Seite:DarwinAbstammungMensch2.djvu/28

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Wechseln zu: Navigation, Suche
Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.

glauben, könnten fragen, wie ein solcher Gebrauch wohl entstanden sein könnte. Die Schwierigkeit wird aber sehr vermindert, wenn wir erfahren, dass es Fische gibt, welche in dieser Weise die Eier zusammennehmen und forttragen. Wären sie nämlich durch irgend welche Ursache aufgehalten worden, sie wieder abzulegen, so dürften sie wohl die Gewohnheit, sie in der Mundhöhle auszubrüten, erlangt haben.

Um aber auf den zunächst vorliegenden Gegenstand zurückzukommen. Der Fall liegt folgendermaassen: weibliche Fische legen, so weit ich es in Erfahrung bringen kann, niemals freiwillig ihren Laich ab, ausgenommen in Gegenwart der Männchen, und die Männchen befruchten niemals die Eier, ausgenommen in Gegenwart der Weibchen. Die Männchen kämpfen um den Besitz der Weibchen. Bei vielen Arten sind die Männchen so lange sie jung sind den Weibchen in der Färbung ähnlich; werden sie aber erwachsen, so werden sie viel brillanter und behalten ihre Farben durch ihr ganzes Leben. Bei andern Arten werden die Männchen nur während der Laichzeit heller oder in anderer Weise bedeutender verziert als die Weibchen. Die Männchen machen den Weibchen eifrig den Hof und geben sich in einem Falle, wie wir gesehen haben, Mühe, ihre Schönheit vor diesen zu entfalten. Kann man wohl glauben, dass sie während ihrer Brautwerbung ohne Zweck so handeln würden? Dies würde aber der Fall sein, wenn nicht die Weibchen irgend eine Wahl ausüben und diejenigen Männchen wählen, welche ihnen am meisten gefallen oder welche sie am meisten reizen. Wenn das Weibchen eine derartige Wahl ausübt, dann sind alle obigen Fälle von Verzierung der Männchen sofort mittelst sexueller Zuchtwahl verständlich.

Wir haben nun zunächst zu untersuchen, ob diese Ansicht, dass die hellen Färbungen gewisser männlichen Fische durch geschlechtliche Zuchtwahl erlangt worden sind, unter Zuhülfenahme des Gesetzes der gleichmässigen Ueberlieferung von Merkmalen auf beide Geschlechter auch auf jene Gruppen übertragen werden kann, bei welchen die Männchen und Weibchen in demselben oder nahezu demselben Grade und in derselben Art und Weise brillant sind. Bei einer Gattung wie Labrus, welche einige der glänzendsten Fische der ganzen Erde umfasst, z. B. den Labrus pavo, der mit sehr verzeihlicher Uebertreibung beschrieben wird[1] als aus polirten Schuppen von Gold


  1. Bory de Saint Vincent, in: Diction. class. d'Hist. natur. Tom. IX. 1826, p. 151.
Empfohlene Zitierweise:

Charles Darwin: Die Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl, II. Band. E. Schweizerbart'sche Verlagshandlung (E. Koch), Stuttgart 1875, Seite 14. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:DarwinAbstammungMensch2.djvu/28&oldid=1671598 (Version vom 12.10.2011)