu erholen
Vom Schaden, daß den Zins ich zahle,
Der schon verlangt zum dritten Male.
Ich fürcht den Schuldturm allerwegen,
Darin ich schon zweimal gelegen,
Steck’ sonst auch in sehr großer Schuld,
Drum mehrt sich meine Ungeduld,
Ich glaub’, wenn jetzt der Teufel käme,
Mir Geld gäb’, daß ich’s von ihm nähme
Und darnach wäre ewig seine.“
Indem der Teufel kam herein
Und sprach: „Ich hörte deine Klag’,
Mit Gott ich dir wohl helfen mag,
Doch daß darnach du seiest mein.“
Der Bauer sprach: „Ja, das soll sein,
Wenn du mir nur gibst Geld genug.“ –
„Du möchtest treiben leicht Betrug,“
Der Teufel sprach, „drum sage an,
Wieviel des Geldes muß ich dann
Dir geben, daß genug du hättest.“
Der Bauer sprach: „Wenn du mir tätest
Gleich eben diesen Mehlsack voll,
Sollt’ mir daran genügen wohl,
Dann soll dein sein mein Leib und Leben“.
Der Teufel sprach: „Das will ich geben,
Es wird dir tadellos gebracht,
Setz’ dich auf dein Scheun’ heut’ Nacht
Mit deinem Sack, so komme ich.
Doch sag’s im Dorfe keiner Seel’,
Sonst nimmt’s der Edelmann ohn’ Fehl.“
Das Ding war klar, der Teufel fuhr hin.
Der Bauer dacht’ in stillem Sinn,
Wie er’s anfing, daß er Geld nähme,
Und aus den großen Schulden käme,
Doch nicht verlör der Seele Heil
Und nicht dem Teufel würd’ zuteil.
„Weiß einen Streich, muß es bekennen!
Ich will den Sack unten auftrennen

[75]

Und oben in den Scheuer hoch
Hinein ihn hängen durchs Firstloch,
Daß, was er schüttet drein an Geld,
Nur unten durch den Sack durchfällt,
Und mir bleibt in der Scheuer drinnen;
Dem Teufel wird sein Geld zerrinnen,
Eh’ daß mein Sack gefüllet steht.
Und wenn mein Anschlag mir gerät,
So wird gar großer Reichtum mein –
Und ich werd’ nicht des Teufels sein.“
Tat also bei des Mondes Glitzen
Hin auf dem First der Scheuer sitzen,
Den bodenlosen Sack mit zog
Und hing hinein ihn durchs Firstloch.
Der Teufel sich gen Frankfurt hub
Und einen Kessel mit Gold ausgrub,
Den ein alter Jud’ vergraben hätt’,
Und den mit sich hinführen tät
Zum Bauern auf die Scheuer sein
Und stülpt’ ihn in den Sack hinein,
Daß alles unten fiel heraus.
Der Teufel an eines Bauern Haus
Einen Topf mit Golde ausgrub noch
Und hub in großer Eil’ ihn hoch
(Ein Bauernweib ihn vergraben hätt’)
Und auch in den Sack ihn schütten tät.
Nachdem begriff den Sack er wohl,
Ob er nicht wäre Goldes voll.
Da griff er endlich an die Stätt’,
Wo keinen Boden der Sack hätt’,
Sprach: „Bauer, du hast mich betrogen,
Das Hälmlein durch das Maul gezogen,[53]
Weil dein Sack keinen Boden hat.
Was ich hinein schütt’, das fällt grad
Hinab durchs Loch in deine Scheuer.
Ich kriegte Mangel ungeheuer
An allen Schätzen dieser Welt
Und allem eingegrabnen Geld,

[76]

Eh’ ich dir füllte deinen Sack.“
Der Bauer ob der Red erschrak
Und fürchtete des Teufels Zorn.
Derselbe fing an zu rumor’n
Und fuhr den Bauern grimmig an,
Zerkratzt’ ihm das Gesicht sodann
Mit seinen spitzen Klauen scharf,
Beim Haar ihn von der Scheuer warf.
Der Teufel, arg erzürnt, entwich,
Ließ üblen Stank noch hinter sich.
Der Bauer fiel vom Dach so hart,
Daß er sein Lebtag hinkend ward.
Auf fuhr alsbald der Bauersmann
Und klaubt’ das Geld zusammen dann,
Es in den Haberkasten tät
Und meint: „Nun werd ich fröhlich fett.“
Er lacht. „Obgleich ich worden lahm,
Ich doch zu großem Reichtum kam!
Ein End’ hat meine Ungeduld,
Nun kann ich zahlen meine Schuld,
Beim kühlen Weine sitzen auch,
Wie das bei reichen Bauern Brauch,
Werd nun gezogen auch herfür,
Brauch nicht zu sitzen hinter der Tür.“
So tät er aller Kurzweil walten
Und eine frohe Fastnacht halten
Mit seinem Schatz im Haberkasten.
Und als es nun war am Mitfasten,
Da ging zum Pfarrer er zu Beicht’,
Von Sünd’ sein Herz zu machen leicht.
Den Streich vom Teufel er erzählt’
Und von dem zugebrachten Geld,
Vom Sack, der keinen Boden hätt.
Der Pfarrer dann nachdenken tät
Und brauchte eine flinke List.
Sprach: „Bauer, wenn zu dieser Frist,
Du willst, daß ich dich absolvier,
So mußt du wahrlich geben mir
Zum Lohn den bodenlosen Sack.
Der Bauer ob der Red erschrak

[77]

Und sprach: „Herr, hab’ den Sack erstritten
Und sehr viel Unglück drum erlitten;
Drum ich den Sack nicht gern verlier!“
Der Pfarrer sprach: „Es ziemet mir
Der Sack, und ist auch klares Recht
Dem ganzen geistlichen Geschlecht,
Daß wir drin sammeln alles Geld
Und alle Güter dieser Welt,
Auf daß er doch nicht werde voll,
Drum ziemet uns der Sack gar wohl.“
Der Bauer sprach: „So nehmt ihn hin!
Wie lang’ wollt ihr behalten ihn?“

Ich denk’, es werd’ in kurzer Zeit
Ihn wieder nehmen die Obrigkeit,
Auf daß ihr Schatz sich mehr’ und wachs’
Zu gemeinem Nutzen, spricht Hans Sachs.
      *     *     *

F. W. Riemers, des Goethomanen, Prophezeiung: „Einst wird kommen der Tag, wo in Deutschlands weitesten Gauen „Jeder Bauer den „Faust“ fromm wie die Bibel verehrt,“ ist bis jetzt noch nicht in Erfüllung gegangen und die Goethe’sche Dichtung Kaviar für die Masse geblieben. Das Volksbuch von Doktor Faust und seinem kläglichen Ende findet immer noch seinen Weg in die entfernteste Hütte, außerdem sorgen noch immer Stadt- und Landschulmeister auf obrigkeitlichen Befehl dafür, daß der Glaube an den Teufel, der da wie ein brüllender Löwe einhergeht und jeden zu verschlingen droht, nicht ins Wanken gerät, hängt doch die ewige Seligkeit eines jeden guten Christen davon ab. Die Unitarier haben ihn allerdings aus ihren Kirchen verbannt, aber die Sünde dadurch doch nicht abgeschafft.


[78]
III.
Blockbergsspuk.

Die Goethe’sche Walpurgisnacht erinnert in keiner Hinsicht an den altdeutschen Gottesdienst, bei dem die Walküren als Schenkmädchen auftraten, das Trinkhorn nie leer, der gebratene Eber, so dicke Stücke sich auch die Einherier davon abschnitten, nie kleiner wurde, wo man sich die Zeit durch Kegeln, Singen und Raufen vertrieb und wo die tiefste Wunde, die der Urgermane davontrug, nur eine kurze Nacht zur Heilung brauchte. Bei Goethe sind die schmucken Kampfwählerinnen zu schmutzigen, runzligen und zotenden nächtlichen Unholdinnen geworden, die sich um die leiblichen Bedürfnisse ihrer männlichen Gäste, die allerdings nicht von ihnen zum Blocksbergfeste eingeladen, sondern nur von Goethe heimlich eingeschmuggelt worden waren, nicht im geringsten bekümmern und die ihnen zum Willkommen nicht einmal einen Becher Wein kredenzen. Selbst Faust, ein Mann von hohen Graden, der nach den Aussagen seines Freundes Mephisto bisher manchen guten Schluck getan, wird behandelt, als habe er sich das Zeichen des amerikanischen Temperenzlers an den Rock geheftet.

Ja, die gute, alte Zeit war verschwunden und mit ihr der deutsche Durst, von dem man immer behauptete, er sei ein Stück der Ewigkeit. Tacitus berichtet von den Deutschen seiner Zeit, es sei keinem eine Schande, Tag und Nacht in einem fortzutrinken, allein die damaligen Feste waren auch ganz anders, wie das von Goethe geschilderte auf dem Blocksberge, wobei natürlich nicht zu vergessen ist, daß Tacitus ein ruhig und unparteiisch beobachtender Geschichtsforscher, Goethe hingegen ein phantasiereicher, die Wirklichkeit umgestaltender Dichter war.

[79] Wie nun die ersten christlichen Missionare den alten deutschen Göttern allmählich ein biblisches Gewand anzogen, so versuchten sie auch, den historischen und gewohnten Volksfesten mit der Zeit einen christlichen Anstrich zu geben und sie so für das kirchliche Leben nutzbar zu machen. Eins aber brachten sie dabei nicht fertig, nämlich jenen Feiertagen ihren ursprünglichen Charakter einer der Lustbarkeit und Sorglosigkeit geweihten Zeit zu rauben. Ja, die christlichen Pfaffen hatten in einigen Ländern nichts dagegen einzuwenden, daß diese Feste in Kirchen abgehalten wurden, fiel doch auch dabei mancher Brocken und Trunk für sie ab. So erzählt z. B. Jakob Wimpfeling, daß früher bei einem Jahresfeste der Dom zu Straßburg in ein wahrhaftiges Saufhaus verwandelt wurde, daß sich dazu viel Volk aus dem ganzen Bistum einfand und sich die Nacht im Tempel des Herrn durch Weintrinken vertrieb, doch wurde dieser Mißbrauch durch das entschiedene Auftreten des Predigers Geiler von Kaisersberg 1481 abgeschafft. Solche Feste fanden auch häufig an dem den Märtyrern gewidmeten Tagen statt. Die Italiener hatten sogar ihre christlichen Narrenfeste, auf denen unter Aufsicht eines Narrenbischofs die Geistlichen in der Kirche um den Altar tanzten, Zotenlieder sangen, Karten spielten, alte Schuhsohlen in das Rauchfaß warfen und überhaupt allen erdenklichen Unfug trieben, ohne daß das Ansehen ihrer Religion dadurch geschmälert worden wäre.

In der alten Erzählung von „Sankt Peter und einem Mönch“ (abgedruckt in Schreibers „Gedichte U. von Huttens und einige seiner Zeitgenossen,“ Heidelberg 1824) erscheint ein Mönch vor der Himmelspforte, welcher den Apostel trotzig anfährt, weil er ihm nicht gleich aufmachen will. Dieser fragt ihn, nachdem er ihm den Rat gegeben, zuerst seinen Rausch auszuschlafen, nach seiner Würdigkeit. Der Mönch zählt nun seine sämtlichen Übungen auf und spricht namentlich viel vom Fasten und Kasteien. Peter wundert sich aber, wie er bei all diesen Kasteiungen doch noch so feist aussehe und verlangt nach einem Messer, um ihm den Bauch aufzuschneiden. Und siehe! da kommen Hühner, Wildpret, Fische, Eierkuchen, Semmeln, Wein und eine Menge anderer, guter Bissen heraus. Natürlich [80] kann er ihn nicht im Himmel brauchen, er muß in die Hölle wandern.

„Jetzt gang ich ans Brünnele, trink aber net,“ beginnt ein schwäbisches Volkslied, flösse aber aus besagtem Brünnele Wein anstatt Wasser, wie im Schlaraffenlande, dann würde das Lied einen anderen Anfang und auch einen anderen Schluß haben und bei jeder lustigen Gelegenheit ertönen, so aber paßt es nur für den Vortrag eines melancholisch gewordenen Mädchens.

Es dauerte Jahrhunderte, bis sich der Deutsche mit dem Gedanken aussöhnte, daß das Leben im christlichen Himmel auch ohne das gewohnte Zechgelage erträglich sei, denn eine menschliche Existenz ohne ein solches schien den meisten rein undenkbar zu sein, selbst den Toten reichten sie Speise und Trank; ja sogar in der Hölle mußte gekneipt und gespielt werden. „Da sitzen,“ schreibt ein bayrischer Mönch’, „die lustigen Brüder, die auf der Welt keine schweren Verbrechen begangen haben, in einem pechschwarzen Rauchzimmer, trinken Bier und Schnaps, rauchen Dreikönigsknaster, karten und beluxen einander, schieben Kegel, singen Schnadahüpfel, raufen miteinander, aber versöhnen sich wieder schnell.“[54]

Dem Religionsstifter, der zur rechten Zeit Speise und Trank, natürlich von der edelsten Qualität, herbeizaubern kann, wird es nie an treuen Anhängern fehlen; selbst die orthodoxesten Sektierer aller Schattierungen werden sich begeistert zu seinem Evangelium bekennen und ihn als einen heiligen Erretter der Menschheit verehren. Ein solcher war z. B. der Isländer Sera Halfdan,[55] der zur Zeit der Teuerung getrocknete Fische aus dem verschlossenen Schuppen eines Bauern hexte, der mit einer Angelschnur aus einer Spalte des hölzernen Zimmerbodens Lachse und Forellen zog und dann einen Pfeiler des Hauses anbohrte, woraus so reichlich Bier herausfloß, daß sich alle Gäste berauschen konnten.

Und welch’ gesegneten Appetit hatte erst der alte Donnergott Thor, der brüllende Wetterer (Hlorridi), wie er [81] auch in der Edda genannt wird. Einmal hatte ihm der Eisriese Thrym seinen gefährlichen Boomerang gestohlen und wollte ihn nur dann zurückerstatten, wenn ihm Freya zur Gattin gegeben würde. Diese schnaubte vor Wut, als sie von solchem Vorschlage hörte; doch da wußte der Himmelswärter Heimdall Rat. Thor mußte sich mit dem Schleier und dem Brisinganhalsband der genannten Göttin schmücken, sich das Haupthaar kunstgerecht frisieren, in einen Weiberrock stecken und sich in dieser bräutlichen Ausstattung von seinen zwei Böcken in einem Wagen zum Winterriesen ziehen lassen. Dort angekommen, verspürte er einen so gewaltigen Hunger, daß er einen ganzen Ochsen nebst sechs Lachsen verschlang, alles für die Frauen bestimmte Würzwerk aufaß und dazu drei Tonnen Meth trank, sodaß Thrym sich baß darüber verwunderte und fragte: „Wo fand man je solche gefräßige Bräute?“ Doch eine Magd beruhigte ihn, indem sie sagte, Freya habe seit acht Tagen nichts gegessen, so groß sei ihre Sehnsucht nach ihm gewesen. Darauf ließ Thrym den Hammer holen und legte ihn in den Schooß der Braut, um diese nach altgermanischem Brauch für den Stand der Ehe zu weihen. Kaum aber hatte Thor seine gewaltige Waffe wieder in der Hand, da lag auch schon das ganze Riesengeschlecht zerschmettert am Boden. Der Frühling hatte – dies ist die sinnbildliche Bedeutung dieser Erzählung – wieder einmal den Winter besiegt und die alten Einherier konnten in Walhall wieder ihr jährliches Freudenfest, das diesmal so prächtig durch eine riesige Prügelei eingeleitet worden war, zu Ehren der erstarkenden Sonne feiern.

Nach dem Volksbuche von Dr. Faust war dieser übrigens auch ein gewaltiger Esser, denn er verschlang einmal einen ungekochten Hausknecht.

Herkules führte auch den Beinamen Buphagus d. h. Ochsenfresser, denn er verzehrte einst auf der Reise durch das Land der Dryopen zwei vor den Wagen des Thiademas gespannte Ochsen und bei einer anderen Gelegenheit einen Ochsen des Coronus auf einen Sitz. Aus nichts wird bekanntlich nichts; nur ein gut genährter Held, wie der genannte, konnte einen seit dreißig Jahren ungemisteten Stall, in dem 3000 Rinder standen, im Handumdrehen [82] reinigen, die gefährlichen Centauren aus ganz Italien vertreiben und mit den fünfzig Töchtern des Königs Thesbia in Böotien in einem Jahre zweiundfünfzig Söhne erzeugen.

Nach einem livländischen Märchen[56] wird für die Deutschen auf dem Blocksberg besonders gekocht. Das ist recht, denn von einem Urgermanen, der mit Klößen, Sauerkraut und Speck aufgezogen und dabei fett und stark geworden ist, kann man doch nicht erwarten, daß er sich an einer faden, ungeschmalzten Wassersuppe vergreift, oder gebratene Wischtücher verzehrt, wie sie nach dem Glauben der Mecklenburger die Hexen ihren Gästen auf dem Blocksberge vorsetzen. Nein, sie wollen ihr gewohntes Wildschwein- und Pferdefleisch genießen, der Schwabe will sich außerdem an seinen Spätzlen, der Bayer an seinen Knödeln laben und der Hesse will endlich einmal seine großen Schüsseln bis an den Rand gefüllt haben; womit ist ihm so ziemlich gleichgiltig, da er bekanntlich kein Kostverächter ist.

Das Fleisch des reinlichen Pferdes mundete den alten Deutschen vortrefflich; sie opferten es ihrem Gotte Wotan, bis es von fanatischen christlichen Priestern in die Acht erklärt wurde, sodaß es heute nur noch von armen Teufeln, [83] denen der Hunger religiöse Vorurteile ausgetrieben hat, genossen wird. Das Essen, das zur Zeit, da die Walküren sich zu Hexen entwickelt hatten, auf dem Blocksberg serviert wurde, scheint nach einem von Karl Gander mitgeteilten Niederlausitzer Märchen nicht sehr appetitreizend gewesen zu sein und wohl auch dazu beigetragen zu haben, daß die Hexen heutzutage keine nächtliche Wanderung mehr wagen, sondern es vorziehen, zu Hause zu bleiben und ein Schälchen Kaffee zu trinken. Jenes Märchen lautet:

„Eine alte Frau, eine Hexe, kam zu einem andern Weibe und sagte, sie solle mitkommen, heute wäre Hexentag, sie wollten auf den Brockelsberg reiten. Dann nahmen sie sich Backofenkrücken, gingen vor die Ställe und sagten: „Ich mache einen Schnitt, Butter und Käse nehme ich mit.“ Darauf gingen sie in die Stube. Die richtige Hexe sagte: „Auf und an trifft nirgends an“ und ritt durch die Feueresse. Die andere aber sprach: „Auf und an trifft überall an.“ Sie kam nicht zur Feueresse hinaus. Endlich hatte sie die Worte doch richtig herausgebracht und kam denn auf den Brockelsberg. Zum Essen traf sie aber zu spät ein, nur ein Stück Kuchen und eine Tasse Kaffee erhielt sie noch. Der Kuchen war ihr zu schade, um ihn aufzuessen, darum nahm sie ihn mit nach Hause. Als sie ihn aufwickelte, fand sie etwas in ihrem Tuche, was ich besser verschweige, das man aber häufig auf Kuhweiden findet.“

Auf dem Goethe’schen Blocksberge wird allerdings, was nur so nebenher angedeutet ist, getanzt, getrunken und gegessen, doch geht es im allgemeinen ziemlich trocken und ungemütlich her, denn es gibt nicht einmal eine Prügelei. Daß Faust und Mephisto sich nach ihrer beschwerlichen Reise durch einen erquickenden Trunk stärkten, ehe sie sich in das Getriebe der Walpurgisnacht stürzten, wird nirgends erwähnt. Da ist denn doch der Mephisto, den uns der Ästhetiker Vischer im dritten Teil seines „Faust“ vorstellt, ein ganz anderer Kerl, denn er tritt, von einem göttlichen Lichtkreis umgeben, als Dirigent eines aus höllischen Geistern bestehenden Orchesters auf, die als friedliche und freundliche Köchinnen und [84] Kellnerinnen verkleidet, in der Küche beschäftigt sind und die Zuhörer mit folgendem Liede unterhalten:

Schwindet beengende,
Mönchisch bedrängende,
Traurige Wände,
Weichet behende
Traulichen Räumen
Freundlicher Küche!
Schüsseln umsäumen,
Blanke, die Ränder,
Pfannen, die Ständer,
Quillet hervor,
Steiget empor,
Holder Gerüche
Reizparadies.
Denn an dem Herde
Flinker Gebärde
Sehet die nette
Köchin Babette
Drehet das fette
Gänschen am Spieß.

Weitre Gewahrung
Zeiget daneben
Salzigen Harung,
Welcher soeben
Neben Kartöffelein,
Die sie gerädelt fein,
Stehet parat,
Kleingeteilt, aufzugehen,
Angemacht, aufzustehen
Im ölgenetzeten,
Essig durchsetzeten
Räsen-Salat.

Doch in Kamines Schoß
Drängen sich klein und groß.
Bis zu dem Firste,
Locken und winken
Rauchige Schinken,

[85]

Zungen und Würste,
Ziehn um die niedliche,
Um die gemütliche,
Die appetitliche
Köchin, die drehende,
Sorglich besehende,
Schwebenden Kranz.
Fertig nun findet sie
Ziehend vom Spieße die
Brätelnde, schmorende,
Nasebetorende,
Goldschimmerhäutliche,
Brodelnde, bräutliche,
Rundlige Gans.

Wie sie sich beuget,
Wie sie sich neiget’
Neben die Schüssel,
Klirrend bewegt,
Rasseln die Schlüssel,
Lange und kurze,
Blinkend am Ringe
Stählerner Zwinge,
Die sie am Schurze
Amtsgemäß trägt.

Doch der gewaltigste
Unter denselbigen
Öffnet aufs baldigste
Zu dem gewölbigem
Keller die Tür.
Dort aus dem kluftigen,
Dunklen Gelaß
Luget herfür,
Strotzend von duftigen,
Alten und reinen
Tyroler Weinen,
Strotzend von hopfigem,
Malzgehalttropfigem

[86]

Kraftelixiere
Lagernde Biere,
Faß an Faß. –

„O, o, o! O das ist nicht von Stroh!“ ruft Faust entzückt und versinkt darauf in einen träumerischen Zustand. Später walkt Valentin mit seiner wuchtigen Malzschaufel den Mephisto gründlich durch, und da nach Nietzsche die Grausamkeit zur Erhöhung der Festfreude dient, so ist in diesem Sinne dem Geschmack der echten Deutschen in jeder Hinsicht genügend Rechnung getragen.

Fischart sagt vom Deutschen: „Hungerts ihn nicht, so dürstets ihn doch!“ Und Durst hat er alle Zeit. Luther nannte den Teufel der Deutschen Sauff, und befürchtete, er werde bei ihnen bleiben bis an den jüngsten Tag.

Oberon schenkt nach dem altfranzösischen Gedicht „Huon de Bourdeaux“ seinem Haupthelden als Beweis besonderer Gewogenheit einen Becher, der sich in der Hand eines ehrlichen Mannes von selber füllt; zu einem solchen Becher glaubt auch jeder schon deshalb berechtigt zu sein, weil er als braver Mann, schon manchen Rausch gehabt.

Daß bei den religiösen Festen den alten Deutschen das Trinkgefäß fleißig in der Runde herumgereicht wurde, ist selbstverständlich. Die Hessen bezeichnen heute noch einen kunstlosen Tonkrug mit dem Namen Plotzkrug, abgeleitet vom gotischen blotan d. h. opfern. Daß bei Hochzeiten und Begräbnissen nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen Ländern wacker gezecht wurde, bedarf keines besonderen Beweises. Das englische Wort bridal lautete ursprünglich bride ale, also Brautbier, weil es bei einer Vermählungsfeier getrunken wurde; ähnlich ist auch das Wort burial (Begräbnis) aus bury und ale zusammengesetzt.

In dem alten Gedichte „Der Weinschwelg“ ist der unverwüstlichen Trunksucht der Deutschen ein köstliches Denkmal gesetzt. Dasselbe zeigt uns einen einsamen Trinker, der bei einer Kanne sitzt und schwört, er wolle nicht eher aufstehen, bis das ganze Faß leer sei; dabei verkündet er [87] das Lob des Weines, der den Zagen kühn macht, den Betrübten erfreut, die Wangen wunderbar färbt, die Brust mit Mut erfüllt und dem Kranken zur Genesung verhilft.

Man hörte, wie es gluckte,
Wie er gewaltig schluckte.
Den Fluten im Gedränge
Ward schier der Schlund’ zu enge.

Als ihn schließlich doch der Wein zu übermannen drohte, da

Ein Lederwams umschnallt er sich,
Das hieß er schnüren feste.
Drauf in den Panzer preßte,
Von Eisen, er sich enge
Und sprach: „Des Weins Gedränge
Läßt mich nun unversehret;
Ich hab’ mich so versperret,
Er kann mich nicht erschießen!
Das will ich auch genießen,
Daß ich zu Freuden meinen Leib
Gezwungen, daß nicht Mann noch Weib
Jemals so sehr den Leib bezwang.“
Da hub den Krug er auf und trank.

Wenn auch Mephisto nirgends zu den leidenschaftlichen Trinkern gezählt wird, so verstand er sich doch auf einen guten Tropfen und wußte auch, wie er in Auerbachs Keller gezeigt, einen solchen herbeizuzaubern; auf dem Goethe’schen Blocksberg aber ist er zu einem Temperenzler geworden. Allerdings waren dort meistens Hexen zugegen, und diese seine treuen Anhängerinnen hat er zu jeder Zeit schmachvoll und rücksichtslos behandelt.

Auch die Unholdinnen verschmähen nach Goethe’s Gedicht vom treuen Ekkehart einen frischen Trunk nicht. Nach demselben hatten Eltern allen Erziehungsregeln zum Trotz ihre Kinder eines Abends in ein entferntes Wirtshaus geschickt, um ihre Bierkrüge füllen zu lassen. Auf dem Heimwege wurden sie jedoch von den Nachtgeistern, die sich auf der Luftreise nach ihren Versammlungsplatze befanden, überrascht und ihre Krüge geleert, sodaß die [88] Kinder befürchteten, Schläge zu erhalten, wenn sie zu Hause ohne den Labetrunk einträfen. Doch da beruhigte sie der treue Ekkehart mit der Versicherung, daß sich die Unholdinnen schon erkenntlich zeigen würden, und so geschah es auch; denn es stellte sich heraus, daß die Krüge mit dem köstlichen Naß gefüllt waren und, so fleißig auch die Eltern demselben zusprachen, erst am nächsten Morgen leer wurden.[WS 13] Solchen nächtlich herumstreifenden Hexen wird kein Deutscher den Eintritt in Haus und Stall verwehren.

Gekegelt wurde auf den altgermanischem Volksfeste sicherlich auch, hatte doch Gott Thor selber das betreffende Spiel erfunden. Wenn es in einigen Gegenden Deutschlands donnert, so sagen die Leute, Petrus, der christliche Ersatzmann Thors, schiebe Kegel. So kegelte auch Rübezahl, der auch ein Wettermacher war.

Über die Art und Weise, wie auf den Hexenversammlungen getanzt und musiziert wird, geben folgende Märchen Auskunft.

Eine Frau von Hembach, so lesen wir in den Grimm’schen Sagen, hatte ihren kaum sechzehnjährigen Sohn Johannes mit zu der Hexenversammlung geführt, und weil er hatte pfeifen lernen, verlangte sie, er solle ihnen zu ihrem Tanze pfeifen, und damit man es besser hören könnte, auf den nächsten Baum steigen. Der Knabe gehorchte und stieg auf den Baum; indem er nun daher pfiffe und ihrem Tanz mit Fleiß zusahe, vielleicht weil ihm alles so wunderseltsam deuchte, denn da geht es auf närrische Weise zu, sprach er: „Behüt’, lieber Gott, woher kommt so viel närrisches und unsinniges Gesinde!“ Kaum aber hatte er diese Worte ausgeredet, so fiel er vom Baum herab, verrenkte sich eine Schulter und rief, sie sollten ihm zu Hilfe kommen; aber da war niemand, ohn’ er allein.

