Marienkirche (Lübeck)

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Textdaten
Autor: Heinrich Christian Zietz
Titel: Ansichten der Freien Hansestadt Lübeck und ihrer Umgebungen.
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Entstehungsdatum: 1820
Erscheinungsdatum: 1822
Verlag: Friedrich Wilmans
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Erscheinungsort: Frankfurt am Main
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Quelle: Scans auf Commons
Kurzbeschreibung: Abschnitt:Oeffentliche Gebäude, S.55: Auszug der Beschreibung der Marienkirche in Lübeck um 1820, S.56-82.
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[56] Unter allen behauptet

die Marien-Kirche

den ersten Platz. Sie verdient denselben mit Recht, sey es in Hinsicht der herrlichen Bauart, oder ihres inneren Reichthums an Denkmälern der Kunst. Neuere Kirchen mögen sie übertreffen an Gefälligkeit der Form; gewiß wenige in Deutschland kommen ihr gleich an Kühnheit des Entwurfs, an Größe und Sicherheit der Ausführung. So rühmen sie mündliche und schriftliche Zeugnisse als die ausgezeichneteste Kirche des ganzen nördlichen Deutschlands aus den Zeiten der gothischen Bauart; sie stellen sie gleich oder nahe kommend den Domen von [57] Kölln, Straßburg und Wien, in eine Reihe mit der Dreifaltigkeits-Kirche zu Roeskilde in Dänemark.

Auf dem Rücken des Hügels erbaut, in der Mitte der Stadt, ragt sie hervor über alle Umgebungen, ein majestätisches Denkmal des kräftigen menschlichen Willens und des beharrlichen Fleisses in der Vollendung. Denn sie ist nicht aus Quadersteinen aufgeführt, wohl auf solchen begründet, aber nur von gewöhnlichen Backsteinen errichtet. Und doch strebt sie empor in seltener Höhe, mit bewundernswürdiger Festigkeit schon über sechs Hundert Jahre der Zeit und allen Stürmen trotzend.

Ihre Bauart ist dieselbe, wie in den übrigen Kirchen Lübecks, von größerer Länge als Breite. Ihre Form die eines langen, oben abgerundeten Kreuzes, mit kurzen Armen. Schon von Außen läßt sich das hohe Mittelgewölbe unterscheiden, das mit seinen Fenstern gerade und fest über die Seitengänge hervorragt; das Dach ist mit Kupfer bedeckt. Freistehende Bogen stützen es von beiden Seiten, besonders zahlreich am östlichen Ende, und geben dem Ganzen, besonders in der Verkürzung betrachtet, ein charakteristisches Ansehen[1]. Unter den hohen, spitzgewölbten Fenstern dieser [58] obern Kuppel läuft, unterhalb eines zweiten Daches, auf beiden Seiten eine Reihe ähnlicher Fenster herum, und zum Theil am Fuße eine dritte kleinerer in den Kapellen. Zwei hohe Thürme in viereckigten Mauern, mit ansehnlichen runden, mit Blei bedeckten Spitzsäulen, den höchsten unter allen, begränzen das westliche Ende. Sie sind späteren Ursprungs. Erst nach anderthalb Jahrhunderten ward durch sie der Bau vollendet[2]. Der südliche trägt das herrliche Geläute der zahlreichen und großen Glocken. Dem ersten Anblicke nach scheint er Gefahr zu drohen, indem er sich etwas zur Seite geneigt hat. Aber genaue Untersuchungen bestätigen seine völlige Sicherheit, ungeachtet er bei vollem Gebrauch aller Glocken sich bewegt. Selbst den gewaltsamsten Stürmen vermag er, wie bisher, noch lange Trotz zu bieten. Ein kleiner Thurm, später errichtet und von besonderer Form, steht in der [59] Mitte des Daches[3]. In ihm hängen, dem Auge sichtbar und bei starken Stürmen oft von selbst ertönend, die Stundenglocken, von anderen umgeben, welche, regelmäßig gestimmt, bei vollen und halben Stunden die Melodie eines ganzen Chorals oder einzelner Strophen spielen, nach den Jahreszeiten oder Festwochen abwechselnd. Eine Walze im Uhrwerke treibt sie, oder Menschenhände bewegen sie bei feierlichen Gelegenheiten.

Diese Kirche gehört zu den ältesten Gebäuden der Stadt. Schon drei und zwanzig Jahre nach der neuen Begründung (1163) war sie bereits vorhanden[4]. Aber nur allmälig gelangte sie zur Vollendung. Doch scheint die Anlage des Ganzen aus Einer Periode und nach demselben Plane, wenn gleich die Pfeiler des Chors schlanker und von gefälligerer Form sind, als die übrigen Theile. Der Reichthum ihres inneren Schmucks war das Werk einzelner Personen und Familien aus verschiedenen Zeiten. Ihre Bildnisse, Wappen und [60] Schilder bewahren ihr Andenken der dankbaren Nachwelt.

Sechs Thüren, die fast alle in den letzten Jahren neu wieder erbauet sind, führen in das Innere. Mit Bewunderung und ergriffen von dem herrlichen Anblick der Größe, übersieht das Auge die drei Gewölbe, von hohen und schlanken Pfeilern getragen. Das mittelste besonders überrascht durch seine Höhe, die sich von dem Standpunkt unter der Orgel am besten übersehen läßt[5]. Zwei niedrigere Gänge ziehen sich um dasselbe in gleicher Länge und vereinigen sich hinter dem Hochaltar. An diese schließen sich die geräumige Beichtkapelle hinter dem Uhrwerke, und zwei Reihen andrer Kapellen, zu Begräbnißgewölben und Kirchenstühlen bestimmt.

Ausgezeichnet ist der kühne und doch gefällige Bau, die überall gleiche Helligkeit und das freundliche Innere, von allem Düstern und Melancholischen durchaus frei. Schön sind die Verzierungen der Säulen an ihren obern Theilen, von künstlichem Laubwerk, sämmtlich in Stein gehauen, alle übereinstimmend, aber an jedem Pfeiler anders. Groß [61] und erhaben bietet sich der Totaleindruck dem Anschauen dar, kostbar und von großem Reichthum das Einzelne der Verzierungen und Denkmäler.

