Juedischer Krieg/Buch V 5-9

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Juedischer Krieg
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[380]
Fünftes Capitel.
Beschreibung des Tempels und der Antonia.

184 (1.) Das Heiligthum war, wie schon früher gesagt, auf einem mächtigen Hügel erbaut, dessen oberstes Plateau freilich zu Anfang kaum für das Tempelhaus und den Brandopferaltar genügend Raum geboten hatte, da der Hügel damals ringsum sehr jäh und steil abfiel. 185 Doch ließ gleich der erste Gründer des Tempelhauses, König Salomon, das Terrain von Osten mit Stützmauern versehen und auf diesem Mauerdamme eine Säulenhalle errichten, während nach den übrigen Seiten hin der Tempel noch keinen anderen Vorbau hatte. Erst im Verlaufe der folgenden Jahrhunderte wurde durch die stetig geförderten Erdarbeiten von Seite des Volkes der Hügel ebener und breiter, 186 so dass man schließlich auch die Nordmauer niederlegen konnte und so jenen großen Flächenraum gewann, den in der späteren Zeit die Umfassungs- [381] mauer des ganzen Heiligthumes einnahm. 187 Nachdem man den Hügel auf solche Art auf drei Seiten von seinem Fuße an mit Futtermauern gestützt hatte, ein Werk, dessen Vollendung aussichtslos erschien, und über dem nicht bloß ungeheure Zeiträume, sondern auch die gesammten heiligen Schätze hinschwanden, welche der ganze Erdkreis als Gottessteuer nach Jerusalem geschickt hatte, schritt man zum Bau der oberen Umfassungsmauern und zur Einfassung der niedriger gelegenen Fläche des Tempelplatzes. 188 Die Untermauerung betrug an der niedrigsten Stelle des letzteren noch immer 300 Ellen, an anderen Punkten kam sie aus einer noch größeren Tiefe, obschon die ganze Tiefe der Fundierungsmauern auch da nicht zutage treten konnte, weil man die dadurch entstandenen Klüfte zu einer bedeutenden Höhe wieder aufschüttete, damit die Gassen in der Stadt nicht allzu uneben würden. 189 Der Unterbau hatte Quadern von vierzig Ellen Länge, was nur bei dem Umstande begreiflich erscheint, dass die reichen Geldquellen und die edle Begeisterung des Volles ganz unsägliche Anstrengungen ermöglichten, welche das schier aussichtslose Werk mit Ausdauer und Zeit der Verwirklichung entgegenführten.

190 (2.) Auf diesen großartigen Unterbauten standen übrigens auch Bauwerke, die eines solchen Fundamentes würdig waren. Auf allen Seiten erhoben sich mindestens zweifache Säulengänge, die von fünfundzwanzig Ellen hohen Säulenschäften, jeder aus einem einzigen Stück schneeweißen Marmors, gestützt und mit Cederngetäfel eingedeckt waren. 191 Das kostbare Material dieser Hallen, wie auch dessen Politur und das harmonische Gefüge boten ein gar seltenes Schaustück, trotzdem sonst keinerlei Schmuckwerk, wie Malereien etwa oder Sculpturen, als äußere Zuthat die natürliche Schönheit erhöhte. 192 Ihre Breite belief sich auf dreißig Ellen, während der gesammte Umfang mit Einschluss der Antonia sechs Stadien maß. Der ganze freie Raum war mit den verschiedensten Steinarten buntfärbig gepflastert. 193 Durchschritt man nun denselben in der Richtung auf den zweiten Vorhof des Heiligthumes, so traf man auf eine drei Ellen hohe Steinballustrade von ausnehmend feiner Arbeit, die rings herumlief. 194 Hier standen in gleichen Zwischenräumen mehrere Säulen mit griechischen und lateinischen Aufschriften, welche das Reinigungsgesetz kundmachten und jedem Nicht-Juden den Eintritt in das eigentliche Heiligthum, womit der folgende Raum bezeichnet wurde, untersagten. 195 Auf vierzehn Stufen stieg man hierauf von der ersten Fläche zum Heiligthnm hinauf, das sich in der Form eines Viereckes droben erhob und mit einer eigenen Mauer ringsum abgeschlossen war. 196 Die Höhe der letzteren, von der äußeren Tempelfläche aus gerechnet, hätte vierzig Ellen betragen, [382] aber ein Theil stack davon unter den Stufen; die Höhe vom Niveau im Innern aus gerechnet, machte nur fünfundzwanzig Ellen aus, da die Mauer sich mit ihrem Stufenbau an ein höheres Terrain anschmiegen musste, und daher mit ihrer Größe, die ja theilweise unter der Erhöhung lag, im Innern nicht mehr völlig zutage treten konnte. 197 Nach den vierzehn Stufen kam dann eine ganz ebene Terrasse, die von der Mauer zehn Ellen breit abstand, 198 von welcher Terrasse noch eine zweite Treppe mit fünf Stufen zu den Thoren hinaufführte. Tempelthore gab es auf der Nord- und Südseite acht, auf beiden Seiten nämlich je vier, während man auf der Ostseite gar zwei Thore (hintereinander) zu passieren hatte, und zwar aus dem Grunde, weil nach dieser Seite hin für die Frauen ein eigener Gebetsraum durch eine Scheidewand abgegrenzt war, weshalb noch ein zweites Thor angebracht werden musste. 199 Es öffnete sich direct dem ersten gegenüber. Auch nach den anderen Weltgegenden waren Thore, eines im Süden und eines im Norden, angebracht, durch die man von jenen Stufen in den Frauenvorhof gelangte; bei den anderen Thoren dieser beiden Seiten durften ja die Frauen gar nicht hineingehen, aber auch bei Benützung des ihnen gestarteten Zuganges war es ihnen keineswegs erlaubt, über die Scheidemauer hinaus zu gehen. Doch wurden zu diesem ihrem Gebetsraume sowohl eingeborne wie ausländische Jüdinnen ohne allen Unterschied zugelassen. 200 Die Westseite der Tempelmauer hatte kein Thor, sondern es bildete der Bau hier eine einzige fortlaufende Mauerwand. Zwischen den einzelnen Thoren liefen im Innern längs der Mauer, aber noch den Schatzkammern vorgelagert, Säulenhallen herum, die von sehr schönen und großen Säulen getragen waren. Wenn auch keine Doppelhallen und nicht so ausgedehnt wie die unteren, standen sie doch sonst hinter den letzteren in keiner Beziehung zurück.

201 (3.) Von den Thoren waren neun vollständig mit Gold und Silber überzogen, sowohl die Thüren selbst, wie auch die Seitenpfosten und Oberschwellen. Ein einziges aber, das äußere der beiden östlichen Thore, bestand aus korinthischem Erz und überragte die versilberten und vergoldeten Thore beiweitem an Kostbarkeit. 202 Jeder Thorstock besaß zwei Flügelthüren mit einer Höhe von dreißig und einer Breite von fünfzehn Ellen. 203 Uebrigens dehnten sich die Thorstöcke von der Eingangsseite auch weiter nach innen hin aus und bildeten rechts und links große Ausbuchtungen von thurmförmiger Gestalt in einer Breite und Länge von dreißig Ellen, in einer Höhe von über vierzig Ellen. Zwei Säulen mit je einem Umfange von zwölf Ellen waren die Stützen für die Thore. 204 Die letzteren hatten sonst alle die gleiche Größe, nur jenes Thor, welches vom Frauenvorhof [383] aus oberhalb des Korinthischen Thores und ostwärts von der Pforte des Tempelhauses, dieser gerade gegenüber, sich öffnete, war bedeutend größer als die übrigen. 205 Seine volle Höhe erhob sich zu fünfzig Ellen, wovon vierzig auf die Thürflügel kamen. Seine Zieraten waren (unter den neun vergoldeten Thoren) die allerkostbarstem da sie aus ungemein massiven Silber- und Goldbeschlägen bestanden, wie Alexander, der Vater des Tiberius, ähnliche wenigstens, auch auf allen übrigen dieser neun Thore hatte auftragen lassen. 206 Fünfzehn Stufen führten zu diesem größeren Thor vom Frauenvorhof hinan. Sie waren dafür auch niedriger, als die fünf Stufen, die zu den übrigen Thoren führten.

207 (4.) Das Tempelhaus selbst lag in der Mitte des eigentlichen Heiligthumes, und man mußte wieder auf zwölf Stufen zu demselben emporsteigen. An der Fasade war die Höhe ganz gleich mit der Breite, beide betrugen nämlich je hundert Ellen. Dagegen verengerte sich das Gebäude nach rückwärts wieder um vierzig Ellen, indem die Front schulterartig nach rechts und links um je zwanzig Ellen weit vorsprang. 208 Die erste Thoröffnung des Tempelhauses besaß eine Höhe von siebzig Ellen und eine Breite von fünfundzwanzig Ellen, doch war sie ohne Thorflügel, um dadurch die unermessliche Weite und den offenen Raum des Himmels darzustellen. An der Stirnseite war alles mit Gold bedeckt, während durch die erwähnte Thoröffnung zugleich die Vorhalle des Tempelhauses in ihrer ganzen ungeheuren Größe von innen sichtbar ward, und die ganze Mauerfläche um das innere Thor herum mit ihrem goldigen Schimmer dem Auge des Beschauers entgegenstrahlte. 209 Indes das Innere den Tempelhauses in zwei Stockwerke getheilt war, blieb die Vorhalle, und zwar sie allein, in ihrer vollen Höhe sichtbar, die (im Innern) gegen neunzig Ellen betrug, während die Ausdehnung (Breite) fünfzig, die Tiefe aber zwanzig Ellen maß. 210 Das Thor, das durch die Halle in den Tempel führte, war, wie bemerkt, ganz vergoldet, ingleichen die ganze Mauerfläche, die es umgab. Ueber sich hatte das Thor goldene Weinreben, von denen mannesgroße Trauben herabhiengen. 211 Da das Tempelhaus weiter hinein schon in zwei Stockwerke geschieden war, so musste natürlich der Innenraum niedriger sein, als man nach der äußeren Höhe hätte glauben können, und konnten daher auch die goldenen Thürflügel, die hineinführten, nur eine Höhe von fünfundfünfzig Ellen bei einer Breite von sechzehn Ellen haben. 212 Vor diesen Flügelthüren befand sich ein Vorhang von gleicher Größe, eine aus Hyacinth, Byssus, Scharlach und Purpur buntgewirkte, sogenannte Babylonische Decke von wunderbarer Arbeit, deren Farbenmischung nicht ohne Bedacht- [384] nahme auf die Bedeutung des betreffenden Stoffes geschehen war; sie sollte damit gleichsam ein Bild des Universums bieten. 213 Mit dem Scharlach sollte der Vorhang das Feuer, mit dem Byssus die Erde, mit der Hyacinthfarbe die Luft und mit dem Purpur das Meer andeuten, da zwei dieser Stoffe schon mit ihrer Farbenähnlichkeit, der Byssus und der Purpur aber durch ihre Herkunft an die ihnen entsprechenden Elemente gemahnen, indem den Byssus die Erde, den Purpur aber das Meer hervorbringt. 214 Eingewirkt war in diese Decke eine Darstellung des ganzen Himmelsgewölbes, mit Ausnahme der Sternbilder des Thierkreises.

