Mondschwindel, Teil 6
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[Bearbeiten] Sir John Herschel's neue höchst merkwürdige Entdeckungen in der Mondwelt
Wir entdeckten indessen keine Frucht auf irgend einem dieser Mondpalmbäume: ein Umstand, dessen Grund wir in den großen (theoretischen) Extremen des Mondclima's zu finden glaubten. Dessenungeachtet nahmen wir auf einer sonderbaren Art von Baum Melonenfrüchte in großer Menge und in jedem Grade des Ansatzes und der Reife war. Die allgmeine Farbe dieser Gehölze war dunkelgrün, doch nicht ohne gelegentliche Mischung jeglicher Schattirung unserer Waldjahrzeiten. Der hectische Überflug des Herbstes war öfter über die Wangen des aufkeimenden Frühlings gegossen, und die freundliche Hülle des Sommers umgab an einigen Stellen Bäume, so blattlos wie die Opfer des Winters. Es schien, als wenn alle Jahreszeiten sich hier in ewiger Harmonie die Hand reichten. - Von Thieren sahen wir nur ein niedlich gestreiftes Quadruped, ungefähr 3 Fuß hoch: ein Miniatur-Zebra, welches immer in kleinen Heerden auf dem grünen Hügelmantel angetroffen ward; ferner zwei oder drei Arten langgeschweifter Vögel, welche wir für Gold- und blaue Fasanen hielten. - Am Ufer hingegen erblickten wir eine zahllose Menge einschaliger Muscheln, und unter diesen einige große flache, welche meine drei Gefährten sämmtlich für Ammonshörner hielten; und ich gestehe, ich war gezwungen, meinem skeptischen Glauben an Kiesel zu entsagen. Die Klippen längs dem Ufer waren ganz von der Fluth untergraben; sie waren sehr ausgehöhlt, und gelbe Krystallstalactiten, größer als ein Menschenschenkel, schossen auf allen Seiten hervor. In der That schien jede Wurzel dieser Insel krystallisirt zu seyn; Massen abgefallener glänzender Steine fanden wir an jedem Ufer, das wir untersuchten, und auf jedem Stück Land. - Das Ganze glich mehr einer Schöpfung orientalischer Phantasie, als einer fernen Abweichung der Natur, welche durch die Macht der Wissenschaft in den Bereich der Augen gebracht worden war. - Die auffallende Unähnlichkeit dieser Insel mit allen andern, welche wir auf den angeführten Gewässern gefunden hatten, so wie deren Nähe am festen Lande, ließ uns vermuthen, daß sie nicht einen Theil desselben gebildet habe, zumal ihre bogenartige Bai die erste einer Kette kleinerer Inseln einschloß, welche directe dahinliefen. Diese Insel war ein reiner Quarzfelsen, welcher der blauen Tiefe thurmartig, ohne Ufer oder Vorland, entstieg; dabei glänzte sie in der Sonne, wie ein Saphir, gleich all den kleineren Inseln, deren Beherrscherin sie zu seyn schien. Unsere Theorie wurde schnell bestätigt, denn das ganze Ufer des Festlandes war mit diesen unerreichbaren Juwelen besetzt und bethürmt, und als wir unser Glas so stellten, daß es den äußersten Rand des erleuchteten Umkreises des Planeten einschloß, konnten wir sie noch durch eine Region von hunderten von Meilen in gedrängten Reihen schimmern sehen. Wirklich konnten wir das Ende dieses Zauberlandes nicht erforschen, denn da die Libration des Planeten diese Gipfel unsern Blicken entzog, so entfernten wir uns von seiner westlichen Gränze.
Hierdurch wurden wir erinnert, daß wir keine Zeit zu verlieren hatten, den uns zunächst vorgesetzten Gegenstand unserer Beobachtung zu suchen: den Longrenus oder No. 26, welcher fast im Bezirke der Libration sich befindet, und von dem D. Herschel deshalb einige besondere Vermuthungen hegte.