Hat man sich durch den Anblick des Ganzen erhoben gefühlt, so verweilt das Auge mit Wohlgefallen bei der Betrachtung der mannigfaltigen und kunstvollen Verzierung jedes besondern Theils. Fast kein Platz ist leer, überall zeigen sich Denkmäler alter und neuer Kunst, Monumente, Gemälde, Schnitzwerke in Holz und Stein aus alten Zeiten. Der fromme und dankbare Sinn früherer und späterer Geschlechter vereinigte in dieser Kirche Vieles, das man wohl selten in andern zusammen antrifft. Allenthalben findet sich der Neugierige angezogen durch das Prächtige und der Blick des Kenners sieht sich befriedigt durch Werke von hohem Werthe, welche er unter der Menge entdeckt. Und so viele Tausende sie durchwanderten, keiner verließ sie ohne Bewunderung und gerechte Anerkennung ihrer ausgezeichneten Vorzüge. Sie blieb ihm ein redender Beweis von Lübecks ehemaligem Reichthum, so wie von dem religiösen und Kunstsinne seiner Bürger, besonders der früheren Zeit.

In der Ausschmückung des Inneren mag im Laufe der Jahrhunderte Vieles sich verändert haben. Manches alte Kunstwerk ist vielleicht verschwunden, weil man den wahren Werth nicht erkannte. Unscheinbar geworden durch die Länge der Zeit, durch Staub und Sonnenlicht, warf die Unkunde es von seinem Platze, stellte es unter altes Geräthe, [62] überlieferte es wohl gar, als unbrauchbar, der zerstörenden Flamme. Doch was jetzt noch vorhanden ist, darf ein ähnliches Schicksal nicht fürchten. Man hat die Wichtigkeit dieser alten Denkmale der Kunst schätzen gelernt; ein eigner Ausschuß von Kennern hat die Sorge für ihre Erhaltung und möglichste Wiederherstellung übernommen und die öffentliche Aufsicht ihnen kräftigen Schutz zugesichert[6]. Auch ist des Uebriggebliebenen noch genug, um die Aufmerksamkeit zu erwecken und zu beschäftigen[7].

Aber so wie überall bei einem reichen Vorrath das Mittelmäßige dem Ausgezeichneten zur Seite steht, so auch in diesen Werken der Kunst. Die Arbeiten der Meister in ihrem Fach gesellen sich [63] zu den gewöhnlichen; geschmackvolle Darstellungen zu überladnen und sonderbaren; Leistungen von hohem Werth zu minder wichtigen. Wie der Geist der Zeit sich änderte, wie er die Kunst zu ihrer Blüthe erhob und sie wieder sinken ließ, stellt er sich hier dar, wo Alles nach und nach sich sammelte. Die Bildung und der verschiedene Kunstsinn der Besteller und Arbeiter spricht sich hier aus in mannigfaltigen Abstufungen; der Reichthum und der gute Wille bei beschränkten Kräften lieferten Verschiedenes in Absicht des innern Gehalts und der äußern Form.

Dies bestätigt sich zuerst in den Gemälden, welche diese Kirche aus alter und neuer Zeit aufbewahrt. Neben den Meisterwerken eines Holbein, Altdorfer, Perugino, van Dyk, Williges, Gröger und Andrer, finden sich mittelmäßige Stücke von de la Val und mehrern genannten und ungenannten Malern.

Zwei ausgezeichnete Gemälde der deutschen Schule aus dem sechszehnten Jahrhundert, der Blüthenzeit der Kunst, finden sich an der Wand hinter dem Altar. Eine Anbetung des Christkindes ist der Gegenstand des ersten, eines Altarschrankes mit zwei Thüren. Kein bestimmtes Zeichen nennt den Verfertiger, nur die Jahreszahl 1518, die sich an einer Säule befindet, weiset auf die Periode der Kunst hin, in welcher es entstand. Aber die ganze Bearbeitung, das zarte Kolorit, der fromme Ausdruck in dem Gesichte der Maria, die Lieblichkeit [64] des Kindes, die sinnige, kunstvolle Erleuchtung, die auf der linken Tafel theils von diesem, theils von einem halbbedeckten Lichte in der Hand des Josephs, ausgeht, der Fleiß in der ganzen Behandlung, beurkunden den großen Meister. Die gewöhnliche Angabe nennt Holbein, und das Urtheil der Kenner bestätigt sie. Die Geber dieses Gemäldes, Gotthard von Hövelen und seine Gemahlin, ließen sich darauf abbilden, wie sie, in der Tracht ihrer Zeit, knieend ihre Anbetung und reiche Geschenke darbringen. Das Ganze ist unter reichen, architektonischen Verzierungen geordnet, zwischen welchen sich Ansichten von Jerusalem zeigen. Der rechte Flügel enthält die Flucht nach Aegypten und die Außenseite Adam und Eva[8]. – Als Gegenstück hängt auf der andern Seite, neben der Beichtkapelle, eine ähnliche Altartafel mit vier Thüren, ein Werk von Albrecht Altdorfer, ausgezeichnet durch die Lebhaftigkeit der Farben. Das Mittelbild enthält auf Goldgrund eine Anbetung der Dreieinigkeit. [65] Ueber den Wolken knieet zu beiden Seiten eine große Menge von Männern und Frauen, unter welchen sich im Vorgrunde als Hauptfiguren wahrscheinlich die Geber in Pilgertracht hervorheben. Auf dem linken Bilde erscheinen dieselben Gestalten vor Mönchen knieend, mit Anzeichen hoher Würden. Besonders schön ist der Hieronymus auf der Außenseite derselben Tafel und einzelne Köpfe[9].

