Melpomene/Band 2/054 Bei dem Grabe eines Knaben, der von einem Blitze getödtet wurde

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Autor: Michael von Jung
Titel: Melpomene oder Grablieder
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Erscheinungsdatum: 1839
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Erscheinungsort: Ottobeuren
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Quelle: Erstausgabe, Ottobeuren 1839, Band 2, S. 152-157
Kurzbeschreibung: Sammlung von Grabliedern
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[152]

54. Bei dem Grabe eines Knaben, der von einem Blitze getödtet wurde.

Melod. III.

1. Noch zittern wir vor Angst, und beben
Betäubt von einem Donnerkeil,
Weil wir stets in Gefahren schweben
Für unser Leib- und Seelen-Heil,
Wovon uns dieses Knaben Leiche,
Den dieses neue Grab verschliesst,
Gefällt von einem Donnerstreiche,
Zur Warnung und Belehrung ist.

2. Es war ein schöner Sommermorgen,
Am dreissigsten des Julius [1838]
Und fröhlich, ohne alle Sorgen,
Erscholl der Freunde Morgengruß;
Da kam der heiß ersehnte Regen,
Und tränkte die erhitzte Flur,
Als unter Blitz und Donnerschlägen
Ein kalter Schaur hernieder fuhr.

3. Da suchte Mancher auf dem Felde
Zum Schutze sich den nächsten Baum
[153] Vor starkem Regen Schaur und Kälte,
Und konnte ihn erreichen kaum:
So glaubte er zu thun am beßten,
Und dachte nicht an die Gefahr,
In welcher unter seinen Aesten
Doch offenbar sein Leben war.

4. So kamen, ihr Gewand zu schonen,
Obwohl mit schlechtem angethan,
Mit ihren Pferdten sechs Personen
Bei der bekannten Forche an:
Auf einmal fuhr, o welch ein Schrecken!
Ein zack[1] Blitz auf sie herab,
Sie tod zu Boden hinzustrecken,
Und so ins unverhoffte Grab.

5. Ein Mädchen und drei Knaben kamen
Von selbsten zum Vernunft-Gebrauch,
Und wälzten sich mit ihren lahmen
Und kalten Gliedern aus dem Rauch;
Allein ein Mann und Knabe blieben
Erschlagen liegen unterm Baum,
Und die erstickten Lungen trieben
Aus Mund und Nase Blut und Schaum.

6. Da eilten Linck und Härle ihnen
Zu Hülf in ihrer Todesnoth,
In der sie schon verlohren schienen,
Und thaten, was die Pflicht geboth:
Sie machten ihre Mundes-Höhle
Sogleich vom Schleim und Blute rein,
Und bliesen ihnen durch die Kehle
Den Lebens-Athem wieder ein.
[154]
7. Der Mann began sogleich zu röcheln,
Bekam den Lebenshauch zurück,
Verzog den Mund zum sanften Lächeln,
Und öffnete den welken Blick;
Den Mund verließ die Todesblässe,
Das Auge schloß dem Tag sich auf,
Und durch die leeren Blutgefässe
Began aufs neu der Bluteslauf.

8. Allein beim Knaben war vergebens,
Was man gethan zu retten ihn,
Der letzte Funcken seines Lebens
War ohne Rettung schon dahin;
Denn ach! vom Blitze war getroffen
Sein Haupt und Hals und Brust und Bauch,
Und keine Wiederkehr zu hoffen
Von dem verschwundnen Lebenshauch.

9. Doch izt erscholl das laute Klagen
Der Schnitter bis herein ins Ort:
Der Blitz hab in die Forch geschlagen,
Und Alles lieg erschlagen dort;
Sechs Menschen und vier Pferdte fielen
Vom Blitze tödlich hingestreckt,
Und von den schmerzlichsten Gefühlen
War jedes Menschen Herz bewegt.

10. Das laute Klaggeschrey vereinte
Zur Hülfe schnell den ganzen Ort,
Man rang die Hände, klagte, weinte,
Und eilte zu der Forche dort:
[155] Da führte man auf einem Wagen
Die Unglücksopfer schon herbey,
Und hörte Augenzeugen sagen,
Was eigentlich geschehen sey.

