Literarische Umbildung des Märchens vom Fischer und siner Fru

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Textdaten
Autor: Reinhold Steig
Titel: Literarische Umbildung des Märchens vom Fischer und siner Fru
Untertitel:
aus: Archiv für das Studium der neueren Sprachen und Litteraturen, Band 110, S. 8–19
Herausgeber: Alois Brandl, Adolf Tobler
Auflage:
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Erscheinungsdatum: 1903
Verlag: Georg Westermann
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Erscheinungsort: Braunschweig
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Quelle: Internet Archive, Commons
Kurzbeschreibung: Aufsatz über die Rungeschen Märchen im Allgemeinen und den Bezug des Fischermärchens zu Arnims Päpstin Johanna
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Literarische Umbildung des Märchens vom Fischer und siner Fru.

Dem vom Maler Otto Runge geschriebenen Fischermärchen, in dem die Frau durch ihre frevelhaften Wünsche, immer höher und höher emporzusteigen, sich und ihren Mann ins Elend treibt, ist, seitdem es 1812 gleichzeitig zweimal, in der Sammlung von Büsching und in der der Gebrüder Grimm hervortrat, eine allgemeinere Beachtung als irgend einem anderen Märchen zu teil geworden. Schwindelnder Aufstieg und jäher Fall waren in damaligen Lebensschicksalen etwas Gewöhnliches. Die Stöße, die seit den Tagen der Revolution an dem alteuropäischen Dasein der Staaten rüttelten, hatten die bisherigen Lebenswege verschüttet, aber neue nicht zu schaffen vermocht. Auf ungebetenem Pfade drang man vor; Kraft und Glück entschieden, wie weit der einzelne vorwärts kam; wo Kraft und Glück versagte, war Sturz und Ende da. Dem Sinn des alten Fischermärchens konnte daher, bewußt oder unbewußt, mit leichter literarischer Nachhilfe eine auf den Geist der Zeit gerichtete Wendung gegeben werden. Ja, in dieser Gesinnung schrieb gewiß schon der romantische Maler-Dichter seine Erzählung vom Fischer und siner Fru. Das ist früh empfunden worden. Georg Andreas Reimer, der sie in der Handschrift gelesen hatte, bemerkte schon 1808 (Zimmer S. 277): „Das erste und bei weitem vortrefflichere der beiden Märchen dürfte eine güldene Anwendung finden auf die Ereignisse der Zeit, und denen eine tüchtige Beruhigung gewähren, die nicht Muth und Kraft genug haben, es sich zu gestehen, daß alle menschlichen Bemühungen, in wiefern nicht ihr letztes Ziel in Gott gesteckt ist, nichtig sind und in um so tiefere Abgründe des Verderbens führen, um so herrlicher sie zuerst in irdischem Glänze strahlen.“ Das Märchen duldete daher auch, als [9] Runge schon nicht mehr lebte, Anwendung auf den einen, größten Mann des Schicksals: auf Napoleon. Als Jacob Grimm 1814 in Frankreich war und aus seinen persönlichen Wahrnehmungen die Hoffnung geschöpft hatte, daß zu unserer Rettung durch Napoleons starren Übermut alle diplomatische Sorgfalt zu Schanden werden würde, da antwortete darauf sein Freund und Lehrer Savigny aus Berlin, 29. April 1814, wie zur inneren Bestätigung dem anderen Bruder Wilhelm in Kassel: „Wissen Sie in der ganzen Geschichte eine große Begebenheit, die in ihrem Gang und ihrer Entwicklung so einfach, anschaulich und vollständig wäre wie die, welche uns zu erleben vergönnt war? Besonders merkwürdig ist, wie alles durch eine unaufhaltsame, innere Bestimmung zu diesem Ziel getrieben wurde, nicht durch festen Entschluß derer, die es bewirken konnten, was besonders in dem Kongreß zu Chatillon recht klar wird. Hier hat jemand den Fischer und sine Fru aus Ihrem Buch besonders drucken lassen, was als Biographie Bonapartes stark gekauft und gelesen wird.“ Gewiß die höchste allgemeine Ausdeutung, deren dies Märchen Runges fähig war.