Weniger glänzend, aber eigenthümlich in der Darstellung, ist ein großes Gemälde mit einer Thür neben der obern nordöstlichen Kirchthüre, von einem ungenannten Meister, wahrscheinlich aber aus der niederländischen Schule und den frühern Zeiten der Kunst. Das Hauptbild enthält eine Kreuzigung Christi zwischen den beiden Schächern, umgeben von einer zahlreichen Menge allerlei Volks. Der Geschmack des Künstlers kleidete sie in bunte Gewänder, nach der Sitte seiner Zeit, und seine Einbildungskraft wählte eine sonderbare Bezeichnung des Charakters der beiden Missethäter. Zwei kleine, [66] über den Häuptern schwebende Figuren empfangen die entfliehenden Seelen; ein Engel nimmt den Geist des reuigen aus dem Munde, ein Teufel den des verstockten Schächers aus seinem Ohre entgegen. Auf der Nebentafel ist eine Anbetung Christi als Kind, in gleichem bunten Gemisch von allerlei Figuren im Costüme der damaligen Periode. Der matte Farbenton und die ganze Behandlung, so wie manche Verzeichnungen, verrathen ein hohes Alter, das zugleich aus den Umgebungen dieses Bildes hervorgeht[10].

Zwei herrliche Gemälde aus der italiänischen Schule, angeblich von Perugino, hängen in der [67] Sakristey. Olav, der das Christenthum in Norwegen einführte, ist der Gegenstand des ersten, auf Goldgrund. Mit königlichem Mantel über dem Harnisch bekleidet, eine Streitaxt und einen Reichsapfel in den Händen haltend, steht er, zwischen einem Johannes und einem Bischof mit Siegel und Schwerdt, sein eigenes gekröntes Bild an einem Drachenkörper unter die Füße tretend. Sehr schön ist der verschiedene Ausdruck der Empfindung in diesen beiden Köpfen, aus welchen der ruhige Muth und die triumphirende Freude des christlichen Königs und der reuige Schmerz des besiegten heidnischen hervorleuchtet[11]. – Das Gegenstück, von demselben Meister, ist die heilige Katharina, bezeichnet durch Schwerdt und Rad. Eine hohe Gestalt mit den Zügen des ruhigen, festen Glaubens, zu ihren Füßen an der Erde liegend der von ihr besiegte Kaiser Maxentius, oder einer seiner Hauptleute, welche von ihr durch ihre Vorträge bekehrt wurden. Neben ihr zwei weibliche Gestalten, die eine an eine Säule gelehnt mit dem Kelche, die andere mit einem Kinde neben sich, ihr in einem Korbe Blumen und Früchte darbietend[12].

[68] Von Wenigen bemerkt, bewahrt die Greveraden Kapelle, neben der großen Orgel, noch zwei alte Bilder von ausgezeichnetem Kunstwerth, aus dem fünfzehnten Jahrhundert. Beide sind aus der deutschen Schule, doch ohne Namen des Urhebers. Das größere ist die Darstellung einer Messe vor einem Altar, reich mit Reliquien verziert. Unter den zahlreichen Figuren zeichnen sich besonders aus durch ihren Ausdruck die Köpfe des knieenden Papstes und der ihn umgebenden Kardinäle, vor allem das Gesicht eines Greises mit der Brille, welcher sich von jedem Standpunkte aus im Profil zeigt[13]. Gegenüber ein Doppelbild, auf der Haupttafel eine Kreuzigung, sehr reich an Figuren, enthaltend, und daneben der Tod und die Himmelfahrt der Maria[14].

[69] Aus dem übrigen Reichthum an Gemälden nenne ich nur einige, welche ihres Werthes halber besondre Aufmerksamkeit verdienen. Dahin gehören am Pfeiler neben der Taufe das Oval an Focke’s Denkmal, wie Christus unter dem Kreuze niedersinkt, von Kindern und der heiligen Veronika umgeben, mit lebhaftem Kolorit, aus dem Anfang des siebenzehnten Jahrhunderts; – ein Christus am Kreuz, von van Dyk, in einer der südlichen Kapellen; – in einer andern daneben zwei alte Denktafeln der Familie von Aken, vielleicht die ältesten Bilder unter allen, aus dem fünfzehnten Sekulum[15]; – die Gedächtnistafel Kerkrings und seiner Familie, dargestellt als eine Schaar Lämmer, welche zu dem Gekreuzigten emporblicken, von einem Hirten geführt[16]; andrer Stücke von geringerer Bedeutung, die überall zerstreut sich finden, nicht zu gedenken[17].

Die Dankbarkeit weihte in dieser Kirche manches Denkmal dem Andenken verdienter Männer, [70] besonders unter den Mitgliedern des Senats und der Geistlichkeit älterer und neuer Zeit, und erhielt ihre Erinnerung durch Abbildungen. Unter diesen sind einige von berühmten Malern. Vor Allem die Darstellung des Bürgermeisters Kerkring in ganzer Figur, von Gottfried Knikler, in der Nähe der Kanzel; – des Bürgermeisters Matthäus Rodde, angeblich von Denner, im Chore des Altars; – ein gleichzeitiges Bild Luthers von einem guten Meister, in der Beichtkapelle; – ebendaselbst die Porträts des Superintendenten Schinmeyer und des Pastors von der Hude, beide von Gröger, des Pastors Harmsen, von demselben, und mehrere von Johann Jakob Tischbein an andern Stellen. Eine Reihe von Denktafeln früherer Superintendenten ist in der Bergefahrer Kapelle aufgestellt. Auch unter diesen haben einige bedeutenden Kunstwerth.