Nach einem kurzen Aufenthalte im Hinaufrücken des Observatoriums mittelst der Hebel, und im Reguliren des Linsenglases, fanden wir unsern Gegenstand und überschauten ihn. Es war ein dunkler enger See, 70 Meilen lang, in Osten, Norden und Westen von dergleichen rothen Bergen begränzt, wie das Einhornthal umgeben, von welchen es südwestlich ungefähr 160 Meilen entfernt ist. Dieser See gränzt, gleich jenem Thale im Süden, eine nur 10 Meilen weite Ebene, welche hier von einem wahrhaft prächtigen Amphitheater der erhabensten Art lunarischer Hügel umgeben ist. In einem Halbzirkel von sechs Meilen sind diese Hügel von oben bis unten so perpendiculair gespalten, wie die äußern Mauern des Colosseums zu Rom; dabei aber die stolze Höhe von mindestens 2000 Fuß in einer glatten, unzerstückten Oberfläche entfaltend. Wie die Natur mit dieser ungeheuren Masse, welche sie so wunderbarer Weise zusammengetragen hat, verfahren seyn mag, weiß ich nicht; so viel aber ist gewiß, daß keine Fragmente davon auf der Ebene geblieben sind, welche letztere einen Abhang ohne einen einzigen Vorsprung bildet, ausgenommen eine wellenförmige Strecke Waldung, die in mancherlei wilden Formen der Breite und des Laufs sich bis an den Rand des Sees zieht. Die schwindelnde Höhe und die Ausdehnung dieses perpenculairen Gebirgs, mit seiner glänzenden hochrothen Außenseite gegen den Waldkranz auf seinem Gipfel und dem Grün der offenen Ebene unter ihm contrastirend, füllte unsere Leinwand mit einer Landschaft, in harmonischer Größe unübertroffen von jeder, welche wir bisher gesehen hatten. Unsere 25 Meilen-Perspective umschloß dieses bemerkenswerthe Gebirge, die Ebene, einen Theil des Sees und die letzten erhöhten Gipfel der Hügelkette, von welcher der letztere fast umgeben ist. Wir wünschten sehnlichst, daß Jedermann eine so fremdartig erhabene Scene möge sehen können, und unsere Herzen klopften bei der Hoffnung, daß wir selbige einst unsern Landsleuten in jedem Theile unsers Vaterlandes würden zeigen können. Endlich aber waren wir genöthigt, unser Gemälde als Ganzes zu zerstören, um seine einzelnen Theile für wissenschaftliche Anschauung zu vergrößern.
Unsere Fläche war demzufolge sogleich mit der rothen Fronte jenes mächtigen Amphitheaters, seinen hohen Figuren, stürzenden Cascaden und schroffen Höhlen bedeckt. Als seine fast unendliche Strecke auf der Leinwand ausgemessen war, bemerkten wir vielfältig lange Reihen eines gelben Metalls, das aus den Spalten der horizontalen Schichten in wildem Netzwerk oder in geradehängenden Zweigen hing. Wir schlossen demzufolge, daß es Jungferngold sey, und hatten keinen Münzmeister bei der Hand, um das Gegentheil zu beweisen. Indem wir die EBene suchten, über die wir den Wald in allen Wolkenbildungen der Luft hatten hinstreichen sehen, wurden wir auf's Neue durch die Entdeckung von Thieren erfreut. Das erste, welches wir bemerkten, war ein Quadruped mit einem erstaunlich langen Nacken, einem Kopf, wie der eines Schaafs, und zwei langen spiralförmigen Hörnern, die so weiß wie geglättetes Elfenbein waren und mit einander perpendiculair parallel standen; der Körper war rothwildartig, aber die Vorderbeine unverhältnißmäßig lang, und der Schwanz, welcher sehr buschig und schneeweiß war, kräuselte sich hoch über den Rumpf und hing 2 oder 3 Fuß zur Seite nieder. Die Farben des Thiers waren glänzend kastanienbraun und weiß, in scheckigen scharfbegränzten Flecken von unregelmäßiger Form. Es wurde nur paarweise, in Zwischenräumen in der Waldung gefunden, und wir hatten keine Gelegenheit, uns von seiner Schnelligkeit und seinen Gewohnheiten zu überzeugen.