215 (5.) Trat man nun hier in das Innere, so umfieng einen der zur ebenen Erde gelegene Raum des Tempelhauses, dessen Höhe nur sechzig Ellen, dessen Länge ebensoviel und dessen Breite zwanzig Ellen betrug. 216 Doch war dieser lange Raum von sechzig Ellen wieder in zwei kleinere Räume getheilt, von welchen der erste mit einer Tiefe von vierzig Ellen drei der größten, in der ganzen Welt berühmten Wunderwerke in sich schloss: den Leuchter, den Tisch und den Rauchopferaltar. 217 Die sieben Lampen, die vom Leuchterstock ausgiengen, zeigten die sieben Planeten, die zwölf Brote aber auf dem Tische den Thierkreis und das Jahr an. 218 Der Rauchopferaltar hingegen sollte durch die dreizehn Arten von Rauchwerk, mit denen er aus dem Gebiete des Meeres sowohl, wie auch der unbewohnten und bewohnten Erde bedeckt ward, den Gedanken zum Ausdruck bringen, dass Alles Gottes Eigenthum und zu seinem Dienste bestimmt sei. 219 Der innerste Raum hatte eine Größe von zwanzig Ellen und wurde vom Vorderraum gleichfalls durch einen Vorhang geschieden. Er enthielt ganz und gar nichts, kein Fuß durfte ihn betreten, keine Hand ihn betasten, kein Auge ihn schauen: er hieß das Allerheiligste. 220 An den Seiten herum war der untere Tempelraum mit vielen untereinander verbundenen Kammern umgeben, die sich auf drei Stockwerke vertheilten, und zu denen auf beiden Seiten vom Thore aus Zugänge hineinführten. 221 Der obere Tempelraum dagegen hatte keine solchen Seitenkammern mehr um sich, weshalb er sich auch schmäler ausnahm. Er gieng über den unteren Raum noch vierzig Ellen hoch hinaus und war einfacher gehalten, als dieser. Die vierzig Ellen seiner Höhe zu den sechzig Ellen des ebenerdigen Raumes hinzugerechnet geben dann die schon erwähnte Gesammthöhe von hundert Ellen.

222 (6.) Der äußere Anblick des Tempels ließ nichts vermissen, was irgendwie Herz und Auge überwältigen konnte. Auf allen Seiten mit schweren Goldplatten belegt, blitzte er, wenn ihn die ersten Strahlen der Sonne trafen, im feurigsten Glanze auf und zwang förmlich den [385] Beschauer, so sehr er sich auch sträuben mochte die Augen wegzuwenden, nicht anders, als würde er in die Sonne selbst schauen. 223 Von weitem dagegen, z. B. vor den Augen der Fremden, die nach Jerusalem zogen, zeigte er sich wie ein schneebedeckter Berggipfel, da an den Flächen, die nicht mit Gold bekleidet waren, der schneeweiße Stein hervorschimmerte. 224 Am Dachfirste trug das Gebäude goldene Stangen, die in eine scharfe Spitze ausliefen, damit kein Vogel sich daraufsetzen und das Heiligthum beschmutzen konnte. Von den Steinen aus seinem Gefüge erreichten einige eine Länge von fünfundvierzig eine Höhe von fünf und eine Breite von sechs Ellen. 225 Vor dem Tempelhause stand der Brandopferaltar mit einer Höhe von fünfzehn und einer Längen- wie Breiteausdehnung von je fünfzig Ellen. Er war im Quadrat gebaut und streckte seine Ecken hörnerartig empor. Von der Südseite führte eine Rampe mit sanfter Steigung zu ihm hinauf. Bei seinem Aufbau war kein einziges Eiseninstrument zur Verwendung gekommen, und nie hat ihn ein Meißel berührt. 226 Das Tempelhaus und den Altar umkränzte eine etwa ellenhohe, kunstvoll gearbeitete Ballustrade aus schönem Steinmaterial, welche das Volk draußen von den Priestern trennte. 227 Was nun die Theilnahme betrifft, so war den Samenflüssigen und Aussätzigen das Betreten der Stadt überhaupt verboten, den Frauen aber der Zutritt zum Tempel zur Zeit ihrer Menstruation; doch durften sie selbst im Zustande der Reinheit nicht über die früher erwähnte Grenze hinausgehen. Was die Männer anlangt, so ward denen, die sich noch nicht im Zustand vollständiger Reinheit, befanden, das Betreten des inneren Vorhofes untersagt, und ebenso durften sich auch die Priester im Zustande der Unreinheit nicht in diesen Vorhof begeben.

228 (7.) Alle jene, die, obgleich von priesterlicher Abkunft wegen eines leiblichen Defectes von dem Opferdienste ausgeschlossen waren, hatten ihren Platz an der Seite ihrer tauglichen Mitbrüder innerhalb der Schranken und bekamen auch die einem Priester gebürenden Opferstücke. Sie erschienen aber dabei in gewöhnlicher Kleidung, weil das heilige Kleid nur wirklich fungierende Priester anlegen durften. 229 An den Brandopferaltar und in das Tempelhaus durften nur die fehlerlosen Priester, und zwar in Byssus gehüllt, treten. Es war ihnen strengstens verboten, vorher Wein zu trinken, aus lauter Ehrfurcht vor dem Dienste Gottes, damit sie bei ihren Ceremonien ja kein Versehen machten. 230 Auch der Hohepriester gieng mit ihnen zum Tempel hinauf, aber nicht immer, sondern nur am Sabbath, an Neumonden oder wenn sonst ein altüberliefertes Fest oder eine allgemeine Volksfeier unter dem Jahre gehalten wurde. 231 Bei seinem heiligen [386] Dienste musste der Hohepriester zunächst mit einem Lendentuch gegürtet sein, das seine Blöße vollständig bedeckte. Unmittelbar am Leibe hatte er dann ein linnenes Unterkleid, über welches ein bis zu den Füßen hinabreichendes und allseitig geschlossenes, hyacinthfarbenes Obergewand mit Troddeln geworfen ward. An den Troddeln hiengen wieder goldene Schellen und Granatäpfel, die miteinander abwechselten. Die Schellen sollten ein Symbol des Donners, die Granatäpfel ein Bild des Blitzes sein. 232 Das Gürtelband, welches dieses Obergewand auf der Brust zusammenhielt, war aus fünf verschiedenfarbigen und mit eingewirkten Blumen geschmückten Streifen zusammengesetzt. Die Stoffe waren: Gold, Purpur, Scharlach, dann Byssus und Hyacinth, aus denen, wie wir früher gesagt haben, auch die Vorhänge des Tempelhauses gewoben waren. 233 Dieselben Stoffe setzten auch sein Schulterkleid zusammen, mit dem Unterschied, dass hier mehr Gold daran war. Es hatte dieses, wie schon der Name andeutet, die Form eines Panzerkleides; zwei schildförmige Schnallen aus Gold, in welche wunderschöne und außerordentlich große Sardonyxsteine mit den Gravierungen der Stammnamen des Volkes eingesetzt waren, hielten es zusammen. 234 Ihnen vornüber waren zwölf andere Edelsteine, zu je drei auf vier Reihen vertheilt, auf dem Kleide angebracht, nämlich ein Sard, ein Topas, ein Smaragd, dann ein Karfunkel, ein Jaspis und Saphir, ferner ein Achat, ein Amethyst und ein Lynkur, endlich ein Onyx, ein Beryll und ein Chrysolith. 235 Von diesen trug jeder wieder einen Stammnamen eingraviert. Das Haupt bedeckte eine Tiara aus Byssusstoff, um den sich ein Hyacinthstreifen herumwand, der aber selbst wieder von einem goldenen Kranz umgeben war. Der letztere zeigte in erhabener Arbeit die heiligen Buchstaben, nämlich vier Consonanten. 236 Diese Kleidung durfte übrigens der Hohepriester außer der Zeit nicht tragen. Er musste auch eine einfachere nehmen, so oft er in das Allerheiligste eintrat, was er nur einmal im Jahre und zwar nur er allein thun konnte, nämlich an dem allgemeinen gesetzlichen Fasttag, der Gott bei uns geweiht ist. 237 Doch auf eine genauere Beschreibung der Stadt und des Tempels, wie auch der damit zusammenhängenden Gebräuche und Satzungen, werde ich später zurückkommen, da über diesen Gegenstand noch gar vieles zu sagen ist.

238 (8.) Dort, wo zwei von den Säulenhallen des ersten Vorhofes, die Halle auf der Westseite und die im Norden, in einem Winkel zusammenstießen, lag die Antonia. Ihr Bau erhob sich über einer fünfzig Ellen hohen und ringsum steil abfallenden Felsenkuppe. Ihr Erbauer war der König Herodes, welcher gerade diesem Werke den [387] Stempel seines für alles Große begeisterten Charakters in hervorragender Weise ausgeprägt hatte. 239 Zunächst hatte er den Felsen von seinem Grunde an mit glatten Steinplatten bekleiden lassen, theils zur Verschönerung, theils aber auch zur Befestigung, damit Niemand darauf vorwärts oder rückwärts zu gehen versuchen könnte, ohne abzugleiten. 240 Vor dem eigentlichen Schlossgebäude kam dann noch eine drei Ellen hohe Mauer, hinter welcher die Antonia bis zu einer Höhe von vierzig Ellen in ihrer ganzen Größe aufragte. 241 Ihr Inneres hatte die Ausdehnung und Bauart eines Königsschlosses, da es in Gemächer von allen möglichen Formen und jedweder Verwendung zerfiel; es wechselten Säulengänge und Badeanlagen mit weiten Höfen für die Besatzungstruppen, so dass das Schloss mit seinem allseitigen Comfort einer ganzen Stadt, mit seinen Kostbarkeiten aber einem königlichen Palaste glich. 242 Die ganze Burg hatte die Gestalt eines einzigen großen Thurmes, der an seinen Ecken wieder von vier anderen Thürmen flankiert war. Letztere erreichten eine Höhe von fünfzig Ellen, mit Ausnahme des in der südöstlichen Ecke aufragenden Thurmes, welcher siebzig Ellen hoch war, so dass man von ihm aus den Tempelplatz vollständig überschauen konnte. 243 Dort, wo die Antonia an die Säulengänge des Tempels stieß, hatte sie je einen Abstieg zu diesen zwei Hallen, auf denen die Wachen der römischen Heeresabtheilung, die beständig in der Burg lag, 244 an Festzeiten herabzukommen pflegten, um sich in Waffenbereitschaft an den Säulengängen aufzustellen und so durch eine scharfe Ueberwachung des Volkes jeden Versuch einer Revolte im Keime zu ersticken. 245 Denn geradeso, wie der Tempel die Stadt beherrschte, so beherrschte die Antonia hier wiederum den Tempel. Während nun die Besatzung auf der Antonia diese drei Punkte sicherte, hatte die Oberstadt eine eigene Zwingburg für sich, den herodianischen Königspalast. 246 Von der Antonia war, wie schon bemerkt, der Bezethahügel abgetrennt worden, welcher, unter den Stadthügeln der höchste, erst zuletzt zum Stadtgebiet gezogen und mit einem Theile der Neustadt besetzt ward. Er war der einzige Hügel, der aus unmittelbarer Nähe und zwar von Norden her den Tempel überragte. 247 Da ich ohnehin Willens bin, mich später noch ausführlicher und genauer über die Stadt und ihre Befestigungswerke zu verbreiten, so kann vor der Hand die davon gegebene Schilderung als ausreichend gelten.