Literarisch steht die Erzählung vom Fischer immer neben dem Märchen vom Machandelboom. Beide wurden zu gleicher Zeit, 1806, von Runge niedergeschrieben. 1808 erfolgte durch Arnim der Druck des Machandelbooms in der Einsiedlerzeitung, 1812 dann erst der doppelte Druck des Fischers: in dem Archiv für das Studium der neueren Sprachen (CVII, 277) habe ich dargetan, daß der Text der Märchen bei Grimms durch ihres Verlegers Georg Reimer Schuld und unberechtigte Einmischung verdorben ist, dagegen Arnim für den Machandelboom und Büsching für den Fischer den der Urschrift am nächsten stehenden Text uns bieten. Bestätigung erbringt noch ein Aufsatz Jacob Grimms in den Altdeutschen Wäldern.

Wo dieser nämlich im „Kommentar zu einer Stelle in Eschenbachs Parcifal“, mit dem die Altdeutschen Wälder beginnen, von der Farbenreihe schwarz, weiß, rot handelt und die Märchen durchgeht, in denen Eltern sich ein Kind wünschen so weiß wie Schnee, so rot wie Blut, so schwarz wie ein Rabe – da führt er auch (S. 11) eine Stelle aus dem Eingang des „Märchens vom Wacholderbaum“ an und schreibt sie in folgender Weise hin:

[10] Vor eerem huse was een hoff, darup stund en Machandelboom, ünner den stün de frou eens in’n winter un schalt sik eenen appel, un as se sik den appel so schalt, so snet se sik in’n finger un dat bloot feel in den snee – ach, sed de frou, un süft so recht hoch up un sach dat bloot för sik an un was so recht wehmödig, had ih doch een Kind so rot as bloot un so witt als snee!

Diese Schreibung Jacob Grimms entspricht nun aber (bis auf Druckversehen wie „en“ und „ih“) genau dem Abdruck Arnims in der Einsiedlerzeitung. Nur hat Grimm, mit Ausnahme von „Machandelboom“ und „Kind“, überall wieder die kleinen Anfangsbuchstaben bei Substantiven hergestellt. Jedenfalls ist Grimms Schreibung in den Altdeutschen Wäldern durchaus verschieden von der in ihrem ersten Märchenbande. Nun aber findet sich die ganze Ausführung und Beispielreihe der Altdeutschen Wälder auch im Anhang der ersten Märchenausgabe zum Schneewittchen (1812. Nr. 53, S. XXXII) wieder, nur daß hier die Stelle aus dem Machandelboom, dessen Text ja der erste Märchenband ganz enthielt, nicht wörtlich ausgeschrieben ist. Der Parcifalaufsatz entstand ungefähr zu gleicher Zeit mit Text und Anhang zu den Märchen. Die Märchen kamen nur ein wenig früher heraus als die Altdeutschen Wälder. In jene aber war ein fremder Eingriff geschehen, in diese nicht. Jene enthalten den verschlechterten Text, diese den der Arnimschen Wiedergabe genau entsprechenden. Wir sehen also auch hier an einem greifbaren Beispiel das schon erkannte Verhältnis bestätigt: Grimms haben von Hause aus den Arnimschen Text des Machandelbooms in Druck gegeben, und ebenso ist es natürlich auch mit dem Fischermärchen geschehen; alle lautlichen und orthographischen Abweichungen hat Reimer bewirkt.

