Mondschwindel, Teil 10
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[Bearbeiten] Sir John Herschel's neue höchst merkwürdige Entdeckungen in der Mondwelt
Die dunkle Ausdehnung der Gewässer im Süden des ersten großen Oceans ist öfter als ein vierter Ocean betrachtet worden; wir fanden aber, daß es nur ein See ersten Ranges sey, welcher völlig von Land umgeben und weit stärker mit Vorgebirgen und Eilanden versehen ist, als aus der Mondkarte hervorgeht. Eins seiner Vorgebirge erstreckt sich von der Nähe des Pilatus (Nr. 19) in einer dünnen, schmalen Linie nach Bullialdus (Nr. 22), welcher nur ein kreisförmiges Haupt zu ihm, 264 Meilen von seinem Ausgangspunkte, bildet. Dies ist ein anderer gebirgigter Ring, ein Meervulcan, welcher fast ausgebrannt ist und auf seiner Kohlenasche ruht. Pilatus dagegen, welcher sich auf einem kühnen Cap am südlichen Ufer erhebt, frohlockt augenscheinlich über die Macht und Majestät seiner Feuer. Da die Atmosphäre vom Rauch frei war, so setzten wir unsere Vergrößerungsgläser ein, um einen großen glänzenden Hügelkreis zu untersuchen, welcher sich geschlossen an der Westseite jenes flammenden Berges dahin zieht. Diese Hügel waren entweder von schneeweißem Marmor oder halbdurchsichtigem Krystall; welches von beiden, konnten wir nicht unterscheiden; und sie begränzten einander mit jenen lieblichen grünen Thälern, welche schon in meiner Beschreibung einförmig, doch von paradiesischer Schönheit und Fruchtbarkeit und gleich dem ursprünglichen Eden in dem Segen seiner Bewohner sind. D. Herschel stellte hier abermals eine seiner scharfsinnigen Theorien auf. Er sagte, daß die Nähe des flammenden Berges Bullialdus während der periodischen Abwesenheit des Sonnenlichts eine so große örtliche Annehmlichkeit für die Bewohner dieses Thales seyn müsse, daß es dadurch ein volkreicher Zufluchtsort für die Bewohner aller angränzenden Regionen geworden seyn dürfte, um so mehr, als sein Hügelbollwerk eine untrügliche Sicherheit gegen jeden vulkanischen Ausbruch darböte, welcher eintreten könnte. In Folge dessen wandten wir unsere ganze Kraft an, es zu erforschen, und wirklich ward uns reicher Lohn dafür. -
Der allererste Gegenstand in dem Thale, welcher sich auf unsrer Leinwand wies, war ein herrliches Kunstwerk! Es war ein Tempel - sey es nun ein Tempel für Andacht oder für Wissenschaft, falls er aber dem Schöpfer geheiligt ist, Andacht der erhabendsten Art ausdrückend; denn er zeigt seine Attribute gänzlich frei von dem Maskeradenschmucke und der blasphemirenden Mißbildung streitender Glaubensbekenntnisse, und trägt das Siegel und den Stempel von seiner eigenen Hand, um seine Bestrebungen zu heiligen. Es war ein gleichförmig dreieckiger Tempel, aus polirtem Saphir oder sonst einem ähnlichen, goldener, blauer Steine erbaut, der Miriaden glänzender Lichtfunken zeigte, welche in den Sonnenstrahlen schimmerten und funkelten. - Unsere Leinwand, obgleich 50 Fuß im Durchmesser haltend, war doch zu enge, um mehr als ein Sechstheil des Ganzen auf einmal aufzunehmen, und der erste Theil, welcher erschien, war ungefähr die Mitte einer seiner Seiten, in drei viereckigen Säulen bestehend, welche am Fuße 6 Fuß im Diameter hielten, und sich schlank zu einer Höhe von 70 Fuß erhoben. Die Säulenweite betrug je 12 Fuß. Wir rückten sogleich unsere Vergrößerung so zusammen, daß sie den ganzen Bau in einer Ansicht gab, und wirklich war dieser nun sehr schön. Das Dach war aus einer Art gelben Metalls gebildet und in drei Abtheilungen getheilt, welche nicht aus dreieckigen Flächen, die sich nach dem Mittelpunkte neigten, bestanden, sondern von einem gemeinschaftlichen Brandorte ausgehen, und sich in wildwogenden Punkten enden. Die Darstellung war zu offen und zu künstlich ausgeführt, um auch nur einen einzigen Augenblick verkannt zu werden. Durch einige wenige Öffnungen in diesen metallenen Flammen bemerkten wir eine große Kugel von einer dunkleren Gattung Metall, fast von einer trüben Kupferfarbe, welche sie einschlossen und scheinbar um sie herumragten, wie um sie hieroglyphisch zu verzehren. Auf jeder Ecke befand sich eine Kugel von augenscheinlich demselben Metall, wie die große Mittelkugel; und diese ruhten auf einer Art Gesims, welche ganz neu in jeder uns bekannten Ordnung der Achitectur, trotz dessen aber ungemein zierlich und ausdrucksvoll ist. Es glich einer halb geöffneten Rolle, welche kühn vom Dache aufschwillt und weit über die Mauern wir die Flammen, und an jeder Seite des Gebäudes an beiden Enden offen. Die sechs Säulen an jedem Ende waren einfache, ebene Pfeiler, ohne Capitäle oder Fußgestellte, oder irgend eine Art von Verzierung; eben so war von letzterer auch in keinem anderen Theile des Prachtgebäudes etwas zu sehen. Es war nach jeder Richtung offen und schien weder Sitze, Altäre noch Opfergaben zu enthalten; aber es war ein leichter und luftiger Bau, an 100 Fuß hoch von seiner weißen, glänzenden Flur bis zu seinem glühenden Dache, und erhob sich auf einer runden grünen Höhe auf der Ostseite des Thales. Übrigens entdeckten wir nachdem zwei andere solcher Gebäude, welche in jeder Hinsicht getreue Nachbildungen dieses einen waren; in keinem jedoch bemerkten wir irgend einen Besucher, ausgenommen Schaaren wilder Tauben, welche sich auf den glänzenden Giebeln niederließen. Waren die Widmer dieses Tempels den Weg allen Fleisches gegangen, oder waren letztere nur historische Denkmäler? Was meinten die erfindungsreichen Erbauer unter dem Globus von Flammen umgeben? Gedachten Sie dabei irgend eines früheren Mißgeschicks ihrer Welt, oder sagten sie damit irgend ein zukünftiges für die unsrige voraus? Ich zweifle durchaus nicht, zuletzt nicht allein diese, sondern noch tausend andere Fragen beantwortet zu sehen, welche sich über jenen Planeten aufdrängen, denn bis jetzt ist noch nicht ein Milliontheil desselben erforscht, und wir sind begieriger gewesen, eine möglichst große Anzahl neuer Thatsachen zu sammeln, als in speculative Theorieen einzugehen, welche so verführerich für die Einbildungskraft sind.