Eine arme Witwe, lautet eine andere von den Brüdern Grimm mitgeteilte Sage, die nicht wußte, wie sie ihre Kinder nähren sollte, ging in den Wald, Holz zu lesen und bedachte ihr Unglück. Da stand der Böse in eines Försters Gestalt und fragte, warum sie so traurig und ob ihr Mann gestorben. Sie antwortete: „Ja.“ Er sprach: „Willst du mich nehmen und mir gehorsamen, will ich [89] dir Gelds die Fülle geben.“ Er überredete sie mit vielen Worten, daß sie zuletzt wich, Gott absagte und mit dem Teufel buhlte. Nach Monatsfrist kam ihr Buhler wieder und reichte ihr einen Besen zu, darauf sie ritten durch dick und dünn, trocken und naß auf den Berg zum Tanz. Da waren noch anderer Weiber mehr, deren sie aber nur zwei kannte, und die eine gab dem Spielmann zwölf Pfennig Lohn. Nach dem Tanze wurden die Hexen eins und taten zusammen Ähren, Reblaub und Eichenblätter, damit Korn, Trauben und Eicheln zu verderben; es gelang aber nicht recht damit, und das Hagelwetter traf nicht, was es treffen sollte, sondern fuhr nebenbei. Ihr selbst brachte sie damit ein Schaf um, darum daß es zu spät heimkam.

Ein von Dr. Haas nach mündlicher Mitteilung aufgezeichnetes Märchen aus Rügen[57] lautet:

Ein Mann ging in der Walpurgisnacht durch einen Wald auf der Insel Rügen. Er verirrte sich jedoch und kam endlich an eine freie Stelle im Walde. Hier sah er grauenhaftes Getümmel; Katzen, Ziegenböcke und Hunde balgten sich miteinander. Als sie nun den Wanderer erblickten, schrien sie wie aus einem Halse: „Du sollst uns zu unserem Tanze blasen.“ Man reichte ihm ein Blashorn, und er mußte tüchtig blasen. Um 1 Uhr war alles verschwunden. Als sich der Wanderer nun sein Blashorn besah, da war es eine tote Katze, welcher er die Gedärme aus dem Leibe gesogen hatte.

Der Blocksberg Hinterpommerns liegt bei Zemmin. Ein Mann aus Warbelin erzählte, daß ein Schäfer dort auf eigentümliche Weise eine Hexenversammlung angesehen habe. Derselbe fand nämlich einige Knorren von einem ziemlich verfaulten Sarge, die er zu einem Gestell zusammenfügte. Damit ging er in der Neujahrsnacht zwischen elf und zwölf Uhr auf den Blocksberg und setzte sich unter eine Egge. Durch das Gestell konnte er die Hexen tanzen sehen; auch bemerkte er, daß auf verschiedenen Blas-Instrumenten zum Tanzen aufgespielt wurde. Einer der Musikanten spielte Klarinette, das war der Schwanz einer lebenden Katze.[58]

[90] Der von dem schottischen Volksdichter Robert Burns verewigte Schwätzer, Lump und Taugenichts Tam o’ Shanter hatte sich einst an einem Markttage mit einem Gesinnungsgenossen bei einem Wirte festgetrunken und den Heimweg in einer stürmischen Gewitternacht angetreten. Als er mit seinem alten Klepper an die Kirche von Allway kam, wo schon mancher nächtliche Reisende verunglückt war und wo allerlei Gespenster ihr unheimliches Wesen trieben,

Weh, was sah Tam für ein Gesicht!
Sah Hexen da mit Zaubrern tanzen,
Nicht Kotillon nach Art der Franzen,
Nein, schott’scher Tanz nur ganz alleine
Bringt Feuer und Leben in die Beine.
Und in des Ostens Fenster saß
In Tiergestalt Herr Satanas,
Ein zott’ger Hund, schwarz, groß und wild,
Der ihnen auf zum Tanze spielt’;
Er drückt die Pfeifen, daß sie tönen,
Bis Dach und Sparren all’ erdröhnen,
Und ringsum offne Särge standen,
Die Toten drin in Grabgewanden,
Und jeder, wie durch Teufelstrug,
Ein Licht in kalten Händen trug.
Der kühne Tam bei ihrem Schein
Sah liegen auf dem heil’gen Schrein
In Galgeneisen Mörders Bein’,
Zwei Kinder ungetauft und klein,
’nen eben abgeschnittnen Dieb,
Dem offen stehn der Mund noch blieb,
Fünf Tomahawks, in Mord getaucht,
Fünf Säbel, dran das Blut noch raucht,
Die Schnur, die Säuglings Hals umschlang,
Den Dolch, den Vaters Kehl durchdrang,
Dem nahm sein eigner Sohn das Leben,
Am Heft noch graue Haare kleben,
Und mehr des Schrecklichen und Grassen
Als ich in Wort und Reim kann fassen.

Wie Tam voll Neugier staunt und starrt,
Die Freud’ und Lust stets wilder ward.

[91]

Der Pfeifer blies stets hell und heller,
Die Tänzer flogen schnell und schneller
Rundum, hochauf, die Kreuz und Quer,
Die Hexen schwitzten immer mehr,
Bis ab sie warfen ihre Kleider
Und nun im Hemde tanzten weiter.

Wohlan, Tam, wären sie gewesen
Recht runde, volle, junge Besen,
Ihr Hemd, statt schmutziger Flanell,
Aus altem Linnen, rein und hell:
Die Hosen hier, mein einzig Paar,
Einstmals von Plüsch mit blauem Haar,
Ich zog sie ab vom Beine traun,
Könnt’ ich die hübschen Vöglein schaun.
Doch solche Hexen, alt und häßlich,
Zum Füllensäugen gut, so gräßlich,
An ihren Stall sich dreh’nd und schwingend,
O Tam, war ’s dir nicht ekelbringend!
Doch Tam was hübsch war, wohl verstund,
Ein hübsches[WS 14] Mädchen, nett und rund,
Sich heut’ zum erstenmal einfand.
Lang kannt’ man sie an Karricks Strand,
Denn manches Stück Vieh schoß sie tot,
Stürzt’ um so manches hübsche Boot,
Macht’ Korn- und Gerstenähren leer,
Das ganze Land sie scheute sehr. –
Ihr kurzes Hemd von Paisley-Arbeit,
Ob’s auch herniederging nicht gar weit,
Ihr bestes war’s und gern getragen:
Sie trug’s schon in den Mädchentagen.
Nicht dachte die Großmutter dein
Als sie kauft’ es der Enklin klein
Für zwei Pfund Schott’sch, ihre Habe ganz,
’s würd’ prangen einst beim Hexentanz’.
Doch hier die Muse senkt die Schwingen,
Denn nimmermehr würd’s ihr gelingen,
Zu singen, wie sie tanzt’ ohn’ Ende,
Denn kraftvoll war sie und behende
Und wie Tam dastand wie verzückt

[92]

Und hielt sein Auge für beglückt.
Selbst Satan schaute gern sie an,
Und blies die Pfeife, was er kann.
Und jetzt ein Luftsprung, dann ein zweiter
Und Tams Vernunft hielt’s aus nicht weiter,
Los brüllt’ er: „Kurzhemd, brav gemacht!“
Im Augenblick war alles Nacht.
Kaum setzte Lieschen sich in Gang,
Als vor die Höllenbande sprang.

Wie zornig summt der Bienen Schwarm
Droht ihrem Nest ein Räuber Harm,
Wie Kätzchens Todfeind klafft und bellt,
Wann plötzlich sie in’s Aug’ ihm fällt,
Und wie das Marktgedränge wallt,
Wenn „Fangt den Dieb!“ gar laut erschallt;
So Lieschen rennt, die Hexen eilen
Ihr nach mit fürchterlichem Heulen.
O Tam, wie schlecht warst du beraten!
Als Hering werden sie dich braten.
Umsonst dein Kätchen auf dich harrt,
Bald trauert sie, daß sie Witwe ward.
O Lieschen, deine Schnelle zeig’.
Den Schlußstein auf der Brück’ erreich’!
Den Schwanz weis’ ihnen, mutig drauf,
Denn übern Fluß geht nicht ihr Lauf.
Doch eh’ sie konnt’ zum Stein gelangen,
Hatt’ sie schon keinen Schwanz mehr hangen;
Denn Hannchen vor den andern allen
Droht über Lieschen herzufallen.
Schon sprang auf Tam sie wütend los,
Doch Lieschens Schnelligkeit war groß.
Ein Sprung den Herrn[WS 15] ins Trockne bringt,
Doch war ihr Schweif hin unbedingt.
Die Hexe faßt sie dort beim Rumpf
Und ließ ihr kaum noch einen Stumpf.

Ihr Muttersöhne, leset hier
Die wahre Mär’ und folget mir:
Wenn’s euch gelüstet nach dem Wein,
Fällt auch ein kurzes Hemde ein,

[93]

Denkt: leicht zu teu’r die Freude wär’,
Gedenkt an Tam o’ Shanters Mär![59]

[94] Im Königreich Sachsen sind folgende Gebräuche bekannt.[60] In der Walpurgisnacht nehmen arme Leute Stroh aus dem Bette und werfen es dem Nachbar hinüber, damit die Flöhe ausreißen. – Man muß in die Diele vor der Tür einen Stiefelabsatz nageln, daß die Wechselbutte nicht darüber kann, um die neugeborenen Kinder zu vertauschen. – Im Erzgebirge wird, wie auch sonst, ein Feuer angezündet. Dazu tönt der Schall der Weidenpfeifen. [95] Es herrscht der Glaube, daß eine reichliche Ernte da zu erwarten sei, wohin der Schein des Feuers leuchtet. – In der Walpurgisnacht geht die Bauersfrau hinaus und schließt sorgfältig alle Türen. Darauf malt sie drei weiße Kreuze darauf. Das geht stillschweigend vor sich, oder sie murmelt einige Bibelsprüche. Vor sieben Uhr muß es beendet sein. So schützt die Hausmutter das Vieh gegen die Künste der Hexenmeister, die in der Nacht die Luft durchreiten. Der Brauch geht sichtlich zurück, aber alte Leute auf dem Dorfe oder in kleineren Städten halten fest daran. – Die Knaben machen Hexenspiel. Einer ist die Hexe und versteckt sich so, daß er möglichst schwer zu finden ist. Ist er gefunden, wird er durchgeprügelt. So wird die Hexe verjagt. An allen Türen der Häuser, namentlich an Stalltüren, Türen zu Milchgewölben, werden drei Kreuze mit Kreide geschrieben, um den Hexen den Eintritt zu wehren. Auf den Mist steckt man drei Ruten von Ahlert (prunus padus). – In der Walpurgisnacht ging man in einen fremden Garten und stahl Gras. Das gab man dem eigenen Vieh zu fressen. So brachte man den Nachbar um den Nutzen, den er für das Gedeihen seines Viehes aus dem Grase haben wollte. – In Auligk bei Groitzsch wird die Walpurgisnacht noch gefeiert, und zwar durch Feuer auf freiem Felde. Alte, abgenutzte Kehrbesen werden mit Pech getränkt und brennend im Kreise geschwungen, um so den Hexentanz darzustellen. Ferner werden alte Fässer, mit Stroh und Pech gefüllt, unter großem Lärm brennend heruntergerollt.

Da wo jetzt Hexen und sonstige Unholdinnen in der Walpurgisnacht fein zu Hause bleiben und sich ruhig verhalten, sorgen die Dorfburschen zahlreicher Gegenden dafür, daß es doch an dem historischen Heidenlärm und allerlei Schabernack nicht fehlt. Da wird ein Baumstamm schräg an die Haustüre gelehnt, sodaß er, wenn sie geöffnet wird, in die Hausflur fällt; da werden die Räder eines Wagens heimlich entfernt und versteckt; da wird dem Mädchen, dessen Ruhm nicht tadelfrei ist, fein geschnittenes Häcksel vor die Türe gestreut und manchmal auch der Weg nach ihrem ungesetzlichen Liebhaber damit gezeichnet. Diesem Schicksal verfiel auch, nach Lieschens Bericht in [96] der Brunnenszene das unglückliche Gretchen, Fausts vertrauensselige Geliebte. Das auf die angeführte Weise ausgezeichnete Mädchen sucht natürlich am Morgen die Häckerlinge so schnell wie möglich mit dem Besen zu entfernen; da diese jedoch so ungemein fein zerhackt sind, so ist dies eine Arbeit, die nicht leicht vonstatten geht. Sieht das Mädchen aber am ersten Maimorgen ein grünes Bäumchen vor seiner Türe aufgepflanzt, dann freut es sich und weiß auch, wem es diese Ehre verdankt.

Die jungen, ledigen Burschen an der Schwalm in Kurhessen feiern die Walpurgisnacht auf ihre besondere Weise. Sie versehen sich mit Peitschen, gehen vor das Dorf, wo einer derselben sich auf eine Anhöhe oder einen Baum stellt und ruft:

„Hier steh’ ich auf der Höhe,
Und rufe aus das Lehn, das erste (zweite) Lehn,
Daß es die Herren recht wohl verstehn,
Wem soll das sein?“

Die Versammlung antwortet dann mit den Namen eines Burschen und eines Mädchens, und zwar mit dem Zusatze: „In diesem Jahr noch zur Ehe!“

Bei jedem einzelnen Paare wird mit der Peitsche geschnappt und so fortgefahren, bis die ganze Reihe der Heiratsfähigen verteilt worden ist. So ernst die Bedeutung dieses Spiel auch früher gewesen sein mag, so beschränkt sich dieselbe nur noch darauf, daß die solchergestalt Zusammengegebenen für das nächste Jahr als Tanzpaar verbunden sind.

Goethe besuchte den Harz bekanntlich dreimal, nämlich in den Jahren 1777, 1783 und 1784. Die erste Reise fand im Winter statt, da sich der Herzog von Weimar in das Eisenacher Gebiet zur Jagd auf Wildschweine begeben hatte, welche die dortige Gegend unsicher machten und großen Schaden anrichteten. Goethe wollte einmal wieder sich selbst angehören und hatte, wie das seine Gewohnheit war, die Vorbereitungen für die Reise heimlich getroffen. „Es ist gar hübsch“, schrieb er an Frau von Stein, „auf seinem Pferde mit dem Mantelsäckchen wie auf einem Schiffe herumzukreuzen“ und damit er dies ganz nach seinem Geschmacke tun konnte, gab er sich auf der Reise [97] für einen aus Gotha stammenden Maler aus. Er wollte ungestört das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden, in Ilmenau die Bergwerke studieren um auszufinden, wie dieselben wieder in Gang zu bringen seien, sich nebenbei auf seine Weise amüsieren und dann auch dem Sohn des Superintendenten Plessing zu Wernigerode, der sich in einer bedenklichen Wertherstimmung befand, die trüben Gedanken austreiben.

In der glücklichsten Stimmung unternahm er auch das Wagnis, im Dezember den Brocken zu besteigen. Als Frucht dieses Ausfluges ist sein Gedicht „Harzreise im Winter“ zu betrachten, ein nur durch ausführlichen Kommentar verständliches, persönliche Erlebnisse und Eindrücke schilderndes Produkt.

Wie der Geier ruhig über der winterlichen Natur schwebt, so schwebt der Blick des Dichters über den Verhältnissen der Menschen. Der Bedeutung des Brockens für den deutschen Volksglauben aber hat er in dieser Ode keine Silbe gewidmet; erst in der 1799 entstandenen, von Mendelssohn so überaus glücklich vertonten Kantate „Die erste Walpurgisnacht“ hat er dies Versäumnis nachgeholt. Darin führt er uns die von der herrschenden Religion verfehmten Anhänger des deutschen Heidentums vor, die sich in einer Frühlingsnacht auf einem abgelegenen Waldberge heimlich versammelt haben, um ihren Allvater durch Opfer und Lobgesänge nach gewohntem Gebrauche zu verherrlichen, und läßt dabei deutlich durchblicken, daß er mit ihnen aufrichtig sympathisiert, so wenig er auch sonst an religiösen Streitfragen teilnahm. Gewöhnlich suchte er denselben auszuweichen oder, wenn es nicht anders ging, sich in einer Weise auszudrücken, die eine zweifache Deutung zuließ. Seine Worte:

Den deutschen Mannen gereicht’s zum Ruhm,
Daß sie gehaßt das Christentum,

kennzeichnen jedoch seine wahre, unverblümte Gesinnung.

Damit die Verehrer Allvaters nicht von den Pfaffenchristen überfallen und samt Weibern und Kindern erschlagen werden, haben sie im Waldrevier heimlich Wächter ausgestellt, die als Teufel verkleidet, mit Hacken, Gabeln, Holzbränden und Klapperstöcken derartig lärmen und auf [98] die abergläubigen Verfolger losstürmen, daß einer derselben seinem Kameraden ängstlich zuruft:

Hilf, ach, hilf mir, Kriegsgeselle!
Ach, es kommt die ganze Hölle!
Sieh, wie die verhexten Leiber
Durch und durch von Flammen glühen!
Menschenwölf’ und Drachenweiber,
Die im Flug vorüberziehen!
Welch’ entsetzliches Getöse!
Laßt uns, laßt uns alle fliehen!
Oben flammt und saust der Böse,
Aus dem Boden
Dampfet rings ein Höllenbroden.

Solche heimliche Gottesdienste, gefeiert von Deutschen, die ihrer alten Religion treu geblieben, aber öffentlich zur christlichen Taufe gezwungen worden waren, bilden den Ursprung der weit verbreiteten Sage vom Hexensabbat, wie er nicht nur auf dem Blocksberge, sondern auch auf verschiedenen entlegenen Bergen Deutschlands und Österreichs abgehalten wurde, überhaupt da, wo das Christentum durch Mord und Brand zur Herrschaft gelangt war.[61]

In allen Naturreligionen bildet der Frühlingsanfang ein der Lustbarkeit geweihtes Fest. So feierten die Römer vom 28. April bis zum 1. Mai ihre sogenannten Floralien, während welcher die Frauen der bona dea oder Fauna ein trächtiges Schwein opferten, und das übrige Volk sich auf seine, nicht immer anständige Weise ergötzte. Auch die Feier der deutschen Walpurgisnacht war ursprünglich ein Frühlingsfest, das die christliche Kirche, da sie es nicht beseitigen konnte, dadurch zu unterdrücken suchte, daß [99] sie die heidnischen Götter als Teufel und Spukgestalten hinstellte und die Teilnahme an einem solchen Feste als eine gotteslästerliche, schwer zu bestrafende Handlung brandmarkte.

Der Name Walpurgisnacht ist auf die heilige Walpurgis oder Walpurga zurückzuführen, eine Äbtissin des Klosters Heidenheim bei Eichstädt, die im Jahre 998 kanonisiert und als besondere Beschützerin gegen Zauber jeder Art verehrt wurde. Ihr war der 1. Mai gewidmet, und so heißt die Nacht zum 1. Mai Walpurgisnacht. In den Hexenprozessen werden übrigens auch der Johannistag, die kirchlichen Festzeiten Ostern, Pfingsten, Weihnachten, Fastnacht und die Nacht vom Samstag zum Sonntag als Zeit der Hexenversammlungen oft genannt.

Als Hauptschauplatz wurde in Norddeutschland der Brocken angesehen, vielleicht weil auf diesem die norddeutsche Ebene weithin beherrschenden Berge die Sachsen vormals den Sieg des Lichtgottes durch Freudenfeuer und Tänze zu feiern pflegten. Daneben werden im Norden der Guiberg bei Halberstadt, der Köterberg bei Corvey und einzelne Höhen des Riesengebirges genannt. In Süddeutschland nahm man den Staffelberg bei Bamberg, den Kreidenberg bei Würzburg, den Kandel im Breisgau, den Heuberg auf dem Schwarzwald u. a. für den Hexensabbat in Anspruch. Öfters boten auch ganz nahe gelegene Punkte, der Pfarrgarten, der Kirchhof, der Galgenberg oder eine Kegelbahn das geeignete Lokal.[62]

Und was geschieht auf einer solchen Versammlung? Nach den Akten einiger Hexenprozesse schließen die Unholdinnen einen Kreis um den Teufel, der auf einem hohen Stuhle sitzt, am Hinterkopfe zwei große Hörner und eins an der Stirne hat, das ihm als Leuchte dient. Nachdem er sich eine Königin von mächtigem Umfange gewählt, huldigen ihm alle Hexen und küssen ihm den Hintern; diejenige, die sich weigert, dies zu tun, muß abseits stehen und Kröten hüten und darf am folgenden Mahl und Tanz nicht teilnehmen. Zum Schlusse verbrennt sich der Teufel [100] zu Asche; diese wird unter seinen Anhängerinnen verteilt und bildet ein Zaubermittel von unwiderstehlicher Wirkung.

Im „Urfaust“ und „Fragment“ gedenkt Goethe der Walpurgisnacht nicht, auch wird sie in keinem Volksbuche erwähnt und mit der Faustsage in Verbindung gebracht, wohl aber in Löwen’s 1756 erschienenem, im Stile von Zachariäs „Renommist“ verfaßtem, humoristischem Gedichte „Die Walpurgisnacht“, das Goethe, wie er in „Wahrheit und Dichtung“ bekennt, in seiner Jugend, da er sicherlich noch nicht an ein eigenes Faustwerk dachte, gelesen hatte. In der Einleitung heißt es:

Mein wundervolles Lied besingt die große Nacht,
Die manchen Schelm berühmt, den Blocksberg ewig macht,
Wohin, um sich ihr Glück durch Wunder zu bereiten,
Die auf dem Besenstiel, und die auf Böcken reiten.
Die Nacht, die wunderleer dem Klugen nicht mehr bleibt,
Der nichts auf Hexen hält, doch Hexenwunder gläubt,
Die Nacht, wo Belzebub Mäcenen ähnlich denket,
Und die, die gut getanzt, bewundert und beschenket.
Wo Stutzer, Buhlerin, und mancher junge Mann
Die Kunst erlernt, daß er mit Anstand hexen kann,
Die Kunst, die Deutschland sonst als einen Abscheu kannte,
Und die, die sie geübt, als Zauberer verbrannte,
Dies alles singt mein Lied. Und dir, ehrwürd’ger Geist,
Der du bei Teufeln auch noch immer Doktor heißt,
Ehrwürd’ger Doktor Faust, du sollst, mir Stoff zu geben,
Jetzt meine Muse sein und meinen Vers beleben.
Durch manche Zauberei verewigtest du dich,
Wer Zaubereien singt, wünscht deinen Einfluß sich,
Begeistre meine Brust, trotz denen, die dir fluchen,
Und dich beim Luzifer und den Verdammten suchen.
Vergebens fabelt man, daß einst der Teufel kam,
Für deine Zauberei dich bei dem Mantel nahm,
Die Lüfte durchgeschleppt, in Stücken dich zerteilet,
Und mit dir in den Pfuhl der vor’gen Nacht geeilet.
Laß, da dich Belzebub dem Blocksberg zugeführt,
Wo deine Kunst durch ihn gefällt und präsidiert;
Laß mir durch deine Kraft ein Zauberlied gelingen,
Und mich von jener Nacht und ihren Wundern singen.

[101] Am Beginn des zweiten Gesangs wird dann Faust noch einmal ausführlicher erwähnt.

Es saß dem Belzebub der Doktor Faust zur Linken,
Er schenkte fleißig ein und half ihm tapfer trinken,
Bis daß des Nektars Kraft in jede Seele drang,
Die Geister vivat schrien und Faust ein Trinklied sang.

Außerdem ist bemerkenswert, daß einer der dienstbaren Genien Belzebubs den Namen Lilith führt, der auch in Goethes „Walpurgisnacht“ vorkommt.[63]

Mephisto und Faust besteigen also den Blocksberg, und zwar zu Fuß, ersterer wünscht sich allerdings einen derben Bock für die beschwerliche Bergreise und fragt seinen Begleiter, ob er nicht nach einem Besenstiele verlange; dieser aber, den der Zaubertrank in der Hexenküche um ein Menschenalter verjüngt, erwidert:

So lang’ ich mich noch frisch auf meinen Beinen fühle,
Genügt mir dieser Knotenstock.
Was hilft’s, daß man den Weg verkürzt?
Im Labyrinth der Täler hinzuschleichen,
Dann diesen Felsen zu ersteigen,
Von dem der Quell sich ewig strudelnd stürzt,
Das ist die Luft, die solche Pfade würzt!
Der Frühling webt schon in den Birken,
Und selbst die Fichte fühlt ihn schon,
Sollt’ er nicht auch auf unsre Glieder wirken?

Mephisto aber, der nach der Volkssage an starke Hitze gewohnt war und in der Flamme sein eigenes Element erblickte, ist es winterlich im Leibe und er mußte sich, um sich nicht von seinem Freunde zu trennen, dazu bequemen, ebenfalls den Weg zu Fuß zurückzulegen.

Der Harz, ein Berührungspunkt verschiedener deutscher Völkerschaften, besaß im Brocken einen besonders günstigen Versammlungsplatz für gemeinschaftliche Frühlings- und Opferfeste. Solcher Berge gab es, wie schon bemerkt, fast überall, wo die Völker gezwungen waren, ihre religiösen [102] Bedürfnisse heimlich zu befriedigen.[64] Überall aber standen durch christlich-priesterlichen Einfluß die Teilnehmer an jenen Feierlichkeiten in dem Geruch, Teufelsanbeter und Hexen zu sein, die jedem Verderben brachten, der mit ihnen in Berührung kam.

So ist es in Mecklenburg gebräuchlich, während der Nacht keine Geräte auf dem Herd zu lassen, weil sich sonst aus denselben die Hexen Pferde machen. Vor wenigen Jahrzehnten war in vielen Orten der Rheinlandschaften das Glockenläuten zur Mitternachtsstunde üblich, damit der Klang die heilige Walpurgis bewege, die Hexen fernzuhalten.

In den Alpenländern und in Deutschböhmen sucht man sich dadurch vor den Hexen zu schützen, daß man alle Türen und Fenster möglichst fest verschließt, denn durch die kleinste Öffnung kann eine Unholdin in Gestalt eines Tierchens eindringen und den Schläfern das Alpdrücken, die Trude, verursachen oder Kinder am Hals so lange würgen, bis sie blau sind. Säuglinge müssen ganz besonders gehütet werden, weil sonst die Hexen an ihre Stelle einen Wechselbalg, das ist einen wasserköpfigen Kretin, legen. Sehr häufig steckt man vor die Wohnungsöffnungen kreuzweise übereinandergelegte Besen oder man bestreut die Schwellen von Haus und Stall mit Sand, Dünger oder frischem Rasen, der sich als ein besonders wirksames Mittel der Abwehr erweist, wenn die einzelnen Stücke lückenlos aneinander gelegt sind. In diesem Falle [103] findet eben die Unholdin keine Öffnung im Rasen, um in den betreffenden Raum eindringen zu können.

In den Orten des Egertales legt man vor die Türen des Wohnhauses wie der Stallungen eine bedeutende Menge von Dornen, in den Tälern Tirols geweihte Palmbüsche in der Form eines Kreuzes oder eines Rades. Allgemein verbreitet in allen deutschen Gauen ist die Sitte, an sämtlichen Türen des Hauses je drei Trudenfüße mit der Kreide zu zeichnen.

Um das Vieh vor Verhexung zu schirmen, gibt man demselben allerorts ein Gemenge von Mehl und Knoblauch unter das Futter und streut ihm etwas Salz zwischen die Hörner. Dieses Mittel ist aber nur dann von Wirkung, wenn der Bauer rückwärtsgehend den Stall verläßt.

In zahlreichen deutschen Dörfern sucht man die Hexen durch große Feuer, sogenannte Maifeuer, aus Stroh und Holzspänen, die oft in Pech getränkt sind, zu verbrennen, oder, wie in der Reichenberger Gegend, durch furchtbaren Lärm, im Egerlande durch langanhaltendes Peitschenknallen, welches man das „Hexen aus den Dörfern treiben“ nennt, zu verscheuchen. Und an anderen Orten in Süd und Nord der deutschen Gaue schießt man um Mitternacht mit Pistolen in die Luft, um die auf der Fahrt zum Hexensabbat begriffenen Unholdinnen zu vernichten.

Vorzügliche Mittel zum Schutze der eigenen Person vor Behexung sollen der Gebrauch des Neunfingerkrautes sein, welches man unter das Kopfkissen legt, oder das Tragen von Wachholderasche in den Taschen.

Wer in Mecklenburg die Wäsche während der Walpurgisnacht im Freien hängen läßt, darf sich nicht wundern, wenn er am nächsten Morgen ausfindet, daß sie von den Hexen besudelt worden ist. Wer dort sicher sein will, daß ihn die Hexen nicht bestehlen oder ihm überhaupt etwas anhaben können, schneidet in der ersten Mainacht einen Kreuzdorn und steckt ihn entweder ins Butterfaß oder in eine Spalte der Türschwelle.

In Oberösterreich reinigen die Leute in früher Morgenstunde am 1. Mai Höfe und Stallungen und stecken alle Gerätschaften wie Besen, Rechen, Schaufeln usw. mit der Spitze nach oben in den Boden, damit sich die Hexen [104] daran fangen. Außerdem wurden die Ställe mit Weihwasser besprengt.