Eine vorzügliche Zierde dieses Tempels sind aber die prachtvollen Gemälde am Chor. In dem Anfang des sechszehnten Jahrhunderts, nach dem oben erwähnten Brande, vereinigten sich die Glieder der Familien Johann Saligers und Gotthard Wigerings dies kostbare Denkmal ihres Reichthums und frommen Sinnes hier aufzustellen. Sieben Bilder in ganzer Figur schmücken die drei Außenseiten. Darstellungen meistens weiblicher Heiligen wurden gewählt, wahrscheinlich nach den Namen der Frauen, deren Wigering vier gehabt hatte. Die Wappen bezeichnen die Geber; aber die [71] Namen der Künstler kennt man nur von einigen. Doch unverkennbar herrscht in ihnen Dürers Geschmack und Schule. Sind gleich in den Stellungen und Gewändern einige Steifheiten nicht abzuläugnen, so entschädigt dafür hinlänglich die Lebhaftigkeit der Farben auf glänzendem Goldgrunde und das Fromme und Liebliche in den Gesichtern. An der Vorderseite zeigen sich die acht Abbildungen der heiligen Elisabetha, Margaretha, Lucia, Katharina von Alexandrien, Anna, Barbara, Apollonia und Rosa. In der Mitte steht in halberhobenem Schnitzwerk und reicher Vergoldung Maria, als Königin des Himmels, aus einer goldnen Sonne hervortretend, die Mondessichel zu ihren Füßen, und neben ihr die Statuen St. Michaels und der heiligen Anna. Erst späterhin wurden die Gemälde an beiden Seiten hinzugefügt, Meisterwerke von Johann Williges aus Antwerpen, mit der Jahreszahl 1591. Es sind am südlichen Ende die vier Evangelisten mit ihren Bezeichnungen, und nach vorne eine Darstellung der Dreieinigkeit, nach Dürers oben angeführter Idee. – An dem entgegengesetzten nördlichen Theile eine Maria von Engeln gekrönt, gleichfalls nach Dürer, vielleicht das schönste Bild unter allen, und neben ihr Maria Magdalena und Martha; zwischen beiden Christus, die Hand zum Segen aufgehoben. Auch an den übrigen Verzierungen, den Säulen und Thüren, ist die reiche Vergoldung voll Pracht. Ueber der untern Thüre verdient noch ein kleines Marienbild mit dem Kinde gerechte Aufmerksamkeit. Die [72] Treppe ist gleichfalls mit allegorischen Darstellungen aus dem alten und neuen Testament geziert, je zwei und zwei verwandten Inhalts: die eherne Schlange und Christi Kreuz, Jonas und Jesu Auferstehung. Lange wurden diese Gemälde wenig geachtet, weil sie verblichen und mit Schmutz bedeckt dastanden. Aber die geschickte Wiederherstellung im Jahr 1817 hob sie zu neuem Glanze hervor, und zeigte ihren vollen Werth, zur Ehre der Vorsteher, welche die bedeutenden Kosten nicht scheuten[18].

Viel bekannter, und häufiger auch in Schriften erwähnt, ist eine Reihe von Gemälden auf Holz, in [73] einer nördlichen Kapelle unter der kleinen Orgel, wegen ihres Inhalts gewöhnlich der Todtentanz genannt. Der Tod fordert nämlich Personen aus allen Ständen, vom Papst bis zum Kinde in der Wiege, zum Reigen auf und führt sie an der Hand in einer zusammenhängenden Reihe. An Kunstwerth können diese Werke sich nicht vergleichen mit den ehemals zu Basel vorhandenen Zeichnungen, welche man Holbein zuschrieb. Allein die fünf und zwanzig abwechselnden Stellungen des Gerippes, der Ausdruck der Ruhe oder Furcht in den Mienen, und die ganze Anordnung zeigen den sinnigen und geschickten Künstler[19]. Als geschichtliches Denkmal alter Trachten, so wie der damals geltenden Rangordnung, und wegen der im Hintergrunde dargestellten Ansichten des ältern Lübecks und seiner Umgegend, verdient diese Arbeit noch immer Aufmerksamkeit, und ihren Platz unter den vorzüglichsten Merkwürdigkeiten der Kirche. Zur Erbauung [74] des Betrachtenden setzte man wohlgemeinte Verse darunter, in welchen der Tod seine Opfer auffordert und die Empfindungen der ihm Folgenden sich aussprechen. Die ehemaligen plattdeutschen wurden 1701 mit hochdeutschen vertauscht, welche Nathanael Schlott verfertigte. Diese Gemälde sind bereits fünfmal erneuert, doch mit Beibehaltung der Zeichnung und des charakteristischen Ausdrucks des ersten Entwurfs.

Wie alle gothischen Kirchen Glasmalereien in den Fenstern enthielten, so fehlten sie auch hier nicht. Sie mußten aber bei den nothwendigen Ausbesserungen allmälig verschwinden. Nur ein kleiner Rest ist noch in der Beichtkapelle übrig geblieben, welcher die Anbetung und Krönung der Maria enthält.

Verdiente der bisher dargestellte Reichthum an Gemälden Bewunderung, so sind nicht weniger beachtungswerth die zahlreichen Werke der Bildhauerkunst, sowohl in Stein als in Holz, welche dies Gebäude fast in jedem seiner Theile zieren.

Das erhabenste Denkmal dieser Art ist der Hochaltar, 1697 von dem berühmten Künstler Thomas Quellinus aus Antwerpen errichtet; ein kostbares Geschenk des Ratsherrn Thomas Friedenhagen. Ansehnlich ist seine Höhe mit den Pfeilern gleich; bedeutend waren die Kosten, um so mehr, da die erste Sendung des dazu bestimmten Marmors bei einem Schiffbruche verloren ging. Er ist ganz aus diesem Steine erbauet; der Grund aus schwarzem, die Verzierungen aus weißem, mit reichen [75] Vergoldungen auf blauem Grunde in der Wölbung. Schön gearbeitet sind besonders die großen Statuen der Maria und des Johannes, so wie das Brustbild des Gebers; vor Allem aber das weiß marmorne Basrelief der Einsetzung des Abendmahls über dem Altartische.