[388]
Sechstes Capitel.
Stellung und Zahl der Vertheidiger. Verwundung des Nikanor. Bau der ersten Belagerungsdämme im Nordwesten. Heftiger Ausfall der Belagerten. Der erste Jude gekreuzigt. Tod des Idumäerführers Johannes.

248 (1.) In der Stadt beliefen sich jetzt die Streitkräfte des Rebellenhaufen unter Simon, die Idumäer nicht gerechnet, auf 10.000 Mann. Sie wurden von fünfzig Unterbefehlshabern geführt, an deren Spitze als unumschränkter Herr genannter Simon stand. 249 Seine Bundesgenossen, die Idumäer, zählten 5000 Mann, unter zehn Anführern, von denen Jacobus, der Sohn des Sosa, und Simon, der Sohn des Kathla, das meiste Ansehen hatten. 250 Johannes aber, der sich in den Besitz des Tempels gesetzt hatte, hatte schon früher 6000 Bewaffnete unter zwanzig Führern zur Verfügung, wozu jetzt auch noch die Zeloten in der Zahl von 2400 kamen, nachdem sie ihre Parteiung aufgegeben hatten. Letztere hatten zu Führern den Eleazar, der es schon früher war, und den Simon, Sohn des Ari, behalten. 251 Die eigentliche Bürgerschaft bildete, wie schon gesagt, den Kampfpreis ihres blutigen Wettstreites, und wurde alles Volk, soweit es ihre Ungerechtigkeit nicht mitmachen wollte, von beiden Parteien gebrandschatzt. 252 Simon hielt die Oberstadt und die große Mauer bis hinüber zum Kedronbach besetzt. Von der alten Mauer besaß er noch das Stück, das von Siloah an sich auf die Ostseite drehte und bis zum Palaste des Monobazus, des bekannten Königs von Adiabene drüber dem Euphrat, sich hinabsenkte. Auch die Quelle selbst, sowie die Akra, d. h. die Unterstadt, 253 mit dem ganzen Stadtgebiete, das sich bis zum Königspalaste der Helena, der Mutter des Monobazus, erstreckte, war noch in seiner Gewalt. 254 Johannes dagegen beherrschte den Tempel und den Bezirk ringsum auf eine nicht unbedeutende Entfernung, den Ophel und die sogenannte Kedronschlucht. Was noch zwischen diesen ihren Stellungen lag, das hatten sie alles niedergebrannt, um sich für ihre gegenseitigen Kämpfe ein förmliches Schlachtfeld offen zu halten, 255 da der Parteikampf selbst dann noch nicht zum Stillstande kam, als die Römer schon vor den Mauern lagerten. Nachdem sie sich bei den ersten Ausfällen etwas ernüchtert gezeigt, kam bald die alte Tollheit wieder zum Ausbruche; in zwei Lager getrennt, geriethen sie sich abermals in die Haare und besorgten die Geschäfte der Belagerer zu deren vollsten Zufriedenheit. 256 Denn weder konnten sie selbst von den Römern noch schlimmeres erdulden, als das war, was sie sich gegenseitig anthaten, noch konnte auf ihre Gewaltherrschaft hinauf die Stadt mehr ein Leid erfahren, das sie nicht unter ihnen schon gekostet hätte; ja noch mehr, die Stadt war sogar unglücklicher vor ihrem Fall, und die sie erstürmt haben, haben [389] damit einen noch schöneren Sieg errungen, als der war, den die einfache Eroberung ihrer Mauern bedeutete; 257 ich will sagen, dass der Parteikampf die Stadt, die Römer aber auch den Parteikampf, der viel trotziger war, als die stolzen Mauern, niedergeworfen haben, und mit gutem Grunde könnte man das düstere Verhängnis der Stadt lediglich bei ihren eigenen Kindern, auf Seite der Römer aber nur die Gerechtigkeit suchen. Doch möge sich nur jeder selbst an die Logik der Thatsachen halten.

258 (2.) Während sich aber in der Stadt die geschilderten Zustände so weiter entwickelten, war draußen Titus bereits daran, in Begleitung einer ausgesuchten Reiterschar die Mauern zu umreiten, um eine schwache Stelle für den Angriff zu entdecken. 259 Nachdem er überall vergebens nach einem solchen Punkte ausgespäht hatte, da nach den von Thälern geschützten Seiten hin die Mauer überhaupt nicht zugänglich war, nach den anderen aber, wo die erste Mauer stand, die Belagerungsmaschinen einen allzugroßen Widerstand zu erwarten hatten, entschloss er sich endlich, beim Grabmal des Hohenpriesters Johannes eine Bresche zu legen. 260 An dieser Stelle war nämlich die erste Festungsmauer etwas niedriger, während zugleich die zweite Mauer hier keinen Anschluss hatte, da man auf die Werke in der Neustadt in jenen Gegenden, wo sie nicht besonders stark besiedelt war, weniger bedacht gewesen: ja, die Römer konnten dann von da aus selbst gegen die dritte Mauer sofort einen Sturm unternehmen, um auf der einen Seite über sie hinweg in die Oberstadt einzudringen, auf dem Wege aber über die Antonia sich des Tempels zu bemächtigen. 261 Wie nun Titus so um die Stadt herumritt, wurde einer seiner Freunde, namens Nikanor, als er in Begleitung des Josephus einen Versuch machte, sich der Stadt zu nähern und die auf der Mauer stehenden Juden, welchen er keine unbekannte Persönlichkeit war, zum Frieden zu bewegen, an der linken Schulter von einem Pfeile getroffen. 262 Dieser Zwischenfall zeigte dem Titus noch greller die Verbissenheit der Juden, die sich, wie er eben gesehen, sogar an solchen zu vergreifen wagten, welche in wohlmeinendster Absicht sich ihnen nähern wollten, und das feuerte ihn noch mehr zu den Belagerungsarbeiten an. Er ließ die ganze Gegend vor der Stadt durch seine Heeresabtheilungen verwüsten und gab den Befehl, das Material für die Dämme zu sammeln und die letzteren dann sofort in Angriff zu nehmen. 263 In drei Abtheilungen wurde das Heer zu den Dammarbeiten commandiert, zwischen den einzelnen Dämmen aber mussten die Wurfspießschleuderer und Bogenschützen, vor ihnen aber noch die Armbrustgeschosse und Katapulten, wie auch die Steinschleudermaschinen Posto fassen, um die Ausfälle [390] der Feinde auf die Werke, wie auch jene Juden zurückzuschlagen, die von der Mauer herab eine Störung der Arbeiten versuchen sollten. 264 Im Nu waren die Bäume geschlagen, und die Gegenden um die Stadt herum öde Flächen. Doch blieb man auch auf Seite der Juden, während die Römer die Stämme zu den Dämmen zusammenschleppten, und das ganze Heer sich auf die Belagerungsarbeiten warf, durchaus nicht müßig, 265 und so konnte es auch nicht ausbleiben, dass das Volk, welches unter beständigen Plünderungen und Metzeleien gelitten, jetzt endlich wieder Muth bekam. Denn es glaubte doch jetzt, wo sich seine Peiniger mit den äußeren Feinden ernstlich beschäftigen mussten, wieder einmal aufathmen und sogar an den Schuldigen Rache nehmen zu können, wenn die Römer einmal das Uebergewicht bekämen.

266 (3.) Johannes machte aus Furcht vor Simon keine Ausfälle auf die Römer, so sehr auch seine Leute vor Begierde brannten, gegen die Feinde vor den Thoren zu ziehen. 267 Desto rühriger aber war Simon, der auch zunächst von der Belagerung berührt war. So pflanzte er die dem Cestius früher abgejagten Geschütze, wie auch jene, die man bei dem Sturme auf die Besatzung der Antonia erobert hatte, auf der Mauer auf. 268 Allerdings konnten die meisten seiner Streiter aus diesen Beutestücken gar keinen Vortheil ziehen, weil sie damit nicht umzugehen verstanden; die wenigen aber, die sich die Bedienung derselben von den Ueberläufern hatten zeigen lassen, schossen mit diesen Geschützen herzlich schlecht: dafür aber schossen sie um so besser mit Feldsteinen und Bogen von der Festungsmauer auf die Dammarbeiter und machten in einzelnen Abtheilungen Ausfälle, um mit ihnen anzubinden. 269 Doch waren die arbeitenden Soldaten gegen die Geschosse durch Weidengeflechte geschützt, die auf die Pfahlwerke aufgespannt wurden, gegen die Ausfälle aber durch ihre trefflichen Geschütze, mit welchen alle Legionen ausgerüstet worden waren: namentlich zeichnete sich die zehnte Legion durch ihre besonders weittragenden Katapulten und überaus großen Steinschleudern aus, die sie in den Stand setzten, nicht allein alle herausstürmenden Juden, sondern selbst die Vertheidiger von der Mauer zurückzutreiben. 270 Die damit geschleuderten Felsstücke waren von Centnerschwere und sie giengen zwei Stadien weit, ja, noch darüber. Ihre Wucht schmetterte ganz unwiderstehlich nicht bloß jene nieder, die sie zunächst trafen, sondern auch noch solche, die sich viel weiter rückwärts befanden. 271 Indes konnten die Juden sich anfänglich besser vor diesen Steingeschossen inacht nehmen, weil sie von weißer Farbe waren und sich so nicht bloß durch ihr Sausen verriethen, sondern auch schon an ihrem Aufleuchten von Ferne kennbar waren. 272 Nun hatten die Juden auf den Thürmen auch Aufpasser sitzen, [391] die sie jedesmal warnten, so oft das Geschütz entladen wurde, und das Felsstück abflog, indem sie in ihrer heimischen Sprache schrieen: „Das Geschoss kommt!“ Sofort sprangen die Juden an dem bedrohten Punkte auseinander und bückten sich noch rechtzeitig. Auf solche Weise geschah es oft, dass der Stein zwischen den Reihen der gewarnten ohne Schaden hindurchfuhr, 273 bis die Römer ihrerseits auf die List verfielen, den Stein schwarz anzustreichen. Da man ihn jetzt nicht mehr so gut von weitem sehen konnte, machten die Römer die besten Schüsse, von denen ein einziger gleich viele auf einmal niederstreckte. 274 Aber trotz aller Verluste ließen sie die Römer bei ihren Dammarbeiten kaum zu Athem kommen und setzten all' ihre Verschlagenheit und Verwegenheit ein, um sie bei Tag und bei Nacht zu stören.

