Samuel zieht die Bilanz und Tomi melkt die Moralkuh oder Zweier Könige Sturz
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Zweier Könige Sturz
Von Theodor Lessing
Samuel Lublinski und den vierzig sittlichsten deutschen Dichtern und Denkern
Verlag des „Antirüpel“ Diese Schrift wurde als Privatdruck hergestellt. Im Buchhandel kann sie bezogen werden durch die Geschäftsstelle des Vereins gegen Lärm, Hannover, Stolzestraße. Inhalt. Seite
Vorrede im Bänkelsängerstil
1-9
Vorrede in Prosa
11-16
Samuel zieht die Bilanz. Eine Satire
17-27
52-66
57-76
65-73
72-73
Literarische Ehrengerichte
73-76
77-88
Epilog. Vorrede im Bänkelsängerstil.Zittern läßt mich nicht
X’ so nen Wänzchen, Tschi.. nein! Zschorlich heißt er,
Herr Tommi, der ein gar ein zärtig Herrchen
Na siehst Du, Tom, nun hast Du Deine Keile, Ich seh Dich vor mir, wie im roten Fräckchen Stammgeschlechter. Der alte Kampf der beiden Stammgeschlechter.. Moralkuh! – – Richtig Tom, das ist von Nietzsche, ..Schwamm drüber!... Unerheblich.. Dieser Hader,
Kennt Ihr den Käfig furchtbarer Terzinen, ..Der Frühling kommt. Nun steckt vor allen Dingen Wie Gotthold Ephraim einst Grenzen zeigte Nicht gerne ließ ich dies Geschreibsel drucken,
[Leerseite] (zur zweiten Auflage). “Einst aber wollte ich tanzen, wie
Komisch ist zunächst das arme Opfer der Satire, mit der ich dieses Büchlein eröffne. Herr Samuel Lublinski, „Kulturkritiker“ in Weimar. Als ich ihn in karnevalistischer Laune ein wenig hänselte, nahm ich die Sache nicht sehr ernst. Ich fand sein propheteisch-orakulöses Literatentum von jeher so rührend und erhaben, als komisch. Ich amüsierte mich oft an seinen bleiern doktrinären Schwerfälligkeiten. An der ehrlich-blinden Pedanterei kettenschleppender Klugdummheit. Er erschien mir zugleich ahnungslos und überintelligent, und ich sah in ihm den Schulfall einer heutigeren Sorte talmudischer Geistigkeit, die zu wenig durchblutet und erschaut und zu viele belletristische Bücher liest. Ich wollte jedoch dem amusisch-anmutlosen kleinen Herrn bei Leibe nicht wehe tun. Ja, ich ersehnte im Stillen, er möge frei und groß genug sein, um über seine eigene Karikatur lustig mitzulachen, wie ich es selber jederzeit vermöchte. Nun aber geschah ganz Unerwartetes. 2.
Mein armer Lublinski, der wohl nicht eben einen eigenwüchsigen, überlegenen Geist erbte, verstand überhaupt nicht, wie in seinem Zeitalter Menschen leben können, denen seine höchst ernsthafte Person andere als höchst ernsthafte Gefühle auslöst. Er wollte daher durchaus „gehaßt“ sein. Er stellte sich also auf den Markt und heischte Bürgermitleid als weinendes Opfer frechen Attentats. Er ging mit dem Beileidsteller herum und sammelte sich die Moralgroschen „aller anständigen Redakteure“. Er ließ durch „literarische Freunde“ Listen zirkulieren und das in diesem Büchlein veröffentlichte Capriccio, welches (ich bemerke es ausdrücklich) ursprünglich nur für einen kleinen Kennerkreis von Kunstgenossen geschrieben und gedruckt worden war, durch ganz Deutschland hin verbreiten. So wurden Namen „hervorragender Zeitgenossen“ zusammengescharrt zu einem Protest gegen „Mißbrauch der Satire“. 3.
Ein fröhliches ressentimentfreies Genre ästhetischer Karikatur ist bei uns Deutschen leider noch wenig bekannt und wohl auch wenig verstanden. Wir sind ernsthafte Leute und moralisieren. Es fanden sich daher dreiundreißig unfrohe Geister, die öffentlich nach Ehrengericht und Infamerklärung schrieen. Warum im aber mein Samuelchen gar so „hasse“, blieb ungeklärt. Eine Zeitung nur brachte die dunkle Kunde, Samuelchen meine, daß er vor zehn Jahren mich „rezensiert“ habe. Das habe mir so ans Mark gegriffen, daß im ein Jahrzehnt auf einem Basiliskenei brütete, bis die nachfolgende Natter zutage trat. Ich habe nie eine Zeile Lublinskis über ober gegen mich gelesen. Seine urkomische Auslegung der Motive meines Schaffens machte mir leider unmöglich, die Komik, mit der ich „mein liebes Samuelchen“ behandle, durch ein paar Zeilen ernster Würdigung seiner schönen Gaben und Verdienste zu ergänzen. Ich hätte das gerne getan, denn ich habe das charmante und gespaßige Literaturfigürchen aufrichtig lieb. – Ach, er ist eine meiner unglücklichen Lieben, denn er erwidert meine Gefühle nicht. 4.
Meine gern geübte Liberalität für Samuelchen war aber auch zu seinem Glück nicht mehr nötig. Er ist nicht so einsam wie ich, sondern fand sogleich sehr viele freundliche Kollegen, Artgenossen, „literarische Freunde“. Und unter Samuels Don Quichote. ihnen fand sogar die „unvergleichlich wundervolle Signora Dulcinea“ ihren löwenkühnen Don Quichote; Herr Thomas Mann, ein „literarischer Freund“, brach für Herrn Lublinski seine Lanze. Er schrieb die hier veröffentlichten beiden Pamphlete. Sie sind wohl ein bischen ordinär, aber ihre Unanständigkeit fließt (unser Dichter versichert es selber), aus „vollkommen unegoistischer Wallung“. Man wird also Tomi, wie Herr Mann im trauten Familienkreise genannt wird, auf den folgenden Blättern mit einer wirklich feinen, hochnoblen Geste vom Leder ziehen sehen, um ein Läuschen zu töten. Ich aber, „dieses Läuschen, werde mich bemühen (aus purer Bosheit und Lust an Verstellung), so zu tun, als ob ich kein Läuschen sei, sondern ein Löwe. Ihr werdet Euer Wunder erleben, wie dann Tomi, das Weibchen, sich darob indignieren wird! Er geht nämlich, wie Katja, sein Mann, mich oft versicherte, jeder Gelegenheit, sich heroisch zu benehmen, prinzipiell aus dem Wege. „Ich brauche wohl nicht zu sagen, daß ich mich nicht ’schlage’“, ruft er dann aus. „Herrn Lessings Atemluft ekelt mich! Herr Lessing ist so unfein! Oh.. fi donc! – unfein! Er will sich nicht einmal von mir ein bischen bürgerlich infamieren lassen. Ich wünsche, ich erwarte, daß die Königliche Polizei einen so niederträchtigen Menschen einsteckt“... Mit so feiner, hochnobler Geste zieht Tom sich auf das Altenteil seines Literaturruhms mutig zurück. Mir keine andere Hoffnung lassend, als – diese Schrift. Herr Tomi Mann aber, zu dessen Psychologie diese Schrift einen wertvollen Beitrag liefern wird, blieb keineswegs der einzige Narr im literarischen Fastnachtsspiele. Ein Narr macht... dreiunddreißig. Sie setzten sich hin, hocherfreut, ihre berühmten Namen wieder einmal in empfehlende Erinnerung bringen zu können, und veröffentlichten „Reversen“ zu bürgerlicher Aechtung eines freien Geistes, von dessen nicht ganz leichten Schriften sie gewiß noch nie eine gelesen haben, noch eine lesen werden. Ja, sie wußten garnicht, um wen, um was wohl es sich handle. Sie verfuhren wie der absolute Czar, wenn er nach dem Diner schnell ein paar Todesurteile unterschreibt... Alsbald breitete sich eine kleine moralische Entrüstungs-Epidemie aus, was so ansteckend zu sein pflegt, wie Schnupfen oder Influenza. Ich wurde unter die „Presse“ gelegt. Das ist die neuzeitliche Form der heiligen Inquisition. Die Presse ist eine „eiserne Jungfrau“: In sie wird der wehrlose Delinquent eingeschlossen und hübsch bürgerlich gemetzgert unter Einhaltung gewisser altheiliger Bräuche. Die pensionsberechtigten Folterknechte der Firma Scherl singen eine Litanei über Anstand und Sittlichkeit und die berufenen Ethiker der Nation, Feuilletonredakteure und Theaterreporter bei Mosse, künden priesterlich, daß die Anprangerung nur im Interesse des „Fortschritts“ und der „Entwicklung des Menschengeschlechts“ vorgenommen werde... Man hat mich natürlich nicht nackend auf den Rost geschnallt, wie jenen Giovanni Novizan, der im Jahre 1650 zu Florenz gestäupt wurde, weil auch er auf einen Lublinski jener Tage eine Satire geschrieben hatte. Man hat mich nur um „sozialen Kredit“ gebracht. Denn die allgemeine und durchschnittliche Dummheit ist längst an die Stelle der primitiveren Grausamkeit früherer Jahrhunderte getreten, und wo immer man heute lynchen will, da ruft man nicht mehr den lieben Gott an, sondern das liebe Publikum. Man zerrt einfach den Namen des Sünders durch die „liberale Presse“, bis man ihn als Erzieher, als akademischen Lehrer, als Bürger verunmöglicht, für die Gegenwart ums Brot, für die Zukunft um bürgerliche Achtung bringt. Ich will auf diesen Blättern ein paar schwefelnde Fünkchen aufbewahren aus dem großen Hexenkessel „Presse“. Man lese und denke dabei nicht an mich. Man denke an Nietzsche, an Heine, an Feuerbach oder an Fichte. Denn alle diese erhaben-moralischen Allokutionen sind schon seit tausend Jahren in deutscher Sprache ebenso geschrieben worden. Packt die Moralmeute einen Schwächling, dann wird Mut und Eigenart ihm gebrochen. Stößt sie auf einen Wehrhaften, dann endet der Kampf zwar mit einem Siege. Aber, glaubt mir, solche Kämpfe erquicken und fördern niemanden, und ein anständiger Kerl schämt sich, wenn er über Gegner wie Tomi und Samuel siegen muß... „In Deutschland hat man es auch noch nicht zu einer auch nur mäßig achtbaren Besprechung auch nur eines meiner Bücher gebracht. Daß doch nie jemand sich beleidigt fühlt, wenn ich beschimpft werde!... Kein Tropfen erreichte mich, kein Tau der Liebe... ein regenloses Land“... O Geduld! Du brauchst nur Gelegenheit zu geben zum „Moralisch-Entrüstetsein“ und der Nation „führende Geister“ boykottieren Dich,.. vom „Kunstwart“ bis zum Pastor Naumann.Und warum das alles.. warum? Weil wir Deutsche Die heilige „Presse“. sind. Wir nehmen unser gleichgültig Erdenleben zu wichtig, uns fehlt der Spürsinn für Geister, die Welt, Mensch und Ich als komische Phänomene begreifen. Solch „ernsthafter“ Lublinski kann nicht fassen, daß seine sämtlichen Literatur- und Kultursorgen anders Erlebende den Teufel bekümmern. Und vollends ein „berühmter deutscher Romanzier mit dreißig Auflagen“ begreift nicht, daß seine Romane für einen anders Gestimmten nicht mehr bedeuten, als ein Zweiglein getriebenen Winterflieders, das zwischen tieferem Erleben man mit Freude beschaut und in Liebe wohl streichelt. Ein auf altem Vätererbe träumender Kulturgroschenrentner wie Tom Mann, glaubt, der Kampf mit großartigen Zeitgenossen, wie er, müsse das Selbstgefühl jedes arg erheben. Ich wolle mich neben ihm, dem Tom, im Berliner Tageblatte „gedruckt lesen“. Wie könnt ich solchen Geistes Optik anschaulich machen, daß ich, zu Selbstwehr gedrängt, in einsamer Position, durch diese Gegnerschaft mich entwürdigt fühle? Daß meine Selbstachtung höher langt, als nach dem berauschenden Bewußtsein, Ranggenosse der nicht völlig raren Thomas Manns zu heißen. Und diese „Ehrenrichter“ vollends! so hervorragende Zeitgenossen... oh, sie halten mich durchaus für größenwahnsinnig, wenn ich ehrlich gestehe, daß Aechtung oder Achtung sämtlicher dreiundzwanzigtausend aus Kürschners Literaturkalender für mein Gewissen weniger bedeuten würde, als leiseste Mahnung aus Platos Geistermund. Die komischste Figur aber dieser kleinen Literaturposse bin – ich selber. Weil ich gelegentlich ein Spottliedchen pfiff, muß ich nun die Seele mir aus dem Leibe schreiben, um Urteilsunfähige, Uebelwillige, Ungläubige zu versichern, daß ich ein vortrefflicher Mann bin. Muß um sogenannte Ehre kämpfen... und empfinde im Grunde als ganz gleichgültig, was Samuelchen von mir denkt, und Tomi über mich schreibt. Und endlich – in diesem lachenden Siege, bin ich am Ende – auch nur... deutsch? Kein Tänzer? Kein Erlöster? Ein Kämpfer nur um höhere Ethik wider die Allerweltsmoral der „sittlichen Entrüstung“?... Litterae manent. Vielleicht, daß nach sechzig Jahren einem klugen Manne, der zugleich ein Philosoph ist und ein Künstler, dieses Schriftchen in die Hände fällt. Seele, werde ich ihn fragen, war, was ich einstens zu Lebzeiten spottete, unerlaubt? Wisse, daß ich bis zu meinem seligen Ende unfähig war, meine Sünden zu begreifen. In jenem Falle Lublinski-Mann waren Kenner der Geister, von Zartheit und Takt gefordert und seine Klärung wäre für das „literarische Leben“ meiner Tage von Nutzen gewesen. Aber man hat leider stets meine Schriften totgeschwiegen. Sage Du, Seele neuer Generation, hab ich Unerlaubtes getan oder ist an mir unerlaubtes geübt worden?... Lies die folgenden Blätter. Ich, ein Narr, warte auf Antwort. Hannover, 1. Mai 1910. Samuel zieht die Bilanz oder der kleine Profete. Eine Satire. Wiederabdruck aus der „Schaubühne“ 1910, Nr. 3, S. 6-73.
