Historisch-Politisch-Geographischer Atlas der gantzen Welt:Rußland, Rusland, das Rußische Reich

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Historisch-Politisch-Geographischer Atlas der gantzen Welt
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Band: 9 (1748), Spalte: 1290–1336 (Quelle).

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[1289–1290] Rußland, Rusland, das Rußische Reich, Lat. Russia, Imperium Russicum, Frantz. Russie, oder Empire Russien, welches sonst auch Groß-Reussen, Lat. Russia Magna, oder Schwartz-Reussen, Lat. Russia Nigra, genennet wird, ist das gröste Reich in Europa, und führete sonst auch den Nahmen Moscau von der ehemahligen Haupt- und Residentz-Stadt der Czaare. Den Nahmen Rußland hat es von seinen alten Einwohnern, den Russis oder Rhossis, die sich schon in dem IX. Jahrhunderte hervor gethan. In der Esthischen Sprache wird Rußland Wennamah genannt, welches Wort ein Land guter Freunde und Brüder bedeuten soll, indem die benachbarten Völcker sich um die Freundschafft der Russen bewarben. In den folgenden Zeiten wurden die Russen von dem Balthischen Meere weiter entfernet, und ihren Nachbarn etwas unbekannter. Jedoch gedencken die Dänischen und Norwegischen ältesten Chronicken, daß ein Rußischer König, Alexander, noch um das Jahr 1251, um die Tochter Haquini, Königs in Norwegen, angehalten habe. Zu dieser Zeit wurden die Russen von häuffigen Anfällen der Tartarn nicht wenig geplagt, und hat diese Nation viele Abwechslungen des Glücks gehabt, davon unten mehr zu gedencken Gelegenheit seyn wird. Was den gegenwärtigen Zustand von Rußland anbetrifft: so sind die Gräntzen dieses mächtigen Reichs gegen Abend Litthauen, Pohlen und Schweden; gegen Mittag die Europäische Tartarey, und das schwartze Meer biß an das Caspische; gegen Morgen die grosse Tartarey; gegen Mittag das Eis-Meer, allwo Rußland und Nova Zembla durch eine Meer-Enge unterschieden wird, welche insgemein Waigatz genennet wird. Die Länge von Rußland soll von Reval biß an den Fluß Oby in die 400. Meilen; die Breite von Kola Lappland bis Poltawa, 280. Meilen betragen. Andere rechnen die Länge von der Litthauischen Gräntze unter dem Circkel der Breite von 62. Graden, bis an das Ost- oder Japonische Meer, an der Sinesischen Gräntze, so über 700. Meilen ausmacht. Die Breite von der Meer-Enge Waigatz, bis an das Mare Caspicum, beträgt 350. Deutsche Meilen. Also ist der Bezirck dieses Reichs fast von unglaublicher Grösse, und begreifft nicht nur einen grossen Theil von dem äussersten Europa in sich; sondern es erstreckt sich auch durch das Obere und Nordliche Asien, bis an den Orientalischen Oceanum Nach Peter von Havens Anmerckung[1] gehet dieses Reich gegen Süden und Norden etwa von dem 46. Grad der Polhöhe gerade hinauf in dem Circulum Arcticum: aber [1291–1292] gegen Westen und Osten von den 45. Grad der Länge gerade aus zu dem stillen Meere zwischen Asia und America. Daher man sich über die Weitläuftigkeit des Rußischen Tittels nicht verwundern darff, welcher von dem Kayser Petro I. in der Canzeley ehedessen also abgefaßt worden: Wir Petrus Alexiewitz von Gottes Gnaden, grosser Herr, Czaar und Groß-Fürst des gantzen grossen, kleinen und weissen Reußlands, Selbsthalter zu Moscow, Kiow, Wolodimer, Novogorod, Czaar zu Casan, Astracan u. Syberien, Herr zu Pleskow, Groß-Fürst zu Smolensko, Severien Tweer, Jugoria, Permia, Wiatke, Bolgoria, &c. Herr und Groß-Fürst zu Novgrod des niedrigen Landes, zu Czernigow, Rezan, Rosdow, Jaroslaw, Bialosera, Udoria, Oledoria, Condinia, und der gantzen Nord-Seiten Gebiether, Herr des Iverischen, Cartalinischen, Grustinischen und Carbatinischen Landes, Cyrcasser und Gorischen Fürsten, und anderer viler Ost-Westlichen und Nordlichen Herrschafften und Länder, Väter- und Groß-Väterlicher ERbe, auch Herr und Beherrscher. Zu welchem allen hernach noch in dem Jahre 1711. der Kayserliche Tittul gekommen ist, welcher von gedachtem Czaar angenommen; auch von ihm und dessen Nachfolgern von einigen Europäischen Staaten zugestanden worden.
