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ist von anderen Menschen so vollständig unterworfen worden, dass gewisse Individuen, weil sie in irgendwelcher Weise ihren Herren von grösserem Nutzen gewesen wären, erhalten und so unbewusst zur Nachzucht gelangt wären. Auch sind sicherlich nicht gewisse männliche und weibliche Individuen absichtlich ausgewählt und mit einander verbunden worden mit Ausnahme des bekannten Falles der preussischen Grenadiere, und in diesem Falle folgte, wie man von vornherein erwarten konnte, der Mensch dem Gesetze methodischer Zuchtwahl; denn es wird ausdrücklich angeführt, dass in den Dörfern, welche die Grenadiere mit ihren grossen Weibern bewohnten, viele ebenso grosse Leute aufgezogen worden sind. Auch in Sparta wurde eine Art Zuchtwahl ausgeübt; denn es war vorgeschrieben, dass alle Kinder bald nach der Geburt untersucht wurden; die wohlgebildeten und kräftigen wurden erhalten, die andern dem Tode überlassen.[1]

Betrachten wir alle Menschenrassen als eine einzige Art bildend, so ist ihre Verbreitung ganz enorm; aber schon einzelne verschiedene Rassen, wie die Amerikaner und Polynesier, haben sehr weite Verbreitungsbezirke. Es ist ein bekanntes Gesetz, dass weitverbreitete Species


  1. Mitford, History of Greece, Vol. I, p. 282. Aus einer Stelle in Xenophon's Memorabilien 2. Buch, 4., (auf welche mich Mr. J. N. Hoare aufmerksam gemacht hat) scheint hervorzugehen, dass es ein bei den Griechen geltender Grundsatz war, die Frauen mit Rücksicht auf die Gesundheit und Kraft ihrer Kinder zu wählen. Der griechische Dichter Theognis, welcher 500 v. Chr. lebte, erkannte deutlich, wie bedeutungsvoll die Zuchtwahl, wenn sie sorgfältig angewandt würde, für die Veredelung der Menschheit sein würde. Er sah auch, dass Reichthum häufig die gehörige Wirksamkeit der geschlechtlichen Zuchtwahl störte. Er schreibt so:
    Widder zur Zucht und Esel erspäh'n wir, Kyrnos, und edle
    Ross', und ein Jeglicher will solche von wack'rem Geschlecht
    Aufzieh'n; aber zu freien die schuftige Tochter des Schuftes.
    Kümmert den Edelen nicht, bringt sie nur Schätze zu ihm.
    Auch nicht weigert ein Weib sich, des Schufts Ehgattin zu werden,
    Ist er nur reich; weit vor zieht sie der Tugend das Geld.
    Schätze nur achtet man hoch. Mit dem Schufte versippt sich der Edle
    Und mit dem Edeln der Schuft: Habe vermischt das Geschlecht.
    (Darum wundre dich nicht, Polypädes, wenn in's Gemeine
    Sinket der Bürger Geschlecht, Edles mit Schuft'gem sich mengt.)
    Ob er nun selbst wohl weiss, dass ein Schurke von Vater sie zeugte,
    Führt er sie gleichwohl heim, weil der Besitz ihn verlockt:
    Er, der erlaucht, die Verrufne, dieweil die gewaltige Noth ihn
    Antreibt, welche des Manns Sinn, sich zu schicken, gewöhnt.
    (The Works of J. Hookham Frere, Vol. II, 1872. p. 334.)
Empfohlene Zitierweise:

Charles Darwin: Die Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl, I. Band. E. Schweizerbart'sche Verlagshandlung (E. Koch), Stuttgart 1878, Seite 37. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:DarwinAbstammungMensch1.djvu/51&oldid=1456851 (Version vom 10.02.2011)