Ihrem poetischen Werte nach sind die beiden Rungeschen Märchen immer mit dem größten Lobe genannt worden. Als um Neujahr 1811 Jacob Grimm für Brentano den Plan zu einem Altdeutschen Sammler entwarf (worüber ich in der Zeitschrift des Vereins für Volkskunde in Berlin, 1902 S. 129, berichtet habe), war die Absicht, den Rungeschen Machandelboom, nach dem Druck des Einsiedlers, als ein Muster, wie man Volkserzählungen niederschreiben müsse, den zu versendenden Aufforderungen beizufügen. Dies war eine Nachwirkung der begeisterten Stimmung, mit der man die erste Veröffentlichung aufgenommen [11] hatte. Arnims Blut wurde am ersten wieder kühl. Er glaubte nicht an die sog. Treue der volksmäßigen Überlieferung, woran Jacob Grimm zähe festhielt. Arnim betonte immer und immer das Recht der frei schaffenden Phantasie jedes einzelnen. Da traf es sich, daß er 1812 in Berlin den Greifswalder Professor Schildener, einen Freund des damals schon verstorbenen Runge, kennen lernte – er ist uns auch aus Runges Hinterlassenen Schriften bekannt –, und nun schrieb Arnim an Jacob Grimm (22. Oktober 1812): „Ein Hauptspaß ist aber wieder, daß mir Schildener erzählte, Runge hätte die Geschichte vom Fischer und siner Fru einigen Schiffern erzählt, die hätten sie aber alle anders wissen wollen – wie aber, das war ihm entfallen – kurz, sie waren so unzufrieden mit ihm, wie Ihr mit Clemens (und seiner freieren Märchenbearbeitung). Schade, daß nicht der Großvater dieses Schiffers dabei war; der hätte den Schiffer geprügelt, weil er ihm die gute alte Geschichte so verdrehe.“ Es ist klar, was auf diese scherzhafte Weise ausgedrückt werden sollte. Wir wissen ja auch von Tieck und Steffens, daß Runge die Fischergeschichte noch auf andere Weise zu erzählen pflegte, als er sie niedergeschrieben hatte. Ja, Grimms selber bringen im Anhang schon ihrer ersten Märchenausgabe abweichende Rezensionen bei. Jacob Grimm, von den Gegengründen nicht überzeugt, half sich der unleugbaren Tatsache dieser Verschiedenheiten gegenüber mit dem vergleichenden Bilde von der Hauptsprache und ihrer Verzweigung in die Mundarten.

Sehr merkwürdig auch, wie Arnim 1812 die beiden Märchen beurteilte und ihrem ästhetischen Werte nach auseinander hielt. Runge selber schon war sich der Ungleichartigkeit des Tones beider Märchen bewußt gewesen: „das erste“, bemerkt er 1806, „ist eigentlich erhaben pathetisch und wird durch die Kümmerlichkeit und Gleichgültigkeit des Fischers sehr gehoben, das andre ist im Grunde mehr wehmütig als traurig, es geht oft ins Fröhliche über.“ „Die Fabel vom Fischer,“ schrieb nun Arnim 1812 an Grimms, „schien mir damals, als ich den Machandelboom abdrucken ließ, kein eigentliches Kindermärchen, und darum nahm ich es nicht auf, weil ich in dem Kreise der bald zu schließenden Zeitung nur recht charakteristische Sagen wünschte. Selbst der Machandelboom war mir wegen einer gewissen darin wohnenden [12] Grausamkeit nicht ganz recht, aber die Berührung mit Goethe auf der einen, mit der nordischen Romanze, die ich damals von Wilhelm übersetzt erhielt, und mit dem Cid in Hinsicht des Aufrichtens toter Leiber [auf der anderen Seite] bestimmte den Abdruck.“ Das letzte sind Hindeutungen auf Gesichtspunkte, die sich allerdings im 30. Einsiedler-Blatte ausgedrückt finden. Im übrigen aber war dies durchaus gegründete und eigentümliche Urteil doch beeinflußt durch die Ausstellungen, die Arnim an dem ersten Märchenbande der Brüder Grimm zu machen hatte. Da der Band nicht bloß Märchen für Kinder zum Lesen, sondern wesentlich auch Märchen für Eltern zum Nacherzählen enthalte, tadelte er, daß dies Verhältnis auf dem Titel des Buches nicht zu genügendem Ausdruck komme. Er wies auf einzelne Märchen hin, die in die Sammlung nicht gehörten. Der Verschiedenartigkeit des Tones, die in den Märchen herrschte, widersprach er von Anfang an auf das bestimmteste und traf hierin mit Friedrich Schlegel zusammen, der sich auf dieselbe Weise äußerte. Arnims Urteil hat, so fest anscheinend beide Teile in ihrem prinzipiellen Gegensatze beharrten, dennoch entscheidend auf die spätere Gestaltung der Grimmschen Märchen eingewirkt. Seinen Anregungen entsprechend ist einzelnes fortgelassen oder umgeändert, das Ganze aber allmählich auf einen gleichmäßigeren Ton stilisiert worden. Und so bewährte sich Arnims Satz, daß der bildende, fortschaffende Trieb im Menschen gegen alle Vorsätze siegend und schlechterdings unaustilgbar sei, selbst bis zu einem gewissen Grade an seinen lieben Gegnern in Kassel, mochte er auch bei der Durchsicht des zweiten Märchenbandes wünschen (10. 2. 1815), Wilhelm hätte noch mehr nachgeholfen, denn: „mancher Märchenschluß wäre mehr befriedigend ausgefallen, ich meine in der Art, wie Runge mit seinen beiden Märchen verfahren ist.“