     Es begreifft also Rußland eine gute Anzahl von Königreichen, Groß-Hertzogthümern, Herr- und Landschafften in sich, welche man sich nach ihrer Lage folgende Gestalt fürstellen kan: Das Hertzogthum Pleskow liegt an den Liefländischen Gräntzen; das Groß-Hertzogthum Groß-Novogrod darüber am Ilmen-See; das Hertzogthum Tweer; die Landschaft Rzeva oder Rzowa, unter Groß-Neugard; das Fürstenthum Biela an der Pohlnischen Gräntze, woran auch das im Jahre 1686. von Pohlen an Moscau abgetretene Groß-Hertzogthum Smolensko stößt, wie auch die Hertzogthümer Severien, Czernikow nebst der Ukraine, ein recht gesegnetes Land an Ackerbau und Vieh-Zucht, und Sitz der Zaporovischen Cosacken. Das Hertzogthum Worodin liegt unten an der Europäischen Tartarey; das Hertzogthum Rezan, Süd-Östlich von Moscau, und ist das allerfruchtbareste Land im gantzen Rußischen Reiche, indem daselbst iedes Korn 2. bis 3 Aehren zeuget, und das Getrayde so dicke wächst, daß weder die Pferde durchlauffen, noch die Wachteln ein, oder ausfliegen können. Die Landschafft Pole liegt weiter zur Rechten; die Landschaft Mordua darüber; das Hertzogthum Woladomir hat einen sehr fruchtbaren Boden; das Hertzogthum Niesen-Novogrod war sonst ein Stück von Woladomir und ist von dem Czaar Basilio I. angebauet worden. Zur Lincken liegt das Hertzogthum Susdal. Das Hertzogthum Moscau war ehemahls das Hertz des gantzen Reichs; die Landschafft Rosthaw und Jareslaw liegen darüber, und waren diese beyden Provintzen in den vorigen Zeiten, den jüngsten Printzen der Groß-Fürsten zugeeignet, daher noch etliche alte Familien vorhanden, die sich Jaroslawsky nennen. Die Landschafft Biela Jezora liegt darüber an der weissen See, worauf das Hertzogthum Wologda folgt. Die Landschafft Dwina stösset an das weisse Meer, wo der Fluß Dwina hinein fällt, und liegt in dieser Provintz die Handel-Stadt und Hafen Archangel. Die Landschafft Juborsky, Pezora, Condinsk, und Groß-Permia folgen auf einander. Inder letzten ist Solikamskoi die Hauptstadt, in deren Gegend viele Saltz-Kothen anzutreffen. Die Landschafft Wollost Usoi, oder das Syrener-Land, wird von einer Nation bewohnet, welche sich zwar zu der Griechischen Kirche bekennet, aber seine eigene Sprache hat. Das Hertzogthum Wiadsky liegt an dem Cama-Flusse. Die Landschafft Czeremissi enthält ein Volck, welches sich in 2. Theile abgetheilet. Die über der Wolga wohnen, nennen sich Lagowoy, weil viel Heu daselbst wächst; die aber unter der Wolga, wegen der vielen Berge Nagarnoy. Die Landschafft Nagarnay liegt zwischen den beyden Ströhmen Wolga und Jaik, und begeifft das Königreich Astracan in sich. Uber diesem Königreiche zur Rechten liegt das Königreich Olgaria, oder Kalmuchi. Das