Wer die Hexen bei ihren Versammlungen belauscht, dem hocken sie sich auf den Rücken und lassen sich von ihm tragen. An jedem Übel waren sie schuld, kein Wunder, daß früher auf Hexerei der Feuertod stand.

Merkwürdig ist es, daß der Teufel, der jedem Manne, der sich ihm verschworen, alle erdenkliche Gefälligkeiten erwies, sich seinen weiblichen Anhängern gegenüber stets niederträchtig benahm, und der, trotzdem er sich doch leicht mit der Polizei abfindet, durch ein Schlüsselloch kriechen konnte und das Regenmachen verstand, es ruhig ansah, wenn ihnen der Scharfrichter brennendes Pech auf den nackten Körper träufelte, ihnen das Fleisch vom Rücken riß oder sie auf den Scheiterhaufen schleppte, ohne einzuschreiten. Und daß er dazu die nötige Kraft besaß, davon war jeder gläubige Christ felsenfest überzeugt. Er vermochte die prächtigsten Gebäude in fabelhafter Geschwindigkeit aufzuführen, konnte mit Blitzesschnelle von einem Ort zum andern fahren, jeder unliebsamen Person mit Leichtigkeit das Genick brechen und jedem Taugenichts eine nie leer werdende Geldtasche schenken, allein für die Leiden seiner getreuen Verehrerinnen blieb er taub, überließ sie erbarmungslos ihrem traurigen Schicksal und hatte höchstens Spott und Verachtung für sie. Nicht einmal mit einer männerverführenden Schönheit stattete er sie aus, und handelte somit gegen sein eigenes Interesse. Die allermeisten waren alt, häßlich, mager und runzlig, sie hatten ein aufwärts gebogenes Kinn, hervorstehende Backenknochen, eine spitze Nase und manchmal auch einen Kinnbart. Was die Menschen schön fanden, erschien ihnen häßlich. „Fair is foul“, läßt Shakespaere eine solche im „Macbeth“ sagen, um ihre verkehrte Natur anzudeuten.

Die Südslaven haben allerdings auch einige gute Hexen, nämlich die Erdhexen, welche den Menschen praktische Ratschläge erteilen und sich auch als Hirtinnen nützlich machen; allein dieselben stammen sicherlich aus der guten alten Zeit, da die Hexen noch weise Frauen waren, welche Salben hatten für alle Gebrechen, welche [105] die Männer im Kampfe anfeuerten, sich am Gottesdienste eifrig beteiligten und die Zukunft vorraussagten. Mit der Einführung des Christentum hatte jedoch die Herrlichkeit der Wotanspriesterinnen ein Ende. Daß die Frau die Quelle alles Übels und aller Sünde in der Welt sei, stand klar und deutlich in der Bibel zu lesen und mußte mithin wahr sein; wer also die Frauen, die noch dem Heidentum anhingen, als Hexen brandmarkte und ihnen alle erdenkliche Schandtaten andichtete, konnte darauf rechnen, daß man ihm glaubte, und so bestiegen dann während drei Jahrhunderten in christlichen Ländern unzählige arme Frauen den Scheiterhaufen für ein Verbrechen, das niemals existierte.

Doch nun wieder zurück zu unseren Blocksberghexen. Ehe wir aber einige derselben näher betrachten, wollen wir uns erst die Fuhrwerke, deren sie sich auf ihrer Reise bedienten, etwas näher ansehen, hauptsächlich den Besen und den Bock, welche beide nicht auf Geradewohl gewählt sind, sondern, was man ihnen nicht auf den ersten Blick anmerkt, ihre eigene interessante Geschichte haben. Der Besen ist unstreitig das billigste und einfachste Reitpferd, das sich die armen Hexen leisten können. Ein Bock verlangt Futter und Obdach, einen bedürfnislosen Besen aber kann man ruhig in eine Stubenecke stellen, ohne sich weiter darum zu bekümmern; er verhungert und verdurstet nicht und zieht sich auch keine Erkältung zu, selbst im strengsten Winter nicht. Auch ist er leicht und kostenlos herzustellen, da man das dazu nötige Material in dem nächsten Walde findet. Er ist ohne Schwierigkeit zu regieren; beim schrecklichsten Sturm, bei Blitz und Donner gerät er nicht aus der Fassung und trägt seine Reiterin sicher ans Ziel. Man kann auf ihm durch den Schornstein ins Freie fahren, was mit einem Pferde unmöglich wäre. Man braucht ihm keine Zügel anzulegen und ihn auch nicht mit Hufeisen zu versehen, denn er ist stets reisefertig, sobald sich die Herrin seiner bedienen will. Im allgemeinen liebt er jedoch die Ruhe und hält sich mit Vorliebe in der, von den alten Deutschen als „Hölle“ bezeichneten Ofenecke in der Nähe des Großvaterstuhles auf, weil er dort ungestört und niemand im Wege ist.

[106] Die Hexe fährt, besonders wenn sie sich vor der Abreise mit einer zauberkräftigen Salbe eingerieben hat, sicherer auf ihrem Besen als ein Wagehals der Neuzeit in einem Luftschiffe nach dem starren und halbstarren System, denn nie gerät die Maschine außer Ordnung; auch bedarf es keiner Kompanie Soldaten, um eine gefahrlose Landung zu bewerkstelligen. Daß eine solche Fahrt früher nur durch den Beistand des Teufels möglich war, glaubten natürlich die beschränkten Zuschauer und vernichteten daher mit der Hexe zugleich ihre erstaunliche Kunst. Der praktische Amerikaner William Penn, der doch sicherlich ein guter Christ war, dachte in dieser Hinsicht viel vernünftiger, denn als einst eine alte unter dem Namen „Witch of Ridley Creek“ bekannte Schwedin der Hexerei und des Besenritts angeklagt wurde, fragte er sie als Vorsitzender des Gerichtshofes einfach, ob es wirklich wahr sei, daß sie auf einen Besen durch die Luft gefahren, und fällte, nachdem sie dies ohne Ausflüchte bejahte, das Urteil, sie habe dazu vollkommen Recht, denn es bestehe kein Gesetz, das sie davon abhalte.[65]

Das Reiten auf einem Besenstiele ist eine Kunst, die nur die wirklichen Hexen verstehen; wer es ihnen, ohne sich vorher mit dem Teufel abgefunden zu haben, nachmacht, bricht gewöhnlich den Hals dabei, auch wenn er vor Beginn seiner Luftfahrt den richtigen Zauberspruch hersagt.

Wer aber das richtige Entzauberungswort beim magischen Gebrauche des Besens nicht versteht, dem kann es leicht ergehen, wie dem Goethe’sche Zauberlehrling, der die Geister, die er gerufen, nicht mehr los wurde und froh sein mußte, als ihn der noch rechtzeitig zurückkehrende Hexenmeister aus seiner verzweifelten Lage befreite.[66]

[107] Die Hexe ist die rauhe Reiterin des Mittelalters. Nach einem englischen[WS 17] Kinderliede nahm sich eine solche einmal vor, in Gesellschaft ihres geliebten Katers auf einem Besen in den Himmel zu fliegen, um der Abwechslung wegen ein Schäferstündchen mit dem Manne im Mond zu genießen. Auf der langen Reise verspürte jener Kater jedoch einen unwiderstehlichen Hunger, sodaß er sich nach Hause sehnte, um sich eine fette Ratte zu fangen. Da ihm nun die Hexe ihr Reitpferd dazu nicht zur Verfügung stellte, so ließ er sich, da er zweifelsohne auch etwas Zauberei verstand, am Regenbogen auf die Erde und befriedigte seinen Appetit. Über die Erlebnisse der Hexe beim Mann im Monde schweigt die Geschichte.

Ein anderes englisches Kinderlied, das in der Sammlung „Mother Goose’s Nursery Rhymes“ enthalten ist, erzählt von einer Frau, die mit ihrem Besen neunmal so hoch wie der Mond geschleudert wurde. Auf die Frage, was sie mit dem Besen tun wolle, erwiderte sie spöttisch; „To brush the cobwebs of the sky“. Sie beabsichtigte also, die Spinngewebe vom Himmel zu kehren, sicherlich gedachte sie das Gegenteil zu tun, nämlich die Wolken zusammenzukehren und dann einen schrecklichen Gewitterregen auf die Erde loszulassen. Übrigens hätte sie als echte Wetterhexe nicht nötig gehabt, den Regen selber vom Himmel herabzukehren; wäre sie auf der Erde geblieben und hätte mit ihrem Donnerbesen in ein fließendes Wasser geschlagen, so würde auch schon ein Gewitter entstanden sein.

Am liebsten halten sich die Hexen in Besen auf. Wünschen sich die Schiffer von Pommern und der Insel Rügen für ihren Beruf günstiges Wetter, so werfen sie einfach einen Besen mit dem Stiele nach der Gegend gerichtet, aus welcher es kommen soll, ins Feuer; werden sie plötzlich von einem Unwetter überrascht, so werfen sie ihn ins Wasser, in der Hoffnung, dadurch die ihnen feindlich gesinnten, im Besen hausenden Geister zu vernichten.

Für die jährlichen Osterfeuer tragen die jungen Leute in Böhmen, wie Lippert in seinem Werke „Deutsche Festgebräuche“ mitteilt, alte Besen zusammen und verbrennen [108] sie; diese werden im Volksmunde „Hexen“ genannt, weil sie nach altem Glauben den Unholdinnen zum Aufenthalt dienen. Ein Reiserbusch wird im genannten Lande „Donnerbesen“ genannt, denn es steckt ein Geist darin, der Gewitter und Hagelschlag verursacht und nur durch Verbrennen und Peitschengeknall verjagt werden kann.

Die böhmische Hausfrau alten Schlags fegt am Karsamstag alle Ecken ihrer Wohnung gründlich mit einem eigens für diesen Zweck gebundenen Besen, um Ungeziefer und böse Geister zu verscheuchen und somit das Glück zu befördern. In Schwaben geschieht dies um Mitternacht, wonach die Besen auf einen Kreuzweg, den bekannten Versammlungsplatz der Hexen, getragen und dort weggeworfen werden. Im allgemeinen aber werden die abgenutzten Besen verbrannt, damit sie nicht von den nächtlich herumschweifenden Hexen gebraucht werden können, um dem Felde zu schaden.

Wer sich in Sachsen Besuch wünscht, steckt einfach drei alte Besen in den Ofen und zündet sie an, dann kommt welcher. Vielleicht sehen die Nachbarinnen an dem Rauche des Schornsteins, daß dort ein warmes Zimmer, vielleicht auch ein Schälchen Blümchenkaffee zu finden ist.

Besen, kreuzweis vor die Türe gelegt, halten die Hexen ab. Daß sie auch sonst als Sinnbild der guten, weisen Frau Glück bringen und die Unschuld beschützen, zeigen folgende Erzählungen.

Geht eine Zigeunerin in Siebenbürgen Mutterfreuden entgegen, so zünden ihre Stammesgenossinnen ein Feuer vor ihrem Zelte an und unterhalten dies mit Besenruten bis zur Taufe des Kindes, um die demselben nachstellenden bösen Geister abzuhalten. Dabei sprechen sie:

„Feuer, Feuer, brenn’ geschwind, brenn’ geschwind,
Und vertreib’ vom kleinen Kind, vom kleinen Kind,
Phurüsche (Erdgeister), Nivaschi (Wassergeister) auch
Soll vertreiben jetzt den Rauch!
Gute Urnen (Feen) lock’ herbei,
Daß dies Kind gesegnet sei.
Hier auf Erden, hier auf Erden
Soll es glücklich, glücklich werden!

[109]

Besenruten, Besenruten,
Und noch einmal Besenruten,
Besenruten, Besenruten,
Und noch einmal Besenruten,
Leg’ ich in die Feuersgluten!
Feuer brenne nur geschwind,
Hör’, es weint ein kleines Kind!“[67]

Auf dem Knickenberge bei Callies steht eine Pappel, die große Ähnlichkeit mit einem mit dem Stiel in die Erde gesteckten Besen hat. In alter Zeit, so wird erzählt, wurde einst ein Schornsteinfegergeselle aus Callies zum Tode verurteilt, weil er einen Menschen erschlagen haben sollte. Auf dem Knickenberge sollte er gerichtet werden. Da nahm er seinen Besen, steckte ihn in die Erde und rief aus: „Sowahr ich unschuldig bin, wird dieser Besen grünen!“ Darauf erlitt er den Tod. Der Besen aber grünte aus und wurde zum Baum, ein Zeichen seiner Unschuld.[68]

Das heiratslustige Mächen in Hessen, das gern wissen möchte, wie sein Zukünftiger aussieht, braucht sich blos in der Neujahrsnacht nackt auf einen Besen zu setzen und dann ins Ofenloch zu blicken.

Der junge Mann in der Normandie, der ausfinden möchte, ob seine Braut auch häuslich gesinnt ist, legt einfach einen Besen auf die Türschwelle; hebt sie ihn bei dem Betreten des Hauses auf, so schätzt er sich glücklich.

Daß ein rechtzeitig und gründlich angewandter Besenstiel die Wolken am Ehehimmel schneller und sicherer verscheucht, als alles Bitten und Schöntun, weiß mancher verheirateter Mann und seine Frau aus Erfahrung. Der Dichter des nachfolgenden Lübecker Kinderliedes dürfte jedoch zu weit gegangen sein.

„Wann mien Katriene nich danzen will,
Dann woat ik, wat ik doo,
Dann stopp ik se in’n Habersock
Un bind am baben to.

[110]

Un wenn se denn noch beden deiht:
Ach, lebe Korl, maak up!
Dann nehm ik mien Bessensteel
Un slaag dor baben up.“[69]

Der Besen ist das Symbol der häuslich gesinnten Frau, die den rechten Gebrauch davon zu machen weiß und somit dafür sorgt, daß die bösen Geister, die im Eheleben in zahlreichen Gestalten auftreten, sich nicht in das Innere des Hauses wagen. Sie sorgt daher auch, wie ein alter, viel verbreiteter Gebrauch zeigt, daß beim Einzug in eine neue Wohnung vor allen Dingen zuerst ein Besen hineingetragen wird. So treibt auch der jährlich erscheinende Knecht Rupprecht den bösen Kindern die Untugenden mit fest gewickelten Besenreisern aus.

Das Mädchen, das also von den Studenten ein flotter Besen genannt wird, kann auf dieses Kompliment stolz sein, denn der Musensohn will damit einfach sagen, daß es nicht nur in den eintönigen Pflichten seines Berufes aufgeht, sondern nach getaner Arbeit im Sonntagsnachmittagsstaat ihre jugendliche, natürliche Heiterkeit zu ihrem Recht kommen läßt und dabei acht gibt, daß sie nicht dem traurigen Schicksal des treuherzigen, unbedachten Gretchens verfällt.

Ein solcher Besen ist auch insofern eine Hexe, als sie nicht nur das Herz der jungen Männer, sondern, wie man im Englischen sagt, sogar einen Besenstiel zu bezaubern vermag (to charm a broomstick). Als Swift sein Gedicht „Cadenus and Vanessa“ schrieb, bemerkte jemand in Gegenwart seiner Gattin, Vanessa müsse unzweifelhaft eine Dame von außerordentlicher Schönheit und Anmut gewesen sein, um den Dean zu solchen feurigen Versen zu begeistern, worauf diese erwiderte, sie sei dessen nicht sicher, doch wisse sie genau, das ihr Mann die betreffenden Zeilen ursprünglich an einen Besenstiel gerichtet habe.

Besen heißt auf französisch balai. Der Pariser versteht darunter auch ein mageres, liederliches, auf romantische [111] Abenteuer ausgehendes Mädchen, also einen Hexenbesen, der von rechtswegen auf den Blocksberg gehört.[70]

Über den Bock, der vorzugsweise dem Teufel als Reittier diente, wenn dieser es nicht vorzog, auf seinem breiten Mantel die Luft zu durchschiffen, wollen wir uns kurz fassen. Er war ein dem Thor geheiligtes Tier, und da dieser Gott allmählich in den Teufel verwandelt wurde, so ist es leicht erklärlich, daß der Bock in seine Dienste trat. Im Mittelalter wurde der Teufel auch vielfach als Hellebock bezeichnet, und die Mitglieder einer im 18. Jahrhundert in der Nähe Aachens ihr Unwesen treibenden Räuberbande führten im Volksmunde den Namen Bockreiter, da sie, wie man annahm, mit dem Teufel in Verbindung standen und auf dessen Reittier ihre nächtlichen Ausflüge unternahmen.

In der Verwünschung, daß dich der Bock schinde, die häufig bei Hans Sachs vorkommt, sowie in der Redensart „Gott Strambach“ erscheint der Bock als Repräsentant des Teufels. In der Umgegend von Eisleben und Mansfeld lautet die letztgenannte Redensart „Gott Strambock“, d. h. Gott straf den Bock, nämlich den Teufel, und weist somit auf den Kampf zwischen Christentum und Heidentum hin. Auch ist deshalb leicht zu erklären, weshalb der Bock als Schreckmittel für unartige Kinder gebraucht wird. So lautet ein pommersches Kinderlied:

Schlap, Kindke, schlap,
Buten steht e Schap,
Buten steht e bunte Bock,
Dei ett all unnütte Kinnekens op,
Schlap, Kindke, Schlap![71]

Aber der Bock kann auch munter und lustig sein; seine Sprünge sind weltberühmt, ohne jedoch allgemeinen Beifall zu finden. Nach der Weltchronik des Wieners Enickel ist es ein Bock gewesen, der Noah zuerst auf die Wirkung des Weines aufmerksam machte.

[112] Derjenige, den bei nachtschlafender Zeit auf dem Heimweg aus dem Wirtshause der Bock stößt, verirrt sich entweder oder landet im Straßengraben.

Nach bergischen Sagen hocken sich die Böcke mit Vorliebe auf den Rücken der heimgehenden Zecher, kein Wunder also, wenn diese ihr sowieso gefährdetes Gleichgewicht noch gänzlich verlieren. Sie sind stets in heiterer Stimmung und stets aufgelegt, jedem, der mit ihnen in Berührung kommt, einen Schabernack zu spielen. Auf dem Goethe’schen Blocksberg aber führen sie sich so unanständig auf, wie es nur dort, wo man das Häßliche schön findet, am Platze ist. Dort nimmt es ihnen niemand übel, selbst Faust nicht, der bereits ein abstoßender Hans Liederlich geworden ist.

Die Herren, die Goethe in einem Anfall übler Laune auf den Blocksberg versetzt hat, wie z. B. der trockne Aufklärer, dessen griechische Namen ich nicht übertragen mag, der General und Minister, welche über den Verlust ihres Einflusses klagen und die gute alte Zeit loben, interessieren uns hier weiter nicht, denn es sind Charaktere, die man täglich in jeder Groß- und Kleinstadt in zahlreichen Exemplaren antrifft; dafür aber wollen wir versuchen, die nähere Bekanntschaft der in der Walpurgisnacht auftretenden und sich in den Vordergrund drängenden Frauen zu machen und auch ausfinden, was Geschichte und Gerüchte über ihre bisherigen Sitten und Mores zu berichten haben.

Nachdem eine „Stimme“ die Ankunft der alten, auf einem Mutterschweine reitenden Baubo verkündet hat, jauchzt der ganze germanische Hexenchor:

„So Ehre denn, wem Ehre gebührt!
Frau Baubo vor! Und angeführt!
Ein tüchtig Schwein und Mutter drauf,
Da folgt der ganze Hexenhauf.“

Frau Baubo hätte als Griechin eigentlich in der klassischen Walpurgisnacht des zweiten Faustteiles auftreten sollen; allein es dürfte ihr dort schwerlich gefallen haben, denn es ging im großen ganzen doch etwas manierlicher her, und sie war doch – und dies ist auch das wenige, [113] was die Mythologie ihrer Heimat von ihr zu erzählen weiß – eine Freundin derber, urwüchsiger Scherze, die auch der schwergeprüften, um ihre Tochter besorgten Demeter einst durch saftige, von unzüchtigen Gebärden begleiteten Späße ein herzhaftes Lachen abnötigte. Der alte, von Homer verewigte Trojafahrer Nestor würde der klagenden Göttin in diesem Falle wohl seinen berühmten, bis an den Rand gefüllten Doppelbecher gereicht und ihr Bacchus’ Gabe als wundersamen Balsam für das zerrissene Herz empfohlen haben. Die alte Baubo aber wußte besser, aus welchem Punkte die Frauen zu kurieren seien, und daß die gebildeten Griechen, besonders aber die Athener, überhaupt an einer schmutzigen Zote Gefallen fanden, kann man in den „Achareern“ des Aristophanes nachlesen.

Unter ihren deutschen Gesinnungsgenossinnen war also Frau Baubo am rechten Platze; das wußte sie auch, und deshalb hatte sie auch die weite Reise dahin auf einem langsamen Borstentiere, das sonst niemals zum Reiten gebraucht wird, unternommen. Man begrüßt sie also aufs freundlichste und ernennt sie, da die Deutschen stets ihre hohen Gäste mit Ehre zu überschütten pflegen, zur Anführerin der ganzen Hexenschar, trotzdem sich doch auch unter den einheimischen Unholdinnen eine hätte finden lassen, die infolge ihrer Künste, Erfahrungen und Verdienste zu jenem Ehrenposten berechtigt gewesen wäre. Und Frau Baubo nahm diese Auszeichnung als eine Huldigung an, die ihr selbstverständlich zukam; sie dankte deshalb weder mit Wort noch Blick, nicht einmal eine zweideutige Bemerkung machte sie zur Erhöhung der allgemeinen Heiterkeit. Dieses unhöfliche, allen Regeln des Anstandes spottende Benehmen muß doch gerechten Anstoß erregt haben, denn wir erfahren nicht, daß sich die deutschen Hexen weiter um sie bekümmerten oder daß sie irgendwelchen Einfluß auf den Gang der Handlung auf dem Blocksberge ausgeübt hätte. Auch Faust ignoriert sie vollständig, woraus mit Sicherheit zu schließen ist, daß sie außer mit frecher, beleidigender Selbstüberschätzung auch noch mit abstoßender Häßlichkeit behaftet war, also das griechische Schönheitsideal nicht veranschaulichte. Und Faust war doch jetzt mit dem Hexentrank im Leibe [114] geneigt, eine Helena in jedem Weibe zu erblicken.

Doch die deutschen Hexen scheinen sich einmal mit Vorliebe von griechischen Unholdinnen ruhig leiten, beleidigen und wegwerfend behandeln zu lassen. Auch Shakespeare machte eine Griechin, nämlich die Nachtgöttin und Leiterin geheimer Zaubereien, Hekate, zur Königin seiner echt germanischen Macbethhexen, und wie schnauzt diese (III, 5) ihre untergebenen Dienerinnen, die frechen Vetteln, wie sie sie nennt, an, weil sie auf eigene Faust in das Schicksal des schottischen Tyrannen eingegriffen hatten! Aber Hekate war doch eine wirkliche Göttin, welcher die gläubigen Griechen Sühnopfer brachten; auch stand sie in besonderer Gunst Jupiters, weil sie im Gegensatz zu den ihm feindlichen Titanen, dessen Herrschaft bereitwillig anerkannt hatte und dafür mit weitgehender Macht ausgestattet und mit einem Sitze im Göttersaale beschenkt worden war. Ja, ein orphischer Hymnus feiert sie sogar als Beherrscherin des Himmels, der Erde und des Meeres, und die Künstler erlaubten sich, sie mit drei weiblichen Köpfen oder als drei dicht beieinanderstehende Frauen darzustellen. Hekate verleiht den Richtern Verstand, den Fischern und Schiffern Glück; Baubo hingegen gilt nur als Typus eines unzüchtigen Weibes, das sich nur auf die Kunst des Zotens versteht, von der sie aber auf dem Blocksberge nicht die geringste Probe ablegt. Auch würde man sicher fehlgehen, wenn man behauptet, ihr wahrer Charakter sei dadurch angedeutet, daß sie der Dichter auf einem Schweine reiten lasse, denn besagtes Tier war stets nur Juden und Muhamedanern verhaßt, bei Griechen und Römern, besonders aber bei den alten und auch neuen Deutschen, stand es in hohem Ansehen. Erstere opferten es bei den großen Eleusynien der Demeter und Persephone; die römischen Frauen brachten es am 1. Mai der Göttin Flora dar, und die alten Germanen wären in ihrer Walhalla verhungert, wenn sie kein Tischleindeckdich mit dem goldborstigen Eber Sährimmi darauf gehabt und sich diesem nicht jedes abgeschnittene Stück am nächsten Morgen von selber erneuert hätte. Jammerschade, daß dies so überaus nützliche Tier, mittelst dessen unseren Fleischbaronen schnell das Handwerk gelegt würde, [115] mit der altdeutschen Religion, die wenigstens praktischer und zugleich poetischer als ihr christlicher Ersatz war, für immer ausgestorben und an keine wirksame Wiederbelebung zu denken ist.

Der Eber war dem deutschen Sonnengott geheiligt und fehlte bei keinem Opfermahle. Das für diesen Zweck auf gemeinschaftliche Kosten gemästete Tier galt als unverletzlich. Die Lex salica und die leges Frisonum setzten schwere Strafen auf den Diebstahl oder die Beschädigung eines solchen. Abzeichen desselben trug man auf dem Helme und glaubte sich dadurch unverwundbar und unbesiegbar zu machen. Auf seinen Kopf wurden, besonders am Julabend, Gelübde abgelegt.

Wenn man einen Menschen ein Schwein nennt, so erntet man keinen Dank dafür; sagt man aber von einem, er habe Schwein, so hat man alle Ursache, ihn zu beneiden, denn diese Redensart bedeutet großes, unverhofftes Glück. Der Ursprung derselben wird auf verschiedene Weise erklärt. Richter sagt in seinem Büchlein „Deutsche Redensarten“, man habe früher auf deutschen Volksfesten nicht nur den besten, sondern auch den schlechtesten Schützen durch Preise ausgezeichnet; letzterer habe gewöhnlich ein junges Schweinchen erhalten, das er zum allgemeinen Gaudium selber nach Hause tragen oder führen mußte. Nach anderen soll jener Ausdruck dem Kartenspiel entstammen, in dem das As, der Haupttrumpf, den Namen Sau führt. Das Schwein ist übrigens sowieso schon ein Bild des Glücks, der Gemütlichkeit und der Zufriedenheit. Es braucht, wie die übrigen Haustiere, nicht zu arbeiten und wird auch nicht wegen Pflichtvernachlässigung gestraft. Es wird stets sorgfältig gepflegt, hat stets einen warmen Stall zur Wohnung, kann ruhen und schlafen so lang es will und braucht nach dem Aufstehen keine Toilette zu machen um vielleicht in die Schule, die Kirche, in einen Skatklub oder Gesangverein zu gehen. Wer es Hunger und Durst leiden läßt, handelt gegen sein eigenes Interesse. Daß es schließlich sterben muß, ist die Bestimmung aller Geschöpfe, nur wird in seinem Falle in unserer humanen Zeit dafür gesorgt, daß dieser Akt blitzschnell vonstatten geht.

[116] So ganz ohne schöne Lebensmanier ist das Schwein auch nicht. Nach katholischen Legenden soll es sich sogar vor heiligen Personen demütig verbeugen.

Wenn das Schwein in mehr als einer Gegend von Italien Haustier im buchstäblichen Sinne des Wortes ist, so wird es doch in keiner so geachtet und geliebt, wie in Calabrien, wo ein Mönch einst in seiner Predigt enthusiastisch ausrief: „Se il porco avesse lali, sarebbe simile al angelo Gabriele!“ (Hätte das Schwein Flügel, würde es dem Engel Gabriel gleichen.)

Wie in Vlämisch-Belgien die Redensart „tis een straetverken“ (es ist ein Straßenschwein) noch immer an die bevorzugte Kaste der Schweine des heiligen Antonius erinnert, welche sich des Vorrechtes erfreuten, überall ungehindert herumlaufen zu dürfen, so scheinen die Schweine in Calabrien die Erben der ehemaligen Antonssäue geworden und im Besitze der Freiheiten derselben geblieben zu sein. Wenigstens trifft man sie überall an. Sie gehen auf der Piazza ganz ungeniert spazieren, stecken ihre Nase oder ihren Rüssel in jedes Kaffeehaus, bei dem sie vorüber wandeln, und beliebt es ihnen, so laufen sie auch in die Kirche und wohnen der Messe bei. Tritt man aber in irgendeine Wohnung, so findet man unter dem Bette einen Trog und bei diesem ein Schwein. Daß dieser Trog nicht leer ist, gehört zu den Hauptsorgen des Calabriers, weshalb er auch den Rat erteilt: Kaufe dir ein Schwein für einen Carlin, aber laß es einen vollen Trog finden.