Gott, ich entsinn mich ja mit Vergnügen, wie das liebe kleine runde Männlein zuerst vor mir aufkugelte. Es kam zum ersten Mal nach München. Irgend wer in Berlin hatte ihm einige Zeilen an mich aufgeschrieben. Damit begab er sich vor das weltvergessene Häuschen am äußersten Ende von Schwabing, wo ich mit Frau und Kind damals lebte. Bas ist fast zehen Jahre her, aber er traf mich nicht, denn ich war gerade beim Doktor Simon in der Türkenstraße und hielt Vortrag über transzendentale Analytik. Plötzlich ging die Tür auf, und ein gestikulierend Entschuldigungs-Sermönchen purzelte ins Zimmer. Auf ein paar ganz kurzen fahrigen Beinchen ein fettiges Synagöglein. Sein Bäuchlein wie die Apsis (in der die Bundeslade verwahrt wird.) weit in die Außenwelt vorgestreckt. Gleichwie der Frosch sein Bäuchlein plustert, wenn er stolz tut und durch sein Tümpelchen schwimmt. Aber auf dem schwammigen Bäuchlein kurz aufgepfropft saß ein schwarz-rund Köpfchen mit ein paar siebengescheiten Knopfäuglein, die durch eine Brille hindurch zweifellos garnichts sahen und ahnten. Und wer das Männlein kommen sah, wußte sogleich: Ach, lieber Gott, der sieht nicht, der hört nicht, der schmeckt nicht, der riecht nicht. Der redet und schreibelt sich nur so durchs Leben! Aber das Männlein mauschelte sich gar naiv ins Zimmer und ließ Wortwürmlein fallen, nach links und nach rechts: Ob der Doktor Lessing wohl hier sei? Er bitte gar sehr um Entschuldigung. Man möge ihm doch ja verzeihn. Er wolle nur eilend den Doktor Lessing sehn. Welches denn der Doktor Lessing sei? Er komme grade aus Schwabing. Ob er sich nicht setzen und ein bischen zuhören wolle? Nein, er könne nicht zuhören. Er sei nur gar so kurz in München.. München sei ihm als Stadt im ganzen sympathisch. Ganz anders doch als Berlin! Er werde vielleicht darüber schreiben. Er sei am Morgen in der alten Pinakothek gewesen. nun wolle er gleich in die neue Pinakothek gehen. Aber am Abend, wenn es dunkel werde, dann könne man ja keine Kunst mehr sehen. Dann widme er mir mit Vergnügen seine wertvolle Zeit. Dann könnten wir vielleicht ein bischen unsere Seelen tauschen. Jawohl, sagte ich, heut Abend um 9 Uhr im Café Luitpolde, hinten links auf dem roten Fauteuil unter dem großen Venetianerspiegel. Und das Gebürtchen knixte wieder rückwärts und machte neue Abschiedssermönchen und mauschelte mit den Beinchen, gar weit sein Bäuchlein streckend, wodurch es Würde markierte und den Stolz des ganz großen Literaten, oder die tragische Höhe eines Propheten unter den Sterblichen. Die Türe schloß sich hinter ihm. Die Herrschaften blickten einander an, ein bischen stupéfaits. Oh, look, what a swell! sagte die wunderschöne Amerikanerin an meiner Seite, was soviel heißen sollte, wie: Welch interessanter Zeitgenosse! Was haben Sie denn für orajöse Bekanntschaften? fragte der Doktor Simon mit der ihm angeborenen Schnoddrigkeit. Ich aber sprach: Damen und Herren, der eben erlebte Augenblick möge ein Markstein auf ihrer Lebenspilgerschaft bleiben. Der Mann, den Sie soeben staunend erschaut, ist ein deutscher Dichter. Das heißt, er hat viele Bücher geschrieben und wird zweifellos auch künftighin viele Bücher schreiben. Ich kann sie nicht alle lesen, aber sie werden unbedingt sehr gescheit sein. Er heißt Samuel Lublinski und kommt aus Pinne in Posen. ... Betrittst Du das Café Luitpolde, dann schreitest Du einen Gang entlang, der sich gegen Ende zu einem Carré weitet. An den Wänden dieses Carrés hängen rechts und links zwei große Spiegel aus Venetianerglas. Davor stehen zwei rote Plüschsofas. Auf dem roten Plüschsofa links habe ich drei Jahre gesessen. Ihr glaubt mirs nicht? „En est a vida todo es vertad y todo es mentira“: drei Jahre lang, Nacht für Nacht bis gegen Morgen. Sehnsüchtig unklar,Im Café Größenwahn. größenrapplig, schwerblütig einsam, unzufrieden, ewig gereizt, gegen das Leben im allgemeinen und gegen jeden Menschen im besondern, mein dreiundzwanzigstes bis sechsundzwanzigstes Lebensjahr. Verträumte, vertändelte, vergrämte, verdüsterte, verspielte Jahre. Mein Gott, und wer nicht alles saß auf diesem Sofa neben mir, sein Schatten wohl wurde aufgefangen und zurückgehalten in den beiden großen Venetianerspiegeln. Meistens Ludwig Klages. So hieß der beste unter denen, die ich auf dieser Erde kannte. Er wird jung gestorben sein. Oder wird einige Jahrhunderte länger leben als wir andern. Oft saß Richard Perls dort. Er lebte schwer und starb. Er war ein geistiger Wunderbau. Richard Perls saß dort bleich und marmorschön. Lächelte oder schwärmte über Georg Simmel oder Theodor Lipps, und spiele ein bischen Fangball mit Erkenntnis-Problemen oder mit der kleinen Morphiumspritze, die er als Uhrberloque mit sich trug. Stefan George saß daneben, des heimatlosen Kometen lockende Sonne. Ein zäsarischer Leichnam auf Urlaub, ein vulkanischer Herd, der zwar damals noch Schlacken warf, aber aus dessen Laven schon die schönen Totenblumen der Dichtung brachen, unsterblich währende Asphodelosgärten. An anderen Tagen kamen die vom Train oder auch das gröbere Fußvolk. Der Musiker Adalbert von Goldschmidt, ein sehr schöner, ehrgeiziger Mann, der nur aus Bequemlichkeitsgründen kein zweiter Richard Wagner geworden ist, auch Otto Erich und Otto Julius, das liebenswürdigste Dioskurenpaar klassischer Bierhellenen, welche damals in München moralische Sentiments, Wäsche und Waschermadl friedfertig mit einander teilten. Jakob Wassermann, Parvenu der Genialität. Michael Georg Conrad, ein prächtiges Berberroß, nur der Cäsar fehlte, der es zurechtritt. Detlev Liliencron, der aussah wie ein quicker, strammer Froschmäusekönig. Oder eine Art Bauerngoethe. Ein guter Kamerad und nicht viel dummer, als zum Ausüben edler Dichtkunst nun einmal nötig ist. Der arme Oskar Panizza, der immer das Klügste dachte und das Dummste tat. Er schrieb ein neues System des Buddhismus und seine Aspasia war die wunderschöne Tina von Service neun... In diesen alten Spiegeln blieben sie hängen, eine lange Reihe. Unsrer Zeit beste und feinste Köpfe. Groß, still, schweigend... Aber an jenem Frühlingsabend, als ich vom Doktor Simon kam, saß der kleine Samuel durchaus nicht schweigend vor dem Spiegel. Samuel, unser aller Rächer und Richter. Er zog Bilanzen. Er redete Weltanschauung. Orakelte mit den Aermchen seine Gedanken in die Luft. Erdolchte falsche Götter. Wanzte die ganze deutsche Literatur durch. Kurz, machte es wie Jehova am Posaunentage: die Böcke zur Rechten, die Schafe zur Linken. Er kollerte wie ein Streithähnchen: Kikeriki, Symbolismus, Neuromantik, Idealismus, sagte er. Und sagte: differenziert, eigene Note und Persönlichkeit. Oder sagte auch: Menschheit und Entwickelung des Menschengeschlechts. Er käute Literatur. Er spie Wortwürmchen aus und aß zwischenhinein an einer Kalbshaxen. Denn – so sagte er – er sehne sich endlich nach Erdscholle, Wurzelständigkeit und Lokalkolorit. Und er sah nichts und hörte nichts und wußte noch viel weniger und ahnte nicht das Allermindeste... Aber, o Gott, er redete. Er zog die Bilanz... Richtig, da saß er und hatte gleich sein liebes Schwesterlein mitgebracht, das den kleinen Samuel betreute und fütterte und an den hohen Feiertagen wohl auch einmal wusch. Bescheiden, still, gütig, ein unterirdisches Alt-Fräulein. Sie blickte gottergeben, schwärmerisch zu dem ewig redenden Brüderchen auf, das garnicht sah, wie sie ihm all die guten Häppchen vorschnitt. Ein bischen schwärmerisch, aber auch ein bischen kritisch und wieder auch ein bischen flehend, als sagten die alten Fräuleins-Augen: O, bitte, widersprechen Sie doch Samuelchen nicht! Er wird dann gleich so aufgeregt und schläft so schlecht, und das Essen bekommt ihm nicht. Sie ahnen nicht, wie Samuelchen ist. Schon auf der Schulbank der Stolz von ganz Pinne. Er tut man nur so bös, wenn er sich abjachtern und dem Menschengeschlecht die Bilanz ziehen muß. Wenn er aber nicht bedeutend ist, dann kann er ganz nett sein! So flehten die besorgten Augen des alten Fräuleins, die viel feiner, ahnender und klüger waren, als ihr großes Brüderlein, das, ach, gar so furchtbar klug redete, als sei es nur aus Versehen ein menschlich Gebürtchen geworden. Denn eigentlich einmal hatte sein liebes Väterchen an einem schönen Schabbes ein kleines Talmudtraktätchen erzeugen wollen, aber aus Versehen ist aus dem knifflig rabbinischen Büchlein ein kluges Samuelchen geworden. Und ich dachte mir, Liebe ist das beste Augenwasser. Ich werde mir dies liebe Talmud-Mißgebürtchen mit seinen hypertrophisch entarteten Schreib- und Redezentren im klugen Fanatiker-Gehirnchen durch die Augen seinesLiteraturfontänchen. alten Schwesterchens besehen. Ich habe in Krakau einmal in der alten Judenschul einer Disputation zugehört. Sie handelte über Bücherstellen. Nicht aber über Bücher, die die Disputierenden lasen und erlebten, sondern über eine Bemerkung, die ein Rabbi geschrieben hat gegen die Bemerkung eines andern Rabbis der seinerseits etwas bemerkt hatte zu einer Stelle in einem Buche eines vierten Rabbi, welches aber heute nicht mehr zu haben ist. So ungefähr entwickelte sich die Geistesblüte des lieben kleinen Samuel aus Pinne. Ein Professor aus Wien habe ihm gesagt, daß David Hume „moderner“ sei als Kant, was nun ich wohl zu dieser Bemerkung eines Fachgenossen aus Wien sage? Ich bin, da ich als Mediziner viel in Irrenkliniken lebte, an den Umgang mit Geisteskranken aller Schattierungen gewöhnt und werde sogar mit deutschen Dichtern und andern Monomanen im allgemeinen ganz gut fertig. Ich sage ihnen meistens entschuldigend, daß ich (es entspricht das auch der Wahrheit) für Literatur nur wenig Interesse habe und seit einigen Jahren mich nur mit Abelschen Funktionen und hyperboloiden Kegelschnitten xter Ordnung beschäftige. Dann haben Dichter schreckliche Angst. Ja, sie sind eigentlich schon entwurzelt, wenn sie mit einem Manne sprechen müssen, der keine deutschen Journale liest. Indessen machte der kleine Samuel, als ich im Examen über Literatur vollkommen durchgerasselt war, noch einen zweiten Anlauf, indem er versuchte, mir einige Journalismen über Kunst abzutrotzen. Er verwickelte mich in ein Gespräch über die neue Pinakothek, die auf seine Seele, wie er sagte, am Nachmittag überwältigend und unauslöschlich gewirkt hatte. Hier muß ich nun aber aus langer Kenntnis jenes schreibenden Typus, den ich den espritjüdischen nenne, vorweg bemerken, daß der kleine Samuel in seinem ganzen Leben noch niemals ein Bild gesehen hat, so wenig als er je ein Musikstück gehört oder je eine lebendige Blume gerochen hat. Man sieht zwar seine flinken Beinchen durch sämtliche Galerien der Erde watscheln. Aber auch an jenem Frühlingsnachmittage hatte der kleine Samuel doch nur Schilder mit Namen und Bildunterschriften gesehen und sich gar wohl gemerkt... Er betrachtete nämlich gemalte Bilder als Belegstücke zu den von ihm persönlich gelesenen Museumskatalogen. An den Bildern ist zu ersehen, ob die darunter stehenden Namen stimmen, und über diese Namen wieder liest man in Muthers neuester Kunstgeschichte nach. Man brauchte dem lieben kleinen Wüterich garnicht zu antworten. Er lebte in beständiger Defensive gegen einen imaginären Idioten, der andere literarische Ansicht hat als Samuelchen. Darüber giftete sich Samuelchen. Giftete sich bis zu galliger Gotttrunkenheit an den eigenen Worten empor, so wie eine Lerche, die an den eigenen Liedern in die Luft klettert. Der imaginäre Idiot vertrat soeben den Standpunkt der Neuromantik. Das ärgert das liebe Samuelchen immer am meisten. Sodaß er mit dem Messer wütend auf die arme Kalbshaxe schlug, als sei das eine Haxen vom Hugo von Hofmannsthal oder von einem andern deutschen Dichter, dessen Bilanz in Samuelchens Hauptbuch ein entschieden Defizit aufweist. Zuletzt aber sagte der kleine Prophet, er möchte nun etwas vom Volksleben kennen lernen, denn er schwärme gar sehr für Quellfrische, Ursprünglichkeit und Erdduft. Ob ich ihm nicht ein bischen München zeigen wolle. Er sei schon ganz berauscht von unsrer Lebfrische. Hier gebe es doch noch wurzelhaftes Volksleben. Berlin sei ihm zu amerikanisch. Berlin sei nur groß in der ätzenden und zerfetzenden Kritik. Der Süddeutsche habe mehr Gemüt. Die Preußen hätten zwar schon eine Zivilisation, aber noch keine Kultur... So gab er seine Spruchbänder von sich, ein deutsches Literaturfontänchen. Lieber Gott! sagte ich schließlich resigniert, Herr Lublinski, wenn Sie Quellfrische und treues bayrisches Volksgemüt kennen lernen wollen, so gehn wir halt a bisserl zusammen ins Hofbräu. „Da feit Sie fein gar nixen“. (Ich lebte eben in München schon die zehen Jahr.) Ich habe also den kleinen Samuel Lublinski aus Pinne in Posen zum ersten Mal in seinem (wenn man so sagen darf) Leben ins Münchner Hofbräuhaus verschleppt. Ich ging mit den beiden Geschwistern über den Odeonsplatz, vorbei an der Residenz zum Theater, und dann die schöne Maximilianstraße hinunter. Ich sehe die lieben Beinchen noch heute vor mir. Er schnuffelte mir voran wie ein Hündchen nach literarischen Gelegenheiten, an