Die fleißige Hand desselben Meisters schuf mehrere marmorne Denkmäler angesehener Männer, namentlich der Bürgermeister Hieronymus von Dorne, Anton Winkler, Jakob Hüben, und der Rathsverwandten Adolph Brüning und Hartwig von Stiten. Ueberladen ist manchmal seine Anordnung, aber äußerst reich und sauber die Ausführung des Einzelnen. Auch andre geschickte Arbeiter trugen das Ihrige zur Verschönerung bei und ihre Werke bieten sich überall dem Blicke dar. Unter anderem verdienen ruhmvolle Erwähnung: die Büste des 1778 verstorbenen Consuls Johann Peters, einfach im antiken Geschmack von Landolin Ohmacht aus weißem italiänischen Marmor verfertigt; die alten, 1498 aufgestellten, steinernen Basreliefs aus der Leidensgeschichte Jesu, in einer langen Reihe hinter dem Altar, ein Geschenk der Saligers und Brömsen; das Epitaphium des Bürgermeisters Johann Westken von 1720. Wenige Kanzeln kommen vielleicht der hiesigen gleich, welche Brausewind 1691 aus schwarzem Marmor schnitzte, mit weißen Verzierungen zwischen bunten Säulen und über der Decke. Von bewundernswürdiger Zartheit ist das feine Laubwerk an den [76] Spitzbogen, welche das Chor tragen, wahrscheinlich aus früherer Zeit als das Holzwerk, und vom Feuer nicht angegriffen. Merkwürdig bleiben immer die beiden schlanken Granitsäulen in der Briefkapelle, aus Einem Stücke, bei einer Höhe von 15¼ Ellen. Schon fünf Jahrhunderte stehen sie an ihrer jetzigen Stelle, indem dies Gewölbe 1310 erbauet wurde, und schon vorher dienten sie, der Sage nach, zu gleichem Zwecke in Bardewyk, dieser uralten Stadt, welche Heinrich der Löwe (1189) zerstörte. Schön gearbeitet sind in eben dieser Vorhalle die Verzierungen der Bogen über der innern Thüre, wahrscheinlich von eben der Hand, wie die am Chorgewölbe.

Auch die Holzarbeiten im Innern sind mannigfaltig und meistens sehr gut geschnitzt. Fast an allen alten Gestühlen winden sich künstliche Laubwerke und Figuren, unter welchen sich die am Bürgermeisterstuhle vorzüglich auszeichnen. Unter den zahlreichen Denkmälern und Wappenschildern verrathen manche eine geübte Fertigkeit. Den Preis unter allen, sowohl an Reichthum der Figuren in der saubersten Ausführung, als an Vergoldung, verdienen zwei alte Altartafeln. Die eine, in der Bergefahrer Kapelle unter der Orgel, ist 1425 verfertigt und stand ehemals am Hochaltar, durchaus mit glänzendem Golde überzogen. Die andre, in der Kapelle daneben, ist noch vorzüglicher durch kunstvolle Arbeit und geschickte Anordnung der Figuren, die tief hinter einander zurücktreten. Je genauer man das Einzelne betrachtet, das freilich nicht ganz [77] rein erhalten ist, desto mehr bewundert man den Fleiß und die Geduld des Künstlers, der diese Gruppen zwischen architektonischen Verzierungen in verschiedenen Abtheilungen über und neben einander aufstellte.

Die Arbeiten in Metall müssen in der ältern Zeit im nördlichen Deutschland zu einer hohen Vollkommenheit gestiegen seyn. Wenigstens liefert die Marien-Kirche einige Beweise davon. Sie enthält eines der größten Stücke der Gießkunst, die das nördliche Deutschland aufzuzeigen hat[20], nämlich ein Sakramenthäuslein aus vergoldeter Bronze, das neben dem Altar aufgestellt ist. Mehrere Säulen und krause Schnörkel bilden ein hohes und schlankes Thürmchen, durchaus voll Figuren und anderen Verzierungen, insgesammt mit der höchsten Feinheit ausgeführt. Auch das große Taufbecken, 1337 von Hans Anengeter aus Sachsenland gegossen, ist ein schönes Werk. Die häufig vorkommenden messingenen Platten der Leichensteine und [78] einige Denktafeln an den Wänden sind kunstvoll gearbeitet[21].

Ein eigenthümliches, allgemein gerühmtes Kunstwerk ist die astronomische Uhr, welche die ganze Hinterwand des Altars einnimmt[22]. Bei der Mannigfaltigkeit der Gegenstände ist die Einrichtung des innern Räderwerks sehr einfach und ein sprechender Beweis von der Geschicklichkeit des ungenannten Künstlers. Das Ganze besteht aus drei Abtheilungen über einander. Das unterste Fach füllt eine große bewegliche Scheibe, mit allen Angaben der gewöhnlichen Kalender, in concentrischen Kreisen, für die Jahre 1753 bis 1875. Täglich rückt sie um eine Zeile weiter gegen eine links befindliche vergoldete Hand, deren vorgestreckter Finger auf das jedesmalige Datum hinweist. – Die mittelste Abtheilung ist die künstlichste. Sie zeigt an beweglichen Stangen den täglichen Stand der Sonne, des Mondes mit seinem wechselnden Lichte und der früher bekannten Planeten im Thierkreise. Die oberste [79] enthält eine mechanische Spielerei, die indessen täglich um die Mittagsstunde eine Menge Neugieriger herbeiführt. Auf einer beweglichen Scheibe erscheinen, sogleich nach dem zwölften Glockenschlage, die buntverzierten Gestalten des Kaisers und der sieben Kurfürsten (das Volk nennt sie Apostel), von einem Rathsdiener begleitet, aus der Thüre rechts hervortretend. Sie gehen vor einem Christus vorüber, der sie mit der beweglichen Hand segnet, wogegen sie ihn mit einem Kopfnicken begrüßen, und verschwinden durch die andre Pforte, die sich hinter ihnen schließt. Das Sonderbare ihrer Bewegungen, die Verbeugungen der beiden andern Rathsdiener in alterthümlicher Tracht, die unharmonischen Töne der posaunenden Engel, können selbst dem Ernsthaftesten ein Lächeln abgewinnen. Jeder Schlag der Glocken wird durch bewegliche Figuren bewirkt, und bei halben und vollen Stunden in der Kirche und oberhalb im Thurme von einem doppelten Glockenspiele begleitet.