Man könnte in der Übertreibung sagen: unsere ganze Literatur von damals ist eine Verarbeitung von Märchenstoffen, die jeder Dichter auf seine Weise und mit seinem Rechte trieb. Auch bei Arnim und Brentano ist dies der Fall. Brentano wollte, wie er 1810 Runge ausdrücklich schrieb, den Machandelboom und den Fischer in seine Märchenbearbeitung einfügen; die von Guido Görres schließlich herausgegebenen Bände enthalten sie nicht (vgl. auch Cardauns 1895 S. 5), doch hätte Brentano, wenn [13] er dazu gekommen wäre, sie gewiß nicht in Runges Wortlaut, sondern in der ihm eigentümlichen Umbildung vorgelegt, und am ehesten hätten die Rheinmärchen Gelegenheit dazu geboten. Arnim aber förderte damals wieder seine (erst viel später aus dem Nachlasse herausgegebene) Päpstin Johanna, ein Werk, in das er auch die Leiden und Freuden seiner eigenen Kindheit und Schulzeit eingeflochten hat. Von bösen Mächten hervorgebracht und durch teuflische Erziehung innerlich vernichtet, besteigt Johanna schließlich in rasender Verblendung den päpstlichen Stuhl in Rom, stürzt dann jäh von ihrer Höhe, wird aber durch die allversöhnende Macht des christlichen Glaubens gerettet. Die Parallele zwischen der Päpstin Johanna und der Frau des Fischers, die ja auch ihrem Wunsche gemäß Papst wurde, aber auch noch der liebe Gott werden wollte, bietet sich wie von selber dar, und es wäre etwas Natürliches, wenn in Arnims Dichtung sich erweisen sollte, daß beide Erzählungsstoffe miteinander in Berührung gesetzt seien.

Nun waren mir längst Anklänge an das Fischermärchen in der Päpstin Johanna und eine besondere Art der Erzählung desselben aufgefallen. Indessen hätte ich nicht gewagt, sie als Umdichtung Arnims hinzustellen, sondern eher sie für die, wenn auch freie, Wiedergabe einer rheinischen Variante des Fischermärchens gehalten. Ein direktes Zeugnis aber belehrt uns eines anderen. „Ich habe,“ schreibt er selbst an Jacob Grimm, „es in meiner Päpstin zweimal versucht, das Fischermärchen von der Frau, die Papst und Gott wird, ganz wiederzuerzählen, wie Runge; beidemal war’s mir aber unmöglich, der Ton des übrigen teilte sich dieser Geschichte unwillkürlich in einzelnen Umständen mit, und so soll es sein, denn jede Zeit und jeder Mensch hat sein Recht.“ Nun ist es leicht für uns, den betreffenden Stellen in Arnims Dichtung beizukommen.