denen er sein Wasser abschlagen könne. Die ganze Welt zerfiel ihm in solche, die schreiben, und in solche, die nicht schreiben. Von jedem Kollege Ibsen. Menschen wußte er genau so viel, wie aus seinen Büchern durch Lesen zu entnehmen ist. Er trippelte neben mir und sah und hörte von mir nichts. Und hätte ebenso gut auch neben Dante oder neben Newton hertrippeln können, er hätte auch denen in all seiner Herzenseinfalt vororakelt, was für Dramen er zu schreiben gedenke, und wie seinem Stellung zu Dante sei, und was Er über Newton für Ansichten gelesen habe. Vor dem Theater blieb der kleine Samuel stehn. Unter dem Giebel dort im Giebelfelde ist ein sodablaues Gemälde: Apoll und die Musen. Zählen Sie doch einmal die Musen nach, Herr Lublinski! sagte ich. Ich glaube, es ist eine zu viel dabei. Herr Lublinski zählte die Musen. Das ist die Muse der Zukunft, sagte Herr Lublinski zu der überzähligen. Ihre Schutzgöttin, meinte ich neckisch. Aber solche Huldigung steckte die kleine Gestalt gar naiv ein und begann sofort (wie übrigens die meisten Dichter, die ich kennen gelernt habe) mich mit Sätzen zu apostrophieren, wie etwa diesen: Apropos, Doktor Lessing, das wird Sie gewiß interessieren, Jonas Meier – Gott, ich halte ja freilich nicht viel von Jonas Meier – Jonas Meier schrieb neulich bei Scherl von mir, ich glaube, mit Recht, daß ich gegenwärtig in die dritte Periode meiner Entwicklung einzutreten im Begriff stehe. Es wird auch Ihnen gewiß nicht entgangen sein, daß zwischen dem Hebbelschen Oeuvre und dem Lublinskischen einige innere Verwandtschaften... Das accentuierte er kräftiglich mit den literarischen Beinchen und steckte die Bauchapsis vor, womit er den Stolz des Schaffenden markieren wollte und die tragische Höhe der ganz großen Literaten. Sehen Sie, Herr Lublinski, sagte ich, dort das Caféhausfenster, dahinter hat Ibsen jeden Nachmittag seinen Kaffee getrunken. Sofort hub er wieder das literarische Beinchen und ließ Wässerchen. „Ibsen!!“ rief er, ich muß zwar bemerken, daß ich mich mit gewissen Unklarheiten seiner Problemstellung durchaus nicht einverstanden erklären kann. Wenigstens nicht voll und ganz. Aber immerhin scheint mir die Moderne nicht denkbar ohne den Magus aus Norden (so sagte er, natürlich! Er sagte ja auch nicht Bismarck, sondern die Eiche im Sachsenwald). Vielleicht könnte Samuel auf dem Rückwege vom Hofbräuhaus dort ebenfalls sein Täßchen Nachtkaffee trinken, meinte das Schwesterchen. Ja! sagte Samuel groß, als wenn er zeigen wollte, daß er lebe und leben lasse, und als wenn er bedächte, daß sein künftiger Lublinski-Biograph einmal befriedigt konstatieren werde: Bei seinem ersten Aufenthalt in München erwies Samuel aus Johannisburg Henrik aus Skien eine gewisse Hochachtung. Im Münchener Hofbräuhaus war der kleine Samuel, der natürlich Hofbräu von Augustinerbräu so wenig zu unterscheiden vermöchte, wie etwa eine Symphonie in C-Dur von einer Sonate in E-Moll oder wie einen Monet von einem Manet (falls er zufällig auf dem Namenstäfelchen die Buchstaben durch seine Brille verwechselt hat), der kleine Samuel war also sogleich dionysisch begeistert, zumal er absolut kein Bier vertragen kann. Sobald er auf einem Stühlchen saß, und das Schwesterchen ihn mit Münchner Radi ätzte, und er in kurzen Schlückchen zum ersten Mal aus einem richtigen Maßkrug statt aus einem Glase trinken konnte, da wurde er warm. Wenn aber ein Gesalbter des Herrn warm wird, – o, du mon dieu, mon dieu! – dann beginnt es bald zu tröpfeln: Oele der Weisheit. Nein, ich hielt es nicht länger aus! Der Mann wurde ja jede freie Minute literarisch. Ich glaube, sein ganzes Leben bestand aus gelesenen Wortbildern. Wenn er im Hofbräu sitzt, dann denkt er etwa an die Rolle des Hofbräus in der deutschen Literatur, oder daran, daß schon andere berühmte Dichter im Hofbräu gesessen haben. Zwischen ihm und dem weiten Leben steht der neueste Literaturkalender. Nein, ich hielt es nicht länger aus. Gerade prasselte es wieder los: Was halten Sie von Zola? Haben Sie schon Jörn Uhl gelesen? Schätzen Sie die Buddenbrooks? Was halten Sie von Rilke? Kennen Sie Richard Schaukal? Herr Lublinski! rief ich, am Ende meiner Kräfte angelangt und mich zum letzten Entschluß aufraffend: Meine Tochter nämlich, jawohl, Judithchen, sie ist seit Nachmittag nicht gewickelt. Sie liegt gewiß ganz naß, denn sie ist gewohnt, daß ich sie wickle. Meine Frau wird eine sehr schlechte Nacht haben, wenn ich den Säugling nicht wickle. Adieu, leben Sie wohl! Es war mir ein Genuß, amüsieren Sie sich gut! Nannerl, zahlen! Und fort war ich. Ich habe den kleinen Lublinski nie wieder gesehen. Nur einmal, zufällig, vor fünf Jahren in einer Mitternacht. Das war bei Dresden, auf dem weißen Hirsch. Ich ging tief in der Nacht durch den Wald, die schöne Chaussee entlang, die von Neustadt zum Weißen Hirsch führt. Ich Nachtspuk. war froh im Dunkeln, fern von Menschen. Wo der Waldweg sich schon zur Stadtstraße wandelt, nah heim Lahmannschen Sanatorium, sah ich vor mir auf dem Pfade drei groteske Schatten. Einen ganz langen, schwarzen Schatten und einen kugeligen, kurzen mit vorgestrecktem Bäuchlein und redenden Beinchen, und dahinter her humpelte noch traurig ein drittes unterirdisch und wehmütig verschrumpftes Gebilde. Indem ich erschreckt aufblicke, sehe ich schon dicht vor mir die drei verspäteten Nachtwandler. Ein semitischer Jüngling mit goldenem Pincenez schaut andachtsvoll nieder auf ein älteres wandelndes Synagöglein im maurischen Stil. Lublinski! hauche ich entsetzt. Und mein Blut erstarrt. Und nun höre ich schon den langen Jüngling fragen: Wie stehen Sie zu Stephan George? Und höre, wie das kleine Talmüdchen antwortet: Ich will ja gern zugeben, daß in formaler Hinsicht die Entwickelung der Moderne – aber andererseits stehe ich doch nicht an, ernsthaft davor zu warnen, daß die einseitige Ueberschätzung der ästhetischen Richtung... Um Gottes willen! schreie ich entsetzt, er ist’s! Leibhaftig! Es ist Lublinski, der wandelt hier bei Nacht durch den Wald unterm Sternenhimmel und zieht die Bilanz. Und ich lief und lief vorbei an den dreien, im guten Vertrauen darauf, daß dieser schreibende Typ, den ich den espritjüdischen nenne, zum Glück weder sieht, noch hört, noch schmeckt, noch riecht, noch ahnt, sondern redet oder schreibt... Wie wunderlich ergeht es doch mit kleinen unbedeutenden Erinnerungen unserem Lebens! Durch einen Zufall tauchte all dieses in meinem Gedächtnis wieder auf, als ich gestern Abend in der Schmuddelmopsschen Buchhandlung zwei Bücher liegen sah: Die Bilanz der Moderne[3] und Der Ausgang der Moderne[4] von Samuel Lublinski. Zwei dicke Bücher. Ich blätterte darin so ein bischen und las ein paar Seiten und dachte mir bei der ahnungslosen Klugdummheit ihres Stils: Gott, was gibt es doch in Deinem lieben Viehstall für verschiedenartig liebe Viecherchen! Aber diese paar literarischen Klugschmusereien genügten, um mir heute eine furchtbare Nacht zu machen. Im fiebernden Halbschlaf sah ich ein großes Buch, das senkte sich zentnerschwer mir auf die Brust. Da lag es wie ein Alp. Aber plötzlich stieg aus seinen Blättern ein kleines Männchen und begann treuherzig mit den Beinchen zu predigen und streckte sein Bäuchlein weit vor sich hin wie die Apsis an einer mißratenen maurischen Synagoge. Und daran erkannt’ ich im Traum, daß es Samuel Lublinski war aus Pinne oder auch aus Johannesburg, ich weiß das nicht so genau. Und plötzlich begann die Apsis, in der die Bundeslade lag, sich von der übrigen Synagoge abzukerben. Es sah aus, als ob sich Samuel Lublinski halbiere. Aber aus der Apsis wurde plötzlich ein neuer Samuel Lublinski, der predigte gleichfalls mit Beinchen und bekam gleichfalls ein Bäuchlein. Und so wie man es an befruchteten Seeigeleiern oder auch an Kerbtierchen unter dem Mikroskope[5] sieht: aus jedem Lublinski kroch ein neuer Lublinski heraus, und zuletzt wackelten viele tausend Samuelchen auf mich los wie eine Armee winzig kleiner verfehlter Synagogen oder wie ein Riesenaufgebot von beweinenswerten Mißgebürtchen, die nicht sehen und nicht riechen und nicht hören können und wohl eigentlich ein talmudisch Büchlein hatten werden sollen, das ihre Väterchen im klugen Köpfchen am Schabbes gar gerne gezeugt hätten. Und die Mißgebürtchen alle wurden deutsche Dichter. Aber da sie doch eigentlich wieder nicht Dichter sind, wurden sie Kunstkritiker. Und da sie doch auch eigentlich nichts von Kunst verstehen, wurden sie Psychologen. Und als „Psychologen“ bewiesen sie mir, ich hätte keine Existenzberechtigung. Und sie alle schwangen lange, spitze Stahlfedern, die ganz schwarz waren von Tinte, und sie wollten damit in mein Herz pieken. Aber im Traum ächzte ich, stöhnte, fieberte und schrie aus dem Traum: Stoßen Sie doch nicht mein Herz ab mit ihren Federn, meine Herren, das gibt ja die schwarze Blutvergiftung. Aber die Lublinski’s konnten nicht sehen und nicht zuhören, und der eine schrie mich an: Sie sind ein Nachzügler der Neuromantik! Geben Sie zu, daß Ihr Standpunkt ein überwundener ist! Ein überwundener, sagte er, denn selbst im Traum sprachen sie Literatur-Deutsch. Gnade, Gnade! ächzte ich. Was halten Sie von Reinhardt? inquirierte mich bereits ein Vierter. Ganz wehrlos lag ich da. Der Idealismus ist eine überwundene Weltanschauung. Es ist auszeichnend, von einem Richter der Zeit als repräsentativ aufs Korn genommen zu werden. Es fehlt in Deutschland an Psychologie! an Erkenntnis! an Reizbarkeit! an Gehässigkeit der Erkenntnis! Im Traume hörte ich noch viele, viele solche und ähnliche Worte sagen. Und im Fieber begannen vor meinen Augen Wortbilder und Sprachklischees zu tanzen. Die verheirateten Adjektive tanzten ein Pas de deux auf meinem Herzen. Rosenlauben von Jargonblüten, voll undDie schwarze Blutvergiftung. ganz, unentwegt, heiligste Güter der Nation und Entwicklung des Menschengeschlechts schickten sich an, ein Moulinet des Dames aufzuführen, wobei ihnen mein armes, zuckendes, graues Hirn als Tanzboden diente. Und dann plötzlich träumte ich, der Nachtmahr habe sich auf mein unglückliches Hirn gesetzt. Aber als ich nachfühle, da ist es ein großer Hügel, der ist dort aufgeschichtet aus Berliner Tageblättern und Neuen Freien Pressen, für die ich so viel, so viel schreiben muß. Und die wachsen und wachsen nun überriesenhaft. Und nun war es schon ein kolossaler Berg. In seinen Rissen und Spalten kriechen und klettern wie Aeffchen die kleinen Lublinskis, und ich rief: Meine Herren, warum vermehren Sie sich denn so unvernünftig stark? Da sagte eine Stimme aus dem Berge: Dies ist der Parnaß und der Erdfloh vermehrt sich seit Aristoteles durch Urzeugung. Jeder muß lesen, was der andere schreibt...! Gott, Gott! stöhnte ich, es wimmelt von Gnomen und Kobolden und magischem Trudenvolk. Ich bin aus Samter, sagte einer. Ich bin aus Pinne. Ich bin aus Benschen. Ich bin aus Johannisburg. Wir ziehen die Bilanz, brüllte es rund um den Berg in meine Ohren. „Ach so“, es ist espritjüdischer Typus, blitzte es dumpf durch mein armes, erschöpftes Hirn, und mein Herzschlag ward ruhiger. Ich kanns erklären, hörte ich nun eine uralte Stimme sagen, denn ich bin der Berggeist. In Pinne, Samter und Benschen hocken viel arme kleine Jüngelchen. Sie sind sehr begabt, denn ihr Gehirn hat so wie deins seit zwei Jahrtausenden sich nicht ausgeschlafen. Ihre Mägen aber sind so hungrig wie deiner, darum arbeiten sie sich ein ins Bankfach oder in die Wäschekonfektion oder in die Jurisprudenz oder auch in die Literatur. Da ziehen sie nun eben überall die Bilanz. Und geschieht selten, daß ein Mensch eigen erfährt und abseits von den anderen leidet. Die meisten tauschen die Meinungen. Das gibt nun den Typ. Das ist die Vermehrung durch Urzeugung. Aber die Stimme aus dem papiernen Berge schwoll furchtbar an, sodaß ich erwachte. .. Ach, ich war heute den ganzen Tag krank, müde, zerschlagen. Und nun weiß ich: Nichts von mir wird übrig bleiben. Nichts von Euch. Das Menschengeschlecht mit all seinen zufälligen Göttern und Idealen muß versinken. Aber auf den Trümmern des Kosmos sitzt der kleine Samuel Lublinski aus Pinne. Er streckt stolz sein Bäuchlein in den leeren Weltraum und zieht die Bilanz. von Thomas Mann. Ein Pamphlet. Wiederabdruck aus Nr. 11 des Literar. Echo vom 1. März 1910. Ach, Herr Pastor, wüßten Sie, wieviel
Ueber Kegelschnitte und Psychologie. [Aus Gründen des Urheberrechts kann der Text von Thomas Mann hier nicht transkribiert werden] [Aus Gründen des Urheberrechts kann der Text von Thomas Mann hier nicht transkribiert werden] Fort! werft das Scheusal in die Wolfsschlucht! [Aus Gründen des Urheberrechts kann der Text von Thomas Mann hier nicht transkribiert werden] [Aus Gründen des Urheberrechts kann der Text von Thomas Mann hier nicht transkribiert werden] “Lahm schlug Odyß und krumm den Thersit, da lachten die Helden“. [Aus Gründen des Urheberrechts kann der Text von Thomas Mann hier nicht transkribiert werden] Wider Thomas Mann von Theodor Lessing. (Wiederabdruck aus Nr. 10 der „Schaubühne“ vom 10. März 1910.)