Königreich Casan liegt darüber, um den Fluß Kamm, zur Lincken der Wolga nach Norden, und geht bis an das Königreich Siberien, welches sich auf 200. deutsche Meilen[2] in die Länge und in die Breite erstreckt. Es gräntzet gegen Morgen mit dem Lande der Ostiacken, einer heydnischen Nation, welche einen Götzen, Sactan genannt, verehret, deren viel 1000. durch die Vorsorge des Kaysers Petri I. zum Christlichen Glauben bekehret worden. Diesen zur Rechten liegt die Landschafft Jenizeskoi, an welche die Niscovi Tungusi stossen, so Heyden sind, mit denen die Buratti, auch Heyden, ebenfalls gräntzen. In dieser Landschafft findet man das Muscus-Thier. Dauria ist das äusserste Land an China, und wird theils von Russen, theils von Heyden bewohnt, welche sich Nonni Tunguzi, und Oleeni Tunguzi nennen. In dieser Landschafft liegt Argunskoi, die letzte Festung und äusserste Gräntze von denen gegen Morgen gelegenen Landen des Rußischen Kaysers. Sie liegt an dem Flusse Argum, welcher aus Süd-Westen nach Nord-Osten flüsset, in den Amur-Strohm fällt, und das Rußische Reich und China von einander scheidet, so, daß auf der andern oder Ost-Seiten die grosse Tartarische unbewohnte Wüste ihren Anfang nimmt. Die Herrschaft Samojede liegt zu äusserst oben an dem Eis-Meere, an dem Freto Weigatz, und wird von wilden Völckern bewohnt. Das Rußische Lappland liegt über dem weissen Meere, und ist der gröste Theil wegen seiner Rauhigkeit unbekannt. Die Kalmucken haben das gantze weite Land zwischen Mongue und der Wolga, bis nach Astracan inne.
     Sonst hat Moscau oder Rußland IV. Theile; 1) Moscau gegen Westen, oder West-Rußland, Lat. Moscovia Occidentalis, an den Pohlnischen Gräntzen; 2) Moscau gegen Osten, oder Ost-Rußland, Lat. Moscovia Orientalis, liegt besser zur Rechten, unter dem Freto Weigatz; 3) die Rußische oder Moscowitische Tartarey, Lat. Tartaria Moscovitia, liegt an den Asiatischen Gräntzen, um den Oby, und um das Mare Calpicum; 4) das Moscowitische oder Rußische Lappland, Lat. Lappia Moscovitica, liegt um das Mare Album, an den Schwedischen Gräntzen.
     In West-Rußland sind folgende Landschafften: Pleskow, Novogorod, Tweer, Reschow, Bielsky, Smolensko, Severien, Czernichow, Worotin, Rezan, Pole, Mordia, Nisi-Novogorod, Wolodimir, Susdal, das Herzogthum Moscau selber, Rosthow, Jeroslaw, Riele-Jezora, Wologda, Kargapol und Dwina. In Ost-Rußland liegen die Landschafften: Juboritzky, Petzora Condinsky, Permsky, Oustiuch, Wiabsky und Czeremissi. In der Rußischen Tartarey liegen die Königreiche: Astracan Bulgar, Casan und Syberien, wie auch die Landschafft Samojede. Das Rußische Lappland besteht in 3. Landschafften: Muremanskoi Leporie, Terskoy-Leporie, und Bella-Morenskoy-Leporie.
