Schneeflöckchen
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Schneeflöckchen.
Schneeflöckchen war eine arme verwandelte Prinzessin, die in der Welt umherflog und Liebe suchte. Sie war ein wunderschönes Kind, schneeweiß und lieblich von Farbe mit himmelblauen Aeuglein und blonden Löckchen, und ihr Vater war ein sehr mächtiger König in Indien. Als sie sechs Jahre alt war, da starb ihre Mutter und sie bekam ein böse Stiefmutter. Diese gebahr dem Könige auch zwei Töchter, aber die waren häßlich wie Krähen und Schneeflöckchen blühete nur noch anmuthiger, wenn sie neben diesen beiden stand. Dies ärgerte die Königin, die eine böse Hexe war, und sie sann auf allerlei Tücken, wie sie das schöne Kind verderben könnte, das nun schon zwölf Jahre alt war. Sie mußte sich aber vor dem Könige in Acht nehmen, denn er liebte Schneeflöckchen mehr als sein Leben. [312] Gern hätte sie das Kind durch Gift oder Eisen weggeschafft, aber das däuchte ihr zu gefährlich und konnte verrathen werden, sie meinte es also sicherer durch Hexerei zu verderben. Und eines Tages, als sie es wusch und ihm ein reines Hemdchen anzog, da schmierte sie es mit einer Salbe ein, sprang dann sehr lebendig um das Kindchen herum und streichelte und herzte es, ward darauf plötzlich zu einer schwarzen Füchsin und beleckte das Kind, das erschrocken da stand, mit ihrer geschwinden Zunge, und murmelte die Worte: Schneeflöckchen flieg hin!
Da lag nun Schneeflöckchen den schönen Frühling und den warmen Sommer und Herbst und verlebte ihre Stunden in Sehnsucht und Traurigkeit: in Sehnsucht, denn alle Erinnerungen waren in ihrem dünnen Scheeleibchen geblieben: in Traurigkeit, denn sie zweifelte, ob sie jemals Liebe finden würde. Da hat sie manche wehmüthige Töne geflüstert und manches traurige Liedlein geächzt, die allein die stummen Felswände gehört haben. Also klang eines der Liedlein, das sie oft schmerzenvoll sang und das ein tiefer Durchklang ihres Schicksals zu seyn schien: Geister in den dunklen Höhlen, [315] Zitternd vor den leichten Winden, [316] Ach! ihr Elfen! ach! ihr Zwerge!
Nun muß ich erzählen, wer dieser Mann war und woher er kam und was ihm begegnet war. Er war ein edler Prinz, eines Königs Sohn im Lande Arabien, wo das Gold wächst und die Myrrhen und andere köstliche Kräuter. Er war unter den wunderbarsten Umständen zur Welt gebohren und mit so unvergleichlicher Schönheit geschmückt, daß sein Vater der König und die Weisen des Landes von seiner frühesten Kindheit an sehr aufmerksam auf ihn waren; denn sie meinten, sein Leben werde gewiß auch von ungewöhnlichen Schicksalen geführt werden. Sie fragten das Loos, sie fragten die Sterne viel über ihn, sie spielten mit Räthseln und Wahrsagern um ihn; aber das Loos wollte nicht fallen und die Sterne wollten nicht sprechen und die Räthsel und Wahrsager wollten kein rechtes Geisterspiel spielen – sie blieben um Dunkeln über seine Zukunft. Aber über sein Herz blieben sie nicht lange dunkel. Der Prinz zeigte von Kindauf [321] eine ungewöhnliche Zartheit und Weichheit des Gemüthes und in seinen großen und schwarzen Augen lag eine Wehmuth und Schwärmerei, welche dem alten Könige bange machten; so daß er zu seinen Weisen und Räthen wohl zuweilen zu sagen pflegte: Der Knabe muß strenge erzogen werden und immer unter Menschen und im vollen Getümmel seyn; er könnte sonst ein Träumer oder Sternseher werden, welche