275 (4.) Als die Werke fertig gestellt waren, maßen die Ingenieure den Abstand bis zur Mauer mit der Bleischnur, die sie zu diesem Zwecke einfach von den Dämmen zur Mauer hinschleudern mussten, da es unter dem Hagel von Geschossen, der von oben niederprasselte, füglich nicht anders thunlich war. Man fand, dass die Widder die Mauer bereits treffen könnten, und so schob man sie denn heran. 276 Gleichzeitig ließ Titus die Geschütze näher an die Mauer fahren, damit nicht die Arbeit des Widders durch die Feinde von der Mauer aus gestört werden könnte, und gab das Zeichen, mit dem Widder zu beginnen. 277 Plötzlich dröhnten von drei Punkten zugleich die furchtbarsten Stöße weithin durch die Stadt, gefolgt von dem Angstgeschrei ihrer Bewohner, dass selbst die Rebellen sich eines Grauens nicht erwehren konnten. Jetzt endlich, da die Gefahr für beide Parteien, wie sie sahen, eine gleich drohende geworden, dachten sie erst an eine gemeinsame Abwehr: 278 „Wir thun ja alles für die Feinde“, schrieen die bisherigen Gegner einander zu, „anstatt dass wir zum wenigsten in dieser Stunde unsere gegenseitigen Reibereien aufschieben und gemeinsame Sache gegen die Römer machen, mag uns auch Gott sonst gerade keine ewige Freundschaft schenken“. Simon gab nun die feierliche Erklärung ab, dass die Juden im Tempel ganz unbehelligt sich nach der bedrohten Mauer hinüber begeben dürften, was Johannes dann auch den Seinigen, obwohl nicht ohne jedes Misstrauen, erlaubte. 279 Nun war man wieder, des gegenseitigen Hasses und der eigenen Zwistigkeiten vergessend, sozusagen, ein Leib und eine Seele. Man eilte von allen Seiten auf die Mauer, warf von da eine Unzahl Feuerbrände auf die Maschinen hinab und schleuderte Geschosse über Geschosse gegen jene, welche die Widder gegen die Mauer schwangen. 280 Die verwegensten Gesellen sprangen in dichten Banden zu den Thoren heraus, zerhieben die Schutzdecken an den Maschinen und stürzten sich auf die darunter [392] befindlichen Römer, deren sie schließlich, weniger infolge ihrer Taktik, als vielmehr dank ihrer Tollkühnheit, Meister wurden. 281 Doch immer und überall erschien Titus in Person, um den Bedrängten beizuspringen, und warf seine Reiter, wie auch die Scharfschützen auf die Flanken der bedrohten Maschinen, wodurch es ihm endlich gelang, den mit Feuerbränden bewaffneten Gesellen das Handwerk zu legen und die auf den Thürmen stehenden Schleuderer zurückzutreiben, worauf die Widder aufs neue ihre Arbeit begannen. 282 Die Mauer trotzte indes ihren Schlägen, mit Ausnahme des Stückes einer Thurmecke, welche der Widder der fünfzehnten Legion erschüttert hatte. 283 Die eigentliche Mauer blieb auch hier unbeschädigt und konnte auch nicht zunächst mit dem Thurme gefährdet werden, weil der letztere weit vorsprang, und aus diesem Grunde selbst eine Bresche an ihm nicht leicht die eigentliche Stadtmauer in Mitleidenschaft ziehen konnte.

284 (5.) Die Juden unterbrachen für eine kurze Zeit ihre Ausfälle und sahen aufmerksam den Römern zu, wie sie sich wieder auf ihre Werke und durch das Lager hin vertheilten, in der sicheren Meinung, die Juden hätten sich aus Erschöpfung und Furcht zurückgezogen. Auf einmal fielen sie mit ihrer ganzen Macht bei einer gedeckten Pforte in der Nähe des Hippikusthurmes aus, warfen Feuer in die Werke und machten Miene, sogar die Römer hinter ihren eigenen Lagerwällen anzugreifen. 285 Auf ihr Geschrei formierten sich sofort die nächststehenden Soldaten, während die weiter entfernten sich schnell zu sammeln suchten. Doch ihre militärische Strammheit ward von der Verwegenheit der Juden überflügelt: sie warfen die ersten, auf die sie stießen, über den Haufen und suchten auch jene, die sich schon besser gesammelt hatten, auseinanderzusprengen. 286 Besonders wogte rings um die Widdermaschinen ein grausiger Kampf: die Juden wollten sie um jeden Preis in Brand stecken, die Römer wehrten sich aufs äußerste. Von beiden Seiten erscholl statt des Commandos nur wirres Geschrei, und viele der vordersten Kämpfer sanken getroffen zu Boden. 287 Die Verzweiflung der Juden behielt das Uebergewicht. Schon züngelte die Flamme an den Werken empor, und es war bereits die höchste Gefahr da, dass alles mitsammt den Maschinen niederbrennen würde, als noch zum Glück der Kern der alexandrinischen Elitetruppen mit einer Bravour, die sich selbst übertraf – da sie es bei diesem Kampfe den ruhmvollsten Legionen zuvorthaten – wenigstens solange sich behaupten konnte, bis der Cäsar mit seinen besten Reitern in die feindlichen Scharen einbrach. 288 Zwölf Kämpfer streckte er im vordersten Gewühle mit eigener Hand zu Boden, worauf die ganze feindliche Masse, bestürzt über ihren Fall, ins Wanken gerieth und floh: Titus war hinter ihnen her und drängte [393] die Menge vollends in die Stadt hinein und konnte noch die Werke den Flammen entreißen. 289 Bei diesem Kampfe geschah es auch, dass ein Jude lebend in die Hände der Römer fiel. Titus gab nun Befehl diesen Menschen im Angesichte der Stadtmauer ans Kreuz zu schlagen. Vielleicht würde dieser Anblick, meinte er, die übrigen mit Entsetzen erfüllen und sie etwas nachgiebiger stimmen. 290 Nach dem Rückzug der Juden ereignete sich noch der Zwischenfall, dass Johannes, der Führer der Idumäer, in dem Augenblicke, wo er mit einem vor der Mauer stehenden, ihm bekannten Soldaten einige Worte wechselte, von einem Araber einen Pfeilschuss in die Brust bekam und auf der Stelle sterbend zusammenbrach, zum größten Leidwesen der Juden und zum Bedauern der Rebellen, die in ihm seinen Mann von ebenso hervorragender persönlicher Tapferkeit, als Einsicht verloren.


Siebentes Capitel.
Einsturz eines Belagerungsthurmes. Eroberung der ersten Mauer. Stürme auf die zweite. Der Held Longinus. Die List des Juden Castor hält einige Zeit den Fall der zweiten Mauer auf.

291 (1.) In der folgenden Nacht wurde auch das römische Lager von einem, allerdings blinden, Alarm in Aufregung versetzt. 292 Es hatte nämlich Titus drei fünfzig Ellen hohe Thürme erbauen lassen, um sie auf allen drei Dämmen aufzustellen und von der Höhe derselben aus die Vertheidiger auf der Stadtmauer zurück zu jagen. Da geschah es, dass plötzlich einer dieser Thürme von selbst um Mitternacht zusammenstürzte. 293 Bei dem furchtbaren Krachen, das seinen Sturz begleitete, ward das ganze Lager von Schrecken ergriffen, und alles eilte, in der Meinung, dass die Feinde eingebrochen seien, zu den Waffen. 294 Ein wirres, lärmendes Durcheinander herrschte bei den Legionen, und da Niemand sagen konnte, was eigentlich geschehen war, schwebte man die längste Zeit in peinlichster Verlegenheit, und es ließ sich sogar in Ermanglung eines wirklichen Feindes einer vom andern ins Bockshorn jagen: 295 wie wenn die Juden schon mitten im Lager stünden, rief jeder den Mann, der ihm nahte, stets um die Parole an. Ein panisches Schreckgespenst schien alle gelähmt zu haben, bis endlich Titus den wahren Sachverhalt erfuhr und im ganzen Lager kund zu machen befahl, worauf dann, allerdings erst sehr langsam, die Ruhe wiederkehrte.

296 (2.) Obwohl die Juden sonst den Römern einen ganz kräftigen Widerstand entgegenstellten, so erlitten sie doch den Belagerungsthürmen gegenüber nur Verluste über Verluste. Denn von dort aus konnten sie sogar mit leichteren Geschützen und außerdem von Wurf- [394] spießschleuderern, Bogenschützen und Steinschleuderern beschossen werden, 297 ohne dass sie selbst die feindlichen Schützen wegen der Höhe der Thürme zu erreichen vermochten. Die Thürme aber im Sturme zu nehmen, war unmöglich, da man sie wegen ihrer Riesenlast nicht leicht umwerfen, noch auch wegen des Eisenbeschlages, der sie bedeckte, anzünden konnte. 298 So mussten sie sich demnach außer Schussweite flüchten und waren dadurch natürlich außer Stand gesetzt, noch ferner den Ansturm der Widder aufzuhalten, die denn auch jetzt ununterbrochen gegen die Mauer dröhnten und nach und nach doch ihr Ziel erreichten. 299 Bereits wankte die Mauer unter den Stößen des Nikon (d. i. des Siegers), ein Name, den die Juden selbst der größten römischen Widdermaschine gaben, weil sie jeden Widerstand besiegte. Andererseits waren die Juden bereits infolge ihrer Kämpfe und der Wachen, für die sie hier weitab von den bewohnten Theilen der Stadt die Nächte hatten opfern müssen, längst viel zu erschöpft; 300 auch schmeichelten sie sich in ihrer Bequemlichkeit und mit jener Voreiligkeit, die alle ihre Pläne so unheilvoll beeinflusste, mit dem Glauben, es wäre die Bewachung der Mauer ohnehin etwas ganz überflüssiges, in Anbetracht des Umstandes, dass hinter ihr ohnehin noch zwei andere Mauern lägen, und so zogen sich ein denn in der That schon früher die meisten von der Stelle zurück. 301 Als dann die Römer an der vom Nikon gebrochenen Bresche hinaufstürmten, verließen schließlich alle Juden ihren Posten und flüchteten sich hinter die zweite Mauer, während die Soldaten, welche die Bresche überstiegen hatten, sofort die Thore öffneten und das ganze Heer hineinließen. 302 Auf solche Weise bekamen die Römer nach fünfzehntägiger Belagerung am siebenten des Monates Artemisius die erste Mauer in ihre Gewalt. Sie demolierten darauf ein langes Stück von dieser Mauer, wie auch den nördlichen Stadttheil, was früher schon Cestius gethan hatte.

