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die Augen schnell und weit geöffnet werden können. Dr. Duchenne macht die Bemerkung,[1] daß, wenn eine Person sich auf Etwas zu besinnen versucht, sie häufig die Augenbrauen in die Höhe zieht, als wenn sie das Gesuchte sehn wollte. Ein gebildeter Hindu machte dieselbe Bemerkung gegen Mr. Erskine in Bezug auf seine Landsleute. Ich bemerkte, wie eine junge Dame, welche eifrig versuchte, sich des Namens eines Malers zu erinnern, zuerst nach der einen Ecke der Zimmerdecke und dann in die entgegengesetzte Ecke hinaufsah, wobei sich die Augenbraue der betreffenden Seite emporwölbte, obgleich natürlich da oben nichts zu sehen war.

In den meisten der vorstehend angeführten Fälle können wir einsehen, in welcher Weise die associirten Bewegungen durch Gewohnheit erlangt worden sind; bei manchen Individuen sind aber gewisse fremdartige Geberden oder besondere Züge in Association mit gewissen Seelenzuständen aufgetreten, welche von gänzlich unerklärbaren Ursachen abhängen und zweifellos vererbt werden. An einem andern Orte habe ich einen Fall meiner eignen Erfahrung von einer außerordentlichen und zusammengesetzten Geberde erzählt, welche mit angenehmen Gefühlen associirt und von dem Vater seiner Tochter überliefert war, ebenso noch einige andre analoge Thatsachen.[2] Ein andres merkwürdiges


  1. Mécanisme de la Physionomie Humaine. 1862. p. 17.
  2. S. „Das Variiren der Thiere und Pflanzen im Zustande der Domestication“ 2. Bd., S. 7. Die Vererbung gewohnheitsgemäßer Geberden ist für uns von solcher Bedeutung, daß ich gern Mr. Galton’s Erlaubnis benutze, den folgenden merkwürdigen Fall in seinen eignen Worten mitzutheilen: — „Die folgende Schilderung einer bei Individuen von drei aufeinander folgenden Generationen auftretenden Gewohnheit ist von eigenthümlichem Interesse, da dieselbe während des gesunden festen Schlafes eintritt und daher nicht durch Nachahmung erklärt werden kann, sondern durchaus natürlich sein muß. Die Einzelnheiten sind vollkommen zuverlässig, denn ich habe ihnen ganz eingehend nachgeforscht und spreche nach zahlreichen und unabhängig von einander erlangten Beweisen. Die Frau eines Herrn von sehr angesehner Stellung fand, daß derselbe die eigentümliche Angewöhnung hatte, wenn er in festem Schlafe auf dem Rücken in seinem Bette lag, seinen rechten Arm langsam vor seinem Gesichte aufwärts bis zur Stirn zu erheben und ihn dann mit einem Schwunge wieder fallen zu lassen, so daß die Handwurzel schwer auf seinen Nasenrücken fiel. Diese Bewegung kam nicht in jeder Nacht vor, sondern nur gelegentlich und zwar unabhängig von irgend einer etwa zu ermittelnden Ursache. Zuweilen wurde die Bewegung eine Stunde lang und noch länger unaufhörlich wiederholt. Die Nase des Herrn war ziemlich vorgehend und ihr Rücken wurde von den erhaltenen Schlägen häufig schmerzhaft. Einmal wurde eine fatale Wunde dadurch veranlaßt, welche lange Zeit zum Heilen brauchte, und zwar wegen der Nacht für Nacht eintretenden Wiederholung [31] der Schläge, die sie zuerst hervorgerufen hatten. Seine Frau mußte den Knopf vom Ärmel seines Nachthemdes entfernen, da er mehrere starke Kratzwunden verursacht hatte; auch wurden mehrere Mittel versucht, den Arm festzubinden.
    Viele Jahre nach dem Tode dieses Herrn heirathete sein Sohn eine Dame, welche niemals von dem Familienereignis gehört hatte. Sie beobachtete indessen genau dieselbe Eigenthümlichkeit an ihrem Manne; da aber dessen Nase nicht besonders vorragend ist, hat diese bis jetzt noch nicht von Schlägen zu leiden gehabt. Die merkwürdige Bewegung tritt nicht ein, wenn er nur halb im Schlafe ist, so z. B. wenn er in seinem Armsessel nickt; im Moment aber, wo er fest einschläft, tritt sie leicht ein. Sie tritt wie bei seinem Vater intermittirend auf, zuweilen viele Nächte hindurch gar nicht, und zuweilen beinahe unaufhörlich während eines Theiles fast jeder Nacht. Sie wird, wie es bei seinem Vater der Fall war, mit dem rechten Arme ausgeführt.
    Eines seiner Kinder, ein Mädchen, hat dieselbe Eigenthümlichkeit geerbt; sie führt sie gleichfalls mit der rechten Hand aus, aber in einer unbedeutend modificirten Form; denn nachdem sie den Arm erhoben hat, läßt sie die Handwurzel nicht auf den Nasenrücken fallen, sondern die Innenfläche der halbgeschloßnen Hand fällt über das Gesicht herab, dasselbe ziemlich schnell streichend. Auch bei diesem Kinde ist das Auftreten dieses Zugs sehr intermittirend; er erscheint ganze Perioden hindurch für Monate nicht, kommt aber zuweilen unaufhörlich vor.“
Empfohlene Zitierweise:

Charles Darwin: Der Ausdruck der Gemüthsbewegungen bei dem Menschen und den Thieren. E. Schweizerbart'sche Verlagshandlung (E. Koch), Stuttgart 1877, Seite 30. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:DarwinAusdruck.djvu/36&oldid=2133939 (Version vom 4.01.2014)