     Das Königreich Casan giebt viel Getrayde, und werden auf der Wolga jährlich viele 1000. Lasten Getrayde nach Tweeer geschickt, welches die rechte Stapel von dem Korn-Handel ist. Von dannen aber wird alles auf Schlitten vor die Arméen, und nach Petersburg geschafft. Dieses Land bringt auch viel Wolle, und hat der Kayser Petrus I, 20. Schäfer aus Schlesien nach Casan geschickt, welche den Russen die Handthierung mit der Wolle zeigen solten; wiewohl es mit dieser Manufactur nicht recht fort wolte, und ward die meiste Schuld der spröden Wolle, und weil die Schaaf- und Ziegen-Heerde sich seit langen Jahren vermengt gehabt, beygeleget. Hingegen hat die eine halbe Meile von Petersburg angelegte Linnen-Weberey einen solchen guten Fortgang, daß die aus Rußischem Flachs darinnen verfertigte Linnen, den feinsten Holländischen nichts nachgiebt. Von Tweer ist das Land bis nach der Stadt Moscau fast gantz sandigt. Man siehet auch auf dem Wege nichts, als Tannen-Holtz. Weil nun um diese Gegend die Mühe durch die Erndte nicht belohnet wird: so wird die Bauung der Erde an vielen Orten unterlassen. An Heu ist hier ein grosser Uberfluß. Der Hopfen wächst von sich selbst häuffig in den Wäldern. Der Bauersmann lebt in grosser Armuth, zu welcher er von Kindes-Beinen an gewohnt ist. Derjenige Theil von Rußland, welcher an die Pohlnische Gräntze stösset ist sehr fruchtbar. Das Getrayde trägt an verschiedenen Orten 20. bis 30. fältig, auch in einigen Gärten werden Melonen gezogen, [1293–1294] welche 30. bis 40. Pfund wägen sollen. Der Mangel der Wirthshäuser ist den Reisenden höchst beschwerlich, weil man sich mit nöthiger Zehrung bis Moscau versehen muß. Bey der Stadt Solikamsky in Syberien sind 32. Saltz-Brunnen, die meisten 50. Faden tieff, woraus ein Schneeweiß Saltz gesotten wird. In der Gegend der Stadt Jenisleitska wird eine wunderbare Art von Knochen, welche an den Ufern der Revier, und andern eingefallenen Höhlen gefunden werden, und dem Elffenbein ähnlich sind, ausgegraben. Es sollen Hörner von einer Art erschrecklich grosser Schlangen seyn, welche unter der Erde sind. Mit diesen ihren Hörnern graben sie sich aller Orten unter dem Moraste in der lockern ERde fort, bis sie in den harten Sandbäncken feste sitzen bleiben. Den Weinwachs hat der Kayser Petrus I. zu befördern sich angelegen seyn lassen, und sind einige Weinberge in Astracan mit Französischem Weine gepflanzt worden. Bey Alonitz hat sich, vor nicht gar zu langen Jahren, ein Gesundbrunnen von martialischer Krafft hervorgethan, welchen der Rußische Monarch selbst zu besuchen gewohnt war. Von dem Heckerlinge haben die Russen noch zu Anfange dieses Jahrhunderts nichts gewust. Gegen Schlüsselburg, an dem Neva-Strohme sind verschiedene Mahl- Säge- und Schmiede-Mühlen, und näher bey Petersburg, auch in Moscau Pulver-Mühlen, Salpeter- und Schwefel-Hütten angebauet, und alle diese Materialien fallen in Rußland so wohl, als aller Hanff zu der Seiler-Arbeit. Die Eisen-Ertze bricht man zu Alonitz in grosser Menge, und wird an Stücken, Mörsern, Haubitzen und kleinen Schießgewehr unabläßig gearbeitet. Vor Anlegung der Bergwercke trug Petrus I. viel Sorge. In Syberien sollen gute Oerter seyn, wo Kupffer- und Silber-Gruben können gebauet werden. Im Jahre 1714. brachte der Statthalter in Syberien, Fürst Gagarin, einen Gold-Sand nach Petersburg, da man von einem Pfunde solches Sandes 28. Loth feines Gold bekommen. Man hat denselben an der Caspischen See, bey dem Einflusse der Dauria entdecket. Die Kalmucken aber haben aus Neid für einiger Zeit denselben ab und an einem andern Orte in die See geleitet, wodurch derselbe bey dem Einflusse so seichte gemacht worden, daß die Russen mit keinem Schiffe hineinkommen können. Im Jahre 1718. ward ein Berg-Collegium angelegt, in Petersburg auch ein kleines Hüttenwerck, mit 2. Schmeltz-Oefen, und übrigen Zugehör erbauet, und[3] damit der Nation die Begierde zu Bergwercken erwecket. Von wilden Thieren sind unter andern viel Auer-Ochsen, Rennthiere, Marder, weisse und schwartze Füchse, Hermelin, Wiesel, u.s.f. Auch ist der sogenannte Vielfraß, so auf Rußisch Rosomacha heist, hier nicht unbekannt, welches nicht eher zu fressen aufhöret, bis es zerbersten will.