303 (3.) Nachdem Titus zunächst die ganze Strecke bis hinüber zum Kedronbach besetzt hatte, rückte er nach dem sogenannten Assyrierlager, so dass er sich gerade noch außerhalb des Schussbereiches der zweiten Mauer befand. Alsbald eröffnete er auch den Sturm auf die zweite Mauer, 304 den die Juden, in zwei Scharen vertheilt, von den Zinnen aus tapfer abzuschlagen suchten. Die Anhänger des Johannes kämpften von der Antonia und der nördlichen Halle des Tempels herab, wie auch vor dem Grabmonument des Königs Alexander, während die Schar des Simon den Zugang beim Johannesdenkmal besetzt hielt und bis zu jenem Thore hin sich verschanzt hatte, bei welchem die Wasserleitung nach dem Hippikusthurme in die Stadt eintrat. 305 Oftmals stürzten die Juden zu den Thoren heraus und rangen [395] mit den Römern im Nahkampf; wurden sie aber zurückgetrieben, auf der Mauer. In offener Feldschlacht unterlagen sie in der Regel, weil sie von der militärischen Taktik der Römer nichts verstanden, beim Mauerkampf hingegen blieben die Juden im Vortheil. 306 Während den einen ihre Stärke, wie ihre kriegerische Erfahrung Muth einflösste, that das bei den Juden die von der Furcht noch genährte Tollkühnheit und ihr im Unglück von jeher gestählter Charakter. Außerdem hatten die Juden doch noch einige Hoffnung auf Rettung, indes die Römer sich einen recht baldigen Sieg erwarteten. 307 Keine Partei schien eine Ermüdung zu spüren, vielmehr folgte den ganzen Tag Sturm auf Sturm, ein Mauerkampf dem andern, ein ausfallender Trupp dem andern. In allen möglichen Gestalten ward der Kampf geführt. 308 Kaum, dass die Nacht dem blutigen Ringen, das mit der Morgenröthe begonnen, Einhalt thun konnte; doch brachte auch sie keinen Schlaf für die beiderseitigen Kämpfer, ja, sie war noch peinlicher, als selbst der Tag, da die einen jetzt und jetzt die Eroberung der Mauer, die Römer aber den Angriff der Juden auf ihr Lager besorgen mussten. So blieben denn beide Theile auch bei der Nacht unter den Waffen, wie sie der erste Morgenstrahl wieder kampfbereit fand. 309 Bei den Juden wetteiferte alles, um sich in das dichteste Kampfgewühl zu stürzen und so die Gunst der Führer zu erringen: am meisten Respect und Furcht hatte man vor Simon, dem seine Parteigänger so ergeben waren, dass auf einen Wink von ihm jeder sich auf der Stelle selbst den Tod gegeben haben würde. 310 Für die Römer bildeten sowohl ihr beständiger Siegeslauf, der nie durch gewohnheitsmäßige Niederlagen unterbrochen ward, wie auch ihre fortwährenden Feldzüge, ihre beständigen Uebungen und die Größe ihrer Herrschaft, vor allem aber die Erscheinung des Titus selbst, der immer und überall im ganzen Heere zu sehen war, einen starken Ansporn zum Heldenmuthe: 311 denn dort sich zu schonen, wo der Cäsar gegenwärtig war und sogar den Kampf theilte, erschien als ein arges Verbrechen: umgekehrt stand er auch als Augenzeuge und Vergelter in einer Person vor jenen, die sich tapfer schlugen, ja, es war schon Belohnung genug, dem Cäsar als ein wackerer Mann bekannt zu werden. Daher kam es, dass viele sich durch ihren Kampfesmuth in einem Grade auszeichneten, zu dem sie wohl ihre natürliche Kraft nicht befähigt hätte. 312 So geschah es in diesen Tagen, als die Juden wieder einmal vor der Mauer in starker Masse den Römern die Spitze boten, und beide Theile noch im Plänkeln begriffen waren, dass ein Reitersmann, Longinus mit Namen, aus der römischen Schlachtlinie heraussprang und sich mitten in die Reihen der Juden stürzte, 313 die vor seinem Anprall auseinanderstoben, während [396] zwei der tüchtigsten Krieger unter seinen Streichen blieben. Der eine davon hatte in dem Augenblicke, wo er sich ihm entgegenwerfen wollte, von vorne den Todesstoß bekommen, dem zweiten hatte der Römer auf seiner Flucht den aus der Wunde des ersten gezogenen Speer durch die Seite gerannt, um dann mitten aus dem feindlichen Schwarm ohne eine einzige Schramme zu seinen Kameraden zurückzulaufen. 314 Er war nun wegen seines Heldenmuthes ein gefeierter Mann, aber bald fanden sich viele, die seiner Tapferkeit nacheiferten. 315 Uebrigens achteten auch die Juden der eigenen Wunden nicht, nur darauf bedacht, fremde zu schlagen. Der Tod erschien als etwas sehr leichtes, vorausgesetzt, dass sie im Augenblick, wo sie ihn erlitten, noch einen aus den Feinden niederhauen konnten. 316 Was aber die Haltung des Titus angeht, so war seine Sorge nicht weniger auf die Schonung seiner Soldaten, als auf den Sieg gerichtet, und er meinte, dass ein unbesonnenes Dreinschlagen eigentlich eine Thorheit wäre, während die wahre Mannhaftigkeit mit Umsicht gepaart und so beschaffen sein müsse, dass man dem Feinde Verluste zuzufügen verstünde, ohne selbst einen solchen zu erleiden. Er verbot darum seinen Kriegern, in bloßen Bravourstücklein ihren Muth zu zeigen.

317 (4.) Titus ließ nun den Widder an den mittleren Thurm der Nordmauer ansetzen. Auf diesem Thurme hatte sich ein jüdischer Gauner, namens Castor, mit noch zehn seines Gelichters in einen Hinterhalt gelegt, während die übrige Mannschaft vor den Scharfschützen Reißaus genommen hatte. 318 Einige Zeit hielten sie sich in kauernder Stellung ruhig hinter der Brustwehre. Als aber der Thurm schon zu wanken begann, sprangen sie auf einmal in die Höhe, und Castor rief mit aufgehobenen Händen, ganz wie ein Hilfeflehender, nach dem Cäsar und bat mit gar kläglicher Stimme um Schonung. 319 Arglos, wie er war, glaubte ihm Titus und hegte sogar die Hoffnung, die Juden würden jetzt in sich gehen, weshalb er gleich mit den Widderstößen aufhören ließ und den Bogenschützen verbot, auf die Schutzflehenden anzulegen. Castor erhielt die Erlaubnis, seinen Wunsch vorzubringen. 320 Auf seine Antwort, dass er sich auf Gnade unterwerfen und gerne herabkommen möchte, bemerkte Titus, dass er ihm zu seinem wohlberathenen Entschlusse nur gratulieren könne, und dass, wenn jetzt endlich alle dieselbe Gesinnung theilen möchten, es ihn im Interesse der ganzen Stadt herzlich freuen würde, auch den Uebrigen sofort Gnade anbieten zu können. 321' Von den zehn anderen machten es fünf, wie Castor: sie flehten heuchlerisch um Erbarmen. Die übrigen fünf jedoch schrien laut auf, sie würden nie und nimmer Römersclaven werden, so lange sie noch die Wahl hatten, als freie Männer zu [397] sterben. 322 Lange stritten sie so hin und her, und es gieng unterdessen eine kostbare Zeit für den Angriff verloren, welche Castor dazu benützte, um dem Simon sagen zu lassen, er möge nur ohne Ueberstürzung die nöthigen Vorkehrungen gegen die andringenden Römer treffen, da er, der Castor, ihren Oberfeldherrn noch eine ganze Weile an der Nase herumzuführen gedenke. Zu gleicher Zeit stellte er sich, als wolle er auch die nicht einverstandenen Kameraden zur Annahme der Gnade bewegen. 323 Aber scheinbar ganz empört darüber, ließen diese ihre blanken Schwerter über die Brustwehr aufblitzen, schlugen damit klirrend an ihren Harnisch und sanken, als hätten sie sich wirklich erstochen, auf den Boden nieder. 324 Staunen überkam den Titus und seine Begleiter über diese edle Haltung der Männer, und außerstande, von unten aus den eigentlichen Vorgang genau zu sehen, bewunderten sie ebenso ihren hohen Muth, wie sie ihr trauriges Ende bemitleideten. 325 In diesem Augenblicke schoss dem Castor ein Bogenschütze einen Pfeil an die Nase, den der Verwundete auf der Stelle selbst sich wieder herauszog, um ihn dem Titus vorzuweisen und sich über die angethane Unbill zu beschweren. Der Cäsar warf dem Schützen einen zornigen Blick zu und wollte dann den an seiner Seite stehenden Josephus zu Castor hinschicken, dass er ihm den Handschlag gebe. 326 Josephus aber erklärte nicht bloß für seine Person, dass er nicht hingehen werde, da die Schutzflehenden gar nichts Gutes im Sinne hätten, sondern hielt auch noch die Freunde, welche hinlaufen wollten, zurück. Da erklärte sich ein Ueberläufer, namens Aeneias, bereit, zu ihm hinzugehen, 327 und lief auch, als Castor noch nach einem Römer verlangte, der ihm sein Geld auffangen möchte, das er bei sich trage, natürlich mit umso größerem Eifer zum Thurme hin, um die Falten seines Busens emporzuhalten. 328 Da aber hob Castor einen Felsblock auf und schleuderte ihn auf Aeneias hinab, den er zwar, weil er zur Seite sprang, verfehlte, um aber dafür einen anderen Soldaten, der eben hinzugetreten war, zu verwunden. 329 Jetzt sah freilich der Cäsar den Betrug und zog daraus die Lehre, wie das Mitleid im Kriege nur Schaden bringen könne, weil ein härteres Gemüth weniger Gefahr laufe, der Tücke zum Opfer zu fallen. Im Zorn über den erlittenen Spott ließ er nun den Widder mit verdoppelter Kraft gegen den Thurm anstürmen: 330 wie er aber schon einzusinken drohte, da zündeten ihn Castor mit seinen Leuten an und sprangen durch die Flammen in die unter demselben befindliche Höhlung und erweckten auf solche Art abermals in den Römern den Glauben an ihren Heldenmuth, gleich als hätten sie sich wirklich in das Feuer gestürzt.

[398]
Achtes Capitel.
Fall der zweiten Mauer. Rückzug der Römer auf die erste Mauer. Abermaliger Sturm und endgültige Besetzung der zweiten Mauer.