Befindet sich eine Sau in interessanten Umständen und naht der Tag heran, an dem sie werfen soll, dann ruft man direkt den Schutz der heiligen Maria an und sticht auch den heiligen Antonius zu gewinnen, indem man ihm ein Ferkel gelobt. Mann und Frau gehen in die Kirche der Kapuziner und beten inbrünstig:

Modonna mia,
Fammi figliar la frisinghella mia,
E sanamente,
E felicemennte,
Partorisse sette porcelli,

[117]

Quatro chirilli e tre frisinghelle,
E a dispetto del demonio
Uno intendo portarne a San Antonio.

(Heilige Jungfrau mein, laß mir mein Säuchen niederkommen, gesund und glücklich bringe sie sieben Ferkel zur Welt, vier männliche und drei weibliche, und dem Teufel zum Trotz beabsichtige ich eins davon dem heiligen Antonius hinzulegen.)

Schon aus dem gewöhnlich nur von Menschen üblichen Ausdruck figliar geht deutlich hervor, daß die Schweine in den Begriffen des Calabriers, wenn nicht den Menschen gleich, so doch ihnen nahe stehen, und man kann sich daher nicht wundern, wenn es in Calabrien heißt: Besser ist’s, ein Schwein aufziehen, als einen Sohn.[72]

Das Schwein ist eins der glücklichsten, zufriedensten und nützlichsten Tiere der Welt, trotzdem nennt man es doch nicht gerne bei seinem ehrlichen Namen. Wer sich sauwohl befindet, dem hängt der Himmel voll Baßgeigen. In früheren Zeiten hatten die Sparbüchsen oft Schweinegestalt.

In Hessen und Bayern redet man manchmal noch von einem Antonius-Schwein, das auch zuweilen Töngessau genannt wird. Dieser Ausdruck bezieht sich auf den früheren Gebrauch der Antonitermönche, beim Terminieren ein Schwein mit einer Glocke mitzuführen und Futter für dasselbe zu erbetteln. Vielleicht ist hier der Ursprung der jetzt allerdings im anderen Sinne gebrauchten Redensart „mit der Sauglocke läuten“ zu suchen. Überhaupt gaben die Antoniusschweine Veranlassung zu mancher spöttischen Redensart.

Burkard Waldis sagt in seiner Übersetzung eines lateinischen, das päbstliche Reich behandelnden Schmökers:

„Antonius, der sew muß hüten,
Das nit der wolff dawider wüten,
Drumb man jm in den stedten hegt
Ein Schwein, das seine Schellen trägt.“

Das Schwein war früher ein ehrenhaftes Tier. Nach altem, im Schwabenspingel vollständig beschriebenen Gerichtsgebrauch [118] wurde der schwörende Jude bei der Eidesleistung auf eine Sauhaut gestellt, sonst galt sein Schwur nichts.[73]

Als sich der heilige Antonius, um dem Weltgewühl zu entfliehen, tief hinten im Walde niedergelassen hatte, und sich dort kümmerlich von Tau und Moos ernährte, da kommt, wie Wilhelm Busch erzählt, ein Wildschwein daher geschritten, und

Wühlet emsig an der Stelle
Ein Brünnlein auf, gar rein und helle,
Und wühlt mit Schnaufen und mit Schnüffeln
Daraus hervor ein Häuflein Trüffeln.

Der heilige Antonius voll Preis und Dank,
Setzte sich nieder, aß und trank,
Und sprach gerührt: „Du gutes Schwein,
Du sollst nun ewig bei mir sein!“

So lebten die zwei in Einigkeit
Hinieden auf Erden noch lange Zeit.
Und starben endlich, und starben zugleich,
Und fuhren zusammen vor’s Himmelreich.

„Au weihgeschrie’n! Ein Schwein, ein Schwein!“
So huben die Juden an zu schrei’n,
Und auch die Türken kamen in Schaaren
Und wollten sich gegen das Schwein verwahren.

Doch sieh’ – aus des Himmels Tor
Tritt unsere liebe Frau hervor,
Den blauen Mantel hält die Linke,
Die Rechte sieht man sanft erhoben
Zum freundlich ernsten Gnadenwinke;
So steht sie da, von Glanz umwoben.

„Willkommen! Gehet ein in Frieden!
Hier wird kein Freund vom Freund geschieden,
Es kommt so manches Schaf herein,
Warum nicht auch ein braves Schwein!“

Da grunzt das Schwein, die Englein sangen;
So sind sie beide hineingegangen.

[119] Warum sollten die Tiere, die doch auf der Erde auch ihre Pflicht und Schuldigkeit tun, schließlich nicht auch in den Himmel kommen? Luther erwartet mit Bestimmtheit, dort sein treues Hündlein anzutreffen, und der unglückliche Dichter Schubart schreibt von seinem frommen Quälgeist Zilling:

Zill, der Apokalyptikus,
Bewieß mit einem tapfern Schluß,
Daß einstens mit den Frommen
Auch Tiere in den Himmel kommen.
„O“, schrie ein altes Weib und freut’ sich inniglich,
„O, welch’ ein Trost für mich und dich!“

Ja, das Schwein ist ein Wunder der Schöpfung, sei es auch nur dadurch, daß es verachtete Treber in seinem mystischen Bauche in herrliche Schinken verwandelt. So ein schwer umwandelndes, fett umblühetes Borstentier gewährt manchem Alldeutschen einen beseligenderen Anblick als der Apollo von Belvidere oder die medicäische Venus, denn er sieht da kein formloses, allen Schönheitsregeln der Ästhetiker spottendes, plumpes Geschöpf vor sich, sondern wie weiland der Yankeeschulmeister Ichabod Crane bei der Betrachtung der fetten Haustiere des reichen Van Tassel in Sleepy Hollow, den er so gerne zu seinem Schwiegervater machen wollte, den Inbegriff saftiger Schinken, unzähliger Würste, köstlicher Schweinsknöchel und der vielen anderen Tugenden, die nach grausigem Tode enthüllt werden. Trotz der vielen, hier aufgezählten Vorzüge und Verdienste des Schweines haben sich doch nur wenige Dichter zu seinem Lobe begeistern können, sodaß also der Abdruck ihrer Ergüsse keinen großen Raum beanspruchte. Uhlands herrliches „Metzelsuppenlied“ ist längst Gemeingut des deutschen Volkes geworden; weniger verbreitet ist die folgende Ode des durch seine Travestie der Anneide bekannten Spötters Blumauer, womit wir von Frau Baubo und ihrem Reittiere Abschied nehmen wollen.

Heil dir, geborstetes,
Ewig geworstes,
Dutzend geborenes,
Niemals geschorenes
Liebliches Schwein.

[120]

Dichter begeisterst du, Heil dir drum, ewiges,
Eicheln bemeisterst du, Immerfort schäbiges,
Alles verzehrest du, Niemals gereinigtes,
Christen ernährest du, Vierfach gebeinigtes,
Gütiges Schwein. Liebliches Schwein.

Auf dem Blocksberg begegnet Faust einer Frau, die seine besondere Aufmerksamkeit in solchem Grade erregt, daß er seinen Begleiter nach dem Namen derselben fragt. Darauf erwidert Mephisto:

„Betrachte sie genau,
Lilith ist das! Adams erste Frau;
Nimm dich in acht vor ihren schönen Haaren,
Vor diesem Schmuck, mit dem sie einzig prangt;
Wenn sie damit den jungen Mann erlangt,
So läßt sie ihn sobald nicht fahren.“

Faust, der, wie er in seinem berühmten Monologe klagt, leider auch Theologie studiert zu haben, fragt nicht weiter, sodaß wir also voraussetzen können, er sei mit dem biblischen Bericht von der Erschaffung der Frau vertraut gewesen.

Einige Stellen bei Mose legen die Vermutung nahe, daß Adam schnell hintereinander mit zwei Frauen beglückt wurde, ohne jedoch über das Schicksal der erstgeschaffenen Näheres mitzuteilen.

Vers 26 und 27 der Genesis lauten nach Dr. Fürsts wörtlicher Übersetzung:

Gott sprach: Lasset uns machen Menschen, in unserem Bilde nach unserer Ähnlichkeit; und sie sollen beherrschen die Fische des Meeres und das Geflügel des Himmels und das Vieh und das ganze Getier der Erde und all das Gewürm, das kriecht auf der Erde. Und Gott schuf den Menschen in seinem Bilde; im Bilde Gottes schuf er ihn; Mann und Weib schuf er sie.

Nun war also das Weib erschaffen und eine abermalige Vornahme derselben Handlung dürfte mithin überflüssig gewesen sein. Trotzdem lesen wir im zweiten Kapitel, Vers 21–23, des genannten Buches:

Da ließ fallen der Ewige, Gott, eine Betäubung auf den Menschen, und er entschlief. Da nahm er eine von [121] seinen Rippen und schloß Fleisch an ihre Stätte. Und es baute der Ewige, Gott, die Rippe, die er genommen hatte von dem Menschen, zu einem Weibe, und brachte es zu dem Menschen. Da sprach der Mensch: „Dieses Mal ist es Gebein von meinem Gebein und Fleisch von meinem Fleisch. Diese wird genannt Männin, denn von dem Manne ist diese genommen worden.“

Aus den Worten „dieses Mal“ geht nun deutlich hervor, daß es sich um die Erschaffung eines zweiten Weibes handelte, unter welchem wir uns natürlich die bekannte Eva vorzustellen haben.

Adams erste Frau führt in den rabbinischen Legenden den Namen Lilis. Dieselbe wurde wegen ihrer Herrschsucht, die sie sich auf Grund ihrer dämonischen Schönheit angemaßt, aus dem Paradiese vertrieben, wofür sie sich später dadurch rächte, daß sie das Leben junger Kinder, besonders der Wöchnerinnen bedrohte. Hauptsächlich sollte sie Knaben unter vier Jahren und Mädchen unter 20 Tagen gefährlich gewesen sein.

Im 34. Kapitel des Jesaias – eigentlich stammt dasselbe von einem anderen Propheten des Exils – heißt es Vers 14:

Und Steppentiere treffen dort mit Hyänen zusammen und ein Waldteufel ladet den anderen dorthin ein; ja, dort rastet die Nachtunholdin und findet dort für sich eine Ruhestätte.

Für „Nachtunholdin“ findet sich im hebräischen Text das Wort Lilis. Luther übersetzt dies mit Kobold, die englische Übertragung hat screech owl (Käuzchen) und die Vulgata Lamia (Nachtgespenst).

Um die jungen Kinder gegen den schädlichen Einfluß dieser Unholdin zu schützen, werden denselben, wie Düntzer in seinem großen Faustkommentar mitteilt, Amulette um den Hals gehängt, welche die Namen der drei Engel Senoi, Sansenoi und Sanmangeloph tragen. Nach dem Ritus der altorthodoxen Juden wird um das Bett einer Wöchnerin mit Kreide ein Kreis gezogen, wonach dann im Zimmer zahlreiche Papierschnitzel aufgehängt werden, welche kabbalistische Sprüche enthalten, in denen vielfach [122] der Name Lilis erscheint, um diese bei ihrem Eintritte zu verwirren und zum Rückzüge zu nötigen.

Im Böhmerwald wird Lilith D’Luzia genannt und ihr nachgesagt, sie schlitze den schlafenden Kindern den Bauch auf, stecke Stroh und Kieselsteine hinein und nähte ihn wieder zu.

In dem Gedichte „Queen Lilith“ des exzentrischen, aber höchst talentvollen Deutschamerikaners G.S. Viereck[74] erscheint die erste Gattin Abrahams als Schwester und Geliebte Luzifers, bei deren Vermählung die sieben Todsünden als Brautführer auftreten. Beide sind allein Gott gleich; gefallene Engel sind nur die, welche ihre angestammte Würde verloren, den Rosenkranz beten und eine jüdische Heilige von niedriger Abstammung verehren. Nur diejenigen Jungfrauen und Jünglinge, in deren Herzen der Geist Liliths und Luzifers weiter lebt, sind berechtigt, sich zu den Töchtern und Söhnen des Schöpfers zu zählen.

Nach alten rabbinischen Legenden wurde Lilith die Mutter unheilbringender Luftgeister. Der Engländer Burton bemerkt in seiner „Anatomie der Melancholie“, daß aus ihrer Verbindung mit Adam, Teufel hervorgegangen seien, und der Dichter Dante Rossetti[75] widmet ihr gelegentlich folgende Worte: „Of Adams first wife Lilith, it is told That, ere she snake’s, her sweet tongue could deceive.“

[123] Folgende Umdichtung der Lilithsage stammt von Herder.

Einsam ging Adam im Paradiese umher; er pflegte die Bäume, nannte die Tiere, freute sich überall der fruchtbaren, segensreichen Schöpfung, fand aber unter allem Lebendigen nichts, das die Wünsche seines Herzens mit ihm teilte. Endlich blieb sein Auge an einem der schönen Luftwesen hängen, die, wie die Sage sagt, längst vor dem Menschen die Bewohner, der Erde gewesen waren und die sein damals hellklarer Blick zu schauen vermochte. Lilis hieß die schöne Gestalt, die, wie ihre Schwestern auf Bäumen und Blumen wohnte und nur von den schönsten Gerüchen lebte. „Alle Geschöpfe“, sprach er bei sich selbst, „leben in Gemeinschaft untereinander; o daß mir diese schöne Gestalt zur Gattin würde!“

Der Vater der Menschen hörte seinen Wunsch und sprach zu ihm: „Du hast dein Auge auf eine Gestalt geworfen, die nicht für dich erschaffen ist, indessen, deinem Irrtum zur Belehrung, sei dir dein Verlangen gewähret.“ Er sprach das Wort der Verwandlung, und Lilis stand da in menschlichen Gliedern.

Freudig wallete ihr Adam entgegen; schnell aber sah er seinen Irrtum ein, denn die schöne Lilis war stolz und entzog sich seiner Umarmung.

„Bin ich“, sprach sie, „deines Ursprunges? Aus Luft des Himmels ward ich gebildet und nicht aus niedriger Erde. Jahrtausende sind mein Leben, Stärke der Geister ist meine Kraft und Wohlgeruch meine himmlische Speise. Ich mag dein niedriges Geschlecht der Staubgeborenen mit dir nicht vermehren.“ Sie entflog und wollte nicht wieder zu ihrem Manne kehren.

Gott sprach: „Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei; ich will ihm eine Gattin geben, die sich zu ihm füge.“ Da fiel ein tiefer Schlaf auf Adam, und ein weissagender Traum wies ihm das neue Gebilde. Aus seiner Seite stiegs empor, mit ihm einerlei Wesen. Freudig erwachte er und sah sein zweites Selbst, und als Gott die Liebliche zu ihm führte, siehe, da bewegte sich die Stätte seines Herzens, denn sie war seinem Herzen nahe gewesen. [124] „Mein bist du,“ rief er aus, „du sollst Männin heißen, denn du bist vom Manne genommen.“

Im Allgemeinen ist Lilith bis jetzt von den deutschen Dichtern wenig berücksichtigt worden.

In dem von dem Meßpfaffen Th. Schernbrek 1480 verfaßten und 1565 zu Eisleben gedruckten „Schön Spiel von Frau Jutten“, in welchem die Fabel von der Päpstin Johanna dramatisch behandelt wird, tritt außer einigen römisch-katholischen Würdenträgern, Christus, Maria nebst den Erzengeln Gabriel und Michael auch Lilith, die dort des Teufels Großmutter genannt wird, als flotte Tänzerin auf. Der alte Satanas hat nämlich sein ganzes Höllengesindel zusammengerufen, um ihm einen kühnen Plan zur Verspottung des Papsttums vorzulegen und seine Mithilfe zur Ausführung desselben zu erbeten. Ehe dies aber geschieht, vollführen gleichsam zur Weihe des Unternehmens die Höllengeister einen von lärmenden Gesang begleiteten Rundtanz. Plößlich springt nun Lilith unter sie und spricht:

„Hin laufe ich traun auch mit umher,
Und nimmt mich groß Wunder,
Weß ihr auch habt vermessen,
Daß ihr meiner habt vergessen,
Und kann ich doch gar höflich geschrecken,
Und will an den Reihen gelecken,
Und kann ich gar weidlich schwanzen,
Und mich verdrehen an diesem Tanzen,
Darum sollt ihr nicht mit mir grunzen,
Laßt mich auch schütteln die alten Runzen,
Und laßt mich auch helfen singen
Und meine rostige Kehle erklingen
Bei dem edlen guten Gesang,
Deß sollt ihr allweg haben Dank.“

Darauf wird ein zweiter Rundtanz aufgeführt und Satanas erklärt den Zweck der Versammlung.

Diese tanzlustige, vergnügungssüchtige Lilith, war vielleicht dieselbe, über die Dähnhardt in seinen „Natursagen“ (S. 121) einige Mitteilungen veröffentlicht. Adam war, wie es dort heißt, anfangs mit einem langen, biegsamen [125] Affenschwanz behaftet; diesen schnitt Gott ab und machte daraus die erste Frau, die aber dem ersten Manne nicht sonderlich gefiel, weil sie zu viel schäkerte und hüpfte und ihn zu häufig umschlängelte.

Der talentvolle Romanschriftsteller Wilhelm Jensen schildert in einem seiner Gedichte in schwungvoller und kräftiger Sprache die fabelhafte Lilith als eine Frau von solch’ berückender Schönheit, daß sich Adam vor ihr entsetzte und seinen Schöpfer bat, ihm doch statt einer Göttin oder Königin ein Weib zu bescheren, das ihm gleich sei. Infolge dieser beleidigenden Zurücksetzung verzerrt sich plötzlich das Gesicht Liliths und sie verläßt, indem sie einen schrecklichen Fluch über die zukünftige Menschheit ausspricht, das Paradies.

Nachstehend ein vollständiger Abdruck dieses bemerkenswerten Gedichtes:

Es geht durch die Geschichte der Menschheit
Von Anbeginn uralte Sage
Von eines Weibes Wunderherrlichkeit.
Die hat der Lebenden keiner geschaut
Als einer allein, denn mit dem ersten Manne,
Doch vor der ersten Gattin war sie da.
Sie hieß Lilith. Die wandelnde Sonne,
Als sie zum erstenmal ihre Schönheit
Erblickt, hielt inne, und Sterne brachen
Den Bann des Tags und leuchteten selig
Auf ihre Stirn. Es kamen die Winde,
Das Meer und die Luft und der Blitz, und sie legten
Gefangen sich in Liliths Hand. Da trat
Ihr Fuß beherrschend die Rinde des Erdballs,
Und Blüten umwogten ihr königlich Haupt
In glühenden Farben. Da wehte ihr Atem
Belebenden Hauchs in die Kelche, und Vögel
Erhoben sich schmetternd, buntglänzende Falter,
Aufjauchzende Stimmen durchklangen der Wildnis
Verstricktes Gewirr, denn ihr folgte das Leben.
Und mit den Augen, drin des Weltalls ewiges
Geheimnis lag, sah Lilith auf sie nieder
Und ein zitternder Schauer durchlief die Schöpfung.

[126]

Im Baumeswipfel verlangend bebte
Das Blatt; es streckte begehrend die Blume
Zum Nachbarkelche goldarmige Fäden;
Mit blühenden Gliedern verschlang sich das Leben,
Und ein ungeheurer, ein jubelnder Schrei,
Wie einer unendlichen Lippe Dank,
Brach zum erstenmal wonnetrunken
Zum Himmel auf. Nur Lilith blieb stumm;
Ihr Auge überflog der eignen Schönheit
Millionenfachen Abglanz, und mit unermeßner
Sehnsucht sah sie empor. Da öffnete
Zum zweitenmale sich des Himmels Wölbung,
Und in das Paradies, nach Gottes Bild
Geschaffen, trat der erste Mann. Aufglänzten
Wie Weltallssonnen die Augen Liliths;
Sie hob sich empor und streckte die Hand,
Und die Allesbeglückende beugte die Knie
Und bat: „Sei mein.“ Ihm aber grauete
Vor ihrer Schönheit und dem heißen Durst
Der Augensterne, und er floh und rief:
„Gib, Vater, mir ein Weib, nicht eine Göttin!
Gib mir ein Wesen, das, untertan,
Dem Manne gehört, nicht ihm der Mann;
Gib mir eine Mutter des Menschengeschlechtes,
Die willig empfängt, doch nimmer begehrt!“
Er rief’s, und Eva stand an seiner Seite
Und schmiegte furchtsam und in Scham errötend
Die Stirn an seine Brust. – Da bebte jäh
Der Erde Grund. In wahnsinnswildem Krampf
Verzerrte sich das Götterantlitz Liliths,
Von ihrer Stirne schwand der Sonne Glanz,
Die erste Nacht umfing mit kaltem Schauer
Der Erde Rund, und Liliths Aug’ entströmte
Die erste Tränenflut, der erste bittre Tod
Von tausend Leben. – Doch im Felsenbett
Der sicheren Grotte flüsternd feierte
Das erste Menschenpaar die erste Brautnacht.
Nicht war es die Sonne, die glühenden Brands
Verlangen goß in der Glieder Umarmung,
Der bleiche Mond durchfloß mit kühlem Schein

[127]

Die Werkstatt eines kommenden Geschlechtes.
Zum erstenmal liebermüdet lag
Die Welt, und Schlaf bedeckte ihre Lider.
     Da vom einsamen Wolkenzipfel des Bergs,
Auf den sie geflüchtet, erhob sich Lilith;
Sie warf um den Nacken den Mantel des Traums,
Und unhörbaren Schritts in das Hochzeitsgemach
Trat sie ein und beugte sich über das Bett
Der schlummernden Gatten. Und langsam streckte
Sich ihre Hand und griff das goldene Haar
An ihrer Schläfe, und des Mundes Hauch
Verwehte es, und wogend stand ein Kornfeld,
Und durch die Ähren ging der Sommerwind.
Und mit der Hand die rätselhaften Augen
Berührte sie, da wölbte der Äther
Hoch über der Ferne sein blaues Geheimnis,
Und gleich dem Kummer auf Liliths Stirn
Zog Wolkenschatten daher und verschwand –
Und sie regte die Lippen zu unverstandenem,
Leisklagendem Wort, und weiter rauschten
Die Baumeswipfel den dunklen Klang;
Der Bach vernahm ihn, die murmelnde Quelle,
Und auf gewaltigen Rücken trug
Das Meer ihn fort von Gestad’ zu Gestad’ –
Und Lilith sprach und ihre Stimme bebte:
„Unglücklicher Sohn in der Mutter Schoß,
Unselig Geschlecht, dich stieß die Hand
Des Ahnherrn aus dem Paradies.
Du schläfst und Jahrtausende schlummern in dir –
Ich zürne nicht dir, bleichwangig Weib,
Mit Weh gebären wirst du die Menschheit
Und blühen und welken in Furcht und Begier,
Die Flamme des Himmels, die ich euch bot,
Ihr werdet sie stehlen, und zitternd in Macht
Wie Diebe verbergen den heimlichen Raub;
Das ewige Hohe, ihr werdet’s verändern,
Das Reine beflecken, das Göttliche schmähn.
Denn, lang umirrend vom Tag der Geburt,
Mich werdet ihr suchen, so viele ihr seid,
Ob wie Körner des Sands, wie Wellen im Meer.

[128]

Mich, die zu eurer Mutter der Rat
Des Anfangs schuf, die mit zagender Hand
Vom Herzen zurück euer Ahnherr stieß.
Doch wird mich fürder keiner erschaun,
Und keinen Geborenen führt der Weg
Zurück in die Heimat, die ich euch bot.
Mir bleibt nur das eine, als Mitgift euch
Zu leihen, daß manchmal ein ahnender Strahl
Des verlorenen Glücks eure Seele beschleicht –
Im Windesflug und im Wolkenzug,
Im undendlichen Blau und im wogenden Halm,
Im murmelnden Quell und im rauschenden Meer
Da streift ihr mein Haar und da wehet der Hauch
Meiner Lippen euch an.“ – Und eine Träne fiel
Aus Liliths Aug’ und brannte auf der Stirn
Der jungen Mutter. Es überkam
Das einsame Weib mit unendlichem Bangen,
Und sie griff in die heiße, verlangende Brust,
Und die ungeheure, die jamernde Sehnsucht
Warf sie hinein ins enge Menschenherz,
Das vor ihr in der Mutter Schoß empfangen,
Und rief; „Ich geb’ sie jedem, der mich sucht,
Zum Fluche, daß er elend sei wie ich!
Zum Segen, daß er götterähnlich sich
Im Schmerze fühl’ wie ich!“ – Sie rief’s und floh.
Auf fuhr verstört das erste Menschenpaar
Aus schwerem Traum. Im Schweiß des Angesichts
Warb es sein Brot, und dunkle Sage klingt
Nur hie und da im Menschenleben auf
Von eines Weibes Wunderherrlichkeit,
Das eine qualverstummte Menschenbrust
Mit überirrdisch wilder Glut verbrannte,
Und ihre Asche zu den Göttern trug.[76]

Der geistreiche und formgewandte Deutschschweizer G. Widmann. der recht lange nicht die längst verdiente Anerkennung gefunden, hat in seiner kostbaren Dichtung „Der Heilige und die Tiere“ (Frauenfeld 1906) der Lilith ausführlich gedacht und ihr durch den Wüstengeist [129] Asasel[77] die Aufgabe erteilen lassen, Jesum von seinem Mitleidgefühl zu befreien und Tiere und Menschen ihrem natürlichen Schicksale zu überlassen.

Aus einem bleiernen Meer, das wie eine fahle Leiche von einem Felsensarg umgeben ist, erhebt sich ein auf riesigen Schultern ruhendes Haupt, und Asasel wird sichtbar. Auf seinen Ruf gleitet Lilith aus der Luft hernieder und gibt auf die Frage, wo sie gewesen sei, folgende Antwort, indem sie gegen Osten deutet:

„Sieh dort der mondbeglänzten Wolke Segel,
Die wie ein Schwan sich fiedert und sich sträubt,
Und unter ihr den steilen Felsenkegel!
Herodes Burg Machärus krönt sein Haupt,
Dort überm Abgrund steht ein Fenster offen
Und in der Kammer schläft auf seidnem Pfühl
Ein Menschenkind, wie keins ich je getroffen,
So schön, so flammend heiß und doch so kühl.
Ein süßes Schlänglein, glatt und jung und böse.
So schlimm, daß ich nichts mehr dazu vermag,
Und wenn ich meinen eignen Gürtel löse
Und gürte sie, bei der ich kosend lag.
Die Irdische, wie ist sie meinesgleichen!
Zum ersten Male fühlt’ ich was wie Neid.
Dies Kind wird Ruhm wie noch kein Weib erreichen,
Wird Menschen töten, brechen jeden Eid,
Und wird, wenn lachend sie den Erdensöhnen
Vom Rumpf die Häupter mit dem Fächer schlägt,
Sich hohnvoll recken, weil das letzte Stöhnen
Der Sterbenden noch Liebesseufzer trägt.“

Auf die Frage Asasels, wie die glatte Natter heiße, erwidert Lilith:

„Salome.
Die Tropfen alten Fürstenblutes gären
Als Gift in ihres Leibes zartem Schnee.“

[130] Darauf bittet Asasel, sie im Auge zu behalten, da sie, trotzdem ihresgleichen schwer zu lenken sei, sich doch noch bewähren werde und fordert sie dann auf, den heiligen Mann, der seit kurzem durch seinen Gau streiche, unschädlich zu machen, was insofern eine schwierige Aufgabe sei, als der eine, dessen Namen er nicht gern ausspreche, die Hand dabei im Spiele habe. Asasel fühlt instinktiv, daß sich eine neue Weltbewegung vorbereite und daß sein Feuerreich bedroht sei. Er fürchtet wie der Antichrist Nietzsche, daß der neue, jetzt auftretende Heilige, der aus anderem Stoffe als die bisherigen in Kamelshaaren auftretenden Frommen gemacht sei, das rote Blut der Menschheit verdünnen und verwässern und die schöne, hitzige Dirne, die Welt, zum bleichsüchtigen Nönnchen entstellen werde.

Lilith hat jedoch nicht die geringste Lust, die nähere Bekanntschaft eines Propheten zu machen, der mit schwarzen Nägeln behaftet ist, das Baden verabscheut und Hemden trägt wie ein alter Sack. Darauf errötet sich plötzlich ihr Antlitz und sie lacht so auffallend, daß Asasel Verdacht schöpft, sie habe den Heiligen schon gesehen und sich sogar in ihn verliebt.

Lilith berichtet, sie habe ihn zur Mittagszeit einsam im Schatten eines Baumes sitzen sehen.