Von Lucifer ist die kleine Johanna dem Spiegelglanz, einem der schrecklichsten Philologen Islands, zur Pflege übergeben worden. Über Paris gelangt dieser mit dem Kinde, das er als Knaben erzieht, an den Rhein und gesellt es dem jungen Pfalzgrafen als Spiel- und Lerngefährten. Lucifer versucht vergeblich, in das von seinen Wächtern treu gehütete Rheinschloß einzudringen. In einen Wasserstar verwandelt, gerät er beim Untertauchen unvorsichtig in das Netz des armen, treuen Fischers [14] Thalmann, der sehr verwundert ist, als der Vogel ihn anredet und ihm die Erfüllung dreier Wünsche für seine Freiheit bietet. „Der Thalmann war klug“ (fährt Arnim fort), „er fragte nicht erst seine Frau, sondern sprach zu ihm“ – und wir empfinden hier eine scherzhafte Hinweisung auf Runges Fischer, der gerade erst durch seine Frau zum Wünschen getrieben wird. Thalmann also antwortet dem gefangenen Wasserstar:

Du hältst mich für ein Kind
Und meinst, ich würd’ geschwind
Mir so ein Übermaß von Glück erwählen,
Daß ich in aller Schmach mich müßte quälen.
Nein, Vögelchen, ich mag kein Gott auf Erden,
Kein Kaiser oder Papst hier werden,
Doch einen Vogel, der so reden kann,
Für gutes Geld zu bringen an den Mann,
Das ist ein sicherer Gewinn!

Wir bemerken hier wieder die scherzende Wendung gegen das Rungesche Märchen. Der Vogel wird nun rasch in das Schloß des jungen Grafen gebracht und macht den beiden Kindern vielen Spaß. Der gute Thalmann muß sich hinsetzen und ihnen noch recht lange zusehen. Er erzählt, wie er sich von den bedenklichen Fragen des Vogels nicht habe fangen lassen, „weil er die Geschichte wohl gewußt.“ Die Kinder fragen neugierig: welche Geschichte? und „der Fischer ließ sich nicht lange bitten, sondern erzählte ihnen in aller der Umständlichkeit, die Erwachsenen so unbequem ist.“ Wieder eine merkwürdige Kritik des Märchenvortrages. „Wir wollen seine Erzählung zusammenziehen,“ sagt Arnim, und nun gibt er, in der Tat im halben Umfange des Rungeschen Märchens, die folgende Darstellung:

„Ein alter Fischer heiratete ein junges Mädchen, und da er seines Alters wegen wenig mehr mit seiner Angel fangen konnte, die Frau aber viel verbrauchte weil sie jung war, so mußten sie gar bald ihr Haus verkaufen und wohnten auf einem Kahne mitten auf dem Rheine, lebten von den Fischen, die der Alte angelte, und deckten sich Nachts, wenn sie schliefen, mit dem alten Segel zu. Die junge Frau fror Nachts zuweilen, der Alte aber schlief fest und merkte doch im Schlafe aus Gewohnheit, wenn die Angel in seiner Hand von einem Fisch angebissen und fortgezogen worden; eines Tages zuckte die Angel so stark, daß [15] der Fischer schon meinte, einen großen Lachs in den Kahn zu ziehen, aber er hob mit der Angel zu seiner Verwunderung statt eines Fisches einen bräunlichen Vogel mit schwarzem Schnabel in den Kahn, den er ganz erstarrt anredete: „Ei, wie magst du heißen?“ „Wasserstar!“ sagte der Vogel mit Mühe, weil ihm der Angelhaken in der Kehle saß. „Wasserstar?“ sagte der Fischer verwundert, „wo hast du dein Nest?“ – Und der Wasserstar antwortete: „Fischer, wo hast du dein Haus? mein Nest hat die Frau verkauft, da muß ich mich so herumtreiben, hab’ aber allerlei dabei gelernt, und wenn du mir das Leben schenken willst, so tue ich dir alles zulieb, was du wünschen magst.“ Der Fischer sah sich nach seiner Frau um, da diese aber noch ganz fest schlief, so fiel ihm gar nichts ein, was er wünschen sollte, und sprach: „Wasserstar, weil es dir so gegangen ist wie mir, so will ich dir den Haken ganz umsonst aus dem Schnabel ziehn, möchte doch auch keinen drein haben.“ Bei den Worten zog er ihm den Haken aus dem Schnabel und ließ den Vogel fliegen, ehe der aber untertauchte, sagte er ihm: „Fischer, wenn der Vollmond auf den Rhein scheint, da ruf’ mich, und ich werde dir in allem freundlich zu Gefallen leben, was dein Mund wünschen mag.“ – Als er untergetaucht war, wachte die Frau auf, und er erzählte ihr, was sich begeben, da wurde die Frau böse, daß er sich gar nichts gewünscht habe. „Ja, was sollt ich mir wünschen?“ fragte der Fischer. „Haus und Hof,“ sagte die Fischerin ganz zornig. Da lachte der Alte und wartete, bis der Mond recht herrlich am Himmel stand und sich im Rhein spiegelte, da rief er so freundlich, daß sein altes Gesicht sich in tausend Falten legte:

Mondschein, Mondschein überm Rhein,
Mondschein, Mondschein in dem Rhein,
Vogel, Vogel überm Rhein,
Vogel, Vogel in dem Rhein,
Daß mir meine Frau nicht frier’,
Schenke doch ein Häuschen ihr.

Da tauchte der Vogel auf, daß ihm das Wasser von seinem Schnabel lief und sagte: „Laß nur dem Kahn seinen Willen, so kommst du an das Haus gefahren.“ Da verschwand der Vogel, und der Fischer tat, wie er gesagt, kam ans Land, und ein Haus stand da, das war leer, darum gehörte es ihnen, und die Frau [16] sagte, daß sie nun nie wieder frieren würde, denn das Haus war dicht und schön gezimmert. Um es hier nur kurz zu sagen, es dauerte nicht bis zum nächsten Mondwechsel, da fror die Frau schon wieder und wollte ein Schloß, und der Fischer rief wieder:

Mondschein, Mondschein überm Rhein,
Mondschein, Mondschein in dem Rhein,
Vogel, Vogel überm Rhein,
Vogel, Vogel in dem Rhein,
Daß mir meine Frau nicht frier’,
Schenke doch ein Schlößchen ihr.

Das geschah dann wieder, im nächsten Monate fror sie sehr, weil sie keine Königskrone hatte, im folgenden, weil ihr die Kaiserkrone fehlte, endlich wollte sie Papst werden, und auch das geschah. Als aber die Frau wieder vorm nächsten Mondschein den Mann Nachts mit dem Ellenbogen anstieß, daß sie friere, sie müsse aller Welt Gott sein, da wurde dem Fischer recht bange, er ging ganz kleinlaut an den Rhein und rief:

Mondschein, Mondschein überm Rhein,
Mondschein, Mondschein in dem Rhein,
Vogel, Vogel überm Rhein,
Vogel, Vogel in dem Rhein,
Daß mir meine Frau nicht frier’,
Mach’, daß sie die Welt regier’.

Bei diesem Worte riß ein Fisch dem armen Fischer die Angelschnur ab, er wachte aus seinem Traume auf, seine Frau klapperte vor Frost mit den Zähnen, da war weder Haus, Schloß, weder Königs-, Kaiser- noch Papstkrone, von der Welt regierten sie nichts als nur mit Mühe ihren Kahn, aber sie hatten beide dasselbe geträumt, und weil die Angel gerissen, konnte der Alte keinen Fisch mehr fangen, weil seine Frau Gott werden wollte, mußte er in Hunger mit seiner Frau auf dem Rheine sterben und verderben, ohne Beichte und Absolution.“