331 (1.) Durch diese Bresche bekam nun der Cäsar die zweite Mauer fünf Tage nach der ersten in seine Gewalt und drang, da die Juden sie völlig verlassen hatten, mit tausend Bewaffneten und seinen Gardetruppen gerade an jener Stelle in die Stadt ein, wo die Bazars der Wollhändler, die Schmiedewerkstätten und der Kleidermarkt der Neustadt sich befanden, und wo die Gassen ganz quer gegen die Stadtmauer abfielen. 332 Hätte nun Titus entweder ein größeres Stück von dieser Mauer sofort abbrechen lassen, oder wenigstens von dem Kriegsrechte Gebrauch gemacht und den eroberten Stadttheil gleich nach seinem Eindringen verwüsten lassen, so wäre meines Erachtens der Sieg ohne jede Scharte geblieben. 333 So aber hoffte Titus durch seinen Edelmuth die Juden zu beschämen, wenn er die Gelegenheit, ihnen zu schaden, nicht benützen würde, und unterließ es daher, den Eingang so weit zu verbreitern, dass er Raum für einen geordneten Rückzug geboten hätte. Denn er glaubte von den Juden keine Nachstellungen befürchten zu dürfen, in einem Augenblicke, da er sich ihnen eben gnädig zeigen wollte. 334 Kaum war er nämlich in die Stadt gedrungen, als er auch schon den Befehl gab, keinen der hier ergriffenen Juden zu tödten, oder die Häuser anzuzünden, ja, er war sogar geneigt, die Rebellen als ebenbürtige Gegner zu behandeln, wenn sie nur das Volk bei ihren Feindseligkeiten aus dem Spiele lassen wollten, und machte auch dem Volke selbst die Zusage, ihm sein Hab und Gut wieder zurückzustellen: so sehr war ihm zu thun, die Stadt seiner Herrschaft, den Tempel aber der Stadt zu erhalten! 335 Das eigentliche Volk nun fand Titus für seine Aufforderungen längst schon empfänglich, aber die kriegerische Mannschaft wollte in seiner Menschenfreundlichkeit nur Schwäche erblicken und gab sich dem Glauben hin, dass Titus nur darum, weil er sich zu schwach fühle, die übrigen Theile der Stadt zu erobern, diese Vorschläge mache. 336 Sie drohten den Bürgern mit augenblicklichem Tod, wenn einer sich unterstehen sollte, an eine Ergebung zu denken, und wer nur ein Wort vom Frieden verlor, den stachen sie nieder. Endlich warfen sie sich auch noch auf die eingedrungenen Römer. Die einen stürmten die Straßen hinab, denselben entgegen, andere kämpften von den Häusern herab, wieder andere endlich sprangen gar zu den weiter oben gelegenen Thoren vor die Mauern hinaus 337 und brachten unter den auf der Mauer postierten Wachen eine solche Bestürzung hervor, dass sie von den Thürmen herabeilten und in das Lager zurückliefen. 338 Drinnen schrien nun die [399] von allen Seiten umzingelten Römer, draußen schrien ihre Kameraden, die für die abgeschnittene Schar das Schlimmste befürchteten. Die Zahl der Juden schwoll immer mehr, und da ihnen auch die genaue Kenntnis der Straßen eine große Ueberlegenheit sicherte, so verwundeten sie viele Römer und stießen sie im ungestümen Angriff immer weiter hinaus. 339 Die Römer leisteten freilich ziemlich lange Widerstand, aber nur aus bitterer Verlegenheit, weil eine massenhafte Flucht durch die enge Mauerlücke nicht möglich war. Wie es den Anschein hatte, wären wohl alle, die in die Stadt eingedrungen waren, niedergemetzelt worden, wenn ihnen nicht Titus Luft gemacht hätte. 340 Er dirigierte nämlich die Bogenschützen an die Eingänge zu den verschiedenen Straßen und wählte für sich selbst gerade jene, wo das dichteste Gewühl war, um mit seinen Geschossen die Feinde zurückzujagen, an seiner Seite Domitius Sabinus, der sich auch in diesem Gefechte wieder durch seinen Heldenmuth hervorthat. 341 Unerschütterlich blieb der Cäsar, Pfeil auf Pfeil abschnellend, auf seinem Posten und hinderte die Juden am weiteren Vordringen, bis der letzte Römer sich zurückgezogen hatte.

342 (2.) So wurden die Römer über die zweite Mauer, die sie bereits erstürmt hatten, wieder hinausgedrängt. Darob schwoll den Streitern in der Stadt der Muth gewaltig, und sie bauten auf diesen Erfolg gar hochgespannte Erwartungen, indem sie meinten, dass die Römer sich nicht mehr getrauen würden, in die Stadt einzudringen, wie auch, dass, wenn sie selbst jetzt die Römer angreifen würden, sie vor jeder Niederlage gefeit wären. 343 Denn Gott verblendete um ihrer Missethaten willen ihren Sinn derart, dass sie weder die Macht der Römer mehr sahen, von der ja doch nur ein kleiner Bruchtheil durch die Juden hinausgedrängt worden war, noch auch die Hungersnoth gewahrten, die da schon allmählich an sie heranschlich. 344 Denn während sie selbst bis zur Stunde sich noch von dem Fleische der Bürger sozusagen mästen und das Blut der Stadt trinken konnten, herrschte bei den Gutgesinnten schon längst die bittere Noth, und viele starben bereits aus Mangel an Nahrung dahin. 345 Aber „je mehr Volk hinstirbt, desto besser für uns“, meinten die Rebellen. Denn nach ihrer Ansicht sollten überhaupt nur jene am Leben bleiben, die keinen Frieden wollten und ihr Leben nur dem Kampfe gegen die Römer zu weihen entschlossen wären; die nicht so gesinnte Menge des Volkes dagegen betrachteten sie nur als eine große Last und sahen sie mit wahrer Lust zu Grunde gehen. 346 Das also war ihr Gebaren gegen die eigenen Landsleute in der Stadt. Den Römern aber gegenüber hatten sie sich an der Mauer fest verschanzt, und schirmten die Bresche mit dem Walle ihrer Leiber, [400] so dass sie wiederholt ihre Versuche, sich den Eingang zu erzwingen, vereitelten. In dieser Weise behaupteten sie sich unter tapferem Widerstande noch drei Tage, bis sie endlich am vierten Tage dem von Titus glänzend geleiteten Sturm erlagen und an der nämlichen Stelle, wie früher, abermals in die Flucht geschlagen wurden. 347 Zum zweitenmal im Besitze der Mauer, ließ Titus jetzt auf der Stelle die Nordseite derselben in ihrer ganzen Ausdehnung niederreißen, während er die Thürme des nach Süden hin verlaufenden Theiles mit Wachen besetzte. Nunmehr konnte er an den Sturm auf die dritte Mauer denken.


Neuntes Capitel.
Große Heeresparade und ihr Eindruck auf die Juden; Aufwerfen der Dämme vor der Oberstadt und der Antonia. Rede des Josephus an seine Landsleute.

348 (1.) Titus beschloss zunächst, in der Belagerung eine kleine Pause eintreten zu lassen und so den Rebellen Zeit zur Ueberlegung zu geben, falls vielleicht doch der Abbruch der zweiten Mauer oder auch die Sorge vor der Hungersnoth, welche die zusammengeraubten Vorräthe wohl nicht lange mehr bannen konnten, sie nachgiebiger machen möchten. Er benützte jedoch diese Unterbrechung in der vortheilhaftesten Weise. 349 Da nämlich der regelmäßige Zahltag vor der Thüre stand, an welchem der Sold an die Soldaten zu vertheilen war, so befahl Titus den höheren Officieren, ihre Mannschaft auf einen auch für die Feinde sichtbaren Platz aufmarschieren zulassen und dort jedem einzeln sein Geld auf die Hand zu zählen. 350 Wie herkömmlich, erschienen dabei die Truppen in voller Rüstung, das sonst in der Scheide ruhende Schwert blank in der Faust tragend, die Reiter aber mit ihren kriegerisch aufgezäumten Pferden, die sie am Zügel führten. 351 Weithin erstrahlte die Umgebung der Stadt im Schimmer der goldenen und silbernen Rüstungen, und nie gab es wohl ein für das Herz des Römers erfreulicheres, nie aber auch ein für die Feinde schrecklicheres Schauspiel. 352 Die ganze alte Mauer und die Nordseite des Tempels war mit Zuschauern dicht besetzt, über die Häuser hinweg sah man alles voll von Leuten, die neugierig ihre Hälse streckten, und in der weiten Stadt war kein einziges menschenfreies Plätzchen mehr zu erblicken. 353 Eine furchtbare Bestürzung ergriff selbst die Unerschrockensten beim Anblick der gesammten, auf einen Punkt concentrierten Heeresmacht mit ihrem blitzenden Waffenschmuck und der strammen Haltung ihrer Reihen. 354 Ich glaube, dass selbst die eigentlichen Aufrührer bei diesem Anblick anderen Sinnes geworden wären, wenn nicht das Uebermaß von Freveln, die sie an dem Volke begangen, auch die leiseste Hoffnung auf Verzeihung von Seite der [401] Römer in ihnen erstickt haben würde. 355 Da ihnen der Tod durch Henkershand für den Fall ihrer Unterwerfung sicher war, so wollten sie doch weit lieber noch den edleren Tod auf dem Schlachtfelde sterben. Dazu kam die siegende Obmacht des Verhängnisses, nach welchem die Unschuldigen mit den Schuldigen und die ganze Stadt mit der Partei des Aufruhrs ins Verderben stürzen sollten.

356 (2.) In vier Tagen hatten alle Römer, eine Legion nach der andern, ihre Löhnung erhalten. Als nun am fünften Tage noch gar kein friedliches Entgegenkommen seitens der Juden sich zeigte, theilte Titus seine Legionen in zwei Partien und machte sich an die Aufschüttung der Dämme, sowohl gegen die Antonia zu, wie auch in der Nähe des Johannesdenkmals. Von der letzteren Stelle aus hatte er im Sinne, die Oberstadt zu nehmen, während er den Tempel von der Antonia aus erobern wollte; 357 denn so lange der Tempel nicht in seiner Gewalt war, war auch der Besitz der Stadt nicht ganz sicher. An jeder der beiden Stellen wurden nun zwei Dämme aufgerichtet, von jeder Legion einer; 358 doch wurden die Wallarbeiter bei dem Grabdenkmal von den Ausfällen der Idumäer und der Kriegsschar des Simon, die Römer vor der Antonia aber von den Leuten des Johannes und dem Zelotenhaufen belästigt, 359 wobei die Juden nicht bloß mit ihren Handgeschossen, die sie von einem höheren Punkte aus schleudern konnten, im Vortheil waren, sondern selbst mit ihren groben Geschützen, da sie dieselben mittlerweile bedienen gelernt hatten, indem die tägliche Uebung auch bei ihnen allmählich den Meister machte. Sie hatten 300 Katapulten und vierzig Steinschleudern, durch welche sie den Römern ihre Arbeit an den Dämmen sauer genug machten. 360 Da aber Titus sich wohl bewusst war, dass die Rettung und das Verderben der Stadt am tiefsten sein eigenes Interesse berühre, so unterließ er es bei dem nachdrücklichsten Betrieb der Belagerungsarbeiten nicht, den Juden ins Gewissen zu reden, 361 und unterbrach seine kriegerischen Anstalten immer wieder durch Friedensvorschläge. Ueberzeugt davon, dass das Wort oft weit schneller zum Ziele führe, als das Schwert, mahnte er sie persönlich zu wiederholtenmalen, die fast schon genommene Stadt zu übergeben und damit auch das eigene Leben zu retten. Endlich schickte er auch noch den Josephus an sie mit der Weisung ab, mit den Juden in ihrer Muttersprache zu unterhandeln, weil er dachte, dass sie sich von einem Landsmann leichter zum Nachgeben bestimmen lassen würden.