Ich habe nicht erwartet, meiner Satire vorausbemerken zu müssen, daß ich Herrn Manns Freundchen schätze. Nur seinen Stil schätze ich nicht, weil seine große Gescheutheit meine Nerven alteriert, und weil ich heilig glaube, daß er von den Gegenständen, die er verurteilt –, (Gott, die Erkenntnistheorie, die Moral und die Kunst), wirklichWarum Mann sich vergaß. garnichts versteht. Aber von der schönen Rechtlichkeit seines Charakters überzeugt auch mich die Langeweile, an der meine stete Sehnsucht scheitert, Herrn Samuel Lublinski zu meinem Lieblingsautor zu erwählen. Ich würde, mein lieber Thomas Mann, zu Ihrem Wahnsinn gerne... schweigen. Ich habe Sie lieb und fühle mich für Sie verantwortlich. Ich würde eisern schweigen, wenn große, verletzte Liebe für Ihren Freund Lublinski dies Vergessen ihrer Würde verschuldet hätte. Leider bezeugen Sie öffentlich, daß Sie zu meinem lieben Samuelchen nur ganz flüchtige, sogenannte „literarische“ Beziehungen haben. Ihr Motiv ist banaler. Es genügt, Ihrem Versuche, mich bürgerlich zu defamieren[6], die folgende Feststellung objektiver Tatbestände gegenüberzustellen. – –
Am 1. März d. J., Herr Thomas Mann, veröffentlichten Sie im „Literarischen Echo“ ihre Antwort auf diese, meine würdige Abfuhr.. „Ein unverschämter, unachtbarer Literat, ais das Schreckbeispiel schlechter jüdischer Rasse sich durchs Leben duckend, sein ärmliches Leben fristend und seine Nichtigkeit in Scene setzend so gut er kann.“ Vor noch nicht langer Zeit schrieben Sie an mich – (wie ich glaube, in ganz richtiger Einschätzung unsrer beider Persönlichkeiten) – in spontanem Briefe das Folgende:... „Ich persönlich bitte, Ihnen versichern zu dürfen, daß Ihr Werk, (es handelte sich um mein Buch Schopenhauer-Wagner-Nietzsche), mir so viel geistige Bewegung mitgeteilt hat, wie ich sie nicht vielen Büchern verdanke. Lob ist in gewissen Fällen eine Taktlosigkeit.. Aber das psychologische Raffinement und die ganze oft äußerste Höhe und Freiheit dieser Leistung ist sicher bewunderungswürdig“.. Und heute?.. „Irgendwer mußte den Schächer strafen. Kein ehrenvolles Geschäft. Aber vornehmes Uebersehen macht den Lumpen das Handwerk zu leicht“. Ein Dichter, Tomi, soll die Keuschheit der Worte ehren.. Haben Sie damals in jenem Briefe gelogen? Lügen Sie heute?... „Wer kann für seine Bekanntschaften?.. Nur der vermag die herausfordernde Unmöglichkeit des Schaubühnenartikels völlig zu würdigen, der zufällig weiß, welch ein Gebürtchen als Autor dahinter steht“.. Also, Thomas Mann! Ihre Nächsten haben sich fortgeworfen, die durch fast ein Jahrzehnt meine Freunde waren, mich suchten, mir manches dankten?... „Nachdem dieser Herr Lessing als Mediziner, als Schullehrer falliert, als Lyriker, Dramatiker und in jenen von ihm so dringlich empfohlenenTomi verachtet. philosophischen Werken seine weichliche Unfähigkeit erwiesen.... wird er nun, ein alternder Nichtsnutz, am Polytechnikum in Hannover als Privatdozent geduldet“. O weh, Ihr Schwiegervater zumeist handelte gewissenlos, da er mich zu diesem äußerst glanzvollen Posten an.. empfahl.... „Es ist nicht zu sagen, wo überall Herrn Lessings Wiege gestanden haben könnte, gesetzt, daß er eine gehabt hat, dieser unfähige Stümper, der froh sein sollte, daß auch ihn die Sonne bescheint“. So muß ich also dem Bruder ernst untersagen, vor Literaturmob die Schwester zu beschimpfen, die mich anders schätzt und meine Freundin ist... Vor diesen ganz sinnlosen Beschimpfungen, die selbst vor Betastung persönlichen Adytons, vor Verdächtigung des mir ehrwürdigsten, treusten Menschen, vor Weitertragen albernen Klatsches nicht zurückscheuen..., was bleibt mir übrig, als öffentlich den mir schmerzlichen Vorwurf zu erheben, daß Sie, Thomas Mann, aus dem Motiv gekränkter Dichtereitelkeit, den Versuch gemacht haben, das Prestige ihres großen Bürgerruhms gegen meine unbekannte Existenz ausspielend, mich um den ethischen Kredit zu bringen?! – Das ist Ihnen dank Ihres bürgerlichen Renommees, dank der Unbekanntheit meiner Werke, dank auch ferner all der Mißdeutungen, die für gemeine Denkart in meine Lublinski-Satire sich billig hineininterpretieren lassen, zunächst geglückt... Aber Sie werden mich nicht lehren, mit Ihren Waffen zu erwidern! “Wahrlich, ich mag sie nicht, die Barmherzigen,
Nein, Thomas Mann, Sie sind kein Dichter! Nur ein hochgezüchtet Marzipan-Mann aus Lübeck. Ich liebe tief Ihre wehmütig süßen Raffinements. Aber Sie tanzen mir zu schlecht! Warum ich grade dieses Oechslein dem Marsyasschinder weihete, so fragt Ihr Brief naiv bei mir an. Grade diesen Typ des liebearmen Esprit, welcher rezensiert, statt zu erbluten, „Stellung nimmt“, statt zu erleben? – Wirklich, ich weiß das nicht! Aber ich glaube, wir Dichter kennen weder Absichten noch Zufall. Apoll wohl zwang mich, aus Samuelchens lieber Seele das europäische Espritjüdchen herauszufiltern, ein Paradigma, ein neues Wort, einen neuen Irrtum schaffend. Nur die Bürger und die viel zu vielen anständigen Literaten glauben an Ressentiments als an das Gemeine, das sie verstehen. Denn wo die Anständigen einen kunstheiteren Spötter auf der Tat ertappen, haben sie die Strafe der Kastration vorgesehen, damit sein Fleisch fürder bitter schmeckt. Zur lachenden Bosheit (Tom, das verstehen Sie ja nicht) gehört viel selbstlose Liebe. Fragen Sie Ihren Nachbarn Thomas Theodor Heine, wie er Karikaturen macht. Er wird Ihnen sagen, daß er nur Menschen karikieren kann, zu deren Verspottung selbstquälerisch Wahlverwandtschaft ihn reizt. Wer Bismarck fein verlächerlicht, muß ein Stückchen Bismarck haben. Herzlich lachen, Tom, macht einzig Persiflage, die von uns selber erlöst. „Du verhöhnst dein eigen Blut!“ ruft der immergallige Bürger. Wir erwidern: „Was dürft ich wohl sonst verlachen? Ist denn nicht Satire Opfertat?“ “Lüge“ aber schimpfen Sie meine Burleske! All das gräßliche Geschwätz, welches Lessing, der Pasquillant, meinem Freunde, dem „Dichter“, in den Mund legt, kann der in Fleisch und Blut an meinem Herzen Ruhende nie gesprochen haben! Denn mein Freund ist „geistreich und feinsinnig“. Er mauschelt nicht. Es ist nicht richtig, daß sein Schwesterlein nur an hohen Feiertagen ihn waschen darf. Er ist ein schöner Mann.Problem der ästhetischen „Wahrheit“. Der Zeder gleich auf Karmels Höh... So minnesüß locket Ihr Lied. Ach, ich glaube ihm gern. Wenn es Ihnen, wenns dem lieben Samuel Genugtuung schafft, dann will ich auf alle deutschen Märkte gehen und beschwören, daß Euer beider reales Bein und Fleisch von jeher verführerisch durch stolzer Frauen Sehnsuchtsträume schritt. Wahrheiten der Burleske sind ästhetisch – psychologische, nicht historische Wahrheit. Nicht der reale, nur der unsichtbare Buckel reizt Satiriker. Nur hinter den trefflichen Schriftwerken des braven Mannes, für dessen Seifenkonsum und Moralität Sie mit allen schönen Seelen rechtens erglühen dürfen, äugt bescheiden mein Samuelchen. Nur mit Kirkes fluchgeborenem Zauberstab wandelt Satire Ihr schön gewaschen Freundchen in das irreale Traumferkelchen, das ich hinter dem Stachelzaun seiner Verse und hinterm Gatter seiner sehr schlechten Prosa habe grunzen hören... Was ist Satire? Was Pasquill? Heines Spott auf Platen nennt Börne: Satire, mancher Freund Platens: Pasquill. Heines Spott auf Börne nennt Börne: Pasquill, aber Platen: Satire. Sie finden meine Schilderung „gemein und niederträchtig“? Einseitig ist sie, wie jede Karikatur. Aber die Wahrheit meiner Satire hängt nie davon ab, ob Sie oder sonstwer daran glaubt, sondern ob ich daran glaube. Gute Freunde verleumdeten einst auch Sie, Tom, daß Onkel und Tante aus ehrenwertem Hause in ihrem schönen Familienroman zur Farce entweiht sei. Man verglich ihre züchtig wohlerzogene Geistigkeit mit Geistlosigkeit irgend eines, der damals Skandalgeschichten aus kleinen deutschen Garnisonen gipste. Sie wehrten edel ab. Sie zeigten den Bürgern, daß Wirklichkeit unseres Lebens dem Dichter das Transparent ist, durch das er hinblickt auf die Welt seiner Wahrheit, – sein Ich. Freilich, ich bezweifle, daß Sie für Ihre Kunst, die episch referierende, das Problem klar erschauen. Ihre seelische Kultur, Sie Lieber, wurzelt tiefer als Ihre geistige. Aber für meine Kunst, Tom, haben Sie recht... Für den Denker, den Kritiker ist reales Geschehen die Kette von Unwahrscheinlichkeit. Er macht erst das Wirkliche zur Wahrheit, indem er die Lüge zufälliger Geschichte in seine Weit voll Bedeutung – umlügt. Nicht trägt er, wie der Epiker, den Spiegel, der Menschen zeige wie sie sind. Er trägt“In Ketten Häuser bauen“. den Hohlspiegel, der karikierend all ihr „Wesentliches“ offenbart. Ihr liebes Freundchen war mein Zufalls-Transparent. Durch sein reinlich, redlich Gebein (Gott, wie oft muß ich noch sagen, daß ich nie mit ihm Kontroverse hatte und ihm herzlich gut bin?) glaubte ich zu erspähen, was ich harmlos ehrfürchtig niederschrieb in jener fröhlichen Groteske: Samuel zieht die Bilanz. Untragische Aesthetenmoral, welche fordert, Schwären zu verdecken, weil Verweichlichte scheuen, an sie erinnert zu werden, ziemt nicht für meinereins, der von früh an zu Not und Trotz bestimmt ist. Würdelos schaltet Ihr mich – Freunde –, weil ich an Samuelchen objektive Mängel karikierte, zu deren Träger zufällig oder notwendig jüdische Geistesart sich darlieh. Wohl, ich verstehe Eure Empfindsamkeit! Alter Pathologik gequälter Vorwelt entstiegen, unsicher-mißtrauisch aufzuckend, wenn irgendwo irgendwer eine Schärfe über Jüdisches sagt, ja, wenn des Blutes Erbbann nur erwähnt wird. Sie, lieber Tom, leben unabhängig, von je verwöhnt. Sie kostet weniger Wehe, wider mich, den Schirmherrn Israels zu mimen, als mir Wehe kostet, aus Wunden Lichter zu sammeln, mit Ketten Häuser zu bauen... Aber glauben Sie wirklich, Tom, Ritter vom Graal, es komme darauf an, zu entscheiden, wer von uns dreien der schönste ist? Nun, dann gebe ich mit tausend Freuden zu, daß für Herrengeschmack Sie, Tomi, für Damen aber Samuelchen viel reizender ist, als ich. Doch erniedrigen wir einander nicht durch so elende Optik! – Wenn in Deutschland Kulturschulmeister von Gottes Gnaden Zensuren der Geister austeilen, naiv befindend, welche Richtung für Kunst oder Philosophie erlaubt, wer bedeutend, bedeutender, am bedeutendsten ist, wenn ungütig stelzend die Ewig-Ahnungslosen, die starrpathetischen Bürgerpriester historisch festlegen möchten, welcher Dichter die Welt befördert, welcher ganz, welcher teilweis, welcher garnicht, – dann wird das Lachen zur notwendigen Tat. Um so befreiender, je bedeutender der Literaturpapst ist! Was ich verbrach? Als der arme kleine Hanno bedrückt von aller Selbstgerechtigkeit, aller Bürgertugend der Ewig-Egozentrischen halbtotgequält war, da ging er hin und malte dasAmoral des Lachens und Weinens. Portrait eines der Gerechten mit Kreide an die Wandtafel, und Geheimrat Professor Mann kam und relegierte ihn aus dem Orden aller anständigen Jungens. Ihr seid die Scharfrichter, ich bin nur Karikaturenzeichner. Warum Ihr mich defamiert? Weil Ihr herausfühlt, daß ich Euch nicht „hasse“. Am unbegreiflichsten ist den Menschen, daß man über sich und andere spotten kann ohne Galle. Eure verdammte Eitelkeit würde garnicht so empört Zetern, wenn hinter meiner harmlosen Burleske wirklich Häßliches und Gemeines steckte. Daß ich Euch nahe kam, und doch vorüberging, das verzeiht Ihr mir nie, Ihr möchtet den Spötter quälen oder bürgerlich schädigen. Ich aber will nur ästhetische Freiheit für mein Lachen über Euch. Und hätt ich Professuren und Orden zu vergeben , so bekämen Sie, Tom, für Ihr reizend Denunziatiönchen eine Professur der Moraltheologie und den Titel Kirchenrat, und mein Samuelchen schlüg ich zur Entschädigung für erlittene Karikatur zum Ritter des Adlerordens. Was ich verbrach? Ich habe parodiert. Ich habe Humorlosigkeit, Emphatik, und talmudisch Literatur-Raisonnement eines bedeutenderen Bildungsbürgers unbürgerlich-kapriciös, mit Leichtsinn verspottet. Ich habe nicht gehässig moralisieren, nicht menschlich kränken wollen. Ich habe getan, was in politischen Witzblättern täglich geschieht: von einem bekannten Manne der Oeffentlichkeit, den ich menschlich ehre, mit drastischer Komik in derbem Umriß vergröbernder Schwarz-Weiß-Technik eine redlich harmlose Karikatur gezeichnet. Solche Persiflage sagt nicht: dieser Autor ist schlecht, nicht: dieser Mensch ist unliebenswürdig, sondern: dieser Autor ist komisch. Seht mein Gemälde aus richtiger Distanz an. Lasset dabei die armen Maßstäbe Eurer bürgerlichen Ressentiments zu Hause. Das Moralische versteht sich von selbst. Meine Satire sagt nicht gleich Eurem Bürgergemüt: Ich bin der Adonis. Ihr seid die Mißratenen. Sondern ich rufe lachend: Kinder, uns fehlt noch manches zum Adonis. Glauben Sie, guter Tom, es sei würdiger, stärker, das wimmernd zu verkündigen, so wie es hinter Ihren ein bischen schwachmatischen Romanen zu lesen steht. O nein, dazu litten wir zuviel, und von Kunst wissen wir genau so viel, wie wir litten. Sie, lieber Tom, sind zu roh und klein für mein Seelenrecht, wissen viel zu wenig von Kunst. Ihr Schmerz hat Tränen. Ach, darum schwimmt Ihnen immer die Größe davon. Ich bin ein Gentleman, Herr Lublinski ist ein Gentleman.Abschluß und „Antwort“. Herr Mann war einer. Herr Mann hat bewußt gelogen, bewußt gefälscht. Seine vornehme Feder ward unrein. Es ist bitter, in beengter bürgerlicher Existenz gezwungen zu sein, gegen unabhängige Menschen, die durch viele Jahre meine nahen Freunde waren, öffentlich zu rechten. Ein zartes Würzelchen reißt: Ein lauteres Glöckchen wird trübe. Ich habe, ehevor man mich zwang, hier mit der Feder mein Gewissen durchzusetzen, Herrn Mann wissen lassen, daß ich für meine Satire auch mit gröberer Waffe Genugtuung gebe. Mehr als das Leben kann kein Geist für seine seelische Freiheit einsetzen. Herr Mann depeschierte mir zurück, daß meine Auffassung der Dinge ihm unverständlich sei und dem Herkommen widerspreche. Beides ist mir nicht neu... So verlange ich von ihm eine öffentliche Ehrenerklärung im „Literarischen Echo“. Erfolgt sie, dann betrachte ich die armselige Bagatellsache als gebührend erledigt. Erfolgt Schweigen, Versuch der Desavouierung oder Insult, dann bitte ich das hier Gesagte als harmloses Vorgefecht aufzufassen. Dann beginne mein Kampf. von Thomas Mann. Wiederabdruck aus dem „Literar. Echo“ vom 1. April 1910.
Solche Leute.. Stilgebauer. [Aus Gründen des Urheberrechts kann der Text von Thomas Mann hier nicht transkribiert werden] Tomi’s „unheimliche Gedanken“. [Aus Gründen des Urheberrechts kann der Text von Thomas Mann hier nicht transkribiert werden] Antwort Th. Manns. Preßgesetz § 11 (Diatribe). [Aus Gründen des Urheberrechts kann der Text von Thomas Mann hier nicht transkribiert werden] Preßgesetz § 11. Eine lehrreiche Korrespondenz.