Neben diesem Allen hat die Kirche noch einen besonderen Vorzug durch die beiden Orgeln. In dem höchsten Theile des Mittelgewölbes steht die große, prachtvoll durch ihre Verzierungen und reichen Vergoldungen, so wie durch den reinen Silberglanz der sichtbaren Pfeifen. Von oben herab tönt ihr voller und herrlicher Klang, lieblich in den sanfteren Registern und mit außerordentlicher Kraft in den tieferen Grundtönen. Wer sie hörte, wenn sie beim Gottesdienste den Gesang [80] der Gemeine begleitet, oder sonst, wenn die Meisterhand des jetzigen Organisten von Königslöw, der sie durchaus kennt, ihren ganzen Reichthum hervorhebt, der gestand ihr bewundernd den Preis vor vielen andern zu. So selten ihrer in Schriften erwähnt wird, so gebührt ihr, wo nicht der erste, doch ein vorzüglicher Rang unter den Orgeln Deutschlands, sey es in Betracht des Umfangs, oder der Zahl der Register und der Fülle des schwellenden Tones. Nach Urtheilen von Kennern kömmt sie der Harlemer nahe[23]. Unbekannt ist der Name des ersten Erbauers. Aber die Zeit ihrer Entstehung setzt man gewöhnlich um das Jahr 1518. Doch ist sie nachher vergrößert und mehrmals verbessert worden. Mit ihr wetteifert die kleine Orgel, über dem Todtentanze. Sie ist aus der Katharinen-Kirche hieher versetzt, und gleichfalls ein herrliches Werk, besonders in den sanften Tönen. Selten findet sich zwischen zwei Orgeln eine so völlig gleiche Stimmung, wie zwischen diesen beiden. Bei feierlichen Gelegenheiten sind sie mehrmals zusammen [81] gespielt worden, so daß man sie kaum unterscheiden konnte. Das günstige Urtheil des berühmten Abts Vogler ist gewiß das vollgültigste Zeugniß ihres vorzüglichen Werthes.

Einen flüchtigen Blick verdienen noch die geschichtlichen Denkmale kriegerischer Tapferkeit, welche die Kirche aufbewahrt. Als Siegeszeichen, in einem Seegefechte mit dem Könige Erich dem Frommen 1427 erbeutet, hängt eine alte dänische Fahne an einer Stange nahe bei dem Chore. Und als Lübecks tapfere Jünglinge aus dem Kampfe für Vaterland und Freiheit heimkehrten, erhielten ihre beiden Fahnen, nicht ohne Spuren blutigen Sieges, hier einen ehrenvollen Platz. Sie wurden, zum dankbaren Andenken für die Nachwelt, am 19. Oktober 1814 unter religiösen Feierlichkeiten aufgestellt und nach dem zweiten Zuge am 4. Februar 1816 hieher zurückgebracht. Die Namen derer, welche ihr Leben muthvoll dem Vaterlande zum Opfer brachten, überliefert eine große Tafel von geglättetem Kupfer, in marmornem Rahm, den künftigen Geschlechtern.

Mit Recht ist Lübeck stolz auf diese Kirche, das herrlichste Denkmal seiner Vorzeit, und mit Freude vernimmt es die Aeußerungen der Bewunderung jedes gebildeten Fremden. Unauslöschlich und erhebend bleibt der Eindruck Jedem, der sie bei voller Erleuchtung in abendlicher Stille durchwandelt, oder am 11. November 1817, an welchem [82] Tage über fünf Tausend Zuhörer in ihr versammelt waren, in ihrem Glanze gesehen hat[24].

Ihr weit nachstehend an äußerer und innerer Schönheit erscheinen die übrigen Kirchen Lübecks, welche indessen doch auch manches Merkwürdige darbieten.