„Ich schmiegte mich an ihn – an sein Gewand,
Und da ich’s rauh an meiner Lende spürte,
Fragt ich: Du weißt wohl nicht was seiden ist?
Er schüttelte das Haupt. Mit neuer List
Hub an ich: Grüne Seide sind die Wellen,
Wenn übern See ein Morgenlüftchen weht
Und Mädchenbusen ihm entgegenschwellen.
Er hauchte leis vor sich: Genezareth.
Wie? rief ich, das auch hast du nie ergründet,
Wie eines schönen Weibes Busen wallt?
Doch was ein Apfel ist, der reif sich rundet,
Das weißt du doch? – Er schwieg und blickte kalt.
Und schmeichelnd sang ich in sein Ohr: Die Birnen
Bereiten süßen Honig auf der Flur;
Mit meinen Lippen doch obsieg ich ihnen

[131]

An Süßigkeit, o wüßtest du es nur!
Jetzt endlich hob das Haupt er, und es ruhte
Sein Blick auf mir. Du armer, irrer Geist,
Nichts sprach er sonst – nur langsam die vier Worte:
Du armer, irrer Geist – und sah mich an.
Und jählings’ schaut ich wie durch eine Pforte
Ein Land so licht, wie ich’s nicht sagen kann.
Es war der Strahl, denk’ ich, aus seinen Augen,
Der bei dem Wörtchen „arm“ mich übergoß.
Doch nie, fühlt’ ich, werd’ in dies Land ich taugen,
Als er mit „irrer Geist“ die Rede schloß.“

Asasel kommt zu der Überzeugung, daß er sich zum Fange des frommen Fants eines anderen Köders als Weiberfleisch bedienen müsse; er beschließt also, Lilith in Gestalt einer Taube zu ihm zu schicken und ihm durch sie einen goldenen Ring vor die Füße legen zu lassen – den Zauberring Salomos nämlich, den der jüdische König deshalb entrüstet von sich geschleudert, weil er ihm das Verständnis der Vogelsprache erschlossen und dadurch von der Untreue eines Mägdleins aus dem Stamme Sidons, das ihm sein hohes Alter versüßt, überzeugt und zu der pessimistischen Weltanschauung bekehrt worden war, daß alles eitel sei. Asasel will Lilith auf ihrem Fluge als Geier begleiten, in welcher Gestalt er jeden Augenblick, in dem sie etwa seinen Anordnungen zuwider handeln sollte, Gewalt über sie hat und bequem jedes Wort vernehmen kann, das sie mit dem Menschensohne wechselt.

„Doch hofft er sie gehorsam, seit er ein Gewand
Vornehmer Schönheit ihr verschafft am fernen Strand.
Es ist der Dolchstichtaube wundersames Kleid,
Die in den Tropenländern Luzons nur gedeiht.
Reich spielt des weichen Mantelflaumes Seidenglanz
In Farbenlust bei wechselvollem Lichtertanz
Vom rosenroten Schimmer zum smaragdnen Grün.
Doch mitten auf der weißen Brust mit tiefem Glühn,
Als wärs ein Tropfen Blutes, prangt ein winz’ger Schild,
Ein purpurrotes Mal und seltsam täuschend Bild,
Das an die Wunde eines weißen Busens mahnt,
In den ein Dolch sich mörderisch den Weg gebahnt.

[132]

Wie ein Symbol der Liebe, die oft grausam macht.
Scheint dieser purpurrote Federschmuck erdacht.
Der keine Wunde birgt, doch mit der Wunde Schein
Verwegne Scherze treibt und Spiegelfechterein,
Fast so, als wollte prahlen, salbungsvoll Natur,
Am Ende sind auch meine Wunden Wunder nur.“

Nun erscheint der Heilige und setzt sich auf einen Felsen. Indem er darüber nachsinnt, weshalb der Geist ihn eigentlich in die Wüste geführt, die doch für ihn schweige und ihn mit Todeseinsamkeit umfange, bemerkt er in der Luft eine von einem Geier verfolgte Taube. „Schnell, hierher!“ ruft er ihr, um sie zu schützen, zu.

„Sie scheint verwundet.
Oder – seh’ ich recht? –
Ist’s Zierrat? Ist’s nicht Blut? Ein Zeichen gar?
An was es nur mich mahnt?
Einst sprach ein Greis,
Als ihm ein Weib ihr neugeboren Knäblein
Im Tempel wies: Um diesen wird ein Schwert
Durch deine Seele dringen. – Will dein Schmuck
Erinnern mich an dies Prophetenwort?“

Nachdem sie ihm den goldnen Ring vor die Füße gelegt, fragt er:

„Bist du ein Himmelsbote, bist ein Spuk
Der Hölle du? Ein Truggespenst der Wüste,
Wie jener blanke Mittagszauber jüngst.
Der irre Geist in sünd’ger Weibeshülle?
Was meint der Ring? Du willst, daß ich ihn nehme?
Wenn ich wüßte,
Von welcher Art dein Wesen.
Eine Taube …
Damals im Jordan – zu den Wellen
Des Flusses hielt gesenkt ich meinen Blick,
Als auf des offnen Himmels Bläue
Die Taube niederschwebte, die von andern,
Von mir nicht, ward gesehen.
Warst du die Taube? – Du bejahst!
Doch etwas blinkt in deinem Aug’: Ich lüge.
Was soll ich denken? Wo bleibt jene Stimme,

[133]

Die mit der Taube damals war? – Du schweigst.
Wie immer alles schweigt.
Nun ja, der Ring –
Du machst mir neue Zeichen, ihn zu nehmen.
Und wenn ich’s tu und wenn ich an den Finger
Ihn füge, hör ich wieder dann die Stimme?
Bejahung weht dein freudiger Flügelschlag.
Ich sehe, was du meinst:
Der Ring erlöst mich von der großen Stille.“

Der Heilige ergreift den Ring und steckt ihn, nachdem ihm die Taube versichert, daß er als Sohn und Erbe Davids ein Recht darauf habe, an den Finger. Sie erzählt ihm darauf die Geschichte und Bedeutung des Ringes, dessen Besitz den Träger befähigt, das Schweigen der Wildnis zu brechen und die Stimme der leidenden und beglückten Geschöpfe zu verstehen. Wer also frei von Bitternissen sein will, kann dieses Ringes Herr nicht sein; denn die höchste Weisheit wandelt in Torheit sich, wenn man der Seele Frieden durch fremden Schmerz stört. Ehe Lilith ihre philosophische Rede beendet, wird sie vom Geier gewaltsam entführt.

Der Heilige findet nun bald aus, weshalb die Wüste weint. Er sieht nichts als Kampf unter den Geschöpfen, denen er Erlösung bringen wollte und kommt, da dies einmal im Schöpfungsplane liegt, zu der Überzeugung, daß das Raubtier seine angeborene Natur nicht ändert und daß allen edlen Bestrebungen enge, nicht zu überschreitende Grenzen gezogen sind. Er entsagt also dem Ringe und wird taub für alle Klagen.

Einer höchst eigenartigen Auffassung des Charakters der Lilith begegnen wir in dem didaktischen Epos „Die Kinder der Lilith“ (Stuttgart 1908) der bekannten schwäbischen Dichterin Isolde Kurz. Sie zeichnet die erste Gattin Adams als die Repräsentantin der edelsten Ideale, die jemals ein Menschenherz bewegt haben und stellt sie in grellen Gegensatz zu ihrem philistriösen Manne und seiner Gehilfin Eva, die ihre Bestimmung nur in der Erfüllung der prosaischen, häuslichen Pflichten erblickt. Lilith wird zur Mutter aller derjenigen Apostel der Humanität, die sich zur Hebung der Menschheit aufopferten, Eva hingegen [134] die Mutter der vielen Allzuvielen, die zu Sklaven auf der Kultur Galeere bestimmt sind und in dieser Rolle ihre Befriedigung finden.

Gott hatte Adam erschaffen, doch als er ihm die Schönheiten der Erde zeigte und dafür einen Psalm des Lobes erwartete, streckte sich der Stammvater, nachdem er die Blumen berochen und in den Aether geblinzt hatte, müde und teilnahmslos in die Veilchen und überließ sich einem Schläfchen.

„Da kehrt ins irdische Gefild
Der Herr mit dem lieblichsten Wunderbild;
Wie er’s erschuf, ist uns verborgen.
Es strahlt wie Paradiesesmorgen,
Vom Scheitel fließt ihm Sonnengold,
Zwei Flüglein hat’s, noch aufgerollt.
Wie junge Blätter unentfaltet.
Als Adam dies Gebild erschaut
Springt er vom Boden mit Jubellaut,
Begreifend, daß dies Wonnewesen
Ihm zur Gefährtin auserlesen.
Und stracks hebt er zu tanzen an,
Just wie ein balzender Auerhahn,
Den Hals gereckt, auf Zehen schwebend,
Die Arme wie zwei Flügel hebend.
So turnt er vor ihr auf und nieder
Und zeigt die Pracht ihr seiner Glieder,
Kreist immer näher um die Neue,
Die an den Herrn sich schmiegt mit Scheue.
Doch mählich wird auch sie beherzt.
Ein Schalk aus ihren Augen scherzt,
Sie schwebt ihm entgegen, flieht und kehrt
Um ihn, der wie ein Kreisel fährt;
Dann plötzlich hinter des Meisters Rücken
Entzieht sich listig Adams Blicken,
Der in ein Jammerbild erstarrt;
Bis sie zur Genüge ihn genarrt
Und wieder kommt. – Da in Ekstasen
Wirbelt er auf, und unterm Rasen
Schlägt er zur Erde, umfaßt ihr Knie,
Und Lilith, Lilith! nennt er sie.“

[135] Das erste Menschenpaar war also erschaffen, und Gott blickte am folgenden Ruhetage befriedigt auf seine Leistung zurück. Nur Sammael, ein unter dem Namen Lucifer besser bekannter Engel, konnte den eigentlichen Zweck der Schöpfung nicht begreifen, da der ewige Kreislauf der Dinge doch nur ein ewiges Einerlei bedeute. „Gibt’s einen Weg, der aufwärts führt?“ fragt er. Darauf erhält er folgende Antwort:

„Ja, aufwärts! Hoch bis über die Sterne.
Über euch alle in Weltenferne,
Auch über dich, so hell du scheinst,
An meine Seite steigt dereinst
Der Mensch – er aller Sonnen Sonne,
Mit der Gottheit teilend die Schöpferwonne,
Von allen Erschaffnen er allein
Gewürdigt, mein Genoß zu sein.
Ihn schloß ich nicht zu dauernder Haft
Wie euch in eine Eigenschaft,
Daß, wie ihr tönend um mich schwingt,
Jeder nur seine Stimme singt.
Ihm hab’ ich zu dem Fünkchen Leben
Die Orgel mit allen Registern gegeben;
Der Tierheit und der Gottheit Triebe,
Die Himmels- und die Erdenliebe,
Das Fürchten, Sehnen, Hoffen, Hassen,
Ihm das Erröten und Erblassen;
Die Kühnheit und die Schüchternheit,
Die Trunkenheit, die Nüchternheit,
Das Süßeste, das Bitterwidrigste,
Das Höchste ward ihm und das Niedrigste;
Die Weisheit und die Narretei,
Der Ernst, das Spiel, die Raserei,
Des Nordpols Eis, des Kraters Flammen
Wohnen in seiner Brust zusammen,
Der ich den Schöpferhauch vertraut,
Mit dem er zu mir den Weg sich baut.
Nicht er: in Tagen, die ferne sind,
Seiner Kinder spätestes Enkelkind,
Auf Vaters Schultern tritt der Sproß,
Von Adam, dem armen Erdenkloß,

[136]

Bau ich durch Lilith eine Leiter
Zum höchsten Sitz des Himmels weiter.
Drum hab’ ich die Freundin ihm gepaart,
Halb von seiner, halb von eurer Art,
Daß sie mit Liebesdorne,
Ihn wecke, stähle, sporne,
Er zu massig, sie zu fein,
Unvermögend jedes für sich allein.
Ihr gab ich keine irdischen Waffen,
Sie soll begeistern, er soll schaffen,
Von ihm die Kraft, die Felsen spaltet,
Den festen Sinn, der ordnend waltet;
Von ihr die Flamme stets bewegt,
Die Unruh, die das Uhrwerk regt.
Ob sie über Blumen sich tändelnd wiegt.
Auf Wolkenrossen jauchzend fliegt,
Wo sie erscheint, muß alles blühn,
Was sie berührt, wird frisch und grün,
Und Liliths Mund kann nimmer lügen,
Wohin sie irrt, auf Fabelflügen,
Der träge Riese muß ihr nach“.

Der Mensch ist zu Großem geschaffen, und damit er dies erreiche, sollen ihm während seiner hilflosen Kindheit die Bewohner Edens, die Gutes und Böses kennen, ihren Schutz angedeihen lassen. Dies ist nun nicht nach dem Geschmacke des neidischen Luzifers, und er meidet fortan die Gesellschaft seines himmlischen Herrn.

Nach einiger Zeit schickt der Schöpfer seinen beflügelten Engel Gabriel zur Erde, um nachzusehen, wie es eigentlich dem jungen Menschenpaare gehe. Adam klagt, daß er in Lilith ein lebendiges Fieber zur Seite habe, das ihn nie zur Ruhe kommen lasse. Beständig sei sie im Streite mit ihm; sie wolle alles wissen und er solle beständig ihre unzähligen Launen befriedigen. Trotzdem aber könne er nicht von ihr lassen, und es schien ihm, als erblaßten die farbenreichsten Blumen, wenn sie fehle. Gleich darauf erscheint Lilith; sie trägt einen Rosenkranz im Haar und schwankende Blumenketten schlagen um ihre Glieder. Als sie den Himmelsboten erblickt, streut sie ihm zum [137] Gruße Rosen vor die Füße, was Adam insofern unangenehm berührt, als ihm selber nicht die geringste Aufmerksamkeit geschenkt wird. Nachdem ihm dann der Engel erklärt, weshalb ihm Gott die Freundin zugesellt und sich darauf entfernt hat, zerreißt Adam wütend die Blumenkette, zerstampft sie mit den Füßen und erklärt, daß er nur wieder froh werde, wenn er ihre Gesellschaft meide. Beide versöhnen sich jedoch bald darauf wieder, denn sie waren doch zu fest davon überzeugt, überhaupt, daß sie für einander geschaffen waren und eins das andere ergänzen sollte.

Adam ist bereit, alles für seine Göttin zu unternehmen, und diese freut sich, daß sein Geist nach Taten drängt und er sich zu einem großen Werke anschickt. Dies will Sammael vereiteln. Währenddem nun Adam sein gewohntes Mittagschläfchen macht, nimmt er ihm eine Rippe aus dem Leibe und schafft daraus ein dralles, kaltes Weib mit starrem, seelenlosem Blick, das vor dem erwachenden Adam zitternd niedersinkt und ihn Herr und Meister nennt. Lilith, die inzwischen herbeigeeilt ist, führt den fremden, dumpfen Gast mitleidvoll in ihr Haus, um ihm Schutz, Obdach und Nahrung angedeihen zu lassen, und damit endet das kurze Liebesglück der ersten Gattin Adams.

Lilith entflieht und Adam ist der Erde verfallen. Er ist mürrisch, ruhelos; ein angefangenes Kunstwerk zerschlägt er, denn es fehlt ihm an Begeisterung und Ausdauer zur Vollendung. Eva hat seine Tatkraft gelähmt, und das Paradies geht in Flammen auf. Das flüchtige Menschenpaar läßt sich unter einem einsamen Wachholderbaume zur Ruhe nieder und Sammael ruft ihm lachend zu:

„Gesegn’ euch diese Schäferstunde!
Du, Eva, meines Geistes Kind,
Vollziehst getreulich, was mein Haß ihm sinnt,
Daß, wo ihm Lilith durch ihr hold Gewähren,
Den Frieden gab, draus Schaffenswonne fließt,
Du schwer und schwerer durch ein dumpf Begehren,
Zum Staub, dem er sich kaum entrungen, ziehst.
Du wirst fruchtbar sein und dich mehren.
Aber keinen Halbgott gebären.
Und er aus leerem Sinnenglück

[138]

Fällt an die Erde, draus er stammt, zurück.
Genießet denn und nehmt mein Wort dazu:
Vor euren Erben hab’ ich Ruh.“

Als Adam am nächsten Morgen aus schwerem Traume erwachte und sich schlaftrunken nach Lilith umsah, trat Eva lächelnd mit einer reifen Goldfrucht auf ihn zu, zu der ihr, wie sie erzählte, ihre alte Freundin, die süßlich lispelnde Schlange des Paradieses den Weg gezeigt hatte. Nachdem Adam mit den bekannten Folgen die Frucht des Erkenntnisbaumes genossen hatte und er zum Bewußtsein seiner traurigen Lage, für die er den Schöpfer verantwortlich[WS 18] hielt, gekommen war, sprach sie zu ihm:

„Dir standen alle Wege offen,
Du hast die Wahl des schlechtesten getroffen,
Die Liebe wollt ich dir zum Gefieder,
Dich aber zog sie zum Staube nieder.
Wer von der ersten Liebe ließ
Und Liliths Gaben von sich stieß,
Damit er Evas Gunst erwerbe,
Verdient, daß sein Geschlecht verderbe,
Doch Lilith hat für dich gebeten,
Drum will ich dich nicht ganz zertreten.
Dich rettend schafft dir mein Gebot
Eine neue Treiberin: die Not.
Verwüstet hast du Edens Garten
Und kannst nicht länger seiner warten,
Ich geb’ dir Sitz auf rauhrer Stätte,
Nicht wandelst du fürder auf Rasenglätte,
Am Pfluge schaff’ den Deinen Brot.
Den Fluch leg’ ich auf deine Plage,
Daß dein Acker dir Dornen und Disteln trage!
Um dich, als Erbe deiner Mühn,
Soll rauhe Kindersaat erblühn,
Denn Evas Schoß, mit Fluch geschlagen,
Wird einen Brudermörder tragen,
In dieser Frevelnacht gezeugt,
Der Blut der Mittgeschöpfe zeugt,
Der wird der Menschheit Vater werden,
Aus ihm verbreitet sich auf Erden

[139]

In immer wachsendem Geflecht,
Zahllos ein wölfisches Geschlecht
Aus Söhnen, Enkeln, Enkelweibern,
Das niemals Liliths Schleier sah,
Mit Fleisch genährt, der Scholle nah,
Sie düngend mit erschlagnen Leibern.
Zuletzt nach all der Not und Pein,
Wird noch dein Ende bitter sein.
Hier wärst du schmerzlos wie ein Traum
Am Ende geglitten vom Lebensbaum,
Und hätt’st dich selber noch im Sterben,
Verklärt gesehn in deinen Erben,
Die dicht sich drängend, Frucht an Frucht,
Um dich gewachsen in Edelzucht,
Dein Werk zu höherem Vollenden,
Dir nehmen aus erstarrten Händen“.

Der Eva wird befohlen, mit Adam zu gehen und als seine geduldige Gehilfin Schmerz und Mühsal mit ihm zu teilen. Und Sammael, der das Meuchelwerk auf geheimen Wegen ausführte, wird vom Schöpfer mit dem Fluche bedacht.

Die Hölle schaff’ in deiner eignen Brust,
Im Glückzerstören fandst du deine Lust.
Das Böse sättigt nicht, drum sei verdammt,
So fortzuwüten ewig, haßentflammt,
Du Stolzester, bleib du ein Schlangenleib,
Im Staube kriechend bei dem Weibe bleib.
Lehr deine Künste sie, die trügerischen,
Lehr der gespaltnen Zunge Doppelzischen
Lehr sie, wie man verbundne Herzen trennt,
Das Schöne häßlich, wahr die Lüge nennt.
Wo Bruder wild den Bruder schlägt, wo Schwestern
Um Mannesliebe tötlich sich verlästern,
Wo Eide brechen, wo die Treue weint,
Da wohn’ und schwelge du, dem Weib vereint;
Ihr dienend sei du Herr im Erdenkreis,
Ich geb dir Adams ganzen Samen preis“.

Adam heißt jede Buße willkommen, wenn sie ihn nur aus seiner Seelenqual erlöst, und spricht dann zu seiner Gattin:

[140]

„Komm, Schuldgenossin, die mir noch geblieben,
Zu meinem Fluch muß ich dich weiter lieben,
Denn du bist Ich,
Der Teil von mir, der niederzieht zum Staube –
Der andre noch,
Der meiner Jugend Reinheit war und Glaube.
Auf ewig schließt sich hinter uns die Tür;
Du, die ich teuer zahlte, folge mir.“

Adam schafft nun im Schweiße seines Angesichts um das tägliche Brot nicht nur für sich, sondern auch für das rauhe Geschlecht seiner Nachkommen, die auch kein anderes Ziel kennen, als des Leibes Notdurft zu befriedigen. Die Ahnfrau der Menschen ergraut und verschrumpft, ermattet und erschlafft und ist durch die Sorgen ums Dasein so in Anspruch genommen, daß sie nur an das Allernächste denken kann. Ihr Erstgeborener, der herrische wilde Kain, ist ihr Liebling, und sie entzieht ihm auch ihre Gunst nicht, nachdem er seinen Bruder erschlagen. Als nun Adam über sein ihn beständig verfolgendes Unglück klagt und andeutet, daß dies mit dem Willen Gottes geschehe, erwidert ihm Gabriel:

„Verklagst du den Himmel wie ein Gerechter,
Da wo dein Werk dich selber schmäht!
Sämann der künftigen Geschlechter,
Auf welchen Boden hast du gesät!
Wasch nicht vom eignen Tun die Hände,
Dich zog der Erdenstoff zu schwer,
Und die Genossin zog noch mehr.
Das Stückchen Du aus deiner Lende,
Nun wirkt’s in deinen Söhnen fort,
Im engen Kreise Dumpfheit, Wollust, Mord.
Des Geistes Schwingen, die dir Gott verlieh,
Dir Kind der Erde, wo sind sie?
Der Bauch ist Herr, im Bissen aller Heil,
Der Bruder schielend nach des Bruders Teil,
Das Raubtier Selbstsucht, das zum Sprung bereit
Den Zahn wetzt nach der schwachen Redlichkeit.
Und deine Töchter – arge Zucht!
Des Treuebruchs erlesne Frucht!
Den Stunden deiner trübsten Gier entsprungen,

[141]

Mit Honigsüße auf den Natterzungen,
Ihr Kosen, Locken, Taubengirren,
Ihr lechzendes Um-den-Gebieter-schwirren,
Davon sein niedres Teil entbrennt,
Ihr schlangenhaftes Ineinanderwirren,
Bis Wahr und Falsch kein Gott mehr trennt,
Mannsräuschlein, nur geschickt zum Fange,
Gelehrige Schülerin der Schlange
Das Weib, das Eva Mutter nennt.“

Doch auch von Lilith bringt Gabriel dem schwergeprüften, niedergebeugten Adam Kunde.

Die Liebliche lebt in Eden bloß als Sage,
Ein hold Erinnern erster Frühlingstage,
Denn wenn der Regenbogen scheint,
Sagen die Kleinsten: Lilith weint.
Doch scheidend ließ sie noch ein Glück,
Ein unverdientes, dir zurück.
Vernimm: Gesegnet war ihr Schoß,
Draus rang sich ein holdes Knäblein los.
Ich selber trugs zum Paradiese,
Lehrer sind ihm die Cherubin,
Wollige Schäflein mit goldnem Vließe
Spielen mit ihm,
Ein Seraph kämmt ihm die sonnigen Härlein,
Erzählt ihm seiner Mutter Märlein
Des Kindes Aug’ ist Sonne ganz,
Zuweilen nur ein Traum von Schmerzen,
Geschöpft aus trauerndem Mutterherzen,
Dämpft hold verschleiernd seinen Glanz.“

Adam wünscht seinen Sohn zu sehen und in ihm die Mutter zu grüßen und dann sein Auge auf immer zu schließen; allein Gabriel erklärt, es sei genug, daß sein Herz ihn kenne.

„Gott wird ihn, wenn die Zeit erfüllt,
Zu seiner Bastardbrüder Segen
In eine irdische Wiege legen,
Damit er, ganz in Licht gehüllt,
Ihr Führer werd’ in ihrer Blindheit,
Er bringt was deinem Stamm entglitt,

[142]

Den Schleier Liliths wieder mit,
Der jeglich Ding, das er umwebt,
Verklärt in lichte Farben hebt.
Und wenn die Menschheit, spät erleuchtet.
Sich näher zur Vollendung ringt,
Vom Segen ist’s, den er ihr bringt,
Mit Schweiß und oft mit Blut befeuchtet.
Sein Fußtritt wird der Schlange Haupt zerbrechen
Sie aber wird ihn in die Ferse stechen;
Denn Evas Kinder, die ins Joch gebeugten,
Hassen von Mutterleib den Lichterzeugten,
Sie werden ihn fesseln, den Weg ihm sperren,
Ihn auf den Pranger, die Schlachtbank zerren,
Vergeblich doch! Weil nach dem letzten Schluß
Der Lilith Blut auf Erden herrschen muß.
So oft Gott will, daß der Gang der Erde
Um einen Ruck gefördert werde,
Erweckt er unter dumpfem Troß
Einen, der Liliths Blut entsproß.
Und immer wird er wiederkehren,
Verfolgung, Marter schreckt ihn nicht.
Als Forscher sucht er in den Sphären
Der Wahrheit unertrüglich Licht.
Er kommt als Held, wenn Völker bluten,
Als Seher, wenn der Glaube schwand.“

Als Adam gestorben, drängt sich um die abseits stehende grollende Eva die sie verehrende Schar und spricht:

Hör unsern Eid:
Wir stehn bereit
Ihn zu verfolgen mit Dolch und Gift,
Mit Verrat, der schwärzer trifft,
Über seiner Asche ihn noch zu lästern.
So oft der Lilith Sohn erscheint,
Empfangen werd’ er als dein und unser Feind.
Gegen ihn gerüstet,
Stehen wir alle vereint,
Ihn wegzuziehen von seinem Ziele.
Tröste dich Mutter,
Er ist einer, und wir sind viele“.

[143] Liliths Nachkommen sind, wie gesagt, die Vertreter und Pioniere der höchsten menschlichen Ideale. In jedem Sterblichen, den der Drang unwiderstehlich zur Hebung der Menschheit beseelt, ist der Geist Liliths erstanden, der ihn mit Mut und Hoffnung beschenkt. Dieser Geist ist unsterblich und niemals auf die Dauer zu unterdrücken. Er ist es, der die alten Gesetzestafeln zertrümmert und sie durch andere ersetzt, um dem Leben einen neuen Inhalt, ein neues Ziel zu geben; er ist es, der den Hammer des Bildhauers und den Pinsel des Malers führt, der Wort- und Tondichter zu immer vollkommeneren Schöpfungen anfeuert, der den Wissenschaftler beim Forschen nach neuen Wahrheiten nicht ruhen läßt und der dem Propheten der Aufklärung den Mut verleiht, für seine Überzeugung zu kämpfen, zu leiden und zu sterben.

Evas Nachkommen hingegen sind die vielen Allzuvielen, die an der Scholle kleben, die in althergebrachten spießbürgerlichen Glaubenslehren volle Befriedigung finden, die nur die Bedürfnisse des Tieres kennen und in jedem, der sie ihrer Tierheit zu entreißen sucht, einen Todfeind erblicken, der mit allen Mitteln vernichtet werden muß. Es sind die niemals aussterbenden lichtscheuen und denkfaulen Rückwärtser, die ein gottgefälliges Werk zu tun glauben, wenn sie jeden vorwitzigen und verwegenen Neuerer gewaltsam in seine Schranken weisen oder ihn ans Kreuz nageln.

Neuerdings haben der Holländer Marcellus Emants, der Amerikaner Putnam und die Amerikanerin Ada Collier Adams erster Frau ihre Aufmerksamkeit gewidmet. Das Werkchen des Erstgenannten, das von Anna Crons ins Deutsche übersetzt wurde (Berlin 1895), beginnt mit einer Beschreibung des Paradieses und mit einem Lobliede der Engel auf die Majestät Gottes. Dann vernimmt Adam in der Nacht geheimnisvolle Stimmen, die von der zauberischen Schönheit Liliths singen, vor welcher selbst die Herrlichheiten Gottes erblassen müßten. Adam sucht sie nun in einem Myrtenhain auf, woselbst sie mit ihren vier Racheschwestern[WS 19] Herrschsucht, Habsucht, Hunger und Durst, haust und beständig auf die Verderbung des Menschengeschlechtes bedacht ist. Es ist dies eine leidenschaftsvolle, [144] düstere, zuweilen etwas unklare Dichtung von pessimistischer Tendenz.[78]

Der verdienstvolle und einflußreiche holländische Aesthetiker und Dichter Willem Kloos ist der Verfasser folgenden, von O. Hauser übersetzten Sonettes „Lilith triumphatrix“.