362 (3.) Josephus suchte zunächst im Umkreise der Stadt einen Standort, der für die Pfeile der Juden nicht erreichbar war, von [402] wo sie aber ganz gut seine Worte vernehmen konnten, und hielt dann eine sehr bewegliche Ansprache an sie: „Habet doch Erbarmen“, sprach er, „mit euch selbst und dem Volke, habet Erbarmen mit eurer Vaterstadt und dem Tempel und benehmet euch gegen sie doch nicht gefühlloser, als die Heiden. 363 Sehet, wie gerade die Römer, die im Tempel nichts zu suchen haben, Ehrfurcht vor dem Heiligthum ihrer Feinde tragen und bis auf diese Stunde dasselbe niemals angetastet haben; und ihr, die ihr im Schatten des Tempels groß geworden seid, und denen er, wenn er unversehrt bleiben sollte, wieder ganz ungetheilt gehören wird, wie, ihr könnt ihn nicht schnell genug der Vernichtung preisgeben! 364 Ihr seht doch fürwahr, wie schon eure stärksten Mauern zusammengestürzt sind, und dass die einzige, die noch steht, es an Festigkeit mit den schon erstürmten Mauern gar nicht aufnehmen kann. Ihr kennt zudem die Unüberwindlichkeit der Macht Roms und seid auch mit ihrer Knechtschaft von früher her schon bekannt geworden. 365 Ich sage letzteres aus dem Grunde, weil der Kampf für die Freiheit, soll er wirklich das schöne Streben sein, als das er gilt, von allem Anfang schon unternommen sein muss. Wer aber, nachdem er sich einmal schon unterworfen und lange Jahre gefügt hat, später erst das Joch abschütteln will, dessen Anstrengungen sind wie die letzten Zuckungen eines Sterbenden und nicht die Schläge eines Freiheitshelden. 366 Gewiss kann man sich auch über kleinere Herren hinwegsetzen, aber unmöglich über solche, die da schon Alles unter ihrer Faust haben. Was hat sich denn bis jetzt der Herrschaft der Römer entziehen können, außer jenen Gegenden, die wegen ihrer Hitze oder Kälte völlig uncultivierbar sind? 367 Allerwärts ist das Glück ihren Fahnen gefolgt, und Gott, der die Herrschaft von einer Nation auf die andere rollen lässt, steht jetzt eben bei Italien! Dass man aber dem Stärkeren weichen müsse, und dass der Sieg immer dort ist, wo die schärfere Waffe ist, das ist ein allgewaltiges, bei wilden Thieren ebenso wie bei den Menschen herrschendes Gesetz. 368 Aus diesem Grunde haben sich denn auch unsere Väter, die uns doch an geistiger wie an körperlicher Kraft und auch noch an sonstigen Hilfsquellen weit voraus waren, den Römern unterworfen. Sie hätten sich gewiss nie dazu verstanden, wenn sie nicht die sichere Ueberzeugung gehabt hätten, dass Gott auf Seite der Römer stehe. 369 Auf welche Hoffnung wollt ihr denn schließlich noch euren Widerstand bauen, da die Stadt zum größten Theil ohnehin schon erobert und die Lage der Leute drinnen, wenn auch die Mauern noch standhalten sollten, jetzt schon eine traurigere ist, als sie es durch eine Erstürmung je werden könnte? 370 Ich meine die in der Stadt bereits herrschende Hungersnoth, [403] die auch dem Auge der Römer keineswegs verborgen geblieben ist, und durch welche zwar vor der Hand nur die Bürger, über nicht lange aber auch die eigentlichen Streiter hingerafft werden müssen. 371 Denn sollten auch die Römer von der Berennung abstehen und nicht mit gezücktem Schwerte in die Stadt hineinstürmen, es hält euch doch da drinnen ein Feind umklammert, vor dem jedes Schwert zerbricht, und der von Stunde zu Stunde riesig emporwächst. Oder könnt ihr etwa auch gegen den Hunger die Waffen erheben, um ihn niederzukämpfen, und könnt ihr allein unter allen Menschen selbst über körperliche Bedürfnisse Herr werden? 372 Es ist wahrlich keine Schande“, fuhr Josephus weiter fort, „wenn man noch Vernunft annimmt, bevor es zum Aeußersten kommt, und wenn man nach dem Rettungsanker greift, so lange es noch möglich ist. Sicher werden euch auch die Römer das Geschehene nicht entgelten lassen, wenn anders euer Frevelmuth wenigstens vor dem Abgrund noch Halt macht. Denn die Milde im Siege ist ihnen, sozusagen, angeboren, und gewiss werden sie auch weniger auf die Stillung ihres Rachedurstes schauen, als auf ihren eigenen Nutzen, 373 der wahrlich nicht darin besteht, nur mehr eine menschenleere Stadt oder ein wüstes Land zu besitzen. Das ist auch der Grund, warum euch noch jetzt der Cäsar seine gnädige Hand reichen wollte. Denn hat er einmal die Stadt mit stürmender Hand genommen, so dürfte er wohl Niemand mehr pardonieren, am allerwenigsten solche, die nicht einmal im äußersten Elende auf seine wohlwollenden Mahnungen hatten hören wollen. 374 Dafür aber, dass auch die dritte Mauer in Kürze erobert werden wird, sollten euch doch die bereits Gefallenen Beweis genug sein. Gesetzt aber auch, es wäre dieses Bollwerk wirklich unzerstörbar, so wird für die Römer noch ein anderer mit euch ringen, der Hunger!“