[4] Denn zwingt es sich zwischen 2. Bäume, und wenn es alles von sich gegeben, fängt es wieder an zu fressen. Syberien giebt kostbares und fürtrefflich Peltzwerck, unter dem die Zobeln sonderlich berühmt sind, welche dem Statthalter geliefert, von ihm mit einem Siegel bezeichnet, und dem Senat zugeschickt werden. Das Thier Behemoth[5] wird bisweilen an der Küste des Tartarischen Meeres gefangen, aus dessen Zähnen das schönste Elffenbein, so das von Elephanten-Zähnen noch bey weiten übertrifft, gemacht wird. Diese Vortheile, welche die gütige Natur den Rußischen Landen gegeben hat, machen diese Nation bequem, mit Auswärtigen die wichtigsten Commercia anzufangen, und hat der Kayser Petrus I. vor derselben Aufnehmen unermüdet gesorgt; auch die Nation zu allen Manufacturen angehalten, seine Reiche dadurch in den Stand zu setzen, damit sie ausländischer Hülffe nicht so sehr benöthiget seyn. Auf den Handel nach China und Persien hat man ein wachsames Auge gerichtet. Es gehen beständig Caravanen aus Moscau nach China. Der Chinesische Kayser oder Cham tractirt alle mit Rußland habenden Handlungen mittelbarer Weise durch den Statthalter in Syberien. Die nach China handelnden Kaufleute haben nicht die Erlaubniß, länger als 3. oder 4. Monathe im Lande zu bleiben, wenn sie nicht die gantze Zeit ihres Lebens darinnen zubringen wollen. Die in Rußland zubereiteten Juchten[6] sind durch gantz Europa bekannt, und man hat die Kunst, dergleichen nachzumachen, lange Zeit nicht entdecken können; doch hat es nicht angehen wollen, daß sch der Monarche das Monopolium dieser Fabrique, wie einigemahl versucht worden, anmassen können.

     Was der Russen Sitten und Gebräche betrifft, so wird man in denselben einen ungemeinen grossen Unterschied antreffen, wenn man die gegenwärtige Beschaffenheit gegen die vorigen halten solte. Die rühmlichen Anstalten des Kaysers Petri I, wie auch seiner Nachfolger, und die von denen Russen in die Europäischen benachbarten Lande geschehene Reisen; so wohl als die Menge der nach nach und nach dahin beruffenen Ausländer haben dieser Nation eine gäntzliche Veränderung verursachet. Die alten Kleidungen sind durchgehends abelegt, und die Manier zu leben nach der übrigen Europäischen Nationen Sitten eingerichtet. Indessen sind doch viele besondre Gewohnheiten anzutreffen, welche auch grösten Theils mit der Russischen Religion einige Verwandniß haben. Bey der Tauffe werden die Kindbetterinnen besucht, geküßt, und ihnen allerley Geschencke auf das Bette gelegt. Keine schwangre Frau, noch Mann und Frau, oder 2. Verlobte können zusammen Gevatter stehen; ingleichen 2. unverheyrathete Personen, so zusammen Gevatter gestanden, sich verehlichen: wiewohl auf Petri I. befehl sich nicht mehr so genau an diese Gewohnheit gebunden hat. Das Oster-Fest wird mit sonderlicher Pracht, und vielen Ceremonien gefeyert, unter denen das Geschencke der gemahlten Ever das merckwürdigste ist, welches die Russen beyderley Geschlechts einander verehren, u. sich zugleich den Friedens-Kuß geben, wobei der eine Christus woskres, das ist, Christus ist auferstanden; der andere Waistino wokres, das ist, er ist wahrhafftig auferstanden, sagt. Die Auslegung dieses Gebrauchs gehet dahin, daß weil die Küchlein aus Evern entstehen, sie ein Vorbild der