11. Vom Blitze ist allein getödtet
Der arme Knabe Romuald,
Die andern alle sind gerettet
Aus seiner mordenden Gewalt;
So wurden auch zwei schöne Pferdte,
In ihrer beßten Jugendkraft
Gewiß von nicht geringem Werthe,
Vom Donnerstreiche hingerafft.

12. Da liegt er nun, der holde Knabe,
Von einem Blitzestrahl durchzückt,
In diesem neugewölbten Grabe,
Auf einmal dieser Welt entrückt;
Doch seine Unschuld läßt uns hoffen,
Obwohl er durch den Blitz verschwand:
Daß ihm das Thor des Himmels offen
Bei seinem Lebensende stand.

13. Denn Jesus sagte: Lasst die Kinder
Zu mir, die noch voll Unschuld sind,
Denn lieber, als der kleinste Sünder,
Ist mir ein unschuldvolles Kind;
Und wollt ihr ein zum Leben gehen,
So müßt ihr wie die Kinder seyn,
Und jeder Sünde widerstehen,
Und gänzlich euch der Tugend weihn.
[156]
14. So schöpfen auch aus diesen Worten
Des Knaben Eltern Trost und Ruh,
Er gieng ja durch des Himmels Pforten
Gewiß der höchsten Freude zu:
Gott hats gethan, es ist kein Fehler,
Dafür gebührt Ihm Dank und Lob,
Da Er ihn jedem Armenquäler
Entzog, und ihn zu Sich erhob. –

15. Indessen bleibt es doch gefährlich:
Bei Blitzen unter Bäumen stehn,
Weil wir darunter Manchen jährlich
Vom Blitz getroffen fallen sehn;
Auch ist verbunden mit Gefahren
Das Läuten in dem Kirchenthurm,
Denn öfter pflegt hinein zu fahren
Ein Blitz aus dem Gewittersturm.

16. Wollt ihr daher dem Blitz entgehen,
So fliehet unter keinen Baum,
Und bleibet lieber draussen stehen,
Im freyen Illerthales Raum.
Am beßten ists, nach Haus zu gehen,
Wenn es in fernen Wolken blitzt,
Wo wir im Hause sicher stehen,
Wenn es ein Blitzableiter schützt.

17. Auch ohne diesen ist es immer
Zu Hause sichrer, als im Feld,
Im mittern Raum von einem Zimmer,
Das man zur Vorsicht offen hält,
Nur müssen wir von Wänden ferne,
[157] Und ferne vom Kamine seyn,
Denn schlägt es ein, so schlägt es gerne
Ins Dach, Kamin und Wände ein.

18. Auch soll zum Schutz die Seide dienen,
Wenn man mit ihr das Haupt bedeckt,
Die an Elektrisirmaschinen
Die Blitze abzuleiten pflegt;
Hingegen ziehen die Metalle
Die Blitze ganz besonders an,
Wie Jedermann im Zweifelsfalle
An Blitzableitern sehen kann.

19. Doch ist ein ruhiges Gewissen
Der beßte Schutz in jeder Noth,
Denn wenn wir seinen Trost vermissen,
So drohet uns der Seele Tod;
Denn dieser kann uns immer plötzlich
Befallen ohne Donnerstreich:
Dann wär der Schaden unersetzlich
Im ewigen Vergeltungsreich.

20. Lasst uns daher die Sünde hassen,
Sie ist allein der Seele Gift;
Dann können fröhlich wir erblassen,
Wenn uns des Blitzes Kugel trift:
Dann mag die Welt zusammen brennen,
Und wir mit ihr im heissen Brand,
Weil wir doch sicher hoffen können:
Wir finden Schutz in Gottes Hand.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. aufgrund von Druckfehlern oder eines Fehlers des Reprints fehlen auf dieser Seite mehrere Buchstaben, hier eine ganze Silbe; gemeint ist wohl zack’ger oder zackig