Mondschwindel, Teil 3

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Textdaten
Autor: Richard Adams Locke
Titel: Sir John Herschel's neue höchst merkwürdige Entdeckungen in der Mondwelt
Untertitel:
aus: Sundine, Literatur- und Intelligenzblatt für Neu-Vorpommern und Rügen, 1836, Seite 3
Herausgeber: Friedrich Joachim Phillip von Suckow
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1835-36
Verlag:
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Erscheinungsort: Stralsund
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[Bearbeiten] Sir John Herschel's neue höchst merkwürdige Entdeckungen in der Mondwelt

(Fortsetzung.)


Nachdem diese Berge vorüber waren, gelangten wir in eine Gegend, die uns in das größte Erstaunen versetzte. Es war ein eirundes Thal, bis auf eine Öffnung im Süden ganz umringt von Hügeln, roth, wie der reinste Carmin, die unzweifelhaft aus lauter Krystallisationen bestanden; denn in den senkrechten Abstürzen und Klüften - und diese fanden sich sehr häufig und von enormer Tiefe, - zeigten die senkrechten Abschnitte gehäufte gleichmäßig auf einander gefügte und in starken Schichten liegende Massen vieleckiger Krystallformationen, welche nach dem Grunde der Abstürze hin dunkler von Farbe wurden. Zahllose Wasserfälle entsprangen dem Schooße dieser Felsen, und einige waren den Gipfeln derselben so nahe, und stürzten sich mit solcher Macht herunter, daß sie Bogen von vielen Yards im Durchmesser bildeten. Nie stand die Erinnerung an Byron's schönes Gleichniß: "Der Schweif des weißen Roses in der Offenbarung" lebhafter vor mir. Am Fuße dieser Hügelreihe war ein vollkommner Kranz von Waldungen, welche das ganze Thal, dessen Größe sich ungefähr auf 18 bis 20 Meilen in seiner größten Breite, und 30 in der Länge, erstrecken konnten, umringten. Kleine Gruppen von Bäumen aller Art waren über die Fläche zerstrezt, und hier war es, wo unsere Hoffnungen durch den Anblick belebter Wesen glänzend in Erfüllung gingen. Im Schatten der Bäume an der Südostseite sahen wir zahlreiche Heerden brauner Vierfüßler, die dem Äußern nach vollkommen den Bisonochsen glichen, aber etwas kleiner waren, als irgend eine Gattung des bos genus unserer Naturgeschichte. Ihr Schwanz was dem unsers bos grunnines ganz ähnlich; aber hinsichtlich ihrer halbmondförmig gekrümmten Hörner, des Buckels auf dem Rücken, der Größe der Wampe, und der Länge ihres zottigen Haares glichen sie vollkommen der Gattung, womit ich sie zuerst verglich; doch war die Bildung ihres Vorkopfes sehr unterscheident (eine Bildung, die wir späterhin bei allen Thieren, die wir noch entdeckten, vorfanden): diese bestand nämlich in einem großen fleischigen Wulst oberhalb der Augen, der sich quer über die Stirn bis zu den Augen erstreckte. Wir konnten diese haarige Bedeckung ganz deutlich erkennen; ihre Gestalt war genau so, wie der Stirnumriß der den Damen nicht unbekannten Haube der Königin Maria von Schottland, und mittelst der Ohren bewegbar. Der Scharfsinn Dr. Herschel's entdeckte sogleich, daß dies eine weise Vorrichtung des Schöpfers sey, um die Augen des Thieres gegen die zu großen Extreme des Lichts und der Finsterniß, welcher alle Bewohner der uns gegenüber stehenden Seite des Mondes periodisch unterworfen sind, zu schützen. Das zunächst von uns entdeckte Thier würde auf der Erde für eine Mißgeburt gehalten werden. Es war bläulich bleifarben, von der Größe einer Ziege, mit dem Kopf und Bart wie diese, und einem einzigen, ein wenig nach vorn gekrümmten Horne. Das Weibchen hatte weder Horn noch Bart, aber einen viel längeren Schwanz. Dieses Thier fand sich in ganzen Heerden, und namentlich häufig an den steileren Abhängen der Bergwaldungen. Hinsichtlich des Ebenmaßes und der Zierlichkeit in seinen äußeren Formen wetteiferte es mit unserer Antilope, und gleich dieser schien es ein munteres, lebhaftes Geschöpf, das mit großer Schnelle sich bewegte, und unter unzähligen Possen, gleich einem jungen Lamme oder Füllen, über den grünen Rasen dahinsprang. Dieses schöne Thier machte uns unbeschreibliches Vergnügen. Das possierliche seiner Bewegungen stellte sich auf unserer Leinwand so treu und deutlich dar, wie wenn man selbige auf der Tafel einer Camera obscura, von der es nur wenige Yards entfernt wäre, betrachtet hätte. Öfters machten wir den Versuch mit dem Finger auf den Bart oder den Schwanz eines der Thiere zu tupfen, dann aber sprang es plötzlich davon, als ob es eine Ahnung von unserer irdischen Unhöflichkeit gehabt hätte; doch sogleich erschienen wieder andere, die sich ganz und gar nicht hindern ließen, die Kräuter und Gräser abzunagen, wir mochten ihnen thun oder sagen, was wir wollten.

