Melpomene/Band 2/066 Bei dem Grabe eines blinden Mannes, der zu tod fiel

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Autor: Michael von Jung
Titel: Melpomene oder Grablieder
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Erscheinungsdatum: 1839
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Erscheinungsort: Ottobeuren
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Quelle: Erstausgabe, Ottobeuren 1839, Band 2, S. 178–180
Kurzbeschreibung: Sammlung von Grabliedern
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[178]

66. Bei dem Grabe eines blinden Mannes, der zu tod fiel.

Melod. XV.

1. O welche allgemeine Trauer,
Und welcher namenlose Schmerz,
Und welche nie gefühlte Schauer,
Durchwühlen grausam unser Herz!
Denn ach! der Mann, den wir begraben
War vor drei Tagen noch gesund,
Und eh wir es vermuthet haben
Schlug schnell für ihn die Todesstund.

2. Er hatte einmal schon verlohren
Durch einen Fall sein Augenlicht,
Doch leider! wie bei allen Thoren,
Ihn warnte dieses Unglück nicht;
Er stieg aus eitler Wißbegierde
Im Stadel nocheinmal hinauf,
Und schloß, weil nichts den Blinden führte,
Durch einen Fall den Lebenslauf.

3. Er fiel mit seiner Leibesschwere
Herab von einem hochen Stand,
Und lernte die verschmähte Lehre
Der Vorsicht erst in Todeshand;
[179] Denn ach! er fiel zur Tenne nieder,
Und brach beinahe das Genick,
Dieß lähmte alle seine Glieder,
Und keine Hoffnung blieb zurück.

4. In diesem Falle war der Glauben
Sein Trost und seine Zuversicht;
Nichts kann ihm das Vertrauen rauben
Auf des Erlösers Gnadenlicht.
Mit Schmerz bereut’ er seine Sünden
Und seine Unvorsichtigkeit,
Und hoffte Gnade noch zu finden
Bei Gottes Allbarmherzigkeit.

5. Bald schwand die Hoffnung zur Genesung,
Verlohren war sein Lebensglück,
Und nur nach baldiger Erlösung
Erhob er seiner Seele Blick;
Der Athem wurde immer schwächer,
Erblassend schloß er seinen Mund,
Und trank den bittern Todesbecher,
Wie Jesus, aus bis auf den Grund.

6. So gieng er ohne Furcht und Beben
Aus dieser Welt in jene hin,
Denn Jesus Christus ist sein Leben
Und Sterben war für ihn Gewinn.
Wir können also sicher hoffen
Daß, als sein Lebenshauch verschwand,
Sein Geist für sich den Himmel offen,
Und beim Gerichte Gande fand.

[180] 7. Lasst uns daher mit Vorsicht wandeln,
Dem Leibe und der Seele nach,
Denn wenn wir unvorsichtig handeln
So folgt zu spätes Weh und Ach;
Und sollten wir dann doch verliehren
Dem Leibe nach das Augenlicht;
Wenn wir ein frommes Leben führen,
Fehlt Gottes Gnadenlicht uns nicht.

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