Mondschwindel

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Textdaten
Autor: Richard Adams Locke
Titel: Sir John Herschel's neue höchst merkwürdige Entdeckungen in der Mondwelt
Untertitel:
aus: Sundine, Literatur- und Intelligenzblatt für Neu-Vorpommern und Rügen, 1835, Seite 411
Herausgeber: Friedrich Joachim Phillip von Suckow
Auflage:
Entstehungsdatum: 1835
Erscheinungsdatum: 1835-36
Verlag:
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Erscheinungsort: Stralsund
Übersetzer:
Originaltitel: Great Astronomical Discoveries Lately Made By Sir John Herschel At The Cape Of Good Hope
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans auf Commons
Kurzbeschreibung:
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WS: Der folgende Text erschien 1835 in mehreren Teilen in der New Yorker Tageszeitung „The Sun“. Er ist in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in verschiedenen Übersetzungen durch die Zeitungen und Zeitschriften der Welt gegangen. Der Text beschreibt die angeblichen Entdeckungen des britischen Astronomen Sir John Herschel in seiner Zeit in Südafrika.



Sir John Herschel's neue höchst merkwürdige Entdeckungen in der Mondwelt[1]

Es war am 10ten Januar 1834, des Abends ungefähr um halb zehn Uhr, - der Mond stand seit vier Tagen im ersten Viertel, - als der Astronom seine Instrumente[2] richtete, um den östlichen Mondrand zu beschauen. Die ganze ungeheure Kraft des Teleskops ward in Anwendung gebracht, und dem Bilde des Brennpunktes etwa die halbe Stärke des Mikroskopes applicirt. Als der Deckel des letzteren abgenommen worden, erblickte man auf dem Gesichtsfelde[3] eine über die ganze Fläche desselben sich erstreckende, prachtvolle, deutliche und selbst lebhafte Darstellung eines Basaltgebirges. Die Farbe desselben war grünlich braun, und die durch Zwischenräume auf der Leinwand genau begränzte Breite der Säulen durchweg 28 Zoll. Nicht der geringste Riß zeigte sich in der zuerst erschienen Masse; nach einigen Secunden aber kam ein losgetrenntes Bruchstück von 5 oder 6 Säulen zum Vorschein, sechseckig von Form, und in der Zusammenfügung der einzelnen Theile den Basaltgebilden auf Staffa ähnlich. Dies umgestürzte Bruchstück war mit einer dunkelrothen, dem Papaver Rhoeas, oder der Klatschrose unserer sublunarischen Kornfelder, vollkommen ähnlichen Blumengattung über und über bedeckt: dem ersten organischen Naturprodukt einer anderen Welt, welches dem menschlichen Auge enthüllt worden ist.

Die Schnelligkeit der Aufsteigung des Mondes, oder vielmehr der Rotation der Erde, welche bekanntlich fast 500 Yards in der Secunde beträgt, würde sicher die Betrachtung, und selbst die Entdeckung so kleiner Gegenstände, wie die eben gedachten, verhindert haben, wenn nicht der bewundernswürdige Mechanismus mittelst Beihülfe des Sextanten fortwährend die erforderliche Höhe der Linse reguliert hätte. Die Wirkung desselben erwies sich jedoch so vollkommen, daß die Beobachter den Gegenstand ihrer Betrachtung auf dem Gesichtsfelde, so lange sie wollten, festhalten konnten. Die durch Entdeckung einer Pflanzenart im Monde herbeigeführte Entscheidung einer wichtigen Frage war aber von zu großem Interesse, als daß sie das Verschwinden der erstern nicht möglichst verzögert hätten. Der Beweis war dadurch geliefert, daß der Mond eine der unsern ähnlichen Atmosphäre habe, in welcher organische, und daher auch mit größter Wahrscheinlichkeit lebendige Geschöpfe sich aufhalten. - Bei ihrem Übergange über die Leinwand erstrecken sich die Basaltfelsen auf drei Durchmesser des Gesichtkreises. Darauf erschien ein grüner Abhang von großer Schönheit, und doppelt so groß, als die vorhergehende Darstellung. Dann kam eine Masse, fast eben so hoch wie die frühere, an derem Fuße sie zu ihrer größten Überraschung etwas ganz Neues, - einen Mondwald erblickten!