Anmerkungen

  1. Schade, daß die Gebäude, welche den Kirchhof überall umgeben, von keiner Seite einen Totalanblick erlauben und die vielen Anhängsel zwischen den Pfeilern dem reinen Verhältniß des Ganzen nachtheilig werden. Der beste Standpunkt in der Nähe, wo sich vorzüglich die Strebebogen gedrängt darstellen, ist im [58] alten Schrangen vor dem Spritzenhause. Aber auch da verstecken die Zimmer der Kanzlei den untern Theil ganz. Noch am Freiesten, aber in großer Entfernung, übersieht man die Kirche von Marly aus, oder in entgegengesetzter Richtung vom Walle.
  2. Diese Thürme wurden 1304 und 1310 errichtet, wie eine Inschrift in der sogenannten, unter dem südlichen gelegenen, Bilderkapelle beweiset. Sie messen bis an den Knopf 422 Fuß, nach der Messung des Dänischen Ingenieur-Capitains v. Caroc bis an den Hahn 385 Pariser Fuß, 11 Zoll. Bis auf den Glockenboden führt eine Treppe von 365 Stufen und von da bis in die Spitze neun Leitern mit 161 Tritten. Bei den Gradmessungen des Professor Schumacher boten sie einen wichtigen Standpunkt zur Vergleichung dar.
  3. Der jetzige ist nach 1508 errichtet, in welchem Jahre ein Brand, der zu Ostern durch die Unvorsichtigkeit des Glöckners entstand, den früheren vernichtete. Das Feuer verbreitete sich auch in das Innere der Kirche, besonders zum Chore, dessen Holzwerk es verzehrte.
  4. Denn Bischof Gerold, welcher 1164 starb, überließ bereits den Kanonicis die Einkünfte und Vermächtnisse derselben. Und in dem Privilegium des Kaisers Friedrich I. vom Jahr 1188 ward den Bürgern das schon von Heinrich dem Löwen erhaltene Recht bestätigt, einen Priester zu wählen und ihn den Bischöfen vorzustellen.
  5. Von diesem Standpunkte, neben der Taufe, ist die Zeichnung des Innern dieser Kirche aufgenommen. Das Mittelgewölbe hat eine Höhe von 152 Fuß mit 9 Bogen, bei 44½ Fuß Breite. Die Länge der ganzen Kirche beträgt 340 Fuß, wovon der zum Gottesdienste bestimmte Platz von der Orgel bis zum Chore 249 einnimmt. Die größte Breite im Kreuz mißt 176, in der Mitte 111 Fuß. Die Pfeiler bis an die Kapitäle sind 43 Fuß hoch und 6 Fuß stark, in ungleicher Entfernung von 14 bis zu 17 Fuß.
  6. Unter andern besaß diese Kirche vor der Reformation einen kostbaren Schatz an silbernen und goldnen Gefäßen und Heiligenbildern, dessen Verzeichniß der Senior von Mölln in seiner (nur in Handschrift vorhandenen) „ausführlichen Beschreibung von Lübeck“ aus einem alten Kirchenbuche aufbehalten hat. Es füllt 10 volle Seiten in Folio. Auf Wollenwebers Anstiften mußte dieser reiche Vorrath zur Bestreitung der Kosten in einem Kriege mit den Holländern 1533 hergegeben werden.
  7. Ich erlaube mir, eine kurze Beschreibung einiger der vorzüglichsten Kunstwerke hier beizufügen, um Fremden einen Fingerzeig zu geben, worauf sie bei Betrachtung unsrer Kirchen vorzüglich ihr Augenmerk zu richten haben. Nur fehlen leider fast überall die geschichtlichen und sichern Angaben der Meister, wo sie sich nicht selbst bezeichneten und gebildete Kenner haben ihrer bis dahin noch nicht öffentlich erwähnt. Die Nachrichten von einzelnen Gemälden, welche unter andern das Morgenblatt von 1818 in Nro. 226 und folg. enthält, bedürfen vieler Berichtigungen.
  8. Fiorillo, in der Geschichte der zeichnenden Künste in Deutschland, Bd. 2. S. 129 f. in Folge des Aufsatzes von Rumohr in Schlegels Museum, Bd. 4., erwähnt dieses Bildes mit Ruhm. Und von Heineken, in den Nachrichten von Künstlern und Kunstsachen, Bd. 2. S. 74, achtet es eines Tizians und Leonardo da Vinci würdig. Andre halten es für ein Werk Dürers, wegen der architektonischen Verzierungen und des Eckigten in dem Faltenwurf einiger Gewänder, aber wohl mit Unrecht. Nur Schade, daß es früherhin nicht rein genug gehalten wurde und neuere Ausbesserungen von ungeschickter Hand Manches verdorben haben.
  9. Manche Darstellungen sind im Geschmack Dürer’s, z. B. die Gruppe der Dreieinigkeit, wie sie auch an einem Gemälde des Chors vorkömmt. Der Vater, mit einer dreifachen Papstkrone geschmückt, hält den Leichnam Jesu auf dem Schooße und der heilige Geist in der Gestalt einer Taube schwebt über ihm. Auf den andern Tafeln ist Johannes, wie er eine Erscheinung vom Himmel aufzeichnet, ein Papst, ein Kaiser und ein Bischof. Die Außenseiten der beiden Thüren stellen eine weibliche Figur, in einem Buche lesend, und einen knieenden Engel dar. Das wiederholte Monogramm hebt alle Zweifel über den Künstler. Die Erneuerung war hier vorsichtiger.
  10. Manche erklären es für ein Werk des Lucas von Leyden, wegen der Art der ganzen Arbeit und des am Fuße des Kreuzes liegenden Windspiels. Andre wollen in diesem und dem ähnlichen S. 68. angeführten denselben Meister erkennen. In der untern Hälfte ist ein Monogramm, aus winkligen Zügen zusammengesetzt. Die Buchstaben H. O. V. D., welche auf dem rothen Unterkleid einer Figur im rechten Vordergrund stehen, bezeichnen wahrscheinlich den Namen des Gebers, vielleicht aus der Familie von Dorne, welche sich durch Kunstliebe und fromme Freigebigkeit auszeichnete. Noch Andre glauben statt des letzten D. ein M. zu lesen. Wiese es dann auf Isaak von Mecheln hin (hoc opus von Mecheln)? Die äußere Seite enthält eine Maria, auf eine Mondessichel tretend, und von Strahlen umgeben, wie sie am Chor und über der Orgel gleichfalls dargestellt ist, und zwei Apostel neben ihr. Das hohe Alter dieses Gemäldes beweisen auch die darunter stehenden in Grau gemalten Heiligen-Köpfe, welche durch ein sich schlängelndes Band mit Mönchsschrift verbunden sind. Die Zeitung für die elegante Welt, 1819. Nro. 180., erwähnt eines Gemäldes von Johann Raphun, vom Jahr 1508, im Dom zu Halberstadt, welches in der Darstellung mit dem hiesigen viel Aehnliches zu haben scheint. Allein die dort gerühmte Glut der Farben fehlt dem unsrigen gänzlich.
  11. Eine ähnliche Darstellung des Olavs, in Stein gehauen, steht in dem Fenster eines Hauses hinter der Kanzlei, welches früher der Bergefahrer-Compagnie gehörte. An demselben finden sich zugleich mehrere Reihen Bildnisse alter nordischer Könige.
  12. Man kann sie als Glaube und Liebe deuten. Andre halten sie für die Heiligen, Barbara und Rosa. An diesem Bilde ist aber der ehemalige Goldgrund in einen perlfarbigen verwandelt.
  13. Vielleicht ist es eine Arbeit von Michael Wohlgemuth. Wenigstens erwähnt Fiorillo Bd. 2. S. 327 eines ähnlichen Bildes von demselben, mit der Jahrszahl 1511, welches sich in der kaiserlichen Gallerie zu Wien befindet.