die schlechtesten Könige sind, oder die Liebe, die verderblichste und gefährlichste aller Leidenschaften, könnte ihn ganz aus der Bahn der Tugend treiben. Alle Gebehrden, alle Bewegungen des Prinzen waren eben so sanft und zart, als seine Seele, und sein Stimmchen klang leise und lieblich wie ein Sommerlüftchen, wenn es durch Maiblumen hinspielt. Deswegen ward er Prinz Bisbiglio genannt, welches zu teutsch so viel heißt als Gelispel. Als Prinz Bisbiglio vier Jahre alt geworden war, that der König sein Vater ihn nicht in die Einsamkeit zu einem Weisen, wie die Könige im Morgenlande zu thun pflegen, die da glauben, im Getümmel der Hauptstadt und im Glanze und der Ueppigkeit des Hoflagers könne schwerlich jemand zur strengen Tugend gezogen und geübt werden, sondern er schickte ihn zu einem alten grauen Kriegsmann, der mit einer reisigen Kriegsschaar immer auf der Warte lag [322] und der Gränzen hütete. Da sollte er wie ein Krieger erzogen werden, nichts sehen als Rosse und Waffen, nichts hören als Waffenklang und Trompeten und Pfeifen, kein anderes Lager kennen als ein hartes Soldatenbett und keine andre Flur und Au als die Tummelplätze und Uebungsplätze, worauf Menschen und Pferde auch kein Gräschen grünen liessen. Künste sollte er nicht lernen, denn der König fürchtete, die Künste würden ihn zu weich machen, und ihm die strenge Arbeit verleiden, welche die beste Kunst für den ist, der als ein Mann Männern befehlen soll. Der Prinz lebte in diesem Lager zehen Jahre und ward ein vollkommener Kriegsmann, in allen Waffen geübt, ein Meister die Rosse zu tummeln und die Lanze zu werfen; ausserdem war er schlank und reisig von Leibe und für sein Alter sehr stark. In seinem fünfzehnten Jahre ließ der Vater ihn zurückkommen an seinen Hof und freute sich des schönen Jünglings und seiner weisen Erziehung. Aber was half sie ihm? Was die Natur in den Menschen gesaet hat, das muß früher oder später einmal Wurzeln treiben, es ist unvertilgbar wie das Leben und läßt sich mit dem Leben selbst nur ausrotten. Prinz Bisbiglio hatte nun zehen Jahren nichts gesehen als rauhe und eiserne Männer des Kriegs und Lanzen Bogen und [323] Säbel, er hatte in keine Sterne geguckt auf keine Nachtigallen gelauscht in keinem Tanze sich mit umgeschwungen; doch waren so viele Sterne und Nachtigallen und Tänze in seiner Seele, daß sie von allem eisernen Lärm und eisernen Uebungen nicht unterdrückt werden konnten. Ja sie wurden in ihm nur lebendiger, jemehr sie in das tiefste Innere seines Gemüthes zurückgedrängt wurden. Bisbiglio war ein Kind der Sehnsucht und Liebe und mitten in dem Feldlager unter den harten und rauhen Kriegern hatte sein unbewußtes Herz immer nach Liebe gelechzet, sie hatte er aus allen Winken und Blicken aus allen Liedern und Mährchen gesogen, die auch von ganz etwas anderem klangen, ja aus jedem leisesten Worte, das nur so lose vor ihm gesprochen war; sein eignes Herz hatte ihm früh genug diesen bunten Himmel mit allen seinen Sternen und Nachtigallen geöffnet. So allmächtig ist der angebohrne Trieb. Bisbiglio stand jetzt in der Blüthe der Jahre, wo die Fantasie am lebendigsten ist; er sehnte sich hinaus in die weite schöne Welt, damit er ihre Schönheit und Herrlichkeit erkundete, und ging zu seinem Vater dem Könige und bat ihn, daß er ihn ziehen lasse, wie andere Prinzen ausziehen, und sich durch fürstliche und ritterliche