Auferstehung Christi seyn sollen. Die Damen von Stande sind heut zu Tage auf Deutsche Art gekleidet, und musten auf des Kaysers Befehl die alten Sitten und Gewohnheiten ablegen. Das weibliche Geschlechte bedienet sich der Schmincke sehr; ohngeachtet man unter demm Rußischen Frauenzimmern auch sehr wohl gebildete Personen antrifft. Sie halten es für eine Liebkosung, wenn man eine Jungfer Crasna dewiza, das ist, eine rothe Jungfer nennet, weil diejenigen, so roth im Gesichte sind, vor besondre Schönheiten gehalten werden. Die Bauern haben ehemahls Kleider bis auf die Erde getragen, und diesen Habit ungern abgelegt. Man hat sie endlich dazu genöthiget, indem in den Thoren der Städte Soldaten bestellt gewesen, welche alle Bauern, die mit langen Röcken hereingekommen, auf die Knye gesetzt, und ihre Kleider mit einer Scheere an der Erde herum abgeschnitten, und überdiß eine Geldbusse von ihnen eingetrieben haben. Heutiges Tages trägt der Bauer sein grobes Kleid bis an die Kny, und im Sommer läst er das kurtze Heinde über die Hosen hangen, spannet einen Gürtel darum, in welchem er forne sein grosses Messer in der Scheide, an der Seiten die Peitsche, hinten die rauchen Handschuhe, und ein Beil stecket. Die Haare schneidet er kurtz bis an die Ohren ab, und träget im Sommer und im Winter eine rauche Mütze. Den Bart hat man dem Landmanne noch lassen müssen, weil wenige die Hand zum Scheer-Messer gewöhnen können. Seine Schuhe sind von Bast geflochten, und er weiß von keinen andern. Am Halse trägt er, von der Stunde seiner Tauffe an, ein Creutz, und den Geld-Beutel darneben; wiewohl die kleinere Müntze, wenn es nicht zu viel ist, lange im Munde aufbehalten, und wenn man ihnen etwas schencket, und bezahlet, so gleich hinein, und unter die Zunge werffen. Die Dörffer liegen auf dem platten Felde, und nirgends in Büschen und Gehöltze. Die Bauer-Häuser sind bloß von auf einander gelegten Balcken aufgerichtet. Die Oefen sind von ungewöhnlicher Grösse, und nehmen den 4. Theil der Stube ein. Wenn derselbe durchheitzeet, u. zugemacht ist, legt sich die Familie des Abends bundt durch einander hinauf, u. braten sich rechtschaffen. Ist auf dem Ofen nicht Platz, wird ein Gestelle von Bretern oben unter der Balcken gemacht, worauf die übrigen sich hinlegen, und niemals an der Erde schlaffen. Sie brauchen keine Lichter: sondern tragen dünne angezündete Holz-Späne in der Hand, oder quer in dem Munde, [1295–1296] lauffen damit in dem Hause herum, und verrichten ihre Arbeit. Ohnweit der Stadt Tweer findet man die Nachkommen einer Finnischen Colonie, welche bey ehemaligen Empörungen und Kriegs-Unruhen zwischen Rußland u. Schweden sich in dieser Gegend niedergelassen, und die Finnischen Sitten, Sprache und Religion bey behalten haben; ohngeachtet sie sich Russen nennen, und mit dem Munde zur Rußischen Religion bekennen; insgeheim aber ihren Glauben und Gewohnheiten beybehalten. Das Baden wird für eine Universal-Medicin daselbst gehalten. Einighe setzen sich nackend in einen Kahn, und bringen sich durch das hefftige Rudern in eine starcken Schweiß; werffen sich darauf jähling in den Fluß, und wenn sie eine Zeit lang geschwommen, trocknen sie sich an der Sonne, oder mit den Hemden wieder ab. Andere springen kalt ins Wasser, legen sich nachgehends an ein Feuer, schmieren sich mit Oel oder Fett über den gantzen Leib, drehen sich so lange an dem Feuer herum, bis das Fett eingetrocknet ist, um die Glider geschmeidig zu machen. Die dritte Art zu baden ist die gemeinste: Man hat an unterschiedenen Orten Bade Stuben deren eine Helffte für die Manns- die andere Helffte die Weibes-Personen angelegt ist. Oben auf den Dächern sitzen Kinder, und schreyen aus, daß ihre Badestube fürtrefflich geheizet sey. Die nun baden