Jugendleben und Wanderbilder:Band 1:Kapitel 33

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Johanna Schopenhauer: Jugendleben und Wanderbilder
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Dreiunddreißigstes Kapitel.

[314] Was man nicht alles für Leute kennt!
Und wie die Zeit von dannen rennt.
Was werd’ ich noch alles erleben müssen!

Schiller.

Um wieder einmal die große Fontaine in Herrenhausen springen zu sehen, und zugleich den berühmten Arzt, Ritter von Zimmermann[1], wegen kaum merklich werdender Abnahme seines Gehörs zu consultiren, führte mein Mann mich von Berlin nach Hannover. Im Bewußtsein, nicht nur den großen Arzt, sondern auch, was mir noch viel mehr war, den berühmten Schriftsteller, dessen Werk über die Einsamkeit ich mit großem Interesse kürzlich gelesen, in seinem Hause aufzusuchen, war mir freilich beim Ueberschreiten seiner Schwelle ein wenig ängstlich um’s Herz. Die freundliche Art, mit der er als ein früherer Bekannter meines Mannes uns empfing, beruhigte mich indessen gleich anfangs wenigstens in so weit, daß es mir möglich wurde, nicht durch kindische Scheu mich lächerlich zu zeigen; und als ich erst in seinem Zimmer [315] auf dem Sopha mich etablirt sah, als ich nun, umherschauend, an den Wänden und überall Gemälde und andere Dinge entdeckte, die auf sein Buch Bezug hatten, und die ich sogar aus den in demselben enthaltenen Beschreibungen wieder erkannte, da wurde die Möglichkeit, auch mit Männern dieser Art zu sprechen, ohne dabei vor lauter Ehrfurcht zu vergehen, mir einigermaßen klar.

Ritter von Zimmermann war eine stattliche Gestalt, sein Betragen das eines in den höheren Kreisen gebildeten Weltmannes; die nicht eben schönen, aber ausdrucksvoll-männlichen Züge seines Gesichts trugen Spuren jener tiefen Melancholie, welche einige Jahre später bis an das Ende seiner Tage in die trübseligste Hypochondrie ausartete. Für jetzt verriethen indeß weder seine Reden, noch seine Art zu sein, den traurigen Verfall seiner geistigen Kraft, der durch frühere Krankheit herbeigeführt ihm nahe bevorstand. Er sprach viel und angenehm von seiner Fehde mit dem durch ihn berühmt gewordenen Doctor Oberreit, von seinem Besuch am Sterbelager Friedrichs des Zweiten, und wußte mir so den Muth einzuflößen, dann und wann ein Wort in das Gespräch einzuschieben, oder eine ganz bescheidene Frage zu wagen.

Am Ende unseres Besuchs bestimmte er meinen [316] Mann zur Brunnenkur in Pyrmont, wo er die beste Gelegenheit haben würde, ihn als Arzt zu beobachten, die Ursachen seiner angehenden Taubheit zu ergründen und womöglich zu beseitigen.

Auf Wiedersehn in Pyrmont! Wie liebte ich den Ritter um dieses einzigen Wortes willen, mit dem er von uns Abschied nahm! Pyrmont! zwar wußte ich selbst nicht recht, was ich mir dabei dachte; ich Neuling in der Welt, wie konnte ich?

Den Sonntag mußten wir in Hannover noch abwarten, um die große Fontaine in Herrenhausen springen zu sehen, ein Schauspiel, das, wie Alles, was auf Gartenkunst Bezug hatte, meinen Mann sehr interessirte. Auch war es hier des Sehens und Bewunderns vollkommen werth. Mit donnerähnlichem Brausen drängte das Wasser sich unter der Erde durch die Röhren, und warf dann den mächtigen an Stärke dem Stamme eines großen Baumes zu vergleichenden Strahl siebenzig Fuß hoch in die Luft. Daß dieser Strahl in der Mitte hohl sei, und nur durch Kunst diese scheinbare Stärke erlange, erfuhr ich später, aber die Illusion war zu vollkommen, das Schauspiel, das sie bot, von zu erhabener Größe, um sich hier nicht gern täuschen zu lassen.

Wie erglänzte im Strahl der sinkenden Sonne, [317] beim Nachhausefahren der wunderherrliche Dom, den die nach Herrenhausen führende Allee bildet, die größte in Deutschland, vielleicht in der Welt; wie schimmerte das Laub, und deckte mit Millionen kleiner, auf goldigem Grunde tanzender Schatten, wie mit einem prachtvollen Teppich, die Erde!