Abentheuer einen Namen machen. Der Vater [324] erlaubte es ihm gerne, denn er dachte: dieser ist ein fester Jüngling, unter Eisen und Waffen erzogen, den werden die girrenden Tauben der Liebe und die schmeichelnden Sirenen der Zärtlichkeit nicht von der Heldenbahn ablocken. Aber Bisbiglio meinte es anders, als seine Worte vor dem Vater klangen: er wollte keine andere Abentheuer als Abentheuer der Liebe, er wollte auf die Liebe ausreiten, er wollte solange suchen in der weiten Welt, bis er die Liebe fände, die er sich von jeher als das höchste und seltenste Gut gedacht hatte. Er hatte nemlich in dem Feldlager am Euphrat oft das Mährchen erzählen gehört von dem persischen Prinzen Sospirio, der zwanzig Jahre nach der Liebe durch die ganze Welt umhertrabte und sie endlich in einem schneeweissen Dornröschen fand, das mitten in der Wüste Afrikas verborgen und einsam blühete. Dies waren die hohen und geheimnißvollen Sterne, nach welchen Bisbiglio frühe guckte, dies waren die süßen Nachtigallen, die ihm selbst da sangen, wo Streitrosse um ihn wieherten und Speere auch Schilden zersprangen; von wundervollen Abentheuern von Kämpfen mit Riesen und Drachen von Verwandlungen und Bezauberungen hatte er Tag und Nacht geträumt, aber nicht bloß um ritterliche und königliche Scherze und Spiele, nein alles um Liebe und immer um Liebe. [325] So war er in die Welt ausgezogen und zog nun schon in das vierte Jahr so um und hatte mit sehnlichen Schmerzen die Liebe gesucht aber immer noch nicht gefunden. Abentheuer hatte er genug gefunden Kämpfe genug bestanden schöne Frauen und Jungfrauen Prinzessinnen und Königinnen Amazonen und Sirenen wunderbare Blumen und Vögel genug gesehen, einige auch geliebt, aber ach! die Liebe hatte er nicht gefunden, die himmlische immer in Einem blühende glühende fühlende spielende lebende schwebende singende klingende jauchzende Liebe. Er war schön jung und tapfer, er hatte alles Schönste und Lieblichste angezogen wie der Magnet das Eisen anzieht, er war auch zärtlich geliebt worden, aber ach! nach weinigen Tagen, oft nach wenigen Sekunden, hatte er immer den Mangel gefühlt und wieder ausreiten müssen, damit er die rechte Liebe fände, welche er suchte. So war es ihm vor einem Monat eben wieder ergangen. In Damaskus hatte er des Königs Tochter gesehen schön wie eine Rose schlank wie eine Lilie und lieblich wie ein Veilchen im stillen Thale, und sie hatte ihn über ihr Leben lieb gewonnen, und er sie wieder. Aber bald hatte der unglückliche Prinz wieder reiten müssen, fühlend, sie sey nicht die Liebe, die er suchte, und nun hatte er verzweifelt sie je zu finden und war hinaufgeritten bis in das [326] wilde verschneite Gebirg bis in den höchsten Kaukasus hinein, und da hatte ihn das süße Schneeflöckchen am Leben erhalten. Als der Prinz zu der Stadt gekommen war, ritt er vor das Haus eines Juweliers und kaufte sich ein Fläschchen aus lauterem Diamant und goß sein funkelndes Tröpfchen sein Schneeflöckchen da hinein und versiegelte das Fläschchen und steckte es zu sich und sprach: du wirst noch wohl einmal Prinzessin werden, wie Dornröschen in der Wüste geworden ist, und wenn du es nimmer wirst, ich bin der glücklichste aller Menschen, solange ich nur diese Flammen fühle. Er hatte sich nemlich ein Säckchen über dem Herzen gemacht, darein steckte er das Fläschchen, und er fühlte es bis in sein Herz, und es