Arnim trägt also die Erzählung nicht, wie Runge, als (wenn auch phantastische) Wirklichkeitsgeschichte, sondern als Traumgeschichte vor. Dadurch daß er die Frau jung, den Mann alt sein läßt, wird sehr leicht ihr Verschwenden, begehrendes Wünschen und sein mangelndes Widerstehen erklärt. Das durchgeführte Motiv des Frierens der jungen Frau ist bei der nächtlichen [17] Beschäftigung der Fischer gut. Die Wendung, „um es hier nur kurz zu sagen,“ fällt freilich ganz aus dem Rahmen der Erzählung heraus; aber es ist immer zu bedenken, daß wir es mit einem unvollendeten und vom Verfasser selbst nicht herausgegebenen Werke zu tun haben.

Sogleich aber setzt Arnim diese Erzählung mit dem Gange seiner Dichtung in Beziehung. Der böse Spiegelglanz kann es nicht lassen, wegen der Geschichte, er weiß nicht warum, einen seltsamen Haß auf den Erzähler, den armen Thalmann, zu werfen. Die beiden Kinder fangen immerfort wieder den ihm fatalen Reim „Mondschein, Mondschein überm Rhein“ zu singen an, er schlägt im Zorn auf sie, gerät in Streit mit des jungen Pfalzgrafen treuem Hüter Hatto und verläßt zum Jammer der Kinder, die voneinander gerissen werden, das Schloß: „Johannes (Johanna) fühlte in dieser sonderbaren Einwirkung des Wasserstars auf sein eignes Schicksal das ganze Märchen von dem Weibe, das Papst und Gott wurde, wie seine Geschichte und wußte doch nicht, warum, und weinte entsetzlich darüber.“ So hat Arnim die Umbiegung des Rungeschen Märchens dazu benutzt, um die böse Macht Lucifers, der den heiligenden Aufenthalt des Kindes in dem Rheinschlosse zerstören wollte, für die weitere Entwicklung des Kindes wirksam werden zu lassen.

Aber da sowohl Spiegelglanz wie Johanna nur dunkel und unbewußt, jedes auf seine Weise, von dem Märchen ergriffen werden, so läßt sich vermuten, daß einmal in der Dichtung noch ein Punkt erscheinen werde, wo es eine neue Bedeutung für die Handlung erhielte. Dieser Punkt tritt wirklich ein.

Johanna ist Papst geworden. Der Pfalzgraf, der sich, um Nachstellungen zu entgehen, lange in der Verkleidung eines Mädchens in Rom aufgehalten hatte, wohnt als Freund des Papstes im Palaste. Bei ritterlichem Spiel beide am selben Tage verwundet, werden sie in der folgenden Nacht halb betäubt unter den schreckenden Wirkungen eines Erdbebens voneinander getrennt. Der Papst sucht sehnsüchtig den Pfalzgrafen. Unbewußt geht er fort, bis er an dem kleinen Hause der alten Sabina, in deren Hut der Pfalzgraf gewesen war, stillsteht. Er sieht durch das offene Fenster in das reinliche Zimmer. [18] Sabina spinnt beim Feuer des Herdes; ein Mädchen, das dem Pfalzgrafen ähnlich sieht, sitzt, ebenso gekleidet, ihr gegenüber; Sabina erzählt ein Märchen:

Hör’, Kind, laß die Lampe stehn und sei geschickt,
Ich will dir erzählen, wie es einem Fischer geglückt,
Der Fischer war alt und hatte eine junge Frau,
Die war nicht fleißig und war auch nicht schlau,
So war der arme Fischer um alles gekommen,
Mit Müh’ hatt’ er ein Hüttchen am Flusse bekommen,
Das Hüttchen war alt wie der Fischer und schwach,
Er flickte umsonst das zerlöcherte Dach,
Immer klagte die Frau, sie liege so kalt,
Wie mußte er erst frieren, da er so alt.
Doch kam ihm kein Unmut, er saß so geduldig
Mit seiner Angel, als wär’ er nichts schuldig,
Und durft’ doch sich nirgends mehr sehen lassen,
Sonst wollten ihn seine Schuldner erfassen.
So saß er an einem Sonntagmorgen
Und dankte zu Gott, daß die Leute ihm borgen,
Und zog in Gedanken die Angel heraus,
O Freude, da zappelt ein Fisch eben zum Schmaus,
Ein Fischchen, als war es von Silber und Gold,
Das hat er aus dem klaren Wasser geholt,
Der Fisch heißt Reinera, er kennt ihn noch nicht,
Er weiß es nicht, daß der Fisch auch spricht,
Daß er die Schiffe im Laufe kann halten
Und im Meere übet Teufelsgewalten,
Aber zu Lande verloren ist,
Denn da regiert unser Herr Jesu Christ.

