Seite:Album der Rittergüter und Schlösser im Königreiche Sachsen III.djvu/252

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Ober-Lichtenau,


2 Stunden westlich von Camenz, eine Stunde nördlich von Pulsnitz gelegen, dehnt sich mit Nieder-Lichtenau in dem Thale der Pulsnitz aus, so dass die Häuser und Bauergüter theils auf den, das Thal zu beiden Seiten bildenden Höhen, theils im Thale unten stehen.

Das Pulsnitzthal, gebildet von dem Flüsschen gleichen Namens, fängt oberhalb Friedersdorf, nicht weit unter der Stadt Pulsnitz an, ist in Ober-Lichtenau am engsten und tiefsten, verflacht sich aber immer mehr im Fortgange, bis es in Reichenbach und Reichenau seine Endschaft nimmt. Die Höhen auf beiden Seiten zeigen mitunter vorspringende Granit-Klippen, lassen aber mehrentheils blosse Geschiebe sehen, und im Oberdorfe läuft das Thal in beträchtlichen Krümmungen; es gewährt dasselbe auf verschiedenen Punkten einen schönen heitern Anblick, da es fleissig angebaut und theilweise mit Gärten, Wiesenstücken oder Aeckern und mit Birken und Tannenholz, auch mit niedrigem Gestrauch und artigen Gruppirungen besetzt ist.

Das Flüsschen Pulsnitz bildet hier die Grenze zwischen der Oberlausitz und dem Meissner Lande. Das Rittergut Ober-Lichtenau liegt eigentlich auf Meissnischem Grund und Boden, sowie auch die Kirche und Schule.

Doch besteht dieses erst seit 130 Jahren. In früheren Zeiten befand sich der herrschaftliche Hof in Nieder-Lichtenau auf dem Grundstücke der jetzigen dortigen Schänkwirthschaft. Es mögen ausser den Bauer- und Gärtnerwohnungen wenige einzelne Häuser hier gestanden haben und der ganze Bezirk, der das jetzige Dorf Ober- und Nieder-Lichtenau einnimmt, hat vermuthlich den Namen Lichtenau gehabt, was durch die Beschaffenheit der Gegend, die nach Pulsnitz aufwärts aus dem engen Thal sich erstreckt und das Auge des Beobachters freundlich und lieblich anspricht, sich zu erklären scheint.

In dem 30jährigen Kriege hat diese Gegend unsaglich gelitten, so dass die meisten Bauergüter wüste liegen geblieben sind. Da sich aus Mangel an Menschen Niemand fand, der diese Güter bewirthschaften mochte, so war dieser Nothstand die erste Veranlassung, das Rittergut durch die wüsten Bauergüter zu erweitern und selbst den Sitz desselben aus Nieder- nach Ober-Lichtenau zu verlegen.

Diese Verlegung bewerkstelligte im Jahre 1643 Jobst von Schönberg, bei welcher Familie Lichtenau sich schon früher befand. Derselbe liess den sogenannten alten herrschaftlichen Hof nebst den Wirthschaftsgebäuden anlegen. Ein späterer Besitzer war Johann Georg von Oppel Dr. jur., kaiserl. und chursächs. Rath, welcher Antheil an der Abfassung des Prager Friedenstractats hatte. Er starb im Jahre 1661.

Nach und nach mehrte sich die Bevölkerung von Ober-Lichtenau; allein erst im ersten Viertel des vorigen Jahrhunderts kam dieses Gut zu einer gewissen Höhe und zwar durch den Oberconsistorial-Vice-Präsidenten zu Dresden v. Holzendorf, der den hiesigen neuen Hof mit dem, in damaligem französischen Geschmacke erbauten Palais und den grossen Lustgarten, angelegt hat, welchen letztern noch jetzt eine grosse Orangerie schmückt. Aus Holzendorfs Händen kam das Gut an den Premierminister Grafen von Brühl, weshalb dasselbe im 7jährigen Kriege von den Preussen sehr mitgenommen wurde. Nach Brühls Tode kam es an den General Graf Renard und dann an Graf Marcolini, der im Jahre 1814 mit Tode abgegangen ist. Nach dem Ableben des Grafen Marcolini war der Landesälteste J. Seb. von Wirsing Besitzer und nach dessen Ableben die Erben desselben, von welchen es Polycarb Rudolph Lechla kaufte, bei welcher Familie sich das Gut noch jetzt befindet.

Zu dem Rittergute gehört ein Theil des Keulenbergs, einer der bedeutendsten Berge der ganzen Gegend. Dieser Berg heisst seit dem 18. Sept. 1818 der Augustusberg.

Es war dies das Jubelfest der 50jährigen Regierung des Königs Friedrich August von Sachsen.[WS 1]

Die erste Veranlassung zur Feier dieses Festes auf diesem Berge gab der damalige königliche Förster Lüttich in Laussnitz, und durch ihn wurde ein Verein ins Leben gerufen, der weder Kosten noch Anstrengung scheute, um das Begonnene in Ausführung zu bringen.

Ein 50 Fuss hoher Granit-Obelisk wurde auf der höchsten Felskoppe des Berges errichtet, und zwar mit grosser Anstrengung und Lebensgefahr. Der Obelisk besteht aus 4 Stücken: Fuss, Würfel, Gesims und Kegel. Auf dem Würfel dieses Denkmals ist erhaben und vergoldet zu lesen:


FRIEDRICH AUGUST

dem fünfzigjährigen Vater seiner treuen Sachsen

von jubelnden Kindern, den XVIII. Sept. MDCCCXVIII.


Man hatte zu dieser Feier das schon damals sehr baufällige Berghäuschen in Stand setzen lassen, so dass es sehr brauchbar war.

Der aus 242 Personen verschiedenen Standes bestehende Verein deckte auch den zum Feste erforderlichen sehr bedeutenden Aufwand. Nahe der Säule, in hoch gewölbter laubiger Nische war das Bild des gefeierten Königs aufgestellt, und auf den roth bedeckten Stufen des Laubthrones ein ebenfalls roth bekleideter Opferaltar errichtet. Ebenfalls in der Nähe der Säule war aus Stämmen ein völlig gedielter, 63 Fuss langer und 30 Fuss breiter Saal erbaut worden, dessen Seitenwände mit Leinwand ausgeschlagen und mit grünen Zweigen decorirt worden waren.

Dieser Saal wurde durch 5 grosse Kron- und 24 Wandleuchter erhellt; ausserdem war er mit 5 hohen Spiegeln ausgestattet, das Orchester mit rothem Tuch behangen, und stand so zur Aufnahme der 242 Mitglieder
Lausitzer Kreis, 22. Heft, od. 108. d. g. F.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Friedrich August von Sachsen war nach dem Tod des Vaters 1763 als Friedrich August III. Kurfürst von Sachsen, wurde jedoch wegen Minderjährigkeit bis 1768 durch seine Mutter Maria Antonia von Bayern als vormundschaftliche Regentin und seinen Onkel Prinz Franz Xaver als Kur-Administrator vertreten.
Empfohlene Zitierweise:

Gustav Adolf Poenicke: Album der Rittergüter und Schlösser im Königreiche Sachsen III. Section. Expedition des Albums Sächsischer Rittergüter und Schlösser, Leipzig 1859, Seite 169. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Album_der_Ritterg%C3%BCter_und_Schl%C3%B6sser_im_K%C3%B6nigreiche_Sachsen_III.djvu/252&oldid=1743604 (Version vom 30.12.2011)