Nach der Veröffentlichung des zweiten Mannschen Pamphletes erklärte die Zeitschrift, welche es in viertausend Exemplaren verbreitete, das „Literar. Echo“, die Angelegenheit für „genügend geklärt“ und verweigerte jede Berichtigung der Mannschen Invektive. Vier Mal versuchte ich vergeblich, die Aufnahme von Berichtigungen (die ich zuvor von Juristen begutachten ließ) gemäß § 11 des Preßgesetzes durchzusetzen. Aus dem bei dieser Gelegenheit geführten Briefwechsel verdienen einige Stellen als lehrreich für die Ethik „vornehmer Presse“ aufbewahrt zu bleiben. l) Aus Zuschrift der Schriftleitung: „Der einzige Punkt, für den Anlaß zu sachlicher Berichtigung gegeben erscheint, ist die Tatsache, daß Sie Ihr Buch seinerzeit nicht an Herrn Mann persönlich, sondern an seine Frau adressiert haben. Wenn Sie darauf Wert legen!... Alles andere ist keine Berichtigung, sondern sind Widerlegungen, zu deren Aufnahme unter keinen Umständen wir uns herbeilassen, nachdem die ganze für die Oeffentlichkeit in jeder Hinsicht unerquickliche Angelegenheit uns reichlich Raum weggenommen hat. Wir bitten, alle weiteren Zuschriften als zwecklos unterlassen zu wollen. 2) Aus Brief des Herausgebers Dr. J. Ettlinger: „Ich bin wirklich nicht deshalb auf ärztliche Anordnung Kurgast, um mich früh um 7 Uhr durch eingeschriebenen Brief aus dem Schlaf scheuchen zu lassen; ich habe nichtPreßgesetz § 11. Berichtigung. Lust, mich mit dem Inhalt Ihres Schreibens zu beschäftigen. Ich bitte Sie, zu verfahren, wie es ihnen beliebt: Klagen anzustrengen, Flugblätter, Broschüren herauszugeben oder was Sie sonst für gut halten, mich aber mit diesem langweiligen Handel zu verschonen. Ich darf Sie bitten, Ihre zurückerfolgende Zuschrift als das letzte anzusehen, was ich in dieser Angelegenheit erhalten zu haben wünsche“. 3) Aus Zuschrift des Verlegers (E. Fleischel & Co.): „Ihr an Herrn Dr. Ettlinger gerichtetes Schreiben übergab uns Herr Dr. E. mit dem Bemerken, daß die Redaktion nicht in der Lage wäre, Replik aufzunehmen. Falls Ihnen aber doch daran liegt, die Replik unsern Lesern bekannt zu machen, empfehlen wir, dies in Form einer Beilage zu tun. Die Kosten für das Beilegen würden wir Ihnen mit M. 36 netto berechnen, auch sind wir bereit, die Beilage in unserer Druckerei billig herzustellen“.
Berichtigung zur „Antwort“ Herrn Mann’s. Drucklegung vom „Literar. Echo“ verweigert. “Den folgenden[7] Erklärungen, mit welchen ich nichts anstrebe als Schutz vor Waffen, die schon abwehren zu müssen wider die Scham geht, habe ich vorauszuschicken, daß ich alles, was ich in dieser Angelegenheit geschrieben habe und schreibe, als unter Ehrenwort und an Eides statt gesagt betrachte.... Herr Thomas Mann richtete an mich am 13. Februar d. J. brieflich die Aufforderung, ein „Pamphlet auf Lublinski“ (so drückte er sich aus), öffentlich zu widerrufen, widrigenfalls er „so scharf wie möglich“ einen Artikel gegen mich veröffentlichen werde. Meine würdig-abweisende Antwort bezeichnet Tomis Sündenregister. Herr Mann als „exaltiert und von sonderbarem Hochmut“... Ich ließ mich selbstverständlich in keine Verhandlung weiter mit Herrn Mann ein. Darauf ging Herr Mann hin und veröffentlichte am 1. März den Artikel „Der Doktor Lessing“. Dies der objektive Tatbestand. In die Motive Herrn Manns habe ich keinen Einblick. Aus ungefähr vierzig Briefen, die ich aus persönlicher Beziehung während der Jahre 1902-1910 von Herrn Mann und Angehörigen besitze, zitierte ich die folgende Stelle eines spontanen, von mir unbeantwortet gelassenen Schreibens vom 27. Februar 1906: „...ich persönlich bitte, Ihnen versichern zu dürfen, daß Ihr Werk (es handelt sich um mein Buch Schopenhauer-Wagner-Nietzsche) mir soviel geistige Bewegung mitgeteilt hat, wie ich sie nicht vielen Büchern verdanke. Lob ist in gewissen Fällen eine Taktlosigkeit. Aber das psychologische Raffinement und die ganze oft äußerste Höhe und Freiheit dieser Leistung ist sicher bewunderungswürdig“... Um den Widerspruch dieser Briefstelle zu heutigen Entäußerungen abzuschwächen, insinuierte Herr Thomas Mann, das Schreiben, in welchem er von seiner mir wertlosen Bewunderung sprach, sei „Antwort“ auf ein ihm dediziertes Buch gewesen. Ich habe Herrn Mann nie ein Buch geschickt!! – Herr Mann nimmt vielmehr in jenem Briefe, der nur durch Zufall mir wieder zu Händen kam, auf ein Werk Bezug, welches ich etwa acht Monate bevor Herr Mann so artig schrieb, bei ganz persönlichem Anlaß seiner mir damals nahestehenden späteren Frau versprach und mit eingeschriebenem, mir wörtlich im Gedächtnis gegenwärtigem Gedichtchen durch ihre Mutter übermitteln ließ. Herr Mann versuchte (eine Briefstelle an seine Schwester bezeugte das) ich glaube während eines Aufenthalts in Oberammergau Herbst 1905 meine Philosophie zu studieren. Unbewußte Spuren dieses, Herrn Manns Eigenart fernliegenden Studiums glaube ich in einem Essay zu finden, in dem er bestimmte, mir allein zugehörige Termini verwendet. Herr Mann sucht meinen durch unsinnige Beschimpfung aufgedrängten Hinweis auf alte „Freundschaft“ mit seinen Angehörigen als „Prahlerei und Schnorrer-Zudringlichkeit“ zu entkräften. – Ich bin bereit, Privatbriefe (deren lnhalt ich öffentlich nicht verwende) vorzulegen, sowie zwanzigRevelabo pudenda tua. einwandfreie Persönlichkeiten als Zeugen dafür anzuführen, daß sich meine Illusion von „Freundschaft“ an überzeugenden Tatbeständen nähren konnte. Meine Selbstachtung fordert, die ehemals gern und oft dokumentierte Behauptung der Angehörigen Herrn Manns, meiner diffamierten Person „nahe zu stehen“, als mich verletzend und herabwürdigend zurückzuweisen. Ich habe, bevor ich nur eine Antwortzeile auf Herrn Manns öffentlichen Insult drucken ließ, bei Herrn Mann, das Private des Falles betonend, telegraphisch angefragt, ob er für seine Ueberzeugung mit der Waffe eintreten wolle. – Ich habe das Austragen in der Oeffentlichkeit (um Herrn Manns willen) gewissenhaft zu verhüten gestrebt und erst als seine unsinnig-selbstgerechte Blindheit keine Wahl ließ, meine bis zum Verlust des Lebensunterhalts bedrohte bürgerliche Person mit der Feder zu schützen versucht. – Ich bin froh, daß Herr Mann selber sein und mein Telegramm zitiert, denn es zeigt besser als ich sonst vermöchte, wie ich als Angelegenheit persönlichen Gewissens zu behandeln gesucht habe, was Thomas Mann zu würdelosem Literatenstreit erniedrigt. Coda. (Vergl. „Literar. Echo“ vom 1. April 1910.)
Tut er keines von beiden, so schaffe ich mir Recht, wie einst Heine gegen die gleiche Feigheit „Menzels des Denunzianten“. Ich lasse meine Satire „Samuel zieht die Bilanz“ als Broschüre drucken und füge den Angriff Thomas Manns wörtlich, wie er im „Literar. Echo“ erfolgt ist, hinzu, ferner auch meine Antwort, die ich nach einem Nietzschewort benenne. „Tomi melkt die Moralkuh“. Da mag sich dann jeder sein Urteil bilden. Damit nun aber niemand, (selbst Hans der Träumer wird ja schließlich menschenklug), mir etwa nachsagen könne, daß ich aus den Grenzen eines Gegners Nutzen zog, so widme ich den Reinertrag, der etwa aus meiner Satire und dem Thomas Mannschen Pamphlete erzielt wird, der – großen Karnevals-Gesellschaft in Köln. Diese werde ich bitten, mir die Zuwendung öffentlich zu beglaubigen“. Hannover.Theodor Lessing.
Herr Mann hat jede Genugtuung verweigert!... Voilà donc! Das Ehrengericht oder die landwirtschaftliche Ausstellung.
Oeffentliche Erklärung.
Die folgende Erklärung wurde in einer Anzahl deutscherDeutschland, siehe deine Ehrengenien! Literaturblätter durch Herrn Leo Greiner – München veröffentlicht: “Die Unterzeichneten drücken gelegentlich des Artikels „Samuel zieht die Bilanz“ von Theodor Lessing in Nummer 3 der „Schaubühne“ ihr Bedauern darüber aus, daß es kein Ehrengericht für Journalisten gibt.“
An das Ehrengericht. Eine Antwort. Wiederabdruck aus der „Schaubühne“ Nr. 12 vom 24. März.
Es ging spazoren zu Athen So mußte damals zu Athen
Froschmäusekrieg.
Froschmäusekrieg. Nach der Veröffentlichung der Ehrengerichtskundgebung begann der satirisierte Samuel Lublinski selber in die Schranke zu reiten. In der Wochenschrift „Das Blaubuch“, die schon zuvor einen moralischen Entrüstungsartikel gebracht hatte, publizierte er die nachfolgende „öffentliche Aufforderung“. Eine Aufforderung an den Doktor Lessing von Samuel Lublinski–Rom. Wiederabdruck aus dem „Blaubuch“ 1910, S. 281-282. Roma locuta, causa finita.
Die Redaktion des „Blaubuch“.
Herr Doktor Theodor Lessing stellt sich, nachdem ihm wegen seines Pamphletes gegen mich in der Schaubühne von verschiedenen Seiten die Meinung gesagt wurde, auf den Standpunkt, daß er durchaus keine „Beleidigung meiner bürgerlichen Person beabsichtigt“ habe, sondern nur den Schriftsteller, die „literarische Persönlichkeit“ treffen wollte. Der Spitzbauch, die mauschelnden Arme und Beinchen, das ungewaschene Gesicht – das alles sollte, – man sei nicht zu verblüfft, symbolische Bedeutung haben, und der Herr Doktor haben dadurch nicht meinen Leib kennzeichnen wollen, sondern meine verwachsene Seele. Dieses wundersame Geständnis ist bezeichnend für den hohlen Formalismus und die falsche Plastik, mit der sich mein Gegner seine “Satiren“ zurechtzumachen pflegt. Doch diese „literarische“Das Buch Samuelis oder Roma locuta. Seite bleibe vorläufig unbeachtet, und ebenso verspare ich mir den Nachweis, daß allerdings der Herr Doktor eine scharfe persönliche Kontroverse mit mir gehabt hat, auf eine spätere Zeit, falls er nach dieser Andeutung fortfahren sollte, zu leugnen. Dagegen möchte ich jetzt schon auf einen Umstand hinweisen, der von grundsätzlicher Bedeutung ist, weil er beweist, mit welchem Manko an Gewissenhaftigkeit in Deutschland literarische Kritik und Polemik betrieben wird. Der Herr Doktor Lessing wollte den „espritjüdischen Typus“ treffen und den zensurierenden Schulmeister, der über Kunstwerke urteilt, die er nicht erlebt hat, oder der, wie der Doktor sich geschmacklos ausdrückt, nicht sieht, nicht hört, nicht riecht. Ich will nicht so pedantisch sein, nachzuweisen, daß diese beiden Typen einander vollkommen ausschließen, und daß man z. B. dem unzweifelhaft „espritjüdischen“ Heine alles Mögliche vorwerfen kann, nur nicht Mangel an Erlebnis und Leidensfähigkeit. Aber wer wird es mit einem professionellen Satiriker so genau nehmen! “Espritjüdisch“ und „Schulmeister“ sind ja längst schon allgemein verbreitete Schlagworte geworden, inhaltslose Phrasen für jedermann aus dem Volk, und so merkt der ahnungslose Doktor nicht den Widerspruch und heftet meiner „literarischen“ Persönlichkeit diese beiden Etiketten an. Das tut er, obgleich er mich nach eigenem Geständnis als Schriftsteller garnicht kennt. Meine beiden kritischen Bücher hat er nur „angeblättert“ und kann also nicht wissen, ob sie aus schulmeisterlicher Erlebnisunfähigkeit herkommen oder vielleicht aus ganz anderen Eigenschaften des Autors geboren wurden! Auch von meiner Produktion weiß der Doktor Lessing, das sage ich ihm auf den Kopf zu, garnichts, und so wird sich seine Kenntnis meiner „literarischen“ Persönlichkeit auf einige Zeitungsartikel beschränken, die seine „leidensfähigen“ Nerven irritierten. Trotzdem besitzt dieser Mann die Gewissenlosigkeit, über mich als Schriftsteller aburteilen zu wollen, trotzdem wiederholt er hartnäckig in seinem letzten Artikel „wider Thomas Mann“, daß ich ein espritjüdischer zensurierender Schulmeister sei, während er gleichzeitig so freundlich ist, mich für einen Gentleman zu erklären. Sehr verbunden, Herr Doktor, und ich bin nicht in der Lage, Ihnen dieses Kompliment zurückzugeben. Wenn der Doktor Lessing von Thomas Mann eine „Ehrenerklärung“ imSamuel’s römische Bulle. Literarischen Echo abverlangt, so muß ich seinerseits von ihm verlangen, daß er in der Schaubühne sein Bedauern darüber ausspricht, über die literarische Persönlichkeit eines Schriftstellers, der ihm bisher völlig unbekannt war, ein Urteil abgegeben zu haben, obgleich er wußte, daß ihm dazu jede Unterlage fehlte. Wenn er das nicht tut, dann wird über den Charakter des Braven in weiteren Kreisen kein Zweifel mehr herrschen, und man wird es mit heller Heiterkeit entgegennehmen, daß er Thomas Mann gegenüber die schwer gekränkte Unschuld mimt. Mich selbst könnte sein geschminktes Pathos mit einer so „zarten und fröhlichen Bosheit“ erfüllen, daß ich mich am Ende herabließe, ihn zu karikieren, wobei ich gewiß nicht nötig hätte, symbolische Spitzbäuche zu erfinden, da mir seine literarische „Persönlichkeit“ nichts weniger als unbekannt ist. Die nächsten sieben Wochen hat der spaßhafte Witzbold vor mir Ruhe, da ich ihn in Italien vollständig vergessen und mich erst in Deutschland wieder an ihn erinnern werde. S. Lublinski–Rom.