  14. Es ist ganz in dem Geschmack der damaligen Zeit, mit bunten Kleidungen. Die Kreuzigung hat viel Aehnliches mit dem oben S. 66. erwähnten Bilde; die Darstellung der entfliehenden Seelen ist dieselbe und vielleicht von der nämlichen Hand. Das Marienbild enthält die Legende, wie die Apostel sich an ihrem Sterbebette versammeln. Zeitverwechslung kleidete die Maria in Nonnentracht und gab den Jüngern Gestalt und Geschäfte von Priestern, welche die Gebräuche der Kirche bei Sterbenden an ihr vollziehen. Die Jahrszahl 1495 erlaubt, es für ein Werk Martin Schöns zu halten, dem man es zuschreibt. Es scheint übereinstimmend mit einem Gemälde in der Boisseréeschen Sammlung, dessen das Morgenblatt 1819. Nro. 157 erwähnt; noch mehr mit einem andern, welches das Kunstblatt Nro. 16. desselben Jahres beschreibt.
  15. Dies beweiset die ganze Art der Zeichnung. Die Figuren stehen einzeln zwischen gothischen Spitzbogen; die Köpfe sind sauber gearbeitet in einem Kreise von Goldgrund, die Füße dagegen ganz verzeichnet. Die Unterschrift nennt das Sterbejahr 53, ohne Angabe des Jahrhunderts.
  16. Diese Tafel enthält aber keineswegs die abgeschmackte plattdeutsche Unterschrift, welche einige Bücher ihr beilegen, sondern passende lateinische Distichen. Kerkring starb 1504.
  17. So ist ein großes Stück von Franz Oesterreich, die Bußpredigt Nathans darstellend, in der Nähe des Rathsstuhls; – und an verschiedenen Epitaphien findet man manches Bedeutende.
  18. An dieser Erneuerung arbeiteten die Maler Hauttmann und Voß nebst dem Kunsthändler Schlegel. Ein Kopf ist neu gemalt, und gerade derjenige, welcher im Morgenblatt 1818. Nro. 227 am meisten gerühmt wird. Es war Anfangs die Absicht, das Chor ganz wegzunehmen, wodurch die Totalansicht der Kirche sehr gewonnen hätte. Aber die Besorgniß, der Festigkeit des Gebäudes zu schaden, und die Achtung gegen dies herrliche Kunstwerk, dessen Verlust unersetzlich gewesen wäre, riethen zur Beibehaltung. Manche besondere Verzierung, z. B. der spitzen Thürmchen, ist indessen weggeschafft. – Die Richtigkeit der im Texte angegebenen Zeit, in welcher dieser neue Bau des Chores entstand, beweiset die an der Treppe befindliche Jahreszahl 1515. Die Ansicht der Vorderseite enthält die Zeichnung des Innern dieser Kirche. An der hintern Seite gegen den Altar befinden sich noch zwei Reihen Gemälde in ihrer ursprünglichen Gestalt, wovon die untere Folge von gleicher Größe mit denen an der Treppe ist und in der Art der Ausführung von demselben Meister zu seyn scheint. Dieses Chor hat einen bedeutenden Umfang, so daß es ein Orchester von zwei Hundert Personen fassen kann, welche am 11. November 1817 zur Aufführung des Händelschen Messias sich hier versammelten.
  19. Man schrieb diese Gemälde früherhin gleichfalls Holbein zu und die erste Tafel enthielt selbst ausdrücklich: px. Ho. Allein sie werden bereits 1463 erwähnt, wo dieser berühmte Künstler noch nicht geboren war, und man löschte bei richtigerer Ueberzeugung die falsche Angabe späterhin wieder aus. Eine Nachbildung ist auf acht Kupfertafeln 1783 in Donatius Verlage erschienen. Der dazu gehörige Text von Ludwig Suhl enthält zugleich die alten plattdeutschen Reime, so weit sie noch aufzufinden waren. Die jetzigen liest man in mehreren ältern Erdbeschreibungen, z. B. Hager’s, Thl. 2. S. 806 ff. Auch werden sie in besondern Abdrücken verkauft. Eine englische Uebersetzung liefert Nugent, travels through Germany, London 1768.
  20. Fiorillo in seiner Geschichte der zeichnenden Künste in Deutschland, Bd. 2. S. 128. erklärt es für das größte unter allen. Die Umschrift giebt das Jahr 1479 an, in den fast unleserlichen Worten: Hoc anno MCCCCLXXIX perfectum Domino Henrico Castorp Proconsule, Ludero Bere Consule Provisoribus et Paulo Slaggen operario. Orate Deum pro eis. Unten steht: Nicolaus Rughesee aurifaber et Nicolaus Gruden aeris figulus me fecerunt. Orate Deum pro eis. Die übertriebene Meinung von dem Werthe des Materials und der Wahn, Schätze darin zu finden, verursachten kleinere Verstümmelungen.
  21. Die Monumente Gotthards von Höveln neben der südöstlichen Thüre hinter dem Altar und Wigerings, der 1518 starb, unter dem Chore, zeichnen sich vor allen aus.
  22. Sie soll bereits 1405 verfertigt seyn, wie eine daran befindliche Jahrszahl andeutet. Allein da sie nach dem Kopernikanischen Weltsystem eingerichtet ist, und der Entdecker desselben erst 1473 geboren wurde, so muß die jetzige Anordnung späteren Ursprungs seyn. Das Werk wurde mehrmals erneuert, weil die Jahrestafeln zu Ende waren. Bei der letzten Verbesserung, 1809, ist die von Bode neu berechnete Tafel der Finsternisse von 1811 bis 1860, für den Lübeckischen Horizont, eingetragen.
  23. Sie hat, außer dem Pedal, 3 Klaviere, 57 Register und 4684 klingende Pfeifen, deren größte im Prinzipal 16 Ellen in der Länge und 18 Zoll in der Weite hat, bei einem Gewichte von 960 Pfund. Sie sollen aus einer eigenthümlichen Masse gegossen seyn. Acht Blasebälge, ehemals sechszehn, verschaffen dem Werke den nötigen Wind. – Die Jahreszahl 1561, welche sich am obern Holzwerk befindet, deutet wohl mehr auf dessen Vollendung, oder auf eine Hauptvergrößerung, als auf die erste Anlage. Die letzte Verbesserung der großen Orgel geschah 1782, und der kleinen 1806.
  24. Diesen lebhaften Eindruck schildert ein Aufsatz im Morgenblatt 1817, Nro. 308. Die angegebene Zahl der Zuhörer giebt einen anschaulichen Begriff von der Größe dieses Gebäudes, in welchem noch der dritte Theil hinter dem Chore fast leer blieb.

Anmerkungen (Wikisource)

Der Autor war Prediger an der Aegidienkirche in Lübeck. Die Backsteingotik wurde zur Zeit der Entstehung des Textes erstmals wieder als Kulturerbe empfunden, das Wissen um die Herkunft der reichen Ausstattung und die Baugeschichte war jedoch noch nicht wiedergewonnen. Zietz stützt sich weitgehend auf Fiorillo als Begründer der modernen Kunstgeschichte und v. Rumohr als Vordenker des Denkmalschutzes. Zietz beschreibt - aus heutiger Sicht mit etlichen Zuschreibungsfehlern - den Zustand der Kirche, wie er im Wesentlichen bis zur Zerstörung durch den Bombenangriff auf Lübeck am 29. März 1942 Bestand hatte. Deutlich wird, dass Künstler wie Bernt Notke zur Zeit des Erscheinens in Vergessenheit geraten waren.