war ihm wie ein sanftes Prickeln, das er um die ganze Welt nicht hätte missen wollen. Er ritt aber immer lustig fort durch die weite Welt. Denn daß das Tröpfchen verwandelt werden mußte und daß es so nicht bleiben konnte, das ahndete ihn; das wußte er auch, daß er vor der Erfüllung seines Schicksals nicht zu Hause reiten durfte. Und Schneeflöckchen saß als ein kleines Tröpfchen in dem diamantenen Fläschchen und war die allerglückseligste, denn sie fühlte, daß sie geliebt war; aber doch zitterte sie oft bei sich und dachte: Fünf Jahre wie lange! [327] wie lange! und wird er die Proben bestehen? Es ist wohl süß, so auf seinem Herzen zu ruhen, aber wie viel süßer wäre es, ihn mit menschlichen Armen umfangen und an dies Herz drücken! Und sie bebte vor Wonne bei dem Gedanken und zugleich vor Furcht, daß sie ihn verlieren könnte. Und drei Jahre war der Prinz Bisbiglio mit ihr durch die Welt geritten und sie waren ihm verschwunden wie drei Tage. Da kam die Zeit harter Proben, die er noch bestehen mußte, ehe ihr Schicksal erfüllt werden konnte. Die erste Probe war diese: Er ritt einem Hause vorbei, das in Flammen stand. Da zweifelte er in sich: wenn sie, die meine Liebste ist, für dies Tröpfchen nun ein Mensch wäre und du lägest in den Flammen, sollte sie wohl hineinspringen und dich herausholen? Und wie er den bösen Gedanken kaum gedacht hatte, da fühlte er sein Gläschen mit unwiderstehlicher Gewalt heraufspringen, daß es ihm Hemd und Wams zerriß und den eisernen Panzer spaltete. Und wie ein Blitz flog es in die Flammen, und er sah das Fläschchen drinnen springen und da helle Tröpfchen weinte und ächzete in der feurigen Noth, und bald erblickte er es nur noch als eine trübere Flamme. Da erfaßte ihn unnennbare [328] Seelenangst und er warf sich von dem Pferde in das Feuer und griff sich das Flämmchen heraus und barg es in seiner Hand. Und das Flämmchen brannte ihm ein tiefes Loch in die Hand, dann ward es wieder zum Tröpfchen. Er ritt aber eilends in die nächste Stadt und kaufte sich wieder ein diamantenes Fläschchen, worin er es einfing und wieder an seine alte Stelle legte. In den Flammen hatte er sich das Haar versengt und die Wangen verbrannt und das Loch in seiner Hand war sehr tief. Und er mußte große Schmerzen leiden und wohl drei Wochen krank liegen, ehe er genaß. Da trauerte er viel über seinen Unglauben, aber Schneeflöckchen war voller Freuden, daß er ihr so treu nachgesprungen war in das Feuer, aber über seine Schmerzen weinte sie innerlich. Und er merkte es wohl, denn es däuchte ihm oft, wie es in der Flasche ächzete, wiewohl er eigentlich nichts hörte. Dies war die zweite Probe: Er ritt über eine hohe Brücke, welche über ein reissendes Wasser führte, das der Tigris heißt. Da sah er das Nest eines Eisvogels auf dem Strome schwimmen und die Mutter saß auf dem Neste und fütterte die Jungen. Und er sprach bei dem Anblicke innig bewegt: o welche Liebe! haben Menschen wohl solche [329] Treue? Wahrlich wenn der Strudel diese kleine Brut untertauchte, die Mutter tauchte ihnen nach und stürbe oder holte sie herauf. Und Schneeflockchen auf seinem Herzen fühlte, was er drinnen bewegte, und mußte ihm in der innern Seelenangst wieder Rock und Panzer sprengen, und klingend flog das Fläschchen gegen einen Stein und das Tröpfchen goß sich in den Strom und zischte leise, wie wenn man heisses Wasser in kaltes gießt, und