II. Antwort an S. Lublinski–Rom von
Wiederabdruck aus dem „Blaubuch“ Nr. 15 v. 14. April 1910. “Dieses Glas frischen Quellwassers, Herr Geehrte Redaktion des Blaubuchs: Ich weiß nicht, ob Ihr Freimut gestattet, Worte von mir ins Blaubuch aufzunehmen, da Sie mich ja für einen auszurottenden Schädling halten.... Am 24 März d. J. brachten Sie unter dem Titel „Eine Aufforderung an den Doktor Lessing“ einen Artikel des Schriftstellers Herrn Samuel Lublinski–Rom, den ich Schurke karikiert habe... Sie fügten hinzu, daß Herr Lublinski–Rom diese Antwort nur mühsam seiner Verachtung für meine Person abgerungen hat... Was enthält nun Herrn Lublinski–Rom’s Artikel? Er fordert mich auf, Bedauern auszusprechen, seine „literarische Persönlichkeit ohne genügende Unterlage kritisiert zu haben“. Anderfalls Herr Lublinski–Rom (so drückt er sich aus) sich „am Ende“ dazu herablassen werde, auch mich zu karikieren... Tonart und schlechter Stil beruhigen mich ganz erheblich... Als Friedrich Nietzsche den „Bildungsphilister“ parodierte, da schrieb er an die Schwester etwa so: „Nur eines machte mir Schmerz, einem verdienten Manne, der doch immerhin würdig war, mit Leidenschaft von mir persifliert zu werden, persönlich wehe tun zu müssen. Nun aber, da ich sehe, welch ahnungsloser satisfait er ist, schwindet mein letztes Restchen bürgerlicher Schwäche“. – Herr Samuel Lublinski – Rom ist, – nicht zwar als geistige Persönlichkeit, wohl aber in allerlei Einzelzügen ein stärkerer Autor, als David Friedrich Strauß. Aber ein naiver satisfait ist er, wie je einer war. Vor dem Inhalt meiner Satire steht er so ahnungslos, wie David Strauß vor Nietzsches Philisterbetrachtung, als er schrieb: „Ich weiß nicht, was der widerwärtige Mensch eigentlich will“.... Herr Lublinski–Rom wünscht Bedauern über mein Urteil! lch habe ihn nicht „beurteilt“! Ich habe Erlebtes, das mir komisch schien, geschildert, wie ich es sehe. Ob der reale Herr Lublinski dem Bilde gleicht, das ich aus literarischen Impressionen mir gebildet habe, kommt auf die Doktorfrage hinaus, ob Sokrates, der reale, so schön oder unschön gewesen sei, wie der Sokrates in des Aristophanes Porträte. Ich kann irren. Möglich! Zweifellos aber ist, daß Herrn Lublinski–Rom’s „Aufforderung“ mich nicht eines bessern belehren kann. Ich kann nichts tun, als was ich schon tat: feierlich erklären, daß sich bürgerliche Moralitäten von selbst verstehen. Herr Lublinski ist gewiß ein trefflicher Mann. Aber seine ästhetisch-psychologischen Arbeiten (ich kenne seine Werke seit wenigstens zehn Jahren) sind nach Ethos und Geistesart für meinen inkompetenten Geschmack quälend-unerträglich. Ich sage damit nicht, daß dieser Autor schlecht ist! Ich sage nur, daß er mich zum Gähnen reizt. Und ich weiß, oder vorsichtiger, ich glaube zu wissen, daß der Gehalt seiner gewiß sehr nützlichen Bücher für mein Innenleben gleich belanglos bleiben wird, ob ich hundert seiner Werke studiere oder dreie. Die Optik geistigen Lebens steht in Frage. Zwei Punkte nur möcht’ ich geklärt sehen. Herr Lublinski wünscht den Nachweis zu führen, daß ich aus persönlichem Ressentiment spotte. Nicht artistische Motive, nein, niedere Antriebe sollen meine Satire eingegeben haben. Ich hätte, so behauptet Herr Lublinski–Rom, ein scharfes persönliches Renkontre mit ihm gehabt. Ich martere vergeblich mein sonst recht gutes Gedächtnis. Ich gebe mein Ehrenwort, ich ahne nicht, was die Herren meinen! Herr Lublinski–Rom hat mich vor vielen Jahren einmal freundlich besucht. Er wurde selbstverständlich freundlich aufgenommen. Sodann vor etwa Jahresfrist erhielt ich von ihm bei unerheblichem Anlaß ein paar artige Briefzeilen. Sonst habe ich mit ihm meines Wissens nie irgendwelche Berührung gehabt. Ich brenne, werter Herr Lublinski, vor Neugier auf Ihren gewiß sehr interessanten Nachweis! Zweitens: „Die nächsten sieben Wochen hat der spaßhafte“Vom übel berichteten Papst an den besser zu berichtenden.“ Witzbold vor mir Ruhe, da ich ihn in Italien vollständig vergessen und mich erst in Deutschland an ihn erinnern werde.“ – Hier, meine Herren Richter, liegt der Hase im Pfeffer. Edle Gesinnungen haben wir Menschen bekanntlich alle. Im Rechte glaubt jeder zu sein. Worauf es in literarischen Streitfällen, wie diesem, ankommt, ist das Maß von Opferkraft, von Treue, von Leidenschaft, meinethalb von Fanatik des Hasses oder der Erbitterung, mit dem jeder für seine Art Auffassung eintritt. Wenn ich Herrn L.’s stolzende Wesensart komisch finde, wenn ich (durch häßliches Pamphlet leider gezwungen), Herrn Thomas Mann, dessen geistige Qualitäten ich liebe, als zartes Talent glossiere, getragen von defektem Menschentum, dann weiß ich genau, was ich da sage. Ich bin gewillt, für diese Entäußerung einzutreten! Wenn’s not tut, mit meiner Existenz! Wenn Sie aber, sehr geehrte Herren Richter, mich öffentlich infam machen, die moralische Rachsucht des Volkes mobil machen... sind Sie dann auch gewillt, für diese Ueberzeugung, wenn’s not tut, Existenzen einzusetzen? Sie, mein geschätzter Herr Lublinski–Rom, gehen jetzt auf Gräbern der Päpste heiter lächelnd spazieren, unbekümmert im selbstgerechten Gemüte. Nur en passant wollen Sie mich ein bischen bürgerlich infamieren. Und es handelt sich doch um Fragen persönlichster Ethik, für die man sich einsetzen muß. Glaubt mir, edelentrüstete Moralisten, durch die Hetze auf Holzpapier, die Ihr durch Wochen veranstaltet habt – „zielbewußt und unentwegt“ durch verständnislosen Boykott, der öffentlich ächtet, ohne auf die fremde Art Weltschau eingehen zu wollen, habt Ihr gewissenloser gequält und geschadet, als je eine künstlerisch gemeinte, bewußt verantwortete Satire quälen oder schädigen kann! Moralisch entrüstet sein... wie billig ist das! Aber wenn sämtliche Idealisten Deutschlands meine Existenz erschweren würden, ich könnte nichts widerrufen und nichts bedauern, als nur, daß der Gegenstand meiner Satire zu unerheblich ist, um all die großtönende Emphase zu rechtfertigen. Ich habe mit künstlerischen Mitteln ästhetische Ueberzeugung vertreten. Ohne Galle und Uebelwollen. Urteilen mag jeder, wie er muß! Allemal unerlaubt aber ist, einen Autor für einen schlechten Kerl zu erklären, weil sein Werk nicht behagt. Niemand hat das Recht, Motive zu verdächtigen, weil er mit mir nicht übereinstimmen kann. Ich stimme mit meinen dreiunddreißig literarischen Richtern nicht überein. Aber es wird mir nicht beikommen, anzuzweifeln, daß die“Schreihals schon stürmt zur Rache herbei.“ Herren ihr leichtfertig Ketzergericht in bester Absicht halten. Es wird mir auch nicht beikommen, Herrn Lublinski’s ethischen Wert anzuzweifeln, weil ich für seine Literaturprodukte nicht das mindeste Verständnis habe. Antwort von
Wiederabdruck aus dem „Blaubuch“ Nr. 15, S. 356-357
Erzieher zum Geiste
Lichtstrahlen aus den Werken deutscher „Ehrenrichter“. (Einige Proben.)Aufgeknüpft?! oder Niedergeknallt?! von Erich Schlaikjer – Berlin. (Wiederabdruck aus der „Welt am Montag“ vom 11. April 1910.)
II. Haut ihn tot! von Julius Weber-Czernowitz. Wiederabdruck aus der „Volkswehr“ Czernowitz vom 21. Februar 1910.
III. Boykottiert ihn! oder Wir Psychologen von Karl Fr. Nowak – Leipzig. Wieder abgedruckt aus dem Leipziger Tageblatt vom 21. April 1910.
IV. Alleweil zart und vornehm von Herwarth Walden. Aus einem Artikel „Die Schreihälse“ in „Der Sturm“ vom 28. April 1910, S. 70. “Wie wenigen bekannt sein dürfte, hat in einemMoralisch minderwertig! Ausgesperrt! Totgeschossen! Bühnenblättchen irgend jemand den Literarhistoriker Lublinski in schmieriger Weise mit antisemitischen Witzlosigkeiten angepöbelt... Ich will Lublinski nicht beleidigen, wenn ich seinen Namen in so kläglicher Gesellschaft ausspreche; es ist mir begreiflich, daß der Verfasser mehrerer Werke, welche um ihrer Originalität willen sogar in fachphilologischen Kreisen Ansehen genießen, nichts gemeinsam hat mit einem professionellen Schwätzer, doch erfordert die Deutlichkeit, den Namen zu nennen: Der Rüpel war ein Herr Theodor Lessing... Der edle Satiriker forderte den Dichter Thomas Mann, weil ihm dieser wegen seiner Rüpeleien energisch übers Maul fuhr: Herr Lessing hat offenbar das richtige Gefühl, daß man ihm nur mit einer Revolverkugel sein Maulwerk stopfen kann.“[10] V. „Zersetzende Elemente“ oder zur Rassenpsychologie von Karl Muth. Aus einem Aufsatz „Die Juden und die deutsche Literatur“ „Das Hochland“ 1910, Nr. 8, Seite 246-248. ... An das widerliche Machwerk, mit dem Heine das Andenken des verstorbenen Börne zu besudeln suchte, in der Tat aber sein eigenes geschändet hat, fühlt man sich erinnert angesichts der Art, wie der Schriftsteller Lessing über den in viel weiteren Kreisen angesehenen Literaturästhetiker Samuel Lublinski in einem satirisch sein sollenden Aufsatz hergefallen ist. Obwohl Lessing schon in der zionistischen Bewegung von sich reden gemacht hat, man also bei ihm eine gewisse Selbstachtung jüdischen Blutes erwarten sollte, scheut er sich nicht, sein literarisches Opfer ein „fettes Synagöglein“ zu nennen, welches „mauschelt“. Solche Leistungen können, so gerne es geschehe, nicht mit Stillschweigen übergangen werden, denn der Pamphletist Lessing, am bekanntesten durch seine lärmende Reklame für seinen „Antilärmbund“, ist, wie Thomas Mann in einer Brandmarkung, die er im „Literar. Echo“ ihm hat angedeihen lassen, aus naher Kenntnis mit Selbstüberwindung konstatiert, „ein unachtbarer Literat, der sich als Schreckbeispiel jüdischer Rasse durchs Leben duckt in schmutziger Selbstverachtung“. – Mann war zu seinem unliebsamen Ehrenamt berufen, weil er die beiden in Betracht kommenden Personen genau kennt. Auch die Redaktion des Echo bezeugt, daß Mann damit für die Ehre und Reinlichkeit des gesamten deutschen Schrifttums, einschließlich aller anständigen jüdischen Elemente eingetreten ist. Es wäre nur zu wünschen, daß sein Exempel den Selbstreinigungsprozeß fördern helfe. Je mehr jene zersetzenden Elemente ausgeschaltet werden, vor denen auch Ludwig Geiger die Stammesgenossen warnt, desto eher werden sich einige als positive Mitarbeiter behaupten können, obwohl schwerlich große Schöpfertaten von ihnen zu erwarten sind“. VI. Hurrah, einer am Pranger! von Walter Behrend. Aus einem Artikel „Der abgekanzelte Lessing“, Leipziger Neueste Nachrichten vom 3. März 1910. ... „Lessings Aufsatz sollte amüsant klingen, ist aber eine schändliche, verwerfliche Karikatur... Lessing bezieht nun, nachdem sich die „Hilfe“ in liebevoller Gründlichkeit seiner angenommen hat, seine zweite ordentliche Tracht“Muß man denn etwas von Ihnen kennen?“ Prügel soeben von Thomas Mann, wie er es nicht besser verdient hat. Die Züchtigung mußte äußerst scharf ausfallen, denn Lessing ist unfein und zeigt Mangel an Selbstkontrolle. Keine psychologische Deutung des Falles Lessing kann das Urteil über den Missetäter abändern, er wird die verabreichten Prügelsuppen beschämt hinunterschlucken müssen“. VII. Calumniare audacter! von Paul Zschorlich – Berlin. Wiederabdruck aus der „Hilfe“, Herausgeber Fr. Naumann, Jahrgang 1910, Nr. 5 und 8. ... „Ein neuer Lessing ist aufgestanden, ein Theodor Lessing, der Lessing unserer Zeit und wenn nicht alle Zeichen trügen, der Lessing aller Zeiten, der Lessing aller Lessinge, der Ueberlessing... Mit einer Art Wollust wälzt er sich in dem selbsterzeugten Dreck herum! Er ergeht sich in einem Jargon, wie er in Destillen und Kaschemmen an der Tagesordnung ist! Herr Lessing tut, als habe er eine literarische Satire geschrieben oder schreiben wollen, kunstheiter, zarter und fröhlicher Bosheit voll“. Fragt sich nur, ob Herr Lessing einen findet, der ihm das glaubt! Ich für mein Teil weise dieses scheinheilige Bemühen, dem Leser Sachlichkeit vorspiegeln zu wollen, als einen groben Täuschungsversuch zurück, ebenso wie ich Herrn Lessings augenverdrehende Versicherung „ich habe Lublinski als Mensch sogar lieb“, als eine absurde Phrase bezeichnen muß... Heute ist mir bestätigt, was anfangs nur eine Vermutung von mir war: es ist eine Racheakt! Im großen Publikum weiß man davon natürlich nichts, aber wir wissen es, Herr Lessing und ich... Ob ich sonst etwas von ihnen kenne? Nichts kenne ich! Muß man denn etwas von ihnen kennen? Nein!! ich habe noch kein einziges ihrer Werke „durchdacht“, die Sie für so bedeutsam halten. Ich glaube auch nicht, daß unsere Weltanschauungen besser harmonieren würden, als unsere Begriffe von Anstand, flegeln Sie weiter. Pathologische Veranlagung läßt sich nicht so leicht kurieren.Erzieher zum Geiste. Nachspiele. Aber glauben Sie mir, wenn ich Sie wieder auf einem literarischen Bubenstreich ertappe , dann gibts wieder was auf die Finger. Verstanden?“ Nachspiele. Wieder abgedruckt aus einem Artikel von Otto Krille in der „Leipziger Volkszeitung“ vom 8. April 1910.
Mich erinnerte aber die Geschichte an einige Briefe, die ich seit einem Jahre in meiner Schatulle habe. Der Verleger meiner Gedichtbände hatte eine Mahnkarte an die Redaktionen gesandt, die meine letzte Sammlung zur Rezension erhalten hatten. Darauf lief bei ihm folgendes Schreiben des Redakteurs ein: „Auf die gefl. Zirkularanfrage erwidern wir ergebenst, daß wir das Buch von Krille... zu besprechen vorhaben... Bei dem großen Andrange müssen wir eine gewisse Reihenfolge innehalten und danach kann immerhin noch einige Zeit verstreichen, ehe wir die Besprechung veröffentlichen können. Andererseits können wir verstehen, daß Sie die Leser alsbald möchten über Ihr Buch informiert wissen. Deshalb wird es vielleicht in ihrem Interesse liegen, das Buch durch Inserate anzukündigen. Die Anzeigenabteilung wird ein solches Inserat jederzeit gern aufnehmen und hat uns das angefügte Preiszirkular vorgelegt“... Der Verleger reagierte nicht auf diesen plumpen Wink... Darauf ereilte ihn ein anderes Schreiben, in dem es heißt: „Wir erlauben uns heute ergebenst anzufragen, wann wir den Inseratenauftrag erwarten können“. Als auch dieses Schreiben seinen Zweck verfehlte, lief ein drittes ein: „Unter höfl. Bezugnahme auf die Anregung zum Annoncieren... erlauben wir uns, Sie zu ersuchen, den Text ihres w. Inserates nunmehr recht bald gefl. zusenden zu wollen“. Da der Text des Inserats nicht kam, unterblieb die Besprechung. Ich beobachtete des Humors wegen die Rezensionen. Natürlich erschienen sie nicht nach der Reihenfolge des Büchereinlaufs. Das Blatt heißt – – „Die Hilfe“! Wenn es das Kapitel des journalistischen Anstands abhandelt, sollte es auch diesen Beitrag berücksichtigen!