Bei unserer Ankunft wimmelte Pyrmont von Brunnengästen aus allen, besonders aus den höhern und selbst höchsten Ständen; der ganze Ort kam wie ein ungeheurer Gasthof mir vor. Von dem, was Badeleben eigentlich sei, hatte ich keinen Begriff, ich hatte bis dahin es ganz treuherzig für einen letzten Versuch gehalten, die dem Grabe zusinkende Gesundheit wieder herzustellen. In Danzig kannte man eigentlich nur zwei Badeorte, Pyrmont und Karlsbad, und zwar größtentheils nur dem Namen nach; überhaupt galt die Verordnung einer Badereise als Andeutung, daß der Arzt keinen weitern Rath wisse und den Kranken gern aus seiner Nähe entfernen möchte, um im schlimmsten Fall weiterer Verantwortlichkeit enthoben zu sein.

An die Möglichkeit, aus Pyrmont hergestellt wieder zu kehren, glaubte man einigermaßen, obgleich der Versuch dazu nur selten gewagt worden sein mag; aber das Pyrmonter Wasser wurde schon damals [318] weit und breit, sogar bis zu uns versendet; die Verordnung, nach Karlsbad zu gehen, wurde meistens wie eine Art Todesurtheil aufgenommen, jedem schauderte vor dem gleichsam aus der Hölle kochend heiß aufsprudelnden Wasser, und die dorthin Abreisenden schieden im bängsten Vorgefühl von ihren trostlos ihnen nachweinenden Freunden.

Ueberhaupt gab es bei sehr mangelhafter Einrichtung der Brunnenorte damals in Deutschland derselben nur wenige; jetzt würde es schwer fallen, mehr als zehn Meilen zurückzulegen, ohne auf eine größere oder kleinere, dem menschlichen Erfindungsgeist oder der Natur entspringende Heilquelle zu stoßen. Vor funfzig bis sechzig Jahren waren viele der jetzt besuchtesten theils noch unbekannt, theils nur von in der Nähe derselben Wohnenden spärlich benutzt und ärmlich ausgestattet; an die zweckmäßige Einrichtung von Seebädern wurde aber noch gar nicht gedacht.

So war es damals nicht allein in unserem abgelegenen Norden, sondern wenig modificirt auch im eigentlichen Deutschland; Pyrmont hatte indessen seit einigen Jahren, besonders seit König Friedrich der Zweite es besuchte, eine überwiegende Berühmtheit erlangt; es wurde als die Krone aller Bäder betrachtet, von Fürsten mit ihrer Gegenwart beehrt, [319] von dem Landesherrn, dem Fürsten von Waldeck, auf jede ihm mögliche Weise gehoben und begünstigt, und so hatte die Aufnahme, welche man dort fand, zwar bei weitem nicht so glänzend, als etwa jetzt in Wiesbaden, aber doch solcher vornehmer Brunnengäste nicht ganz unwürdig sich gestaltet.

Ob die hohen Erwartungen, mit denen ich in Pyrmont eintraf, ganz befriedigt wurden, ist eine Frage, die ich mit gleicher Wahrheit bejahend oder verneinend beantworten könnte.

Dieselbe Couleur, aber in Grün, forderte, wie eine bekannte Anekdote erzählt, ein Dienstmädchen einst in einem Laden, und reichte ein Pröbchen rosenrothes Band dem Kaufmanne hin; was das Mädchen eigentlich meinte, war ungefähr das, was ich in Pyrmont gefunden: Alles wie ich es mir gedacht hatte, nur ganz anders: Gott versteht mich, tröste ich mich mit dem ehrlichen Sancho Pansa, wenn man mich hier etwas unbegreiflich finden sollte.

Während der ersten Tage war mir freilich, mitten in dem bunten Treiben, ungefähr wie einem ins weite Meer gefallenen Regentropfen zu Muthe, doch auch hier trat, wie immer, mein Mann hülfreich ein, er führte früheren Bekannten, die er bald aufgefunden, mich zu, Männern und Frauen, aus Hamburg, [320] Bremen und Lübeck, Hanseaten, eben wie wir auch, bei denen ich bald ganz einheimisch mich fühlte. Einer jungen liebenswürdigen Hamburgerin schloß ich herzlicher als den übrigen mich an, deren Mann schon früher dem meinigen befreundet gewesen, und die auch in späteren Jahren immer meine treue Freundin geblieben ist. Madame B** war ebenfalls einem weit ältern Manne sehr glücklich vermählt, der in ruhiger Zurückgezogenheit von Geschäften seines großen in Spanien erworbenen Vermögens mit feinem Sinn und in anständigem Wohlleben in Hamburg sich mit ihr erfreute.