Die Bäume, sagt Dr. Grant,[4] waren während eines Zeitraumes von zehn Minuten unverändert von einer und derselben Art, und allen bis jetzt von mir gesehenen, die großen Eibenbäume auf England's Kirchhöfen, denen sie einigermaßen nahe kommen, etwa ausgenommen, ganz und gar unähnlich. - Sodann folgte eine ebene grüne Fläche, welche nach dem Bilde auf unserer Leinwand, das 49 Fuß hielt, gemessen, mehr als eine halbe Meile breit seyn mußte; und hierauf ein Gehölz von so schönen, so unverkennbaren Tannen, wie ich sie nur je im Schooße meiner heimathlichen Gebirge emporsprossen sah. Ermüdet durch die ununterbrochene Folge derselben, verminderten wir die vergrößernde Kraft des Mikroskops, und wurden darauf gewahr, daß wir unvermerkt eine gebirgigte Gegend von hoher romantischer Schönheit und Abwechslung hinabgestiegen waren, und uns am Ufer eines Gewässers oder Landsee's befanden, dessen örtliche Beschaffenheit, Lage und Ausdehnung wir jedoch nicht bestimmen konnten. Wir brachten daher unsere allerschwächste achromatische Linse in Anwendung, und bemerkten nunmehr, daß das von uns eben entdeckte Gewässer, seinem Umrisse nach, dem Mare Nubium, nach Riccioli's Benennung, entsprach. Dadurch fiel uns aber auf, daß, obgleich wir an der östlichen Seite des Mondes unsere Beobachtungen angefangen hatten, wir durch irgend eine Verzögerung in der Regulierung der großen Linse, bis beinahe auf die Achse des Äquators herabgekommen waren. Indessen, da der Mond ein freies Land ist, und wir nicht, wie bisher, an eine besondere Provinz uns fesseln wollten, wir auch in jedem beliebigen Augenblicke jede Stellung, welche wir wünschten, einnehmen konnten, so beschlossen wir, die Ufer des Mare Nubium durch unsere magischen Linsen zu untersuchen. Warum Riccioli gerade diese Benennung wählte, ist mir unbekannt, es müßte denn seyn, um den Cleomenes lächerlich zu machen, denn schönere Ufer wahrlich werden wohl schwerlich von Engeln auf einer Spazierfahrt jemals betreten. Ein Strand von glänzend weißem Sande, umgürtet mit wilden, hochgethürmten und, dem Anscheine nach, grünen Marmorfelsen, welche alle 2 oder 300 Fuß von dunklen Klüften unterbrochen wurden, mit grotesken Kalk- oder Gypsblöcken, die Gipfel gekrönt und verschönt durch das hängende Laub unbekannter Bäume, bewegte sich in glänzenden Farben über die Wand unseres Zimmers, während wir sprachlos vor Verwunderung da standen. Das Wasser, so oft es in unserem Gesichtsfelde erschien, war blau, fast wie das des tiefen Oceans, und brach sich in langem weißen Wogen am Ufer. Auf einer Strecke von mehr als hundert Meilen ließen sich die Spuren hoher Fluthen deutlich an den Klippen wahrnehmen. So mannigfaltig die Scenerie dieser und der folgenden Gegenden aber auch war, so zeigte sich dennoch keine Spur von lebenden Wesen, obgleich es in unserer Macht stand, die Landschaften in der Perspective oder ganz in der Nähe als Vordergründe zu betrachten.

(Fortsetzung folgt.)
zweite Textseite

  1. Auszug aus den so eben erschienen "Neuesten Berichten vom Cap der guten Hoffnung über Sir John Herschel's höchst merkwürdige astronomische Entdeckungen, den Mond und seine Bewohner betreffend." Aus dem Engl. Hamburg 1836.
  2. Eine nähere Beschreibung der auf dem Vorgebirge der guten Hoffnung aufgestellten astronomischen Instrumente, womit diese Beobachtungen daselbst gemacht sind, werden wir in einer der nächsten Nummern dieser Blätter folgen lassen. D. R.
  3. eine mit weißer Leinwand überzogene Fläche auf dem Fußboden von 50 Fuß im Durchmesser.
  4. Gehülfe und Secretair des Dr. Herschel auf dem Vorgebirge der guten Hoffnung.
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