floß mit den reissenden Wellen dahin. Und der Prinz stürzte sich wie ein Blitz ihm nach in den Strom und kämpfte mit dem Strudel und tauchte sich auf und ab und rang mit Tod und Leben, und füllte seine Hände mit allen Wassern, bis er das zischende Tröpflein wiedergefunden hatte, das er wie eine brennende Kohle in der Hand fühlte. Dann schwamm er ans Land und sank erschöpft hin; das Tröpfchen aber hatte ihm wieder ein Loch gebrannt. Und als er wieder zu sich kam, war er zerschellt an allen Gliedern von den Felsen, woran er sich zerstoßen hatte, und die Wunde in der Hand schmerzte, aber seine Seele jauchzete in Wonne. Und Schneeflöckchen war auch in Entzücken über seine tapfere Treue. In der nächsten Stadt aber fing er sein Tröpfchen wieder ein, legte sein Fläschchen aufs Herz und ritt weiter. [330] Dies war die dritte und letzte Probe: Der Prinz trabte mit seinem Schneeflöckchen eines Morgens durch einen hohen Bergwald, da ward er eines gewaltigen Reiters gewahr, der auf einem weissen Hengst ritt und so hoch war, daß sein Haupt über die Spitzen der Eichen und Buchen ragte. Er hielt eine Lanze, die einem Mastbaum gleich in den Lüften schwankte, und fällte diese fürchterliche Wehr, als er des Prinzen ansichtig ward. Dieser Riese – denn das war er – hatte ein häßliches und verrunzeltes altes Weib hinter sich auf, das ihn mit ihren dürren Armen umklammert hielt. Er fuhrte sie wider Willen mit sich kraft eines Gelübdes, das er gethan hatte, und dachte sie auf den Ersten Besten, den er treffen würde, abzuladen. Als er also den Prinzen Bisbiglio erblickte, rief er mit lauter Stimme, daß alle Berge und Klüfte wiederhalleten, als hätten hundert Donnerwetter zugleich die himmlischen Karthaunen gelöst: Halt, mein Knäblein! ich habe hier etwas für dich. Du bist jung und kannst einen Schatz gebrauchen, der meinen Jahren schon beschwerlich wird. Nimm diese Dame hintenauf und schwöre mir, daß du sie ritterlich halten und einen jeden, der dir begegnet zum Kampf auf Leben und Tod fordern willst, wenn er nicht bekennen will, daß sie die [331] allerschönste Prinzessin sey, die je die Sonne beschienen hat. Auf diese Bedingung laß ich dich hier frei vorüberreiten, sonst wird deine Mutter bald einen Todten begraben. Das geschieht nimmer, du Trotziger, solange noch ein Tropfen Blut in mir warm ist, rief Bisbiglio, von Zorn entbrannt; wehre dich, du Prahler! ich schlage auf dich. Und mit diesen Worten sprang er aus dem Sattel und ließ sein Roß laufen. Denn er begriff wohl, daß er gegen den Riesen und dessen Koloß von Pferd nicht rennen konnte und daß die Gewandtheit und Geschmeidigkeit gegen die Übermacht helfen mußte. Und der Riese, der sich schämte schlechter zu seyn als der Jüngling, sprang auch vom Pferde, und sie warfen beide die Lanzen weg und griffen zu den Schwerdtern. Und es entstand nun einer der schönsten und seltensten Kämpfe, die je in einer Rennbahn gesehen worden. Die Erde erzitterte, wann der Riese seinen Fuß bewegte, und Felsen schienen unter jedem seiner Hiebe bersten zu müssen. Leicht wie der geflügelte Wind sprang der Prinz einher wich und bog sich jedem Streiche und Stoße aus und schlüpfte geschickt unter der Langsamkeit und Schwere des Riesen hin. So hatten sie lange gekämpft und schon rieselte des Riesen Blut aus mancher Oeffnung, [332] aber es waren seichte Wunden. Der Prinz war aber noch ganz und spielte in