Mondschwindel, Teil 9

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Textdaten
Autor: Richard Adams Locke
Titel: Sir John Herschel's neue höchst merkwürdige Entdeckungen in der Mondwelt
Untertitel:
aus: Sundine, Literatur- und Intelligenzblatt für Neu-Vorpommern und Rügen, 1836, Seite 41
Herausgeber: Friedrich Joachim Phillip von Suckow
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1835-36
Verlag:
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Erscheinungsort: Stralsund
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[Bearbeiten] Sir John Herschel's neue höchst merkwürdige Entdeckungen in der Mondwelt

(Fortsetzung.)

Die Oberfläche des Mondes zeigt bei dessen mittlerer Libration, selbst durch Teleskope von sehr beschränkter Kraft betrachtet, drei Oceane von beträchtlicher Breite und weitem Umfange, welche von sieben großen Ansammlungen von Wasser, die man Meere nennen kann, unabhängig sind. Von geringeren Gewässern, welche durch die stärkeren Instrumente sichtbar sind, und gewöhnlich See'n genannt werden, ist die Anzahl so groß, daß bis jetzt kein Versuch gemacht worden ist, sie zu zählen. Wirklich würde dies ungefähr dem Vorhaben gleichen, die ringförmigen Berge zu zählen, welche auf jedem Theil der Mondoberfläche gefunden werden, dieser mag aus Land oder Wasser bestehen. Der größte jener Oceane nimmt einen bedeutenden Theil der Hemisphäre zwischen dem nördlichen Theil der Achse und dem östlichen des Äquators ein, und breitet sich selbst viele Grade südlich vom Letzeren aus. Seine östliche Gränze nähert sich durchaus so scharf derjenigen der Mondscheibe, daß an vielen Stellen nur ein schmaler Streif erleuchteter Berge übrig bleibt, welche demzufolge hier scharf von dem dunklen schattigen Anblick der großen Tiefe abstechen. Indeß findet man Halbinseln, Vorgebirge, Caps, Inseln und tausend andere irdische Bildungen, wofür wir in der Armuth unserer geographischen Nomenclatur keinen Namen finden können, welche aus der "wellenförmigen Unbegränztheit" dieses prächtigen Oceans herauftauchen oder in insularischer Unabhängigkeit glühen. Mit am Bemerkenswerthesten ist darunter ein, wie ich glaube, in den Mondkarten noch mit keinem Namen versehenes Vorgebirge, welches aus einem innern begränzten Theile hervorspringt, der von den alten Astronomen Copernicus benannt wurde, und welches, wie wir zufällig entdeckten, voll von großen Naturmerkwürdigkeiten ist. In der That ist dies Vorgebirge höchst seltsam. Sein nördliches Ende ist fast wie eine Kaiserkrone gestaltet, da es einen schwellenden Bogen bildet, welcher durch eine Hügelgruppe, die sich mit seinem Stirnbande oder seiner Basis verbindet, doppelt verbunden ist. Die beiden offenen Räume, welche durch diese Theilung entstehen, sind zwei See'n, jeder 80 Meilen weit, und am Fuße derselben, und von ihnen durch die erwähnten Hügelkuppen getrennt, ist ein anderer See, welcher größer als die beiden andern zusammen und fast völlig viereckig ist. Diesem See folgt, nach einer neuen hügeligen Theilung, ein See von unregelmäßiger Form, und diesem abermals zwei enge, der Länge nach getheilte See'n, welche nordwärts gegen das feste Land hin an Breite abnehmen. Dieses mißgestaltete skelettartige Vorgebirge von Bergrücken erstreckt sich 336 Meilen in den Ocean mit sechs beträchlichen See'n, welche es in seinen steinigen Rippen einschließt. Blunt's herrliche Mondkarte giebt dies große Naturwerk mit wunderbarer Treue wieder, und ich glaube, Sie können meine Beschreibung wohl mit einer Abbildung davon zur großen Zufriedenheit Ihrer Leser versehen.