Mit schauderndem Gefühle, schaltet hier Arnim ein, hört Johannes das Märchen vom Wasserstar in anderer Gestalt. Die Erzählerin fährt fort:

Der Fisch tut den Fischer nun freundlich bitten:
„Laß mich leben, ich wär nicht gern zerschnitten.“
„Ei,“ sagt der Fischer, „einen Fisch, der kann sprechen,
Möcht’ ich nimmermehr zerschneiden und zerstechen,
Und hab’ ich auch nichts zu essen im Haus,
Ich scheue mich doch, dich zu essen beim Schmaus.“
Er machte den Fisch von der Angel los
Und warf ihn zurück, ob er gleich schön groß.
Nun sah der Fisch zum Wasser heraus
Und sprach: „Bedank’ mich, jetzt bitt dir was aus,

[19]

Ich geh dir alles, was du haben willst,
Damit du zum Lohne deine Wünsche stillst.“
„Ei,“ sagte der Fischer, „mir fällt jetzt nichts ein,
Die Frau will ich fragen, was ihr Herz mag erfreun.“

Das Weh der Erinnerung greift bei diesen Worten in Johannes’ Seele, und der Reim, durch den er so gewaltsam in seiner Kinderliebe vom Pfalzgrafen losgerissen worden war:

Mondschein, Mondschein überm Rhein,
Mondschein, Mondschein in dem Rhein,

begleitet als Herzschlag die weitere Erzählung der guten alten Sabina, wie das Weib Papst und Gott werden will, und sein ganzes Geschick, das er seit Jahren nicht bedacht hat, überfällt mit Grausen den horchenden Johannes. Die schreckliche Beziehung des Märchens auf sein eigenes Leben wird ihm plötzlich klar. Er springt vom Fenster zurück und läuft, ohne umzusehen, den Berg hinan, voll Jammer, als habe er alles verloren, als sei alles schon vorbei und ihm bleibe nichts als der ungeheure Absturz in die Tiefe. Diese Flucht aber wirkt dazu mit, daß Johannes und der Pfalzgraf sich endlich wiederfinden, vom neuen Papste entsühnt und glückselig werden.

So finden sich in der Tat beide Arten der literarischen Verwandlung des Märchens, wovon Arnim zu Jacob Grimm 1812 sprach, noch in der Päpstin Johanna wieder. Die gereimte Bearbeitung steht dem Rungeschen Märchen noch sehr nahe, erzählt mit umständlichem Behagen und ist, glaub ich, die frühere Niederschrift Arnims: wie denn überhaupt die Päpstin Johanna ursprünglich in Versen angelegt war. Für die prosaische Gestaltung schickte sich die behagliche Umständlichkeit nicht mehr, Arnim mußte sich kürzer fassen, er ließ sich, den umgebenden Scenen zuliebe, freiere Hand. Dawider streitet keineswegs, daß Arnim, anscheinend im entgegengesetzten Sinne, selbst das gereimte Märchen vom Fische als „andere Gestalt“ des Märchens vom Wasserstar bezeichnet. Er konnte sich auch diese Freiheit gestatten. Und so ist er der erste Herausgeber des einen und der erste Nutznießer des anderen Märchens von Otto Runge geworden.

Friedenau bei Berlin. Reinhold Steig.