leichter Beweglichkeit mit seinen leichten Waffen um das Ungeheuer herum. Als der Riese sich nun von seinem eigenen Blute erröthen sah, da ergrimmte er in seiner Seele und rief: Genug! o schon zu viel! nicht länger soll diese Mücke mit dem Löwen spielen. Und er holte einen gewaltigen Hieb aus, wodurch er den Prinzen wie eine Rübe in zwei Stücken zu spalten meinte. Doch der Hieb glitt vom Helm ab, nahm aber den ganzen Schild mit und die Hälfte des Panzers, und der Prinz fühlte die Spitze des Eisens bis an sein Herz dringen. In dieser äussersten Noth nahm auch er seine letzten Kräfte zusammen und stieß sein Schwerdt, so lang es war, in des Riesen Brust, daß das lange Scheusal fluchend und röchelnd hinstürzte. Man kann sich Schneeflöckchens Angst denken bei diesem fürchterlichen Streit und wie sie in ihrem Fläschchen zitterte und bebte, wenn der Riese in seinen Waffen daher rasselte und sie die Stöße klingen und die Hiebe durch die Luft sausen hörte. Als sie aber die rothe Fluth den Panzer des Prinzen hinabrieseln sah, da konnte sie es nicht länger aushalten in ihrem Kerker, sprengte das Fläschchen und mischte sich mit dem Blute, das wie ein purpurner Strom am [333] Boden floß. Und o Wunder über alle Wunder! in demselben Augenblicke, wie sie von dem Blute ganz umflossen war, stand die allerschönste Jungfrau da: Schneeflöckchen war wieder ein Mensch geworden. Der Prinz hatte sich so erschöpft und verblutet, daß er in Ohnmacht hingesunken war. Schneeflöckchen warf sich mit tausend Thränen auf ihn, riß ihm den Panzer auf und trocknete das Blut seiner Wunde mit ihren schönen langen blonden Locken ab; sie beweinte ihn fast schon wie einen Todten. Als sie so über ihm lag und klagte und schluchzete, siehe da schlug der Prinz die Augen auf und athmete wieder und sah sein allerliebstes süßestes Kind, um welche er nun so manches Jahr in der Welt herumgeritten war. Und es war ihm bei dem Anblicke, als ob neue Kräfte sich durch alle seine Adern gößen und er neu gebohren wäre, und er fühlte seine Wunde nicht mehr noch wie das Blut herabrieselte, sondern sah nur das liebliche Schneeflöckchen und küßte und herzte sie. Sie aber schnitt ihr Hemdchen inzwei, wo es ihr um das Herz lag, und legte das auf die Wunde, und das Blut ward gleich gestillt. Die Wunde war wohl tief, aber nicht tödtlich, was sie leicht hätte werden können, wenn sie einen Zoll tiefer gedrungen wäre; denn der Riese hatte grade auf sein Herz getroffen. [334] Dieser aber lag wirklich todt da und sollte nimmer wieder aufstehen. Sie betrachteten nun seine ungeheure Lanze und seine gewaltigen Waffen, die ein gewöhnlicher Mann gar nicht von der Erde aufheben konnte, und liessen ihn da liegen; das alte garstige Weib aber, um welches der blutige Span entstanden war, liessen sie in Frieden gehen, wohin sie wollte. Der Prinz aber nahm zum Andenken dieses Streits mit dem Riesen nichts weiter mit als den großen weissen Hengst, worauf der Unhold geritten war, und sein Schwerdt. Als sie das Schwerdt von der Erde aufnahmen und näher betrachteten, sahen sie ein neues Wunder: die Spitze war zusammengeflossen, wie Eisen geschieht, das in die Kohlengluth gelegt wird, damit es dem Schmiede wieder weich werde. Und als Schneeflöckchen dies sah, funkelten ihr die Aeuglein vor Entzücken und die hellen Thränen liefen ihr über die Wangen, und sie drückte den Prinzen mit einer Gewalt an