Nunmehr begannen wir den Mittelpunkt des Thales zu durchmustern, und fanden einen breiten vielarmigen Fluß mit hübschen Inseln und Wasservögeln mancherlei Arten. Am zahlreichsten war eine Spezies des grauen Pelikans; indessen erschien ein schwarz und weißer Kranich mit ungewöhnlich langen Beinen und Schnabel auch sehr häufig. Augenscheinlich waren sie mit Aufsuchung ihres Fraßes beschäftigt und wir beobachteten eine ganze Weile ihre Bewegungen in der Hoffnung, einen selenitischen Fisch zu Gesicht zu bekommen. Aber obgleich uns dies fehlschlug, erriethen wir doch leicht den Zweck, weshalb sie ihre langen Hälse so tief in's Wasser tauchten. An dem obern Ende einer dieser Inseln wurde uns der kurze Anblick eines sonderbaren amphibienartigen Geschöpfes von runder Form, welches mit großer Geschwindigkeit sich quer über das steinige Gestade dahinrollte und im Strome, der an dieser Spitze der Insel eine Wendung macht, uns aus dem Gesichte kam. - Leider waren wir genöthigt, dieses schöne fruchtbare Thal undurchforscht zu verlassen, da in der Mondatmosphäre sich Wolken anhäuften, während die unsrige klar und rein war. Indessen war dies an und für sich schon eine interessante Entdeckung; denn entferntere, oder vielmehr mit weniger scharfen Instrumenten versehene Beobachter haben bisher die Frage, "ob der Mond eine feuchte Atmosphäre habe," in Zweifel gelassen oder gar verneinend beantwortet.

Der Mond stand jetzt niedrig und neigte sich zum Untergange. Dr. Herschel bemerkte daher, daß die wachsende Strahlenbrechung jeder ferneren genügenden Fortsetzung unserer Arbeiten hinderlich seyn würde; auch waren unsere intellectuellen Kräfte durch die gehabte Anstrengung und den erhabenden Genuß, dessen wir theilhaft geworden, so angegriffen, daß wir gegenseitig beschlossen, die Assistenten bei der Linse draußen hereinzurufen, und ihre ununterbrochene Aufmerksamkeit mit einigen vollen Bechern des besten "ostindischen Besondern" zu belohnen.

Doch nur mit Bedauern verließen wir das schöne Thal der rothen Berge, und nannten es aus Achtung gegen unsern königlichen Beschützer nach dem Wappen desselben: "Thal des Einhorns." Man findes es auf Blunt's Karte gerade in der Mitte zwischen dem Mare foecunditatis und dem Mare nectaris.


(Fortsetzung folgt.)
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