Daß wir in dieser lieben Gesellschaft die oft beschriebene schöne Gegend um Pyrmont auf größeren Spazierfahrten durchstreiften, daß rüstigere Fußgänger, als meine liebe B** es war, sich zu mir gesellten, um mit mir die Berge zu besteigen, wo Hermann mit seinen Cheruskern einst hausete, daß ich mit dem größten Interesse auf klassischem Boden hier wandelte, das Alles versteht sich von selbst. Varus und seinen Legionen gönnte ich übrigens ihren Untergang, der in dieser Gegend statt gefunden haben sollte, wie meine geschichtskundigen Führer mich versicherten, waren es doch nicht meine [321] freien, tapfern Republikaner, die ich noch immer im Herzen trug.

Morgens versäumte ich selten an den Brunnen zu gehen, obgleich ich selbst ihn nicht trank. Alles ergötzte mich dort in seiner Neuheit; das mannichfaltige Getümmel der an der Quelle Genesung Suchenden, die jungen Frauen und Mädchen, die, nachdem sie ihren Becher hastig geleert, leichtfüßig wie Elfen die Allee hinunter schwebten, und in ihren einfachen Morgenkleidern tausendmal hübscher waren als am Tage unter der schwerfälligen Last der damaligen geschmacklosen Mode.

Der feierliche Choral, mit welchem das treffliche Musikchor des Fürsten von Waldeck die Freuden des für uns eigentlich beginnenden Tages mit dem Schlage sechs Uhr einleitete, schuf den hoch über uns sich wölbenden von den stattlichsten Bäumen gebildeten grünen Dom zum herrlichsten Tempel Gottes um. Es war ein einziger Moment, der selbst auf den Leichtsinnigsten unter uns nie seine Wirkung verfehlte, die aber auch mit dem letzten zum Himmel aufschwebenden Ton meistens wieder verflog.

Wer ist der hübsche junge Mann, der gleich nach dem Morgenliede sich einen lustigen Tanz aufspielen läßt? fragte ich am ersten Tage. Sie meinen den, [322] der sich dort das niedliche Blumenmädchen herauslangt und die Allee mit ihr herunterwalzt? Das ist der regierende Herzog von Mecklenburg-Schwerin; erhielt ich zur Antwort, und mußte zwei-, dreimal sie mir wiederholen lassen, weil ich immerfort glaubte, falsch verstanden zu haben.

Ein regierender Fürst! es war der erste, den ich jemals in der Nähe gesehen, denn damals waren so hohe Reisende noch eine Seltenheit. Daß sie nicht mehr die Krone auf dem Haupte, das Scepter in der Hand umherspazieren, wußte ich längst, aber so durchaus herablassend und human, so ganz frei von jenem Nimbus, den ich von der äußern Erscheinung eines solchen Gebieters über Leben und Freiheit seiner Unterthanen mir unzertrennlich dachte, den hohen Herrn zu finden, wäre mir nie eingefallen.

Was würden die Danziger sagen, wenn nur ihr regierender Herr Bürgermeister ein solches Tänzchen öffentlich wagen wollte! dachte ich.

Uebrigens stand Herzog Franz von Mecklenburg damals in blühendster Jugend, was bei regierenden Bürgermeistern nie der Fall zu sein pflegt; sein Land, seine Familie haben während seiner langen Regierung sich wohl befunden und seinen Tod aufrichtig betrauert; er selbst aber hat erst am Anfange dieses [323] Jahres, ein einundachtzigjähriger noch immer lebenskräftiger Greis, sein froh und glücklich geführtes Tagewerk froh und glücklich beendet, und ruht jetzt von des Lebens Mühen und Freuden bei seinen Ahnherren aus.