Literarische Ehrengerichte. Zuschrift an Maximilian Harden vom 4. April 1910. Durch unerheblichen Anlaß ist eine Frage mir nahe gerückt, mit der mein literarisches Gewissen sich oft beschäftigt hat. Die Frage nach dem Recht unbeschränkter Pressfreiheit deren Mißbrauch und Gefahr ebenso klare ist, wie Gefahr und Mißbrauch allgemeinen direkten Wahlrechts. Ich hatte gelegentlich eine harmlose Satire veröffentlicht. Zart und kunstheiter, fröhlicher Bosheit voll. Eine groteske Drolerie. Sie parodierte einen Schriftstellertyp, den ich gern meide. Einen doktrinären, schulmeisterlich rechthaberischen und bücherweisen, den ich den espritjüdischen nannte und den fröhlich zu verspotten mir umsomehr anstand, als ich selber stets mit Stolz mein jüdisches Blut bekenne und grobe Organe zweifellos sagen werden, daß ich nur meine eigenste Haut zu Markte trug. Ich karikierte einen trefflichen Schriftsteller, den ich für ebenso empfehlenswert als theoretisch langweilig halte, dem ich Mensch zu Mensch ebenso willig jede bürgerliche Ehre erweisen würde, als mir sein Stil fatal und seine stelzende Art kunstkritischen Raisonnements schwer erträglich ist. Herrn Samuel Lublinski, weicher ein Buch veröffentlichte unter dem zensurierenden Titel: Die Bilanz der Moderne. Ich schilderte diesen Mann mit burleskem Spaße so, wie er als angehender Berliner Literat vor etwa zehn Jahren aus seinem östlich-polnischen Heimatnest kommend in München mich besuchte. Bewußt übertreibend, aber mit Wahrheit der ästetischen Karikatur. Diese Burleske verstimmte mancheinen. Es war zu erwarten. Was aber nicht zu erwarten stand, war die unglaubliche Auslegung, die man dem Falle gab. Der Karikierte trat mit der unmotivierten Behauptung vor, es handle sich um „Rache“, denn ich hätte mit seiner parodierten Person ein Renkontre gehabt. Ich bitte seither vergeblich, meinem sonst guten Gedächtnis auf die Sprünge zu helfen... Andere literarisch Schaffende mischten sich ein. Sie schrieben nicht, was ich ruhig hingenommen hätte, daß meine Arbeit, sondern daß mein Charakter schlecht sei. Sie schrieben nicht, daß sie mit der Satire nicht übereinstimmen, sondern: „dieser Pamphletist ist ein erbärmlich Subjekt“! Und während ich von allen Seiten Prügel bekam wie ein Kind, das nicht versteht, warum die Großen schimpfen, legte man mir jede hämische Moralität unter, und rief empört nach einem „literarischen Ehrengericht“, Unterschriften sammelnd zu einer Entrüstungskundgebung „aller anständigen deutschen Schriftsteller“. Ich setze den Fall, treffliche Ehrenrichter wüßten aus Kunstgeschichten nicht von Rembrandts Werk. Ihnen begegnete irgendwo das Spötter-Bild, welches den kleinen Ganymed zeigt, von Jupiters Adler entführt, das Knäblein halb spielend, verängstigt, halb über flatternder Wolke, ein schön gemalt Notwässerchen auf die Erde sendend... Was wäre die Folge? Ein Entrüstungsmeeting jener Anständigen, die von Dichtern, Künstlern, Philosophen bekanntlich nur dann Notiz nehmen, wenn diese Anlaß geben zum Moralisch-Entrüstetsein. Denn jedes Ehrengericht kann nur die einzelne Leistung betrachten. Diese wiegt aber in Kunst und Philosophie als dem Ausdruck der Menschenseele mit tausend Widersprüchen wenig. Indizienbeweise gelten nicht. Bei literarischen Prozessen wird daher die dem Wesen der Geistigkeit fremdeste Methode geübt. Man urteilt über Menschen nach der Sentenz, und es kann geschehen, daß man ein Leben vernichtet, weil einer einflußreichen Persönlichkeit ein Zitat nicht gefällt. Der Musikliebhaber stelle sich vor, jemand wolle seine Ablehnung Mahlers oder Regers damit begründen, daß er Dissonanzen eines modernen Tonstücks dem Publikum auf dem Klavier vorführt. Das Volk würde die Tonsetzer steinigen. Hat also keinem meiner dreiunddreißig Ehrenrichter die ich umEin artig Schuftenstückchen. ihre Verantwortungssicherheit beneide, die Hand gezittert, als er eine Kundgebung unterschrieb, deren Tragweite er nicht abschätzen kann? Anläßlich jener Lublinski-Satire schrieb der Redakteur einer bedeutenderen politischen Wochenschrift fulminante Zeitungsartikel in der ehrlichen Ueberzeugung, einen niederträchtigen Schädling in mir vernichten zu müssen, obwohl er erklärte, daß er nie ein Werk von mir gelesen hätte. Die unsinnigsten Personalien streute er aus: jene Satire sei Racheakt, ich sei bezahlter Pamphletist, Antisemit, Verleumder, und erbot sich, dem Publikum das zu beweisen. Eine erste Erwiderung, die ich einsandte, wurde willkürlich verändert mit neuem Schimpf kommentiert. Ich wendete mich nun an den Herausgeber, mit dringlicher Bitte, kurzer Richtigstellung der schlimmsten Unwahrheit Raum zu gewähren. Fast zwei Wochen später, durch den betreffenden Redakteur zugestellt, kam folgende Antwort: „Sehr geehrter Herr! lhre Erklärung haben wir natürlich nicht gebracht, da wir keine Veranlassung haben, für Sie Reklame zu machen. Beiläufig möchte ich Ihnen mitteilen, daß ich meinen Angriff in der letzten Nummer der Halbmonatsschrift „Das Theater“ (Berlin) wiederholt habe, und daß auch der Berliner Börsenkourier Ihre literarische Entgleisung unter dem niedlichen Titel Klopffechter festgenagelt hat. Hochachtungsvoll X. X.“ In der darauffolgenden Nummer seiner Wochenschrift schrieb der betreffende Herr, den Protest meiner dreiunddreißig Ehrenrichter (unrechtmäßig und entgegen einer Abmachung mit der „Schaubühne“) veröffentlichend: „Die geschlossene Kundgebung der anständigen deutschen Schriftsteller beweist zur Genüge, daß der von uns festgenagelte Herr nicht als Zierde seines Standes empfunden wird. Beiläufig bemerken wir, daß er seit unserer Enthüllung vorgezogen hat – zu schweigen“. Gegen solche Optik, wo finde ich Schutz? Wo eine deutsche Zeitung, die einen öffentlich Infamierten auch nur zu Worte kommen läßt. Ich glaube, der Schutz vor moderner Gewissensfolter, genannt Presse, liegt darin, daß innerhalb des Zeitungsbetriebes freie Geister sich ansiedeln, die den Teufel fragen nach literarischen Ehren und Ehrengericht und außerhalb berufsmäßigem Thing stehend, dennoch das Beiwort Journalist und Literat für ihre Person als Ehrennamen fordern. Sollten aber wirklich Ehrengerichte der Geister zustande kommen, mit Macht öffentlichen Bannes, dann wäre die heilige Inquisition im modernen Gewande der Gesinnungstüchtigkeit neu erstanden... Tomi melkt die Moralkuh. Ein Dichter-Psychologem.
Erstes Kapitel. Personalia.Als ich Herrn Thomas Mann, welcher nachmals der mächtigste Zuckerkönig deutscher Leihbibliotheken wurde, zum ersten Male sah, da waren wir beide halb noch Knaben. Es war auf einem jener schönen Feste im Karneval, die die Münchener Künstler in den Riesensälen der Münchner Bräus veranstalteten. Der Löwenbräukeller an der Briennerstraße war in einen Hain verwandelt, wo festliche, bewegte Masken schwärmten, unter Blumen und Lichtern. Ich war „Kandidat der Medizin“ und an jenem Tage, (darum blieb er mir gut im Gedächtnis), zu meiner „ersten Geburt“ beordert, ins äußerste Giesing an das Bett einer armen Italienerin. Von dort kam ich auf den Ball; krassem Wechsel der Eindrücke hingegeben, und das wunder-wundervolle Leben in mich schlürfend in Tanz, Maskenscherz und Flirt... Plötzlich machte mich mein Freund auf ein feines Herrlein aufmerksam, welches einsam dasaß, auf einer vergoldeten Stuck-Empore unter einem Lorbeerkübel... „Ein angehender junger Dichter. Sohn eines Senators aus Lübeck“. Auf der Schulbank schon von Goethes problematischen Naturen. Mathematikfeindlich und aus Sekunda relegiert. Dann in einem Bankgeschäft untergebracht. Ueberall caballero de triste figura. Nur zum Träumen und Dichten gut, wie Hamlet. Zum Glücke sind er und sein jüngerer Bruder unabhängig-reich, sie werden sich der Kunst weihn“.. Doktor Georg Hirth stellte uns einander vor.. Welch feines, blasses Bürgerprinzchen! So eine stille, späte Goldschnittseele, nicht vom Weibe geboren; wohl von der lieben Mama bei Wertheim in der „Abteilung für feine kunstgewerbliche Raritäten“ billig und mit Geschmack alt-eingekauft... Ich schämte mich gewohnter Unmittelbarkeit vor den jungen, alten Augen. Denn ich schwamm noch kindlich in Lebensdingen, während dieser Altersgenosse einen neuen bewußteren Typ des Poeten mir zuerst vor die Seele brachte. Dieser Herr aus „besser bemittelter Gesellschaft“, so dürftig-konventionell, mit dem alltäglichen Gesicht guterzogener Dandy auf schmächtig – grazilem Figürchen, war Künstler-Dichter.. Meine Unreife aber lockte damals ein ander Ideal: Die neu-pathetische Genossenschaft sozialer Anarchisten,.. Menschenhelfer, Priester-Dichter.. Die beste deutsche Prosa schreiben und an einer Buchseite feilen, wie an schön gemachtem Spangengeschmeid ein Goldschmied, fremde Kulturen aufnehmen und das Leben als Gelegenheit schöner Selbstzucht leben, ach, wie fern lag ingrimmigem Bluterwillen brutal-jugendlichen Einreißertrotzes solch edel-griechisches Anbild! Dieser etwas feminine, dekadente Patriziersohn mußte mich in meinem Haß auf Bürgerallure als geschmacklos empfinden, oder gar als unangenehm. Er aber schien mir nur fern. Nach dieser Begegnung las ich von ihm köstliche kleine Novellen, bezaubernd mit wehmütig süßem Reiz. Abendliche Träne zitterte darin, der Seele zarteste Flutung, die nie sich zu Entschiedenheit tätiger Leidenschaft aufgipfelte. Der Gefühle Wellengekräusel offenbarte nicht Aufschwung und einsame Größe, aber zarte, mir artfremde Köstlichkeiten, wie der neueren österreichischen Dichter. Ich las mehr, las alles. Und immer wieder stand, auch in späteren Jahren, jenes Jugendbild vor mir: betrachtend saß er da, auf vergoldeter Stuck-Empore, einsam unter seinem Lorbeerkübel... Beim großen Lebensfest tanzte er nicht mit. Er blickte, jung schon lorbeergekrönt, Weinerlichkeit unter guten Formen bergend, mit hungrig-heimsüchtigen Augen verächtlich auf die Welt, die er beneidete. Mir wurde er zum epischen Berichterstatter über Seelendinge, die ich Unerlöster litt. Er aber litt nicht. Weder Reue, noch Mitleid. Er goutierte wehmütig bespiegelnd seine Schmerz-Emotiönchen. Nie fühlte ich ihn einverschlungen in starkes Leben. Er schwärmte nie darin, sondern dafür. Er stand draußen, dürftig angezärtelt und ästetelte. Aber sein Schönstes war die heiße junge Sehnsucht, hinüberzukommen... auf die andere Seite. Dieses zarte Portrait des Romantiker-Bourgeois, der sentimentalisch zum Halkyonisch-Heitern sich trainiert, bekam kräftigeren Umriß, frischeren Ton durch persönlichen Zufall. Thomas Manns spätere Gattin, Hedwig Dohms begabte und reizvolle Enkelin, kannte ich seit frühen Mädchenjahren. Hörte manch Konfidentielles in Tagen, wo junger Gefühle schwankende Peripetie der jungen Frau Enttäuschtes, Bitteres, Ungerechtes auf die Zunge drängte. Ihn und seinen genialeren Bruder sah ich einige Male flüchtig. Täglich eine Zeitlang die Schwester. Sie spielte Theater im heimatlichen Göttingen, wo ich damals Mathematik studierte und Theaterkritiken schrieb; eine junge Schauspielerin, die ihre resignierte Chaiselongueexistenz, mit heroischer Sehnsucht nach einem Millionär, mit der Politur ihrer sehr schönen Hände und vieler Romanlektüre ausfüllte. Mit Rat und Tat suchte ich Ihr müdes, spätes Künstlertum zu stacheln; hundertmal sprach sie und schrieb von Dank. Plauderstunden, im Wald und stillem Zimmer ernste Gespräche in der Goßlerstraße, auf dem Rhons; die vielen kleinen, unscheinbaren Eindrücke der Tage können einem bewußten Geiste, der Gelebtes begrifflich seziert, fremde Seelen besser verständlich machen, als sie sich selber kennen. Ich glaube, Thomas Mann gut und scharf zu überschauen. Sollte es Trug sein, so weiß ich doch, daß ich ihn besser kenne, als er mich. 6. Parabase.Zweites Kapitel. Die „Moralkuh“.
Der seelische Vorgang dieser typisch Mannschen Novelle ist psychologisch wahr. Nun aber zittert ahnungslos in Thomas Manns Epik eine gefühlvolle Note entsetzlich unheldischer Schwächlichkeit! Anderer Wesen Freude neiden, weil man sich selber freudlos fühlt, den anderen bedrückt sehen wollen, weil man nicht genug Kraft hat, Glück zu verschenken, das ist das Wesen erkrankten Machtwillens. Jedes Gebrechen, das sich selber zu Markte trägt, will ich begreifend ehren. Aber sich selbst bemitleidenden Freudenhaß, der ein Bewußtsein eigener Unfruchtbarkeit am anderen rächt, den nenne ich schlechthin unsittlich. Diese Schwächlingsnote aber ist für Mann „spezifisch“. Ich deute auf den toten Punkt in Thomas Manns artistischer Psyche! Ich muß, mit gebotener Ehrfurcht; davon reden, weil Manns moralisch getöntes Grollen gegen derbe Drastik, lachende Kapriole und frische Gaminlaune aus gleichem Flutschacht der Seele quillt, wo der Freudenneid durchlöcherter Menschen lauert. All die moralische „Entrüstung“ gegen natürlichen Wagemut und die artistelnde, von Natur humorlose Vergnügtheit eines in satter Sonne aufgekratzten Kulturgreises. Nehmen wir an, Thomas Mann wolle schildern, wieNietzsches Moralpsychologie. der Onkel Gustav seinen Neuralgiekrampf im linken Beine verspürt,.. der bucklige kleine Onkel Gustav, mit dem blühweißen Vorhemdchen und dem goldenen Krückstock, den er von Großpapa Senator geerbt hat.. Oder nehmen wir an, Thomas Mann wolle schildern, wie Tante Riekchen stirbt,... das liebe, schmale, herzkranke Tante Riekchen, das so froh und gerne gelebt hat, – dann blüht Thomas Manns Weizen! Dann schwelgt, dann triumphiert Thomas Mann. Er kostet die Neuralgien Onkel Gustavs auf sechs Buchseiten aus und erläßt uns keinen letzten Luftschnapper Tante Riekchens, des lieben, schmalen, herzkranken Tante Riekchens. – Sehet her, so sagt Thomas Mann, so grausam ist das Leben, so schandbar bresthaft und so zum Weinen! O kommet und weheleidet ein bischen mit. Wir aber sagen: nein, Tomi, Dir fehlt jene weiche Härte, die die Seele des Kämpfers vor dem Klageliede über sich selber bewahrt; hol der Teufel Deine Sorte Gefühl! Du und Deinesgleichen helfen, wenn es drauf ankommt, niemanden! Verweichle Dich nicht, Du hast Ehrgeiz, aber bist ethisch-bequem. Du bist bevorzugt, aber schwächlich und süß-lamentabel. Du weißt nichts von schlichter, großer Herzen Not. Keiner hätte so viel Grund, frei-frech zu lachen. Lache frei und frech! lieber und verehrter Thomas Mann... Wenn Friedrich Nietzsche heute lebte, und Beispiele brauchte für seine heroische Psychologie der alten Moralaffekte, – für die Herkunft empfindsamen Mitleids aus allzumenschlicher Schwäche, der moralischen Emphatik aus giftigem Ressentiment, der belfernd-kategorischen Forderung aus der Ohnmacht Tyrannengelüste,... kein anderer Dichter deutscher Gegenwart könnte ihm so klare Belege liefern, wie dieses typische Weib, das beständig unter ästhetischem Vorwande dekadente Moralitäten bespiegelt und mit gar empfindsamer Klangfarbe allgemeinste, gemeinste Resonanzen weckt... Thomas Mann ist heimlich ein „Moralist“, heimlicher noch eine unethische Seele; zugleich selbstgerecht und weinerlich-altruistisch, zugleich egozentrisch und sentimental! Er schwelgt in sympathetischen Emotionen, ohne doch je Menschenfragen bis auf den Kern zu durchdenken und auszuwerten. – Thomas Mann ist ein Dichter, welcher Konventionelles höher bildet, nie aber in neuem und eigenem Sinne neu und eigen verantwortet. Der geistige GehaltDie Bürger- und die Künstlerseele. seines Werks und der persönliche Fond, dem seine wundervolle Begabung für Form und konkrete Gestaltung zum Träger ward, ist Zuguterletzt dürftig-roh und trivial. Dieser zarte Bourgeois-Romantiker fühlt kühl-verstandesmäßig und ohne elementare Ursprünglichkeit. Was ihm als Eigenstes zugehört, ist der gefühlvoll-zitternde Krankheitsstolz impotenter Tränenseligkeiten. Tönend schlägt er auf den windigen Sack der „Aesthetik“ – ach! er meint die Eselin nur: die dicke, große, braune, nützliche Bürgerkuh... die „Moral“. Drittes Kapitel. Zwei Seelen.