Dieser höchst bemerkenswerthen Formation in jenem Ocean zunächst ist ein höcht glänzender, ringförmiger Berg von ungeheurer Höhe und Umfang, welcher 330 Grade ostsüdöstlich steht, gewöhnlich als Aristarchus bekannt und in der Karte als ein großer Berg mit einer großen Aushöhlung in der Mitte zu finden ist. Dieser Berg ist jetzt, wie wahrscheinlich auch in alten Zeiten, ein vulcanischer Krater, welcher mit unseren Bergen Ätna und Vesuv in den schrecklichen Epochen ihres Ausbruchs rivalisirt. Günstig wie der Zustand der Atmosphäre der genauen Untersuchung war, konnten wir leicht seine Beleuchtung des Wassers über einen Umkreis von 60 Meilen bemerken. Hätten wir zuvor noch irgend einen Zweifel an der Macht von Mondvulcanen behalten, Bruchstücke ihrer Krater so weit über die Attraction des Mondes zu werfen, daß sie nothwendiger Weise mit unserer Erde gravitiren, und so die Menge massiver Aërolithen erklären, welche auf die Erdoberfläche gefallen und deselbst gefunden sind, so würde die Ansicht vom Aristarchus unsere Ungläubigkeit für immer beseitigt haben. Übrigens ist dieserr Berg, obgleich er 300 Meilen in den Ocean hineinsteht, nicht völlig inselartig, sondern er hängt mit dem flachen Lande vermittelst vier Bergketten zusammen, welche von ihm, wie von einem gemeinsamen Mittelpunkte ausgehen.

Der nächste große Ocean ist an der Westseite der Mittagslinie belegen, durch den Äquator nahe in der Mitte getheilt, und erstreckt sich ungefähr 900 Meilen gegen Norden und Süden. Er ist im Cataloge mit C bezeichnet, und ward einbildungsreich Mare tranquillitatis genannt. Er besteht eher aus zwei großen Meeren, als daß er einen Ocean bildet, denn gerade unterm Äquator verengt er sich zu einer Straße, die nicht weiter als 100 Meilen ist. Man findet bloß drei große runde Inseln in diesem Ocean, welche gänzlich von dessen Ufern abgesondert sind; indeß existiren einige beträchtliche Vulcane an seiner nördlichen Gränze, wovon einer der bedeutendsten sich 120 Meilen von dem vorerwähnten Mare nectaris befindet. Unmittelbar an diesen zweiten großen Ocean gränzend, und von demselben nur durch eine Landzunge und einige Inseln getrennt, befindet sich der dritte, mit D bezeichnete und als Mare serenitatis bekannte Ocean. Er ist fast viereckig, da er ungefähr 380 Meilen in der Länge und Weite hält. Dieser Ocean hat eine höchst ungewöhnliche Eigenthümlichkeit, nämlich einen ganz geraden Rücken von Hügeln, wlcher sicherlich nur fünf Meilen im Durchmesser hält, und in gerade Linie vom südlichen zum nördlichen Ufer läuft, wodurch er genau in die Hälfte getheilt wird. Dieser fremdartige Hügelrücken ist völlig sui generis, da er jeglicher Bergkette sowohl einer sublunarischen, als selenitischen gänzlich unähnlich ist. Er ist so scharf, daß seine starke Concentrirung des Sonnenlichts ihn für kleine Teleskope sichtbar macht. Sein Charakter ist aber so überaschend eigenthümlich, daß wir der Versuchung nicht widerstehen konnten, von unserm vorgesetzten Stehenbleiben bei einer allgemeinen Übersicht abzugehen und ihn speciell zu untersuchen. Unsere Linse G. x. brachte ihn in die optische Entfernung von 800 Yards und seinen ganzen Durchmesser von vier oder fünf Meilen bequem auf unsere Leinwand. Nichts was wir seither gesehen hatten, hatte unser Erstaunen stärker erregt. Man glaube es oder nicht, dieser Rücken ist völlig Krystallisation! - Sein Obertheil in seiner ganzen Länge von 30 Meilen bildet einen spitzen Winkel von solidem Quarzkrystall, glänzend gleich einem Stück Gypsspath aus Derbyshire, welches eben aus der Mine kommt und kaum eine Lücke oder einen Bruch von einem Ende bis zum andern hat. Welch einen wunderbaren Einfluß muß unser dreizehnmal größerer Erdball auf diesen Satelliten ausgeübt haben, als er noch ein Embryo im Schooße der Zeit, der passive Gegenstand chemischer Verschmelzung war! Wir fanden, daß Verwunderung und Erstaunen, welche durch Gegenstände in jener fernen Welt erregt werden, nur Grade und Kennzeichen der Unwissenheit seyen, welche erhabener Erwartung und ehrfurchtvollem Vertrauen in die unbegränzte Macht des Schöpfers Platz machen sollten.

(Schluß folgt.)
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