Der Nimbus von fürstlicher Glorie, den ich bei dem lebenslustigen Herzog von Mecklenburg vermißte, sollte dennoch mir aufgehen, ehe ich Pyrmont verließ; in verdoppeltem und verdreifachtem Glanze umstrahlte es die stattliche Gestalt der regierenden Herzogin von Braunschweig, die, umgeben von Kammerherren, Hofdamen und Allem, was zu einem förmlichen Hofstaat sonst noch gehört, wenige Tage nach uns eintraf, um die Brunnenkur zu gebrauchen.

An jedem Morgen sahen wir in der Allee eine lange Tafel bereitet, an welcher die Herzogin mit ihrer Gesellschaft das Frühstück einnahm; auch wir und unsere näheren Bekannten hatten zum nämlichen Zweck eine ähnliche, jener gegenüber schon früher etablirt. Beide waren die einzigen dieser Art, die übrige Gesellschaft frühstückte an kleinen einzelnen Tischen oder zu Hause. Mich und Madame B** ergötzte es nicht wenig, das, was in jener uns ganz neuen Hofatmosphäre vorging, wie ein Schauspiel zu betrachten, über welches wir unsere mitunter ziemlich lustigen [324] Bemerkungen einander mittheilten, aber es fiel uns nicht ein, daß auch wir unserm vornehmen vis à vis Stoff zu ähnlichen liefern könnten, der indessen, wie die Folge lehrte, nicht ungünstig für uns ausgefallen sein mußten.

Frau von B**, eine sehr geistreiche Dame, mit der wir zufällig in eine Art oberflächlicher Bekanntschaft gerathen waren, wie das an solchen Orten so leicht geschieht, trat ganz unerwartet mit dem Erbieten hervor, Madame B** und mich der Herzogin von Braunschweig vorzustellen. Sehr freundlich bemerkte sie dabei, daß wir dadurch des Vorzugs theilhaftig werden würden, uns den großen Dejeuners anschließen zu dürfen. Vergebens erinnerte ich unsere Beschützerin an unseren durchaus nicht hoffähigen Bürgerstand; sie erwiederte lächelnd, daß an Orten wie dieser auf Hofetikette nicht so strenge gehalten werde, wandte Alles an, um meine Zweifel zu heben und lud uns endlich ein, der Herzogin noch am nämlichen Nachmittage in der Allee zufällig zu begegnen. Wir hätten dabei nichts weiter zu thun, setzte sie hinzu, als nach dem Rock oder der Hand der Herzogin uns zu bücken, um sie zu küssen, was die ungemein herablassende Fürstin aber gewiß nicht zugeben werde.

[325] Wir, keinem Fürsten unterthan, freigeborene Frauen, wir sollen einer anderen Frau, die weder unsere Mutter noch Großmutter war, die Hand küssen? oder vollends gar bis zur Erde uns beugen, um den Saum ihres Gewandes zu ergreifen, ein Zeichen leibeigener Knechtschaft, das sogar von Seiten der Schimkys und der rohen kassubischen Bauern mich immer empört hatte! Der Gedanke, daß man ein solches uns zumuthen könne, brachte mein republikanisches Blut in heftige Wallung. Feuerroth mit blitzenden Augen und zornbewegter Stimme erklärte ich, daß ich für meine Person unter solchen Bedingungen der mir zugedachten Ehre entsagen müsse, und meine Hamburger Freundin, durch mein Beispiel ermuthigt, stimmte mir bei.

Vergebens suchte Frau von B** meine Ansicht dessen, was man von uns verlangte, zu berichtigen, vergebens wollte sie als eine bloße, bei solchen Gelegenheiten zwar unerläßliche Formalität es mir darstellen, bei der es die sehr gnädige Herzogin aber nie weiter als zur bloßen Demonstration kommen lasse; auch zu einer solchen erklärte ich, könne ich als freie Republikanerin mich nicht entschließen. Genug, wir beharrten auf unserem starren reichsstädtischen Sinn, und blieben jener Sphäre fern, in deren [326] Nähe wir uns nie gesehnt hatten. Belobt von unsern Männern, die bei dieser, meiner ersten und einzigen diplomatischen Verhandlung als passive Zeugen sich verhalten hatten, von unsern übrigen hanseatischen Freunden bis in die Wolken erhoben, dachten wir gar nicht daran, wie viel Stoff zu witzigen Einfällen unser Bürgerhochmuth wahrscheinlich dem Tisch an der entgegengesetzten Seite der Allee geliefert haben mochte.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Johann Georg Zimmermann (* 8. Dezember 1728; † 7. Oktober 1795)