wollen ziehen sich unter freyem Himmel aus, lauffen hiernächst in die Bad-Stube, und wenn sie genug geschwitzet, und mit kaltem Wasser sich begossen haben, legen sie sich an die Lufft, oder Sonne. Das vierte Bad bestehet in einem starck eingeheizten Back-Ofen, wenn sich die Hitze in demselben etwas gemindert hat; so daß man die Hand auf dem Grunde nicht länger, als eine halbe Minute, halten kan; schieben sich 5. oder 6. Russen hinein, so bald sie darinn ausgestreckt, machet ihr Gehülffe, der aussen ist, das Loch so feste zu, daß Oden schöppfen können. Wenn es ihnen nicht mehr möglich, länger auszuhalten: machet der Wächter das Loch auf, worauf sie sich des Sommers ins Wasser; im Winter aber in den Schnee werffen, mit welchem sie sich bedecken, und nur Nase und Augen offen lassen. In diesem Lager bleiben sie 2. und mehrere Stunden. Und diese Cur ist nach Ihrer Nennung das beste Mittel wider alle Kranckheit. Die Bequemlichkeit der Reisenden wird durch Schlitten befördert. Der Schlitten ist oben herum so feste zugemacht, daß nicht die geringste Lufft hinein dringen kan. Zu beyden Seiten sind kleine Fenster und zwey Behältnisse, in welche man die mitgenommenen Lebens-Mittel setzen kan. Forne über dem Haupte hängt eine Laterne mit Wachs-Kertzen; unten im Schlitten sind die Betten, in welchen man Tag und Nacht liegt; zu den Füssen hat man warme Steine, oder zinnerne mit warmen Wasser angefüllte Flaschen. Die fahrenden Posten werden von gewissen dazu gesetzten Bauern unterhalten, welche von allen Abgaben frey sind, und nur ein geringes Post-Geld nehmen dürffen. Im Jahre 1718. sind die reutenden Posten auf deutschen Fuß angelegt worden, und befinden sich im gutem Stande. Es ist an den Rußischen Hofe ungewöhnlich, sich bey den Grossen melden zulassen, und daher sehr schwer, sie zu sprechen. Bey den Gasterenen wird starck getruncken, und pflegt man mit der ersten Gesundheit Bosche Milusti, der göttlichen Gnade den Anfang zu machen. Ehe man zur Tafel geht, wird von dem Wirthe oder der Wirthin einem ieden Eingeladenen ein Schälchen Branndtwein auf einem Teller gereicht, auch unter guten Freunden von der Wirthin den Gästen ein Kuß gegeben. Wenn man sich gesetzt: so werden zuerst kalte Speisen, Schincken, Würste, Sülze, und dergleichen aufgetragen. Dieses bleibt über eine Stunde auf der Tafel stehen, bis die Suppen, Braten, und warme Speisen kommen. Zum dritten kommt das Confect. Man siehet bey vornehmen Gastmahlen keinen andern, als Ungarischen Wein. Die Russen verheyrathen sich sehr jung, und man findet alle Bauer-Höfe voll Kinder. Heyrathet ein Bauer aus einem andern Dorffe: so muß er für die Erlaubniß 4. bis 5. Rubel; vor ein Weib aus seinem Dorffe aber nur 4. Pfennige erlegen. Die Rußischen Weiber müssen sehr eingeschränckt leben, und werden von ihren Männern so hart gehalten, daß viele eine Furcht für dem Ehestande bekommen, und lieber das Kloster erwehlen; wie denn auch durch Erwehlung des Kloster-Lebens die Ehe getrennet werden kan.

[Bearbeiten] Sprach- und Sachkommentar Wikisource

  1. Peter von Havens Anmerckung – …
  2. 200. deutsche Meilen – …
  3. Vorlage: uud
  4. der sogenannte Vielfraß … welches nicht eher zu fressen aufhöret, bis es zerbersten wil – tatsächlich ist der Name des Vielfraß, einer Raubtierart aus der Familie der Marder, eine volksetymologische Ableitung des altnordischen Fjellfräs, was soviel wie „Gebirgs-(Fjell)-Katze“ bedeutet.
  5. Das Thier Behemot – ein Fabelwesen aus der jüdisch-christlichen Mythologie, siehe Behemoth (Mythologie) in der deutschsprachigen Wikipedia (mit Abb.)
  6. Juchten – Juchtenleder, ein zunächst ausschließlich in Russland gefertigtes Leder aus der Haut von jungen Rindern.
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