ihre Brust, als wolle sie in Eins mit ihm zusammenrinnen, und rief: o du allertreueste und an Liebe unüberwindlichste Seele! so ist dein Herzblut so heiß von Liebe, daß das Eisen des Riesen daran geschmolzen ist und nicht hat eindringen können? So habe ich nun dieses warme Herz, wovon mir so oft geträumt hat in bitterer Trauer [335] während meiner traurigen Verwandlung? Nun sehe ich, daß alles erfüllt ist, was meine Stiefmutter die böse Hexe einst gemurmelt hat, als sie mich aus dem Fenster fliegen ließ. – Und sie erzählte dem Prinzen nun die Geschichte ihrer Verwandlung und wie jämmerlich sie zwei Winter als Schneeflöckchen habe umher fliegen müssen, bis sie in seiner Hand zum Tropfen geworden sey. Der Tag, an welchem dieser Kampf mit dem Riesen stand, war genau der letzte Tag des fünften Jahres seit dem Tage, wo Schneeflöckchen den verzweifelten Prinzen Bisbiglio in der öden Waldschlucht des Kaukasus gefunden hatte. Und da beide sahen, daß das Schicksal alles mit ihnen erfüllt hatte, und da sie sich herzlich sehnten, die treueste und unvergleichlichste Liebe durch eine Hochzeit zu krönen, so ritten sie nun nicht weiter durch die Welt auf Abentheuer – denn sie hatten ja das allerschönste Abentheuer erlebt – sondern sie nahmen den gradesten Weg nach dem Schlosse, in welchem der alte König von Arabien, des Prinzen Bisbiglio Vater, wohnte. Und sie sind dort glücklich angekommen und der Prinz hat dem Könige alles getreulich erzählt, wie es sich mit ihm begeben hatte. Und der alte Herr hat nun wohl gesehen, wie viel es mit der Weisheit [336] der Erziehung seines Sohns auf sich gehabt hat, aber er hat sich alle seine wunderlichen Abentheuer gern gefallen lassen, da er ihm eine solche Schnur ins Haus gebracht hat; denn Schneeflöckchen war so freundlich und schön, daß sie nicht allein ihm und allen Menschen sondern allen Engeln im Himmel gefiel. Und als der alte König sich genug gefreut hatte und die Hochzeit gewesen war, da machten Bisbiglio und Schneeflöckchen sich auf und zogen zu dem alten Könige in Indien. Und Schneeflöckchen erzählte ihm ihre ganze Geschichte, wie die Stiefmutter zur Füchsin geworden war und gesungen hatte: Schneeflöckchen flieg hin! fliege durch die Welt hin! und wie sie dann ein Schneeflöckchen geworden und aus dem Fenster gelassen wäre und so mehr als sechs traurige Jahre in der Verwandlung habe leben müssen. Und der König ihr Vater ist so zornig geworden, daß er die alte Hexe hat an einen Pferdeschweif binden und zu Tode schleifen lassen. Auch hat er nun von ihren häßlichen Töchtern, die sie ihm gebohren, nichts mehr wissen wollen, sondern hat sie hoch gen Norden hinauf in die Berglande Indiens geschickt und geringen Männern zu Frauen gegeben. Schneeflöckchen aber ist Königin von Indien geworden nach seinem Tode und Indien [337] und Arabien sind so Ein Königreich geworden. Ein zärtlicheres und treueres Ehepaar ist aber auf der Welt nie gesehen worden als der treue Prinz Bisbiglio und seine süße Prinzessin Schneeflöckchen, so daß sie wegen ihrer Zärtlichkeit und Treue noch bis diesen Tag im ganzen Morgenlande in Fabeln und Liedern erzählt und gesungen werden. Sie haben auch die allerschönsten und lieblichsten Kinder gehabt, die auch Herzen gehabt haben, sich aller Anmuth und Schönheit des Himmels und der Erde zu freuen, und die ihren Aeltern an Freundlichkeit und Milde gleich gewesen sind. |