Zuweilen aber gebärden sich die snobfeinen Romänchen ganzDas „Goethische“ bei Tom. Der Sänger der Liberalität. dionysisch-berauscht. Denn Tom hat „Leidenschaft“. Er haßt zum Beispiel aufs tiefste alle Leuten die nicht edel und gebildet sind. Jeden Sonntag wirft Tom fünfundzwanzig Pfennig in die Armenbüchse; denn er hat auch Seele... Die Menschen seiner in den feinsten Kreisen spielenden Romane sind so nobel, wie die Welt in Paul Heyses Novellen. Ein Bankkapitälchen in den Tresors der bairischen Filiale der deutschen Bank zu München ist stillschweigende Voraussetzung einer bürgerlichen Poesiewelt der gebildetsten Gefühle. Es ist eine moralisch-unsittliche Welt. In ihr gedeihen keine Heroen. In ihr legt niemand seinen Kopf auf den Block. In ihr lebt gut bürgerliche Moral des gefüllten Gänsebratens und garnierten Caviars. All’ diese Menschen schleppen ahnungslos eine Atmosphäre belletristischen Gefühles. Sie sind Geschöpfe der Kunst und Literatur. Nicht Menschheit, sondern gute deutsche Prosa, nicht Daseinsproblematik, sondern guter Kunstgeschmack steht in Frage. Nie würde Tom, so wie Heinrich „unmoralische“ Bücher schreiben, aber auch nie, wie Dostojewski oder Zola ethische. So weit Toms Menschheit nicht gesellschaftsfähig ist, ist sie eben „desequilibriert“. Denn so tief steckt dem deutschen Lieblinge aller guten Familien sein Wertprämeditiv in den Knochen, daß er selbst nicht fühlt, bis zu welchem Grade überkommene Ordnung aus ihm dichtet und seine konventionell geschmackvollen Werke fernerückt den großen Infragestellern und echten Freimachern der Seele. Es ist die mittlere Breite eines gemütreichen bürgerlichen Liberalismus, in der Tomis schöne Bilderwelt gedeiht. Sie ist keine Ewigkeits- und keine Kulturangelegenheit. Aber sie gehört zum Bildungsinventar unserer guten Gesellschaft. Für diese nämlich gilt ein unbewußtes Prämeditiv, welches die Welt stillschweigend gliedert in solche, die dazugehören, und solche, die nicht dazugehören. Wenn beispielsweise ein bürgerliches Programm vom Schutz der weniger bemittelten Klasse spricht, dann geriert sich ein Teil, der „es hat“, naiv und mit Fug als Gewährer und Protektor für die anderen, die „es nicht so haben“. Ihre Toleranz ist Selbstgerechtigkeit, ihre Liberalität Seelendünkel. Der gesellschaftliche Mensch, der Herr, die Dame setzen nicht den andern sich gleich, sondern autorisieren sich zu vormundschaftlicher Beglückung aller zufällig Schwächern... Hier liegt vielleicht eine letzte Tiefe des Mißverstehens,Das „Shakespearesche“ bei Heinrich: Der Sänger der Anarchie. aus dem dieses Schriftchen entstand. Ich bin Psychologe und Relativist. Ich bekämpfte edle Bürger, die Bilanzen ziehen und Zensuren erteilen. Heinrich Mann,... ein fugitivus errans, ist der beglückenden Bürgerwelt entwachsen. Anarchistische, kommunistische, revolutionäre Gefühle klingen bei ihm an. Nicht aus Zwang des Blutes. Aber aus Schmerz und zweifelndem Erkennen. Denn Heinrich Mann ist ein tragisch Geflissentlicher. ... Ach, ein furchtbar marodes Schwächlingstum steckt in Heinrich Mann. Zuweilen ist er wie ein erfrorener Sumpf, aus dem nur im Monde, in kranken Ekstasen der Nacht, künstlicher Träume Leben bricht. Dann erschüttert er mit Mitleid und Gegenwillen. Denn in den Debaucherieen seines Gehirnlebens bleibt ein Erdenrest, zu tragen peinlich. Die Pariser Finesse nennt es, unübersetzbar, nostalgie de la boue. Ein zu innerst angstvoll Gebundener, Vereisender... (bald dekadenter Aristokrat, bald exzedierender Oberlehrer), rächt sich durch Gedankenwüstlingsschaften für das freudlos-ästhetische Gleichmaß einer luxurierenden[11] Sanatorien- und Rivieraexistenz. Einer, der keine Fliege tötet ohne Nervenchok, der nie auf einen hohen Berg klettert, geht, in die Polster eines Boulevard-Cafés geschmiegt, auf die Löwen- und Freudenjagd. Er schweigt im Cesare Borgia-Traum, und erkältet sich ohne Halstuch. Ein asketischer Libertin, ein platonischer Don Juan... In steifen Empirezimmern unter subtilem Kunstzierrat haust ein „Später“. Er ist kultiviert, nein, „domestiziert“ bis hart an die Grenze der physischen Feigheit, der moralischen Laschheit. Aber eines Morgens erwacht er zu brutal-rasender Sehnsucht, alle das kostbare Gerät kurz und klein zu schlagen, die Ahnenbilder von den Wänden zu reißen, sein geordnetes Moralkrimskram aus den Fenstern zu werfen. Das ist Heinrich Manns eine Seele seine Oskar-Wilde-Seele. Sie drängt zu übersteigerten Accenten, hinter denen peinliche Schwäche lauert. Sie koquettiert mit der Philosophie. Sie trägt viele Masken; die Masken primitiverer Energie. – Heinrichs andere Seele aber heißt: Gustave Flaubert. Flaubert, der Ethiker, andere Feinheiten aller späten Lateiner geschult, der, vom Leben abgesperrt, um den Sinn des Lebens bemüht, zum höchsten Aestheten sich züchtet, welcher Bücher bauend, wie ein Hund lebt. wie ein Hund stirbt... Es ist Snob in Heinrich Mann, Blasé, Dilettant; aberWilde. Flaubert. Heyse. auch Größe, die wild hinauslangt über die ausbalanzierte Bürgerwelt und den gesicherten Literaturhorizont seines reputierlichen Bruders, der als kleiner Bürgerkosmos sich um sich selbst dreht, reinlich und zweifelsohne, wo Heinrich sein Chaos versprüht. Aber jeder Kosmos ist dem Geiste aus schöpfbar. Irrationales allein kann neue Welten gebären... Man wird jedenfalls nicht versäumen, anzunehmen, daß diese Psychologisierung der Brüder Mann eine durch „persönliches Ressentiment“ beeinflußte Voreingenommenheit berge. Es scheint mir daher gut, darauf hinzuweisen, daß dieses Kapitel 1906 am 27. November, nachts, nach einer Begegnung mit Herrn Heinrich Mann skizziert worden ist. Man findet es zum größeren Teil gedruckt in der Göttinger Zeitung vom 28. November 1906. Viertes Kapitel. Die Neu-Münchener Schule.Tomi, der lachende Erbe einer alternden Welt, gemahnt durchaus nicht an Oskar Wilde. Er gemahnt noch viel weniger an den großen Flaubert. Er gemahnt gleichfalls nicht an Newton oder Napoleon. An ersteren nicht, weil er der Mathematik nur in Gestalt der Millionen seines Schwiegerpapas ein subtrahierendes Interesse entgegenbringt. An letztern nicht, weil ihm eine bairische Dampfnudel entschieden lieber ist, als die schönste Kanonenkugel. Aber er erinnert an München und an Paul Heyse. – Jene Münchener Stilschule, welche von Ueberlieferungen der deutschen Klassiker ihr Licht empfängt, wie der Mond von der Sonne,... jenes buchliterarische Epigonenschülchen mondsilberner Hellenisten,... alle die aussterbenden, besseren Kostkinder aus der ehemaligen Münchener Kleindichterbewahranstalt, (mit der einst König Max sein bierbairisch Heilas gründete),.. unsere hochverehrten Grosse, Lingg, Geibel, Wilbrandt, Jensen, Heyse – sie mögen in Thomas Mann ihren lieben Sohn, ihren jungen Thronerben grüßen! Eine Menschheitsangelegenheit ist das nicht, wohl aber eineDrama und Ethik. Deutschlands Kulturrumpelspeicher. Angelegenheit unseres guten bürgerlichen Lesegeschmacks. Dies noble akademische Maß, die feine mittlere Linie, die gebrochenen Farben gedämpfter Schönheit und eine gleichsam blaßbläuliche Heiterkeit stilisierender Verklärung... das sind die Tugenden unsers „deutschen Meisters der Novelle“. Seine Grenze aber fällt zusammen mit den Grenzen episch-lyrischer Bedeutsamkeiten überhaupt. Was ist Drama? – Konkret geschaute Ethik! Große Auswerter, große Infragesteller müssen zu Philosophen oder Dramatikern werden. Dichter aber wie Paul Heyse und Thomas Mann hadern nicht mit Gott. Sie kennen weder den Himmel noch die Hölle. Auch steht wohl fest, daß Tomi weder jemals eine Bombe werfen, noch etwa, ein neuer André Chénier, pfeifend ein Königl. bayerisches Schaffot besteigen wird. Er wird vielmehr einst zu München in der Arcisstraße im Besitze reifer Weltanschauung und des Maximilianordens für Kunst und Wissenschaft durchaus normal das Zeitliche segnen. Und Katja, die dann unsern allverehrten deutschen Dichter siebenzig Jahre hegen durfte, wird ihn aus silbernem Löffel sein letztes Tokaierchen schlucken lassen. Auch führt kein Zufall unsere werdende Schule neuer Bürgerklassik am Strande der Isar oder Donau zusammen. An den Stätten halb südlich-romanischer, halb antikisierender, immer historisierender und ästetelnder Kultur. Denn Wien und München sind Burgen unsrer konservativen Romantik. Unsre traditionellen Stilmuseen. Jonische Tempel und Säulen stiegen empor. Das Christentum ward hellenisiert. Rom und Orient kamen zusammen. Aber auf nordischem Boden erwuchs inzwischen das neue Lebensgefühl. Unter einem ruhigen, härteren Himmel, hat die steigende Not sozialer Lebenskämpfe die artistelnde Vorherrschaft von Buch- und Bildungswelten entthront. Im märkischen Sande wuchs die Riesenstadt unsrer Liebe und Arbeit. Schon durchschauen wir: im Geisterreich der Werte ist die schönste Kunstwelt gediegener Belletristik eine Angelegenheit sehr zweiten Ranges! Ist einmal eigenste Seelennot geworden: das Dahinsterben, der Wahnsinn, dieEnde des Egotismus. Kunst als Tat. Roheit, die Ungerechtigkeit, die Problematik einer technisch neuen Erde dreifach, bald zehnfach vermehrten europäischen Menschengewimmels... so können schöne Werke bloßer Geschmackskultur, auch der reifsten, nicht mehr sättigen, so kann keine Schöngeisterseele mehr zu glücklichem Genießertraum locken, die an den ethischen Höllen mit ästhetischer Lebenslüge sich vorbeischleicht und Gletscher der Erkenntnis unbestiegen läßt... Was bedeuten uns also Thomas Manns nette Romane? Schöne Bücher, sehr schöne Bücher! Zweige blühenden Treibhausflieders! Sie dauern nicht länger, als die Leihbibliotheken, die sie ausleihen, als die, ach sehr sterbliche Gesellschaft, deren Kuh Tomi, der zarte Hirtenknabe, auf die fetteste Weide führt!
Epilog.
Ein Indianerpfahl ist dieses Büchlein, an den ich einige ausgezeichnete Zeitgenossen als Kriegsgefangene knebeln mußte. Da zappeln sie nun, meine armen Opfer. Aber lasset uns schön und würdig von einander scheiden... Seid Ihr freie Geister und vornehme Seelen, dann zum Teufel alle „Literatur“, alle Kleingeisterei. Ehren wir einander! Nicht einen Augenblick, glaubt mir, habe ich ernstlich auf Euch gezürnt. Auch nicht auf Sie, Tom, oder auf Sie, Samuelchen. Könnt Ihr stark sein und so vornehm, als Eure Talente verpflichten...: hier ist meine Hand. Wenn nicht... so ist es mir auch recht. Schöner, heiterer Gott, fernhintreffender, leuchtender und wärmender... nimm fröhlich meine kleine Hekatombe. Es sind ja, die ich darbringe, wohl nicht eben besondere Ingenien. Aber immerhin „führende Geister“ meines Vaterlandes und nur ein Schelm gibt mehr als er hat... Werke von Theodor Lessing. [nicht transkribiert]Anmerkungen (Wikisource)EntstehungsgeschichteAm 20. Januar 1910 hatte Theodor Lessing in der Zeitschrift Die Schaubühne – aus der später Die Weltbühne wurde – den Literaturkritiker Samuel Lublinski verunglimpfend kritisiert. Thomas Mann war Lublinski verbunden, da dieser ihn gewürdigt hatte und verteidigte ihn am 1. März 1910 im Literarischen Echo mit dem ebenfalls verunglimpfenden Beitrag Der Doktor Lessing. Ein Pamphlet. Lessing konterte mit einer Replik, die am 3. März 1910 gleichzeitig in der Schaubühne und im Literarischen Echo erschien. Thomas Manns Berichtigung dazu erschien am 1. April 1910 im Literarischen Echo. Lessing, dessen weitere Vorstöße unbeantwortet blieben, ließ dann die vorliegende Broschüre drucken. Nun intervenierte Thomas Manns Schwiegervater Alfred Pringsheim, dem auch Lessing verbunden war, woraufhin Lessing die Broschüre einstampfen ließ – bis auf 63 Exemplare, die sich nicht mehr zurückrufen ließen, siehe: Peter de Mendelssohn, Der Zauberer – Das Leben des deutschen Schriftstellers Thomas Mann, Frankfurt 1997, S. 1349-1365. Das erklärt die außerordentliche Seltenheit der Schrift, die in großem Kontrast zu ihrer Berühmtheit steht. Nur wenige Bibliotheken besitzen sie – die Exemplare der Bibliotheken Wuppertal und Düsseldorf sind unvollständige und entstellte Photokopien; die gewählte Vorlage stammt aus der Universitätsbibliothek Göttingen. Der Unterschied zwischen erster und zweiter Auflage scheint darin zu liegen, dass Lessings Antwort auf Lublinskis nicht enthalten war und vielleicht auch nicht die ‚Presseschau‘, denn Mann schrieb am 16. Mai 1910 an Lublinski nach Rom (Mendelssohn, S.1362), dass die Broschüre erschienen sei, wobei dem Untertitel die Zeile „und den vierzig sittlichsten deutschen Dichtern und Denkern“ zu fehlen schien.
Sekundärliteratur
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