„O mit den Marmorwimpernpaar, dem nimmer
Für uns hinieden Tränen sich entstehlen,
Du Antlitz, dessen Flammen uns umschwelen, –
Wir knien vor deinem ewig starren Schimmer
Und küssen deine Ketten, bind’ uns grimmer,
Nur laß es, Fürstin, nicht an Mitleid fehlen:
Durch einen Radschwung gib den schwachen Seelen
Tötlichem Weh traumlosen Schlaf für immer!
Selig, wenn liebreich deine heiligen Hände
Den dunklen Becher an die Lippen setzten,
Wenn du den Todestrank gemischt, den kühlen, –
Im Sterben wird er deinen Atem fühlen
Auf seiner Stirn, matt lächelnd noch den letzten
Tranktropfen sprengen, dir als Gruß vorm Ende“.

Colliers „Lilith“ (Boston 1885) tritt anfangs als unerbittliche Weiberrechtlerin auf, die es unangenehm berührt, daß sich Adam im Paradiese, das doch beiden zu gleicher Benützung geschenkt, als Alleinherrscher aufspielt und in seiner Gattin nur eine willenlose Dienerin erblickt. Da er sich durchaus zu keiner anderen Ansicht bekehren läßt und Lilith ebenso hartnäckig auf ihre Rechte pocht, so verläßt diese das Paradies und verlobt sich mit Eblis, dem aus dem Himmel gestürzten Teufel, und beide suchen dann den Untergang des Menschengeschlechtes herbeizuführen. Lilith bringt dem ersten Kinde Adams den Tod und begründet damit ihren Ruf als Mörderin der Kleinen. Wenn der nächliche Sturm heult, weiß die Mutter, daß Lilith im Anzuge ist und singt dann zum Schutze ihres Lieblings ein „lullaby“, denn wie mehrfach fälschlich behauptet worden ist, soll dieses englische Wort, welches einfach [145] Schlummerlied bedeutet und von dem deutschen „lullen“ abgeleitet worden ist, aus dem arabischen lilla abi (fort, Lilith) zusammengesetzt sein.[79]

Colliers Epos ist arm an Handlung, dafür aber desto reicher an ausgedehnten, ermüdenden und sich oft wiederholenden Naturschilderungen. Überhaupt verdient es nur als poetisches Kuriosum Beachtung.

Putnam’s in fünffüßigen Jamben verfaßtes Epos Lilith wurde nur für die Freunde des Verfassers gedruckt, eines Mitgliedes der alten Verlagsfirma G. P. Putnams Sons in Newyork. Auch hier erscheint die Heldin als ein Mutter und Säuglingen gefährliches und Jünglinge verführendes Nachtgespenst, die sich an Eva, die durch Abel und Kain dem Menschengeschlecht dauerndes Leben verliehen, dadurch rächt, daß sie den Tod in die Welt bringt. Wo sie das Glück erblickt, will sie es mit teuflischer Freude zerstören und um dies mit Aussicht auf sicheren Erfolg bewerkstelligen zu können, tritt sie auf den Rat des ihr in Schlangengestalt erscheinenden Satans als Frau von bezaubernder, zur Wollust reizender Schönheit auf. Als solche erscheint sie Kain auf dem Felde; beide unterhalten sich längere Zeit, und als der Ackersmann befürchtete, zu spät nach Hause zu kommen und den wahren Grund für seine Verspätung nicht angeben möchte, weiht sie ihn in die Kunst des Lügens ein, indem sie ihm eine stichhaltige Ausrede mitteilt. Von dieser Stunde an stand Kain vollständig in ihrem Banne und war wie umgewandelt. Eva merkte es bald und ahnte nichts gutes.

Bald darauf traf Lilith mit Abel zusammen. Als dieser sie nicht mit der erwarteten Zuvorkommenheit begrüßte und [146] zögerte, sie anzublicken, da warf sie ihm barsch vor, daß er ja doch nur der Sohn des Schwächlings Adam und der Sünderin Eva sei, die den Fluch auf die Menschheit herabbeschworen habe. Darauf verschwand sie. Abel macht nun seinem inzwischen erschienenen Bruder den Vorschlag, von nun an jede Begegnung mit dem gefährlichen Weibe zu meiden, Kain willigt ein, nimmt sich aber vor, sie nur im geheimen zu besuchen. Abel aber haßte er, denn er hatte seine schönste Freude gestört und ihn durch das ihm abgenötigte Versprechen zum Meineidigen gemacht. Allein Lilith war mit ihrem bisherigen Erfolge nicht zufrieden und wollte die Brüder auch mit ihrer Mutter verfeinden. Da sie nun auf Abel keinen Einfluß hatte, so erzählte sie Kain, daß Eva einst, was er bisher nicht wußte, durch ihre Unfolgsamkeit aus dem Paradiese getrieben und daß dadurch ihre Nachkommen zu schwerer Arbeit und zu Entbehrungen aller Art verurteilt worden seien. Darauf verließ er seine Mutter. Als er seinen Bruder von der sträflichen Handlung ihrer Eltern in Kenntnis setzte, machte ihm dieser bittere Vorwürfe darüber, daß er sein Gelübde gebrochen und die Gesellschaft des fremden Weibes doch aufgesucht habe. Da Kain auch inzwischen ausgefunden hatte, daß Abels Opfer vor Gott freundlich, das seinige aber unfreundlich aufgenommen worden war, da erschlug er den Bruder und entfloh. Lilith, die ihm dabei mit teuflischer Freude zugesehen, erschien in der Nacht der Eva und zeigte ihr mit kaum hörbarer Stimme den Tod ihres Sohnes an.

„Thy son, o Eve, is dead! Thy Abel dead!
For Cain with his own hand hath struck him down.
And I–I, Lilith, daughter of the night,
Thy Adam’s once – beloved, have compassed this.
This miracle is mine, thy birth of Death!
I taunt the, Eve, for vengeance now is mine!“

Der originelle, in seiner Vaterstadt Frankfurt a. M. noch heute hochgeschätzte Dialektdichter Fr. Stoltze hat der Lilithsage eine so eigenartige humoristische Seite abgewonnen, daß ich nicht umhin kann, das betreffende Produkt hier abdrucken zu lassen.

[147]

     Löb Hersch.[WS 20]
So hat Aäm Niemand noch gequeelt
Als wie der alte Bienedhal:
Dieselwig Anekdod verzehlt,
Die hat err ääm finfdausendmal.

Un war merr noch so grobb un werrsch
Un dhat mit Hänn und Fieß sich wehrn,
Sei Anekdod vom „Löbche Hersch
Die kraag merr widder doch ze heern.

Zeletzt war’sch net mehr auszesteh
Un länger ze ertrage net,
Drum dhat merr zu seim Parre geh,
Daß der em in’s Gewisse reddt.

Der Parre hat deß ääch gedhaa
Un waart his morje net emal;
Gleich gung er hi und redt an aa:
„Gun Dach, mein lieber Bienedhal.

Ich hör, was mir erfreulich is,
Und wann ich recht berichtet bin,
Daß Sie e großer Freund gewiß
Von neue Anekdode sin.

Hier haw ich Ihne mitgebracht,
Die allerneust, gedankenreich,
Die lese se merr mit Bedacht,
Un dann verzehln Se se gleich.“

Der Parre gung. – For Frääd ein Kritsch
Hat dann der Bienedhal gedhaa,
Und setzt dann schnell sich an sein Tisch
Un fing da gleich ze lese aa:

Einer der ältesten jüdischen Schriftsteller in Talmud (alte Baraitha) behauptet, nicht der Genuß der verbotenen Apfelfrucht, sondern der verbotene Genuß der Anekdote vom Löb Hirsch von Posen habe den Sündenfall herbeigeführt. Vorbehaltlich unserer richtigen Übersetzung lautet die betreffende Stelle in der Baraitha also: Aber es geschah an einem Regentage, daß Adam mit Lilith, seinem Weibe, in einem hohlen Baume hockte. Adam aber mopsete sich. Und er sprach zu Lilith, seinem Weibe: [148] Weib, erzähle mir Etwelches, denn es mopset mir.“ Und Lilith, sein Weib, hub also an zu sprechen: „Es war einmal ein Mann im Lande Posen, so Löb Hirsch hieß. Und er sollte Zeugnis ablegen vor dem Richter gegen ein Mitglied des Rockford-Komitees. Denn Löb Hirsch war doch seines Zeichens Altkleiderhändler. – Und der Richter, so ein Gojim war, frug ihn also: „Löb Hirsch, wie heißen Sie?“ – „Löb Hersch.“ – „Ihr Geburtsort?“ – „Posen“ „Stand und Gerwerbe?“ – „Altkleiderhändler.“ –„Religion“? „Wie heißt Religion? Wenn ich Ihnen doch sage, ich heiße Löb Hersch, bin von Posen und handle mit alten Kleidern, könn’ ich doch nicht sein ein Herrnhuter!“ – Und Lilith schwieg und blickte sinnig auf Adam. Und Adam blickete auf Lilith und sagte: „Au!“ Und Lilith entfärbte sich und gebar ihm fünfhundert Dämonen, ehrwürdige Greise im Silberhaar. Und Adam nannte sie Meidinger, Hinkender Bote und Schatzkästlein des Witzes und der Laune, Fliegende Blätter und Schöne Feierstunden, Altertumsverein und Anekdotenschatz des deutschen Volkes.

Und die Neugeborenen gerieten in Wut und fielen über ihre Mutter her. Denn es stehet geschrieben also: „Das Alter soll man ehren.“ – Und Lilith entfloh durch die Luft. Und ihre Kinder verfolgten sie. – Zu Adam aber trat Gott der Herr an den hohlen Baum und sprach also: „Als die Ahnfrau des Schöpfungskeims noch in den Windeln des Chaos lag und um Gestaltung schrie, schläferte sie die Urnacht, ihre Amme, ein mit der grausamen Anekdote von Löb Hirsch von Posen. – Aber ich verbot das, als einem humanen Zeitalter nicht mehr angemessen. – Und siehe, nach fünf Milliarden Aeonen ist noch Lilith damit ’ringefallen. – Du aber bist nicht eingeschlafen. Drum lege dich hin und hole es nach. Und ich werde dir aus einer Rippe, die du entbehren kannst, ein anderes Weib, die Havva, schaffen. Und du sollst ihr erzählen dürfen, was du willst: Die Anekdoten vom alten Fritz und vom Kaiser Joseph, von Mordje Unglück und vom Förster Fröhlich, nur nicht die Anekdote von Löb Hirsch, Altkleiderhändler von Posen.“ – Und da Adam wieder erwachte, saß Havva neben ihm, sein neues Weib, im ausgeschnittenen Ballanzug, ähnlich dem des zukünftigen [149] neunzehnten Jahrhunderts christlicher Zeitrechnung. Und Adam kosete mit ihr und sprach: „Ich weiß eine Anekdote, aber ich darf sie nicht erzählen.“ Havva sein Weib wurde aber sehr neugierig und schmeichelte ihm: „So du mir erzählest deine Anekdote, stricke ich dir einen schönen langen Hosenträger.“ Und Adam erzählete ihr die Anekdote vom Löb Hirsch, Altkleiderhändler von Posen. Und Havva sprach zu Adam: „Lieber, erzähle sie mir noch einmal! – Da aber trat Gott der Herr, mit Baumwolle in den Ohren, hinter dem hohlen Baume hervor und rief: „Unterstehe dich! – Mache daß du hinauskommst aus dem Paradiese! im Schweiße deines Angesichts sollst du deinen Acker bestellen und den Hirsch Löb von Posen ausgraben und dein Weib Havva soll mit Schmerzen alte Anekdoten gebären! – Kardinal mit dem feurigen Schwerte, ich habe meine Schuldigkeit getan, tun Sie die Ihrige!“

Die weibliche Gesellschaft auf dem Blocksberg schien keine besondere Anziehungskraft auf Faust auszuüben; mit der Baubo spricht er kein Wort, auch tanzt er nicht mit ihr, denn sie war nach Goethes Bericht alt und auch sicherlich kein Abbild altgriechischer Schönheit; vor der Lilith hatte ihr Mephisto, der sie aus früherer Zeit genau kannte, gewarnt, und dies genügte, ihn von jeder Annäherung abzuhalten. Doch da bemerkt er endlich eine ungenannte Schöne, umfaßt sie ohne weitere Umstände und tanzt mit ihr wie ein junger Springinsfeld flott drauf los. Daß sich beide verstehen, zeigen die Schnaderhüpflen, mit denen sie sich beim Tanzen unterhalten; dieselben sind allerdings nicht so unzüchtig wie die von Mephisto und seiner alten Hexe gesungenen und daher für die Leser durch Gedankenstriche unterbrochenen Lieder, immerhin sind sie saftig und verständlich genug, um sie auf jedem anständigen Balle zu verbieten, oder sie höchstens auf einer bayrischen Kirmes oder in einem Sudermann’schen Unzucht-Lustspiel zu erlauben. Plötzlich aber erlebt Faust eine unangenehme Überraschung. Der schönen Tänzerin springt mitten im Gesang ein rotes Mäuschen aus dem Munde. Mephisto tröstet ihn jedoch mit den Worten:

„Das ist was Rechts! Das nimmt man nicht genau;
Genug, die Maus war doch nicht grau,
Wer fragt darnach in einer Schäferstunde?“

[150] Die Maus ist ein uraltes Symbol der Seele; verläßt sie den Körper eines Menschen, so ist dieser maustot. Da sie den wichtigsten Bestandteil desselben bildet, so dient ihr Name auch als Kosewort im Englischen und Deutschen. Die deutsche Mutter, die vielleicht erschrickt, wenn ihr eine Maus in der Küche oder im Keller in den Weg läuft, nennt ihr Kind zärtlich „liebes Mäuschen“, Goethe wendet in seinen Briefen und Tagebüchern mit Vorliebe das Wort „Misel“ oder „Meisle“ an, das elsässische Diminutiv von Maus, besonders für seine Geliebte, die ihn zum Dichten anregte. Shakespeare gebraucht mouse nicht nur als Kosenwort für eine Frau, sondern auch manchmal sogar für einen Mann. Unter einem mousehunt (Romeo und Julia IV, 4) versteht er einen Mann, der auf galante Abenteuer ausgeht, also sich ein geliebtes Mäuschen sucht.

Daß die Seele die Gestalt der Maus annehmen kann, bezeugen zahlreiche Sagen und Gebräuche.

Vorsorglich hat nach einer hessischen Sage die Mutter ein Tuch über die Brust ihres Sohnes gebreitet, weil er oft vom Alp gedrückt wird. Als sie ihn nun stöhnen hört, legt sie es an den vier Enden zusammen, tut es in die Schublade der Kommode und läßt den Schlüssel stecken. In derselben Stunde war im Nachbarorte ein Mädchen plötzlich gestorben und sollte nach drei Tagen begraben werden. Da traf es sich, daß der Sohn, den der Alp nicht wieder gedrückt hatte, am dritten Tage zufällig den Schlüssel abzog. Sogleich schlüpfte ein weißes Mäuschen durch’s Schlüsselloch und lief zur Tür hinaus. Im Nachbarorte hatte man gerade den Sarg schließen wollen, als das Mäuschen zur Tür herein und in den Mund der Leiche gelaufen kam; diese öffnete die Augen und gehörte wieder dem Leben an.

Wenn der Bergmeister sein Mittagsschläfchen machte, kam nach Pröhle’s „Harzsagen“ eine Maus aus seinem Munde und schlüpfte in die Erde. Sobald sie wieder zurückkam, wachte der Bergmeister auf und fuhr sogleich in den Schacht; er wußte dann, daß die Knappen falsch gearbeitet hatten oder nicht fleißig gewesen waren.

Jetzt verstehen wir auch den Spielreim, bei dem man mit den Fingern auf die Brust des Kindes deutet:

[151]

Kommt ein Mäuschen,
will ins Häuschen,
da ’nein, da ’nein!

In Grimms deutschen Sagen befindet sich (Nr. 247) folgende Erzählung:

„In Thüringen bei Saalfeld auf einem vornehmen Edelsitze zu Wirbach hat sich anfangs des 17. Jahrhunderts folgendes begeben:

Das Gesinde schälte Obst in der Stube, einer Magd kam der Schlaf an, sie ging von den andern weg und legte sich abseits, doch nicht weit davon, auf eine Bank nieder, um zu ruhen. Wie sie eine Weile still gelegen, kroch ihr zum offenen Maule heraus ein rotes Mäuselein. Die Leute sahen es meistenteils und zeigten es sich untereinander. Das Mäuslein lief eilig nach dem gerade geklafften Fenster, schlich hinaus und blieb eine Zeitlang aus. Dadurch wurde eine vorwitzige Zofe neugierig gemacht, so sehr es ihr die andern verboten, ging hin zu der entseelten Magd, rüttelte und schüttelte an ihr, bewegte sie auch an eine andere Stelle etwas fürder und ging dann wieder davon. Bald darauf kam das Mäuselein wieder, lief nach der vorigen bekannten Stelle, da es aus der Magd Maul gekrochen war, lief hin und her, und wie es nicht ankommen konnte noch sich zurechtfinden, verschwand es. Die Magd aber war tot und blieb tot. Jene vorwitzige bereute es vergebens. Im übrigen war auf demselben Hof ein Knecht mehrmals von der Trud gedrückt worden und konnte keinen Frieden haben; dies hörte mit dem Tod der Magd auf“.

„In Seitwann war in einer Spinnstube eine Jungfrau, die Tag für Tag, wenn es zum halben Abend kam, beim Spinnen einschlief. Sie ging dann in die Hölle und legte sich eine Weile auf die Bank. Da sagten die andern Mädchen: „Das kann bei der wohl nicht mit rechten Dingen zugehen, daß sie alle Abend schlafen muß, die geht wohl in der Zeit die jungen Männer drücken!“ Eines Abends begaben sie sich mit Licht in die Hölle und sie fanden das Mädchen schlafend mit offenem Munde, den nun ein anderes Mädchen mit der Hand zuhielt. In demselben [152] Augenblicke kam eine Maus und wollte zum Munde hinein, lief aber, da sie das Loch nicht fand, wieder fort. Da war auch das schlafende Mädchen tot.“[80]

Während eines Mittagsschläfchens auf dem Côte d’Or sprang dem seligen Guntram, dem frommen Merowinger, seine gute Seele in Gestalt eines Mäuschens zum Munde heraus. Der König birschte eben in Burgund auf Hochwild – es war recht heiß, ermüdet saß er unter einer hundertjährigen Tanne am Rande eines Bächleins ab, frühstückte ein wenig, legte dann sein lockiges Haupt einem treuen Untertanen auf den Schoß und schlief ein. Er entschwebte, wie man damals sagte, und war weg. Er schlief mit offenem Munde. Da schlüpfte aus seinem Munde ein Mäuschen hervor und bemühte sich, über den Bach zu kommen. Diensteifrig zog der Knappe, der den König stützte und beobachtete, sein Schwert und hielt es über das Wasser: Das Tierchen lief über die Klinge und verschwand in einer Felsenspalte. Nach einer Weile kam es wieder zum Vorschein und kehrte auf demselben Wege in die königliche Mundhöhle zurück. „Ah, ja!“ rief Guntram gähnend und sich die Augen reibend, „a, ich habe da eben etwas erlebt!“ Mir träumte, als ging ich auf einer eisernen Brücke über ein großes Wasser und fände einen Schatz wie die Reichtümer Salomos! Am Ende gibt’s so was hier herum!“ Man grub in der Gegend nach und fand in einer Felsenhöle wirklich einen unermeßlichen Schatz aus den Zeiten des Römerreichs[81].

„Ein achtzehnjähriger Bursche arbeitete im Hause seines Onkels auf einem Bandstuhl. Der Junge mußte immer früh aufstehen und sich an die Arbeit machen. Nun hatte er schon oft bemerkt, daß der Onkel häufig wie tot im Bette lag. Auf sein Rufen und Fragen bekam er dann keine Antwort.

Eines Nachts, als heller Mondschein ins Schlafgemach fiel, lag der Bursche wach neben seinem Onkel im Bett. Da sah er, wie eine Maus dem Alten aus dem Munde [153] schlüpfte und plötzlich verschwand. Das war ihm sonderbar, und er beobachtete mit größter Aufmerksamkeit, was sich weiter ereignen würde. Nach langer Zeit kehrte die Maus zurück und schlüpfte wieder in den Mund des Alten. Kurze Zeit nachher wachte der Alte auf und schimpfte auf den Burschen, daß er nicht längst an der Arbeit sei. Der erzählte nun alles, was er bemerkt hatte.“[82]

In der Volksmythologie erscheinen weiße und rote, graue und schwarze Mäuse; erstere stellen Freude, letztere Unglück oder Tod in Aussicht. Zeigen sich weiße Mäuse, so muß man sie freundlich behandeln, wenn man ihrer Hilfe sicher sein will. Das in dem englischen Kinderliede „I saw a ship a-sailing“ erwähnte Schiff, dessen Segel von Seide und dessen Masten von Gold waren, ist sicherlich nicht untergegangen, denn die vierundzwanzig Matrosen, die es bedienten, waren ebensoviele weiße Mäuse.

Daß der Tänzerin Fausts ein Mäuschen aus dem Munde springt, ist, wenn man bedenkt, daß die Hexen die Kunst verstanden, Mäuse zu machen, nichts merkwürdiges. Nach einem alten Zauberbuche nahm man einfach einen „Weitzen“, tat ihn in einen Hafer, bedeckte ihn mit einem alten verschweißten Hemd, das ein Tagelöhner getragen, und die Mäuse stellen sich in kurzer Zeit ein.[83]

Ein Lehrer von Odenthal hatte einst von Voiswinkel (zwischen Odenthal und Gladbach) die drei Kinder einer Hexe in der Schule. Die Kinder waren wohlerzogen und die Freude des Lehrers[WS 21] wegen ihres Fleißes. Als ihm aber mitgeteilt wurde, daß sie die Kinder einer Hexe seien, beschloß er, Nachforschungen anzustellen. Er nahm das eine Kind, einen anstelligen Knaben, vor und fragte ihn, ob seine Mutter Mäuse machen könne. Der Knabe gestand dies sofort. Als der Lehrer sich nach der Art und Weise erkundigte, teilte der Knabe mit, daß seine Mutter ihr Wasser in ein Grübchen lasse und dann darin rühre. Sogleich kämen Hunderte und Tausende von Mäusen hervor, aber ohne Schwänze, denn die Hexen können keine Mäuse mit Schwänzen machen.“[84]

[154] Auch Christoph Wagner, Fausts Famulus, konnte Mäuse herbeizaubern. In dem von seinen Streichen und Erlebnissen handelnden Volksbuche lesen wir:

Wagner hatte an einer Gasterei in Padua, zu der zahlreiche vornehme Herren und Damen erschienen, teilgenommen und seinen zauberkundigen Affen mitgenommen. Als sie bei Tische saßen, fing dieser an „allerley seltzame, posirliche Kurtzweil zu üben, blies auf den Zincken, Trompeten und Querpfeiffen, schlug auf der Laute und dem Instrument so lieblich, also, daß es ihm keiner von Frauen und Männern konnte nachthun.

Als nun Wagner vermeynte, es wäre gar genug, dachte er, er müsse das weibliche Geschlecht auch besuchen und ging derowegen zu ihnen in das Gemach, da sie saßen. Wie sie seiner gewahr wurden, stunden sie auf, empfingen ihn gar höflich und baten ihn, er wolle doch auch ein Kurtzweil, die gar lustig zu sehen wäre, bei ihnen anrichten. Wagner sagte es ihnen zu und entschuldigte sich zuvor, lustig genug wollte ers machen, aber sie sollten ihm nichts Böses nachsagen. Sie gelobten an, da kamen in kurzer Zeit ein Haufen grosser Mäuse, die hüpfften und sprangen lustig auf und nieder, sangen wie Nachtigallen und hatten gute Kurtzweil. Als diss, ein wenig gewähret, fuhren sie voneinander und lieffen auf die Weiber zu, da erhub sich ein Geschrey, die Mäuse krochen ihnen unter die Kleider, weiß nicht wohin, daß sie dieselben nicht konnten herabbringen, sie huben sie auf, stachen mit Messern darnach schlugen darauff, aber sie sassen fest, wollten nicht herab, da lieffen sie zu ihren Männern also aufgedeckt, und baten, sie wolten die Mäuse wegtun. Da hätte man seltzame Wunder sollen sehen, aber die Männer sahen nichts, wußten auch die Ursach nicht, meineten etwan, die Weiber wären so eins worden, daß sie einen solchen Auffzug halten wolten. Als es aber die Männer erfuhren, daß es Wagner getan, lachten sie der Ebentheuer und nahmen den Weibern die Mäuse hinweg, wenn sie nur ein wenig hinrührten. Da gingen die Weiber wieder an ihre Stätte, und waren sehr scheell auff Wagner, wollten ihn nicht mehr in die Stuben lassen.“

[155] Die Tlingit-Indianer glauben, daß sich die Mäuse gern in menschlichen Leichnamen einnisten. Als einst in Sitka ein Mann an einer Speerwunde gestorben war und die Zauberer zu Ehren des Toten sangen und trommelten, sprangen diesem Mäuse aus der Wunde und dem Munde. Sie untersuchten darauf den Körper und fanden, daß das ganze Eingeweide von Mäusen gefressen worden war.[85]

Nach einem böhmischen Märchen ist die Maus ein Geschöpf des Teufels. Derselbe haßte den Patriarchen Noah wegen seiner Frömmigkeit, und als dieser vor Beginn der Sintflut in die Arche ging, sollte die Maus heimlich ein Loch hinein nagen, damit sie untersinke. Gott schuf jedoch schnell die Katze, welche die Maus verschlang.

Man sagt den Hexen nach, daß sie während eines von ihnen angerichteten Sturmes Mäuse aus den Wolken auf die Erde fallen ließen; dadurch wird nun die Maus zum Gewittersymbol, deren graue Farbe auf die Regenwolken und deren weiße Zähne und Zickzack-Bewegungen auf den in den Wolken dahinhuschenden Blitz hinweisen sollen. Auch trägt sie nach altem Aberglauben den Blitz oder Feuer in ihrem Schwanz. In dem bekannten englischen Kinderliede, beginnend „My father he died, but I can’t tell you how“ wird von einem jungen, unpraktischen Manne, einem Gegenstücke zu dem deutschen „Hans im Glück“ erzählt, daß er von seinem Vater sechs Pferde geerbt und dieselben stets mit Verlust gegen kleinere Tiere eingehandelt hatte, bis er sich zum Schlüsse im Besitze[WS 22] einer Gewittermaus fand, die ihm das Haus ansteckte. „She carried fire in his tail, and burnt down my house.“

Bei den Wenden im Spreewald erscheint der Nachtalp, dort Murawa genannt, manchmal in Gestalt einer kleinen weißen Maus, die den Schlaf stört und folglich nicht willkommen ist. Kinder soll man auch nie mit offenem Munde schlafen lassen, weil sonst ihre Seele in Mausgestalt entschlüpft und sie sterben müssen. Das nächtliche Nagen der Mäuse an Kleidern und Betten zeigt einen baldigen Todesfall an.

[156] Juden, Griechen, Kelten und Germanen, hatten einen Pestgott, der zugleich Mäusegott war, weil man in der plötzlichen Vermehrung der Mäuse das Anzeichen einer verheerenden Seuche erblickte. Der Mäuse-Appoll tritt uns gleich im ersten Gesange der Ilias entgegen, wie er den Griechen die Pest ins Lager sendet.

Als Ursache und Vorbote der Pest galt im Norden Deutschlands die Erscheinung ungeheurer Scharen von wandernden Lemmingen, mäuse- und rattenartigen Nagern, von denen man glaubte, daß sie aus den Wolken fielen. In den kirchlichen Verfluchungsformeln, die man gegen die Lemminge schleuderte, wie sie aus dem Sacertodale romanum im Museum Wormianum wieder abgedruckt sind, werden die Lemmige als das pestbringende Ungeziefer, als richtige Pestmäuse angeredet, und die Formel: Exorcizo vos pestiferos vermes mures .... „Seid verflucht, ihr pestbringenden Würmer und Mäuse“, kehrt darin wiederholt wieder.

Die Maus dient auch als Heilmittel gegen gewisse Krankheiten und Schwächen. Der englische Landgeistliche Fletcher Moss schreibt in seinem reizenden Buche „Folklore, old customs and tales of my neighbours“ (Manchester 1898): „Wenn sich junge Personen während des Schlafens schlecht aufführen, dann sollten sie gebratene Mäuse oder eine Mauspastete als unfehlbares Heilmittel genießen. Reiche Leute bedienen sich derselben, lassen es aber den Hausarzt nicht wissen. Es scheint mir, daß, wenn die Leute über die schlafenden Kinder Mäuse laufen sehen, sie jenes Übel diesen zuschreiben und dann glauben, daß sie durch das Füttern der Kinder mit Mäusen die störenden Nager, die dies bald ausfinden, von weiterer Belästigung abhalten. Dies ist im allgemeinen eine harmlose Kur, denn gebratene Mäuse schmecken gerade so gut wie gebratene Kaninchen.“

Eine gebratene Maus muß übrigens außer der Heilkraft auch noch ungeahnte Nährkraft besitzen, wenigstens nach dem sächsischen Kinderverse:

Die Schneider gingen zur Herberg ’naus
Und hielten dort einen großen Schmaus,

[157]

Es aßen 999
Von einer gebratenen Maus.

