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dieselben ziemlich zweifelhaft zu sein; denn wir müssen ausserordentlich tief in der Säugethierreihe hinabsteigen, ehe wir derartige Verhältnisse normal vorhanden finden.[1]

Beim Menschen sind die Eckzähne vollständig fungirende Kauwerkzeuge; aber ihr eigentlicher Character als Eckzähne wird, wie Owen bemerkt,[2] „durch die conische Form ihrer Krone angedeutet, welche in einer stumpfen Spitze endet, nach aussen convex, nach innen eben oder subconvex ist und an der Basis der innern Fläche einen schwachen Vorsprung zeigt. Die conische Form ist am besten bei den melanischen Rassen, besonders bei den Australiern ausgedrückt. Der Eckzahn ist tiefer und mit einer stärkeren Wurzel als die Schneidezähne eingepflanzt“. Und doch dient dieser Eckzahn beim Menschen nicht mehr als eine specielle Waffe zum Zerreissen seiner Feinde oder seiner Beute; er kann daher, soweit es seine eigentliche Function betrifft, als rudimentär betrachtet werden. In jeder grösseren Sammlung menschlicher Schädel können einige gefunden werden, wie Häckel[3] bemerkt, bei denen der Eckzahn beträchtlich, in derselben Weise aber in einem geringeren Grade wie bei den anthropomorphen Affen, über die andern Zähne vorspringt. In diesen Fällen bleiben zwischen den Zähnen der einen Kinnlade offene Stellen zur Aufnahme der Eckzähne des entgegengesetzten Kiefers. Ein Zwischenraum dieser Art an einem Kaffernschädel, den Wagner abbildete, ist überraschend gross.[4] Bedenkt man, wie wenig alte Schädel im Vergleich mit neueren untersucht


  1. Eine ganze Reihe von Fällen hat Isid. Geoffroy St. Hilaire mitgetheilt (Hist. des Anomalies, Tom. III, p. 437). Ein Kritiker (Journal of Anatomy and Physiology, 1871, p. 366) tadelt mich deshalb sehr, weil ich die zahlreichen in der Litteratur mitgetheilten Fälle von in ihrer Entwickelung gehemmten Organen nicht erörtert habe. Er sagt, dass meiner Theorie zufolge „jeder während der Entwickelung eines Organs durchlaufene Zustand nicht bloss Mittel zu einem Zwecke sei, sondern früher einmal selbst ein Zweck gewesen sei“. Dies scheint mir nicht nothwendig richtig zu sein. Warum sollen nicht während einer früheren Entwickelungsperiode Abänderungen auftreten können, welche zu Rückschlag in keiner Beziehung stehen? und doch können solche Abänderungen erhalten und gehäuft werden, wenn sie von irgend welchem Nutzen sind, z. B. wenn sie den Entwickelungsverlauf abkürzen und vereinfachen. Warum sollen nicht ferner nachtheilige Abnormitäten, wie atrophirte oder hypertrophirte Theile, welche in keinem Bezug zu einem früheren Existenzzustande stehen, ebenso gut zu einer früheren Entwickelungsperiode wie während der Reife auftreten können?
  2. Anatomy of Vertebrates. Vol. III. 1868, p. 323.
  3. Generelle Morphologie 1866. Bd. 2, S. CLV.
  4. C. Vogt, Vorlesungen über den Menschen. 1863. Bd. 1, S. 189, 190.
Empfohlene Zitierweise:

Charles Darwin: Die Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl, I. Band. E. Schweizerbart'sche Verlagshandlung (E. Koch), Stuttgart 1875, Seite 51. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:DarwinAbstammungMensch1.djvu/65&oldid=1610761 (Version vom 19.07.2011)