Schulze-Delitzsch in Frankreich

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Autor:
Titel: Schulze-Delitzsch in Frankreich
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aus: Die Gartenlaube, Heft 36, S. 586
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1874
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[586] Schulze-Delitzsch in Frankreich. Auch Schulze-Delitzsch hat bekanntlich zu der großen Anzahl hervorragender Vertreter der deutschen Demokratie, der deutschen Wissenschaft und Geistesbewegung gehört, die in und nach dem Kriege von 1870 und 1871 mit dem vollen Gewichte ihres ermuthigenden Zeugnisses, der ganzen Kraft ihres Urtheils und ihrer Ueberzeugungen, für den nationalen Gedanken und für den gerechten Kampf ihres Vaterlandes eingetreten sind. Es hat sich diese patriotische Gesinnung des bewährten Freiheitsmannes und socialen Organisators, abgesehen von sonstigen Aeußerungen, ganz unzweideutig in den drei offenen Briefen ausgeprägt, die er an den Italiener Vigano über die Frage geschrieben, ob Deutschland nach dem Tage bei Sedan von einer weiteren Verfolgung des Krieges hätte abstehen sollen oder können; sie hat sich ferner mit aller Schärfe und Wärme in einem Vortrage offenbart, den Schulze erst vor Kurzem in Leipzig gehalten und unter der Ueberschrift „Deutschland und Frankreich nach dem Frieden“ in Lindau’s „Gegenwart“ veröffentlicht hat. Bestimmte Anzeichen machen es unzweifelhaft, daß man diese Manifestationen in Frankreich kennt und beachtet hat, es ist gewiß, daß der Verfasser derselben bei allen Chauvinisten, allen Wortführern des französischen Haß- und Revanchegeistes, ein wenig beliebter Name ist.

Ob dieser lärmende Haufe drüben an Einfluß verloren, oder ob nur einzelne Besonnene allmählich den Versuch machen, dem einschüchternden Wuthgeschrei einer sinn- und gedankenlosen Tollheit entgegen zu wirken? Noch läßt sich darüber Bestimmtes nicht sagen. Gegenüber den wüsten und meistens sehr pöbelhaften Verkleinerungen deutschen Geistes und Wesens aber, durch welche in den letzten Jahren die Intelligenz Frankreichs sich nur selber herabgewürdigt und in wahrhaft mitleiderregender Weise blamirt hat, erscheint es immerhin als ein Symptom mehr beruhigter Stimmungen, daß gegenwärtig schon die französische Uebersetzung eines deutschen Buches, des berühmten „Arbeiterkatechismus“ von Schulze-Delitzsch, sich in Paris mit der ausgesprochenen Absicht an das Licht wagen darf, den Franzosen hier etwas Bedeutsames zu lehren, was sie in ihrer eigenen Literatur und Culturbewegung nicht aufzuweisen haben.

Herr Benjamin Rampal ist es, der den Muth hatte und es für eine „Pflicht des Patriotismus“ hielt, seinen wider unsere Nation nur in leidenschaftlichen Zornausbrüchen sich ergehenden Landsleuten dieses Kleinod deutscher Geistesarbeit so unbefangen und ruhig darzubieten, wie heute noch bei uns jede irgend werthvolle französische Leistung aufgenommen wird. Nur einmal berührt er dabei den nationalen Widerstreit, indem er die Ueberzeugungen Schulze’s in Betreff der französischen Politik zu widerlegen sich bemüht. Es geschieht das aber nicht in der unverschämten Weise eines Alexander Dumas jun. und des Pariser Preßpöbels, sondern in einem Tone maßvoller Erörterung, der Achtung und Theilnahme erwecken muß.

Das bezeichnete französische Werk ist bei Guillomin und Compagnie in Parts erschienen und führt den Titel „Cours d’Économie politique à l’usage des Ouvriers et des Artisans par Schulze-Delitzsch“. Erst der zweite Band enthält die sehr geschickte und sorgfältige Uebersetzung des „Arbeiterkatechismus“, während der erste einleitende Theil eine ausführliche Biographie und Würdigung Schulze’s, ein wahrheitsgetreu und in warmen Zügen entworfenes Bild seiner Persönlichkeit, seines Lebens und Wirkens auf dem politischen und wirthschaftlichen Felde bietet, sowie eine kritisch-wissenschaftliche Beleuchtung des Genossenschaftswesens, seiner Entwickelung und der dieser großen Schöpfung zu Grunde liegenden ökonomischen Gedanken. Auch der bekannte Brief an Lasalle in Betreff der „Aufhebung des Risico“, sowie viele andere bezeichnende und eingreifende Stellen aus den Vorträgen Schulze’s sind zur Ergänzung der ebenso gediegenen als eindrucksvollen Schilderung mitgetheilt. In der Vorrede sagt der Biograph und Uebersetzer von dem „Arbeiterkatechismus“: „Wir kennen weder in unserer Literatur, noch in der Literatur eines anderen Volkes eine Arbeit, die in einer so gemeinfaßlichen Darstellung besser die großen Fragen behandelt, die in so außerordentlichem Grade die Geister des civilisirten Europa beschäftigen. Gegenüber den tiefen socialen Zerwürfnissen, welche die französische Gesellschaft spalten, haben wir es für eine patriotische Pflicht gehalten, die Stimme eines Mannes sprechen zu lassen, dessen Leben dem Studium jener heißen Fragen gewidmet war und dessen Autorität die doppelte Weihe der Wissenschaft und der praktischen Erfahrung erhalten hat.“

Es ist nur ein Buch, um das es sich handelt, aber die Erscheinung hat für uns in zweifacher Hinsicht etwas Tröstliches. Indem sie die gebildete französische Welt nach einer bestimmten Seite hin zu einer ruhigen Beschäftigung mit deutschem Leben, Leisten und Wirken auffordert, die nur günstig auf das Entstehen versöhnlicher Neigungen wirken kann, bahnt sie zugleich dem Werke unseres Schulze-Delitzsch, den Grundsätzen der Selbsthülfe und der Genossenschaftsbewegung neue Wege, auf denen ihre erlösende und versöhnende Kraft sich bewähren kann.