Zahnweh kuriert man in Oberbayern durch das Abbeißen eines Mäusekopfes.

Von dem in Deutschland überall bekannten Verse, in welchem die Kinder die Maus bitten, ihnen statt des verlorenen knöchernen Zahnes einen eisernen, silbernen oder goldenen zu geben, gibt es in Sachsen folgende Variante:

„Feuer, hier bring ich dir an beinern Zahn,
Mach mir wieder an eisern dran“,

welche insofern interessant ist, als hier der Wunsch direkt an das Feuer und nicht an das Sinnbild desselben, die gewitterdarstellende Maus, gerichtet ist.

Die indianischen Schamanen in Nordkalifornien bedienen sich der Mäuse als Zaubermittel, um anderen zu schaden.

Im Staate Georgia sind folgende abergläubische Ansichten über die Maus allgemein bekannt:

Wer eine Maus tötet, dessen Kleider werden von ihren Gefährtinnen zernagt; wer eine totschießt, dessen Haus wird derart von Mäusen heimgesucht, daß er es verlassen muß. Wenn dir eine Maus ein Loch in das Kleid frißt, darfst du es nicht flicken, um siebenjähriges Unglück fern zu halten; höchstens darfst du einen viereckigen Lappen darauf nähen. Findest du in der Nähe deines Hauses eine Schlange, so töte und verbrenne sie, alsdann wird sich keine Maus in deine Wohnung wagen.

Die Maus gehört auch zu den dankbaren Tieren, die eine Wohltat nicht vergessen. Vor langen Jahren, so heißt es in Grimms deutschen Sagen, ging ein armer Krämer durch den Böhmerwald gen Reichenau. Er war müd geworden und setzte sich, ein Stückchen Brot zu verzehren, das einzige, was er für den Hunger hatte. Während er aß, sah er zu seinen Füßen ein Mäuschen herumkriechen, das sich endlich vor ihn hinsetzte und ihn anschaute, als erwarte es etwas. Gutmütig warf er ihm einige Bröcklein von seinem Brot hin, so not es ihm selber tat, die es auch gleich wegnagte. Dann gab er ihm, so lange er [158] noch etwas hatte, immer sein kleines Teil, sodaß sie ordentlich zusammen Mahlzeit hielten. Nun stand der Krämer auf, einen Trunk Wasser an einer nahen Quelle zu tun; als er wieder zurückkam, siehe, da lag ein Goldstück auf der Erde, und eben kam die Maus mit einem zweiten, legte es dabei und lief fort, das dritte zu holen. Der Krämer ging nach und sah, wie sie in ein Loch lief und daraus das Gold hervorbrachte. Da nahm er seinen Stock, öffnete den Boden und fand einen großen Schatz von lauter alten Goldstücken. Er hob ihn heraus und sah sich dann nach dem Mäuslein um, aber das war verschwunden. Nun trug er voll Freude das Gold nach Reichenau, teilte es halb unter die Armen und ließ von der andern Hälfte eine Kirche daselbst bauen. Diese Geschichte ward zum ewigen Andenken in Stein gehauen und ist noch am heutigen Tage in der Dreifaltigkeitskirche zu Reichenau in Böhmen zu sehen.

Von einer dankbaren Maus berichtet folgendes, hier etwas gekürzte Märchen[86] der Haidas-Indianer in Britisch-Columbia:

Vor langen Jahren wohnte auf Maud Island mit seiner alten Großmutter ein Knabe, der so schwach und krank war, daß er weder aufrecht stehen noch gehen konnte.

Eines Tages bat er die Großmutter, sie solle ihn doch in ein Kanoe am Ufer tragen. Nachdem das geschehen und er eine Zeitlang in dem Boote gesessen hatte, fühlte er sich auf einmal so gekräftigt und gesund, wie ein anderer Knabe; er konnte schwimmen, jagen und auch sein Schifflein steuern. Nun sah er auf seiner Wanderschaft in der Nähe des Ufers eine Gestalt, die ein Mann zu sein schien, in Wirklichkeit aber ein Baumstumpen war, weshalb er seines Weges weiter schritt. Doch da hörte er plötzlich eine Stimme: „Gehe nicht fort, nehme mich weg!“ Er drehte sich um und erblickte einen verzauberten Mann. Als der Jüngling seinen Wunsch erfüllt hatte, erzählte dieser, er habe sich früher mit den Cowgans[87], den schönen Waldnymphen, allerei Freiheiten [159] erlaubt und sei, nachdem sie seiner überdrüssig waren, in einen Baumstumpen verwandelt worden, der nur dann seine ursprüngliche Gestalt wieder erhalte, wenn ihn ein junger Mann, welcher bei seiner Großmutter wohne, erlöse. Außerdem teilte er ihm mit, daß die Königin der Nymphen von seltener Schönheit sei und in einem glänzenden Palast wohne. Wenn er sie aufsuchen wolle, müsse er so lange wandern, bis er eine lahme Maus erblicke, die auf einen großen Baumstamm klettern wolle, und wenn er sie gut behandle, würde sie ihm schon sagen, wo die Königin zu finden sei.

Der Jüngling folgte diesem Rate und ging fürbaß. Bald erblickte er die besagte Maus, die einen Baum zu erklimmen suchte, aber stets herabfiel. Nachdem er ihr dabei mehrmals vergeblich geholfen hatte, sprach sie: „Du bist ein guter Mann, ein anderer würde mich verjagt oder getötet haben. Ich habe mich nur deshalb lahm gestellt, um deinen wahren Charakter auszufinden. Du heißt Seanna gan Nuncus und wünschest die Königin der Cowgans zu sehen. Deine zehn Brüder wünschten dasselbe, aber sie waren böse und wollten mich töten, und solche Menschen werden, ohne ihre Bekanntschaft gemacht zu haben, auf ewig spurlos verschwinden. Folge mir nun!“

Dies ließ sich der junge Mann nicht zweimal sagen, und bald befanden sich beide in dem in einem unbeschreiblich lieblichen Lande gelegenen Palaste. Die Maus stellte ihrer Königin den unerwarteten Gast vor und erzählte ihr auch, wie gut er gegen sie gewesen sei. Er wurde äußerst freundlich aufgenommen; auch wurde er gebeten, so oft wie er wolle seinen Besuch zu erneuern, die lahme Maus werde ihm stets den rechten Weg zeigen. Niemand weiß, wie lange er bei der Königin blieb.

Aus der ägyptischen Geschichte ist uns durch Herodot eine rettende Tat der Mäuse bekannt geworden. Derselbe erzählt, der König Sethon habe die Kriegsleute verachtet und bedrückt. Darum wollten sie zum Kriege gegen Sanacharidos, den König der Araber und Assyrer, nicht folgen. Rat- und hilflos, wie er war, klagt er im Tempel dem Bild seines Gottes seine Not. Dieser erscheint ihm im Traum und spricht ihm Mut ein; denn es sollten ihm [160] Helfer zugeschickt werden. Als er nun mit einer Schar Freiwilliger bei Pelusium in einem Lager liegt, zog gegen die einrückenden Feinde bei Nacht ein Heer Feldmäuse, welche ihre Köcher und Bogen, wie auch die Schildriemen zerfraßen, sodaß sie am folgenden Tage unbewehrt entflohen und viele Leute einbüßten. Noch jetzt, setzt Herodot hinzu, steht dieser König in Stein gehauen im Tempel des Vulkan, hält in der Hand eine Maus und sagt durch eine Schrift: Wer mich ansieht, der sei gottesfürchtig![88]

Mäuse als Rachegeister kennen wir aus der grausigen Sage, die sich an den Mäuseturm bei Bingen knüpft. Die Mäuse, welche den Kirchenfürsten Hatto verfolgten, waren die Seelen der Menschen, die durch seine Unbarmherzigkeit elend hatten umkommen müssen. Weniger bekannt ist, daß dieselbe Sage auch in der Ostmark vorkommt: sie knüpft sich an einen Turm an, der bei Kruschwitz im Goplosee steht. Der Fürst Popiel II. von Polen führte ein lasterhaftes Leben. Auf Anraten seiner Gemahlin lud er seine Oheime, die ihn auf bessere Wege zu bringen suchten, zu einem Mahle, wobei er ihnen den Giftbecher reichte. Allein aus ihren Leichen, die er in einen Winkel der Hofburg hatte werfen lassen, erzeugten sich Mäuse, die den Fürsten auf Schritt und Tritt verfolgten. In seiner Not baute er mitten in die wogende Flut des Goplosees einen festen Turm aus Stein. Hier wurde er mit seiner Familie von den nachfolgenden Mäusen völlig aufgefressen.

Von dem Mäuseteiche in Breslau erzählt man sich seltsame Dinge. So soll sich das Wasser desselben allemal rot färben, wenn der Stadt ein Unglück bevorsteht: ebenso wurde auch eine Leiche über dem Wasser schwebend gesehen. Die Sage berichtet darüber, daß zur Zeit einer großen Hungersnot die gläubigen Christen sich an den dortigen Bischof wandten mit der Bitte um Unterstützung mit Lebensmitteln. Dieser wollte aber hiervon nichts wissen und sagte den Flehenden, daß es in Breslau noch genug Mäuse und Ratten gebe, die für die Sünder noch viel zu gut seien. Diese Verhöhnten gingen zwar [161] ihrer Wege, aber den bösen Bischof ereilte bald seine Strafe. Derselbe wurde in der folgenden Nacht von Mäusen und Ratten zernagt. An jener Stelle, wo die bischöfliche Residenz gestanden hatte, befindet sich heute der Mäuseteich.[89]

Ein gewisses Rechtsgefühl läßt sich der Maus nicht absprechen. Sie zernagt die Fesseln ihrer gefangenen Wohltäter und hilft auch dem Mädchen, von dem sie gefüttert wurde, bei der Arbeit.

Daß die Kinder eine gewisse Vorliebe für die Maus haben, zeigt das folgende englische Liedchen:

Pretty John Watts,
We are troubled with rats.
Will you drive them out of the house?
We have mice, too, in plenty,
That feast in the pantry;
But let them stay,
And nibble away:
What harm in a little brown mouse?

Daß die Maus leicht zu betören ist, zeigt der rumänische Dichter Alvésandrescu in folgender Fabel:

War einmal eine Maus von adligem Geschlecht, Naton
Genannt, erzogen bei Boullion in Pension.
Sie lebte drauf für sich nach einem noblen Plan,
Fern von der Stadt in einem alten Parmesan.
Da trifft sie eines Tags den Herrn von Katzenklar,
Den Kater, der der Abgott aller Katzen war.
Kaum sieht er ihn, so macht sich Herr Naton – wer zweifelt dran? –
Bereit, das Fersengeld zu zahlen, was er kann,
Da ruft ganz sittsam ihm, indem er tief zur Erde blickt,
Mit einer Heuchlermine und den Kopf gebückt
Der Kater zu: Was laufen Sie, mein Herr, denn so geschwind?
Was fürchten Sie von mir? Jag’ ich Sie in die Flucht?
Der Mäuse Bestes nur hab’ ich seit langer Zeit gesucht,

[162]

Und Gott ist Zeuge, wie unendlich teuer Sie mir sind.
Ich weiß, wie viel die Brüder an den Mäusen oft verübt,
Und diese haben recht, wenn ihr Benehmen sie betrübt.
Allein mir tun Sie unrecht, Herr! Ich kam, sie zu beschützen
Vor ihnen. Ist’s gefällig, meinen Beistand zu benützen?
Ich esse keinen Bissen Fleisch; ja, so es Gott gefällt,
Werd ich ein Mönch in kurzer Zeit und scheide von der Welt.
Wie schön war das gesagt. Herr Naton, ganz bekehrt,
Weil er bei Gott und allen Heil’gen schwört,
Bat ihm sein Unrecht ab und lud ihn ein,
Des ganzen Mäusevolkes Freund zu sein.
Von Loch zu Loche führt er ihn und stellt ihn vor
Als einen Freund, der ihr gut Glück für sie erkor.
Wie jubelten sie alle auf! Wie freuten sie
Sich. – Mäuse schließen gern nach der Physiognomie,
Und in des Fremden Mienen war – man muß gestehn –
Kein einziger, verdächt’ger Zug zu sehn.
Doch eines Tages, als sie gaben einen Ball,
Bot man ihm Pökelzunge an und Kaschkawall.
„Ich faste heut“, sprach er, „und darf dergleichen nicht genießen,
Doch wünscht’ ich, meine Freunde an mein Herz zu schließen.“
Was wars für ein Umarmen! Welch ein Küssen!
     Wem er die Lippen reicht,
     Der ist im Nu erbleicht.
Kaum wurden drei dem Tode durch die Flucht entrissen. –
     Der Kater, der so sanft und mild,
     Er ist – des Heuchlers Bild.

          (Uebersetzt von Schuller.)

Die Feindschaft zwischen Maus und Katze und die Ueberlistung der ersteren durch die letztere bildet das Thema zahlreicher volkstümlicher Lieder, wovon hier nur das folgende mitgeteilt sei:

’s war mal ’ne Katzenkönigin,
     Ja, ja!

[163]

Die hegte edlen Katzensinn,
     Ja, ja!
Verstand gar wohl zu mausen,
Liebt’ königlich zu schmausen,
     Ja, ja! Katzennatur!
Schlafe, mein Mäuschen, schlafe du nur!

Die hatt’ ’nen schneeweißen Leib,
     Ja, ja!
So schlank, so zart, die Hände so weich,
     Ja, ja!
Die Augen wie Karfunkeln,
Sie leuchteten im Dunkeln,
     Ja, ja! – Katzennatur!
Schlafe, mein Mäuschen, schlafe du nur!

Ein Edelmausjüngling lebte zur Zeit,
     Ja, ja!
Der sah die Königin wohl von weit,
     Ja, ja!
’ne ehrliche Haut von Mäuschen,
Der kroch aus seinem Häuschen,
     Ja, ja! Mäusenatur!
Schlafe, mein Mäuschen, schlafe du nur!

Der sprach: In meinem Leben nicht,
     Ja, ja!
Hab’ ich gesehen so süßes Gesicht,
     Ja, ja!
Die muß auch Mäuschen meinen,[90]
Sie tut so fromm erscheinen,
     Ja, ja! Mäusenatur!
Schlafe, mein Mäuschen, schlafe du nur!

Die Maus: Willst du mein Schätzchen sein?
     Ja, ja!
Die Katz: Ich will dich sprechen allein,
     Ja, ja!
Heut will ich bei dir schlafen –

[164]

Heut sollst du bei mir schlafen –
     Ja, ja! Mäusenatur!
Schlafe, mein Mäuschen, schlafe du nur!

Der Maus, der fehlte nicht die Stund’,
     Ja, ja!
Die Katz’, die lachte den Bauch sich rund,
     Ja, ja!
Dem Schatz, den ich erkoren,
Dem zieh’ ich’s Fell über die Ohren,
     Ja, ja! Katzennatur!
Schlafe, mein Mäuschen, schlafe du nur!

Weshalb die Feldmaus so klein ist, erklären sich die nordamerikanischen Indianer auf folgende Weise;

Zur Zeit, da es noch keine großen Menschen und keine wirklichen Häuser auf der Welt gab, lebte ein kleiner Mann und eine kleine Frau in einer winzigen Hütte am Ufer eines großen Flusses. Es waren dies die einzigen Menschen, die es damals gab, und sie waren nicht größer als ein Finger. Eine einzige Beere genügte, ihren Hunger zu stillen.

Die Frau machte dem Manne aus einem Grashalme Pfeil und Bogen, damit er die Heimchen und Heuschrecken schießen konnte. Aus der Haut eines Kolibris verfertigte sie ihm einen Jagdrock und faßte ihn mit Muscheln und glänzenden Sandkörnern ein.

Als er eines Tages auf der Jagd war und sich seinen beschwerlichen Weg durch hohes Gras gebahnt hatte, legte er sich unter ein Kleeblatt und schlief ein, und zwar so fest, daß ihn der Donner eines schweren Gewitters nicht aufweckte. Die heiße Sonne unterbrach jedoch bald seinen Schlaf, und als er erwachte, bemerkte er, daß sein Jagdrock versengt und stückweise von seinem Körper gefallen war. „Das ist deine Schuld“, rief er und ballte die Faust gegen die Sonne, „dafür werde ich dich vom Himmel zerren.“

Als er zu Hause ankam und die Frau von seinem Unglück erfuhr, weinte sie und sagte ebenfalls, daß die Sonne nicht länger in der Höhe bleiben dürfe und daß sie heruntergerissen werden müsse. Beide flochten darauf ein langes Grasseil, und da es zu schwer für sie war, [165] um es an die zum Fange der Sonne am besten geeignete Stelle zu tragen, so baten sie die Feldmaus, die damals so groß wie ein Büffel war, es für sie zu tun. Diese, ein sehr gefälliges Tier, nahm das Grasseil auf den Rücken, setzte die beiden Menschlein auf ihre Ohren und marschierte nach dem Walde, hinter dem die Sonne am Abende unterzugehen pflegte.

Es war dies eine lange und beschwerliche Reise, und mancher Fluß mußte durchschwommen werden. Als sie endlich am Ziele angekommen waren, kletterte der Mann auf einige Bäume und befestigte sein Grasseil an die Äste also, daß ein Netz dadurch entstand. Und darin wurde die Sonne auch wirklich gefangen. Doch was geschah nun? Bald geriet alles, Gras und Bäume, in Brand, und die beiden Menschen liefen, um ihr Leben zu retten, so schnell wie möglich nach Hause.

„Willst du die Sonne nicht befreien?“ fragten die Tiere die Feldmaus. „Du hast scharfe Zähne und kannst das Seil leicht durchbeißen.“

Und die gute Feldmaus tat es auch, schrumpfte jedoch infolge der dabei ausgestandenen Hitze zu einem kleinen Tiere zusammen und ist so bis auf den heutigen Tag geblieben.[91]

Fausts Aufenthalt auf dem Blocksberge war nicht nach seinem Geschmacke gewesen, und als er schließlich auch noch die traurige Gestalt Gretchens erblickte, die ihm ihr schmachvolles Unglück vorführte, da überhörte er die Aufforderung Mephistos, an einer Theatervorstellung teilzunehmen. Der Augenblick, von dem er wünschte, er möge verweilen, weil er so schön sei, war also noch nicht gekommen, vielmehr in weite, unbestimmte Ferne gerückt. Doch sein ferneres Schicksal interessiert uns hier nicht.

[166] Der Blocksberg ist seitdem geblieben, was er nach dem Volksglauben stets war: ein Versammlungsplatz der Hexen und sonstiger, dem Teufel verfallenen Geister, deren nächtliches, wildes Treiben noch immer den Dichtern, Novellisten und Komponisten dankbaren Stoff zur Bearbeitung liefert[92]. Kein Wunder, daß der Harz seit geraumer Zeit das Ziel für zahlreiche Sommer- und Winterausflügler bildet. Der „Harzer Verkehrsbund“ und der „Harzklub“ lassen es sich ernstlich angelegen sein, die Schönheiten jener Gebirgsgegend immer weiteren Kreisen zugänglich zu machen. Der Verband der Gasthausbesitzer gibt in Braunschweig seit kurzem eine Monatsschrift „Der Brocken“ zur Unterrichtung der fremden Gäste heraus, die nicht nur im Sommer, sondern auch im Winter massenhaft dahin wandern. Seit 1897 wird jährlich im Januar an verschiedenen Stellen des Harzes ein Winterfest gefeiert, bei dem der mit Rucksack, Pelzmütze und Schneebrille ausgerüstete Skiläufer gleichsam wie ein Vogel über die schneebedeckten Berge fliegt und die lustigen Rodler männlichen und weiblichen Geschlechts auf ihren Schlitten mit Blitzesschnelle die sanften Abhänge herunter eilen.

Das jährliche Walpurgisfest, gefeiert von anmutigen Brockenhexelein und munteren Teufelsbrüdern, findet in der ersten Mainacht statt. Nach dem Festmahle marschieren die Gäste unter Vortritt eines Musikchors nach der Teufelskanzel, wo der Hauptdiabolus eine launige, gereimte Rede hält, in der er die Geschehnisse des verflossenen Jahres bespöttelt und bekritelt und den Beweis zu liefern sucht, daß weder Teufel noch Hexen ausgestorben sind, sondern noch immer ihr Wesen treiben, wenn auch auf verfeinerte Weise. Aus einer im Mai 1903 gehaltenen und von Heinrich Heinemann aus Braunschweig „im satanischen Tone“ vorgetragenen Teufelspredigt will ich hier einige Verse mitteilen und damit mein Buch beschließen.

Seid mir gegrüßt an meines Thrones Stufen
Ihr edlen Ritter von den Pferdehufen!

[167]

Wie freu’ ich mich, daß ich hier auf der Höh
So zahlreich Euch um mich versammelt seh’.
Und nicht blos Teufel, alte Blocksbergfexen …
Ich seh’ die schön’re Hälfte auch – die Hexen.
Es ist Walpurgis heut. Da kommt Ihr gern
Zum Hofgelage Eures gnäd’gen Herrn;
Ihr wißt, der Satan, ich, das alte Ferkel,
Halt’ heute Nacht hier oben Cercle. –

Was wollt Ihr nun? Denn so von ungefähr
Kommt ja doch keiner von Euch zu mir her.
Ihr hütet Euch, in solcher kalten Nacht,
Die jeder sonst im Bette zugebracht,
Auf Euren Besen langsam fortzuholpern
Und über Ast und Felsgestein zu stolpern;
Dazu ist Euch der Weg viel zu beschwerlich
Und das gewohnte Lager nicht entbehrlich.
Wenn Ihr so Stunden wandert durch den Dreck,
Dann habt Ihr einen ganz bestimmten Zweck.

Was wollt Ihr, frag ich, hier bei Mondenschein?
Verlangt Ihr frische Salben, Arzenei’n,
Die Menschen unten damit zu kurieren
So lange, bis sie endlich dran krepieren?
Davon seht ab. Die Zeit ist nun vorüber …
Denn jetzt besorgen das die Aerzte lieber.
Im Mittelalter konnte man Euch brauchen,
Und Euch dafür die Knochen noch verstauchen.
Heut machen all’ dergleichen die Doktoren …
Und haben noch kein Glied dabei verloren.
Wenn Euch mal früher eine Kur mißraten,
Ihr wurdet einfach auf dem Rost gebraten.
Heut geben Aerzte manchmal Gift zu saufen,
Und kommen doch nicht auf den Scheiterhaufen.
’s ist menschlicher geworden in der Welt,
Das ist es, was uns Teufeln nicht gefällt,
Man nennt’s noch gar Zivilisation …
Hör’ ich das blöde Wort, dann juckt’s mich schon.

Was aber treibt Euch sonst wohl zu mir her?
Ist Näheres zu wissen Eu’r Begehr,

[168]

Wie’s in dem Himmel aussieht und der Hölle?
Da seid Ihr grade an der rechten Quelle.

Im Himmel geht’s noch den gewohnten Gang –
Mir wird mitunter schon die Zeit zu lang.
Der Alte will noch immer triumphieren,
Und auch, wie ehedem, das Szepter führen;
Ich kann ihn immer noch nicht überzeugen,
Daß meine Aktien bei den Menschen steigen.
Doch gibt er zu, daß ich in letzter Zeit
An Macht gewonnen habe weit und breit.
Drum sieht er mich auch nicht mehr spöttisch an …
Er hat gemerkt, am Teufel ist was dran,
Daß er im Menschenvolk sich arg geirrt,
Gesteht er selber ein – so schwer ’s ihm wird.
Und gab mir zu von diesen Menschenhorden,
Sie wären allgemach zu klug geworden.
Er scheute nicht, es unverschämt zu nennen,
Daß manche ihn persönlich wollen kennen …
Und andere sich nicht mal mehr bequemen,
Den Hut respektvoll vor ihm abzunehmen.
Sie möchten ihm so dreist die Hände reichen,
Als wär’ er völlig einer ihresgleichen.
Ein jeder Schuft, der Sünde auf sich lade,
Streck’ nur die Arme aus und fände Gnade.
Wenn einer bete, fänd’ er stets Gehör –
Der Herr war gut … das paßt ihm nun nicht mehr.
Kurzum, er ist gewillt, sich aufzuraffen,
Und andre Menschenkinder zu erschaffen.
Mir ist es recht – ich bin ihm immer über …
Doch seid so gut und redet noch nicht drüber. – –

Was soll ich von der Hölle nun Euch sagen?
Da geht es bunt zu – kaum noch zu ertragen.
’s ist alles überfüllt – ein wahres Grauen!
Kein Platz mehr da – wir müssen nächstens bauen,
Da seht Ihr alle Stände im Gedränge,
Und täglich mehr – der Raum ist viel zu enge.
Ich sorge für Logis vor allen Dingen –
Man muß doch seine Freunde unterbringen.

[169]

Die sich letzthin dort einen Sitz erkoren,
Das waren meistenteils Bankdirektoren.

Doch haben unter unsern andern Kunden
Auch ein’ge Advokaten Platz gefunden.
Sogar von Theologen spricht man schon …
Ein fetter Bissen für ’nen Höllensohn.
Viel kehr ich mich an die Gesellschaft nicht;
Zur Ankunft grüß’ ich … das ist meine Pflicht.
Ich halte dem Gesindel keine Predigt –
Hab’ ich es drin, ist mein Geschäft erledigt. – –

Euch jungen Teufeln nun, die Ihr noch frei,
Euch gönn’ ich heute jede Teufelei.
Seht ihr ’ne Hexe, die Euch wohlgefällt,
So trachtet, daß sie sich Euch zugesellt.
Beweist Ihr, wie ein wohlerzogner Mann,
Daß auch der Teufel menschlich fühlen kann.
Und wenn dann über’s Jahr hier auf dem Brocken
Euch meine Unkenrufe wieder locken,
Bekennt mir Arm in Arm vor dem Altar …
Daß sie für Euch die richt’ge Hexe war. – –

Ihr andern aber, die Ihr aufgestiegen,
Ihr dürft nach Teufels Art Euch hier vergnügen.
Walpurgis, heut dem Himmel abgeraubt,
Uns nächtlich jede Schäkerei erlaubt.
Für jetzt seid insgesamt Ihr eingeladen,
Euch kräftig in dem Hexentrank zu baden.
Auf! Seid nicht bange, daß zu toll Ihr’s treibt …
Der ist kein Teufel, der heut nüchtern bleibt! – –


  1. Femina ist nach jenen gelehrten Herren aus fe (Glaube) und mina (weniger) zusammengesetzt.
  2. Im Jahre 1566 brach unter den 70 Kindern des Waisenhauses zu Amsterdam die Besessenheit aus; die Kinder hüpften an den Wänden empor, verzerrten die Gesichter, redeten in fremden Zungen, kletterten auf Türme und sangen beständig:

    „Wir wollen von hinnen nicht gehen,
    Bis wir Bametin in Feuer sehen“.

    Die unglückliche Frau dieses Namens wurde nun wirklich als Hexe hingerichtet.