375 (4.) Diese gut gemeinten Worte des Josephus begleiteten viele Juden auf der Mauer mit ihren Spöttereien, viele mit Lästerungen, einige sogar mit Pfeilschüssen. Als nun Josephus mit seinen directen Rathschlägen bei den Juden nichts ausrichtete, wandte er sich nunmehr in seiner Rede den Beispielen aus der heimatlichen Geschichte zu: 376 „O ihr Unglücklichen“, rief er aus, „die ihr auf eure angestammten Bundesgenossen ganz vergessen habt, wie, ihr wollet mit dem Schwert in der Faust gegen die Römer streiten? Ueber was für einen Feind haben wir denn überhaupt je auf diesem Wege den Sieg errungen? 377 War es denn nicht Gott, der besondere Schöpfer des jüdischen Volkes, der sich desselben jedesmal, so oft es bedrückt wurde, rächend angenommen hat? Kehrt euch jetzt nur einmal um! Sehet ihr denn nicht, was für einen Ort ihr zu eurem Waffenplatz gemacht habt, und was [404] für einen starken Bundesgenossen ihr aufs schändlichste entehrt habt? Könnt ihr euch nicht mehr der Gottesthaten zur Zeit unserer Väter entsinnen, und was für gewaltige Feinde ehedem gerade diese heilige Stätte dort uns zu Füßen geschmettert hat? 378 Mich überkömmt ein Grauen bei dem Gedanken, von den Werken Gottes vor so unheiligen Ohren reden zu müssen: aber höret es nur immerhin, damit ihr auch einsehet, dass ihr nicht bloß die Römer, sondern auch Gott zum Feinde habet! 379 Einst rückte der frühere ägyptische König Nechao, auch bloß Pharao geheißen, mit zahllosen Bewaffneten aus seiner Residenz und entführte die Fürstin Sarah, die Stammutter unseres Geschlechtes. 380 Was hat nun ihr Gemahl Abraham, unser Erzvater, gethan? Hat er etwa an dem Frevler mit bewaffneter Faust Rache genommen, da er doch über 318 Scheiks gebot, deren jeder wieder unzählige Streitkräfte unter sich hatte? Oder hat er nicht vielmehr in dieser ganzen Macht nur die lauterste Ohnmacht gesehen, so lange Gott fehlte, und hat er nicht seine reinen Hände zu jener Stätte erhoben, die ihr jetzt so greulich entweiht habt, um sich den Unbesiegbaren zum Bundesgenossen zu werben? 381 Und ist nicht vor dem zweiten Abend noch die Fürstin unberührt zu ihrem Gemahl zurückgesandt worden? Der Aegypter aber kehrte, von tiefer Verehrung für diese Stätte durchdrungen, die von euch mit Brudermord besudelt worden, und zugleich von Schauder über die ihm gewordene nächtliche Erscheinung ergriffen, eilends nach Hause zurück, nachdem er die Hebräer als Gottes Lieblinge noch mit silbernen und goldenen Zieraten beschenkt hatte. Soll ich dann mit Stillschweigen übergehen oder nicht vielmehr ausdrücklich die Auswanderung unserer Väter nach Aegypten hervorheben, 382 wo sie, tyrannisiert und 400 Jahre unter fremden Königen seufzend, trotzdem sie sich hätten mit bewaffneter Hand dagegen erheben können, dennoch ihr Schicksal ganz in Gottes Hände gelegt haben? 383 Wer wüsste nichts von dem unzähligen Thiergeschmeiß, von dem auf einmal Aegypten wimmelte, und von den verschiedenen Seuchen, die das Land verheerten, wie die Erde keine Frucht mehr gab, und der Nil kein Wasser mehr hatte, kurz, wie die zehn Plagen nacheinander über Aegypten kamen, und wie unter dem Eindruck derselben unsere Väter sogar mit militärischem Geleite, ohne einen Schwertstreich und ungefährdet das Land verlassen durften, geführt von Gott, der sie sich zu seinem Tempelvolke bestimmt hatte? 384 Hatten dann nicht auch den Raub unserer heiligen Lade durch die Syrer das Philisterland sammt seinem Götzenbilde Dagon und alle Landsleute der eigentlichen Räuber aufs bitterste zu beklagen? 385 Haben sie nicht, da ihnen die Schamtheile ihres Leibes in Fäulnis übergiengen, [405] und sogar die Eingeweide mit dem Mageninhalt austraten, die Bundeslade mit denselben Händen, welche sie geraubt hatten, unter Cymbel- und Paukenklang wieder zurückbringen müssen, wobei sie das Heiligthum mit den mannigfachsten Sühnopfern feierten? 386 Gott war es wieder, der unseren Vätern diesen glänzenden Sieg errungen, weil sie, ohne einen Arm oder eine Waffe zu erheben, ihm allein die Sache zur Entscheidung überließen. 387 Oder ist etwa der assyrische König Senacherib, dem ganz Asien Heerfolge leisten musste, als er diese Stadt da umlagerte, durch Menschenhand gestürzt worden? 388 Hatten da nicht eben diese Menschenhände Wehr und Waffen abgelegt, um sich nur zum Gebete zu erheben, und hat da nicht der Engel Gottes dafür in einer einzigen Nacht das zahllose Heer vernichtet, so dass der Assyrer, als er sich beim Anbruch des Tages erhob, 185.000 Leichen fand und mit dem Reste vor den wehrlosen Hebräern, die nicht einmal eine Miene machten, ihn zu verfolgen, die Flucht ergriff? 389 Ihr kennt dann gewiss auch die Geschichte der Knechtschaft in Babylon, woselbst unser Volk in der Verbannung siebzig Jahre lang zubrachte, ohne sich auch nur einmal gegen die Feinde seiner Freiheit aufzubäumen, bis endlich Cyrus sie ihnen von freien Stücken um Gotteswillen zurückgab und sie in ihre Heimat geleiten ließ, damit sie dort wieder ihrem großen Helfer im Tempel dienen könnten. 390 Kurz gesagt, es lässt sich kein Beispiel nennen, wo unsere Väter mit den Waffen in der Hand wahre Erfolge erzielt oder umgekehrt ohne dieselben, wenn sie sich nur Gott überließen, es einmal schlecht getroffen hätten. Blieben sie nämlich ruhig, so siegten sie immer zur Zeit und Stunde, welche seiner Gerechtigkeit gefiel, kämpften sie aber, so erlitten sie regelmäßig Niederlagen. Ein Beispiel für das letztere! 391 Damals, als der König von Babylonien diese Stadt belagerte, da leistete unser König Sedecias entgegen den prophetischen Warnungen des Jeremias dem Feinde mit dem Schwerte Widerstand und – er ward nicht bloß selbst gefangen genommen, sondern musste auch Zeuge sein, wie Stadt und Tempel der Erde gleich gemacht wurden, und das alles, obgleich dieser König noch um vieles besser war, als eure Führer, und sein Volk besser, als ihr! 392 Denn trotzdem es Jeremias laut in die Stadt hinausrief, dass sie Gott wegen ihrer Vergehen gegen ihn zum Feinde hätten, und dass die Stadt sicher erstürmt werden würde, wenn sie dieselbe nicht übergeben wollten, ward er dennoch weder vom König noch vom Volke getödtet. Aber was thut denn ihr? 393 Um zu schweigen von dem, was bei euch drinnen vorgeht, von den Freveln, die ich gar nicht gebürend wiedergeben könnte, so sage ich nur: Ihr lästert mich ja und schießet nach mir in dem Augenblicke, [406] wo ich euch wegen eurer Rettung zu Herzen rede, und thut schon so erbittert bei einer leisen Mahnung an eure Missethaten, ja ihr könnt von jenen Dingen, die ihr doch selbst, Tag ein, Tag aus verübet, aus meinem Munde nicht einmal den Namen vertragen. 394 Ein anderes Beispiel! Als Antiochus, mit dem Beinamen Epiphanes, nach vielen maßlosen Freveln gegen die Gottheit sich zuletzt vor dieser Stadt lagerte, da stürzten sich unsere Vorfahren mit den Waffen in der Hand gegen ihn, um zu erreichen, dass sie selbst im Kampfe hingemetzelt, überdies die Stadt von den Feinden vollständig ausgeraubt, und das Heiligthum für drei Jahre und sechs Monate verödet wurde. Wäre es da noch nothwendig, die weiteren Ereignisse zu berühren? 395 Wer hat denn eigentlich die Römer gegen unser Volk zu den Waffen gerufen? Nicht die Gottlosigkeit der eigenen Landeskinder? Wo hat denn unsere Knechtschaft begonnen? War das nicht damals, wo unsere Vorfahren untereinander in blutige Fehde geriethen, 396 wo der Wahnwitz eines Aristobulus und Hyrkan und ihre gegenseitige Eifersucht den Pompejus der Stadt auf den Hals geschickt oder eigentlich Gott der Herr jene unter das römische Joch gesteckt hat, die keiner Freiheit mehr wert waren? 397 Nach einer Belagerung von drei Monaten mussten sie sich bekanntlich den Römern unterwerfen, obschon sie keineswegs so große Verbrecher an Tempel und Gesetz waren, wie ihr seid, und weit reichlichere Hilfsquellen für ihren Widerstand zur Verfügung hatten. 398 Ist uns dann das Ende des Antigonus, des Sohnes des Aristobulus, nicht mehr erinnerlich, unter dessen Herrschaft Gott das nachlässige Volk mit einer abermaligen Eroberung geschlagen hat? Herodes, der Sohn des Antipater, hat uns damals den Sosius, Sosius aber ein römisches Heer ins Land gebracht. An sechs Monate waren die Juden damals umschlossen und belagert, bis sie mit der Eroberung und der totalen Plünderung der Stadt durch die Feinde für ihre Sünden büßen mussten. 399 So hat also Gott, wie man sieht, zu keiner Zeit unserem Volke das Schwert in die Hand gegeben: Das Schwert ergreifen und geschlagen werden, ist bei ihm völlig eines. 400 Denn nach meiner Meinung sollten die Umwohner einer gottgeweihten Stätte das ganze Gericht auch Gott überlassen und im selben Augenblick den Arm eines Menschen verschmähen, wo sie selbst sich um die Gunst des höchsten Richters bemühen. 401 Und habt ihr denn überhaupt etwas von dem gethan, woran der Gesetzgeber die Verheißung des Segens geknüpft hat? Oder habt ihr etwas von dem unterlassen, was er mit dem Fluche bedroht hat? Um wie vieles überragt ihr doch an Gottlosigkeit jene, welche weit schneller in die Hände ihrer Feinde gefallen sind? 402 Sind euch denn nicht die geheimen Vergehen, wie z. B. Diebstähle, Intriguen [407] und Ehebruch, noch viel zu geringfügig gewesen? Ihr setzt ja euren Ehrgeiz in Raub und Mord und wollet als Bahnbrecher der Schlechtigkeit derselben bisher unbekannte Wege erschließen. Der Tempel ist zur Kloake geworden, und zwar haben gerade die Hände von Stammesgenossen die göttliche Stätte besudelt, welche selbst die Römer nur von Ferne zu verehren wagten, wie sie denn überhaupt aus lauter Rücksicht auf unser Gesetz sich viele Einschränkungen in ihren eigenen Gewohnheiten gefallen ließen. 403 Ei, und ihr wollet nun wirklich unter solchen Voraussetzungen von eurem so schändlich behandelten Bundesgenossen ein Eingreifen erwarten? Gesetzt nun, ihr wäret in der That brave Schutzflehende und würdet mit reinen Händen euren Helfer bitten, sowie unser König ihn gegen den Assyrer angefleht hat, 404 damals als wirklich Gott in einer Nacht jenes große Kriegsheer hingestreckt hat; gesetzt dies: ist dann aber auch das Benehmen der Römer gegen euch dasselbe, wie das des Assyrers, um auf Grund desselben auch auf eine solche Rache von Seite Gottes zählen zu können? 405 Hat nicht der Assyrer von eurem König zuerst Geld erpresst mit der Zusage, die Stadt nicht zu verwüsten, worauf er dessenungeachtet mit Hintansetzung seines Eides heranzog, um den Tempel in Asche zu legen? Was aber die Römer? Sie verlangen bloß die Abgabe, die schon unsere Väter ihren Vätern gezahlt haben, 406 und haben sie diese, so denken sie weder an eine Verwüstung der Stadt noch an eine Verletzung des Heiligthums und lassen euch auch alles andere, wie die freie Familie, den ruhigen Genuss eurer Besitzungen und schützen sogar eure heiligen Gesetze. 407 Nun ist es gewiss eine Verrücktheit, von der Rache Gottes zu erwarten, dass sie ebenso die gerechten Menschen treffen werde, wie sie sich über Ungerechte geoffenbart hat! Gott weiß überdies auch auf der Stelle zu rächen, wann es sein muss. Hat er ja doch das assyrische Heer gleich in der ersten Nacht, nachdem es Jerusalem gegenüber sein Lager aufgeschlagen, zerschmettert! 408 Gewiss würde er daher auch für den Fall, dass unsere Nation nach seinem Urtheile die Freiheit, die Römer aber Strafe verdienen würden, auf der Stelle, wie bei den Assyrern, nämlich schon damals dreingefahren sein, als Pompejus mit unserem Volke angebunden, als nach ihm Sosius heraufkam, als Vespasian Galiläa verwüstete, und zuletzt endlich Titus vor unseren Augen der Stadt zu Leibe gerückt ist. 409 Trotzdem haben Magnus und Sosius nicht nur keinen Unfall erlitten, sondern sogar mit stürmender Hand die Stadt genommen, Vespasianus aber hat in dem Feldzug gegen uns sogar eine Kaiserkrone gefunden, während dem Titus selbst die Quellen der Erde ein reichlicheres Nass spenden, nachdem sie doch vorher für euch versiegt waren. 410 Ihr wisset es doch, [408] wie vor der Ankunft des Titus die Quelle Siloah und sämmtliche Quellen vor der Stadt ausgeblieben sind, so dass man sich das Wasser krugweise kaufen musste. Jetzt aber liefern sie den Feinden so viel Wasser, dass es nicht bloß für Menschen und Zugthiere, sondern selbst zur Bewässerung der Gärten reichlich genügt. 411 Dieses Gotteszeichen habt ihr übrigens schon früher einmal Gelegenheit gehabt, bei einer Eroberung Jerusalems wahrzunehmen: es war in dem Feldzuge des vorerwähnten babylonischen Königs, in welchem er auch eure Stadt erstürmte und sammt dem Tempel den Flammen preisgab, obwohl nach meiner Meinung die damaligen Einwohner keine so argen Bösewichter waren, wie ihr seid. 412 Es ist demnach auch meine persönliche Ueberzeugung, dass Gott aus seinem Heiligthum geflohen ist und in dem Lager jener steht, gegen die ihr eben streitet. 413 Wird ja doch schon ein ehrlicher Mensch ein liederliches Haus fliehen und für jene, die darinnen sind, nur Abscheu haben! Wie könnt ihr euch da noch einreden, dass Gott, der alles Verborgene schaut und alle Geheimnisse hört, noch länger unter euren Schandthaten verweilen werde? 414 Doch was sage ich? Gibt es denn bei euch überhaupt noch etwas, womit man geheim thut, und was man zu verbergen trachtet? Gibt es etwas, was nicht schon bei den Feinden sogar allgemein bekannt wäre? Ihr brüstet euch ja noch mit eurer Gesetzesverachtung, und euer täglicher Wetteifer geht nur dahin, wer denn noch schlechter werden könnte, wobei ihr noch mit euren Schurkereien herumstolzieret, als wäre alles nur eitel Tugend! 415 Aber dessenungeachtet bleibt euch noch ein Weg zur Rettung, wenn ihr ihn nur benützen wollt: die Gottheit ist ja so schnell bereit, sich mit denen, die ihre Schuld bekennen und bereuen, wieder auszusöhnen. 416 O ihr Männer mit dem eisernen Panzer und dem eisernen Herzen, schleudert doch von euch eure Rüstung, ziehet an dafür das Erbarmen für eure schon in Trümmer sinkende Vaterstadt! Kehret euch um und schauet, was für eine Schönheit, was für eine Wunderstadt, was für ein Heiligthum, was für Weihgeschenke unzähliger Nationen ihr dem Verderben überliefert! 417 Wer vermöchte es, die Flammen über diese Herrlichkeiten heraufzubeschwören? Wer möchte diese Pracht wohl vernichtet sehen? Was soll man denn überhaupt noch retten, wenn man das nicht rettet? O ihr Verstockte, gefühlloser als Stein! 418 Sollte für das alles euer Auge schon zu stumpf geworden sein, so habt doch wenigstens Mitleid mit euren Familien und stellt euch jeder das Elend eurer Kinder, eurer Frauen und Eltern vor Augen, welche entweder der Hunger oder das Schwert in kurzer Zeit verzehren wird. 419 Auch ich weiß mir eine Mutter, ein Weib, ein nicht ruhmloses [409] Geschlecht und ein von altersher erlauchtes Haus in derselben Gefahr, und vielleicht denket ihr sogar, dass ich nur für sie jetzt rede. Wohlan, metzelt sie nur nieder, dies mein Blut soll euch gehören als Preis für euer eigenes Heil! Auch ich selbst will gerne sterben, wenn mein Tod euch nur die Vernunft zurückgeben könnte!“

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