  3. I. A. Heyl, Volkssagen, Gebräuche und Meinungen aus Tyrol. Brixen 1897.
  4. Eine Art Ulme, angelsächsisch wice.
  5. Journal of American Folklore, Vol. VII.
  6. Schon Plutarch, Lukian, Juvenal, Horaz usw. kannten eine solche.
  7. Ein recht poetischer Walpurgisgebrauch war früher in ganz Westfalen und am Niederrhein gang und gäbe: das „Kälberquieken“ oder die Rindertaufe. Während der Dämmerung des ersten Maimorgens ging der Dorfhirte nach einem Berge oder Hügel in der Nachbarschaft und wartete hier das Erscheinen der Sonne ab. Jener Zweig eines Vogelbeerbaumes nun, der zuerst von den Strahlen der auftauchenden Tagesgöttin geküßt wurde, mußte mit einem einzigen scharfen Schnitte abgetrennt werden. Mit dem Aste begab der Hirte sich nach jenem Gehöfte, wo ein jähriges Rind stand, und schlug dieses mitten auf dem Hofe und umgeben von allen Hausgenossen dreimal auf Kreuz und Hüften, dabei in kunstlosen Reimen den Wunsch aussprechend, daß, so wie der Saft in die Bäume steige, auch bei der Kuh die Milch in das Euter steigen möge; darauf berührte der Hirte das Euter mit seiner Gerte und gab dem Tiere damit seinen zukünftigen Namen. Die Bäuerin aber zeigt sich erkenntlich durch eine mehr oder minder reiche Gabe an Eiern, die sie dem Hirten verabreicht. Die Schalen derselben jedoch werden den Tag darauf nebst Butterblumen[WS 1] und bunten Bändern an die Spitze des Vogelbeerzweiges befestigt und letzterer, zur Abhaltung alles Unheiles, über der Stalltüre aufgehängt. Dieser hübsche Brauch kommt heute nur noch in einigen Teilen der Grafschaft Mark vor.
  8. Livländisches Sagenbuch. Reval 1897.
  9. Das Zaumzeug zum Hexenritt wird folgendermaßen hergestellt: man gräbt einen kürzlich begrabenen Menschen aus und zieht ihm die Rückenhaut ab, daraus macht man den Zaum. Das Kopfgeschirr bereitet man aus der Kopfhaut des Toten, das Mundstück aus dem Zungenbein und die Stange aus dem Hüftknochen. Ein Zauber wird darüber gesprochen und das Zaumzeug ist fertig. Man kann es nun einem Menschen oder Tier, Stock oder Stein anlegen und sich dann aufsetzen, so geht der Ritt blitzschnell vor sich, zu welchem Ort man will.
  10. J. Arnason, Isländische Volkssagen. Übersetzt von W. Lehmann-Filchés. Berlin 1899.
  11. A. Haas, Rügensche Sagen und Märchen. Greifswald 1891.
  12. A. Heyl, Volkssagen aus Tirol. Brixen 1894.
  13. C. Johnson, What they say in New England. Boston 1896.
  14. Der Teufel hat ein Buch mit dem Verzeichnis der Namen aller Hexen. Dies sah einst ein Tyroler Geistlicher zufällig und schrieb schnell den Namen Jesu hinein. Als dies der Teufel später sah, drehte er einigen Hexen aus Ärger den Hals um.
    Einem Hexer, wie in Tyrol die Zauberer genannt werden, wurden einst seine Zauberbücher durch einen Gerichtsbeamten ins Feuer geworfen, doch sie hüpften alle wieder heraus.
    Wenn sich die Hexen in ihrer Gefangenschaft ein Stück Erde verschaffen, so erhalten sie ihre Zauberkraft wieder und befreien sich. Dies erinnert an den Riesen Antäus, der auch jedesmal neue Kraft bekam, sobald er die Erde berührte.
  15. K. Knortz, Lieder und Romanzen Altenglands. Köthen 1872.
  16. P. 45. Leland, Algonquin Legends. Boston 1884.
  17. S. 406. Deutsches Kinderlied und Kinderspiel. Leipzig 1897.
  18. Marie Schaeling, Sagen und Märchen. Basel o. J.
  19. Otto Schell, Bergische Sagen. Elberfeld 1897.
  20. In einigen Gegenden Deutschlands brauchen die Hexen bloß einen Stock oder einen abgeschnittenen Kuhschwanz zu melken und sie haben, je nachdem sie es wünschen, Milch oder Butter.
  21. Daher die Bezeichnung elfshots.
  22. R. Wülcker, Geschichte der englischen Literatur. Leipzig 1896. S. 17–18.
  23. S. 530
  24. Über das Aussehen der Hexen berichtet Heine in seinem „Atta Troll“:

    „Ob die Alte, die Uraka,
    Wirklich eine ausgezeichnet
    Große Hexe, wie die Leute
    In den Pyrenä’n behaupten

    Will ich nimmermehr entscheiden.
    So viel weiß ich, daß ihr Äußres
    Sehr verdächtig. Sehr verdächtig
    Triefen ihre roten Augen,

    Bös und schielend ist der Blick;
    Und es heißt, den armen Kühen,
    Die sie anblickt, trocknet plötzlich
    In der Euter alle Milch.

    Man versichert gar, sie habe
    Streichelnd mit den dürren Händen,
    Manches fette Schwein getötet,
    Und sogar die stärksten Ochsen.

    Solcherlei Verbrechens wurde
    Sie zuweilen auch verklagt
    Bei dem Friedensrichter. Aber
    Dieser war ein Voltairianer,

    Ein modernes, flaches Weltkind,
    Ohne Tiefsinn, ohne Glauben
    Und die Kläger wurden skeptisch,
    Fast verhöhnend abgewiesen.“

  25. H. C. Lea, Superstition and Force. Philadelphia 1878.
  26. Pp. 177–78 vol. I, W. A. Clouston, Popular Tales and Fictions. London 1887.
  27. S. 493 und 496, Band 3, J. Scheible. „Das Kloster“.
  28. C. W. Upham, Salem Witchcraft; with an account of Salem village, and a history of opinions on witchcraft and kindred subjects. 2 vols. Boston 1867. – Eine Biographie Uphams veröffentlichte G. E. Ellis in den „Proceedings of the Massachusetts historical society“ (Dezember 1876). – Eine ziemlich ausführliche Darstellung der amerikanischen Hexenprozesse befindet sich in meinem Buche „Kulturhistorisches aus dem Dollarlande“, Basel 1892.
  29. Pp. 259–60. S. A. Drake, A Book of New England Legends. Boston 1894.
  30. P. 137 Drake.
  31. A Dacota English[WS 9] Dictionary. By St. Riggs. Edited by J. O. Dorsey. Washington 1890.
  32. J. Mooney, Ghost-Dance Religion. Washington 1876. Bureau of Ethnology.
  33. Auch in Italien legen die Leute zur Fernhaltung der Hexen Senfsamen auf die Türschwelle.
  34. Ethnolog. Mitteilungen aus Ungarn. 1. Jahrgang, 2. Heft, wo sich auch der Originaltext befindet.
  35. L. A. Franke. Gesammelte poetische Werke, III.
  36. Odyssee, 11. Gesang, Vers 153. Der dortige Bericht von der Hadesfahrt des Odysseus soll jedoch nach Erwin Rhodes gründlicher Untersuchung ein Einschiebsel späterer Zeit sein.
  37. Prof. Sartor. Die Speisung der Toten. Jahresbericht über das Schuljahr 1902–1903 des Gymnasiums zu Dortmund.
  38. Siehe das Kapitel „Blut und Aussatz“ in dem Buche „Der menschliche Körper in Sage, Brauch und Sprichwort“ von K. Knortz. Würzburg, Verlag von C. Kabitzsch.
  39. Parkman, Jesuits in North America in the 17th Century.
  40. Reisen in Britisch-Guiana, II.
  41. Beecham, Ashantee and the Gold Coast.
  42. Stuttgart 1899. Von dem hieratischen Texte, dessen Original sich im britischen Museum befindet (Papyros D’ Orbiney), veröffentlichte der Deutschamerikaner Moldenke in Newyork, einen zuverlässigen Abdruck.
  43. Ich zittiere hier frei nach der englischen Ausgabe.
  44. Cassel, Symbolik des Blutes. Berlin 1882.
  45. Ein erschütterndes Bild einer brasilianischen Blutrache liefert der unter dem Decknamen „Dranmore“ schreibende Dichter Schmidt in „Januerio Gareia.“ (Gesammelte Dichtungen. Berlin 1873.)
  46. Bräunlich, Der neueste Teufelsschwindel. Leipzig 1897.
  47. Die Geschichte des alttestamentlichen Teufels, schreibt Hoensbroech, läßt sich auf die Handfläche schreiben und jedes unschuldige Kind darf sie lesen. Der Teufel des päpstlichen Christentums steht da als Riese, nicht Foliobände fassen seine Geschichte, und wer sie liest, dem wird die Schamröte ins Gesicht getrieben, ob der maßlosen Unflätigkeiten, die sie enthält, verbrieft und besiegelt durch Unterschrift und Siegel des Statthalters Christi.
         Das römische Zentralorgan der Jesuiten, die Civilta Catolica, hat im Jahre 1902 eine Serie von Teufelsartikeln gebracht, in denen von dem Treiben eines Turiner Flaschenteufels, eines Groschenteufels in Paris und Turin, eines Steinteufels in Paris, eines Hausgerätteufels in St. Petersburg, eines Klosterteufels in Turin usw. höchst drastische Geschichten erzählt werden.
         Professor J. Bautz in Münster hat in den beiden mit Genehmigung des bischöflichen Oridinariats von Mainz herausgegebenen Büchern „Die Hölle“ (Mainz 1882) und „Das Fegefeuer“ (1883) die denkbar albernsten Teufelserscheinungen[WS 11] berichtet und die körperliche Realität des bösen Geistes und seiner Hölle mit allen Waffen seiner „Wissenschaft“ verteidigt.
         Der Volkswitz hat den Teufel einfach mit der Priesterschaft in Verbindung gebracht, so in den Sprichwörtern: Was der Teufel nicht machen kann, gibt er einem Jesuiten in Verding. Kein Priesterrock ist so heilig, der Teufel schlüpft hinein. Läßt man den Teufel in die Kirche, sitzt er sicher auf der Kanzel. Wenn der Teufel zu alt wird, will er Mönch werden. Der Teufel erbaut selbst ein Gotteshaus, wer ihm seine Seele dafür gibt. Der Beste in der Not, sagte der Teufel, da ging er zwischen zwei Pfaffen.
  48. Scheible, Faustbuch II. – Der polnische Faust Twardowski zwang sogar den Teufel, ein Haus aus Mohnsamen mit einem aus Judenbärten bestehenden Dache zu bauen. Er tat es auch und holte ihn auch später.
  49. Die Dramen der Roswitha von Gaudersheim. Übersetzt und gewürdigt von O. Piltz. Universal-Bibliothek.
  50. Dies war besonders in Island der Fall, wo sogar die Bezeichnung „Zauberer“ als Ehrentitel galt. Auch Saemundur Frodi (1056–1133), dem bekanntlich die ältere Edda zugeschrieben wird, der als Pfarrer zu Oddi im südlichen Island wirkte, stand im Rufe eines mächtigen Zauberers und lebt als solcher in den Sagen seiner Heimat fort. Nur eine derselben sei hier mitgeteilt.
    In alter Zeit war draußen in der Welt eine Schule, welche die schwarze Schule hieß. Dort lernten die Menschen Zauberkünste und allerlei alte Weisheit. Diese Schule war so eingerichtet, daß sie in einem festgebauten Erdhause gehalten wurde; dasselbe hatte keine Fenster, und deswegen herrschte immer pechschwarze Finsternis darin. Einen Lehrer gab es dort nicht, sondern man lernte alles aus Büchern, die mit feuerroten Buchstaben geschrieben waren und im Dunklen gelesen werden konnten. Niemals durften die, welche dort lernten, unter freien Himmel hinausgehen, noch das Tageslicht sehen, so lange sie dort weilten; sie mußten aber drei oder sieben Winter in der Schule bleiben, bevor sie ausgelernt hatten. Eine graue, zottige Hand kam jeden Tag durch die Wand herein und reichte den Schülern Speise. Das aber bedingte sich derjenige, der diese Schule hielt, aus, daß jedes Jahr der sein eigen wurde, der von jenen, welche aus der Schule entlassen wurden, zuletzt hinausging. Da nun aber alle wußten, daß der Teufel diese Schule hielt, so wollte ein jeder gern vermeiden, als der Letzte hinauszugehen.
    Einst waren drei Isländer in der schwarzen Schule Saemundur Frodi, Kalfur Arnason und Halfdan Eldjarnson oder Einarsson, der später Pfarrer zu Fell in Slettuhild wurde. Sie sollten alle auf einmal die Schule verlassen, und da erbot sich Saemundur, zuletzt hinauszugehen. Darüber waren die andern sehr froh. Saemundur warf einen großen Mantel über, ließ aber die Ärmel lose hängen und knöpfte keinen Knopf zu. Um das Schulhaus zu verlassen, mußte man eine Treppe hinauf. Wie nun Saemundur auf die Treppe kommt, greift der Teufel nach seinem Mantel und sagt: „Dich habe ich!“ Da warf Saemundur den Mantel ab und lief hinaus, und der Teufel behielt nur den Mantel zurück. Die eiserne Türe aber dröhnte in ihren Angeln und schlug dem Saemundur so hart an die Fersen, daß das Fersenbein beschädigt wurde. Da sagte er: „Da schlug mir die Türe dicht auf den Fersen zu“, und [67] das ist seitdem sprichwörtliche Redensart geworden. Auf diese Art entkam Saemundur Frodi mit seinen Genossen aus der schwarzen Schule.
    Andere sagen, als Saemundur die Treppe hinaufstieg und an die Ausgangstür der schwarzen Schule trat, habe ihm die Sonne entgegen geschienen und seinen Schatten auf die Wand geworfen. Als nun der Teufel den Saemundur nehmen wollte, sagte dieser: „Ich bin nicht der Letzte. Siehst du nicht den, der hinter mir kommt?“ Da griff der Teufel nach dem Schatten, den er für einen Menschen hielt; Saemundur aber schlüpfte hinaus, und die Tür schlug ihm auf die Fersen zu. Seit jener Stunde aber war Saemundur stets ohne Schatten, denn der Teufel gab seinen Schatten nie wieder her. (Isländische Volkssagen. Aus der Sammlung von Jon Arnason, übersetzt von Lehmann-Filhes. 1. Band, Berlin 1889, Man vergleiche mit dieser Erzählung das Gedicht „Der Teufel in Salamanca“ von Th. Körner.
  51. H. v. Pfister, Sagen und Aberglaube aus Hessen und Nassau. Marburg 1885.
  52. Knortz, Irländische Märchen. Zürich 1886.
  53. Sachs bedient sich dieser Redensart häufig. Er meint: Du hast mich zum Besten gehabt.
  54. Rochholz, Deutscher Unsterblichkeitsglaube.
  55. Jon Arnason, Isländische Volkssagen. Zweite Sammlung.
  56. Einige livländische Mädchen wollten einst zusehen, wie die Blocksbergreiter sich zu ihrem nächtlichen Ritte anschickten. Man hatte sie gewarnt, ja nicht dabei zu lachen, denn sonst würden sie platzen. Nachdem jeder der Abreisenden schon mit einem Besenstiele, Ziegenbock usw. versehen war und schon in den Kessel gerochen hatte, wodurch man die Gespensternatur erhielt, fehlte dem Knecht noch ein Reitpferd. Der Wirt rief ihm zu: „Da in dem Winkel sitzt eine Maus, nimm die!“ Er nahm die Maus, schwang sich darauf und klatschte mit der Peitsche. Dies kam dem einen versteckten Mädchen doch so lächerlich vor, daß es lachte – und platzte.
    Einem livländischen Bauer fehlten in der obern und untern Kinnlade die vordern Zähne, und er wollte nie gestehen, wann, wie und wo er sie verloren hatte. Auf seinem Totenbette gestand er endlich, daß er einmal mit auf dem Blocksberge gewesen wäre. Er hätte da auch viele Deutsche gefunden, für welche separat gekocht wurde. Nun wollte er doch gern wissen, was diese essen würden, hatte also in den Kessel geguckt, welches ihm aber der Teufel Küchenmeister mit einem so heftigen Schlage vergolten hatte, daß er alle seine Vorderzähne eingebüßt hätte. (F. Bienemann, Livländisches Sagenbuch, Reval 1897.)
  57. Rügensche Sagen und Märchen. Greifswald 1891.
  58. O. Knopp, Volkssagen aus dem östlichen Hinterpommern.
  59. Aus der höchst mangelhaften Übersetzung Fiedlers, abgedruckt in Scherrs „Bildersaal der Weltliteratur“. – Klaus Groths Gedicht „Hans Schander“ ist eine ziemlich gelungene freie Nachahmung der packenden, markigen Schöpfung des schottischen Lyrikers. Der von seinem Landsmanne Burns beeinflußte Volksdichter James Hogg (1770–1853), gewöhnlich, da er in seiner Jugend die Schafe gehütet, Ettrick Sheperd genannt, erzählt in seinem Gedicht „Die Hexe von Fife“ von einer Ehefrau, die nächtlich Mann und Kinder verließ, auf einem Schirlingsrohr in Gesellschaft anderer Unholdinnen durch die Luft sauste und bis zum Anbruch des Tages auf fernen Hügeln tanzte, sang, mit Zauberern buhlte und den in einem Turmkeller aufbewahrten roten Wein des Bischofs trank. Als der Alte, der ein Freund eines guten Tropfens war, dies hörte, schalt er seine Frau nicht mehr und nahm sich vor, sie auf ihrer nächsten Weinfahrt zu begleiten; allein, seine Gattin wollte ihn unter keiner Bedingung den zu einer Luftfahrt nötigen Zauberspruch verraten. Doch der Mann war klug und wußte sich zu helfen. Er versteckte sich vor Anbruch der Nacht in seine Scheune, in der sich die Reiterinnen vor ihrer Abfahrt zu versammeln pflegten und war auch so glücklich, das gewünschte Wort zu erlauschen, sodaß er also an der lustigen Weinreise teilnehmen konnte.

    Die Hexen zerstreuten den Mondstrahl bleich,
    Tief seufzten die zitternden Winde,
    Doch sie wußten es nicht, daß der kleine alte Mann
    Flog hinter ihnen geschwinde.

    Sie flogen zum Keller des frohen Carlisle,
    Und sie traten so frei wie die Luft hinein,
    Und sie tranken und tranken, sie konnten nicht mehr,
    Des Bischofs uralten Wein.

    Der gute, alte Mann, er ward so froh
    Und er tanzt auf dem modrigen Grunde,
    Und er sang die schönsten Lieder von Fife
    Und taumelte rings in die Runde.

    Und wieder und wieder zum Fasse er kehrt,
    Und er sog und sog so lang,
    Bis er schaute nichts mehr und die Zunge ward schwer
    Und lallend die Stimme verklang.

    Und die Hexen, sie tranken des Bischofs Wein
    Bis sie spürten die Morgenwinde,
    Und schwangen sich auf in die Lüfte zu Hauf
    Und verließen den Alten geschwinde.

    Und er schlief und er schlief in dem Keller so tief
    Bis hoch im Mittagslichte,

    [94] Bis auf ihn weckten fünf Engländer,
    Die schleppten ihn vor’s Gerichte.

    Und sie stießen und kniffen den alten Mann,
    Und sie peitschten die alten Glieder,
    Bis das rote Blut in den Schuhen ihm stand,
    Und riefen, der Wein rinne nieder.

    Und sie stießen und kniffen den alten Mann,
    Und er stand gebunden am Steine,
    Und sie häuften ein Feuer ringsherum,
    Und sie verbrannten ihm Fleisch und Gebeine.

    Und sie wandten ihr Antlitz der Sonne zu,
    Mit staunendem Wundern und Grauen,
    Denn es kam ein Ding aus der Luft herab,
    Das dunkel und groß war zu schauen.

    Der Vogel kam aus dem Lande von Fife,
    Und er kam mit Schrecken und Grauen,
    Und was war es als des alten Mannes Weib,
    Die kam, seinen Tod zu schauen?

    Sie setzt’ ihm aufs Haupt eine Kappe so rot,
    Und froh blickt der Alte hernieder,
    Und sie wispert ein Wort ihm in das Ohr,
    Und hub in die Lüfte sich wieder.

    Und der gute alte Mann zu springen begann
    In der Mitte der glühenden Flammen,
    Und das Band, das ihn preßt’ an den Ring so fest,
    Es fiel wie Zunder zusammen.

    Und er sprach das Wort in fröhlicher Hast,
    Tief, tief den Atem einzog er.
    Und er setzte den Fuß auf den glühenden Pfuhl
    Und fort in die Lüfte hin flog er.

    Weit, weit umkreist’ er den wirbelnden Rauch
    Und er blickte bald heiter, bald trüber;
    Doch als er sich schwang die Lüfte entlang,
    Schallt wild sein Gelächter herüber.

    (Gekürzt nach einer Übersetzung von Arentsschild.)

  60. O. Dähnhardt, Volkstümliches aus Sachsen.
  61. Johannes Prätorius, eigentlich Hans Schultze, ein Gelehrter (1630–1680), dessen Schriften kulturgeschichtlich sehr wertvoll sind, besonders in Bezug auf die abergläubischen Vorstellungen seiner Zeit, schrieb u. a. die Geschichte des schlesischen Berggeistes Rübezahl „Daemonologia Rubinzali Silesii“ und „Blocksberges Verrichtung, oder ausführlicher geographischer Bericht von dem Blocksberge, ingleichen von der Hexenfahrt und dem Zaubersabbat, so auf solchem Berge die Unholden in gantz Teutschland jährlich den 1. may in der St. Walpurgisnacht anstellen sollen.“ (Zitiert nach J. Adams“ Der Natursinn in der deutschen Dichtung. 1. Band. Wien 1906.)
  62. Ernst Hermann, die Walpurgisnacht in Sage und Dichtung. Mannheim 1888.
  63. G. Witkowski, Die Walpurgisnacht im ersten Teile von Goethes Faust. Leipzig 1894.
  64. Grimm gibt in seiner „Mythologie“ eine ziemlich große Anzahl derselben, ferner finden wir solche erwähnt auf Seite 64 in Hermann’s „Mythologie“, in Schell’s „Bergischen Sagen“, S. 576–577, in Heyls „Volkssagen aus Tirol“, S. 320–322, in Meyers „Deutscher Aberglaube des Mittelalters“, S. 244–245. usw. – Der italienische Blocksberg befindet sich in dem Nußwalde von Benevent, wohin die Hexen in der Johannisnacht auf Besen reiten, um am Empfangstage des Teufels, der bei dieser Gelegenheit im Bischofskleide auftritt, teilzunehmen (Albert Zacher, Römisches Volksleben der Gegenwart, Stuttgart 1910). Sogar Pennsylvanien besitzt einen Blocksberg; derselbe befindet sich im südlichen Teile der Williams Township[WS 16] in der Grafschaft Northampton und ist bei den dortigen Deutschen allgemein unter dem Namen „Hexenkopf“ bekannt. („The Pennsylvania German“, vol. XI, Nr. 9.)
  65. Yearbook of the Pennsylvania Society of New-York, 1910.
  66. Die Quelle dieses Gedichtes, das Goethe eine Ballade nennt, ist in Lukians „Lügenfreund“ zu suchen, in dem von Pankrates erzählt wird, daß er auf seinen Reisen einem Besen oder hölzernen Türriegel Kleider anlegte, einige Zauberformeln murmelte und dann plötzlich einen Diener vor sich sah, der seine Befehle ausführte und darnach wieder entzaubert wurde. Ein Grieche, der nur die erste Formel erlauscht hatte, machte schlimme Erfahrungen. Von dieser Erzählung gibt es zahlreiche Varianten, von denen Reifferscheid im fünften Bande der „Zeitschrift für deutsche Philologie“ mehrere anführt. Die älteste deutsche Quelle dürfte in dem „Grottenlied“ der jüngeren Edda zu suchen sein.
  67. Wlislocki, Vom wandernden Zigeunervolke, Hamburg 1890.
  68. O. Knoop, Volkssagen aus Hinterpommern, Posen 1885.
  69. C. Schumann, Volks- und Kinderreime aus Lübeck und Umgegend, Lübeck 1899.
  70. Von einem solchen sagt der Londoner „she carries the broom up as the masthead.“
  71. F. Drohsihn, Deutsche Kinderreime, Leipzig 1897.
  72. Düringsfeld, Forzino. Leipzig 1877.
  73. Vilmar, Idiotikon von Kurhessen.
  74. The Candle and the Flame. By George Sylvester Viereck, Newyork 1912.
  75. Rossetti, der englische poet-painter, hat das Lilith-Thema in einem Bilde, einer Ballade und einem Sonette behandelt. Letzteres möge hier in der Übersetzung Otto Hausers eine Stelle finden.

    Es wird erzählt von Lilith (diese war
    Vor Eva Adams Weib), daß sie in Eden
    Noch vor der Schlange falsch gewußt zu reden,
    Daß erstes Gold gewesen sei ihr Haar.
    Indes die Erde altert immerdar,
    Jung sitzt noch sie und lockt der Männer jeden
    Zu ihrem Truggeweb aus lichten Fäden,
    Für Herz und Leib und Leben stets Gefahr.
    Rose und Mohn sind, Lilith, dein Symbol,
    Denn wen, fandst du zu ihm, umstrickte wohl
    Nicht Duft und süßer Kuß und sanfter Schlaf?
    Sieh, wie des Jünglings Blick dich glühend traf,
    Durchwogt dein Zauber ihn, – er ist verführt,
    Von dir ein Goldhaar hat sein Herz umschnürt.

  76. Wilhelm Jensen, Gedichte. Stuttgart 1869.
  77. Die Etymologie dieses Namens ist unsicher, so auch die eigentliche Bedeutung. Man versteht darunter eine Örtlichkeit in der Wüste, in welche beim jährlichen Versöhnungsfest der Sündenbock gejagt wurde, manchmal auch diesen selber, im allgemeinen jedoch einen in der Wüste hausenden Dämon. Im Buche Henoch dient dieser Name zur Bezeichnung des Teufels oder Höllenfürsten.
  78. Von der bedeutendsten Dichtung Emants’ „Godenschemering“ (Götterdämmerung) ist leider, so viel ich weiß, noch keine deutsche Übersetzung erschienen.
  79. Nach Lenorneau („La Magie“) bedeutet lil und lilit den Inkubus und Sukkubus. Andere wollen den Namen auf das sumerische lil (Sturm) zurückführen und in liln und lilitn Sturmdämonen sehen, doch scheint diese Annahme wenigstens zu Jesaias 34, Vers 14 nicht zu passen. Daß die Lilith ein Nachtgespenst ist, wird schwerlich dadurch widerlegt, das lilatn im Babylonischen eigentlich der Abend bedeutet. Nach den späteren jüdischen Vorstellungen ist die Lilith ein geflügeltes Weib, das bei Nacht umherschweift und die nicht durch Amulette geschützten Kinder tötet. (H. Duhm, Die bösen Geister des alten Testaments. Tübingen 1904.
  80. K. Gander, Niederlausitzer Volkssagen. Berlin 1894.
  81. R. Kleinpaul, Die Lebendigen und die Toten, Leipzig 1898. In Grimm’s deutschen Sagen wird statt Maus ein Tierlein erwähnt, das sich in Schlangenweise bewegt.
  82. O. Schell, Bergische Sagen.
  83. Birlinger, Aus Schwaben I, S. 434.
  84. O. Schell, Bergische Sagen. Elberfeld 1897.
  85. 26th. Report of the Bureau of American Ethnology.
  86. Journal of American Folk-Lore. 1892.
  87. Wörtlich übersetzt: Waldmäuse.
  88. Zitiert nach H. Schrader: Der Bilderschmuck der deutschen Sprache.
  89. L. Grabinski: Sagen, Aberglaube und abergläubische Sitten in Schlesien. Schweidnitz o. J.
  90. Meinen, lieben; in diesem Sinne auch gebraucht im Anfang des Liedes von Schenkendarf: „Freiheit, die ich meine“.
  91. Nach C. S. Bailey’s Firesight Stories, Springfield, Mass 1907. – In dem indianischen Märchen „Von dem Knaben, welcher die Sonne in einer Schlinge fing“ (S. 43, Knortz, Märchen und Sagen der nordamerikan. Indianer. Jena 1871) ist die Rolle der Feldmaus einem Hamster übertragen. – Die Menomini-Indianer haben ein ähnliches Märchen (S. 181, 14th Annual Report of the Bureau of Ethnology, Part. I. Washington 1896).
  92. Ich möchte bei dieser Gelegenheit auf das Werk „Hackebernds Brautwerbung und andere Harznovellen“ von G. Freiherr v. König (Berlin 1909) hinweisen.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Butterbumen
  2. Vorlage: Wanderburche
  3. Vorlage: gerate
  4. Vorlage: Massachuseks
  5. Vorlage: „Jou are Hooker by name, and Hooker by nature, and yon have hooked it all!“ Clifton Johnson: What they say in New England, Old Stories. S. 236–237. You are Hooker by name, and Hooker by nature; and you've hooked it all. Internet Archive
  6. Vorlage: „If it isn’t pure silver it onely maims aud doesn’t kill her.“ Clifton Johnson: What they say in New England, Old Stories. S. 241: If it isn’t pure silver It only maims and doesn’t kill her.Internet Archive
  7. Vorlage: Unheilstifer
  8. Vorlage: Gotton
  9. Vorlage: Englich
  10. Vorlage: Teufes
  11. Vorlage: Teufelserscherscheinungen
  12. Vorlage: Satz
  13. Vorlage: leltern demselben zusprachen, erst am nächsten Morgen Eer wurden.
  14. Vorlage: hübches
  15. Vorlage: Hern
  16. Vorlage: Williams Townschiy. Siehe Williams Township
  17. Vorlage: englichen
  18. Vorlage: verantworlich
  19. Vorlage: Racheschewestern
  20. Das Gedicht ist in der Schreibweise der Vorlage wiedergegeben. Für die Version von Friedrich Stoltze siehe Löb Hersch.
  21. Vorlage: Lehres
  22. Vorlage: Bezitze